Adam schreibt zu Merz. Gut anwendbar auch anderswo, und über|all der letzte Satz.

[Arbeitswohnung, 6.34 Uhr
France musique contemporaine:
Hans Werner Henze, El cimarron, Die Geister]

 

Es hat ihn empfindlich gemacht und sein ohnehin stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein so weit gesteigert, dass es manchen in der Partei zu viel wurde. Die Bonzen, die überall, nicht nur in der CDU, den Ton angeben, achten sorgfältig darauf, dass keiner an ihnen vorbeizieht, der höher hinauswill als sie; und das dann auch noch zu verstehen gibt.
Denn reden kann Merz, besser als die meisten. Der legendäre Bierdeckel, auf dem, wenn es nach ihm gegangen wäre, ein Steuerbescheid hätte Platz finden können, steht für sein Talent, Politik anschaulich zu machen. Er wollte das Steuerrecht so weit vereinfachen, dass sich jeder aus eigenem Vermögen ein Bild davon hätte machen können, ob ihm zu Recht genommen und gegeben worden war; was leider nach wie vor unmöglich ist.
Die Besitzstandwahrer haben sich durchgesetzt und eine Steuerreform, die diesen Namen auch verdient hätte, hintertrieben. Die Leute sollen zahlen, und weil sie das umso verlässlicher tun, je weniger sie von der Sache verstehen, ist alles so geblieben, wie es war*.

Konrad Adam, 19.1.2022

***

[* Weshalb meine Steuer selbst zu ‘erklären’ ich  mir seit Jahren jeweils
selbst erarbeitet habe. Auch hier geht es um Selbstbe- und, was manchen
besonders aufstößt, –ermächtigung. Das Selbst ist bestimmt durch
was uns bestimmt. Darum kann nur gelten, sich niemals abhängig zu machen,
schon gar nicht von, danke, Herr Adam, Bonzen. Zu denen selbstverständlich
Bonzinnen genauso gehören – ein Umstand, den das generische Maskulinum
in Sätzen wie Ihrem tatsächlich einmal unterschlägt.]

***

Und noch so eine, hier schon sozusagen geniale Konradvolte:

In Deutschland, wo der Konsens blüht.

Man muß seine politische Ausrichtung nicht teilen, um zu wissen, er habe hier recht. Man kann nur stolz darauf sein, ihn  lesen zu dürfen.

“Sie sind ein Sprachfaschist!” ANH in langem Gespräch mit Thomas Hummitzsch. Komplett in VOLLTEXT 2/2020 (Ausgabe Juli).

 

Mein langes Interview mit Alban Nikolai Herbst wird endlich gedruckt. Die reißerische Zeile auf dem Titel stammt übrigens nicht von mir, sondern ist eine zitierte Erinnerung von ANH im Interview. Ein wenig unglücklich, dass dieser ihm entgegengebrachte Vorwurf nun auf dem Titel der Ausgabe steht.
Thomas Hummitzsch 

 

 

 

 

 

→ Bestellen

_______________
(Siehe auch → dort.)

Das sechste Coronajournal: Für Hölderlin.
Am Freitag, den 20. März 2020.

 (An eine Freundin in Rom, die mir schrieb:
” … dann — non ritorniamo a veder le stelle”.)

“Es geht mit Sicherheit so weiter, möglicherweise monatelang – was sich sehr leicht verstehen läßt, wenn man weiß, was “exponentiell” bedeutet. Aber die Sterne, liebe Maria, sehen wir trotzdem weiter. Wir sind immer aus Katastrophen mit neuem Wissen herausgekommen, und nahezu immer gab es dann einen geradezu Ruck in der Entwicklung. Ja, wir werden wahrscheinlich viel weinen, aber es wird weitergehen, und wir werden Ideen über Ideen entwickeln. Wahrscheinlich beginnt jetzt gerade erst die Kommunikations-Revolution und wird nahezu jeden Lebensbereich erfassen. Corraggio!, Maria, corraggio!”

