Der Tag des Bioporttattoos mit einer Piaggiorückschau auf gestern. Als Arbeitsjournal des Freitags, den 2. September 2022.

[Arbeitswohnung, 9.47 Uhr
Keith Jarrett, Solo Amsterdam 1983]
Also, Freundin, erst einmal erzählt, daß ich umdisponiert habe. Was folgendermaßen kam:
Punkt 10 Uhr also holte ich gestern die 125er Piaggio, was problemlos vonstatten ging, nur daß das Maschinerl erstmal nicht anspringen wollte, es beim dritten Versuch des sehr freundlichen Verleihmitarbeiters dann aber tat. Ich also in den Sattel, Helm auf, festgeschnallt und los. Womit wir bereits beim ersten Problem des Tages sind, eben dem Helm. Kaum hatte ich ihn auf, war er mir extrem unangenehm – was damit zu tun hat, daß er meinem Sensorium nach die Ohren verschließt; ich hörte alles gleichsam wie weggefiltert, etwas, das ich sowieso nur schwer aushalte. Auch deshalb kann ich nur bei geöffnetem Fenster schlafen, egal, wie warm oder kalt es ist. Überhaupt habe ich ja mindestens ein Fenster immer offen, was eben damit zu tun hat, daß ich, sind Außengeräusche weggefiltert, mich extrem isoliert fühlte. Dies ist so, seit meinen zwei Tagen Einzelhaft im, mit fünfzehn, Jugendknast. Etwas übertrieben ausgedrückt, hat mich damals nicht „traumatisiert“, eingesperrt, sondern von den Tönen der Welt weggesperrt gewesen zu sein. (Aus selbem Grund hat mir die grad vergangene Covid-Isolation überhaupt nichts ausgemacht; solange ich die Welt hören kann, bin ich nicht eingesperrt). Jedenfalls, mit diesem Helm  auf dem Kopf begann diese „Welt“ dann auch, sich derart zu entfremden, daß ich gegen den gespürten Eindruck höchst konzentriert andenken mußte. Funktionierte auch gut, solange ich in der Stadt herumgurkte – was ich etwa eine Stunde lang tat und allmählich sehr zu genießen begann, wie kraftvoll das kleine Maschinchen alles hinter sich ließ, wirklich alles, wenn die Ampel von Rot auf Grün umsprang und ich Gas gab. In diesen Situationen vergaß ich sogar den Helm. Der mir allerdings noch etwas weiteres verunmöglichte, nämlich meine Sonnenbrille auf- und abzusetzen. Durch → die künstlichen Linsen ist meine Lichtauswertung aber nicht sehr gut; bei Schatten muß die Sonnenbrille weg, indessen im scharfen Sonnenlicht drauf. Mit dem Effekt, daß ich sie draufließ, aber sich, fuhr ich in eine Schattenzone ein, meine Weltwahrnehmung zusätzlich, ich muß es so schreiben, „surrealisierte“. Durch konzentriertes Denken und weil meine Reaktionen nach wie vor schnell sind, ließ sich dieser Effekt ausgleichen — bis ich …. ja, bis ich, weil ich zum Wannsee und vor allem weiter in den Glienicker Park wollte, unbedingt … – bis ich auf die Avus fuhr, also auf die Autobahn. Darf eine 125er.
Klar, ich wollte „meine“ Liberty aufdrehen. Und tat es, war im Nu auf 95 km/h.
Nun ist die Avus ein unsägliche 10 Kilometer langes, einfach nur grades Ding, das ich schon, wenn ich Auto fahre, nicht sonderlich mag. Hier aber geschah etwas komplett Neues, das ich bislang nur einmal in meinem Leben erlebt habe, als ich nämlich, alleine wandernd, in den Hochalpen an den Rand eines enormen Kessels kam, der sich gut begehen ließ, allerdings auf einem in die quasi rundum laufende Steilwand eingetretenen Pfad von freilich fünfzig bis sechzig Zentimeter Breite, durchaus genug für guten Tritt und Halt. Aber psychisch passierte etwas Unvorhergesehenes: Blickte ich hinüber auf die andere Seite, wo es ein gut sichtbares Refugio gab, begann ich unversehens die Fähigkeit zu verlieren, Entfernungen einzuschätzen … mehr noch kamen mir diese Entfernungen jede Minuten, nein, viertelminütlich stark variierend vor. Es konnten zwei Kilometer sein, dann wieder zehn, dann wieder fünf … Was in mir eine Art Schwindel erzeugte. Genau der trat jetzt auf dieser beklemmend langen Avus auf. Ich mußte alle Konzentration zusammennehmen, um meinen Kreislauf wieder runterzukriegen, wogegen sich allerdings auch dieser leidige Helm sperrte, der unbedingt wollte, daß ich in einer wie luftdicht verschlossenen Kapsel durch ein Weltall jagte, das nur so tat, als ob es der Abschnitt einer Berliner Autobahn wäre. Hinzu kam, daß sich auch der Straßenrand mal hob, mal senkte, obwohl ich genau wußte, es sei dies eine wenn auch enorme Wahrnehmungsstörung, die übrigens frappierend dem glich, was ich bisweilen erlebe, wenn ich kiffe. Also bloß das Gas wegnehmen! Und tatsächlich, war ich auf siebzig runter, renkte sich die Wirklichkeit wieder ein, abgesehen von der Helmeinschränkung selbstverständlich, die nach wie vor so lästig blieb wie übrigens auch die auf einem Motorroller typische, von mir als komplett unorganisch-verkrampft empfundene Sitzhaltung. Ich bin mir sehr sicher, daß, hätte ich auf dem Gefährt so sitzen können, wie ich auf dem Fahrrad sitze, nämlich quasi liege — bei mir ist der Sattel so hoch eingestellt, daß keiner meiner Füße, wenn ich sitzenbleibe, den Boden berühren kann  — … also daß, hätte ich auf einem Motorrad, nicht -roller ge-ecco!