H u f e. Eine Kurzgeschichte. (Entwurf).

Ich hatte gleich gemerkt, daß etwas nicht stimmte… allerdings nicht, was es war. Irgend etwas hatte sich verändert. Ich sah es, kaum daß ich aus meiner Friedenauer Beletage auf die Fregestraße hinausgetreten war. Besonders in der Hedwigstraße kam mir einiges komisch vor. Ich weiß noch, daß ich es abschütteln wollte, wie man einen Wasserklatscher abschüttelt, der einem von irgend einem Balkon auf den Kopf knallt. Ich war fast genau so erschrocken. Obwohl es bereits vormittags so überaus warm und stickig war. Eigentlich war mir jede Erfrischung willkommen. Aber das? Etwas klebrig Zähes, ich wurde es einfach nicht los. So atmete ich auf, als der um diese Zeit von Scharen Arbeitswilliger belebte S-Bahnhof in Sicht kam. Das ziemlich fröhliche Gewimmel ließ mich meinen heiklen, weil so konturlosen Eindruck tatsächlich vergessen. Doch nicht für lange. Schon auf der Friedrichstraße ging es wieder los, kaum hatte ich die S1 verlassen, kaum war ich die Treppe hinauf

Schon in der Halle: Hier ist etwas ganz furchtbar anders… Nur, was? Ich kam nicht drauf, den gesamten Tag über nicht und nicht abends, als ich mich zum Grübeln statt zum Schlafen legte, und nicht am nächsten, noch nicht einmal am übernächsten Tag. Der ein Sonnabend war. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mit einem Freund in sein Wochenendhäuschen zu fahren. Sagte dann aber kurzfristig ab.

Das Eigenartige normalisierte sich, blieb indes wie eine hintergründige Drohung erhalten, weil dieses Fremde kein neues Fremdes, sondern, das wußte ich von Anbeginn, seit jeher dagewesen war; ich hatte es bloß immer übersehen. Niemand hatte mich je auf die doch grundlegende Differenz aufmerksam gemacht. Vielleicht, um mich zu schonen. Aus übergroßer Liebe meine Eltern, gewiß, aus einer Art Mitleid alle übrigen.
Hatte ich Mitleid denn nötig? Ich stand gut da in der Welt, geschieden sind auch andere Leute. Ich beglich pünktlich meine Steuerschuld, zahle meine Miete pünktlich, bin nicht nennenswert verschuldet, gehöre drei Vereinen und den Grünen an, trage meine Verantwortung, war schon mal Schöffe. Nicht einmal mein Arbeitsplatz ist gefährdet. – Nun aber diese Erkenntnis! (War es denn eine?)

