Sieben.




Acht <<<<

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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45 Antworten zu Sieben.

  1. Von der RAF zur poetischen Politisierung.

    …als sachverständige Zeugen zu laden und zu vernehmen
    zum Beweis dafür,
    1.) daß das Territorium der Bundesrepublik Deutschland seit
    ihrem Bestehen strategische Basis der völkerrechtswidrigen
    aggressiven Expansionspolitik der USA gegen dritte Staaten,
    gegen verfassungsmäßige Regierungen dritter Staaten, gegen
    antikoloniale, nationale und antiimperialistische Befreiungsbe-
    wegungen in dritten Regionen ist,
    indem u.a. alle relevanten offenen und verdeckten militärischen
    und nachrichtendienstlichen Operationen der USA, gegen die
    Staaten des Warschauer Pakts, gegen parlamentarisch legitimierte
    Regierungswechsel in westeuropäischen Staaten, gegen antiim-
    perialistische Befreiungsbewegungen im nahen und mittleren Osten,
    in Afrika und Südostasien von Basen der US-Geheimdienste auf dem
    Territorium der Bundesrepublik Deutschland geplant, organisiert, be-
    gleitet, unterstützt bzw. überwacht worden sind –

    Rechtsanwalt Oberwinder in einem vom Gericht als rechtsirre-
    levant abgelehnten Beweisantrag der Verteidigung, 4. Mai 1976.
    Kein Geschehen, dessen Zeuge ich seit meiner bewußten Wahrnehmung von Gegenwart und Geschichte gewesen bin, hat mich politisch derart geprägt wie die Vorgänge um die sogenannte Rote Armee Fraktion der ersten Generation, also Ensslins, Meinhoffs, Raspes, Baaders. Sie holten mich, indem seit 1971 quasi unentwegt vom Terrorismus die Rede war, dessen zumindest medialer Zeitzeuge ich wurde, aus der Pubertät heraus und stellten mich mitten in meine Welt hinein, sprich: ich wurde mit ihnen erwachsen. Grundfragen, die sich damals stellten, bewegen mich bis heute: etwa die der Legitimität von Widerstand und ihrer Bestimmung, d.h.: wer entscheidet, ob etwas legitim ist oder nicht. Es ist eine Grundfrage, die man sich sehr einfach daran klarmacht, daß Widerstand gegen Hitler zwischen 1933 und 1945 de facto illegal gewesen ist, also nach dem damals geltenden normativen Recht. Andererseits findet sich in der Badischen Verfassung ein Passus, der den besonders auch gewaltsamen Widerstand gegen Unrechtssysteme zur republikanischen Pflicht eines jeden Bürgers erklärt; es wäre dort ein Rechtsbruch, ihn zu unterlassen.
    Die erste RAF ging von einem Unrechtssystem aus – auch, aber viel weniger als in der Dritten Welt – damals kam der Begriff auf, die RAF selbst thematisiert ihn – einem innerhalb der alten BRD. Die Leute waren nicht dumm, alles andere sogar als das. Sondern sie dachten damals bereits, als das Wort noch nicht in aller Munde, global– Das ist ein Begriff, der nicht von ungefähr den marxistisch-leninistischen des „international“ quasi ersetzt hat. In kritischen Zusammenhängen finden wir davon noch den Reflex im „multinational“.


    Lesung 1977, Henstedt.
    Ich stellte mir damals die Frage, wie denn ein kleines Land, das keine namhafte Armee hat, gegenüber einem riesigen Aggressor reagieren könne; eine vom internationalen Recht geforderte Kriegserklärung und danach -führung führt ja in jedem Fall zur Vernichtung. So ist das, wenn zwei Menschen gegen tausend kämpfen. Sie werden verlieren, egal, ob ihr Widerstand berechtigt ist oder nicht, spricht: egal, ob sie recht haben. Das Recht wird schließlich immer das des Siegers sein.
    Sie müssen aber nicht verlieren, nämlich dann nicht, wenn sie die vom Gegner erhobene Forderung nach Legitimität nicht akzeptieren. Es kommt dann zu den mittlerweile sehr bekannten neuen Formen der Kampfführung, zu Guerilla, asymmetrischem Krieg usw., die vom Gegner seiner Position nach als Terrorismus bezeichnet werden, während die Niedermetzelung ganzer Dörfer mitsamt Greisen und Kindern innerhalb der konventionellen Kriegsführung zwar, und auch nicht in allen Fällen, unter Kriegsverbrechen fällt, n i c h t aber als Terrorismus gilt. Die jeweils verwendete Begrifflichkeit ergibt sich aus den je angewendeten, insgesamt höchst relativen Rechtsgründen.

    Dies bewegte mich enorm zwischen 1975 und 1980; besonders die Stammheim-Prozesse mit ihrem Ergebnis angeblicher Selbstmorde im Hochsicherheitstrakt banden einen Großteil meiner politischen Aufmerksamkeit. Unterdessen, mehr als dreißig Jahre später, habe ich hinzugelernt, daß auch die bizarrste Behauptung zu einer wahren Aussage wird, wenn sie sich nur genügend in die Bewußtseine eingeschliffen hat. Dazu reicht völlig das Verstreichen von Zeit. Selbst ehemalige Zweifler gehen heute wie selbstverständlich von Selbstmorden aus, die geschehen seien – völlig unerachtet des Umstands, daß man in einen Hochsicherheitstrakt ganz gewiß nichts hineinschmuggeln kann, das nicht hineingeschmuggelt werden soll. Stellen Sie sich vor, es würde behauptet werden, daß Gefangene in Guantánamo sich heimlich mit Macheten bewaffnet hätten, aus ihren Gittern heraus, um den Folterern endlich entgegenzutreten – also zu tun, was an sich der ganzen Welt wäre, wenigstens des Völkergerichtshofs. Der schon vor den Kriegsverbrechen in My Lai die Augen schloß. Statt dessen wird der Mörder nach wie vor hofiert. Der historische Vorstoß von Sartre und Russell ist ungehört verhallt.

    Nixon blieb juristisch unangeklagt, anders später Milošević, weil es Völkermördern gut in den Kram passen kann, der anderen Völkermörder zu richten. Da gilt schlichtweg ein Verdrängungsprinzip. Unter Konkurrenten.
    Ich hatte allerdings keine Sympathie für die RAF. Es war mir zuviel Marxismus darin, d.h. zu viel „proletarische“ Anthropologie; der Idee von Klassenkampf stand ich immer fern, weil ich nie an die Identität von Klassen geglaubt habe, sondern an die Differenz der Menschen auch innerhalb ihrer jeweiligen Klasse glaube. Ein Klasseninteresse wird vielmehr erst von den Gegnern medial hergestellt, und zwar durch Schaffung von Bedürfnissen, die der Gegner dann, gegen Bezahlung, befriedigt, ja das Klasseninteresse schien mir wie Klasse selbst geradezu eine Funktion des Kapitalismus zu sein.

    So gesehen, richtete sich in meiner Wahrnehmung der bewaffnete Kampf der RAF nicht so sehr auf die Befreiung eines deutschen Proletariats als vielmehr gegen die in der Tat menschenverachtende Politik der USA. Ich habe oben aus Michel Oberwinders Beweisantrag zitiert, um zu zeigen, daß meine Einschätzung durchaus begründet ist. Geladen werden sollten ehemalige Mitarbeiter von CIA und NSA. Es lag weder im Interesse der Verfahrensführenden noch in dem ihrer Hinterleute, diesen Kontext öffentlich werden zu lassen, ja in der Ablehnungsbegründung wird das sogar expressis verbis so gesagt. Vermieden werden sollte die Anerkenntnis, daß es sich bei der ersten RAF um eine politische Bewegung gehandelt hat.
    Interessanterweise will man das bei einer gemutmaßten „Rechten“ aber auf gar keinen Fall vermeiden, sondern da wird aus jedem losgrölenden Vandalen sofort ein Neonazi gemacht; er muß nur ein Hitlerkreuz oder Klamotten von Lonsdale tragen. In meiner Replik auf Michael Kleeberg habe ich das einige Jahre später in den Blick genommen; der Text wird ab Mitte März in >>>> meinem Essaybanda/a> nachzulesen sein. Die Gründe liegen auf der Hand: Neo-Nationalsozialistische Gesinnung gilt bereits vor jedem Verfahren, und mit Recht, als Schuldgrund; eine marxistische Gesinnung aber nicht, schon weil man weiß, daß sie tatsächlich auf Befreiung aus ist, ob sie in Analyse und Mitteln nun fehlgeht oder nicht. Deshalb sollte Stammheim auf keinen Fall als politischer Prozeß angesehen werden.

    Das ist er aber gewesen.
    Man kann, ja muß sogar die Gewaltaktionen der ersten RAF als einen Widerstand weniger innerhalb einer Gesellschaft von höchst gerne, weil an ihrer Kolonialisierung gut verdienenden Unterworfenen sehen; ihre Mitglieder waren, sozusagen, die blutige Version des kleinen gallischen Dorfes, das sich dem Cäsar nicht unterwirft. Ich sah den Zusammenhang nicht nur, sondern ich spürte ihn, und zwar bereits in meiner Braunschweiger Zeit, als Teenager; zugleich spürte ich unmittelbar den Zusammenhang mit den >>>> Dämonen Dostojewskis; hier wurde etwas sehr Ähnliches „verhandelt“, ja selbst die Begleiterscheinungen waren ähnlich. Es war noch bis 1978 durchaus nicht ungefährlich, für einen „Sympathisanten“ zu gelten, wie man sich in einigen Szenen durchaus etwas darauf zugute hielt, solch einer gewesen oder noch immer zu sein, ja bisweilen jemanden aus der RAF zum Beispiel beherbergt zu haben für eine Nacht. Das gab einem das gute Gefühl, so bedeutend zu sein, daß man mindestens abgehört wurde, und war zugleich der Grund für eine recht selbstzufriedene Empörung; entsprechend ist es bei Dostojewski in, sich beschattet vorzukommen, und Stepan Trofimowitsch gibt sich als ein Verfolgter und wärmt sich darin. Von daher war mir, literarisch derart geprägt, die RAF geradezu vertraut.
    Es ist die Zeit des Nachrüstungsbeschlusses.
    Ich hatte einen Roman aus der Zeit gemacht, Destrudo heißt er und liegt noch immer hier, um eines Tages vielleicht doch noch bearbeitet zu werden. Ich hatte mir über Schweden die wichtigsten Texte der RAF – damals und vielleicht auch noch heute auf dem Index – besorgt, deren häßliches, verdinglichtes Deutsch mich abstieß, aber auch faszinierte, weil ich erkannte, daß es ganz bewußt den Überbau aus dem Unterbau formulierte. Wobei jede „Wertfreiheit“ derart vermieden wird, daß es sich insgesamt um Agitation handelt – der Text selbst ist schon Widerstand. Dazu gehört sowohl die strikte Mißachtung der Kommaregeln als auch eine oft durchgehaltene Kleinschreibung, der sich die Umgangssprachlichkeit addiert:
    aus der tatsache, dass die internationalen konzerne
    die nationalstaaten nur noch als instrumentel-
    les medium handhaben, ist dem nationalstaat für ausgleichende, die inter-
    essen der herrschenden mit den interessen der beherrschten vermittelnde
    politik kein mittel mehr gelassen, als gewalt.

