III, 382 – Abacadabra of something like Sirens

Angefangen hatte dieses mein unartikuliertes Sprechen, das im Grunde einer imaginären schwedischen Sprechweise entsprach, aber doch völlig erfunden war und in den Lauten eher den Akzent auf Höhen und Tiefen, schnelle und langsame Stellen legte, und alles völlig improvisiert, auf dem Heuboden meines Onkels. Vielleicht ein ganz klein wenglein in der Richtung des Fo’schen Gramelot. Wahrscheinlich war der Name “Hammerskjöld” schuld, von dem damals die Rede war, also muß ich wohl recht jung gewesen sein, als mir so ein Sprechen einkam. Es gab auch eine Geheimsprache und Namen, die man ständig hörte im Radio oder in der Bildzeitung las: Ben Bella, De Gaulle (darüber machte man sich lustig). Man sprang ins Heu, und Besuch aus Hamburg war auch dabei (Mädchen!).
Seit einiger Zeit mache ich das wieder kurz vorm Zubettgehen. Meinetwegen vorm Spiegel. Selten vor Leuten. Es muß schon eine gewisse Ausgelassenheit vorhanden sein.
Gestern abend passierte es, während es Richtung Tiber donnerte und blitzte und auch ein paar Tropfen auf den Platz fielen, auf den ich aus meinem Schlafzimmer herausblickte. Von den Tänzern saßen da zwei. Die eine, aus Graz, erkannte mich hinaufschauend tatsächlich und winkte und rief meinen Namen, als ich dann tatsächlich das Fenster aufmachte. Sie trötete eine ganze Weile mit einem Papiertrichter den Donner an. Da fing ich im offenen Fenster mein eigenes “Gramelot” an, und sie fing sich im seichten Regen zu drehen an, und mein “Gramelot” bekam den rechten Drall.
Kennengelernt hatte ich sie am Dienstagabend, als der Tanzverein Lautsprecher auf dem Platz aufbaute.
Irgendwann ging es los. Da ist es dann in der Wohnung so, als wäre man direkt auf dem Platz. Also: Mitspielen. Einer bot mir gleich auf Englisch ein Bier ein. Das mit dem “Where are you from?” hätte ich mir schon denken können. So fragen sich Deutsche seit eh und je im Ausland nach ihrer hinter dem Englischen verborgenen Herkunft. Auf jeden Fall sehr viel mehr Leute aus Utschland als die anderen Male. Die Grazerin setzte sich schließlich dazu. Nonchalance pur!
Mich ins Tanzgewühl zu schmeißen, ließ sich nicht vermeiden, irgendwann fing der Körper schon von selber an, es zu tun. Als ‘99 Luftballons’ erklang, mußte ich laut lachen. Ab und an eine Jemandin, die mit meinen Zuckungen kommunizierte.
In den Tanzpausen immer die Grazerin mit ihrem bis zu den Hüften reichenden hellen, aber nicht wirklich blonden Haar.
Gestern noch Bierverkostung im Bioladen. Auch da nannte sie mich beim Betreten des Ladens beim Namen, ich aber wußte ihren nicht mehr. Nun weiß ich ihn wieder.
Morgen wird sich diese hübsche Einfach-so-Menschheit wieder zerstreuen.
Den einzigen Kommerz versuchte dabei der Bioladen mit Überstunden (getragen von Freiwilligen) zu machen, der nicht gerade in guten Wassern schwimmt.
“Er [Odysseus] neigt sich dem Liede der Lust und vereitelt sie wie den Tod.” (Dialektik der Aufklärung). Nur daß zum Liede er selbst geworden, und die neue Fessel heißt Smartphone, über den sie sich am Ende beugte, wie Hinz und Kunz.

Ich bin das erste Mal geweckt worden: „Ich bin wieder unter den Lebenden. Heute“. Ich bin ein zweites Mal geweckt worden: „Bis bald, bis bald, Caro.“ Ich bin ein drittes Mal geweckt worden: „Shirley Horn, no?“. Ich bin ein viertes Mal geweckt worden: „Danke, du hast mir ein Geschenk gemacht.“. Nach dem fünften Mal („… aber das Telefonat verschieb’ ich auf einen Zeitpunkt, der weniger ‚busy’ ist“) habe ich wenigstens eine Hand wieder beisammen. Dabei hatte ich ihr nach langer Zeit gerade gestern erst geschrieben in der Hoffnung auf Lebenszeichen. Dem blauen Dunst mich anvertrauend. So „Abacadabra of the rain“ (Sylvia Plath) von gestern.

(von hier)
Von Ganghofer und seinem ‘Edelweißkönig’ sei die Rede nicht mehr. Was nicht in die Heimat paßt, endet auf dem Friedhof. So oder so und wie auch immer. Oder man läßt sich wie der fremdschwäbelnde ‘Kommandant’ versetzen. Heimattaugliche überleben wie durch ein Wunder dank der Aufopferung von zunächst widerspenstigen Weibern, die gschamig erstmal lieber zum Marterl aufschauen. Ab morgen wieder strikte Disziplin. Unbedingt. O meglio: assolutamente.

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