-legen, die meisten dieser Phänomene gar nicht aufgetreten wären. Ich werde das gelegentlich mit einer anderen 125er überprüfen, aber, logo, nicht mehr vor Triest. (Eine gerade Sitzhaltung ist mir auch auf einem Fahrrad nicht möglich; Hollandräder sind für mich ein Horror.)
Ah-und-dann endlich, endlich die Ausfahrt Wannsee! Was war ich über ihre Kurve dankbar, die mir wieder Orientierung gab! Jetzt war auch spontan eine Art Fahrsicherheit zurück. Und ich realisierte zugleich, wie ausgesprochen rücksichtsvoll, ja einfühlsam die Autos auf der Avus auf meine Fahrt reagiert hatten. Dafür ein großes Danke. Selbst die für ihre zuweilige Rangeligkeit verrufenen LKW-Fahrer waren alles andere als selbstbezogen gewesen; ich erinnere mich noch jetzt, mit welch einer Sanftheit sie rechts an mir vorüberglitten, halb die Spur gewechselt. — Ah, der große See, prima. Ob ich mal kurz ins LCB hineinschaue, da ich doch quarantänehalber hatte nicht auf das diesjährige Sommerfest kommen können? Nein, unterbrich jetzt nicht, nutze das jetzt gesammelte Wissen und baue es aus! Also gleich weiter Richtung Potsdam und die erste Möglichkeit rechts in den Pleasure ground des Glienicker Parks, erst Nikolskoer Weg, anderthalbspurig, kurvig auf und ab, ringsum Wald, das brachte richtig Freude jetzt, hier war mein Motorradchen richtig. Kurve, zurück, Moorlakenweg, fast zwei Stunden saß ich nun schon auf dem Brummer (dessen Ventile, übrigens, in den höheren Drehmomenten deutlich klapperten, da sollte jemand mal nachsehn), zwei Stunden also, ich sollte dringend eine Kleinigkeit essen und die innere Aufgeregtheit kühlen. Also mein Gefährtchen auf dem Waldparkplatz abgestellt, gut abgeschlossen, Helm und Nierengurt im hinten aufgebockten Case eingeschlossen und die letzten paar Meter zu Fuß. Wie wunderbar die Lake lockte! Dieses Stück zwischen Jungfern- und Wannsee ist meine liebste Landschaft in Berlin; seit ich zum ersten Mal hiergewesen bin, ging meine Zuneigung nie weg, die, glaube ich, der Ausdruck einer deshalb mythischen Verbindung ist, weil es keinen real-biografischen Grund für sie gibt. — Wie auch immer, ich bekam mein (für das Tässerl ziemlich überteuerte) Pfifferlingssüppchen – „Bitte ohne die Sahnehaube“ -, fand aber keine Muße, wenigstens noch eine halbe Pfeife zu rauchen, sondern es zog mich gleich zur Fortsetzung meines Herumgurkens zur Piaggio zurück – allein, nun sprang das Ding erneut nicht an. Ich versuchte und versuchte und versuchte, heruntergebockt, wieder aufgebockt, ohne und mit kurzem Abschieben usw. usf., kurz es war nix zu machen, immer nur das klackend hoffnungslose Schnalzen der Batterie zu hören. Weshalb ich endlich, aber nicht mal genervt, beim Vermieter anrief. Der freilich fiel aus allen Socken. „Haben Sie das Licht angelassen?“ Was dachte der sich? Außerdem geht es automatisch aus, wenn der Zündschlüssel herumgedreht wird. Egal. „Bitte geben Sie der Maschine noch eine Viertelstunde Ruhe und probieren es dann erneut.“
Ich mach es jetzt mal kurz: Keine Chance. Na gut, normalerweise hätte ich mich jetzt abholen lassen können oder gar ein Taxi rufen – die nächste Bushaltestelle befindet sich erst rund drei Kilometer entfernt an der Hauptverkehrsachse zwischen Wannsee und Glienicker Brücke/Potsdam. Aber die beiden Menschen der wirklich kleinen, sogar halb privaten Verleihstelle werden eh zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen. Nein, hätte ich als empathielos empfunden, egal, ob meine Trainingsexkursion nun den Bach hinunterging. Außerdem würde mir ein Spaziergang durch den Wald ganz gut tun. So daß ich zu Fuß loszuziehen begann, und es war in der Tat eine herrliche Strecke, zumal voller – ohne den unseligen Helm – Naturklänge und Düfte:

