III, 379 – Ossessioni

Ja, und gar nicht mal direkt… schrieb ich gestern, nachdem ich irgendwo zugegeben hatte, mir die Royal-Wedding-Zeremonie tatsächlich angeschaut zu haben, das ganze habe es bei youtube dann am Abend gegeben. Das seien so Momente, die mir passieren, wie neulich, als ich mir das Finale des im Großen und Ganzen lächerlichen European Song Contests reingezogen habe (es gebe, schrieb ich, einen Zettel mit Anmerkungen zu allen „Songs“ (nuja… irgendwann werde er, schrieb ich, im Papierabfall landen)). Bei gewissen Fußballspielen gehe es mir ähnlich, aber die seien oft ohne Bezahlung mittlerweile Luxus, sozusagen ein Luxusmanko. Was, stöhnte ich, gäb‘ ich drum, Liverpool gegen Madrid zu sehen! Das habe natürlich nichts mit Sozialismus zu tun (der Umstand, daß sich niemand geäußert habe zur Royal-Wedding-Zeremonie, hatte im kommentierten Originalbeitrag eine Sozialismus-Assoziation hervorgerufen). Den es scheinbar auch überhaupt nicht mehr gebe.
Diese, schrieb ich, Sehnsucht nach Rührseligkeit sei immerhin zu reflektieren. Im Grunde handele es sich darum, daß dabei Tränchen kullern wie bei gewissen Filmen. Aufgehobensein? Vielleicht (um mich in der Begrifflichkeit nicht allzusehr festzulegen, schreib’ich). Die Welt für eine gewisse Zeit als außen liegenden Falle, während die Innenfalle mit Serotonin-Speck locke. Also Theater, und was Theater halt so mache: es ent-setze. Nicht wirklich auf eine entfremdende Weise, denn bei game over gelte allemal: Game Over. Hinterher sitze man wieder wohlbestuhlt, zwar momentan übel zugerichtet von all den gesehenen Gesichtern (dies ist, schreib’ ich, die eigentliche Katastrophe bei solchen Konfrontationen mit einer gar nicht mal Menschheit), aber doch noch heil, wahrscheinlich gerade wegen all der gesehenen Gesichter. Insofern seien die Tränchen das Waschen des Gesichts, damit es heil und ganz bleibe.

Also keine Ossessione, dieser in gewissem Sinn überraschende erste Visconti-Film, den es am Samstag gab, nachdem ich am Nachmittag mir im Bioladen bei der gelegentlichen Märchenstunde die italienische Version von ‘Rumpelstilzchen’ angehört hatte, woran sich ein Gespräch darüber anschloß und abschließend Tee und Kuchen. Ich muß jetzt, wo ich es schreibe, fast darüber lachen. Erst als es, das Rumpelstilzchen (im Italienischen ein Name, an den ich mich mehr erinnere), ums Feuer tanzte, dämmerte es mir, in welches Märchen ich geraten war. Aber auch diesmal wieder: zu sehr im Vordergrund das, was man so Message nennen würde. Education, find your way in the right way.

Das Wort Krähen und das Aufschreien der Krähen und das Schwarz der Krähen sind alles, was du empfindest…

Bernhard, Amras. Weshalb ich sagte, daß dieses Märchen in meinem Kopfe nur als die Figur Rumpelstilzchen überlebt hat und natürlich in den Versen: “Ach wie gut, das niemand weiß…”. Die ganze Vorgeschichte wußte ich nicht mehr. Das zu Gold gesponnene Stroh. Sagen wir mal, es hatte mich ein zweites Mal in die Obhut der grau-weiß behaarten Märchentante gezogen, die den Namen eines japanischen Prinzen trägt: Genji (ich las die Geschichte vor ein paar Jahren (überhaupt die Beschreibung der Briefschreibesitten!)).

Achja, Visconti. Als ich ankam, eilte auch schon Steins Frau dem Eingang und den Treppen zu. Es seien, sagte sie, englische Untertitel vorgesehen. Was ihr wichtig schien, denn da sei ein Gast aus dem Ausland, der kein Italienisch könne. Woher, wollte sie dann aber doch nicht sagen. Aber denken konnte ich es mir schon. Der saß dann neben ihr, hatte ein merkwürdiges Profil, daß mich an die Zeichnung des Turm-Hölderlins mit nach vorn gebeugten Kopf erinnerte. Nein, nicht erinnerte, sondern sich mir als Assoziation aufzwang (wahrscheinlich deshalb, weil ich neulich wieder Bruno Ganz in Hitler-Uniform ihn, Hölderlin, rezitieren hörte (auch so eine Ossessione)).

Ich weiß nicht, ob ich in den Film reinkomme. Gezeigt wurde er auch nur, weil ein gewisser Massimo Girotti, der Hauptdarsteller (was für Draufgängeraugen!), sein Centenaire feierte bzw. andere für ihn. Nie gehört, nie gesehen. Als würde man ein Hans-Albers-Centenaire begehen. Stein kam auch, war aber nur am Anfang zu sehen. Später hatte er sich in Luft aufgelöst. Die englischen Untertitel waren tatsächlich nützlich. Dieses da in der von Außenaufnahmen geprägten Poebene (Ferrara da irgendwo) genuschelte Italienisch war oft schwer verständlich. Ja, ich glaube es waren die Außenaufnahmen, die mich vor allem beeindruckten. Aber auch Szenen, die ans Groteske heranreichten: Opernliedsingwettbewerb in einer Kaschemme in Ancona. Und während ihr dickleibiger Mann auf der Bühne singt, macht er, der Draufgänger ihr eine Liebeserklärung. Ansonsten tragische Verstrickungen auf der Grundlage von “The Postman always rings twice”, der tatsächlichen Vorlage des Films. Aber dennoch als Film ein Meisterwerk. Auch wenn R. am Ende nörgelte: “Zu lang!” Länger jedenfalls, als die bei youtube zu sehende Version (vor ein paar Tagen gab’s noch eine, heute nicht mehr, drum kein Link).

Ossessione? Sich bauschende Arbeit (Datenschutz-Nachzügler (wie ich), aha! selbst die Eisenbahn wackelt via Agentur mit dem Kopf: Dringend!), sich bauschendes Näherkommen von Gästen (dás noch, dás noch und dás noch).

Umschalten in den Antipaniklampemodus. Und mich ärgern über Ninno, der zwei Wochen lang so getan, als sei er pünktlich, um mir alle Bedenken hinsichtlich seiner Verläßlichkeit zu benehmen, nun aber doch schon wieder so weit ist, daß ich ihn wegen der Damigiana morgen telefonisch zurechtweisen muß.

Nun gut, Übergang zu Pascoli, Myricae:

Nel ciel dorato rotano i rondoni.

Et c’est vrai.

III, 378 – Come and go

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Ein Kommentar zu III, 379 – Ossessioni

  1. Bruno Lampe sagt:

    Ich sehe oft Kommentare eines anglo-amerikanischen Übersetzerkollegen, der in Orte lebt und immer wieder das, was man so europäische Politik nennen mag, mit Assoziationen zum Dritten Reich verknüpft und somit Deutschland als Hegemonialmacht in dieser „Tradition“ hinstellt. Natürlich irritiert mich das. Reflektiert aber allemal auch den Tabaccaio mit seinem allerdings unreflektierten „javoool“. Dies bringt im Reflex die von Ganz, den man als Hitler sieht, rezitierte „Mnemosyne“ ganz heftig in einen Vordergrund, der sich tatsächlich mit einem sich zerreißenden Rumpelstilzchen vergleichen läßt.

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