Zu online-Lehre, Zoom et aliiaea. Das Arbeits- und Sohnesgeburtstagsjournal des Sonntags, den 30. Januar 2022.

[Arbeitswohnung, 6.54 Uhr
Sofia Gubaidulina, Erstes Streichquartett]

Gestern wieder von morgens um zehn bis spätnachmittags kurz nach fünf mit eigentlich nur einer, nämlich mittags, Pause abermals online den Lehrauftrag der Bamberger Universität gelebt, ja, gelebt, und zwar alle insgesamt achtzehn Studentinnen und Studenten, denn eine, die krankheitshalber bei den ersten Malen nicht dabeisein konnte, stieß hinzu und zeigte sich als ausgesprochen nicht nur hochkundig Feinsinnige, sondern sie war als Schreiberin ebenso talentiert; möglicherweise ist sie mehr als „nur“ das. Darüber am Abend mit meinem Arco-Verleger, der mir auch enger Freund ist, bildgewhatsappt, und der im Anschluß an meine Erzählung darum bat, solche Autorinnen und Autoren doch bitte zu vermitteln.
Dazu dürfte es noch ein wenig zu früh sein. Doch auffällig ist, wie keine und keiner in der Konzentration nachläßt; erst nach vier Stunden meldete sich eine Studentin mit der Bitte zu Wort, ob wir nicht eine halbe Stunde Pause machen könnten, sie habe einfach Hunger, und eine zweite mußte unbedingt mit dem Hund hinaus, indes die dritte um eine ganze Stunde bat, da sie, um etwas essen überhaupt zu können, erst etwas zubereiten müsse, sie habe nichts Fertiges zuhaus. Doch pünktlich, fast auf die Minute, fanden sich alle im Zoomraum wieder ein, und dann ging’s in einem Stück die nächsten drei Stunden weiter, so daß ich in der Sitzung Abschlußgespräch gar nicht anders konnte, als den jungen Leuten zu sagen, zwar hörte ich Lehrende, also sozusagen Kolleginnen und Kollegen, klagen noch und noch, wie wenig diese neue Generation mehr belastbar, wie dauernd sie abgelenkt sei und eben allzu sehr, wenn man sich über längere Zeit konzentrieren müsse, und allzu schnell erschöpft, „aber“, sagte ich, „wenn ich mir Sie so anschaue und anhöre, kann ich das nicht bestätigen; im Gegenteil kommen mir diese Klagen nicht nur grundlos vor, nein, sondern die Aussage ist einfach falsch.“ Und das meinte und meine ich so. Freilich kann ich mit meiner Gruppe auch einfach nur Glück haben – doch bei achtzehn Leuten allen zugleich? Unwahrscheinlich. (Hinreißend und, ja, fast ehrfurchtgebietend, welche Arbeiten alle je als Hausaugabe vorgelegt haben, für die sie die vergangene Woche Zeit gehabt. Stellen Sie sich, Freundin, vor: nach nur zwei vorhergegangenen Ganztags“sitzungen“!) – Ich vermute bezüglich der geschilderten Klagen, daß, wenn es so ist, wie mir erzählt wird, es weder an einer vermeintlich fehlenden Konzentrationsfähigkeit noch gar dem online-Unterricht liegt, sondern — an den Lehrenden selbst. Sie können in ihrem Fachgebiet noch so gut sein, wenn sie den Stoff nicht auch vermitteln können, sind sie fehlbesetzt. Denn dort wie in der Dichtung gilt: Es darf kompliziert und komplex sein, wie es will, langweilig aber nicht und nie, und unsinnlich schon gar nicht. Besonders in der onlineLehre sind Volten und Ideen erfordert, die das, was die Pandemie uns wegnimmt, nämlich Unmittelkeit, Körpersprache, Gesten, auf der anderen Seite wieder hereinholen. Dazu freilich gehört, daß wir technisch vorbereitet sind und keine Scheu vor den neuen Medien haben, sie schon gar nicht innerlich ablehnen dürfen, nicht einer Generation gegenüber, die wie in warmem Wasser darin schwimmt. Da verliert man schlichtweg an Achtung.
Ich hatte neulich selber eine Art Anschauungsunterricht, wie es eben n i c h t laufen darf. Es war das onlineSeminar eines anderen Dozenten an einer andren Universität. Ich war als Autor hinzugeladen worden. Und dann sah es s o aus: Der Dozent blendet die zu besprechenden Texte ein, die sich die Lernenden sowieso längst hatten aus dem vC („virtuellem Canpus“) herunterladen und lesen sollen, damit man die Thesen und Analysen in eben dieser Sitzung diskutieren könne. Doch er, der Dozent, las, was er eingeblendet hatte, einfach Satz für Satz noch einmal vor, mit leiser, etwas brüchiger Stimme, machte ein Päuslein, fragte unsicher, ob der Text verstanden wurde, bekam keine Antwort, und las dann einfach weiter vor. Öde Satz für Satz, weiter, lähmend weiter, er sprach ja nicht mal frei, was doch eine Möglichkeit und sogar notwendig gewesen wäre, die Sachverhalte mit anderen Worten umschreiben und ergänzend zu erklären, sie gleichsam atmen zu lassen.
