Selbstverzehrung. Über den Mittag des 2. Augusts 2014.

Irgendwann, nachdem ich mich zum Mittagsschlaf gelegt, erwachte ich und griff, einen leichten Hunger verpürend, neben mich, wo auf dem großen Mitteltisch mein langes Opinel lag, das in der Küche nicht nur hier mein Grundmesser ist, sondern daßs ich, weil es sich zusammenklappen und deshalb im Gepäck sehr einfach verstauen, zumal sich an beliebigen Steinen einfach – und sehr – schärfen läßt, auch auf Reisen immer mit mir führe, – griff nach ihm und begann, weiterhin ruhig auf dem Rücken ausgestreckt, von meinem Bauch zu schneiden, gute, bißgerechte Streifen, die ich mir nach und nach in den Mund schob, an denen ich kaute, die ich dann schluckte. Der ganze untere Oberkörper, unterhalb des Brustkastens, war bereits offen. Es tat nicht weh, und, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere, schmeckte es auch. Nur daß ich irgendwann dachte: Was tust du da eigentlich? Da müssen doch langsam die Organe kommen, und du magst doch keine Innereien! Es war tatsächlich dies, diese meine kulinarische Abneigung, was mich endlich fast schon einhalten ließ. Denn die Fleischkonsistenz, die ich an mir sah, veränderte sich, wurde verdächtig dunkel, und als ich am schon wieder nächsten Bissen kaute, schmeckte ich Leber. So daß ich das Stückchen zwar noch hinunterschluckte, ohne Ekel, übrigens, aber doch wirklich zu denken anfing: mir bewußt zu machen, was geschah und was die Folgen wären. Das wird sich doch entzünden, dachte ich, ohne Ausrufezeichen aber. Das kann doch nicht „normal“ sein, du gefährdest dich. Immer noch ohne Ausrufezeichen, sondern als eine in ihrer Distanz geradezu pure Feststellung. Daran wirst du sterben, dachte ich, legte das Messer auf den Mitteltisch zurück und erwachte, wonach ich mit einer so leichten, daß sie fast schwebte, Beruhigung auf meinen nahezu heilen, unterhalb des Nabels noch immer unbehaarten Bauch und auf das breite weiße Wundpflaster sah, das >>>> die Narbe noch verdeckt.
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6 Kommentare zu Selbstverzehrung. Über den Mittag des 2. Augusts 2014.

  1. tom sagt:

    Wem solches träumt hat viel noch vor.

  2. Kleine Kritik an Ihrer Grammatik mit Humor >>…mein langes Opinel lag, das in der Küche nicht nur hier mein Grundmesser ist, sondern daß ich,…, auch auf Reisen immer mit mir führe,…<<

    Immer dieses Problem mit dem „das“, „daß“, „dass“…

    Und: >>…Abneigung, was mich endlich fast schon einhalten ließ.<<

    Da sollte man sich als Autor entscheiden: Abneigung, DIE mich endlich oder fast oder schon einhalten ließ. Lösung wäre „nahezu“, aber dann fehlt, ob Sie eingehalten haben oder nicht.

    Ich bin fast schon endlich zuguterletzt und mit leichtem Zögern aufgestanden und seltener wie nie zuvor im Gleichschritt mit und ohne meine Gedanken weiter hinterher nach vorne rückwärts gesprungen…. – würde ich mal so spontan nach reiflicher Überlegung schreiben…

    Ansonsten sind Ihre Texte ja doch durchaus schon gelegentlich meistens ganz gut oft lesbar! Takeit easy und viel Spaß noch beim Schreiben. Traumangelegenheiten sind eh nie in eine Form von Logik zu pressen. Deswegen: stimmt schon!

    Lieben Gruß, Ekkehard

    • @Ekkehard Grubler 1) >>…Abneigung, was mich endlich fast schon einhalten ließ.<<

      Das „was“ bezieht sich auf „Es war dies“: „Es war dies, was mich einhalten ließ.“

      2) Das „das“ ist mir durchgerutscht, kommt vor. Ich hab’s korrigiert.

      3) Lächelnd: Danke.

      [4) Wenn Sie jetzt von mir Texte lesen, die nahezu zwei Jahre alt sind, ist das fast schon interessant. Sie scheinen zu — suchen?]

  3. Ekkehard Grubler sagt:

    Es war dies,…Abneigung „Es war dies, was mich einhalten ließ.“ – Schon Recht, aber „dies“ definieren Sie später als „Abneigung“, wobei ich dann das feminine Relativ-Pronomen erwarten würde.

    Aber gut, man muss das dann eben anderes lesen: das „dies“ ist vielleicht auch erst beim Aufschreiben zu „Abneigung“ konkretisiert worden und war vom Träumer gar nicht als solche gefühlt. Es zeigt, dass besonders Traumprotokolle, wenn sie ernsthaft notiert sind – wovon Sie mich überzeugen -, sehr genau, Komma für Komma, gelesen werden müssen.

    Ich habe von Ihren Texten nur diesen Traum gelesen und noch einen anderen Text aber nur überflogen. Mich interessieren zurzeit vor allem Traumprotokolle. Mich interessiert an diesem Ihrem Traum die atmosphärische Beschreibung. Das Traumhafte und Irreale, dennoch deutlich Gefühlte kommen sehr schön zum Ausdruck.
    Ganz anders als bei Adorno oder Benjamin, die beide doch eher nüchtern die Traumbilder erzählen… oder Malerpa, der mir scheint, vieles sprachlich zu verschönern.

    • @Ekkehard Grubler zu den Träumen. Es kann durchaus geschehen, daß ich solche Traumprotokolle nicht exakt durcharbeite, damit zum einen nicht geschieht, was Sie über Malerpas Vorgehen schreiben, und zum anderen entstehen sie oft sehr schnell – Sie werden die Tendenz von „aufgeschobenen“ Träumen, sich zu verflüchtigen, kennen. Ich meine sie auch tatsächlich als Protokolle, die bisweilen das Material für eine Bearbeitung innerhalb ganz anderer Texte sind. In >>>> Buenos Aires.Anderswelt ist sogar ein ganzes Kapitel aufgrund solch eines protokollierten Traumes entstanden und mußte dann selbstverständlich poetisch in die „übrige“ Handlung eingeflochten werden.
      Bisweilen formuliere ich diese Protokolle also hastig, fast ein bißchen, ihrem Vergessen entgegen, getrieben. Aber Die Dschungel ist insgesamt Produktions- und Produktivitätsmitschrift; deshalb kann nicht alles das mir eigentlich wichtige Sprachniveau haben, um von der Konstruktion ganz zu schweigen. Doch gab es Situationen, in denen ich später etwas Wichtiges gerade aufgrund intensiver Feinarbeit verlor, nicht Spontaneität, nein, aber eine gewisse Unmittelbarkeit der Kraft.
      Bei Döblin, der ähnlich getrieben schrieb, ist dergleichen ebenfalls zu beobachten, sogar und gerade in seinen Büchern. Manche Anschlüsse scheinen verschoben zu sein, als hätte es ausgelassene Zwischenschritte gegeben. Aber genau dies schafft eine Massivität der rhythmischen Bilder, die in der deutschsprachigen Literatur nur ganz selten ihresgleichen hatte und hat.

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