Montag, der 7. November 2005.

4.46 Uhr:
[>> Anouar Brahem, Le Pas du Chat Noir.]
Nach vier Stunden Schlafs beim Erwachen eine Vision: Die Tür zur Küche schimmert im Diodenlicht des DSLModems wie der Eingang in einen verzauberten böcklinschen Berg. Ich brauche eine ganze Menge Zeit, um mich zu orientieren, bin wirklich momentlang in einer anderen, einer MärchenWelt aus Gral und Mittelalter. Dann rückt mein langsam erwachtes Bewußtsein die Erscheinung in die Gegenwart zurecht, denn der Wecker fiept. Jetzt steht neben mir bereits der latte macchiato, und ich beug mich über den Vortrag für Stuttgart.

(Weshalb Anouar Brahem bei amazon.de als „Pop“ läuft, ist mir unklar. Tonal stimmt das, kaum aber in der Struktur, die eine Mischung aus Jazz, arabischem Folk und Kunstmusik ist; manchmal gibt es TangoAnklänge, manchmal hat es etwas vom Fandango; sicher der Oud wegen. Alexandra, eine andere Alexandra als die catanesische, schenkte mir die Aufnahme einst. Frauen, die Weichen stellen, auf denen allein die Ohren surfen.)

12.03 Uhr :
Das Laufen war prima; nur das Krafttraining hab ich aussetzen müssen: Dummweise leichte Sehnenscheidenentzüdung im linken Unterarm bis übern Ellbogen. Also besser ruhigstellen, eh das schlimmer wird. Ich hab an sowas s c h o n mal ein halbes Jahr rumlaboriert. Wahrscheinlich hab ich am Samstag in der Sauna die Kraft-Dips übertrieben.
Vortrag läuft. Jetzt meine Stunde schlafen.

15.44 Uhr:
[Strauss, Cellosonate.]
Ich zweifle allerdings, daß mir jemand >>>> für solch einen Essay den Auftrag erteilt. Und schreib ich ihn ohne, bekomm ich’s wieder mit meinen Kontoführern und den Gerichtsvollziehern zu tun. Dabei ist die Aufgabe ästhetisch wie erkenntnistheoretisch überaus lohnend. Und ich bin derjenige, der sie auch lösen kann. Hm.

Oper abgesagt, schaff ich heute mit dem Vortrag nicht. Dafür gegen halb zehn G. in der Bar. Dennoch ist >>>> festzuhalten:
Wegen Forza melde ich mich nach meiner Rückehr aus Stuttgart noch mal. Berlin gehört zu den wenigen Städten der Welt, in denen man ein- und dasselbe Stück in verschiedenen Inszenierungen sehen und also auch für ein- und dasselbe Publikum darüber vergleichend wie sinnvoll schreiben kann. Ich empfinde das als einen ungeheuren Kulturgewinn, den sich niemand beschneiden lassen sollte, und will genau darüber wieder einmal etwas formulieren.

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2 Kommentare zu Montag, der 7. November 2005.

  1. Thomas B. sagt:

    Seit einiger Zeit lese ich Ihre Aufzeichnungen… Warum schreibe ich ein Tagebuch? Das ist eine Frage nicht nur an Autoren. Warum veröffentliche ich ein Tagebuch? Das war bis vor ein paar Jahren eine Frage nur an Autoren.

    Seit es das Internet gibt und dies für (fast) alle erreichbar ist, erübrigt sich dieses Privileg der Veröffentlichung für ein paar einzelne Leute. Es geht nur noch um die Form der Veröffentlichung. Die soll hier nicht beachtet werden. Aber: Was bewirkt ein Tagebuch und was mache ich mit der Form solcher Aufzeichnungen. Die erste Frage ist also: Warum schreibe ich ein Tagebuch?
    Mit dieser Frage haben sich namhafte Autoren rumgeschlagen und sie ist nicht leicht zu beantworten.