Nach einiger Zeit erreichte ich denn die Königsstraße wieder; die Bushaltestelle gleich gegenüber. Blöderweise würde der im 40-Minutentakt verkehrende Bus erst in etwas mehr als einer halbe Stunde kommen. Okay, dann spazierte ich halt zur nächsten Haltstelle weiter, was soll ich hier herumstehen? Und wenn ich Glück hatte, nähme mich auf meinen herausgehaltenen Daumen jemand bis zum Wannsee mit; bis zur SBahn-Sation waren es noch fünf Kilometer …
Ich erreichte den nächsten Halt, jetzt wären es noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kam; vielleicht zu riskant, noch einen weiteren Halt weiterzugehen. Also bleiben und brav den Damen raus. – Auto für Auto rauschte vorbei; wahrscheinlich trägt auch Covid zum Unwillen bei, jemanden mitzunehmen. Meine Stimmung blieb dennoch prima. Auch sowas ist ein, wenn auch nur kleines Abenteuer; daß ich heute dem Schreibtisch fernbleiben würde, war ja eingeplant. Als aus Richtung Wannsee ein Wagen herankam und auf der wirklich befahrenen Straße einfach wendete und anhielt. „Ich habe Sie nicht gleich gesehen, dann aber gedacht, man kann diesen Menschen doch nicht einfach so stehen lassen. Wissen Sie, ich komme aus Potsdam und bin genau die Route gefahren, die der Bus nimmt. Aber nirgends war einer zu sehen. Ich schätze, der fällt aus, da würden Sie noch Ewigkeiten warten müssen.“ Und wir plauderten. Die Dame kommt aus Kroatien, lebt aber schon lange hier. Und erzählte aus ihrer Kindheit, wie man in ihrem koratischen Dorf eigentlich aufs Trampen angewiesen war. Die Deutschen hingegen hätten einfach einen ignoranten Blick, jeder kümmere sich nur um sich selber; ihr tu‘ das immer wieder weh, es mit ansehen zu müssen.
Da waren wir schon am S-Bahnhof, und mit einem Mal hatte sich der ganze Tag schon wegen dieser Begegnung gelohnt. Als ich erzählt hatte, daß ich, und weshalb, am Montag nach Triest reisen würde, war sie sofort entflammt. Für sie, in ihrer Jugend, war Triest die Stadt der Mode gewesen … Ich gab ihr meine Visitenkarte, weil sie nun etwas mehr wissen wollte. „Schauen Sie einfach im Internet, da finden Sie mehr als genug.“ Herzlichst verabschiedeten wir uns, und ich nahm die S7 bis Bellevue; das Restchen Weges bis Moabit ging ich wieder zu Fuß und wurde im Präsidentendreieckspark von einer rasend schönen Weide begrüßt:

 

Geradezu, Freundin, märchenhaft schön, nicht wahr?

