Die Treue als Parfum. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 14. Dezember 2018

Arbeitswohnung, 7.57 Uhr
[Keith Jarrett, Radiance]
Dies ist nun ein deutlicher Nachteil meines von mir ansonsten favirisierten Kohleofens: Bin ich einen Tag fort, dann einen wieder da, dann wieder einen fort und abermals einen hier, um tags drauf erneut aufzubrechen, lohnt es sich nicht anzuheizen; wenn es warm geworden ist, muß ich fast schon schlafen gehen, und der Ofen heizt sinnlos. Also ist es grad recht kühl in der Arbeitswohnung, zumal dauernd das Fenster aufsteht, weil ich wieder zu reuchen angefangen habe. Was ich mit meiner Diagnose freilich nicht sollte und was also dringend wieder aufhören muß. Doch hatte ich wegen des Wiener Umzugs solch einen Asthmaanfall plötzlich, daß ich dachte, rauchst du, geht der Körper mit der immerhin auch absehbaren Belastung toleranter um. Was dann auch so war, nur daß mir die Raucherei halt momentan geblieben ist.
Gestern also in Hamburg bei der alten Dame gewesen, für das Erinerungsbuch, heute hier am Schreibtisch, morgen zu Paulus Böhmers Beerdigung (eine lange, lange Fahrt ins Oberhessische an seinen Geburtsort, wo er begraben werden wird), sechs Stunden hin, vier bleiben, sechs wieder zurück, am Sonntag erneut hier (vielleicht endlich der Gang mit der Familie über den Weihnachtsmarkt) und am Montag noch einmal für zwei Tage nach Wien, um das Lektorat des Erzählbandes abzuschließen. Es sind aber nur noch vier oder fünf Erzählungen, die Elvira M. Gross und ich durchgehen müssen.
Begonnen habe ich vor- und vorvorgestern mit der Acquise von Lesungen; vier stehen auch schon fest; auf etwa zwanzig will ich kommen, vielleicht werden es auch mehr werden, pro Band zwanzig wären gut, aber das ist wahrscheinlich illusorisch. Es sei denn, irgendetwas Unerwartetes passiert, Unerwartbares eigentlich, da meine poetische Arbeit für den gegenwärtigen Betrieb ja nun keine besondere Rolle spielt, weil mir der „Macho“ so anhängt und weil meine Texte für den Mainstream wenn nicht zu kompliziert, so doch zu komplex sind und überdies zu wenig eineindeutig in ihren Aussagen, sondern fast durchweg ambivalent in der, sagen wir, Botschaft. Was mich allerdings in meiner Haltung eher bestätigt. Neulich schrieb mir eine Frau von Zwischentönen; das gefiel mir sehr. Genauso eben gibt es Zwischenwelten, wie es auch Elvira neulich ungefähr s o ausdrückte: „Jeder von uns hat Bereiche, die nicht ans Licht gehören“, mitunter nicht einmal der uns Vertrautesten. Wobei ja gerade ich auf diese immer wieder hingeleuchtet habe, je älter ich werde, desto anonymisierter freilich – Gänge auf Graten, man tritt schnell mal daneben. Vielleicht haben deshalb „die“ Buchhändler, wie nun schon zweimal Vertreter zu meinen Verlagen gesagt haben, „Angst vor Herbst“, ja anders ist es gar nicht zu erklären. Ich renne ja nicht mit Keulen herum und schlage auf Bücherstapel ein oder gar die, die sie verkaufen. Und wahrscheinlich auch, weil ich mich unter die Gesinnungsdiktate nicht beuge und nicht widerspruchslos Konsensgesellschaften angehören will. So ist auch Eigner gewesen, und so war Paulus Böhmer. Ich empfinde es durchaus als Erbschaft, ihre Haltungen zu bewahren; aber „natürlich“ entspricht es auch meinem Naturell – einer gewissen rebellischen Jugendlichkeit, übrigens, die nie in mir erloschen ist, nicht einmal abgeklärt. In anderen Belangen spüre ich freilich distanzierte Skepsis stärker als früher, auch ein Abnehmen des unbedingten Wollens und die Bereitschaft nicht hinzunehmen, nein, aber ich bin nicht mehr so aufgeregt, wenn etwas nicht wird, schon weil ich sehe, daß etwas werden gar nicht kann, und ginge ich dreißigmal mit dem Kopf durch die Wand. Warum mir Blessuren holen, ohne daß aus der Wunde etwas Gedeihliches wird? Wie es die famose alte Dame gestern über Menschen formulierte, die ihr nicht gut getan: „Man muß das verstehen, versteht es, sowie man ihre Geschichte kennt.“ Es ist ganz wundervoll, wie sie etwa die Liebe zu einem Menschen ihrer Kindheit formuliert, den sie in anderer Hinsicht hassen mußte und gehaßt auch hat. Diese Art Hinsicht hat eine Weisheit, die ich auf mich sehr gerne übertragen möchte und vorsichtig deshalb aufsauge. In Betracht meiner Liebe – meiner Lieben –  bin ich eh dabei, sie zu gewinnen: stilles Lieben zu lernen, dieses, daß es sich nicht mehr in der ersehnten Form realisieren lassen wird: es ist und wird bleiben ohne klassische Partnerschaft und vielleicht sogar ohne Küsse. Wird in den Blicken sein und manchmal in einer Geste, wird gewußt sein und dennoch niemals ausgesprochen, nicht einmal ins Ohr geflüstert, und wenn doch, so ohne Reaktion, weder einer der Abwehr noch der Annahme, sondern „einfach“ in der Luft stehen, und jede und jeder spürt es, die und der dabei. Doch nichts davon wird noch konkret. – Vielleicht ist es dies, was ich in einem langen Erzähltext noch gestalten muß, zu gestalten lernen muß.
Derweil ich gestern aufnahm, was die alte Dame erzählt, ging mir dieses und Ähnliches durch den Kopf, und ging durchs Herz. Dem sann ich auf der Rückfahrtnach, bevor mich in der Arbeitswohnung ein Duft umfing, von dem ich hier nichts schreibe, außer daß ich auf ihn anspiele – auf ein Lächeln anspiele – was für Sie jetzt, liebste Freundin, sehr rätselhaft sein muß. Ich bin mir aber sicher, daß Sie ahnen, was ich meine, wenn Sie, wie ich einer anderen Freundin schrieb, „in sich hineinhorchen“ werden.
Schon erstaunlich, welch eine Rolle Frauen weit jenseits erotischen Begehrens für mich, den Macho, spielen. Doch andererseits, da steht ja auch >>>> dieses. Erlauben Sie mir, kurz zu, ecco!, lächeln.