[Arbeitswohnung, 6.30 Uhr]

Dieses zuerst, bevor ich noch einmal → auf gestern zu sprechen komme.
Der vom Berliner Literaturhaus für heute mit einem herrlichen Programm geplante → Feiertag zu Hölderlins 250. Geburtstag kann wie so vieles andere physisch nicht stattfinden. So wurde erst geplant, daß sich die Beteiligten ohne Publikum in der Fasanenstraße einfinden und ihre Parts dort live aufnehmen lassen, so daß die Veranstaltung gestreamt werden könne — so, wie es in Berlin auch die Philharmoniker, das Konzerthaus, die Opernhäuser sowie, auf der anderen Seite, einige Clubs und DJs halten.
Aber auch dies, möglicher nun doch noch ausgerufener Ausgangssperren halber und um auch ohne hoffentlich sie die Gefahr zu minimieren (zumal einige hätten aus anderen Städten anreisen müssen, etwa die so hinreißende wie famose Daniela Danz), mußte indes ausgegeben werden. So daß das Haus sich auf ein Audiostreaming verlegt hat, für das wir unsere Texte — nämlich den kompletten Hyperion, gelesen von Nico Bleutge, Nora Bossong, Max Czollek, Daniela Danz, Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Norbert Hummelt, Kat Kaufmann, Björn Kuhligk, Madame Nielsen und mir — über Mobiltelefone, Skype, Facetime, Whatsapp usw. einsprechen sollten. Was für mich, bei meinen technischen Möglichkeiten, reichlich bizarr gewesen wäre. Die Arbeitswohnung ist ja zugleich ein für meine Hörstücke eingerichtetes, fast vollwertiges Tonstudio. Mir fehlt nur ein “trockener” Raum für Sprachaufnahmen, aber, wenn nötig, lassen sie sich in die Nächte, bzw. den späten Abend verlegen, wenn unversehens von draußen hereinbrechende Geräusche nicht mehr oder nur wenig zu gegenwärtigen sind. Passiert es dennoch, gut, dann muß ich, was ich so gestört einsprach, wiederholen und im übrige geschickt schneiden. Die unter Ihnen, Geliebte, die → meine Hörstückprotokolle mitverfolgt haben, wissen, daß ich unterdessen so pfiffig bin, sogar einzelne Vokale und Konsonanten nahezu unhörbar hinzuzumischen oder wegzuschneiden.
Jedenfalls bot ich den leitenden Damen des Hauses — Jalina Gelinek und Sonja Longolius — an, meinen Textpart hier schon vorzuproduzieren – und falls jemand anderes, die und der beteiligt sei, hier in der Nähe wohne und herkommen möge, auch deren Lesestücke so zu behandeln. Für letztres meldete sich, jedenfalls bislang, niemand; allerdings kann sich das im Laufe der Vormittags noch ändern. Für meinen Teil aber reagierte das Haus mit fast Begeisterung, so daß ich mich abends tatsächlich an die Aufnahme setzt und dann bis22.30 Uhr fast durchweg schnitt.

Nun nur noch das Tonfile in meine HiDrive-Cloud hochgeladen — in zwei Versionen, einmal als unkomprimierte Hochqualitäts-wave, zum anderen als komprimierte mp3 — und die Freigabelinks ans Literaturhaus geschickt.
Insgesamt war es schließlich doch ein bißchen Fummelarbeit, weil auch mein Magen (es wirken noch Spuren der Schleimhautenzündung) immer mal wieder grummelte — was bei empfindlichen Mikrophonen wie dem meinen deutlich hörbar ist. Da ist dann diffizilst zu montieren. Ein paar Störgeräusche sind auch geblieben – es hätte einen ganzen Tag bedeutet, sie hinwegzuzaubern; doch in aller Regel nimmt nur mein eignes Ohr sie noch wahr oder das eines gehörausgebildeten Toningenieurs, bzw. Musikers. Für eine viereinhalb Stunden-Produktion wird es reichen, zumal sehr wahrscheinlich die anderen über meine Möglichkeiten nicht verfügen.
Losgehen, nach der alten Planung, soll die Gesamtlesung um 14.30 (Nachtrag: Laut Facebook wird die Hyperionlesung um 14 Uhr beginnen); es kann aber sein, daß sich diese geändert hat, denn auf der Literaturhaus-Site finden sich keine zeitlichen Angaben mehr. Ich werde, sowie ich Näheres erfahre, aber ohnedies noch eine gesonderte Annoncieren dieses Netzstreams in Die Dschungel stellen, vielleicht sogar auch den Stream selbst, werde aber wohl den Lauf des Lauf des Vormittags noch abwarten müssen. Fest steht schon jetzt, daß Sie den Hyperion-gesamt → dort bei Facebook hören können.
Wie mir die Damen des Hauses geschrieben haben, ist übrigens geplant, mit den dann gesammelten Hyperionaufnahmen noch einmal etwas ganz anderes an zustellen — was indes, darüber schwiegen sie noch.