    (nach dem Protokoll des 21.8.1975)

    Es war später nicht leicht, ganze Segmente dieser Protokolle in den >>>> Wolpertinger zu integrieren; ich habe deshalb bereits in den Achtzigern literarisch mit Verschleifungen an den Bruchkanten von Fremdtexten gearbeitet. Wie viel RAF tatsächlich im Wolpertinger steckt, ja daß darin überhaupt etwas RAF steckt, hat bis heute keiner gemerkt; jedenfalls hat niemand je darüber geschrieben. Im Wolpertingerroman bringe ich den auch gewaltsamen Widerstand mit dem Mythos zusammen; bis heute bewegt mich das, weil ich dem militanten Pragmatismus, der notwendigerweise in die Starre permanenter Kriegsführung fällt, Seele (zurück)geben will. Nahezu alle meine Romane behandeln den sogenannten Terrorismus mit, alleine >>>> Meere nicht. Im Anderswelt-Projekt schließlich ist die RAF zu Homers Myrmidonen geworden, was aber lediglich Verkleidung. Und selbstverständlich sehe ich heute den Islam-Terrorismus in einem nicht gänzlich anderen Kontext. Imgrunde sticht David den Goliath in sämtlichen Befreiungsbewegungen der Welt, es sei denn, man hat es tatsächlich mit einer revolutionären Situation zu tun, die über Massenbewegung nahezu immer in eine Diktatur hineinläuft. Eine revolutionäre Situation zeichnet sich dadurch aus, daß völlig unabhängig voneinander in einem Land sich die Massen geradezu spontan erheben, anfangs beinahe ungeregelt. So die höchst einleuchtende Definition nach >>>> Markov und Soboul.
    Wir schreiben das Jahr 1978, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und fange mit dem Abendgymnasium an. Kurzzeitig war ich in der SPD Genosse gewesen, dann angewidert ausgetreten. Die RAF hatte meinen Lektüren eine andere Richtung gegeben; ich las erst Bakunin, den ich beisammen mit Richard Wagner antraf, dann Erich Mühsams, den ich nach wie vor schätze, Fanal, deren Aufruf an die Leser, vom Februar 1931, Nr.5/5 geradezu wie die bekannten Hilfeersuchen unserer heutigen taz klingt:

    Ist das, was in der Sowjetunion geschieht, mag es in
    seinen Einzelheiten noch so erhaben oder schändlich sein,
    Fortführung der Revolution in der Richtung zum Sozialis-
    mus oder erschöpft sich der gegenwärtige Stand der Dinge
    in der terroristischen Festigung der jacobinischen Staatsmacht,
    die sich im Namen Stalin charakterisiert?

    Mühsam, April 1931, Fanal 7/5.
    Dann las ich Gustav Landauer, der mir sehr liegt, weil es ihm, ähnlich wie mir, noch um etwas ganz anderes als um ökonomische Wohlfahrt geht, die aber Bedingung ist. Auch Erich Mühsam hielt, 1918 zur kurzen Räterepublik gegenüber den Genossen, auf Haltung und Form, z.B. der Tischsitten; er war vornehm.
    Freilich; wir müssen gar nichts für uns selber wollen und doch
    tatlustig sein. Humor und Tat – die sind bisher noch nicht oft beisammen gewesen.
    Aber jetzt bedarf‘s ihrer Gemeinschaft. Wir müssen handeln, als ob uns die Ge-
    schichte gar nichts anginge; ganz hoffnungslos energisch müssen wir sein. Einen
    Beethoven der Tat und Blücher des Geistes brauchen wir. Hoffnungslos hieß
    bisher immer verzweifelt; das soll die Menschheit jetzt erst lernen, daß man auch
    hoffnungslos lustig sein kann.

    Landauer, 1912.
    Hoffnungslos energisch zu sein, mit Lust – das hat mir schon damals gefallen und war nun aber weit weit weg von der RAF. Da war vielmehr Achterbusch drin. Dennoch hatte sie mich hingeführt – ins anarchistische Weltbild, das gleichwohl nicht->>>>stirner’sch, sondern durchdrungen war von der Utopie eines Gemeinwohls. Imgrunde hat sich meine Position diesbezüglich nie geändert. Während des bald folgenden Studiums sollte das mit im Mittelpunkt stehen: Wie ist – und ist überhaupt? – eine allgemeingültige Moral in allerletzter Instanz begründet? Oder geht es tatsächlich stets auf Interessenrelationen zurück, was Moral dann notwendigerweise von Machtverhältnissen abhängig macht, sowohl was ihre Setzung als auch die Durchsetzung anbelangt. Hier hinein gehört die Diskussion um >>>> ein Gewaltrecht des Guten wie auch die RAF, deshalb, insgesamt. Wiewohl sie zweifelsfrei – auch – verbrecherisch gehandelt hat, drückt sich die ausschließliche Kriminalisierung genau um die Frage nach der Letztinstanz herum und behandelt sie eben pragmatisch, nämlich genau nach den Interessen, die sie, die RAF, attackieren wollte.
    Wobei ein Tragisches hinzukommt. Letztlich hat sie die Verhältnisse zementiert, die sie auflösen wollte. Daß sie genau das vorgehabt habe – solche Thesen gingen um -, damit dann, wenn der Staatsapparat per Gesetz und Kontrolle spürbar restriktiv werde, dieses die proletarische Revolution auslöse, scheint mir eine suggestiv-rhetorische Auslegung zu sein, eine manipulative; das wird sehr klar, wenn man sich mit den Texten der RAF gründlich genug beschäftigt. – Ich spreche, selbstverständlich, noch immer von ihrer ersten Generation; die folgenden RAFler sind durchaus schon fremdgelenkt. Man denke, viel später, an >>>> Herrhausens Ermordung im Jahr 89. Damals fragte mich mein Börsenkunde T., dem ich die RAF-Version auftischte: „Mein Lieberrr ‘errr v . Rrribbentrrrop, werrr ‘ a t etwas von seinem Tòd? Frrragggen Sie d a s, und Sie ‘aben den Mörder.“ Durchaus war T. nicht links gesonnen, sondern ein Mann vom höchst konservativen Schlage meines Stiefvaters, eines Juristen, der fast nur linke Zeitungen las (oder die Klassiker, auf Latein): „Da weiß ich immer genau, wo ich beschwindelt werde. Bei meinen eigenen Leuten weiß ich das n i c h t.“ Die Zeiten waren da schon andere; heute kifft man, um sich was Nettes anzutun, damals tat man‘s aus Überzeugung, daß die Welt werde anders werden müssen und daß man sein Bewußtsein wollte erweitern – eben dafür.
    Also 1978, der Deutsche Herbst, der mir 1981 meinen neuen Nachnamen gab, war vorüber, doch schwang noch in der Luft. Die Depolitisierung der RAF nahm ich in ein neues literarisches Projekt, meinen ersten auch abgeschlossenen Roman: Die Erschießung des Ministers, der erst acht Jahre später als mein zweiter Roman >>>> unter anderem Titel erschien. Gut, sagte ich mir, nehmen wir es unpolitisch und lassen einen „einfachen“ Buchhalter einen Minister erschießen. Mal sehen, weshalb der es tut.
    Das Buch ist höchst politisch geworden, aber es verzichtet auf jede Ideologie. Vielmehr wird eine persönliche Unheilsgeschichte erzählt, die sich allerdings übertragen läßt. Dadurch ist das Politische ohnedies darin. Übrigens auch formal. Ich merke dem Text den >>>> Einfluß García Márquez noch immer deutlich an, Der Herbst des Patriarchen, allerdings schrieb ich chorisch, schon damals. Das war der erste Versuch in der Richtung. Ich nannte ihn, in kirchenmusikalischer Absicht, nicht Roman, sondern Lamento. Er ist insgesamt ein Klagegesang der Anklage und Selbstanklage. Den Hintergrund gab mir mein Job.
    Also morgens arbeitete ich in einem Buchhaltungsunternehmen der frühen EDV, nachmittags schrieb ich an dem Roman, abends ging ich zur Schule. In der Firma, „HaKoZe“ für „Handels-Kooperations-Zentrum“, arbeitete ein Mann, mit dem ich permanent aneinandergeriet, und zwar immer wieder aufs heftigste. Es gab Schreiereien, Kündigungsdrohungen usw. Ich kniff aber nicht, beugte mich nicht. Das machte ihn rein wahnsinnig. Die Atmosphäre war irre belastet, auch wenn das Bild hier etwas anderes behauptet (Mittagspause; bevor ich ging, spielte ich im Keller Tischtennis mit den Kollegen – tja, so sah ich aus, 1979:
    Und keine Frage, daß ich mir damals nicht vorstellen konnte, jemals noch >>>> nur noch drei Jahre bis zu den Sechzig zu haben). Jedenfalls konnte es so nicht mehr weitergehen, so daß ich beschloß, seine Geschichte zu imaginieren: Was ließ jemanden so werden, wie dieser Mann war?
    Der Roman schrieb sich in kaum einem halben Jahr, ich arbeitete wie rasend. Zu dem ja immer noch der Tagesjob und abends das Gymnasium kamen, an das sich nicht selten einige Trinkerei anschloß, zudem hier ein Flirt, dort ein Akt…
    – an L. zu denken, mit ihrer, wie Freund Andreas es nannte, „seltsam hängenden Brustkonstruktion“. Das war dann auch mein erster Dreier. Ich holte auf, kann man sagen, erotisch. Wenn ich was mache, dann auch richtig, Halbes hat mir nie gelegen, Moderates auch nicht. Zugleich war ich entsetzlich eifersüchtig und maß… nein, fühlte mit durchaus zweierlei Maß. Das hat sich dann geändert. Aber wenn ich zurückblicke, dann haben mir sexuell immer jene Beziehungen am ehesten entsprochen, in denen man sich traf, liebte und wieder auseinanderging. Was eben n i c h t bedeutet, unverläßlich zu sein; ich war nur erotisch nie treu.