Parfums … Ja, die Eigenheit ist mir geblieben, bisweilen die Düfte der Frauen aufzulegen, die ich geliebt habe, von denen ich besessen war, die mich geprägt haben. Scherrer, Mille, Quelques Fleurs – nicht von denen, nein, die mich weiterhin umgeben, etwa लक्ष्मी, sondern derer, die verschwanden oder entfernt sind. Es ist mein Ausdruck von Beständigkeit und daß ich, wenn ich einmal liebte – oder darf ich „wir“ schreiben? -, zu lieben gar nie aufhören werden. – Doch auch mit meinem eigenen, „eigen“ innig existentiell gemeint, ist  mir etwas gelungen: Ich habe tatsächlich noch einmal eine fast halb volle Flasche meines Patou pour homme aufgetrieben, ich habe schon bisweilen von ihm erzählt, von dem eine Frau einmal gesagt hat, es sei kein Duft, sondern eine Waffe – ein, nicht wahr?, hinreißendes Bonmot; sie „klaute“ sich sogar ein Pröbchen, trug es dann selbst, bis eine andere Freundin sie zurechtwies: „Du riechst nach Alban, das geht nicht!“
Sogar ein Gedicht habe ich dem Parfum geschrieben, übrigens anläßlich genau dieser Frau:

Und trägst
Nah bei dem andren
Mich auf der Haut

Eine Gesellschaft
Ein Duft
Ist die Nacht

Ist Heimlichkeit
Cupidos Kichern
Ein Gift

(Dann liegt er auf dir
Liegt auf mir

Wer ist Ich
Ist noch Du:)

Patou

Ich weiß, es steht in Der Dschungel schon >>>> dort, aber ich mag es hier wiederholen; der Eintrag liegt immerhin dreizehn Jahr zurück … Im Druck ist das Gedicht in diesem wiewohl wunderschönen, so leider doch ziemlich untergegangenen Dielmann-Bändchen erschienen:

Jedenfalls wird der Duft seit den Achtzigern nicht mehr hergestellt (zwar wurde er neulich neu aufgelegt, ist nun aber nicht mehr er, g a r nicht), und also ist es mittlerweile sauschwer, noch einen Flacon aufzutreiben, die Suche läuft geradezu weltweit, aber der Preis geht ins Illusionäre: für 90 ml 900 Euro, sah ich – und entdeckte doch noch ein erschwingliches Angebot. Jetzt habe ich noch für etwa fünf Jahre; zwei weitere, unangebrochene, Flaschen lagern gegen Licht geschützt im Kühlschrank. (Wobei meine Neigung zu den Parfums der Geliebten auch eine pragmatische Seite hat: Verwenden wir einen Duft ständig, werden wir für ihn unempfindlich und legen ihn schließlich zu stark auf; da ist es sinnvoll, bisweilen andere Düfte zu nehmen, um uns die Sensibilität für den unsren, unsern „eignen“, zu erhalten

– rät Ihnen, die Sie’s doch längst wissen:)

Ihr, bei weiterhin Radiance,
ANH

(der jetzt wieder an seine Arbeit geht).

 

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