“Blutbefleckt” | Endlich auch anderswo ein Wort gegen Helden. Von Michael Wolffsohn in der NZZ. Die Sprache der Helden, 6.

D o r t :

D o r t .

Es sind Menschen, die in Notwehr kämpfen. Mit “Heldentum” hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun.
ANH
______________
Siehe auch → h i e r.
Siehe auch → d a.

Michael Wolffsohn

Nein, meine Söhne geb ich nicht!

Wie für heute geschrieben, gegen einen NATO-Eintritt in den Ukrainekrieg:

[Was mir hier gefällt – und es ist ja tatsächlich nicht meine, sondern eine für mich enorm unterkomplexe Musik -, ist, daß keine und keiner von den allen wirklich singen kann – aber genau das gibt dem Video die Kraft und macht es so menschlich interessant; genau die Schwäche wird zum Ausdruck der Humanität. Ob die Musik meinem oder überhaupt einem ästhetisch modernen Ansatz entspricht, ist dafür völlig nebensächlich.]

Die Kinder schützen vor allen Gefahren
Ist doch meine verdammte Vaterpflicht
Und das heißt auch, sie vor euch zu bewahren!
Nein, meine Söhne geb’ ich nicht.
(Gesamter Text → d o r t.)

Moira Serfling, Silke Meyer, Holly Loose, Katja Moslehner, Eric Fish, Eric Burton, Andreas Stitz, Esther Jung, Seraphina Kalze, Daniel Schulz, B.Deutung, Joachim Witt, Luci Van Org, Ally Storch, Reinhard Mey.
Rock-Sound: Leichtmatrose (Andreas Stitz, Thomas Fest, Rick J. Jordan). Schlagzeug: Tom Günzel.
Videoschnitt: Sophia Saggau. Drohne: Tobias Wölki. Regie der Gesangsaufnahmen: Reinhard Mey / Megalith Studios Sylt

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Siehe auch → d a.

Auch “die Nation” ein Blutritual. Von Barabara Ehrenreich einiges mehr. Mit einer Vor- und Nachbemerkung zum Ukraine-Krieg.

[Abgesehen von der Verantwortungslosigkeit-überhaupt,
einen atomaren Krieg auch nur zu riskieren, wozu nun
leider auch “mein” von mir überaus geschätzter PEN-Prä-
sident Deniz Yücel – auch noch mit , → wie Oliver Jungen
berichtet, “Donnersatz” – quasi aufgerufen hat, und dem
Umstand, daß ich es sogar in einem konventionellen Krieg
scharf ablehnen würde, an der quasi Seite von nationalras-
sistischen sowie einem monströs untoten NS-Regime auch
nur nahestehenden → Söldnerhorden
wie dem Regiment
Asow zu kämpfen, ist auch etwas
anderes, ein BASALES,
zu be
denken und vor allem erst einmal in den Blick zu neh-
men – etwas, das für die westlichen Staa
ten ganz genauso
gilt, aber für Putins imaginär-mythisches, geradezu messia-
nisch aufgeladenes Rußland in noch ganz besonderem Maß,
insofern er – → angekündigterweise – den Opfer-, nämlich
Märtyrertod im Vollzug eines quasi Arma(!)ggedons[1]Harmagedon (auch Harmageddon, Armageddon oder Har-Magedon, griechisch Ἁρμαγεδών) bezeichnet in der Offenbarung des Johannes den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht im „Krieg des … Continue reading inkauf
zu nehmen bereit zu sein scheint, den Untergang, mithin, der
Welt insgesamt, in jedem Fall eines Großteils ihrer Menschen:]