Wohlgemerkt, die Thesen waren und sind sehr gut, auch ausgezeichnet hergeleitet. Nur hilft das nicht gegen Langeweile. Lehre ist auch Show. Und alle heute Lehrenden oder doch die meisten haben schon gechattet, vielleicht sogar sehr oft, so daß sie wissen nicht nur müßten, sondern müssen, welch direkte innere Orte sich da im Kopf entfalten, sogar daß es da wirklich Lieben gibt, bei Leuten, die sich real niemals sahen, schwere Eifersuchten und noch schwereres Sichtrennen, ganz reale Tränen. Es sind genau diese inneren Dynamiken, ist ihre enorme Kraft, die für die onlineLehre fruchtbar gemacht zu werden hat. Aber nein! Statt dessen klagte der Dozent auch noch, daß sein Computersystem zu langsam sei, der Prozessor zu lahm, weil zu alt; man möge das entschuldigen.
Es ist nicht zu entschuldigen. Spätestens nach einem halben Jahr alleiniger Onlinepräsenz und dem Wissen, ja selbst nur der Ahnung, es werde auf unabsehbare Zeit so weitergehen, hat man sich zumindest einen Laptop zu kaufen, der den technischen Erfordernissen genügt, und zwar egal, ob mit eigenem Geld. Denn wer hier selber investiert und die Anschaffung beruflich nutzt, kann sie ganz einfach von der Steuer absetzen, wenn auch möglicherweise als Abschreibung über vier Jahre verteilt. Auf der eigenen technischen Zurückgebliebenheit zu beharren hingegen, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern schädigend, sowohl das Lehramt als damit auch die Lernenden. Daß die dann schlichtweg keine Lust haben, ist so nachvollziehbar wie tragisch.
Und nun stellen Sie sich, Freundin, aber vor, daß von den ungefähr dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmern sich nur zwei zeigten, nämlich eine im Video live, die andere wenigstens vermittels eines Fotos; alle anderen blieben hinter hinter den schwarzen Kacheln komplett anonym, außer daß unter diesen jeweils klein die Namen standen. Ich meinerseits hätte mir das nicht gefallen lassen, nicht als Dozent, nicht als Mensch. Es ist nicht nur unhöflich, sondern als Verhalten beleidigend dreist. Das hätte ich so auch gesagt und würde es sagen; in dem Fall ging es nicht, weil ich dem Mann sein Seminar nicht quasi qua hostile merger wegnehmen wollte. Doch tatsächlich gaben immer nur die beiden, die sich zeigten, Antworten oder wendeten etwas ein. Die schwarzen Kacheln blieben bis fast ganz zum Ende mit zwei Ausnahmen stumm, deren eine das Nervende der online-Lehre zur Sprache brachte und wie sehr ihr die körperliche Präsenz fehle, ohne aber, bezeichnenderweise, zu begreifen, daß sie selbst das in der Tat Problem mit ihrer Schwarzkachelanonymität noch ganz besonders verstärkte.
Auch der Dozent kam nicht darauf, sondern stimmte in die Klage mit ein und, quasi, jammerte. Da war nicht die Spur von Autorität. Ich spreche nicht von Autoritärsein,  sondern einer Aura gelebten Wissens, die als Ausstrahlung, Charisma, körperlich im Raum steht und eben auch in einem virtuellen Raum. Genau das nämlich geht. Wenn man nämlich Autorität hat, eine aus gelebtem Leben, sprich lebendiger Erfahrung. Von der, bei Lehrenden, Bildung ein innerlicher Teil ist. Nicht nur deren Inhalt wird gelehrt, sondern rutscht der rutscht eh allein auf der Aura in die Köpfe und, nicht zu vergessen, Herzen. Wobei sich Autorität letztlich nicht planen läßt, sie ’stellt sich ein‘ oder in vielen Fällen nicht. Erst recht läßt sie sich nicht normieren, denn letztlich ist sie immer einzig. Das macht den Alltagsumgang für Betriebe problematisch, zu denen eben auch die Führung einer Universität gehört. Umso nötiger ist sie.
Entsprechend war ich nach dieser Sitzung geradezu wütend, obwohl ich dem Mann, der sich so sehr und klug mit meiner Arbeit beschäftigt hat und für ihre Wahrnehmung möglicherweise mit bedeutend werden könnte, dankbar sein muß und es auch bin. Aber warum hatte er nicht, wenn er ein Mann denn schon ist, die Eier in der Hose, seinen Studentinnen und Studenten zu sagen, er mache diese schwarzen Kacheln nicht mit?; wer sich nicht zeige, bitte, da die Tür. Wenn dann jemand erklärt, mit Gesicht nicht erscheinen zu können, weil daheim das WLan nur schlecht sei usw., ist das immerhin eine Erklärung, die sich verstehen läßt. Nur wird es der Fall nicht bei allen achtundzwanzig gleichzeitig sein. (Auch in meinem Seminar zeigen sich drei nicht im Video, aber mit eben dieser Erklärung, und haben zumindest Fotos eingestellt, abgesehen davon, daß alle rege mitdiskutieren. Man spürt extrem deutlich, wie alle d a sein und sich eben auch sehen wollen.)
Jedenfalls, wenn auch nur ein Drittel aller onlineSeminare so ist wie das geschilderte des Kollegen, ist es, zumal unter den extrem verschulten Zustände heutiger Unis, ein Elend. Was es eben nicht sein muß, wie meine Seminare und diejenigen zeigen, die, mittlerweile ebenso online, Phyllis Kiehl und andere sowie auch ich für die START-Stiftung abhalten.