    Betrunken. 1977.
    Heute weiß ich >>>> den Begriff dafür. Seelisch treu hingegen bin ich immer gewesen und durchaus so, daß es an Selbstschädigung gegrenzt hat und grenzt. So daß meine Haltung sehr weit entfernt von 68 war und ist, wer zweimal mit der Gleichen pennt. Undsoweiter.
    Also ich schrieb den Dolfinger-Roman, wiederum um einen terroristischen Akt kreisend, den ich im nächsten Roman, >>>> Die Verwirrung des Gemüts, wieder aufnehme, um schließlich, als ich den Wolpertinger anfange, einen Teil des Personals aus dem liegengelassenen RAF-Roman „Destrudo“ dahinein zu implantieren (Karl Polst, Carl Weisgeld, Günter Carstens – der für >>>> Jan Carl Raspe steht -, sowie Alexander Bertrecht und weitere; sogar Robert Großwald, mein frühes alter ego, kommt wieder vor, während ich mit der eigentlichen Hauptfigur, meinem Hans Castorp Deters, nur wenig zu tun habe). Im ersten Teil, Die Fahrt, exemplifiziert Oberst Jeremias Baumwolle sogar eine Theorie der Terroristenbekämpfung mitsamt einer Deutung der sogenannten Freitode von Stammheim. Worin ich mich übrigens selbst umbringen lasse: von Großwalds Tod ist die Rede, der „unter die Räder der deutschen Guerilla geraten“ sei.
    Tatsächlich, nicht eine Arbeit über den Wolpertinger hat diesen Nexus je berücksichtigt. Dabei zieht er sich wirklich durch fast alle Romane und viele Erzählungen. Wahrscheinlich ist die RAF sogar die stärkste meiner literarischen Prägungen überhaupt.

    Der Terrorismus – militärwissenschaftlich ist damit auch
    gemeint: die Zerstörung von Versorgungseinrichtungen, also
    Deichen, Wasserwerken, Krankenhäusern, Kraftwerken, eben kurz
    alles das, worauf die amerikanischen Bombenangriffe gegen Nord-
    vietnam seit 1965 systematisch abzielten – operiert mit der Angst
    der Massen. Die Stadtguerilla trägt die Angst in den Apparat, der
    Terrorismus macht sich die Massen zum Objekt, die Stadtguerilla
    operiert mit der Kluft zwischen Apparat und Massen –

    5.8.1975
    Nun blieb meine Nähe zur RAF theoretisch, bzw. war es eine solche, die ich poetisch nenne; die RAF selbst hätte das scharf abgelehnt. Ich teilte und teile ihre und der meisten Marxisten wie auch Anarchisten positive Sicht auf die Massen nicht, sondern für mich sind sie nicht nur im >>>> universalen Verblendungszusammenhang restlos verfangen, sondern ich lehne sie, a l s Massen, geradezu schon ontologisch ab. Widerstand, tatsächlicher, ist für mich deshalb immer der von Einzelnen gewesen, und er bleibt einzeln. In Gruppe trifft ihn bereits das Kalkül der Parteiraison, und er wird, notwendigerweise, Befehlsempfänger, der die Eigenentscheidung an eine Führung delegiert. Das ist bereits im von der RAF so gern verwendeten Begriff der Guerilla erkennbar, die eine militärische Organisationsform ist. Für mich war und ist das Militär als verdingliche Kette von Befehlen untragbar. Ich bin mir aber zugleich bewußt, daß kein bewaffneter Widerstand, der sich durchsetzen will, auf solch eine Organisationsform verzichten darf, so wenig, wie irgend eine Armee. In meinen Büchern habe ich zwar einzelne Widerstandskämpfer immer wieder betrachtet und geschildert, mich um den Widerstand als Gruppenerscheinung deshalb aber herumgedrückt; wohl aus demselben Grund blieb „Destrudo“ bis heute unbeendet liegen. Hinzu kommt, daß gerade die Mitglieder der ersten RAF durchaus nicht zu einem Proletariat gehörten, mein gezielt amoklaufender Buchhalter entstammt dem viel mehr. Mir ist insofern immer schleierhaft gewesen, woher die RAFler ihr Klassenbewußtsein nahmen. Aus der Warte marxistischer Ideologien waren sie im Gegenteil Klassenverräter, nämlich ihrer eigentlichen. Wenn man denn in diesen Strukturen denken will. Weshalb sämtliche RAF-Texte von höchst kalt-abstraktem Character sind. Man kann daran erfrieren. Nie wieder habe ich Sätze gelesen, die noch verdinglichter gewesen wären.
    Was ich dann unternahm, in meinen Romanen danach, war deshalb auch, den Texten die fehlende Person zu geben, Persönliches, Sehnsuchtsvolles, Träume, Hoffnungen, Trauer. Genau das findet sich in den Dämonen bereits bis in die furchtbare Verstiegenheit – sie ist tragisch – des >>>> Stephen Daedalus >>>> Stavrogin. So daß ich immer wieder in meine erste Prägung zurückgekehrt bin.
    Noch bin ich aber dreiundzwanzig/vierundzwanzig und verstehe das Tragische nicht. Und von der Allegorie, die mich ihm zuführen wird, erfahre ich von hier aus erst fünf Prägungen später.

    • Bruno Lampe sagt:

      Wie weit mir das damals am Rande geschah, weiß ich nicht mehr genau zu orten, auf jeden Fall gilt das medial Vermittelte. Es gab eine Zeit, in der ich in den Mittelpunkt dieses Randes geriet, heißt, ich stand auf der Wolfsburger Porschestraße und bot die Kommunistische Volkszeitung an und argumentierte entsprechend den Vorgaben der sie unterstützenden Massen, also der Farce, wie ich bald begriff. Oder verteilte Flugblätter vor den Toren des VW-Werks, von deren Inhalt ich nichts mehr weiß. Einer aus meinem Dorf apostrophierte mich mit einem „Ich hätte auch dort bleiben können.“ Heißt in der DDR, wo ich kurz zuvor gewesen wegen einer Konfirmation. Das war so 74. Das war aber alles nichts. Aus der Zeit bleibt die Einnahme Saigons (überhaupt dieses mediale Ereignis: ich hatte einen S/W-Fernseher, der das übertrug). Traumatisch eher schon der Herbst 77: ich war gerade nach Berlin umgezogen, reiste per U-Bahn nach Dahlem zur FU wegen der Immatrikulation, und dies Abendblatt, an dessen Namen ich mich jetzt nicht mehr erinnere, meldete hochaktuell das, was in Stammheim geschehen. Die bedrückte Atmosphäre werde ich nicht mehr vergessen in der U-Bahn. Es war unheimlich still. Zuvor im Sommer verdiente ich etwas Geld bei VW am Band. Schleyer war schon entführt worden. Im Tunnel zwischen Stadt und Werk die nimmermüden Flugblattverteiler des KBW, mit dem ich schon lange nichts mehr zu tun hatte (tja, ich hatte mittlerweile Arno Schmidt gelesen). Ich spürte, daß sie einer Gewalt ausgesetzt werden könnten, die ich die Jahre zuvor verbal oft und oft als Langhaariger erlebt habe. Ich habe zwar versucht, mich in die Sprache des KBW hineinzudenken, kam aber nie aus dem Rezitieren heraus. Was mit der RAF vielleicht ein wenig, aber vielleicht nicht unbedingt zu tun hat. So blieb der Film über die RAF, den ich bei meinem letzten Deutschlandbesuch im Jahr 2008 dann in Wolfsburg sah, ein Dokument über eine Zeit, die mich nicht wirklich in seinen Bann gezogen, aber vielleicht doch ein Porträt zeigte, dessen Zeitzeuge man über Schlagzeilen wurde. Eher wirkt auf mich schon die Vietnam-Geschichte nach wie vor. Nicht so sehr als Imperialismus, als vielmehr als das Verbraten einer Generation als Kanonenfutter. Der Rest ist BRD- und DDR-Muff. Nein, Träume entstanden daraus nicht. Wie Paul Reichenbach von einem Vietnamiten aus seiner Bekanntschaft einmal berichtete, der immer wieder in ein euphorisches Lachen ausbrach, wenn er erzählte, wie er einem Amerikaner das Bajonett in den Arsch gerammt. Wie er schüttele auch ich den Kopf. Was dennoch nichts daran ändert.