*

Der gesamte Hyperion zum Anhören
und Herunterladen jetzt → dort

*

Nun indes noch einmal → zu gestern, nachdem meine mit meinen Thesen zur Dekadenz verbundenen Bemerkungen zur “Auswaschung” der Gesellschaft mich fast → eine kollegiale Freundschaft gekostet hätten, insofern mir Peter H. Gogolin “faschistoides Denken” vorwarf, was er etwas später noch mit “Nazi! verschärfte. Am Nachmittag legten sich die Wellen dann, und schließlich wurde das aufgewühlte Meer → fast wieder sonnig, und Glasperlen blitzten hie und da auf der Dünung auf.
Es ist mir dennoch wichtig, folgendes klarzustellen:
Denken, klares Denken, geht nur ohne jede Sentimentalität; es verträgt, wie die Dichtung, keine gemeinten Gefühle. Darum schrieb Nietzsche von der dünnen, kalten Luft, die es brauche, deshalb sah er von Gipfel hinab. Ähnlich auch → Nabokov; ich habe die “für einen guten Schriftsteller zu gutmütigen Augen” schon zweimal zitiert: Gutmütigkeit, Weichheit und dergleichen habe in der Dichtung nichts zu suchen. Sie hat sich am Kristall der Form zu messen, an nichts sonst. “Das Liebesgedicht spricht nicht zur Geliebten, sondern zur Welt.” (Ausgerechnet, möcht ich fast schreiben, Rilke).
Das heißt aber nun nicht, daß die Dichter in ihrem persönlichen Umgang gefühlskalt seien; nein, da sind sie mitleidsvoll und caritativ wie jeder andere Mensch, und sie leiden am Unglück zumindest ihrer Nahsten wie jede und jeder andere auch. Sie engagieren sich, sie begeben sich sogar in eigene Gefahr, um zu helfen. Nur in ihrer Kunst gilt etwas Anderes, Unerbittliches, scheinbar Kaltes  — was es aber gerade, und wahrscheinlich nur, erreicht, daß Gefühle, starke Gefühle affiziert werden, und zwar noch Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später.
Dieses gilt für das Denken auch. Wenn ich also von einer möglicherweise “Auswaschung der Gesellschaft” geschrieben habe und davon, daß hier ein natürlicher selbstregulierender Prozeß ablaufen könnte, so bedeutet das weder, daß ich es nicht entsetzlich fände, noch gar, daß ich an den furchtbaren Schicksalen nicht mitlitte und versuchen würde, ihnen mit heftigem Widerstand zu begegnen. Ein andres freilich ist’s, ob mir und uns dies gelingt. Und noch ein andres, ob — das nämlich wäre faschistoid — ich meine, mich nun zum Werkzeug der Natur zu machen oder gar für ihren Vollstrecker zu erklären und noch, abermals ein Nietzschewort, nachzutreten, wo was schon fällt. Das zu tun, haben die Nazis geglaubt oder zu glauben vorgegeben, verbunden mit dem bekannten elenden Rassismus und Nationalwahn. Aber ich kann sehr wohl über लक्ष्मीs Bemerkung ins Nachdenken geraten, daß die Lunge der Erde krank und Covid-19 eine Lungenkrankheit sei. Das Argument, dies sei “animistisches Denken” ist schon insofern bizarr, als es eben das monotheistische Denken war und ist (“Macht euch die Erde untertan”), was dazu geführt hat, Tiere juristische als “Dinge” zu behandeln, bis zu den Grauen der Schlachthöfe, und die Umwelt insgesamt als zu jeder Ausbeutung bereitstehende Rohstoffressource. Wenn da noch die extreme Überbevölkerung hinzukommt, ist die Vorstellung eines hier gegensteuernden, “auswaschenden” selbstregulativen Naturprozesses (→ “Der Globus regelt es selbst”) ganz von der Hand nicht zu weisen. Daß es eine Spekulation ist, wird dabei gar nicht bestritten, jedenfalls nicht von mir. Es kann aber die Grundlage für die mit Gewißheit kommenden künstlerischen Bearbeitungen der neuen Pandemie sein. Hier kommt die alte Vorstellung der κάθαρσις (ich setze es bewußt altgriechisch hin) wieder zu ihrem Recht, da ist nichts mehr mit Hullygully und unverbindlichem Literaturspiel einer weichgespülten Postmoderne. Mit einem Mal geht es wieder um Vanitas und memento mori. Und daraus wird dann, auf die perverse Weise der Kunst, Hoffnung geschöpft, und eine erneute Schönheit entsteht. Als eine ihrer Quellen kehrt in unser aller Leben die objektive, längst vergessene unmittelbare Bedrohung zurück.
Ich schreibe dies als einer, der selbst, zumindest meinem Alter nach, zur Gefährdetengruppe gehört. Keinesfalls nehme ich mich aus. Aber sehe es an als Künstler — das heißt: in allererster Linie formal. Und gleichzeitig gilt, was ich meiner römischen Freundin Maria, siehe oben das Motto, schrieb: “Wir werden viel weinen.” Denn wenn er uns bevorsteht, der Tod, denen, die er ereilt (und er eilt eben nicht, das hat Frau Dr. KB gestern nacht → furchtbar deutlich gemacht), ist er, unangemessen euphemistisch gesprochen, grausam. So möchte von uns niemand gehen.