[Rued Langgaard, Erste Sinfonie]

Zu dem, was ich lehrende Autorität, die hohe Notwendigkeit guter Autorität eben, nenne, gehört aber noch etwas anderes, nämlich sich selbst verletzbar zu machen. Wenn ich die jungen Leute erfolgreich lehren möchte, in diesem Fall eigenes sogar intimes Erleben als Material literarischer Texte zu verwenden und wie man es tut, bzw. tun kann, sie also formal schule, muß ich zeigen, daß ich selbst die Fomen anwenden kann. Ansonsten wär mein Reden hohl. So daß ich ihnen → die gestern in Die Dschungel eingestellte, nicht unheikle Szene hochgeladen, sie vorgetragen und zur Diskussion gestellt habe, selbstverständlich fragte ich erst, ob ihnen das recht sei, da es doch Zeit von ihren eigenen Arbeiten abziehen werde. — Erst jetzt, mithin, ist meine Position fachlich begründet, und vor allem auch sinnlich.  (Eine der jungen Frauen sagte hinterher sogar, sie habe Laupeyßers Hand wie körperlich an der eigenen Taille gespürt … „- wie machen Sie das?“ Eine zweite, was mich ganz besonders freute, war gleichsam benommen davon, unversehens den Blick männlichen Erlebens, gerade bei einem so schieflaufenden körperlichen Geschehen, nicht nur eingenommen, sondern empfunden zu haben. Selbstverständlich gab es auch Einwände, wenngleich keine stilistischen, worum es ja gerade geht. Wir arbeiten an den Formen, nicht an der Angemessenheit oder Unangemessenheit von Inhalten und erst recht nicht an „Moral“. Das sollen Philosophen tun, Theologen und Juristen, aber nicht Dichterinnen und Dichter, und auch Dozenten nicht.)

Soviel dazu. Heute ist ein guter Tag.