Mittlerweile war Sonntag, ein strahlender, sehr warmer Morgen, dem sich schon der Hochsommer anmerken ließ. Bürgersteine und Wege übersät mit herabgefallenen altrosa Kastanienblütchen, ein intensives Süß kitzelte die Nase.
Ich hatte mich auf den kleinen Perelsplatz vor der Schule in die Grünanlagen gesetzt, beobachtete nervös die johlenden Kinder und ihre sich ihrer selbst gewissen Eltern. Ganz genau so war auch ich noch vor vier Tagen gewesen, unzerfallen mit meiner Stadt, meinem Lebensweg, der Welt. Nun indes trennte mich etwas Ungeheures von den Menschen, etwas, das
sichtbar war, auch wenn sich mir gegenüber niemand etwas anmerken ließ, auch wenn alle so regulär taten, so landläufig, auch wenn sie bisweilen, sobald sich unsere Blicke trafen, freundlich lächelten oder sogar grüßten. Für sie war wohl auch wirklich nichts ungewöhnlich. Menschen verfügen über eine enorme Fähigkeit zur Verdrängung, man kann ihre Nase auf die Dinge drücken, bis sie schmerzt, sie sehen dennoch durch die Wahrheit hindurch. Vielleicht, dachte ich da auf der Bank und denke ich manchmal noch jetzt, haben sie den Unterschied zwischen uns so sehr vergessen, daß sie ihn wirklich nicht oder nicht mehr wahrnehmen können. Vielleicht sahen sie ihn ja nie? Die Leute waren vielleicht besten Herzens gut zu mir? Soweit ich mich erinnere, haben selbst Gegner und Konkurrenten mein…. mir fällt das Wort Stigma ein… jedenfalls: das niemals gegen mich ins Feld geführt. Sogar Heinrichson war in dieser Hinsicht so dezent gewesen, daß ich es jetzt kaum fassen konnte: – ein Mann wie er, der vor keiner Schweinerei zurückscheute, wenn es um seine Karriere ging.
Noch einmal, hier auf dem Perelsplatz, zogen mir unsere jahrelangen Reibereien und Intrigen vor den Augen vorbei; ich hatte schließlich gesiegt, die Filiale war meiner Leitung unterstellt worden, er endlich mir untergeben. Er hatte, da er seinen Stolz nicht schädigen wollte, nur noch kündigen können; tapfer, so muß ich ehrlich sagen, bei der gegenwärtigen Marktlage. – Das liegt nun ein dreiviertel Jahr zurück, soviel ich weiß, bekommt er nicht einmal Arbeitslosengeld. Weshalb also hat Heinrichson nicht ausgesprochen, was ihm gegen mich gewiß jeden nur denkbaren Vorteil gegeben hätte? War mein Makel so furchtbar, daß man ihn nicht einmal nennen darf? Trug ich an mir ein Tabu? Konnte ich es deshalb nicht erkennen, sondern nur permanent fühlen und spüren, wie sehr ich isoliert war?
Ich sah mir meine Hände an, streckte sie von mir, verglich sie mit Händen anderer Müßiger, die ihren Sonntag genossen, Zeitung lasen oder einfach nur in die Wärme blinzelten, ihren Kindern Ermahnungen zuriefen oder mit ihnen tollten. Waren es meine Arme vielleicht oder, schlimmer, lag etwas Fremdes in meinem Gesicht? Der Brustkorb? Die Schenkel? Ich wußte genau, daß es sichtbar, daß es geradezu öffentlich war; es ging nicht um einen psychischen Defekt. Meine Konstitution mochte nervös sein, das ist wahr, aber schlimmer gefährdet war meine Geisteskraft nicht. Dessen war und bin ich mir eben der Sichtbarkeit wegen so sicher, die mein Anderssein so unterstreicht, obwohl offenbar ich der einzige bin, der es bewußt zu sehen vermag.

Denn ich sehe es jetzt. Ich sah es zum ersten Mal auf dem Perelsplatz. Es gelang meinem Blick, den nebelhaften Schleier zu durchstoßen, der mir bislang jede deutliche Aussicht auf mich selbst verwehrt hatte. Seither nenne ich ihn, diesen Blick, den Perelsblick.

Er erfaßte zuerst die anderen. Die Kinder. Auf was liefen die da herum? Waren es neue Fortbewegungsmittel, so, wie vor einigen Jahren die Scateboards aufgekommen waren, dann die Rollerblades, die Longboards, schließlich die silbernen, schmalen, auf dem Pflaster furchtbar ratternden Metallroller? Aber diese Dinger hier funktionierten auch im tiefen Sand. Man ging auf ihnen, wenngleich ich daran abgesehen davon keinen Vorteil erkennen konnte, daß sie das Schuhwerk unnötig machten. Wenn es denn nicht selbst eine Art von Schuhwerk war. Die Leute trugen aber noch Schuhe darüber, quasi Gamaschen.
Keine fünf Meter von mir entfernt band soeben ein Vater seinem ungefähr Zweijährigen die Schuhchen auf, und auch hier – zumal, nachdem auch die Socken abgestreift waren – kamen diese konisch geformten, harten grauen Dinger hervor, die wie Hufe aussahen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, weshalb man sie anzog; aber vielleicht waren bei Kleinkindern die unteren Extremitäten noch sehr empfindlich, noch unausgehärtet wie die Schädelschalen um die Fontanellen Neugeborener. Aber alle anderen hatten diese Hufe a u c h, nein, nicht nur die Kinder- sämtliche Menschen trugen diese Rundum-Gamaschen.
Ich war anfangs mehr fasziniert als erschreckt. – Hatte auch ich Hufe?
Nein.
Ich hatte Füße, ganz deutlich, meine Schuhe waren langgestreckt und schmal, die Gamaschen der anderen wulstig, kurz und knöchelhoch.
Es fiel mir wie eine partielle Blindheit von den Augen: Hufe verlangen einen anderen Gang als Füße, über die abgerollt werden muß. Wirklich hoppelten die Leute ein wenig, oder sie hatten, wenn sie gingen, etwas Steifes im Rücken, vielleicht war tatsächlich auch ihr Rückgrat anders als meines, schon aus Gründen der Federung. Je mehr ich mich darauf konzentrierte, desto deutlich wurde unter meinem Perelsblick die Differenz. Seltsamerweise fiel meine Nervosität, fiel auch das Unbehagen, das mich in den letzten Tagen so begleitet, ja mein ganzes Selbst grundiert hatte, völlig von mir ab und machte, leider nur vorübergehend, einer enormen, fast ausgelassenen Neugier Platz. Konnte es sein, daß ich unter Marsbewohner geraten war, die diesen Sonntag dafür nutzten, sich in Friedenau unerkannt ein wenig umzutun? Vielleicht lag die Verschiedenheit, deren Empfinden mich latent gequält hatte, gar nicht an mir? Vielleicht liefen anderswo wirkliche, vertraute, üblichere Menschen herum?

