Mittwoch, der 8. März 2006.

5.39 Uhr:
Leichter Kater. Deshalb auch erst jetzt auf. Was nicht weiter schlimm ist, da ich den Anschluß wiedergefunden habe sowohl an ARGO wie an VERBEEN; der braucht jetzt ohnedies mehr von außen, als daß es auf meine Gestaltungskraft noch ankäme. Ich hab vom SWR das Okay, auch hier Otto Mellies zu fragen, ob er die Zitate aus Verbeens Büchern, bzw. den Textteilen, die mir vorliegen, lesen mag; alles andere sind Sprach-Dokumente; nur das Gespräch mit Herrn Markwart, das das Hörstück strukturieren soll wie ein Geländer, ist noch zu führen.
Noch was Witziges: Ich wollte Ihnen ja erzählen, >>>> wie Eisenhauser auf die Inseln der Intensität gekommen ist; nein, er hat n i c h t in meinen poetologischen Fragmenten gestöbert, sondern liest gerade Gunter Sachs’ens Lebenserinnerungen. Witzig dabei ist, daß mir Markwart am Telefon erzählt hat: damals, als Verbeen Pahlevi im Pontresina kennenlernte, sei eben Gunter Sachs, noch blutjung, dabeigewesen. Eisenhauer ist erst zu einem Drittel durch und konnte das (noch?) nicht bestätigen. Egal. Jedenfalls sei das Buch derart flach, „du mußt dir das vorstellen: dieser Mann hat die schönsten Frauen der Welt gehabt, aber was und wie er es beschreibt, zeigt, daß er Schönheit überhaupt nicht s a h, sie nicht begriff offenbar, daß da insgesamt keinerlei Tiefenschicht ist. Du hast es nicht leicht mit deiner Situation, aber ich sag dir: Wir sind sowas von reich dagegen! Welch ein kümmerliches Leben hat dieser Mann geführt!“ „Weshalb legst du das Buch dann nicht einfach weg?“ „Weil es eine ungeheure Studio über die seelische, traurige Erbärmlichkeit von Menschen ist. Ihre finanzielle Privilegiertheit einmal hin oder her.“

Eine andere, weniger ungeheure, als nur … ja, eben m ü ß i g e Studie war der gestrige Abend, an dem ich auf diesen „Stammtisch“ im Rouge Noir geradelt bin. Schon der Begriff „Stammtisch“ hätte mich ja abschrecken können und hat das bislang auch immer getan; nur wollte ich >>>> Leander Sukov treffen und vor allem mein Blinddate von vorgestern früh, B., die in diesen SM-Kreis locker hineingehört. Nun meint man ja immer, SMler seien besonders bizarr oder fielen aus der Menge heraus; das meint man aber ganz zu unrecht: Wie die meisten Menschen herrscht auch bei ihnen das Bedürfnis nach Familie vor oder sagen wir „nach realer community“ und nur zu den Parties lassen sie, als zu einem ritualisierten Fasching, die erotischen Fantasien hinaus. Das war das erste, was mir auffiel, als ich den Raum betrat: diese gebündelte Menge von gemütlicher Gemeinschaftssucht: von Eros nicht die Spur. Sondern tatsächlich „Stammtisch“. Ich hatte über den ganzen Abend nicht das mindeste Bedürfnis, mit B. zu spielen; imgrunde ließ ich sie mit ihren Freunden völlig allein. Sie kam zweidreimal her zu mir und versuchte etwas durch Blicke, aber ich war nur gelangweilt und mochte das nicht an ihr auslassen. Statt dessen notierte ich zweidrei Auffälligkeiten oder Impulse im Notizbuch, etwa gleich zu Anfang:

Kälte herstellen!
Und etwas später dann (ich tipp das jetzt ab):

Das Interessante ist die eindeutige Zuordnung, diese universale Familiarität, der ich am liebsten sofort entweichen möchte, indes bei diesen SMlern-selbst das Bedürfnis vorzuherrschen scheint, sich als Familie zu d e f i n i e r e n: „Wir gehören zusammen“, in d i e s e m Sinn.“ Ich hingegen w i l l nicht zusammengehören, jedenfalls nicht zu Gruppen.
So saß ich da als Fremdkörper. Bis es zu einem Gespräch über Ästhetik kam, mit Sukov, sowie einem Leser Der Dschungel, der dort ebenfalls aufgetaucht war und mich ansprach. Nun gab es einen sachlichen Grund, einen mit Tiefe, noch dazubleiben. Und also wurde es nach zwölf. Sanft verabschiedete ich mich von B., legte ihr die Hände auf die Schultern, flüsterte in ihr linkes Ohr, daß ich ginge – und schob ab. Sie trug, wie ich es nachmittags erbeten hatte, ein knappes elegantes Kostüm und unter dem Jackett nichts. Beugte sie sich vor, sah man bisweilen die linke oder die rechte Brust, was eigentlich reizvoll gewesen wäre, aber allder kommode Gruppengeist erstickt selbst den Anflug eines erotischen Schwipses. Hoffentlich ist die Frau nun nicht verletzt. Das täte mir leid.