“Nationen wurzeln nicht in festen blutsmäßigen Ahnenreihen, sondern sind recht willkürliche Ansammlungen, die wie Rußland oder Jugoslawien durch die Wechselfälle der Politik und des Krieges ständig neu geformt und umgebildet werden. (…) Nationen sind (…) keine natürlichen, sondern “imaginäre Gemeinschaften” (…). ‘Von Anfang an war das Prinzip des Nationalismus sowohl theoretisch als auch praktisch nahezu unauflöslich mit der Vorstellung von Krieg verknüpft.'[2]Michael Howard, → The Lessons of History (…) Wie in Kapitel 5 dargelegt, könnte die natürliche Selektion viele Jahrtausende lang diejenigen Menschen oder Hominiden begünstigt haben, die sich ganz besonders für die Rituale kollektiver Verteidigung begeisterten, weil sie sie (…) als lustvoll und errgend empfanden. (…) Nationalismusgefühle erleben aber nicht nur Soldaten in einer Armee, sondern auch – und oft sogar intensiver – Zivilisten, denen überhaupt keine wirkliche Gefahr droht und die nie militärisch gedrillt wurden oder kämpfen mußten. (…)
Die Marseillaise war die erste Nationalhymne im Marschrhythmus; andere Staaten zogen nach und fingen ebenfalls an, ihre Hymnen in ähnlich ansteckendem, kämpferischem Rhythmus zu singen.[3]Etwas, das dem gemeinsamen Parole-Skandieren auf Demonstrationen entspricht, → etwa “Überflugverbot” Überflugverbot!” Die Funktion der Medien ist dabei → die gefühlsmäßige Einbeziehung: genau wie das Exerzieren bewirkt, daß Männer zur gleichen Zeit gleiche Bewegungen ausführen, können die Medien bei einer großen Zahl von Zivilisten zur gleichen Zeit gleiche oder ähnliche Gefühle mobilisieren. [Hervorh. von mir, ANH] Und wenn sehr viele Menschen merken, daß sie zur gleichen Zeit das Gleiche fühlen (vielleicht nur deshalb, weil die Medien ihnen von vornherein sagen, was alle anderen angeblich empfinden), erleben auch sie das Hochgefühl des Soldaten, Teil eines größeren Ganzen zu sein. (…)  Das Hochgefühl, das jeder Patriot beim Anblick der Nationalflagge[4]Wie jetzt bei dem der ukrainischen! Deshalb betont Selinskyj in seinen rhetorischen Ansprachen immer wieder ein gemeinsames, gedachtes Europa: Stehe die Ukraine im Krieg mit Rußland, so stünden wir … Continue reading empfindet, ist unter anderem der Stolz auf die gedachte Ahnenreihe, die jetzt alle Bürger gemeinsam haben: “Die vor uns kamen”, heißt es dann und “diejenigen, die ihr Leben dafür gaben, daß …” (…) Nicht weniger anthropomorph sind Formulierungen, in denen ein Staat “trauert” oder “gedenkt”, “etwas aufs Spiel setzt” oder “wagt”. (…) Selbst der unphilosophischste Patriot versteht unter der Nation etwas “Lebendiges”, zumindest in dem Sinne, daß sie auch nach ihm “weiterleben” wird[5]– etwas, das momentan in vielen der ukrainischen – zivilen – Kämpferinnen und Kämpfer bis in ihren Tod hinein zu wirken scheint. Wobei nicht vergessen werden darf, daß es, von … Continue reading. Das erklärt die Bereitwilligkeit des Patrioten, ja seinen Wunsch, fürs Vaterland zu sterben. Wenn  die Nation unsterblich und er ein Teil von ihr ist, hat er an dieser Unsterblichkeit teil, wenn er sein Leben im Kampf fürs Vaterland verliert. (…)
Der Staat existiert als eine Art ‘Organismus’ nur durch die emotionale Einheit seiner Bürger, und nichts zementiert diese Einheit besser als der Krieg. [Hervorh. von mir, ANH] Wie Hegel darlegte[6]G.W.F. Hegel, → Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820, erschlafen die Staaten im Frieden, weil die Bürger sich dann mit ihren individuellen Angelegenheiten befassen (…). Auf einer archaischeren Vorstellungsebene wird der als Organismus gedachte Nationalstaat über- oder untermenschlich; er wird zu einem ‘Geschöpf’, welches laut Hegel auf Blut angewiesen ist, um sein Leben zu erhalten, und zwar auf das Blut lebender Menschen. In dieser Auffassung vom Staat erkennen wir eine weitere Variation des ursprünglichen Feindes und ersten Gottes des Menschen – der Raubtiers. (…) Raubtiere spielen eine prominente Rolle auf den Fahnen, Wappen und weniger formellen Symbolen, die die einzelnen Staaten sich wählen. Die Vereinigten Staaten, Deutschland, Mexiko, Polen und Spanien haben den Adler, Großbritannien, Finnland Kenia, die Niederlande, Norwegen und der Iran den Löwen, Ägypten den Falken, Rußland den Bären.[7]Für die Ukraine ist es ein zum Trysub stilisierter → Gerfalke. Wenn wir in dem ‘größeren Ganzen’ aufgehen, das Nationalstaat, Volk und Vaterland repräsentieren, werden wir selbst zu dem, was unsere Spezies seit Urzeiten am meisten fürchtet und am leidenschaftlichsten werden möchte.”
Ehrenreich, → S. 238 – 247