    • @Bruno Lampe zum langen Haar. Ich denke, wenn ich Ihrer Bemerkung „als Langhaariger“ nachsinne, daß wir die Ereignisse völlig anders erleben mußten. Tatsächlich sah ich gänzlich von außen drauf, gehörte so wenig irgend einer Gruppe zu und war vor allem musikalisch in aber auch überhaupt keiner Weise mit Gleichaltrigen verbunden, daß es mir bis heute schwerfällt, von so etwas wie „meiner“ Generation zu sprechen; ich kann sie vor allem nicht fühlen. Dadurch aber, daß ich eine sehr nahe Verwandtschaft der RAF zu Dostojewskis Dämonen wahrnahm, wurde sie geradezu eine Brücke, die mich zum ersten Mal mit meinen Zeitgenossen irgendwie verband.
      Es wäre mir nicht eingefallen, Flugblätter zu verteilen, schon gar des KBWs, ich glaubte nie an das Proletariat und schon gar nicht, daß es befreit werden wolle; eher erlebte ich es, wenn ich’s erlebte, als aber auch wirklich fest zementierten Pfeiler des Kapitalismus, bzw. als Repräsentant des universalen Verblendungszusammenhangs; seine, des Proletarismus, Schlagermusik gehörte für mich genau so dazu wie das, was man heute den Pop nennt (was es so damals aber noch nicht gab, doch gab es deutliche Vorformen, die bereits in dem jungen Presley sehr ausgeprägt waren).
      Jedenfalls hatte ich den Eindruck – oder glaube heute, ihn gehabt zu haben -, daß in der RAF ein Phänomen erschien, zu dem ich tatsächlich einmal eine auch innere Zeitgenossenschaft hätte, die mich mit anderen meines Alters verbinde. Objektiv wäre das ein Irrtum gewesen, nicht aber war es das subjektiv.
      Das euphorische Lachen gehört übrigens in die psychischen Abwehrformen des Menschen. Ich kenne einen ähnlichen Fall aus meiner Verwandtschaft; jemand erzählte immer wieder, auf Parties, fast zwanghaft von dem Fuß eines Russen, der nach der Minenexplosion allein im Schuh hoch bis zur Wade stehenblieb, „so standhaft, als hätte er sich gar nicht gerührt“: auch hierauf erfolgte stets Gelächter. Ich habe, als ich zum zweiten Mal davon hörte, eine heftige Szene gemacht, nicht ahnend damals, daß dies für diesen sehr späten Sibirienheimkehrer eine Form des unbewußten Versuchs von Verarbeitung war.

    • der profi sagt:

      das abendblatt hieß “ Der Abend “ und hatte gemeinsam mit dem Tagesspiegel die Mercator Druckerei. 1980 vom Teppichhändler? Sabet gekauft und 1981 pleite.

    • brsma sagt:

      Krieg vs. Terrorismus Mir fehlt hier, soweit ich bisher Text und Diskussion las, ein m. E. wesentliches Differenzierungskriterium: Medialität bzw. Symbolhaftigkeit. Militärische Kriegsführung richtet sich nicht primär an die Öffentlichkeit; die Propaganda gehört zwar fest mit dazu, spätestens seit dem Auftauchen der Massenmedien von Flugblatt und Zeitung über die Wochenschau bis hin zum «embedded journalism», ist den militärischen Operationen aber eindeutig nachgeordnet. (Moderner) Terrorismus dagegen – und das liegt m. E. nicht zuletzt an Ulrike Meinhof – *kann* und *will* auf militärischer Ebene gar nicht erfolgreich sein, auch im Unterschied zum Partisanenkampf, sondern ausschließlich auf medialer. Unabhängig davon, ob das damals alle innerhalb der RAF-nahen Szene begriffen hatten, wenn man sich die ganze lachhafte Widerstandskampf- und Räuberpistolenromantik mal so ansieht. Die m. E. auch eher von dem zwar offenbar charismatischen aber dafür eher geistlosen Baader beeinflusst war; reichlich narzisstisch verödeter Cowboyabenteuertyp (Baader hätte eine Generation davor sicher auch in der SS ein erstklassiges Arschloch abgegeben – aber ich schweife ab…). Der wesentliche Einfluss des Terrorismus besteht damit auch in den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die Verbreitung von Angst entstehen. Vor allem: der autoritäre Rückbau bürgerlich-demokratischer Rechte und Freiheiten. Seitens der RAF war das ja IIRC durchaus ein Teil der Eskalationsstrategie: «das System» als autoritär-faschistoides Monstrum zu entlarven, so die allgemeine Verzweiflung über dieses zu vergrößern und damit letzlich eine Revolution zu provozieren. Vermaledeite Verblendung. Eine Verblendung der später dann z. B. Al Qaida m. E. überhaupt nicht unterlag: die paranoid-autoritären Einschränkungen, die wir in den westlichen Gesellschaften seit 2001 hinnehmen mussten, dürften aus deren (rein destruktiver) Perspektive ein voller Erfolg gewesen sein. Und zwar mittels eines perfekt orchestrierten Medienspektakels! Der *eigentliche* Terrorismus fand und findet auf rein symbolischer Ebene statt; den Massenmord beim Einsturz des WTC begreife ich dabei als reines Mittel zu Zweck: zusätzliche Steigerung des Sensationswertes (im Prinzip hätten die beiden Türme an sich schon ausgereicht, als Zeichen).

      Deswegen ist auch z. B. ein kriegsverbrecherisches Massaker wie das von My Lai definitiv *nicht* als Terrorismus zu klassifizieren, weil keinerlei Absicht zur medialen Verwertung bestand – ganz im Gegenteil. Dito der Einsatz von Napalmbomben und Agent Orange – hier stand meines Wissens der klassische militärische Nutzen an allererster Stelle, die menschenverachtenden Wirkungen darüber hinaus wurden «nur» billigend in Kauf genommen. Grenzwertig wiederum wären in dieser Hinsicht z. B. teilweise der Vernichtungskrieg der Wehrmacht (v.a. die Partisanenbekämpfung in Osteuropa und auf dem Balkan), sicherlich die deutschen Bomben- und Raketenangriffe auf die britische Zivilbevölkerung, deren Erwiderung durch die britischen Innenstadtbombardements, sowie die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki. Insgesamt handelt es sich dabei aber dennoch eher um Randerscheinungen militärischer Kriegführung, nicht um deren Kern.

      P. S.: Die Frage der Machtverhältnisse zwischen Terroristen und Staatswichteln lässt sich übrigens mindestens im Fall Al Qaidas diametral entgegengesetzt zu den gängigen Verschwörungstheorien beantworten: Rechtsrückbau, Freiheitsbeschränkungen, Homeland Security & Co., die sich ja im wesentlichen gegen die *eigene* Bevölkerung richten, sind aus terroristischer Perspektive ein *erfolgreiches Ergebnis*. Die Fraktion der Haudrauf-Büttel in Verwaltung und Regierung reagiert dank ihrer geistigen Einfalt ja schließlich wunderbar simpel und vorhersagbar, ist also dementsprechend auch vergleichsweise leicht durch Terrorismus zu steuern.

  2. J.K. sagt:

    Die Revolution ist kein Deckchen hegeln … Ohne Hegel ist die RAF nicht verstehbar:

    „Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkanntseins als eines selbständigen Selbstbewußtseins nicht erreicht. […]
    Durch den Tod ist zwar die Gewißheit geworden, daß beide ihr Leben wagten und es an ihnen und an dem Anderen verachteten; aber nicht für die, welche diesen Kampf bestanden.“ G.W.F. Hegel – Phänomenologie des Geistes – Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft

    • @J.K. zu Ohne Hegel. Das ist sicherlich richtig. Allerdings muß „das Leben zu wagen“ nicht gleichbedeutend mit der Teilnahme an einem bewaffneten Widerstand sein, schon gar einem, bei dem nicht heraus ist, ob es es tatsächlich ist. Allerdings muß diese Frage gestellt werden dürfen und auch, wenn sie es n i c h t darf, gestellt werden: was wiederum „das Leben wagen“ könnte.

    • tom sagt:

      @ Hegel
      „Ich mag nur Revolutionäre, denen der Boden unter den Füßen brennt.“ B.B.

      Der oben vertretene Rechtspositivismus ist richtig und lässt kalt erkennen, dass hinter dem Medusenhaupt des Rechtes immer die Macht steht.
      Hierzulande -und es ist noch gar nicht so lange her- war die Verfassung einmal das Wort des Führers.

  3. Ich habe zwar noch nicht zu Ende gelesen, möchte aber trotzdem einen Widerspruch formulieren:

    Es kommt dann zu den mittlerweile sehr bekannten neuen Formen der Kampfführung, zu Guerilla, asymmetrischem Krieg usw., die vom Gegner seiner Position nach als Terrorismus bezeichnet werden, während die Niedermetzelung ganzer Dörfer mitsamt Greisen und Kindern innerhalb der konventionellen Kriegsführung zwar, und auch nicht in allen Fällen, unter Kriegsverbrechen fällt, n i c h t aber als Terrorismus gilt.

    Ich glaube, dass das so nicht (mehr?) gilt: Man spricht etwa von der Zeit des großen Terrors unter Stalin oder dem Terror der Nationalsozialisten. — Vielleicht ist es sinnvoller Terror und Terrorismus von der Absicht der Akteure und nicht deren Zahl oder Position zu bestimmen. Terror hat ein (politisch-weltanschauliches) Ziel, will es, unter Verbreitung von Angst und Schrecken, mittels Mord und Totschlag, durchsetzen. Gewalt ist ihm Mittel, kein Selbstzweck und vom Krieg unterscheidet ihn die Rücksichtslosigkeit und die Radikalität der Mittel (wobei die Grenzen verschwimmen können, keine Frage).

    • @Metepsilonema. vom Krieg unterscheidet ihn die RücksichtslosigkeitDann lesen Sie mal die Videtnam-Protokolle bei Sartre und Russell nach. Aber insgesamt scheinen Sie eine sehr vornehme Vorstellung vom Krieg zu haben, der spätestens seit dem Ersten Weltkrieg eine strategisch ganz bewußte Gewalt gegen Zivilpersonen gewesen ist. Genau das nennt man Terror. Ich kann Folterungen, etwa durch die USA, nicht als weniger terroristisch ansehen als die Ermordung Schleyers. Um das zu tun, müßte man schon einen einsichtigen Grund haben. Selbstverständlich haben auch Kriege ein politisch-weltanschauliches Ziel. Der Terrorismus will etwas vermittels Mord und Totschlag und Schrecken durchsetzen, der Krieg vermittels Massenmord und Massentotschlag, sowie durch einen Schrecken, der entgegen dem Terrorismus ein absolut permanenter ist.

