Weihnachten 2012 (1). Das ein bißchen Arbeitsjournal des Montags, dem 24. Dezember 2012. Mit drei Bemerkung zu 1) Claudius Seidl, 2) Christian Kracht und 3) Marc Reichwein. Sowie das Licht.

7.55 Uhr:
[Arbeitswohnung. Strauss, Rosenkavalier, Staatsoper 1996 mit Aikin.]
Seit halb sieben auf. Schon mal telefoniert, eine Pfeife geraucht, dann nötigerweise fast zwanzig Dschungeldateien abgespeichert, die alle noch seit dem Palais frei im Raum standen, seit meiner Begegnung mit >>>> Yüen-Ling, die mich wirklich ein bißchen verwirrt hat – also beide haben es, sie selbst wie die Begegnung mit ihr. Es kommt nicht selten vor, daß mich eine Frau zu einer Erzählung inspiriert; daß sie mich aber gleichsam zwingt, weil das eine innere Notwendigkeit hat, ist selten. Ich kann dem nicht ausweichen, auch wenn‘s jetzt gerade eine gute Zeit fürs Ausweichen ist, weil immer etwas noch getan werden muß, das, vor allem, für andere ist. Deshalb kommt es zu Verzögerungen, Stockungen der „normalen“ Abläufe. Klar, daß es besonders heute zu nicht wirklich Texten kommen wird; aber vielleicht, daß ich, abends, nach der Bescherung, nach dem gemeinsamen Essen, zu einem Gedicht in mein schönes Notizbücherl hinein… –
Froh bin ich immerhin, gestern noch den kleinen >>>> Rosenkavalier-Essay zur nun aber auch schon wieder geschlossenen Wiederaufnahme an der Staatsoper hinbekommen habe; ich hab wirklich den ganzen Tag durchgeschrieben – wozu freilich auch gehört, sich um die Bilder, ihr Eingefügtwerden usw. zu kümmern. Eigentlich hatte ich auch noch all meine gesammelten Rosenkavalier-Programmbücher und -hefte fotografiern und als Thumbnails mit einstellen wollen; das wurde mir dann aber doch zu viel Heckmeck. – Gegen Abend, als der Text drinstand, bin ich dann zur Familie rüber, um den Weihnachtsbaum aufzustellen. Und als ich wieder zurückwar, fand ich eines der schönsten Geschenke, in den Anfang >>>> eines Kommentars gewickelt, das ich mir zu Weihnachten überhaupt nur vorstellen kann. Dieses Kompliment für Ausdruck macht mich wirklich glücklich, gerade, wenn der Anlaß eine Musik und mein Versuch sind, etwas über sie zu sagen, das vielleicht Bestand hat. Schön auch, daß >>>> Faust-Kultur meine >>>> Cesare-Kritik >>>> übernommen hat. Leider liegt meine Arbeit für die FAZ derzeit nieder, seit Büning nicht mehr in der Frankfurter Sonntagszeitung ist, sondern direkt in der FAZ, wo sie logischerweise erst einmal all den Pauschalisten Aufträge geben muß; und die Sonntagszeitung selbst reagiert derzeit nicht mal auf Anfragen. Kann sein, daß ich >>>> Claudius Seidl auf die Füße getreten bin, wahrscheinlich mit >>>> meiner Einlassung zu Christian Kracht; wer ich denn sei, fragte Seidl bei Facebook, aus welcher Position ich es denn wagte, so etwas zu schreiben. Er scheint schlichtweg Position, deren Meinungen mich noch nie interessiert haben, mit Autorität zu verwechseln. Jedenfalls hatte ich mich seinerzeit geweigert, blanko etwas zu unterschreiben, das ich nicht wirklich beurteilen kann. Kracht selbst sah die „Sache“ übrigens anders, kam auf der Leipziger Messe eigens in meine Lesung, wir sprachen kurz. Daß wir uns gegenseitig schätzen, steht ja ganz außer Frage. Jedenfalls wird man mich niemals in irgend einen Corpsgeist nötigen. Niemals. Ich kann sehr solidarisch sein, aber nur dann, wenn ich die Zusammenhänge und Hintergünde verstehe und einsehe und wirklich auch zu wissen meine, was wahr ist; allein, weil etwas chic ist und man „dazugehören“ soll – nein, das reicht nicht. Der Preis dieser Haltung ist freilich immer mal wieder hoch; sie hat mich einige Aufträge gekostet, aber mich eben auch werden lassen, der ich bin. Autorität ist man aufgrund seiner Handlungen, sowie seines Werkes, niemals allein aufgrund von Positionen, die zumal nicht immer, ja durchaus selten aufgrund sachlich wirklich begründeter Entscheidungen besetzt werden; oft spielt Kompetenz eine eher nachgeordnete Rolle. Frauen können einige bittere Lieder davon singen. Wichtiger ist soziale und/oder politische Verträglichkeit – wobei alleine schon, dieses zu schreiben, Eulen nach Athen zu tragen heißt. Denn wir wissen es alle, aber sollen so tun, als wären wir von solcher Wahrheit nie berührt worden.
Wiederum ein mir unbekannter Herr namens Marc Reichwein >>>> nennt mich in der WELT einen Netzliteraten – was angesichts meiner Bücher eine boshafte oder, was schlimmer wäre, kenntnisfreie Absurdität ist, allerdings dem Umstand Rechnung trägt, daß mein Werk im bürgerlichen Feuilleton nicht mehr besprochen wird. Auch so funktioniert der Mainstream.
Guten Morgen. Ich freue mich auf meine Kinder und auf लक्ष्मी, freue mich auf den Moment, da wir am Baum die Kerzen leuchten lassen. Denn nun, Leser:innen, werden die Tage wieder länger werden. Luce steht überm Eingang der >>>> Villa San Michele. Ihnen allen, wie mir selbst, wünsche ich das: Licht.

