“Winter”zeit. Die im Arbeitsjournal des 30. Oktobers 2022, nämlich heute, beginnt, in welchem vom Kollwitzmarkt erzählt werden wird, der einen frühen Sommer vortäuscht. Wärn nicht die bunten Blätter gewesen, die trudelnd auf uns niedergingen. Sowie von unsrer nach wie vor luxuriösen Lebensblase. Weniger freundlich schließlich zu Olexij Makajew.

    [Foto Furtwängler/Lindholm ©: NDR / Frizzi Kurkhaus]

[Arbeitwohnung, 7.47 Uhr
Leszek Możdżer, Pasodoble (live, Berliner Philharmonie)]
Gearbeitet gestern quasi null. Vormittags die üblichen Besorgungen, dann schon wieder das melancholische Gefühl, alleine zu sein. Dabei war vortags mein Sohn hiergewesen, wir hatten lange und innig geplaudert. Geht dann die Wohnungstür aber wieder zu und das “Bis bald, Pa!”” ist im Treppenhaus verhallt, kann ich mich eigentlich nur an den Schreibtisch setzen, um mich auf anderes zu konzentrieren, das den leisen Schmerz überwölbt. Es ist dies, was für mich altzuwerden bedeutet, nicht irgendeine Krankheit oder sonstige Gebrechlichkeit, schon gar nicht mehr der Krebs, auch die Polyneuropathie nicht, die ich als normale Abnutzungserscheinung empfinde und mit der ich deshalb, auch wenn sie nervt, eigentlich ganz einverstanden bin. Auch sie ist ja ein Zeichen von Lebendigsein, und ich habe dazu die vielen anderen Menschen meines Umkreises im Kopf, die bereits mit dreißig/vierzig Ausfallerscheinungen hatten, ich hingegen nahezu nie. Da ist, empfinde ich, Gerechtigkeit. Nur aber, ja, dieses Alleinsein, das ich mit meinen Figuren fülle. Weil mir das gelingt, komme ich gar nicht auf die Idee, es zu beklagen; ich leide halt nur – und nur a bisserl – vor mich hin. Doch dann, von लक्ष्मी, über Whatsapp:

Zwanzig Minuten später Treffen Helmi Ecke Duncker/Raumer, लक्ष्मी ihr Fahrrad angeschlossen, zu Fuß weiter die Duncker hinunter, über die Danziger, in die Kollwitz bis zum Markt. An dessen Anfang gleich zwei Austern, für den Wein nachher, am Fischstand reserviert. Und zu den Gösleme weiterflaniert, in die Schlange ge– und einen der hier mit Hefe verkneteten dünnen Fladen bestellt, den unseren mit Hackfleischmischung, dann am Kollwitzdenkmal des kleinen, dem Spielplatz anrainenden Parks gemeinsam verzehrt, diesen beigeklätschelten Sauerrahm vertrage ich sogar — und schließlich weiter zum Weinstand, nachdem wir die Austern abgeholt hatten und eine noch obendrauf, die letzte noch vorrätige, geschenkt bekamen.
O wie die Sonne prallte!
“Ich trinke aber nur einen Wein, sonst ist der Tag dahin”: So nicht etwa ich, sondern sie. Ist fast immer das Zeichen dafür, daß der Tag dahin sein w i r d. Was aber heißt hier “dahin”? Er erfüllt sich. Man kommt auch schnell ins Gespräch mit anderen, die mit am Stehtischchen stehen.
Es gab keine Weingläser mehr. “Wir sind fast ausverkauft, ich fasse es nicht: Die Leute trinken seit elf.” “Ist doch klasse, wenn einem Stand das passiert!” Die Frau hinterm provisorischen Tresen lachte. “Stimmt.” Ich zog zwei Gläser aus den Abstellmulden für benutzte, reichte sie rüber. “Wir haben aber nur Wasser, um sie abzuwaschen.” “Nichts ist, das besser reinigt.” Also hatten wir unsere Gläser.
Auf dem Tischchen hatte लक्ष्मी die drei Austernbootchen zu einem Stern angeordnet. Ein älterer Herr (wozu ich schmunzeln muß; wie sich herausstellte, hatte er auf der Seele drei Jahre weniger als ich) habe, sagte sie mir gleich, Austern noch niemals gegessen. Ich schob ihm eine meiner drei hinüber, लक्ष्मी hatte keine gewollt. Nicht tapfer, sondern vor Neugier funkelnd schlüfte er die Molluske aus der Schale. “Oh”, entfuhr es einer älteren Dame, die mit ihrem Mann ebenfalls mit bei mit uns stand, “sowas bekäme ich niemals runter.” Der Austernneuling leckte sich die Lippen. “Meer”, funkelte er. “Es schmeckt nach Meer.” ‘Nach Frau’, wollte ich entgegnen, schluckte es aber hinunter; sein Funkeln hatte ohnedies gezeigt, daß er’s nun längst wisse. Auch deshalb versagte ich mir die weitere Bemerkung, nämlich für die ältere Dame, daß ihre Scheu mir nachvollziehbar sei, sie sich aber vor Männern hüten müsse, falls sie sie teilten. Statt dessen ihr Mann: “Der Prenzlauer Berg ist nicht mehr, was er war. Man hört fast kein Berlinisch mehr, sogar fast überhaupt kein Deutsch, nur noch andere Sprachen.” In solchen Fällen reagieren लक्ष्मी und ich fast unisono. “Mich beglückt es, wenn hunderte Sprachen durcheinanderwirbeln, das macht Berlin zur kleinen g a n z e n Welt.” “Und es ist eben nicht nur Englisch, bzw. US-Amerikanisch, sondern Französisch genauso, und Spanisch, und Arabisch, und Türkisch.” “Und Ukrainisch jetzt.” “Und auch Russisch, Vietnamesisch, Chinesisch, sogar Japanisch.” लक्ष्मी: “Viel Urdu auch, schaun Sie nur all die Radfahrer für WOLT – und Bengalisch, Gujarat …” “Außerdem immer wieder Farsi.”

Das Großartige an Begeisterungen ist, daß sie sich übertragen. Wenn das geschieht, ist für Ausländer-, sagen wir, -skepsis überhaupt kein Raum mehr, sie welkt quasi ebenso ein, wie die sehr indisch aussehende Mama unseres Sohnes mit ihrer gern getätigten Offenbarung, daß sie ein typisches Hessenkind sei, jeglichen “deutschen” Vorbehalt schlichtweg unterläuft, vor allem dann, wenn sie auch noch “hesselt”. Das bekommt sie aufs charmanteste hin – ja, dann gerät ihr liebevoller Spott so richtig in Fahrt.
Es war nun schon für sie und mich jeweils das dritte Glas, 0,2er wohlgemerkt. Der Austernneuling hatte sieben Becher Federweißen in sich und trollte lächelnd, leicht indessen schwankend, von dannen. Und लक्ष्मी schoß das fast schon rituelle Selfie für die Kinder, das sie auch sofort an die Zwillinge und unsern Sohn hinauswhatsappen ließ:

 