Ihr ANH

|CREDO|
Niemandes Herr sein

(außer im Spiel) und niemandes Diener
(auch nicht des “Volks” als Souverän).

___________________________
Credo 2010 (Kritikercredo) <<<<
Credo 2006/2 (Künstlergebet) <<<<
Credo 2006/1 (Verbeen) <<<<
Credo 2004/2 <<<<
Credo & Wille 2004/1

Kein Credo, nämlich Freier Geist <<<<

Betr.: 54 books, “Chronik: Februar 2020”.
Gem. § 5 TMG an: Tilmann Winterling, c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte, Hamburg.

 

NACHTRAG, 12.55 Uhr:
Der inkriminierte Part des verlinkten Artikels wurde nach Intervention des dortigen Anwalts durch die 54books-Redaktion “ohne Anerkennung einer Rechtspflicht oder Präjudiz für Sach- und Rechtslage” soeben von der Website entfernt. Er bleibt bei mir allerdings als Screenshot nichtöffentlich aufbewahrt.
(Ich meinerseits habe aus der hierunter stehenden Veröffentlichung meines Schreibens den Namen einer Person entfernt, die mit dem Vorgang de facto nichts zu tun hatte; hier lag ein Mißverständnis meinerseits vor.)
ANH

An
54 books
Tilmann Winterling
c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte
Neumühlen 17

22763 Hamburg

Berlin, den 25. Februar 2020

Verlangen auf Gegendar-, bzw. Richtigstellung

Sehr verehrte (…), sehr geehrter Herr Winterling,
sehr verehrte Damen und geehrte Herren des „Team[s] 54“ der Internetplattform „54 Books“,