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Weihnachten 2012 (1). Das ein bißchen Arbeitsjournal des Montags, dem 24. Dezember 2012. Mit drei Bemerkung zu 1) Claudius Seidl, 2) Christian Kracht und 3) Marc Reichwein. Sowie das Licht.

  1. Avatar Gantenbein sagt:

    Was Wichtig Ist Immerhin scheint dem Herrn Reichwein Ihre ebay-Versteigerung einer Romanfigur der Erwähnung wichtiger zu sein als meinetwegen der Nobelpreis für Literatur an Frau Elfriede Jelinek 2004. Im Zusammenhang seines Geschreibsels hätte er problemlos den Walser und die Jelinek verknüpfen können – warum dann ausgerechnet Sie? Erwähnenswert scheint mir, dass „Die Welt“ in ihrem Online-Auftritt ein Magnet für die undemokratische Rechte geworden ist. Nachzuweisen ist dies leicht, man lese einfach nur eifrig in den Kommentaren zu sämtlichen Beiträgen.
    Vielleicht liegt ja hier der Hase im Pfeffer?
    Aber grämen Sie sich nicht, andersherum gesehen stehen Sie in dem (völlig unwichtigen) Artikel zwischen Martin Walser und Heinrich von Kleist. Das hebt doch einen recht günstig an, auf den Schild – gell?

    Ihnen und Ihrer Familie ein Frohes Fest!

    • @Herrn Stillers Gantenbein. Sie haben selbstverständlich recht. Es ist wahrscheinlich einer meiner ohnedies nicht wenigen Schwächen, auf eingeschränktes Benanntsein sauer zu reagieren. Ein Lyriker, der es ist, ist es ungeachtet des Mediums, in dem seine Gedichte erscheinen; mich einen Netzliteraten zu nennen, ist ein bißchen, als würde jemand ein „Anthologie-Dichter“ genannt. Mit selber Art von Atem könnte man mich, >>>> meiner Hörstücke wegen, einen Funkautor nennen.

      Was die undemokratische Rechte anbelangt, habe ich eine andere Perspektive auf die Dinge, da einer meiner ganz gewiß nicht im Ruch der Rechten stehenden nahen Bekannten, >>>> Daniel-Dylan Böhmer nämlich, unterdessen für Die Welt tätig ist, nachdem er lange Zeit für >>>> Spiegel online geschrieben hat.
      Ich habe Reichwein, wie Seidl, imgrunde auch nur deswegen so hervorgehoben erwähnt, weil ich glaube, daß auf Nachlässigkeiten reagiert werden muß, auch wenn sie tatsächlich nicht in bösem Willen begründet sind. Das Netz erlaubt es uns Dichter:innen endlich, angemessen und auch nachhaltig zu reagieren.

      Ja, Ihnen ein solches Fest ebenfalls, über das ich – auch das gehört in den Zusammenhang, der der Rechten Pari bietet – vorhin >>>> eigens dort geschrieben habe.

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