    • tom sagt:

      Um auf 50 000 000 Millionen Tote zu kommen innerhalb von sechs Jahren muss ich von mehr als 20 ooo Toten am Tage ausgehen. Ob ein von kleinen Gruppen ausgeübter Terror rücksichtsloser sein kann, wage ich zu bezweifeln.
      Ich möchte hiermit aber keinesfalls der Banalität der großen Zahl vorschub leisten.

    • @ANH Dann lesen Sie mal die Videtnam-Protokolle bei Sartre und Russell nach. Aber insgesamt scheinen Sie eine sehr vornehme Vorstellung vom Krieg zu haben, der spätestens seit dem Ersten Weltkrieg eine strategisch ganz bewußte Gewalt gegen Zivilpersonen gewesen ist. Genau das nennt man Terror. Ich kann Folterungen, etwa durch die USA, nicht als weniger terroristisch ansehen als die Ermordung Schleyers.

      Lassen Sie bitte die autoritären Argumente. Danke. Ich denke nicht, dass ich etwas anderes schrieb. Kriegsverbrechen gibt es jedenfalls, d.h. selbst für Kriege Regeln (der Versuch ein Minimum an Humanität zu gewährleisten) — und werden die nicht beachtet, dann verschwimmt die Grenze zum Terror (s.o.). Terrorismus respektiert diese minimale Grenze nicht, er ist rücksichtsloser in dem Sinn, dass er nicht Rücksicht darauf nimmt, gegen wen er sich richtet — er dient seinem Ziel mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

      Sie haben natürlich recht, Kriege haben auch weltanschauliche oder politische Ziele (sie stehen aber möglicherweise in einem etwas anderen Bezug zu ihnen).

    • @ Metepsilonema. Sie haben, glaube ich, nicht richtig verstanden. Der Terror gegen die Zivilbevölkerung ist strategisches K a l k ü l einer jeden modernen Kriegführung geworden; der Pardigmenwechsel fand im Ersten Weltkrieg statt. Der Krieg respektiert überhaupt keine Grenze – es ist mir auch nicht erinnerlich, daß, ich beharre darauf, die USA sich jemals hat für geplante Kriegesverbrechen, My Lai etwa, verantworten müssen, um von den Napalmeinsätzen einmal zu schweigen. Und bei Mrs Albright waren die 500.000 verendenden Kinder ein Kollateralschaden, den man ganz bewußt einkalkuliert hat.
      Wir wissen heute auch sehr genau, daß sich Grenzen im Krieg gar nicht mehr einhalten lassen, siehe zu.B. Hiroshima und Nagasaki – auch das waren bewußte und für lange Zeiten nachwirkende terroristische, Verzeihung: selbstverständlich rein kriegerische Einsätze, deren Wirkung auf Babies, Kinder, Mütter, alte Menschen, Tiere usw., doch eigentlich gar nicht auf feindliche Soldaten von vornherein bekannt war.

    • Esoterischer Friedensengeo sagt:

      Was immer ihr hier diskutiert, hut app, nich schlimm, beizeiten sogar säär ergiebig..
      Aber: Euer Diskurs ist Vergangenheit. So sehr, dass es schon müffelt.
      Versucht euch doch einfach mal in der Gegenwart.

    • @ANH Die Existenz von Kriegsverbrechen und ihre Verantwortung, ist zweierlei (von letzterem habe ich nirgendwo geschrieben). — Ich würde gerne versuchen, die Begriffsverständnisse aufzuhellen, sehen man sie verstehen kann, wie sie gebraucht werden, aber nicht darüber streiten (ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen oder rechtfertigen).

      Trotz Ihrer unnotwendigen Polemik eine Frage: Hat das Inkaufnehmen ziviler Tote („Kollateralschaden“), weil man ein militärisches Ziel erreichen will (die Bekämpfung von Verteidigungsanlagen, z.B.) und die Massenvernichtung von Zivilisten (und zwar nur von Zivilisten) für Sie unterschiedslos dieselbe Qualität? Im vergangenen Irakkrieg lassen sich für ersteres sicher Beispiele finden, für zweiteres können die Atombombenabwürfe stehen oder auch der Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht.

      Selbstredend ist keine der beiden Vorgangsweisen zu rechtfertigen, aber sie unterscheiden sich doch von einander, oder?

    • tom sagt:

      Die Regeln zur Einhaltung bestimmter Grenzen im Kriege wurden und werden in den sogenannten Friedenszeiten gemacht. Aus der Vergangenheit kann man lernen, dass und wie Kriege unkontrollierbar sind. In diesem Sinne ist der Krieg eben nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern deren Scheitern, d. h. die größtmögliche Differenz zwischen der Politik und dem Politischen

    • Kienspan sagt:

      @Metepsilonema Ich erbitte, meine Einmischung erdulden zu wollen.
      Herbst hat recht. Seit dem 1. Weltkrieg werden praktisch keine Kriegserklärungen mehr übergeben und seit dem Briand-Kellogg-Pakt (1928) soll das auch gar nicht mehr möglich sein. Es wird schließlich ein generelles Gewaltverbot gesatzt in Artikel 2 Ziffer 4 der Charta der Vereinten Nationen. Das „ius ad bellum“ ist endgültig beseitigt und der ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ nichts anderes, als unverschämter staatlicher Gegenterror.

      Abgesehen davon hinkt Ihre Gegenüberstellung der Bekämpfung von militärischen Zielen mit der absichtsvollen, massenhaften Tötung von Zivilisten enorm. Wenn Sie in der jüngeren Zeitgeschichte die Gesamtanzahl der getöteten Zivilisten jeder „Vorgangsweise“ aneinander stellen, wird die Zahl der „kollateral“ Getöteten bei weitem überwiegen, und zwar weltweit, alleine schon wegen der schieren Anzahl an militärischen Einzelaktionen. (Von Armeeteilen ausgeführte) Massaker hingegen werden publikumswirksam aufgemacht. Die Serben beispielsweise leiden kollektiv bis heute darunter, wie Gregor Keuschnig so treffend in seiner „Tatort“-Kritik aufzeigte und den Toten ist es egal, ob sie beabsichtigt oder unbeabsichtigt starben. Doch muss zugestanden werden, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal wohl existiert: Massaker werden aus nächster Nähe verübt, Kollateralschäden aus sicherer Distanz verursacht. Die Frage danach, was unmoralischer sei, ist obsolet, wie ich meine.

      Die Wurzeln dieser Ausprägung von Gewalttätigkeit werden langsam, doch unaufhaltsam sichtbar – das groteske Geldsystem nämlich, das niemand durchschauen will. Es lohnte meiner unbescheidenen Meinung nach wesentlich mehr, sich d a r ü b e r den Kopf zu zerbrechen, da wir uns weltweit wieder in einer Phase gefährlichster Eskalation befinden.

      Nachträglich noch an ANH gerichtet: Es sind üblicherweise Tiere, die „verenden“. Kinder sterben. Die Formulierung ist missglückt.

    • tom sagt:

      Auch stößt die ökonomische Globalisierung mehr und mehr an die Grenzen des Machbaren, weshalb global agierende Unternehmen untereinander in eine Konkurrenz um wohlfeile Arbeistkräfte geraten. Diese Unternehmen, sofern sie unterliegen, kehren in ihre jeweiligen Nationalstaaten zurück. Gleichzeitig versuchen unter Druck geratene Unternehmen über die Politik ihrer Herkunftsländer Arbeitsmärkte zur Auslagerung von Produktionseinheiten zu sichern. Die jeweiligen Nationalstaaten geraten in ein unvorhersehbares Spannungsverhältniss.
      Zwar gab es bisher noch nie einen Krieg zwischen Ländern mit parlamentarischen Demokratien. Aber nach einer gewissen Logik impliziert eine solche Entwicklung durchaus Kriegsgefahr, wenn anders aus dem Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik historisch etwas gelernt werden kann.
      Wenn selbstreferenziell beschäftigte Politikanten sich mehr als sicher fühlen bedeutet das noch gar nichts.

    • Kienspan sagt:

      @tom Ich stimme Ihnen zu, dass die Grenzen des Machbaren eben erreicht werden. Das liegt in der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen begründet, die dem weiteren notwendigen Wachstum entgegensteht. Denken Sie nur an die bereits eingetretene Stagnation der Erdölförderung und die Folgen des zu erwartenden Rückganges derselben. Ergänzend muss allerdings erwähnt werden, dass die Grenzen des Machbaren sehr weit hinter der Linie des sinnvoll Notwendigen liegen.

      Das Grundübel besteht darin, dass unsere alltäglich erforderlichen Zahlungsmittel von privaten Banken zinsbelastet über Kreditvergaben mittels einfachster Buchungssätze hergestellt werden. Die erforderliche Zinsgeldmenge wird jedoch nicht gleichzeitig bereitgestellt. So kommt es, dass nach Rückzahlung allen geschöpften Geldes immer noch (Zins)Schulden beim Bankensystem bestehen blieben, obwohl sich keine Zahlungsmittel mehr in Umlauf befänden. Wegen dieser Differenz, welche einer Exponentialfunktion folgend steigt, entflammen am Ende gewalttätige Auseinandersetzungen; dann nämlich, wenn sie nicht mehr erwirtschaftet, oder besser: von allen erarbeitet werden kann. Das ist seit Jahrhunderten so. An Kriege zwischen parlamentarischen Demokratien glaube ich indes nicht, insbesondere nicht in Europa. Wohl aber sehe ich in naher Zukunft innerstaatliche Konflikte eskalieren, auch in D.

      Ich will aber mit meiner Einlassung den Rahmen der „Prägungen“ nicht sprengen, weshalb ich dieses Thema hier nicht fortzusetzen beabsichtige.