“Teilen wir uns noch einen?” So ich. Sie: “Du, dann laß uns noch einen im Schwarzsauer nehmen.” Halber Strecke zu ihrem Zuhause. Es war unterdessen fast schon Abend.
So saßen wir denn dort noch dreißig Minuten; sie hatte sich aber für einen Pernod entschieden, ich blieb beim Wein. “Magst du kosten?” Erst wollte ich nicht. “Einfach nur die Zunge reinstecken” – eine Formulierung, die es mir komplett unmöglich machte, abermals abzulehnen. Fassungsloserweise paßte der Anisgeschmack auf meinen Riesling gefährlich gut.
Nachdem ich die Frau heimgebracht hatte und über Gneist- wie Raumer-, von dort den Helmi durchflaniert, und Dunckerstraße heimgekehrt war, war ans Arbeiten freilich gar nicht mehr zu denken; auch daran nicht zu lesen. Also in einen Tatort mit meiner ganz sicher aus erotischen Gründen Lieblingskommissarin, Maria Furtwängler-Lindholm, hineingeschaut, doch auch das abgebrochen und sage und schreibe um halb neun ins Bett. – Klar, daß ich nach fünfeinhalb Stunden wieder wach wurde und erstmal nicht mehr einschlafen konnte; ich überlegte sogar, ob jetzt gleich – um 2! – aufstehen, mir einen Latte macchiato bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Entschied mich dagegen, stand nur kurz für ein Glas Wasser auf, nackt, klar, vor allem, weil ich frieren wollte, um einen Grund zu finden, wieder unter die Decke zu schlüpfen; leicht fröstelnd schnell auch noch aufs WC, ausnahmsweise im Sitzen pinkelnd, mit nämlich geschlossenen Augen. Und es klappte auch: Nun war mir kalt genug, um das Bett wieder anziehend zu finden. In dem ich auch ein- und bis sechs Uhr durchschlief, was sich nun als sieben Uhr herausgestellt hat. Ah jà, Winterzeit! Doch Winterzeit in einem Herbst aus Sommer. Über den लक्ष्मी  begeistert war, ebenso wie ich, doch: “Meinetwegen könnten”, sagte ich, “in Berlin Agaven wachsen, und Palmen. Doch etwas unheimlich ist es s c h o n.” Außerdem fehlte natürlich das Meer.

[→ Możdżer, Danielsson, Fresco: Praying]

 

Da heute abend einer wunderbaren Einladung zu folgen ist – ab 19 Uhr werde ich erwartet –, werde ich tagsüber allerdings davon absehen, erneut hinaus in diesen ungewöhnlichen Spätsommer zu schreiten, sondern strikt am Schreibtisch sitzen bleiben; es ist ein Konzept für eine Béart-Veranstaltung zu schreiben, das ich dem LCB vorlegen möchte, wie mit Florian Höllerer, dem Leiter des Hauses, anläßlich des → Marianne-Fritz-Perfomance-Abends abgesprochen. Ich habe die Idee, meinerseits eine Art Performance zu bauen, in der nicht “nur” Rivettes La belle Noiseuse und du Welz’ Vinyan eine Rolle spielen sollen, sondern auch → meine Gedichtvideos; wie, ahne ich bisher nur, habe da ein, verzeihn Sie, Freundin, meine Esoterik … habe da “ein Spüren”. Be”spielt” werden sollte das gesamte Erdgeschoß; ganz sicher machte auch meine Lektorin mit und mit ihrer als Specherin zutiefst magischen Stimme लक्ष्मी  genauso, die auch sehr gerne, wie sie gestern sagte, bei meinem Projekt, → Anderswelt als Hörbuch einzusprechen, mit dabeiwär. Ihr fehlt, “spürte” ich schon zuvor, die poetische Hörstückarbeit fast ebenso wie mir. – Doch damit, die → Andersweltromane w e i t e r einzusprechen, werde ich erst einmal bis zum Dienstag warten müssen, weil ich doch hören möchte, was meine Lektorin zum schon eingesprochenen THETIS-Vorspiel sagt, die momentan noch durch die kretischen Berge reitet – eine in mir so bildhaft bewegte Vorstellung, daß ich ganz unruhig vor Beglückung bin — selbst dann, wenn ich nun erst einmal nachlesen werde, wie es um den entsetzlichen Ukrainekrieg steht, der uns alle nicht nur unter der Haut begleitet. Oder, wie es gestern लक्ष्मी  ausgedrückt hat: “Wie leben hier in einer Blase.”