Als ich aufstand, um zur S-Bahn zu gehen und mich zum Kudamm fahren zu lassen, hatte ich nicht einmal den Eindruck, besonders vorsichtig sein zu müssen, also nicht auffallen zu dürfen. Niemand nahm tatsächlich auch nur Notiz von meinen Füßen. Dabei wurden sie mir selber, als ich an mir hinuntersah, ein wenig fremd… Ich meine, wenn alle anderen Hufe hatten, war ja wohl das das Normale.
Wie war ich zu diesen seltsamen Schuhen gekommen, also zu Schuhen überhaupt? Hatte ich sie mir eigens anfertigen lassen müssen? In den Schuhgeschäften, deren Auslagen ich nachher besah, waren immer nur Hufgamaschen drapiert: vorne geöffnete, geschlitzte, solche mit Plateausohlen oder ganz
ohne Sohlen, Gamaschen aus Stoff, aus Nappa- und genarbten Ledern, bordeauxfarben, blau, besonders feine Verarbeitung der Umschläge an Damengamaschen. In einigen Schaufenstern lagen sogar Hufeisen, niedliche, verzierte, am vorderen Rand stuckbesetzte. Wirklich hatten auch die Kudammbummler sämtlichst Hufe, nicht mal ein Tourist hatte Füße wie ich.
Menschen hatten gar keine Füße, unsere ganze Art hat keine. Wie hatte mir das die gesamten dreiundvierzig Jahre meines Lebens entgehen können? Wieviel Vorbereitung, wieviele Umstände, wieviel an perfektionistischer Verstellungskunst bedarf so etwas! Ja, darf ich von „unsere“ überhaupt noch schreiben, unsere Art?

