Wiederaufnahme. Verdis La Traviata an der Oper Frankfurt.

Aller Anfang hat seinen Grund.
Wir schreiben das Jahr 1876. Wutschnaubend über den Erfolg von Dumas’ Kameliendame und deren Veroperung durch Verdi schreibt Zola seinen Roman „Nana“, der 1880 auf den Buchmarkt drängt. Hält er doch beide Werke für eine unerträgliche Verklärung des Hurenwesens, das unbedingt naturalistisch – realistisch entzaubert gehört. Es ist ihm, was Verdis Oper betrifft, nicht gelungen „La Traviata“ enthusiasmiert noch heute auf allen bedeutenden Opernhäusern der Welt sein Publikum. Haben doch unglückliche Liebespaare, angefangen mit Heloise und Abelaerd über Romeo und Julia bis hin zu Violetta und Alfred, immer die Gemüter erregt. Fremdes Unglück und Leiden rührt, lenkt von eigener Malaise ab oder bestätigt alltägliches „kleines Glück“, das allzu gern alles Große für bloßes Hirngespinst hält. Leidenschaft und Obsession, so die Quintessenz durchschnittlichen bürgerlichen Lebens, gehören in Roman und Oper.
Lange Zeit begegnete ein Teil des „klassischen“ Opernpublikums inszenatorischen Einbrüchen realitätsnaher Geschichte eher mit Misstrauen als mit Wohlgefallen. Diese Zeiten, das lässt sich jedenfalls für Frankfurt sagen, sind vorbei. Wer die Zuschauerreaktionen in den Premieren von Pfitzners „Palestrina“ oder Hartmanns „Simplicius“ erlebt hat, weiß, dass ein Großteil der Frankfurter Opernbesucher heutzutage mit offenen Ohren hört und mit weitem Blick sieht.
Wesentlichen Anteil an dieser veränderten Publikumshaltung hatte die Inszenierung von „La Traviata“ von Axel Corti aus dem Jahr 1991, die nun wieder in den Spielplan aufgenommen worden ist. Corti verlegt die Handlung der Oper in das durch die deutsche Wehrmacht besetzte Paris der frühen vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Deutsche Uniformen von Wehrmacht und SS zeigen ihre Präsenz in der Comedie francaise, in der Oper, in Salons und in Ateliers von Künstlern. Cortis Regie beschwört Pariser Tage herauf, in denen ein Hauptmann Ernst Jünger Picasso besucht und Cognac mit Cocteau und Carlo Schmid trinkt, der in dieser Zeit an einer neuen Baudelaireübersetzung arbeitet. Es sind die Jahre, in denen „Verehrung deutscher Kultur“ und Gewinnsucht manchem Franzosen zur Kollaboration gerät und die Verfolgung der in Paris lebenden Juden beginnt. Aus London hört man die Freie Stimme Frankreichs. General de Gaulle ruft zum Widerstand auf. Franzosen fast aller politischen Farben retten und verteidigen in der Résistance die Ehre Frankreichs gegen das Vichy Petains und gegen Hitlerdeutschland.
In dieser spukhaften Atmosphäre begegnen sich Violetta und Alfredo. Die Liebe kümmert sich nicht um Politik, sie geschieht unabhängig von verwickelten und schlimmen Zeiten, die sie hindern oder ins Unglück treiben aber niemals verhindern können. Liebe findet dann statt, wenn in zwei fremden Augen die eigenen entdeckt werden. Der Verlauf der Oper ist bekannt. Violetta stirbt an Tuberkulose. Was aus Alfredo und seinem Vater wird, ob sie Paris verlassen und in die unbesetzte Zone Frankreichs wechseln, wie Cortis Inszenierung vermuten lässt, bleibt offen als der Vorhang sich senkt.
Alles Ende hat seinen Grund.

Eine großartige Eva Mei, bei Beginn des ersten Aktes noch etwas raumunsicher, als Violetta. Ein brillanter Alfred Kim als Alfredo und ein stimmlich alle überragender Aris Argiris als Vater Germont haben zum Schluss der Vorstellung die Tatsache vergessen lassen, dass Kim für Szabolcs Brickner und Eva Mei für Carmen Gianattasio, die an diesem Nachmittag nicht singen konnten, kurzfristig eingesprungen sind. Bewundernswert Guiliano Carelli, der, vom Besetzungschaos scheinbar unberührt, mit sensiblem Gespür schwierige Übergänge gemeistert und Orchester, Chor Ballett und Solisten musikalisch souverän durchs Geschehen geführt hat.

Nächste Aufführungstermine:
Do 31.12.2009, 19:30 Uhr
So 03.01.2010, 15:30 Uhr

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