So, eben noch das DTs. Dann ARGO: Es ist Goethe umzuformen. Danach erst Musik. Wenn ich Silben zählen muß, kann ich keine hören. Guten Morgen, liebe Leser.

8 Uhr:
Wenn man den Hexameter erst einmal „raushat“, dann macht diese Umformerei richtig Spaß – auch wenn selbstverständlich die gewohnte Textmenge nicht dabei gewonnen wird, sondern permanent sind einzelne Zeilen der Strophen umzubauen, neu zu ordnen, weitere Gedanken einzufügen,die vor allem die Klammer auf die Erzählung halten müssen: also damit Erissohns Rede nicht n u r Rhetorik und Agitation ist, sondern auch, getreu der epischen Absicht, ein Geschehen transportiert:: in diesem Fall die Rekapitulation des Borkenbrod-Stranges aus THETIS. Das ist in ARGO so wichtig, weil die von Flusser so genannte Regression, die dennoch eine Weiterentwicklung nicht nur birgt, sondern i s t, deutlich werden soll: Diese Klammer-zurück von der Fantastik ins Epos, dabei aber zugleich ein Voran: was bei Nietzsche „ewige Wiederkehr“ heißt und modern von Regelkreisen beschrieben wird, ist bei mir recht eigentlich eine sich hinaufdrehende zirkuläre Bewegung, so daß sich eine ErzählSpirale ergibt, die sich, wie der Kosmos, zunehmend weiter ausdehnt. Fällt mir grad auf.

[Poetologie.]

Und dann krieg ich mit, daß ich den heutigen Newsletter ganz vergessen habe. Schnell hab ich noch einen Text aus dem Archiv gesucht, diesmal eine kleine Reisereportage, und Katanga hinübergesandt. Sowie das Dingerl rausgegangen ist, leg ich Ihnen >>>> hier einen Link [Erledigt, 10.48 Uhr]. Aber zurück zum ARGO-Goethe. Eine neue Strophe ist fertig und nachträglich eingefügt; eine zweite steht j e t z t an.

10.48 Uhr:
Mir wurde mal wieder in einer Mail vorgeworfen, daß ich ‚die Frauen‘ verachtete. S c h o n interessant, wie aus der Tatasache, daß man tatsächlich bisweilen einzelne Frauen verachtet (aber auch – und sogar in signifikant größerer Stückzahl – Männer, das ist ganz einerlei), sofort auf eine Verachtung des bestimmten Geschlechts-insgesamt geschlossen wird; jedenfalls wenn es um Frauen geht. Tapfer, diese Art Logik. Und so verblüffend präzise… (Daß ich e i n i g e Menschen verachte, scheint mir im übrigen einer Erwähnung nicht sonderlich wert zu sein, ebenso wenig wie, daß einige wiederum m i c h verachten. Die eigentlich interessierende Frage lautet immer: Warum? Was löst diese Verachtung aus? Erst dann kommen wir weiter, ganz sicher aber nicht mit einer zumal tendenziös generalisierenden Vorhaltung.)
Bin nun d o c h noch in den Erzähltext von ARGO gekommen, hätte gerne heute wenigstens eine Seite geschrieben daran. Danach dann VERBEEN.

11.11 Uhr:
G e s c h a f f t: Eine Seite u n d die Achilleïs-Arbeit.

17.30 Uhr:
VERBEEN in erster Fassung fertig, die Fragen an Markwart zusammengestellt und ihm rübergemailt, erste Musikzuordnungen versucht, schließlich das Typoskript ausgedruckt, um mal auf dem Papier kontrollieren zu können. Ich warte noch immer auf die Interviewbänder vom DRS (Carlson) und WDR (Thelen über Verbeen). – Währenddessen die wichtigsten Dateien in Echtform auf die kleine tragbare 100-GB-HD kopiert und dem Laptop Platz verschafft. Alles >>>> für die Oper heute vorbereitet, in knappen 40 Minuten ziehe ich los. Ich muß noch die kleine KinderopernKritik von Sonntag schreiben und dann die heutige Orest-Aufführung besprechen; vielleicht mach ich das morgen gleich in einem Aufwasch. Einen angenehm kitzligen neuen BlinddateTermin locker verabredet. Im Augenblick bin ich mal wieder ziemlich drauf. B., wegen gestern, hat sich tatsächlich etwas zurückgesetzt gefühlt und hat ndeshalb Zweifel formuliert. Nun gut, ich bin imgrunde gar nicht betroffen. Insofern läuft alles, sowieso, sehr fair ab.

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