in Ihrer → „Chronik: Februar 2020“, mir durch einen Google-Alert gestern bekannt geworden, schreiben Sie, bzw. lassen Sie ohne namentliche Nennung der Autorin oder des Autors öffentlich schreiben, in der „Gesamtausgabe“ aller meiner „Prosastücke“ des Wiener Verlages Septime seien „Stücke versammelt, die Herbst zuvor auf seinem Blog veröffentlicht hatte“. Wie Sie oder die Urheberin, bzw. der Urheber des Textes meine Arbeit bewertet, ist ihr, bzw. ihm überlassen, nicht aber geht es an, diese Bewertung mit Falschbehauptungen zu begründen oder eine solche Begründung suggestiv nahezulegen. Tatsache ist, daß die in den beiden Bänden enthaltenen Erzählungen zuvor nicht im Internet veröffentlicht worden sind, einige waren es vorher sogar in überhaupt keiner Form. Was der Fall ist, ist, daß einige von ihnen als Auszüge aus den Entwürfen in meinem Literarischen Weblog „Die Dschungel.Anderswelt“ zur Diskussion vorgestellt wurden, andere wenige in Vorfassungen; dies betrifft besonders solche, die bereits einmal in der Buchform herausgekommen, aber vergriffen waren. Wobei gerade Ihnen als mit dem Internet (…) Vertraute bekannt sein sollte, daß sich das Internet für die Publikation langer zusammenhängender Texte wenig eignet. Eine Ausnahme stellte die Novelle „Die Fenster von St. Chapelle“ dar, die vom 17. bis 28. 6. 2010 in Echtzeit in den Blog geschrieben, dort zum Teil heftig kommentiert und hernach für die erste Buchausgabe (2011) und dann ein weiteres Mal, nämlich neun Jahre später für die hier in Rede stehende Septime-Ausgabe grundlegend umgearbeitet worden ist. Einem Postulat der modernen Romanästhetik folgend, die den Prozeß des Entstehens eines Kunstwerks zu seinem, um eben der Modernität zu genügen, Bestandteil macht, verweisen die Textfassungen aufeinander, sind indes alles andere als identisch. Die Autorin, bzw. der Autor Ihres feuilletonistischen Artikels ist hier einer angemessenen Recherchesorgfalt nicht nachgekommen oder hat ihr nachkommen nicht wollen.
Daß in Die Dschungel.Anderswelt „vor allem die Nostalgie von Windows 95 und die Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ zu „genießen“ sei, ist ebenfalls eine, allerdings wohl nicht justiziable Falschmitteilung; „Windows 95“ läßt sich von professionell mit dem Internet Vertrauten vom Heimcomputer aus aufs einfachste falsifizieren, und die „Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ ist schlichtweg eine suggestive Rhetorik, deren Recht sich gerade in Die Dschungel.Anderswelt insbesondere in der Rubrik zum kybernetischen Realismus als ein höchst mürbes erweist. Wiederum
faktisch falsch ist aber, daß der Prozeß zu meinem Roman „Meere“ (2003) „zu einem kurzfristigen Verbot“ geführt habe. Tatsache ist, daß der Vertrieb der Originalfassung, und auch Lesungen daraus, von 2003 bis zur (durch die damalige Klägerin erfolgten) Freigabe des Romans im Jahr 2017 untersagt war, also vierzehn Jahre lang. Allerdings wurde schon im Jahr 2007 eine – aber wesentlich abweichende – Fassung freigegeben, die sogenannte „Persische Fassung“, die dann auch nicht im Verlag der Originalfassung, nämlich mare, sondern – nach dem Vorabdruck in Volltext – bei Dielmann erschien. Auch von 2003 bis 2007 sind es indessen vier Jahre, etwas, das schon gar auf dem gegenwärtigen Buchmarkt ebenfalls nicht „kurzfristig“ ist. Daß Ihre Autorin, bzw. Ihr Autor meint, ich sei aufgrund des Buchprozesses „großzügig mit dem Märtyrerbonus ausgestattet“ worden, ist nun zusätzlich falsch; es war fast durchweg das Gegenteil der Fall. Dieses wäre der Verfasserin, bzw. dem Verfasser Ihres Artikels auch klargeworden, hätte sie oder er Einsicht in die seinerzeitigen Feuilletons genommen und wäre also nicht nach alleine Hörensagen oder Dafürhalten vorgegangen. Oder es war ihr, bzw. ihm klar, und sie/er wollte bewußt ein weiteres Mal übel nachreden. Zumal bezieht sich meine Verwendung des Worts von der Meinungsdiktatur auf ein völlig anderes Phänomen, das es zur Zeit des gerichtlichen „Meere“-Verbots so noch gar nicht gegeben hat. Ich weise für meine Person den Begriff „Opfer“ sowieso zurück, schon gar als persönlich alleine auf mich bezogen.