Ihr, schöne Freundin,
ANH

***

[11.41 Uhr]
Dauernd Jungmädchenanfragen bei Facebook um “Freundschaft”. Manchmal reagiere ich, z.B. wie soeben:

[14.39 Uhr
Johannes X. Schachtner, Symphonischer Essay (2008/2016)]
Olexij Makajews Forderung[1]Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl. ist, so sehr sie sich morallogisch auch nachvollziehen läßt, scharf abzuweisen. Zum einen folgt Moral keinem logischen System, sondern sieht eben auch innere Widersprüche; zum anderen, und das ist entscheidend, müssen wir uns — wenn wir Europäer denn, wie dauernd behauptet, Werte tatsächlich haben, die im Abendländischen wesentlich christlicher Natur sind — fragen, wie hätte an unserer Stelle der Nazarener gehandelt. Hätte er die geflohenen Kriegsdienstverweigerer aufgenommen, auch wenn sie vor der russischen Teilmobilmachung für diesen widerlichen Krieg gewesen sein sollten, oder hätte er sie in den sicheren Tod zurückgeschickt? Die Antwort ist eindeutig. Zumal diese Menschen tatsächlich noch niemanden getötet haben oder Ukrainern mit eigener Hand sonstwie geschadet. Aber selbst, hätten sie es getan, wären sie aufzunehmen, ihnen danach allerdings ein rechtsstaatlicher Strafprozeß zu machen, in dem nach Beweislage vorzugehen und im Falle mangelnder Beweise in dubio pro reo zu entscheiden wäre.

[Johannes X. Schachtner, Quatre tombeaux de vent (2013)]

 

References

References
1 Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl.

Any man’s life: Das Leben als einen Roman betrachten (16). Von Hemingway in der Manschette eines Hemds.

Hemd von Marc O’Polo, erstanden wahrscheinlich second hand.
Leider keine Modellangabe.

Ich wußte davon nichts, bis लक्ष्मी es gestern entdeckte. “Das hast du hineinsticken lassen.” “Nein, ich habe diesen Satz vorher nie gesehen.” So daß es doppelt stimmt:

ANY MAN’S STORY TOLD TRUELY IS A NOVEL

***

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[Arbeitswohnung, 6.29 Uhr
Allan Pettersson,, Sinfonie 17
74,2 kg]

 

Kackerechner
Dem analen Volkscharakter gewidmet ODER Des deutschen Arsches Corona-App

Die Berliner Morgenpost macht uns des folgend Erlösenden kundig:

Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) haben einen → Klopapier-Rechner erstellt, aus dem hervorgeht, wie lange der eigene Toilettenpapier-Vorrat ausreicht. (…) Über vier Schieberegler kann man festlegen, wie viele Lagen das eigene Klopapier hat, wie groß der Vorrat ist, wie oft man durchschnittlich am Tag aufs Klo geht und wie viele Personen im eigenen Haushalt leben. Auf Grundlage dieser Zahlen gibt der Rechner an, wie lange der eigene Vorrat reicht. Zugleich zeigen die Wasserbetriebe auf ihrer Seite, welche Alternativen es zum klassischen Klopapier gibt.
Morgenpost.de, → 31. 3. 2020, 12.55 Uhr

 

Denk ich an Deutschland nun nicht nur bei Nacht,
bin ich ums Klopapier nie mehr gebracht.
Heinrich Heine, Die Berliner Wasserbetriebe,
in: Utopische Schriften, op. posth.


(Auch Göttingen schon sah er am liebsten von hinten.)

Aus Anlaß seines Todes noch einmal der
ABAKUS FÜR ROR WOLF

Schöffling & Co. teilen zu auch Der Dschungel Trauer mit:

Bild aufgrund eines Urheberrechtsein-
spruchs
gelöscht. Statt dessen auf das-
selbe Foto hier ein → LINK.

[Foto (Ror Wolf): © dpa]

Ein Dunst liegt über Dakota,
und über Nevada liegt Rauch
und Qualm über Minnesota.
Am Ende liege ich auch.
Ror Wolf: Das nordamerikanische Herumliegen. 2005

 

Wir trauern um Ror Wolf, der gestern im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit in Mainz gestorben ist.

