Plötzlich Tagebuch. Buchverbot & Realität der Person auf der Bühne.

Ich war immer ein Gegner des Tagebuches; nun führe ich eines, das gleich von allem Anfang an öffentlich ist. Vielleicht habe ich diese Möglichkeit nun am Schopf gepackt, weil es mir ein weiteres Mal darum geht zu zeigen, wie das scheinbar Private bereits im Moment seiner öffentlichen Verschriftlichung sofort zum Literarischen, nämlich Fiktionalen wird, „einfach“, weil ein privater Zusammenhang, indem ich ihn (mich) beschreibe, anderen Gesetzen unterliegt – um Peinlichkeiten zu vermeiden, muß der Eintrag zu den anderen Einträgen in poetischer Koinzidenz stehen, und der Verweis auf die Realität wird geradezu metaphorisch und – wenn es gut geht – Teil einer Allegorie, der jede Lebensschilderung notwendigerweise eingebunden ist. Wenn ich hier jetzt etwa schriebe (und das damit tu) „ich freue mich auf Adrian“, dann muß ich sofort erklären, daß das mein kleiner Sohn ist, den ich heute nachmittag zu mir hole… aber auch diese Erklärung besitzt keine publizitäre Valenz. Vielmehr muß „Adrian“ auf eine Weise beleuchtet werden, die jede Erklärung unnötig macht, „Adrian“ muß eine Evidenz bekommen, die in jedem Leser die Projektion eines je eigenen Adrians hervorruft: Er wird also abstrakt und nur in den Innenwelten der Leser – und je verschieden – lebendig. Tatsächlich existiert aber ein ganz anderer, unliterarischer Adrian nebenher. Doch spielt der für den Leser und in seiner Imagination überhaupt keine Rolle.

Deshalb ist es so irre, wenn Leute zusammenkommen, um einen Populären „persönlich“ zu sehen; die Persönlichkeit z.B. auch auf der Bühne ist nichts anderes als eine wiederneue Projektion, die sich nun massensuggestiv verstärkt; alle g l a u b e n immer nur, es mit der „Person persönlich“ (wirklich, real usw.) zu tun zu haben. Als mir Uwe Timm während der Aufnahme der SWR-Sendung – nachdem ich gesagt hatte, wir alle säßen hier oben nicht als wir, sondern seien Schauspieler unserer selbst – die Hand auf einen Arm legte und lächelnd sagte: „Aber ich b i n doch hier!“, da begriff er nicht, worum es bei alledem geht. Selbstverständlich war er da, für sich, meinetwegen; für das Publikum aber war er eine Spiegelung ihrer Lese-Projektionen, deren möglicherweise Lücken sie sich nun noch mit „Real“partikeln füllen wollten. Dabei spielten wir ihnen ja wirklich etwas vor. Keiner von uns, schon wegen der Schminke, sah so aus wie dort, und hatten wir uns vorher im kleinen Gespräch noch geduzt, so wurde nun das Sie verwandt, also ein Spiel vorgeführt. Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob nicht gerade dieses Verfremdungsmoment etwas wiederherstellt, das vom kumpelnden Du zuvor verdeckt wurde (und nach der Sendung sofort wieder in die alten Raster griff), nämlich inhaltliche, formale und persönliche Distanz. Es kann also der Schein viel „wahrer“ sein als die alltägliche Realität.

Wer nun also meint, ich hätte mit MEERE mein altes Thema verlassen – Was i s t das: Ich/Du/Wir? -, der irrt. Ich bin vielleicht noch sehr viel tiefer darin. Autobiografie ist doch ihrerseits ein Konstrukt, jedes Tagebuch ist der hilflose Versuch, etwas „von sich“ festzuhalten, indes fortwährender Zellenaustausch stattfindet. Das Persönliche, wenn es denn auf einen Leser wirken soll, muß sich abstrahieren; und weil das verschriftlichte Ich endlich ist und nur in einem ihm zugewiesenen Rahmen zu Leben kommt – Sinnlichkeit bekommt es überhaupt nur über eine „Geschichte“ und den Satzklang, der seinerseits einer ausgefeilten Metaphorik bedarf -, wird automatisch selbst eine real vorgelegte Person jemand anderes. Das liegt schon am Materialcharakter jeder Vorlage.

Erkennbarkeit ist dann eine Frage der Projektion des Lesers, nicht der Gestaltung des Dichters; dieser k a n n immer nur das Material sehen. Wer sich daran nicht hält, schreibt ein schlechtes Buch. Das gilt übrigens für alle Fälle, in denen gemeint wird, „ich schreibe, wie es i s t oder w a r“. Reiner Unfug. Etwas „war“ immer anders als der Text, schon weil „etwas“ nicht aus Buchstaben und also, werden sie belebt, Imaginationen besteht. Das ist die Crux jeglicher „aufklärerischer“ Literatur. Man kann sie ohnedies nur historisch-relativ, also bedingt, lesen. Soll ein Buch hingegen zu leben beginnen („gut“ werden), wird sein Text immer ein mythischer sein.

Wenn jetzt begonnen wird, Fichtes Geschichte als die meine zu lesen, so ist das ein grundlegender Irrtum. Was ich aus meiner eigenen Kindheit und Jugend als Material herbeigezogen habe, dient dazu, eine Allegorie zu erzählen, die aber den VORSCHEIN DES WIRKLICHEN ausstrahlt, den man in der Kunst ästhetische Wahrheit nennt. Der kleine Ribbentrop, der dem kleinen Kalkreuth Züge leiht, war jemand anderes.

Übrigens… mal rein verschwörungstheoretisch: Was, wenn hinter dieser einstweiligen Verfügung jemand g a n z anderes steckt? Jemand, der eine dritte Person ben u t z t? Was, wenn MEERE ein (sagen wir: ökonomisches) Interesse am Schweigen verletzt, das mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen gar nichts zu tun hat, sondern – politisch ist? Immerhin hat ja Kalkreuth eine Familie…

 

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Buchverbot, Hauptseite veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.