Hiermit fordere ich Sie nach u.a. § 186, 187 und 192 StGB sowie § 11 HmbPresseG zu folgender Richtig-, bzw. Gegendarstellung auf, die unmittelbar auf der Site der von „54 books“ → „Chronik: Februar 2020“ zu erscheinen hat, andernfalls ich sie nach u.a. §§ 935ff. ZPO erzwingen werde:

1) Wir erklären hiermit, dass es eine Falschbehauptung ist, es seien die im zweiten Band der im Septime Verlag, Wien, erschienenen Prosastücke Alban Nikolai Herbsts vorher schon im Internet veröffentlicht worden. Tatsächlich finden sich im Literarischen Weblog “Die Dschungel.Anderswelt” Auszüge aus Entwürfen einiger Erzählungen, bzw. nachher grundlegend umgearbeitete Vorfassungen.

2) Ebenso falsch ist unsere Behauptung, dass der Roman „Meere“ nur kurzfristig verboten gewesen sei. Tatsächlich ist die Originalfassung des Romans vierzehn Jahre lang verboten gewesen und erst dann durch die ehemalige Klägerin wieder freigegeben worden. Auch können wir – anders als unser Artikel unterstellt – einen Zusammenhang zwischen dem von Alban Nikolai Herbst verwendeten Wort der Meinungsdiktatur, die sich bei ihm vielmehr auf die sogenannte Gendercorrectness bezieht, und dem seinerzeitigen Verbot des Romanes nicht herstellen, bzw. beweisen. In dem Artikel ist dieses eine unangemessene Mutmaßung ohne belegbare Faktizität.

Wir widerrufen hiermit die oben genannten Behauptungen und entschuldigen uns öffentlich bei dem Septime Verlag, Wien, und Alban Nikolai Herbst, Berlin.

 

Mit besten Grüßen

 

 

Alban Nikolai Herbst

Dietrich Mau, ZEITonlines Traumschiffkommentare, der Magen und ich. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 5. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr]
Mozart, Klavierkonzert d-moll, KV466
Richter, Warschauer NSO, Wislocki (mono, 50er)

Ich sitze an der zwanzigsten Erzählung meines Nabkovlesens, nämlich zu Rowohlts zweitem Band seiner Erzählungen. Nur brauche ich diesmal etwas länger, nicht nur weil ich nach diesem bereits zwei weitere Bücher des Autors gelesen habe, sondern vor allem, weil seit meiner Lektüre der Erzählungen über anderthalb Monate vergangen sind, so daß ich sie mir erstmal wieder vor Augen führen, also in meinen Geist zurückholen muß. Begonnen habe ich gestern und auch schon schätzungsweise ein Drittel geschafft. Ich denke mal, daß Sie den Artikel am Freitag, spätestens Sonnabend werden lesen können.
Parallel entwerfe ich die → Béart-Nr. XXX, hatte auch einen Ansatz, aber verwarf ihn gestern als Quatsch, bzw. uninspiriert oder allzu verknorkelt.