Ror Wolf wurde 1932 in Saalfeld/Thüringen als Richard Georg Wolf geboren. Nach dem Abitur verließ er 1953 die DDR. In Westberlin und später in Stuttgart arbeitete er als Straßenbauarbeiter, Zeitschriftenvertreter, Druckereihilfsarbeiter und Angestellter einer Werbeagentur. Von 1954 bis 1961 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Hamburg und wieder in Frankfurt (unter anderem bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Walter Höllerer). Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit als Mitarbeiter verschiedener Marktforschungsinstitute.

Ab 1957 veröffentlichte er in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus Prosa, Gedichte, Bildcollagen, Aufsätze und Kritiken. Von 1959 bis 1963 leitete er das Feuilleton des Diskus. Von 1961 bis 1963 war er Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und verantwortlich für das Studio für neue Literatur. Ab 1963 lebte er als freier Schriftsteller. Er verfasste neben Lyrik und Prosa auch Hörspiele und Radio-Collagen und machte sich auch mit seinen Bildcollagen einen Namen. Sein gesamtes Werk ist vom Spiel mit der Groteske geprägt.

***

Aus diesem Anlaß hier noch einmal den in Der Dscbungel bereits im November 2018 eingestellten, für die horen geschriebenen und dort in der Nummer 241, Ausgabe 1/2011 erschienenen

 

Abakus für Ror Wolf

Fliegende Fische über den Rücken der Gouvernanten, deren eine uns, auf einem anderen Bild, mit einem zu großen Auge betrachtet, derweil eine Spritze aus des Mädchens Ohr den Saft zieht – verborgene Säfte mit Benn, der oben Bläue sah, doch unten wimmelnd Getier. Verborgenes sichtbar zu machen: die Chinesische Mauer als Raupe und Wasserfälle, die sittliche Damen bespritzen, deren glücklich Mutteraug einen riesigen Fischkopf besieht, Struwwelpeter, Käptn Marryat und Jules Verne. Wie Tarzan springt übern Teich HansguckindieLuft an Liane.

Wirklichkeitsverschiebung, um Wirklichkeiten zu durchdringen: hier wirkte zu Anfang Max Ernst. Ror Wolf bedient sich der bürgerlichen Enzyklopädien der Gründerzeitgesellschaft: die Industrialisierung hat in ihre Ästhetisierung gefunden, selbst der Stahlelefant ist zitiert. Was aber bei Verne die Lebensrahmen letztlich befestigt – Technik als verläßliche Form, da ist für Pessimismus kein Raum -, löst Wolfs Montagetechnik auf und zeigt das Ungeheure. Ein wimmelnd Getier nun der Gegenstand selbst, als verdinglicht sichere Ware. Dieses Sicher ist aber nur scheinbar, denn die Objekte schützen nicht länger, vielmehr öffnet ein jedes gefährliche, doch auch gefährdete Räume. Von Traumlogik ließe sich’s sprechen, wäre die nicht, aus dem Standpunkt des Materialisten gesehn, eben jene Psychose, die aus den Korsetts bricht und mit der feinen Grausamkeit wirkt, die nahezu immer dem Charakter der Meisterschaft eignet. Nicht beliebig sind diese Bilder aus Objets découpés komponiert, sondern vermittels einer unheimlichen Folgerichtigkeit, die bei Ror Wolf zugleich die Leichtigkeit einer poetischen Verklärung hat – einer freilich des Seelenlosen, weil vom Fehlen der Seele erzählt wird. Nicht der Seele des Ganzen, der „Natur”, wohl aber der des Subjekts. Aus diesem Grund macht so vieles den beklemmten Eindruck der Gemütlosigkeit. Auch das paßt zur Psychose, wie freundlich das ist und wundert sich nimmer, nicht übern Geier im ausgeplüschten Schlafraum, darin ein Mädchen der zugeneigten, aufs Bett geworfenen Freundin aus einem achtsam gefalteten Brief vorliest, sicherlich mit gedämpfter, samtener Stimme, nicht über die Möve, die selbstbewußt den Kolonialismus betrachtet, eine negroide, sehr junge Frau, Dienerin wohl in gutem Hause und Harem und so auch geschmückt, da sie doch einst Prinzessin zu Saba gewesen. So auch reicht, noch in Fleisch, dem Betrachter im Gehrock halbnackt die Pharaonin den Stab wie zur lockenden Abwehr, da sie doch Statue ward. Er, ohne Erregung, hält seinen Arm sich im Rücken; die Hand dabei liegt auf dem Strumpffuß der Dirne, die unterm Umhang versteckt ist. Daran, im Zentrum, geht es, das Paar, fast zugrunde – als Paar, und zwar an der Gesittung der vielen Services für Tee und Kaffee; z u vieler, als daß sie noch dem gemeinsamen Frühstück könnten dienen. Wo fand die Frau das Billett, das sie dem Mann da abgewandt reicht, und enttäuscht? In dem Gemälde rechts oben erwartet Salomés Mund seinen Kniefall.