Von hier aus auch nur | ist zu erklären, weshalb bei uns im Westen nun immer wieder zu lesen ist, kapituliere die Ukraine, habe der gesamte Westen verloren – und gehe sogar unter. Solche Positionen – wiewohl komplett unsinnig, sind sie offenbar ernstgemeint und werden geglaubt – lassen sich nur durch eben diese mythische Identifikation erklären – oder aber durch bewußte politische Rhetorik im Sinne manipulativer Einflußnahme. Als Grund für den Eingriff der NATO und damit Eintritt in den Krieg gegen Rußland ist es extrem manipulativ, insofern allein aufs Unbewußte der Bürgerinnen und Bürger gerichtet, das im Sinn der ehrenreichschen Ausführungen in Bewegung (“in Marsch”) gesetzt werden und davon abgehalten werden soll nachzudenken.

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ANH, Berlin

Abeitswohnung, 6.30 – 9 Uhr

References

References
1 Harmagedon (auch Harmageddon, Armageddon oder Har-Magedon, griechisch Ἁρμαγεδών) bezeichnet in der Offenbarung des Johannes den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“. Im erweiterten Sinn bezeichnet der Begriff in der Theologie den eschatologischen Entscheidungskampf. Säkular wird er für sehr große, alles zerstörende Katastrophen überhaupt verwendet.  (→ Wikipedia)
2 Michael Howard, → The Lessons of History
3 Etwas, das dem gemeinsamen Parole-Skandieren auf Demonstrationen entspricht, → etwa “Überflugverbot” Überflugverbot!”
4 Wie jetzt bei dem der ukrainischen! Deshalb betont Selinskyj in seinen rhetorischen Ansprachen immer wieder ein gemeinsames, gedachtes Europa: Stehe die Ukraine im Krieg mit Rußland, so stünden wir es auch. Was de facto falsch ist, aber wirkt.
5 – etwas, das momentan in vielen der ukrainischen – zivilen – Kämpferinnen und Kämpfer bis in ihren Tod hinein zu wirken scheint. Wobei nicht vergessen werden darf, daß es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ukrainischen Männern über 18 nicht erlaubt ist, sich vor dem Krieg in Schutz zu begeben, also aus dem Land zu fliehen.
6 G.W.F. Hegel, → Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820
7 Für die Ukraine ist es ein zum Trysub stilisierter → Gerfalke.

Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Ukraine-Dialoge IX: “Erst schießen, d a n n denken”. Kaleb Utecht | ANH (2): Chat in Signal.