Denn einiges andere macht mir zu schaffen. Nicht so sehr der juristische Widerspruch, den ich in einer mich ziemlich behindernden und deshalb arg nervenden Angelegenheit formulieren und daß ich so lange auf Anlagen warten mußte, die beizufügen waren, oder gar daß die, vor der mir durchaus bangt, → Radiokritik Samuel Hamens zu meinen eigenen beiden Erzählbänden von gestern auf den kommenden Freitag verschoben wurde, der ein für mich schwieriger Tag ist. Aber vielleicht werde ich die mich derzeit besonders abends nach dem Essen und dann durch die Nächte zermürbenden Magenschmerzen los, oder kann sie doch wenigstens lindern, wenn ich, was mich beschäftigt, niederschreibe — also Ihnen, meiner Freundin, erzähle, die über die Jahre – Jahrzehnte – gleich der Béart meines Gedichtzyklus immer wieder ein anderes Gesicht angenommen hat und wohl weiterhin annehmen wird, in je anderen Körpern, die ineinander alle sanft vergehen, manchmal auch abrupt, aber doch Sie-selbst bleiben als die meine unanrührbar die gleiche. Was, viertletztes Wort, kein Possessivpronomen ist, sondern Zugehörigkeit zeigt. — Nein, ich bin nicht eifersüchtig, Freundin, wenn Sie auch andern Dichtern so wie mir geneigt sind. Es liegt in Ihrer idealen Natur, so zu sein: wehend, schweifend, bisweilen verschattend, dann schon wieder hell vor Gewißheit als immer erste Leserin für jeden (der dichtend nicht nur Selbstgespräche hält. Auch solche Autoren gibt es, wie ich weiß).
Jedenfalls hätte ich in meinem Leben manches Mal nicht mehr gewußt, was tun, würd es Sie nicht für mich geben. (Und spürn Sie’s? Selbst bei diesem kleinen Satz bin ich mit seiner Rhythmisierung beschäftigt und werde unglücklich, wenn irgendwo was hemmt.)

Meine Situation setzt mir zu und besonders auch ihretwegen der kommende Freitag, den ich ja gern geflohen wäre. Nun jà, geht nicht. Doch dazu noch die nicht endenden Versuche, mich oder meine Arbeit zu diffamieren. Etwa der da, Dietrich Mau, von dem ich nicht einmal weiß, ob dieser Name Pseudonym ist, und der bei Twitter dauernd so etwas postet:

Das zu → dort. Und zum, was besonders heimtückisch ist, → letzteingestellten Béartentwurf:

Heimtückisch ist dies deshalb, weil im Gedicht die vorgeblich “liebste Zeile” gerade a b g e w i e s e n wird; das kürzt der Herr Mau seinen Lesern und sich im Wissen absichtsvoll heraus, daß irgendetwas seiner ständigen Diffamierungen ja doch schon hängenbleiben werde. Wirklich überprüft wird und wurde ja selten.
Dann wieder, wenn ich einen → Aphorismus einstelle, mir als Gedanke durch den Kopf gegangen, der offenbar den neuen (und manchen alten) Denktabus nicht und nicht mehr genehm ist:

Die suggestive Zielrichtung ist deutlich und vollzieht sich quasi unter der Hand: Mich, bzw. meine Arbeit der Rechten zuzuschieben. Schon mit meinem Namen die AfD affirmativ zu verbinden, zielt genau darauf ab; wer so etwas vermeiden will, darf nach den Motiven ihrer Mitglieder nicht einmal mehr öffentlich fragen, also ob da nicht vielleicht auch Gründe sind, an denen etwas ist und die das Fehllaufen in solche rechten Parteien erklärt und dann vielleicht, weil wir wissen und verstehen, verhindern kann. Nein, es werden Lager zementiert. Und es war schon immer eine Neigung der Linken, wie ganz der Rechten auch, Gegenargumente aus dem Weg zu räumen, indem man die Argumentierer diskreditiert. Müssen sie als Personen nicht ernst genommen werden, sind sie mithin “sowieso unglaubwürdig” oder gar → “ein Narzisst”, braucht auf die Einlassung-selbst niemand mehr einzugehen. Womit das unliebsame Argument einfach erledigt wäre, ohne daß sich noch mit ihm faktisch auseinandergesetzt werden müßte.
Nun ist es sicher richtig, daß ich kein “Linker” bin und auch niemals einer war, insofern ich den autoritäten Kommunismus, Sozialismus usw. stets abgelehnt habe und statt dessen einer Vorstellung von Selbstbestimmung anhänge, die Hierarchien fast prinzipiell den Mittelfinger zeigt – es sei denn in Arbeitszusammenhängen, die nötige Kompetenzen erfordern. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wann ich bei einer Ampel stehenzubleiben und ob ich einen Helm zu tragen habe, sondern dies aus eigenem Nachdenken entscheiden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist mir widerlich.
Insofern mag ich in einigen Belangen konservativ sein, reaktionär aber in keinerlei Weise, schon gar nicht rassistisch und dergleichen. Auch halte ich es, nur soviel hier zu “Gender, in libidinösen Belangen strikt mit Hellers → “Denn ich will”.