    Ein Tagebuch wird immer dann geschrieben, wenn die Beziehung zur Umwelt behindert oder zumindest eingeschränkt ist. Es gibt keinen Partner, dem man alles anvertrauen kann. Oder man schreibt in ein Tagebuch, um sich seiner Person und/oder Lage zu vergewissern. Oder man will ganz einfach etwas gegen die Zeit und das Vergessen tun.
    Möglich ist auch, dass man mehr riskieren will, als man ertragen kann. Also das Tagebuch als Ventil, welches den Druck ablässt, um zu überleben.
    Alles Gründe um ein (heimliches) Tagebuch zu führen. Wichtig dabei ist, an die Stelle des Sprechens ist die des Schreibens getreten. Man schreibt Dinge in ein Tagebuch, um nicht brüllen zu müssen. Jedenfalls nicht ständig. Es gibt also auch den Effekt der Therapie. Oder besser gesagt es ist Notwehr. Fertig werden mit dem Leben oder es versuchen. Am Ende kommt man zu einem größeren Realitätsgefühl.

    Tagebücher werden also immer durch Störungen verursacht. Man will sich abgrenzen von seinem eigenen Ich oder die Kommunikation mit anderen besteht aus Defekten.

    Auch Kommunikation mit sich selbst kann leiden, dann ist das Tagebuch eine Möglichkeit, sich wiederzu(er)finden. Oder das Gegenteil ist der Fall, das Gefühl, dass eigene Ich existiert viel zu stark. Die Eindrücke aus der Umwelt stürzen intensiver auf mich und überrumpeln mich ständig. Das kann zu unkontrollierten Reaktionnen führen und dann ist das Schreiben in ein Tagebuch die Bremse. Die Sortiermaschine all der schrecklichen Dinge, dass nicht all dieses Unkontrollierte Macht über mich und meine Arbeit bekommt. Auf diesem Weg entsteht ein neuer Partner beim Schreiben. Ein Partner der man selbst ist. Ein Partner, den man nicht beschwindeln kann. Ein Partner, der einem nichts durchgehen lässt. In der Ehrlichkeit dient das Tagebuch als Abbau jeden menschlichen Größenwahns.

    Doch dieser Partner kann auch grausam sein. Er besitzt die Unverschämtheit niemals handeln zu müssen. Ein Ausweg bestünde darin, im Verhältnis zu dem Partner eine neue Person zu entwickeln, die dann korrigiert wird. Dann wäre das alles ein Prozess. Ein Prozess der Erziehung. Die Gefahr dabei, die Selbstkontrolle könnte letztendlich die Unschuld des ersten Gedankens dominieren. Um dem zu begegnen stellt man seine Aufzeichnungen in die Öffentlichkeit. Die Publiktation des geschriebenen Materials macht aus dem Privaten schließlich ein Bekenntnis. In einem ausschließlich privat geschriebenen Tagebuch musste ich mich selber (er)finden und mit dem öffentlichen muss ich den Partner, den Leser an den ich mich wende, (er)finden. Es ist also am Ende der Versuch einer Kommunikation, ein gewollter Dialog.

    Ab jetzt kommt die Frage der Indiskretion ins Spiel. Wann fängt die an? Die Indiskretion fängt da an, wo der Leser sich betroffen fühlt. Es geht nicht um die Preisgabe anderer Leute. Es geht um Tabus die verletzt werden könnten, die der Leser hat. Wann verletzt der Autor diese Tabus? Immer dann, wenn der Leser sich identifiziert und dabei Dinge entdeckt, die er sich nicht selbst zugegeben hätte.
    Jetzt tritt das Wahrheitsproblem auf. Eine These von klugen Leuten lautet: Mit Sprache kann ich die höchste Wahrheit nur dann erreichen, wenn ich die Wirklichkeit arrangiere. Erst mit arrangierter Wirklichkeit mache ich ein wahres Bild der Wirklichkeit sichtbar. Und/aber dann wird/ist es Literatur.

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