 

Montag, den 14. März 2022, 13.52 Uhr

Utecht
Merke, Du bist sehr aktiv auf Deiner www-Präsenz. Ich kann das wegen erheblicher Ablenkungen (euphemistisch formuliert) leider nur überfliegen, mir fehlt auch faktisch die Zeit für substanzielle Kommentare in ordentlicher Qualität. Schreibe Dir das, um Dich wissen zu lassen, daß trotz “Abwesenheit” mein Interesse ungebrochen ist. Wünsche mir im übrigen deutsche Politiker, die mutig vor die Mikrophone treten und “ihrem Volk” klar machen, daß es Zeit ist, Farbe zu bekennen und mithin in der Folge der wirtschaftlichen Konsequenzen den Gürtel tapfer eng zu stellen. Es wird immer noch zuviel überlegt statt gehandelt. Das kostet zu viel Zeit gegen einen Gegner wie Herrn Putin und Co. Und das erinnert mich sehr an ein Interview, das Michael Ryan (ein WHO-Direktor und unser Ebola-Besieger) schon im März 2020(!) gab, als die Pandemie noch kleingeredet wurde und er schon wußte, wie sich sich der Gegner “Virus” verhalten wird. Man tausche seinen Pandemie-Content gegen den derzeitigen Imperialismus-Content aus — und hat sofort die einzig hilfreiche politische Handlungsanweisung für “den Westen”… Ich finde dieses kurze, aber bemerkenswerte Video und sende es Dir. Vorerst abschließend hier in der Folge zunächst eine Karikatur, die meine derzeitige Haltung ganz gut widerspiegelt:

[Zeichnung ©: → Patrick Chapatte,
DER SPIEGEL]

Hier ist der → Link zum Video, eindreiviertel Minuten eindrucksvolle Klarheit. Die ersten einführenden 15 sechs kannst Du überspringen… (…15 Sekunden! scheiß Autokorrektur):

 

ANH
Danke, gesehen und gehört. “Erst schießen, dann fragen”, sagt bei Godard schon → Lemmy Caution (Eddie Constantine). Nur ging es da nicht um einen möglichen Atomkrieg. Ich werde mich also nicht, ganz wie ich’s schrieb, für ein Überflugverbot aussprechen, sondern im Gegenteil hart d a g e g e n kämpfen. Es geht hierbei vor allem darum, meine Kinder zu schützen. Vielleicht muß man, um das zu verstehen, Kinder auch haben, also eigene. In einem konventionellen Krieg würde ich für sie auch, und zwar sofort, kapitulieren und mich unterwerfen. → Auch das schrieb ich sowie, daß dann für mich der Kampf im Untergrund weiterginge. Aber sich auf das Risiko eines atomaren Krieges einzulassen, wäre ein ebensolches Völkerverbrechen, nämlich möglicher und sogar wahrscheinlicher, und zwar bewußter, Völkermord, wie es jetzt Putins Invasion ist – und in noch größerem Ausmaß. Ich glaube auch nicht, daß Ryan sich in dieser Situation, angesichts solcher Bedrohung, auch nur ungefähr ähnlich eingelassen hätte. Und außerdem, wenn wir aufgeben, nach dem Richtigen zu fragen, also die ethischen Fragen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, “hintanstellen”, sind die Menschenrechte von uns selber gebrochen worden. Wir wären dann keinen Deut besser, als Putin ist und Mussoloni war, den Wladislaw Inosemzew → in jenem wiedererkennt.

Utecht
Bezüglich Flugverbotszone und ähnlich Eskalierendem in Richtung Atomwaffeneinsatz sind wir uns doch einig, ich bin zwar etwas “militanter” sozialisiert als Du, aber doch nicht blöder. (lächelt) Ich leide lediglich unter der Erkenntnis, daß unsere schärfsten ökonomischen Mittel nicht eingesetzt werden, weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will. Auf diese Weise werden wir Demokratie, Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung nicht erfolgreich verteidigen können — nicht gegen einen Gegner, der auf diese Werte scheißt. Und im Übrigen: Herr Putin hat Ryans Strategie verstanden; er hält sich konsequent daran — allerdings ist für ihn die Demokratie das Virus… Uns läuft die Zeit davon. Ich finde dies einen zumindest bedenkenswerten Ansatz und möchte ihn nicht dadurch disqualifiziert sehen, weil ich nicht für leibliche, sondern “nur”(?) für wahlverwandte Kinder bereits wie ein Löwe gekämpft habe. Dieser implizite Vorwurf hat mich verletzt.