Ich beschloß, meinen Vater anzurufen. Immer hatte ich den Eindruck gehabt, daß er der mir vertrauteste Mensch von allen sei, meines Wissens hat er mich niemals belogen. War er denn aber mein Vater? Ich meine, wenn ich das mit den Hufen nie gesehen hatte, konnte es doch gut möglich sein, daß ich bis heute auch in allen anderen Lebensbereichen irre gegangen, bzw. genarrt worden war.
Es war vielleicht das Schlimmste an meiner Entdeckung, daß ich nunmehr alles und jeden anzuzweifeln begann. Ich konnte einfach nicht mehr glauben, weder einer Annonce noch Straßenschildern, nicht der Farbfolge von Rot auf Grün an den Ampeln und nicht dem Fahrplan der Buslinie 109, sondern schien mich fließend unter lauter auf- und abhüpfenden, trabenden, irgendwie hypermotorischen Amplitudengeschöpfen zu bewegen, die zunehmend menschenunähnlich wurden.
Eine Zeit lang war das komisch. Dauernd mußte ich kichern, doch holte mich schließlich mein Unbehagen wieder ein. Denn bei klarem Denken ließ sich nicht von der Hand weisen, daß ich selbst es war, der sich ein Mensch nicht wirklich länger nennen ließ.
Ich war anomal.
Woher war ich gekommen? War ich E.T., ein E.T.?
Vielleicht war ich ausgesetzt worden. Man hatte mich gefunden und aufgenommen, hatte mich liebevoll aufgezogen und mir die Fähigkeit verliehen, mich für einen ganz normalen Menschen einfach nur zu halten. Welch eine Leistung! Ich meine, eine ganze Gesellschaft von Lehrern, Freunden, Bekannten, Cousinen und Cousins, und zwar von den kleinsten Kindern bis zu den Ältesten, denen bisweilen der Tod schon zuzwinkert, hatte es vermocht, mich mein Anderssein nicht einmal spüren zu lassen. Welch ein erstaunliches Geschlecht! – ich meine die Menschen. Nur ihrer Zugeneigtheit, ja Liebe halber und wegen ihrer Achtung vor dem Fremden hatte ich keinen Schaden genommen. Wie durchwogte mich, da ich über den Kudamm spazierte, die allerwärmste Dankbarkeit, sogar ein mir zuvor nicht gekanntes Glück. Es ließ mich im selben Maß lächeln, wie doch zugleich das Unbehagen von unten, von meinen Füßen her, abermals hoch in mir stieg. Denn so aufgenommen ich auch war, wie immer auch akzeptiert, – der Unterschied ließ sich jetzt nicht mehr leugnen. Er forderte Aufklärung. – Ach, wie gerne hätte ich mir da den Schleier meiner Unwissenheit vors Gesicht zurückgezogen! Doch war er zerrissen. Er taugte nicht mehr.

Fast drei Stunden trieb ich mich zwischen Lietzenburger, Leibnitz- und Budapester Straße herum, sah den obdachlosen Bettlern zu – auch sie behuft -, den Eisverkäufern in ihren am Bürgersteig geparkten VW-Bussen, den japanischhufigen Reisegruppen, den Bus- und Fahrradfahrern, deren letztere statt der bekannten Pedalendstücke untersetzerähnliche Trittmulden nutzten, in denen ihre Hufe Halt finden konnten. Abermals packte mich fasziniertes Erstaunen über mein Gehirn. Welch eine Leistung, daß es, um nicht wissen zu müssen, sogar Pedale erfindet, die es in der Welt doch nirgendwo gibt! Was würde das fortan für mein tägliches Leben bedeuten? Auf was war überhaupt noch Verlaß? – Nein, ich riefe meinen Vater ganz sicher nicht an, meine Mutter erst recht nicht. Ebensowenig würde ich mit „Freunden“ sprechen. Das nämlich waren sie nicht mehr. Plötzlich waren sie Gönner.
Insgesamt sei es das beste, beschloß ich, über meine Entdeckung zu schweigen, – einerseits aus Großmut, andererseits aus Dankbarkeit: Wäre es nicht nur recht und billig, mich gegenüber den Menschen ganz ebenso dezent zu verhalten wie diese zu mir? Wäre es nicht unsensibel gewesen, ihnen daran die freudvolle Lust zu nehmen, daß sie mich zu schützen verstanden hätten und es auch weiterhin verstünden? – Und dann fragte ich mich … meine Güte! mein S o h n…
Ich hatte doch einen? – Hatte auch er Hufe? Oder hatte er Füße wie ich und nötigte die Menschen seines Umgangs, ihn ähnlich nachsichtig und besonders zu behandeln wie seinerzeit und ja immer noch mich? Welch eine Last dann auch er für die anderen wäre!
War meine – um es euphemistisch auszudrücken – Veranlagung
auf ihn vererbt… war er ein Mischling, hatte deshalb vielleicht zwei verschiedene Extremitäten? Falls ja, sollte ich nicht meinerseits, wie die anderen mir gegenüber, nun ihm gegenüber schweigen? Er war noch so jung, keine acht, wie müßte eine solche Erkenntnis anders furchtbar für den Kleinen als für mich sein! – Nein, ich mußte schweigen.
Klarheit aber wollte ich.

