Das öffentliche Private (1). Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (35).

Insofern alle Kunst radikal ist, muß ein Weblog, das mit einer künstlerischen Zielsetzung antritt und sich deshalb “literarisch” nennt, die Eigenheiten normaler Weblogs radikalisieren. Zunehmend stellt sich als eine dieser Eigenheiten aber das veröffentlichte Private heraus. Zielt es auf Allgemeines (allgemein Gültiges) ab, mag es einen kunsttheoretisch hoch bedeutsamen Aspekt erfüllen: nämlich im Zusammenhang mit der zugleich entstehenden Kunst, die es sozusagen kommentiert, der Darstellung von Bedingungen künstlerischer Produktivität zu dienen. Es kann also zu einem Pfeiler einer möglichen Produktivitätstheorie werden. Etwa: Wie wirkt sich die reale Begebnung mit einer bestimmten Frau, also die Dynamik dieser Begegnung, auf die Gestaltung etwa Gabriela Ungefuggers in ARGO. ANDERSWELT aus? Und weitere solcher Fragen mehr. S o gesehen, ist das Private i m m e r poetologisch g e m e i n t.
Doch besteht ein Problem im halben. Denn wie vieles darf in einem öffentlichen Tagebuch schießlich n i c h t geschrieben, wie vieles muß gefälscht oder verschoben werden, sei es aus Rücksichtnahme auf andere, sei es auf sich selbst! „Ich verstehe Dein Interesse, Dich so radikal zu veröffentlichen, künstlerisch sehr wohl“, sagte vor drei Tagen U. in der Lützowbar, „und ich als Voyeurin täte das exhibitionistisch a u c h – aber anders als du bin ich nicht in einen Prozeß verstrickt, der meine Existenz bedroht. D u hingegen mußt vorsichtig sein.“
Nun ist es genau diese Art Vorsicht, die Kunst immer schlecht gemacht hat. Das ist Den Dschungeln ständig, sozusagen equlibrierend, bewußt. Dennoch läßt sich die Radikalität nicht immer durchhalten. Noch das kunstbesessenste Ich ist mit anderen Menschen derart sozial verbunden, daß die Idee der radikal öffentlichen Biografie, deren künstlerischen Wert eben die Radikalität ausmacht, ständig von Notwendigkeiten gemaßregelt und letztlich verunmöglicht wird, die teils menschlich-empathischer, teils aber durchaus auch juristischer, also politischer, Natur sind. So daß sich “Wirklichkeit” schon deshalb und lange v o r dem Roman, der aus ihr abgezogen wird, fiktionalisiert. Genau das wird in einem Literarischen Weblog Thema: und zwar sowohl erreicht wie vermieden. Denn es geht zwar darum, das ungebrochen Private unzensiert darzustellen, aber um genau damit zu zeigen, daß es vom Leser als Fiktion (w i e eine Fiktion) rezipiert wird. Imgrunde läuft die Dynamik im Umkehrsinn zum Roman: Dort die Fiktion als Realität, hier die Realität als Fiktion. Erst beide Bewegungen zusammen ergeben ein Bild der möglichen Wirklichkeit, wie Die Dschungel es ungefähr meinen.

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