ANH
Verzeihung, das wollte ich nicht. Ich habe einfach nur ständig die Atomdrohung im Bewußtein. Hingegen daß wir ruhig mal einen Winter “frieren für den Krieg” können, sehe ich wie Du. Habe damit auch Erfahrung, nämlich einmal drei Jahre hintereinander im Winter nicht geheizt, einfach, um zu erfahren, ob und wie ich das hinbekomme, und dann noch einmal, um meine Erfahrungen zu firmen. In Der Dschungel lassen sich diese Winter nachlesen (→ etwa 2009). In Japan ist dieser ungeheizte Zustand bei Minusgraden teils sogar noch Usus. Etwa besuchte ich in Kyoto den in einem → Tatamihaus[1]Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen. lebenden Freund eines Freundes, der es wie viele der Japaner hielt. Man trifft sich im Waschhaus und heizt dort, wie es heißt, die Organe auf, also legt sich für einige Zeit in ausgesprochen heißes Wasser. Danach trocknet man sich nicht, sondern tupft sich nur leicht ab und zieht sich dann an. Der jetzt zwischen Haut und Kleidung stehende Dampf isoliert die Körperwärme. Es funktioniert faszinierend, hält gute zehn Stunden an. Dann muß man halt abermals in heißes Wasser. (Ein Dusche tut es wahrscheinlich genauso).

” … weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will” finde ich im übrigen eine arrogante Diskriminierung, wenn ich dagegen Habecks Bedenken und also → seine Gründe halte, gegen eine komplette Einfuhrsperre aus Rußland zu sein.

References

References
1 Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen.

Aber auch das ist zu denken: Zum “Konformitätsdruck der Krieges” ODER Differenz soll nicht sein. ANATOMIE DES KRIEGES (1) bei Peter Wahl, nämlich zu Thukydides. Im Makroskop des 4. März 2022.

 

→ D o r t :[1] Oder → hier als PDF.

 

 

 

 

 

 

 

Wogegen freilich → das wieder steht. Zum Beispiel.

Daß, die Analysen beiseite, Angriffe auf zivile Einrichtungen
wie Krankenhäuser, Kindergärten, Wohngebiete sowie direkt auf Zivilisten
auch im Krieg Verbrechen sind, steht dagegen nicht in Zweifel, und Piloten,
die solche Angriffe wissentlich fliegen, sind Mörder, keine Krieger; Massen-
mörder sogar. Aber auch die werden in Kriegen gern → “Helden” genannt.

References

References
1  Oder → hier als PDF.

Discovery of Witches. (2).

Vampire sind die Intellektuellen der Geisterwelt und aber auch — katholisch. Ihre Oberschicht gehört einer geheimen, weil nicht zölibatären Abteilung der Societas Jesu an, deren Grenzen zum Institutum Beatae Mariae Virginis fließend sind, ja sie verschwimmen wie in der Dämmerung das Licht mit der Nacht: Als Mondstaub weht es sie her und hin, bevor sie Körper werden und sich nähren müssen[1]Lev.11: “Denn das Leben des Fleisches ist im Blut.”.
_________________
(Notat zu Staffel 1 Ep.5)

P.S.:
Bei allem Kitsch: Der Film erzählt, wie Sexualität i s t. Und zwar verrührt er alles Mögliche; indes, zu rühren gehört zur haute cuisine a u c h.

References

References
1 Lev.11: “Denn das Leben des Fleisches ist im Blut.”
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