[9.12 Uhr
Morgentoilette erledigt, im Anzug endlich jetzt.
Langgaard, Dritte Sinfonie.]
Heute ist ein guter Tag. Denn eben jetzt vor zweiundzwanzig Jahren, zwei Stunden und siebzehn Minuten kam mein Sohn zur Welt, und nachdem er gestern mit Freundinnen und Freunden hineingefeiert hat, möchte er zum Geburtstag den quasi traditionellen Familienbrunch diesmal nicht bei der Mama, sondern ausgestattet hier in der Arbeitswohnung vorfinden. Worüber ich mich enorm gefreut habe und immer noch freue, auch wenn ich mir erst nicht sicher war, wie लक्ष्मी es aufnehmen würde; bisher trafen wir uns dafür immer bei ihr in der sozusagen Zwillingswohnung. Meine Güte, die beiden sind jetzt auch schon fünfzehn … Aber sie schien eher erleichtert zu sein, ist in der Klinik extrem belastet zur Zeit, findet für sich selbst nur wenig freie Ruhe. Da ist es objektiv gut, wenn sie nicht auch noch die Vorbereitungen für unsern kleinen Festakt zu erledigen hat und an der Reihe diesmal ergo ich dran bin.
So bleibt für meine Arbeit nur der Vormittag. Besorgt hab ich schon alles, aber der große vollgestellte Mitteltisch muß abgeräumt und dekoriert, Salate müssen zubereitet (das Zwillingsmädel ißt vegan), Obst muß geschnitten werden sowie sind Caprese und die Aufschnittplatten, Käse  & Salume, anzurichten und alles auf dem mit Tellern und Bestecken gedeckten Tisch zu arrangieren (merken Sie, Freundin? auch dies wird zur Etude literarischen Stils; alles, was ich schreibe, hat mindestens eine Übung der Formulierung zu sein); dazu kommen die Kerzen, kommen geschnittene Avocados, in Öl und Knoblauch gegarte Crevettes, selbst Misosuppen stünden, wenn gewünscht, parat. Dazu Säfte für die Jugendlichen, indessen den Erwachsenen vom Gendarmenmarkt ein Sekt gereicht werden wird (eigentlich hatte ich einen Crémant besorgen wollen, aber dann mich umentschieden, weil Adrian Berlin so liebt), wobei die Zwilinge selbstverständlich, so sie denn mögen, ein wenig kosten davon dürfen, imgrunde sogar sollen, ginge es nach mir.
Ich werde später, wenn er eingedeckt, den Tisch fotografieren und das Bild hier nachträglich hinzumontieren. Das wird kurz vor 15 Uhr geschehen, wenn, dem Wunsch meines Sohnes folgend, der, ich sage mal, Empfang beginnen wird – so spät, weil er kalkulierte, daß seine Hineinfeierparty bis in den frühen Morgen währen werde und er also erstmal ausschlafen müsse, vielleicht sogar auf Μορφεύς seinen Kater übertragen; dann müßt‘ den Kopfschmerz der, nicht er, und auch die Übelkeit ertragen. Fürtrefflich und, dachte ich, hinreißend witzig gedacht. Ich fand es ja schon klasse, daß der Freundestrupp beschlossen hatte, sich für die Party, wie meine Großmutter es ausgedrpckt hätte, feinzumachen, also in Anzug und Abendkleid zu feiern; Schritt für Schritt tun die jungen Leute ins Erwachsensein, und ohne es zu wollen. Sie wollen’s sogar gar nicht und tun es eben doch – etwas, das ich mit äußersten Vergnügen verfolge. Er selbst hatte, als er nach meinem Seminar gestern auf seinen Caffè hereinschaute, den grauen Lagerfeld schon an, Lagerfeld nebst Weste, darunter dunkles TShirt, in dunklen Sneakers seine Füße. Nur mochte er sich von mir noch passende Hosenträger leihen, weil er die wie ich gern trägt, nur daß es bei mir, der edle Gürtel liebt, andre Gründe hat, die mit der radikalen Gewichtsabnahme → während der akuten Krebszeit nicht nur zusammenhängen.
Jetzt, denke ich, wird der junge Mann tief schlafen, der junge, eigentlich, schon H e r r, als der er gute Chancen haben wird, mit dem Traumgott erfolgreich zu verhandeln, wie gleichberechtigt Aug in Aug; als Jugendlicher-nur würd ihm das nicht gelingen. Man braucht halt auch Respekt.

Doch jetzt, o Freundin, erst einmal ans Werk zurück. Bis, sagen wir, zwölf Uhr. Zwei knappe Stunden also noch Verwirrung.

***

[15.30 Uhr:](Der Blumenstrauß dem Sohn,
die Rose für die Mama)

[ca. 18.30 Uhr:]

 

[Weitere Impressionen]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ihr, vaterstolz,
ANH

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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