Es lohnt sich bei Wolf, zur Lupe zu greifen: Ottomar Anschütz, Lissa (Posen) – doch aus der Platte mit Schlitzverschluß schlängelt kein Auslöserkabel; vielmehr ist’s ein Gummischlauch mit dem Balg des Klistiers. Vieles bei Wolf verweist aufs Organe, und überall finden wir Spuren des Todes, der nicht einfach „Weg!” ist, „Vergangen!”, sondern Verwandlung durch Würmer, wo sich die Welt, scheinbar, fixiert hat. Das spiegelt Bedrohungen wieder, zugleich aber auch die naive, teils überhebliche Beruhigung des Personals. Sie ist unsere Beruhigung geblieben. Der Mensch bei Max Ernst bemerkt noch, was ist; er erschrickt oder will auch die Unheil1. Ror Wolfs Personen aber sehen meist gar nicht, was vorgeht. Es ließe sich denken, die Unheil, wenn sie auch zufaßt, erreicht die Wirklichkeit der Betroffenen nicht. So brandet die Welt um sie herum und schäumt durch die Zimmer, darin die Familie den Bratapfel ißt und hört im Kachelofen das freundliche Feuer. Über den Plafonds liegen Echsen. Wir gehn durch sie durch, als merkten sie uns nicht, da auch wir sie nicht merken. Da stand der Weltkrieg schon vor der Tür.