    • @Kienspan zum Verenden. Nein, Herr Kienspan. Die Formulierung ist insoweit „gelungen“ (d a s Wort ist zynisch), als sie genau sagt, was gesagt werden muß, „Sterben“ zu schreiben, wäre ein Euphemismus. Sie kratzen ab, sie verrecken, sie verenden. Von irgend einer Form natürlichen Sterbens kann keine Rede sein.
      In Hinsicht auf das Kapital gebe ich Ihnen freilich unumwunden recht. Und zu Ihrer Sicht auf Kriege sowieso. Der Begriff „Verteidigungskrieg“ etwa, den unsere Verfassung noch vorsah, ist unterdessen auf schlimmste Weise korrumpiert, und auch da spielten die USA die Vorreiterrolle, indem sie, letztlich, Hitlers Idee von Krieg beerbt haben.

    • Kienspan sagt:

      @ANH das habe ich nun vollends verstanden und kann auch Ihre dahinter stehende Haltung (die ich übrigens aus Überzeugung teile) fassen. Insofern ist die Formulierung nicht missglückt, sie schien mir bloß so (wie ich zutreffender hätte formulieren können)

    • @Kienspan Ich glaube der Dissens ist weit geringer als es scheint. Ich versuche zu verstehen, ob sich der Terror als Begriff (und dazu gehört auch die dahinter stehende Absicht) vom Krieg unterscheiden lässt. Selbstverständlich hat sich der Krieg über die Jahrhundert verändert und der moderne wurde dem Terror durch die Möglichkeit der Massenvernichtung immer ähnlicher. Aber ist er es schon in jeder Hinsicht? Ist jeder Infanterist des ersten oder zweiten Weltkriegs (um die allzu abstrakte Ebene einmal zu verlassen) ein Terrorist gewesen? Gibt es da vielleicht nicht doch Unterschiede (auch wenn die in der Realität fließend sind, spricht das schon dagegen sie theoretisch zunächst einmal etwas grob und plakativ zu fassen)?

      Für die Toten ist die Absicht egal, völlig richtig.

    • @Metespilonema zu Soldaten als Terroristen. Ist jeder Infanterist des ersten oder zweiten Weltkriegs (…) ein Terrorist gewesen?Nein, ganz sicher nicht, und zwar auf keiner der kämpfenden Seiten. Wiewohl es innerhalb der kämpfenden Seiten auch Terroristen gab, um sowohl an die furchtbaren Übergriffe der deutschen Wehtmacht als auch an diejenigen etwa der Siegreichen Armee zu erinnern, wie der anderen Beteiligten ebenfalls. Nur unterdessen kommt es gar nicht mehr darauf an, was jemand ist, der Soldat wird; vielmehr stellt er sich mit dem vollen Wissen über die Möglichkeiten der Massenvernichtung insbesondere von Zivilisten in den Dienst; insofern ist kein Soldat heute mehr von einer Verantwortung am Terrorismus freizusprechen, es sei denn, er verweigert entsprechende Befehle oder unterläuft sie subversiv.
      Worauf es mir ankommt, ist die Klarstellung, daß die moderne, also zeitgenössische Kriegführung auf die Vernichtung von Zivilbevölkerung aus ist; es ist ihr allererstes Ziel. Denn es geht darum, den Gegner dadurch zu schwächen, daß er an Halt in den eigenen Reihen verliert. Eben so definiert sich aber der Terrorismus. Die Frage, ich ich oben stellte, zielt indes in eine andere Richtung: Wie soll sich eine kleine Gruppe von Widerständlern, oder ein kleines Land, gegen den Angriff eines großen verteidigen anders als durch Guerilla-Strategien? Also wie lassen sich „kleine“ Interessen gegen „große“ verteidigen, die allein deshalb groß sind, weil sie nach Zahl, Kapitalkraft und militärischer Zuschlagsbefähigung der anderen ohnedies überlegen sind? In diesen Kontext gehört übrigens auch sehr genau >>>> das dort. Ganz unterm Strich geht es um die Frage, wie ein Widerstand innerhalb des Totalitären möglich ist anders als durch Guerillakampf. Ab dem Moment, da die großen Kapitalinteressen nicht nur die direkte Politik, sondern durch Manipulation und sehr früh beginnende Prägung der Menschen zum Konsum bestimmen, wird jedes demokatische Argument hinfällig. Die meisten Menschen wollen dann ja das, was die Totalität ist. Am Siegeszug des Pops ist das ebenso deutlich ablesbar wie an Facebook,. Schauen Sie sich einmal die Mathematik-Lehrbücher für die ersten Klassen an; Sie werden erschrecken. Hier werden ganze Generationen bereits auf den konsumistischen Kapitalismus abgerichtet. Wenn Sie als einzelner, wie ich tat, dagegen auf Elternversammlungen protestieren, werden Sie ebenso für einen Freak gehalten, und zwar auch von den meisten anderen Eltern, wie wenn Sie zum Ausdruck bringen, daß es grauenvoll ist, Kinder das Volkslied nur noch in verpopten Versionen zu lehren. Alle Fragen, die sich später stellen, haben bereits hier ihre fremd-, nämlich von Kapitalinteressen gelegten Fundamente.
      Um es aber noch einmal deutlich zu sagen: Es geht in der militärischen Zielrichtung nicht in erster Linie um der Zerstörung militärischer Anlagen des Feindes, wobei es zu sog. Kollateralschäden kommt, sondern diese selbst sind Mittelpunkt des Kalküls. Militärische Anlagen eines Feindes zu zerstören, ist für moderne Hochtechnologie ein Klacks der Zielgenauigkeit. Will sagen: die sind gar nicht wichtig. Sondern wichtig ist der Kriegsführung als allererstes die sogenannte Demoralisierung des Volkes der gegnerischen kriegführenden Partei. Man kann sagen, daß etwa der militante Islamismus genau das vom Westen gelernt hat, was kein Wunder ist, ist doch etwa Al Qaida ein direktes Ergebnis westlicher Machtpolitik. Aus ihr hat sie gelernt, da ist sie ausgebildet worden. Vergessen Sie nie, daß Bin Laden ein Söldner war des Westens, mit Grimmelshausen gesprochen: ein Landsknecht. (Der dreißigjährige Krieg ist das Vorbild, er arbeitete bereits intensiv mit dem, was wir heute outsourcing nennen; da oft kein Sold gezahlt wurde, bestand der Sold in der Freigabe eroberter Gebiete für die Plünderung, was die unterworfenen Frauenkörper mit einschloß. Neu an dem allen, seit dem Ersten Weltkrieg, ist die bewußte Planung des Terrors im Krieg.)
      Sie können auch in den R.A.F.-Texten einiges dazu finden. Deshalb ist unsere Diskussion an dieser Stelle hier auch völlig richtig am Platz.

    • tom sagt:

      Aus Vernunft wird Unsinn, aus Wohltat Plage. Es ist wirklich etwas Seltenes und eminent Humanes, Menschen dahin zu bringen, auf eine Diskriminierung und Diffamierung ihrer Feinde zu verzichten. Dies war in Europa mit den Hegungen des Krieges i d e a l i t e r gelungen. Aber der einmal entfesselte Krieg gebiert erst die Feindschaft:
      So sind „im Jahre 1914 die Völker und Regierungen Europas ohne wirkliche Feindschaft in den ersten Weltkrieg hineingetaumelt. Die wirkliche Feindschaft entstand erst aus dem Kriege selbst, der als ein konventioneller Staatenkrieg des europäischen Völkerrechts begann und mit einem Weltbürgerkrieg der revolutionären Klassenfeindschaft endete. Wer wird es verhindern, daß in einer analogen, aber noch unendlich gesteigerten Weise, unerwartete neue Arten der Feindschaft entstehen, deren Vollzug unerwartete Erscheinungsformen eines neuen Partisanentums hervorruft?“ (Carl Schmit, Theorie des Partisanen)
      Im Vergleich zu einem derartigen Krieg ist der nach anerkannten Regeln verlaufende, gehegte Krieg des klassischen europäischen Völkerrechts nicht viel mehr als ein Duell zwischen Kavalieren.
      Begriffe sind Merkmaleinheiten und sollten auch als solche verstanden werden. Indem Begriffe real-einzelne Merkmale praktischerweise zusammenfassen sind sie Werkzeuge der Vernunft. Sie sind nicht die Stadthalter historisch überholter Verhältnisse. Beziehen sich Begriffe auf die Vergangenheit, so sind sie nur im Kontext einer methodisch erst zu rekonstruierenden Historie sinnvoll (oder auch nicht sinnvoll). Für die begriffliche Bestimmung gegenwärtigen Phänomene ist jedoch die Anstrengung der Analyse ohne Unterlass erforderlich.

    • Kienspan sagt:

      @Metepsilonema Wenn Sie danach fragen, ob jeder Infanterist […] ein Terrorist gewesen sei, möchte ich antworten: nicht jeder, aber mancher. (im übrigen trage ich ANHs Argumentation vollinhaltlich mit)

      Ich möchte aber mein Unbehagen nun umweglos formulieren: Im Zusammenhang mit Terrorismus von Massenvernichtung zu sprechen, ist nach meinem Verständnis nicht haltbar. Als vor gut zehn Jahren (9/11) in einem einzigartigen verbrecherischen Anschlag über 3.000 Menschen ihr Leben verloren, lag die Opferzahl dieses Angriffs bei knapp 1/20 der erfassten Suizidfälle – man beachte die Auswirkungen. An die 60.000 Menschen, das sind mehr als 1.000 pro Woche, starben dort in jenem Jahr ohne jegliche Fremdeinwirkung, so wie in den Jahren zuvor und danach, und viele von ihnen starben aus demselben Grund, weswegen in Afghanistan oder im Irak „legitimerweise“ Menschen zu Tode gebracht wurden: verletzte wirtschaftliche Interessen (das ist doppelbödig gemeint) – man beachte die Auswirkungen. In Srebrenica wurden viele Jahre zuvor innert Wochenfrist 8.000 Menschen ermordet – man beachte die Auswirkungen.

      Während sich die einen ohnmächtig suizidieren, kämpfen die anderen in den Tod. D a s ist doch die angemessene Vergleichsbasis. Ich gebe die Frage nun umgeformt zurück: ist der hoffnungslose Suizid aus wirtschaftlichem Grund abzulehnen, der terroristische Kanpf aus wirtschaftlichen Grund, oder am Ende gar das verletzte wirtschaftliche Interesse selbst?

