Nachts nach der Produktion: Céline II. Weblogbuch freecity, 7. Oktober 2003.

[Erstellt am: Dienstag, 7. Oktober 2003, 23:53
Notat zur Produktion des Hörstücks „Das widerliche Genie“
zu Louis-Ferdinand Céline beim Deutschlandradio Berlin)]

 

Das lief jetzt insgesamt sehr viel besser. Meine Vorstellung, die Pettersson-Sinfonie drunterzulegen, hat funktioniert. Wir hätten freilich gut einen Tag mehr haben können, auch wäre es hilfreich gewesen, hätte ich die Partitur hinzugezogen. Aber dazu war auch meine Schreibzeit zu kurz bemessen, zumal die leidige Prozeßsache hinzukam, die mich innerlich unentwegt beschäftigt, mich zuweilen sehr depressiv werden läßt – und dann wieder fange ich wild zu arbeiten an.

Jedenfalls war ich vorhin ganz erstaunt, w i e gut die Musik den Text vorantreibt, wie sie ihm auch widerspricht, dann wieder ganz er zu sein scheint. Es herrscht da irgend eine Verwandtschaft, die ich zwar ahnte, aber erst ausprobieren mußte.

Was mir nach wie vor mißfällt, sind ein paar der Sprecher-Passagen: Zuviel Travestie, zuviel outriert, manchmal kein echtes Spiel, sondern Papier. Das mußte dann mit der Musik weggedreht werden, und nicht immer ist es gelungen. Auch technische Tricks fallen ja auf, vor allem, ist man als Hörer geübt. Also schämen muß ich mich nicht, aber was ich eigentlich wollte, ist nur im Ansatz erreicht, sozusagen routiniert – was eigentlich das Gegenteil jeder Kunstanstrengung (und Kunstlust) ist. Dennoch, auf seltsame Weise holt Petterssons Sinfonie aus Céline den kleinen, sensiblen Jungen zurück, der er möglicherweise einst gewesen ist, bevor er sich diesem monströsen Haß in die Arme geworfen hat. Als ich vorhin die Fassung abhörte, gab es paarmal bewegende Momente – gänzlich g e g e n meine Intention, die Differenz deutlich machen und sich nicht aufs „zwar ist er… aber…“ einlassen wollte. Ich habe das nicht revidiert, weil die ästhetische Wahrheit allzu sinnlich schlagend war.

Ich habe heute früh die ersten Zeilen von ANDERSWELT III in den Laptop getippt:

„Deters kam zu sich. Er hatte viel geliebt, er hatte unendlich, so kam es ihm vor, gelebt. Aber schaute auf seine Hände, und sie waren kaum 49 Jahre alt. Ich habe Hände, dachte er. Das beschäftigte ihn so sehr, daß er sich anfangs nicht einmal umsah. Als er es tat, sah er, daß dieser Raum keine Fenster hatte. Er lauschte. Man hörte ein still vor sich hinrauschendes Summen. Anfangs konnte er auch nur wenig Gegenstände erkennen, dann kam ein Tisch, kam ein Stuhl, kam die Couch, auf der er saß. Als würde seine nächste Umgebung erst nach und nach angefüllt, und es brauchte wiederum ein wenig Zeit, bis er begriff, daß er selbst es war, der das Mobiliar herstellte, der tapezierte, der Bilder aufhing – jenes zum Beispiel, das er sich immer zurückgewünscht hatte, das er nie hätte bezahlen können: eines aus der Nerthus-Serie. Er hatte die Collage vor Jahren im Städel gesehen, Frankfurt am Main, bevor er nach Berlin gegangen war.“

Seltsam, wie wichtig mir bildende Kunst geworden ist.

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