Bereits Ernsts Zyklus des Karmelitermädchens2 ist, wie die Hundertköpfige3 vorher, ein Bildroman. Die Collagen der Hundertköpfigen kennen Bildunterschriften, die allerdings den Character höchst freier surrealistischer Assoziationen haben. Wolf hingegen, als Raoul Tanchierer im Widerstreit mit Klomm, bindet die Druckausgaben seiner Collagen in „Welt- und Wirklichkeitslehre” genannte Enzyklopädien ein, die ihre politische Bedeutung jenseits des surrealistischen Aufstandes haben. Das gibt ihnen eine Zeitlosigkeit, die Max Ernst so noch nicht gestalten konnte. Die gründerzeitliche Bildwelt, meist aus ihrerzeits populären und popularwissenschaftlichen Publikationen geschnitten, ist bei ihm fast noch Gegenwart, aber für uns, wenn auch nur scheinbar, vergangen. Wolf erzählt ihre Latenz bis in die achtziger Jahre des Homo oeconomicus4. Aus Mon petit Mont Blanc5 wird ein Sexualakt halbantiker Figuretten vor einem Klassenzimmer, aus dem ein androgyner Jüngling auf den Quirinalspalast schräg hinaussieht – aber auch hier nicht etwa erschrocken, sondern so gleichmütig, daß man die Verdrängung der Triebe geradezu sieht. Und über riesige Quallen rudern zwei Männer ganz ebenso unbetroffen hinweg. Doch einmal, da bricht – das Bild hängt als Original bei mir an der Wand – die unterseeische Welt, die unter der Stadt lebt, überseeisch ins Haus und birst alle Scheiben: Wasser wird Feuer. Losgelassen das Element. Da nun endlich, aber vergeblich, fliehen die Menschen. Und als das Meer durch eine Hauswand bricht, sich in gischtendem Sturzfall ergießend, auf dem ein Schiffbrüchiger gleitet, verlassen die Ratten das Haus, aus dem es den Ausweg gar nicht mehr gibt. Wehrlos klagt eine Frau da zum Himmel: Eine Pietà, aus ihrem eigenen Blicken betrachtet, das das der Hysterie ist. Doch wer das träumt, ist ein Mädchen in züchtigem Kragen, wiederum am Lerntisch. Aus einem Buch sieht es auf. Die Verklemmung, die alle Melancholie an ihrem Grund denn auch ist, verrät sich in der Gewaltfantasie: überwältigt werden, endlich. Niedergerissen werden. Denn das Bürgertum sammelt: – seine Kategorien, seine enzyklopädischen Gattungen, Arten, Register, die etwa Wolfs Sprachpoesien ironisch bis bizarr unterlaufen, sind Deiche, die es noch und wiederneu aufschütten, in jedem Fall ständig befestigen muß. Dabei treiben vor dem Garten der Villa die Uhren in dem Fluß längst vorbei, den das Geländer nicht kanalisiert. Es geht auch am Bildrand, dem linken, fast unter. „Daß aus den Anstalten entlassene Rettungsschüler sich mit Pistolen, Revolvern, Teschings bewaffnen, ist kein Geheimnis”: so weiß Tranchirer zu erzählen6. „Sie halten Schießübungen ab, lärmen nachts auf den Straßen, leuchten den Leuten mit Streichhölzern in die Gesichter, schlagen ihnen die Hüte vom Kopf und werfen den Damen Feuerwerkskörper unter die Kleider.” Der einzige Widerstand gegen die Unheil, der noch erlaubt ist: ungezogen zu sein. Harmlos im Rahmen der Verwarnungsgebühren für Ordnungswidrigkeiten. Noch die Vergeblichkeit unserer gewaltfreien Demonstrationen bezeugt das.

Während Ernst kombiniert und mit emphatischer Lust übersteigert, seziert Tranchirer. Er tranchiert. Seine Perfektion ist darum kühler, als es Max Ernstens Spieltrieb war. Nicht wenige Schnipsel tragen noch Spuren der Kartographie; meist sind es Zahlen, die auf ein Lehrbuch verweisen. Immerhin geht’s ihm, Tranchirer, um Wirklichkeitslehre. Mit Max Ernst teilt sie sich die Zusammenhangsdurchstoßung, wie abermals Benn dies genannt hat. Doch eigene Bildelemente, die jenem den möglichen Ausbruch markieren, fehlen zugunsten einer nahezu absoluten Hermetik. Man erkannt das am Verschwinden des Schnittes – der Ränder, die man nicht sieht. Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. Nur in ihr, im Fräulein im Turm, toben die Orkas; dort ist die Stubenfliege größer als der Kopf einer Frau, und ein fliegender Aal mit dem Haupt einer Tulpe will sie, die Fliege, sich schnappen. Dabei bleibt dieser Turm immer nur Kerker: Piranesi, doch ohne Labyrinth. Zwei Mädchen tanzen im Ochsenjoch diszipliniertes Ballett unter den Strahlen der Freiheitsstatue. Ihr Herr im Anzug schaut zu, das Laken rechts unterm Arm vor der Spinne, der denkend ein drittes Mädchen folgt, aber weit, sehr weit sehen wir in den von Booten bevölkerten Hudson hinein. Unten indes schließt das Bild mit Gebirge, verschneitem, der baren Mädchenfüße uneingedenk. So grausam geht’s immer zu. Denn was wir nicht sehen, beherrscht uns. Die wissenschaftlichste Aufklärung im Positivismus befreit die Handelnden nicht, da sie nicht anders handeln, als daß sie Waren tauschen können, wie auch ihr Wissen. Sie sehen nicht an Schote und Spargel, was sie denn wirklich an ihnen entzückt. So daß der Palazzo wie die Fabrik im Meer schon versinkt.