      Nach meiner Auffassung wird das Phänomen „Terrorismus“ in seiner Bedeutung überbewertet und ideologisch missbraucht. Gegen das Phänomen „Hungertod“ wird beispielsweise weit weniger energisch vorgegangen, obwohl die Todesopferzahlen gänzlich anderes nahelegten. Und um jegliches Missverständnis unfreundlicher Mitleser hintanzuhalten: ich lehne jede Form von Gewalt, besonders aber die wirtschaftliche Spielform, ab.

    • tom sagt:

      Der Selbstmord ist etwas anderes @Kienspan

      Jeder hat das Recht zu verschwinden.

    • Kienspan sagt:

      @tom Ich bitte Sie, Ihre Aussage zu überdenken.

    • „Selbstmord“, zu den Disputanten. Hier ist erst einmal zu bestimmen, was mit diesem Wort gemeint ist. Es kann nämlich mehrerlei, und sehr verschieden motiviertes, meinen.
      Unabhängig davon geht es in unserer bisherigen Diskussion aber, so legt es auch der Text zur R.A.F. nahe, um etwas anderes. Die Opfer von Krieg und Terrorismus legen nicht Hand an sich selbst. Deswegen führte eine Diskussion um den Freitod von der eigentlichen Fragestellung, die aber selbstverständlich komplexe Antworten braucht, hinweg.

    • tom sagt:

      Ich behaupte, dass es für den Suizid keinen Grund gibt. Aber wer wüsste es nicht: Mit der Grundlosigkeit steigt die Tiefe von Traurigkeit und Schwermut direkt proportional. Das aristotelische „nichts geschieht ohne Grund“ ist hier bedeutungslos.
      Grundlose Kriege hingegen gibt es nicht.

    • @tom zu den Gründen. Doch, solche Gründe kann es geben. Einen, der mich mit viel Achtung erfüllt, ist der, den Gunter Sachs genannt hat: „Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.“ Ich hoffe, das Stilvermögen und den Mut zu haben, es im Falle ebenso zu halten, falls auch mich solch ein Schicksal zu drohen trifft. Bei Alzheimer muß man in jedem Fall rechtzeitig entscheiden, nämlich noch dann, wenn die Krankheit einem das Ich noch nicht eingeschränkt hat, also in noch fast ganz gesundem Stadium.
      Es gibt weitere Gründe.
      Was die Grundlosigkeit anbelangt, haben Sie selbstverständlich recht; zu ihr zählt die klinische Depression, über deren von mir scharf kritisierte Idealisierung >>>> dort nachdrücklich diskutiert worden ist.

    • Ich werde mich abends noch einmal ausführlicher melden, möchte mich aber ANH anschließen und bitten die Thematik um den Selbstmord erst einmal auszuklammern.

    • @ANH Worauf es mir ankommt, ist die Klarstellung, daß die moderne, also zeitgenössische Kriegführung auf die Vernichtung von Zivilbevölkerung aus ist; es ist ihr allererstes Ziel. Denn es geht darum, den Gegner dadurch zu schwächen, daß er an Halt in den eigenen Reihen verliert.

      Es ist sicher ein Ziel, das angestrebt wird, aber nicht in dieser Direktheit zuallererst. Aus zwei Gründen: Erstens hat der zweite Weltkrieg gezeigt, dass das nicht unbedingt erfolgreich sein muss (es kann den gegenteiligen Effekt haben) und zweitens schadet es dem Ansehen des Siegers, das auch eine Rolle spielt, bzw. die eingesetzen Mittel über den Kriegseintritt anderer Parteien mit entscheiden. Ich würde daher etwas schwächer formulieren, dass die moderne Kriegsführung dort, wo es nützt tote Zivilisten (auch in Massen) ohne weiteres in Kauf nimmt. Aber schon aus strategisch-politischen (nicht ethischen) Überlegungen kann ein anderes Vorgehen geboten sein.

      Die Frage, ich ich oben stellte, zielt indes in eine andere Richtung: Wie soll sich eine kleine Gruppe von Widerständlern, oder ein kleines Land, gegen den Angriff eines großen verteidigen anders als durch Guerilla-Strategien? Also wie lassen sich „kleine“ Interessen gegen „große“ verteidigen, die allein deshalb groß sind, weil sie nach Zahl, Kapitalkraft und militärischer Zuschlagsbefähigung der anderen ohnedies überlegen sind? […] Ganz unterm Strich geht es um die Frage, wie ein Widerstand innerhalb des Totalitären möglich ist anders als durch Guerillakampf.

      Guerillakampf ist nicht notwendig Terrorismus; der Kleine hat gegen den Großen aber oft keine andere Wahl, ja. Aber Vorsicht: Hieraus lässt sich sehr leicht eine Erzählung, die Legitimation für Terror ist, stricken (kann nicht fast jede Terrorgruppe eine solche Geschichte auftischen, die die Gewalt gegenüber dem sogenannten Gute rechtfertigt?).

      Ab dem Moment, da die großen Kapitalinteressen nicht nur die direkte Politik, sondern durch Manipulation und sehr früh beginnende Prägung der Menschen zum Konsum bestimmen, wird jedes demokatische Argument hinfällig.

      Mir behagen solche Interpretationen nicht, und zwar nicht weil sie nicht teilweise zutreffend sind, sondern, weil sie selbst wiederum auf das Eine zielen, eine einzige Erzählung, die alles erklärt und wertet — das ist sehr, sehr verlockend, schön, rund, sauber, die eine Wirklichkeit. Ist der Terrorismus selbst nicht wieder eine totalitäre Antwort? Ich verstehe Ihre Einwände und Bedenken, teile fast alles was sie schreiben, aber ich erlebe auch immer wieder, das alles nicht so einfach ist und es genügend Menschen gibt die nicht nur Konsumenten sind. — Und wenn wir schon dabei sind, wertet der Begriff Konsument die Menschen nicht allzu schnell und leicht in einer erschreckenden Weise ab? Als wären sie nichts mehr wert, weil sie einem bestimmten Bild (vom Menschen) nicht mehr genügen — mir jedenfalls scheint das manchmal der Fall zu sein.

      Die Legitimität von Widerstand steht im Zusammenhang mit der Wahl der Mittel und der jeweiligen Situation — je extremer die Lage, desto eher lassen sich drastische Mittel rechtfertigen und da sieht die RAF nicht gut aus.

      Ich sehe einige Übereinstimmungen: Die gezielte Vernichtung von Zivilisten als Kennzeichen von Terrorismus unabhängig davon wer oder wie viele es tun (Armeen oder selbsternannte Kämpfer), die Mitverantwortung des einzelnen Soldaten, aber auch seine Möglichkeit direkte Beteiligung an terroristischen Akten zu verhindern. Noch ungeklärt ist, welche Situation welche Mittel erlaubt — kann Terror unvermeidlich sein?

      @Kienspan
      Man muss in diesem Zusammenhang schon von Massenvernichtung sprechen, weil Waffen, die diese ermöglichen, terroristische Akte begünstigen. Eine Sprengsatz gibt einem Einzelnen „ungeahnte“ Möglichkeiten — diese Waffen machen ihn mächtiger.

      Krieg, auch terroristischer, hat oftmals wirtschaftliche Gründe, aber das ist nichts umwerfend Neues — worauf genau wollen Sie hinaus?

      Nach meiner Auffassung wird das Phänomen „Terrorismus“ in seiner Bedeutung überbewertet und ideologisch missbraucht.

      Auch wenn Sie an den zweiten Weltkrieg, den Terror der Nationalsozialisten und an die Opfer des Kommunismus denken? — Ideologisch unterfüttert, ja. Hungertote sind, wenn nicht von anderen Menschen bewusst herbeigeführt oder gefördert, insofern etwas anderes weil hier keine Tötungsabsicht existiert (für die Toten spielt das allerdings keine Rolle).

    • tom sagt:

      Es sind allerdings gültige geschichts- u. sozialwissenschaftliche Aussagen bezüglich des spezifischen Verhaltens von Gruppen, Schichten und jener großen gesellschaftlichen Verbände, die da Klassen heißen – möglich.
      Jedes konkret einzelne Individuum muß deshalb nicht subsumiert sein. Dies ist eine ganz andere Frage.

    • @Metepsilonema zur Wahl der Mittel. Wir sind imgrunde gar nicht uneins. Ich formuliere nur normativer, was damit zu tun hat, daß die andere Seite normativ formuliert. Werde ich relativ, schwächt das die Position. Vielmehr ist meine – die, die hier u.a. laut wurde; es gibt auch andere Argumente, die ich anderswo publizierte – Haltung eine, die in die unbedingte und vorherrschende Haltung des sog. „Kriegs gegen den Terror“ gehört – als Gegenposition. Aus beiden Positionen wird sich eine nächste Haltung entwickeln, nicht aber, wenn ich dem Gegner sogleich mein Fingernägelkauen vorführe, derweil er schon entschlossen nachlädt.
      Tatsächlich ist doch wohl deutlich, daß ich selbst keineswegs zu den als solche definierten Waffen gegriffen, sondern – Bücher geschrieben habe und sie weiterschreibe, Bücher, die in ihren Positionierungen Fragen aufwerfen und sie immer wieder bedingt beantworten.
      Was „da sieht die RAF alt aus“ anbelangt, bin ich im Zweifel, tatsächlich – nicht, was die Situation in der BRD anbetraf, ganz unabhängig von der Nazi-Vergangenheit Schleyers und seiner von Schmidt, dem Sozialdemokraten, betonten Freundschaft mit und zu ihm, sondern was die späteren Folgen eines schließlich fast völlig ungebremsten Kapitalismus anbelangt, von denen, daß Kohl von Spanien aus die Soziale Marktwirtschaft zerschlagen konnte und der andere Sozialdemokrat, Schröder, die Freundschaft zu einem Völkermörder pflegt, noch zu den geringfügigsten gehören. Man kann durchaus Belege dafür finden, daß Meinhoff, Ensslin, Raspe so etwas vorauszusehen einige Indizien hatten. Das nun heißt aber nicht, daß ich die von ihnen gewählte Form des Widerstands für opportun gehalten hätte – ich fand und finde sie aber begreiflich.
      Nach wie vor, ja immer brennender interessiert mich bei alledem, was in den abermals der Öffentlichkeit auf Jahre vorenthaltenen Adenauer-Verträgen steht. (Eine opportune Form des Widerstands leistet in meinen Augen >>>> Assange; daß ihn >>>> Stein in seinem neuen Roman zur Romanfigur macht, ist mehr als nur gerechtfertigt. Ich wünschte mir als Widerstandsform einen Außerparlamentarischen Geheimdienst, der sich z.B. diese Verträge in einem informationsdienstlichen Meisterstück – besorgt, um es dann öffentlich zu machen.)