Ich kam zum Kudamm zurück. Ein innerer, doch wirklicher, wirklicher Kampf tobte in mir. Vielleicht war meine, ja: Entstellung auch einfach nur ein Atavismus, so, wie extreme Behaarung, ja Befellung bei manchen Neugeborenen? Oder hatte sich wirklich ein Fremdes in mein Genmaterial gemischt, ein Fremder, eine Fremde – ein Alien, wie man sagt? – Wie hinderlich, daß ich nicht einfach danach fragen konnte, ohne mich gleich insgesamt zu verraten! Vielleicht waren ja auch nur Komplikationen während der Schwangerschaft aufgetreten.

Doch dringlich war allein die Frage, ob meine Verwachsung auf meinen Jungen übergegangen, ob die Veranlagung rezessiv war. Vielleicht war ich ja gar nicht der erste in meiner Familie, der unter so etwas litt… War womöglich schon immer darüber geschwiegen worden? Lag ein Familienfluch vor, etwas von ganz früher?
Tatsächlich meinte ich, mich zu entsinnen, in meinen Fotoalben fast immer nur Füße gesehen zu haben, ja eigentlich nie
mals Hufe. Die Erinnerung gab mir einen spontanen Energieschub, füllte mich plötzlich mit Zuversicht. So nahm ich den Bus nachhause, obwohl ich eigentlich hatte noch etwas essen gehen wollen. Doch war mein Appetit eh nicht sehr groß.
Ich rannte fast die Stufen hinauf, riß die Folianten aus dem alten, von meiner Oma geerbten Eckschrank… und wirklich: Füße.
Nur Füße. Nicht ein einziger Huf. Was hatte nun wieder das zu bedeuten? Doch meine Entdeckung beruhigte mich nicht. Denn nun dachte ich, wie seien stehengeblieben, meine ganze Familie sei in der Menschenentwicklung stehengeblieben, während sich die anderen fortentwickelt hatten.
Aber was besagte das? 

Allmählich wichen Achtung und Beschämung einer zunehmend rumorenden Wut. Hatten die Anderen mich wirklich für so schwach gehalten, der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu können? Rücksicht auf jemanden zu nehmen, kann wohl mindestens zweierlei heißen, ist auch durchaus beleidigend.
Ich schlug die Alben zu, verstaute sie wieder in dem Eckschrank, lief ein paarmal aufgescheucht durch die Zimmer. Dann fiel mir ein, daß ich irgendwo noch alte Klamotten von Kevin aufbewahrt hatte, noch aus seiner Babyzeit, aus Sentimentalität, gewiß. Da waren doch bestimmt Schuhchen dabei. Ingrid hatte die Sachen seinerzeit weggepackt, dennoch fand ich die Schachteln sofort. Sorgsam waren Anti-Motten-Papiere über Seidenpapier gedeckt. Hemdchen und Höschen nahm ich in die Hand, auch die alten Strampler. Und dann merkte ich, wie mir etwas durch die Zähne pfiff: Gamaschen. Es war wie eine Erlösung. Ganz deutlich Gamaschen für – wenn auch sehr kleine – Hufe. Und ich dachte: Er ist frei. Mein Sohn also war frei.
Was mich unendlich erleichterte, ja er versöhnte mich, mein Sohn, nahezu sofort. Es kam auf mich selbst gar nicht an. Was immer mich entstellt oder einfach nur besondert hatte, ihn beträfe es nicht. 

Ich weiß, was ich erkannt habe. Ich weiß, was ich sehe. Doch war es fürs Leben nun ohne Bedeutung. Ich würde darüber nie sprechen, behalt es tatsächlich für mich.

 

 

 

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2 Kommentare zu H u f e. Eine Kurzgeschichte. (Entwurf).

  1. franzsummer sagt:

    smile, aber er schafft es nicht, er muss es aufschreiben. Schöne Geschichte.

  2. Danke. Aber ganz rund ist sie noch nicht, muß sicherlich erst noch „abhängen“. Ich habe sie vorhin, als der Entwurf „stand“, erstmal an meine Lektorin geschickt, die ich wegen des neuen Gedichtbandes ohnedies nächste Woche sehen werde. Am Montag geht’s nach Wien.
    Ich sitze auch schon an der nächsten.

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