Bezeichnend oft auch der Himmel, der Raum in der Leere. Ernsts Deux jeunes filles se prommènent à travers le ciel von 1929 kehrt nahezu wörtlich über einem Erdball zurück, der vom Mond aus wirkt wie der Mond: zwar schweben die Mädchen, aber sie sind dirigiert; das Versprechen gegen den Blitz bei Ernst, dessen Doppelfahrrad in futuristischem Sinn Technik noch positiv ist, wird bei Wolf zur Schwebefantasie und auf ein Jenseits verwiesen; es fehlt sogar die Erdung, die Ernsts Gefährt noch kennt. Wolfs ästhetische Perfektion wird symmetrisch Lackierung. Selbst die ertrunkne Ophelia, auf einem andern Bild, wird noch vermessen: für den Corpus steht schon, auf einem Podest, ein großer Vogelkäfig bereit, derweil der Liebhaber angelt. Dasselbe Tretgefährt kehrt auf einem Abendbild wieder, nun von dem Herrn gefahren; unter ihm, ockern, die Geometrie eines teils Hauses, teils Schranks aus Brettern für Regale. Völlig fremd steht das an Ufer und Hang als letzte Sicherheit dem Blick, den die überrealen Tuben einer Weltraumpflanze frappieren, die von rechts vorne ins Bild schwebt: so kraftlos ihre Beinchen in der Form erstorbener Kerbtierwurzeln am gedrungnen Raupenleib. Doch dieses, einzig, lebt da. So auch die Frage nach der Relevanz des Materials, das eben nicht, wie Volker Hage einmal schrieb, „ergötzlich” ist, allenfalls wirklich „erstaunlich”, aber auch dies wider den historisierenden Sinn seines schnellgeschäftigen Zuordnens: die Collagen konstellieren die ideologischen Pfähle, auf denen und die die moderne Gesellschaft gebaut hat. Sie für witzig zu halten, ist eine Verschiebung, also Abwehr – nämlich des leise ständigen Schreckens, den fast jedes Bild verstrahlt. Wir erkennen, aber wie von früher, unsere Gegenwart in der Kindheit ihrer schon da durchperfektionierten Industrialisierung wieder. Zugleich beziehen die Collagen eine seltsam schwebende Reinheit gerade aus der Abwesenheit der zeitgenössischen Warensprache. Dies verleiht ihnen Zeitlosigkeit. Es löst sie von den Entstehungszusammenhängen der Materialien gerade ab und projeziert sie auf die aktuelle Zeit des Betrachters. Daß jedes Bild Erzählung ist und nicht historischer Roman, bleibt darin erhalten. Hier verläuft die Schnittstelle zwischen Fantasy und Phantastik, Erbaulichkeit und einem Ungeheuren, das immer auch Versprechen ist. Denn uns, die Betrachter, läßt Ror Wolf es noch sehen, der mit dem strengen Blick des Adlers auf seinem toten Opfer hockt – dahinter die Sänfte der Scheherezade.

Bestellen

1) ANH, Die Unheil
2)Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel, 1930
3<La femme 100 têtes, 1929
4) „Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige,
der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt.”
Eduard Spranger, Psychologie der Typenlehre, 1914.
5) Max Ernst, 1922
6) Ror Wolf, Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre
aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft,
des Wassers und der Gefühle, anabas, Gießen 1990.

* [Das im Text wiedergegebene Bild steht im Eigenbesitz.]

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(In Der Dschungel ersteingestellt am 7. November 2018

und hierher nach vorne geholt.)

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