    • Wir sind imgrunde gar nicht uneins.

      Nein, wir haben nur recht lang gebraucht es zu bemerken — allerdings war es nicht unergiebig.

      Hm, ich meinte keineswegs, dass Sie zu Waffen gegriffen hätten, falls das so angekommen sein sollte. — Das „da sieht die RAF alt aus“ bezog sich auf den gewählten Weg der Gewalt, den ich für nicht gerechtfertigt sehe. Zudem spielen sicherlich psychische (gruppendynamische) Aspekte mit herein (die Gewaltanwendung und die zugrunde liegende Ideologie müssen nicht direkt ursächlich zusammenhängen).

      Ich sehe unsere Zeit widersprüchlich: Der allgemeine Wohlstand hat uns einerseits „frei von Existenzängsten“ gemacht, was theoretisch kreative, gestaltende, u.ä. Kräfte (für die Allgemeinheit) freilegen könnte (und auch tut), bzw. eine Basis für sie schafft, andererseits bedroht er sie gleichzeitig wieder (Konsum, Betäubung, Übersättigung,…). — Ich weiß nicht, ob man dieser Gefahr überhaupt entkommen kann, denn Wohlstand kann selbst in Form eines Grundeinkommens korrumpieren (aber trotzdem Vorsicht, hier steht wieder ein bestimmtes, wünschenswertes Menschbild im Hintergrund).

      Ja, Assange und andere stellen ein mögliches Korrektiv dar.

    • @Metepsilonema zu „Der allgemeine Wohlstand hat uns einerseits „frei von Existenzängsten“ gemacht, was theoretisch kreative, gestaltende, u.ä. Kräfte (für die Allgemeinheit) freilegen könnte (und auch tut).“ Ich glaube das nicht, habe vielmehr den Eindruck, daß – moderate, nicht radikale – Bedrohungen erheblich mehr kreatives Potential freisetzen, ja als Korrektiv erst schaffen.

    • tom sagt:

      Eigentlich ist der Kommentar ja adressiert (@). Sind da Antworten von anderen d`accord?
      Bei einer moderaten Bedrohung liegt m. E. eine contradictio in adjecto vor.

    • @tom zur Einmischung. Selbstverständlich wird sie begrüßt, „rein“ private Angelegenheiten werden anders besprochen.
      Mit moderater Bedrohung meine ich eine, die nicht an Leib und Leben geht. Es sind verschiedene Stufen des Bedrohtseins und also auch -werdens, bzw. sich Fühlens möglich.

    • brsma sagt:

      @Tom: «Der Selbstmord… … ist ein schlecht gemachtes Wort; das Tötende ist nicht mit dem Getöteten identisch.» (Theodore Jouffroy)

    • Kienspan sagt:

      @ANH zu moderater Bedrohung Ich würde mir in DerDschungel zu passender Gelegenheit einen eigenen Gesprächsbaum wünschen, ähnlich dem, der sich auf >>>TaintedTalents entwickelt hat, wo Sie sich aus vollkommen einsichtigen (Jungenroman)Gründen zurückhalten mussten.

      Die Frage, ob künstlerisches Schaffen aus „Bedrohtheit“ – welcher Ausprägung und Grades auch immer – oder „Existenzangstfreiheit“ erwachsen kann, scheint mir noch nicht entschieden zu sein. Ihre Meinung zur Freisetzung kreativen Potenzials kann ich intuitiv nachvollziehen; ich hielte es jedoch für sinnvoll, ja geradezu notwendig, sie im Kontext eines von Ihnen geschaffenen Ankerpunktes in Diskussion zu ziehen. Diese Frage hat nämlich erweiterte gesellschaftliche Relevanz.

      @Metepsilonema
      Wieder mal bin ich zu spät gekommen, weshalb ich mich nun einer Fortführung des Themas enthalten muss – für das engagierte Gespräch möchte ich jedoch nicht versäumen, meinen Dank zu deponieren.

      @brsma
      Das Zitat ist dringendst bedenkenswert.
      Großartig, dass Sie’s einbrachten.

    • @Kienspan zum eigenen Kommentarbaum. Also einen, bei dem ich selbst nicht mitdisputiere? Dagegen ist nichts zu sagen, nur daß das gerade unter einer Reihe, die meinen literarischen Prägungen gilt, eher schwierig ist oder nicht angebracht.
      Nur: Wie weiß ich im voraus, ob überhaupt diskutiert wird, wenn ich selbst nichts sage?

    • Kienspan sagt:

      @ANH Nein, im Gegenteil.
      Ich meinte einen selbständigen, gewissermaßen „einmoderierenden“ Dschungel-Eintrag Ihrerseits. Es wäre mir an der Beschäftigung mit gerade I h r e n Standpunkten gelegen, aber selbstverständlich auch mit denen anderer, z.B. Metepsilonema, dessen Annahme von der „Freiheit von Existenzängsten“ ich ebenfalls gerne aufgreifen würde.
      Ihre Serie „Prägungen“ kann und soll dafür nicht den Raum geben, wie ich ebenfalls empfinde. Vielleicht zeigt sich eine Möglichkeit in den nächsten Wochen? Versteh’n Sie’s bitte als interessierten „Publikumswunsch“.

    • tom sagt:

      Während der Mörder nur einen anderen Menschen tötet, tötet der Selbstmörder eine ganze, nämlich seine eigene, Welt. Das ist auch der Schlüssel für die Grundlosigkeit. Gewiss finden sich in Ansehung der heillosen Verfassung unserer Welt gute Gründe, diese ganze Welt in die Luft zu sprengen; aber die Ausführung einer solchen Tat wäre die Tat eines Irrsinnigen.
      Chesterton, der Meister des Paradoxes, hat das gewusst und zum Selbstmord gesagt: “Of course there may be pathetic emotional excuses for the act. There often are for rape, and there almost always are for dynamite. But if it comes to clear ideas and the intelligent meaning of things, then there is much more rational and philosophic truth in the burial at the cross-roads and the stake driven through the body, than in Mr. Archer’s suicidal automatic machines.” (Natürlich gibt es viele pathetische Entschuldigungen für diese Handlung. Wie es ja auch oft pathetische Rechtfertigungen für eine Vergewaltigung gibt, und fast immer für Dynamit. Aber soweit es um klare Ideen und den Sinn einer Handlung geht, findet sich mehr rationale und philosophische Wahrheit in der Beerdigung an einer Straßenkreuzung und dem Pflock, der durch den toten Körper getrieben wird, als in Mr. Archers automatischen Selbstmordmaschinen.)
      Auch lässt sich Nietzsches Aussage , der Gedanke an den Selbstmord sei ein starkes Trostmittel, man käme damit über manche böse Nacht hinweg, als eine abgründige Funktionalisierung des argumentierenden Denkens verstehen. Und nicht zuletzt war auch dem pessimistischen Emile Cioran dieses Paradoxon bekannt: „Wenn der Selbstmord nicht existieren würde, ich würde mich dann absolut töten. Aber die Idee des Selbstmordes … war … mein ganzes Leben eine Stütze und ein Kumpan.“

      Das Recht zu verschwinden indes bleibt bestehn.

    • @ANH Mit kreativ meinte ich „kulturkreativ“ (nur der Vollständigkeit halber). Ich denke, dass Technik und Wohlstand einer breiten Bevölkerungsschicht die Zeit und Muße dazu gegeben haben, potenziell. Es schwierig allgemein verbindlich zu beschreiben was entscheidend ist und vermutlich gibt es verschiedene (Haupt)ursachen. Etwas wie Widerstand gehört schon dazu. Bei mir selbst unbedingt freie Zeit, die mir Einfälle schenkt, die willkürliche, spielerische Verbindungen erlaubt, die dann in Ideen münden und eine Richtung bekommen (ich spreche jetzt nicht von Kunst).

      Damit will ich die kreativitätsstiftende Wirkung von Bedrohung gar nicht negieren, aber ist das zwingend so? Und blieben nicht viele Künstler produktiv, obwohl sie sorgenfrei leben konnten (auch wenn sich gewiss andere Bedrohungen denken lassen)?

      @Kienspan
      Ebenfalls danke und bei Gelegenheit gerne wieder. Vielleicht können Sie (mit ANHs Zustimmung) für die Dschungel einen Gastbeitrag schreiben?

  4. LeanderSukov sagt:

    Ich bin mit einigen Sichtweisen gar nicht einverstanden, aber das ist zur Bewertung dieses Textes nicht von Bedeutung: Es ist ein ganz wunderbarer Text.
    Hinweisen möchte ich auf zwei Bücher. Was die RAF angeht auf das Buch „Die Todesnacht von Stammheim“, welches bei mir im Regal steht, also jeder Zeit erreichbar ist. Der Autor, ein Betriebsrat, welcher von sich sagt, er sei „unpolitisch“ gewesen, bis er im Urlaub das Aust-Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ las und nicht damit klar kam, dass dort ständig Behauptungen ohne Beweis aufgestellt wurden. Helge Lehmann, der Autor, hat dann die gesamte Todesnacht akkribisch analysiert und nachgestellt. Ein überaus lesenswertes Buch.
    http://www.todesnacht.com/
    Was Stirner angeht das Buch „Die Lust und die Freiheit. Marquis de Sade und Max Stirner / Ihre Freiheitsbegriffe im Vergleich“, Karin-Kramer-Verlag Berlin Oktober 2007 (ISBN: 3-87956-308-X). (Maurice Schuhmann)

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