Der Rest ist schnell erzählt. Anstandslos bekam ich mein Geld zurück und hatte jetzt also immerhin zwei Trainingsstunden umsonst gehabt und alle die anderen Eindrücke. Nein, um mißgestimmt zu sein, gab es keinen Grund. Doch ein wenig erschöpft kam ich mir vor, stieg auf mein Rad, fuhr heim, und als ich hier in die Arbeitswohnung kam, warf ich mich quasi aufs Bett. Anderthalb Stunden schlief ich durch, bereitete mir an der Pavoni einen Espresso (IONIA, immer wieder und nur noch IONIA) – und fing nachzudenken an. Erwog ich meine unterm Strich ja doch Fahrunsicherheit auf der 125er, dazu meine harte Abneigung gegen den Helm sowie die Wirklichkeitsverschiebungen, die mir widerfahen waren, und brachte das in Bezug auf den Umstand, daß für den Zeitraum meiner Piaggiomiete in Triest schwere Regengüsse vorhergesagt sind, dann sollte ich klugerweise, siehe oben, umdisponieren. Und handelte. Die 125er-Buchung zu stornieren, erwies sich als problemlos, zumal sich noch ein sehr freundlicher Mailwechsel anschloß. Parallel schaute ich nach einem kleinen Mietauto, wurde sehr schnell fündig, und warf auch meine Konzeption dergestalt um, daß ich bereits an den beiden ersten Tagen, die noch strahlendes Sommerwetter haben, den nunmehr Cinquecento nehme, der überdies keine fünfzehn Gehminuten von Trieste Centrale, wo ich ankommen werde, entfernt steht, und ich buchte einen weiteren Tag hinzu, so daß ich eben an diesen beiden ersten die Exkursionen auf dem Karst vorziehen und den dritten Tag für weitere Fahrten direkt an der Küste nutzen werde; für die Stadt selbst, dann ohne Auto, werde ich da immer noch vier ganze Tage haben. Und unterm Strich – im Wortsinn – fahre ich sogar billiger. Die beiden Motorrollertage hätten mich 113 Euro gekostet; die nunmehr drei Tage Cinquecento, und zwar Vollkasko inklusive, kosten 127. Den Voucher habe ich schon.
Soweit dies.

***

Und nun heute. In etwas mehr als drei Stunden, um 15 Uhr, werde ich in dem LSD Berlin Tattoo-Studio sitzen (oder wahrscheinlich eher liegen) und mir von der mir noch unbekannten Elena diese Triskele stechen lassen. Hübsch auch, was mir „mein“ Chirurg whatsappte, nachdem ich es ihm gestern angekündigt hatte:

Wobei ich zugeben will, ein wenig nervös s c h o n zu sein; ganz ohne Schmerzen wird’s ja nicht abgehn. Mein Sohn, der wie einige andere höchst interessiert an dem Ergebnis ist, riet mir, ein dunkles TShirt anzuziehen, weil es Nachblutungen geben könne; auf einem weißen „kommen“ die nicht gut (und gehn wahrscheinlich auch schlecht raus). Aber am Montagabend, wenn ich in den Flixbus steigen werde, dürfte bereits alles verheilt sein. Nà, vielleicht, Freundin, trage ich Ihnen heute abend noch ein wenig hier was nach. Jetzt aber diesen Beitrag hinein in Die Dschungel! Und dann die Triestplanung noch mal neu organisieren. Wie sie dann schließlich aussehen wird, werde ich als eigenen Dschungelbeitrag am Sonntag formen, der im übrigen, notwendigerweise, ein Waschtag werden wird.

Ihr weiters gutgelaunter

ANH
[Keith Jarrett, Solo live in Norway 1972]

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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