Und dann haben mich zwei Kommentare sehr verletzt, die ich wegen einer Linksetzung zufällig entdeckte, obwohl sie ihrerseits seit über vier Jahren völlig unwidersprochen unter Winkels seinerzeitiger, eigentlich sehr schöner ZEIT-Kritik zum Traumschiff stehen. Ich selbst kann es nicht tun, es würde sofort als pro domo oder gar eitel ausgelegt. Aber irgendwie klingen auch sie nach Herrn Mau.
Es hat mir einen Schlag in den Bauch gegeben, daß auf die mit auch sachlich wie lebensgeschichtlich falschen Behauptungen dahinterstehende persönliche Diffamierung besonders im ersten Text niemand, überhaupt niemand reagiert hat. Und wieso ließ die Redaktion so etwas stehen? Zum einen wertet es auch die Urteilskompetenz des eigenen Mitarbeiters, Hubert Winkels, ab, zum anderen ist doch deutlich zu erkennen, welch eine nahezu private Rancune hier hämegeladene Freudentänze aufführt. Allein die Formulierung Das Video und das Buch tue ich mir nicht an – eines Menschen, der seit 1981 bekennenderweise nichts mehr von mir gelesen hat – hat es an Ignoranz wahrlich in sich. Woher will der Autor dann wissen, ob seine Meinung nicht falsch ist? Und Frau “von Gandersheim”, die von pauschalen Mentalreisen spricht? Als hätte ich selbst nicht → nachweisbar eine solche tatsächliche – und sehr lange – Reise zur Recherche unternommen! Ob das Ergebnis, mein Buch, dann gelungen sei, ist eine ganz andere Frage, hat aber wirklich nichts mit bestens ausgeleuchteten Trockengebieten lediger alter Männer zu tun, die sich von staatlichen Subventionen ernähren. Woher hat diese, wenn es eine ist, “Frau” ihre Gewißheit?
Aber nein, kein Widerspruch, nicht einmal ein vorsichtiger Einwand wird laut.
So erlebt man Einsamkeit.
Als ich deshalb einer Kollegin davon erzählte, schrieb immerhin sie eine offenbar entsetzte, möglicherweise auch wütende Entgegnung – ich kenne den Text nicht; sie schrieb mir, sie habe ihn direkt in die Kommentarmaske getippt und anderweitig nicht gesichert – und stellte ihn als nun ihren Kommentar unter dem Artikel ein, mußte allerdings auf Freischaltung warten, die, wie ich sogleich argwöhnte, niemals erfolgte. Ganz offenbar kommen die beiden diffamierenden Äußerungen dem Kalkül der Redaktion überaus entgegen.
Freilich wird nun insgesamt gemeint, man müsse mit Diffamierungen halt als Autor leben, am besten, man äußre sich gar nicht dazu. Bekommt man sie aber sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren, und zwar an öffentlich herausgehobener Stelle, und so gut wie niemand springt einem bei, läßt das schon verzweifeln. Verächtlichmachung hat, seit ich zum ersten Mal publizierte, mein gesamtes Leben scharf begleitet; unter Anspielung auf einen Hildesheimertext formulierte Armin Ayren 1983 in der FAZ – meine erste überregionale “Kritik” –, man solle mir Geld dafür geben, daß ich aufhörte zu schreiben. (Aber ich verdanke dieser Kritik auch was: Sie ließ mich tief ins Wesen der deutschen Konjunktive graben. — Und sogleich wird der Herr Mau “Wesen” mit “deutsch” zusammenlesen und für ANH daraus ein → “genesen” erschließen, das mich sogar zum Vornazi macht.)
Ebenfalls in der FAZ, dreiundzwanzig Jahre später, nannte Martin Halter die mir zugestandene souveräne Beherrschung der Form nur um so unappetitlicher. Auch darauf habe alleine ich selbst reagiert. Selbst wenn also attestiert wird, daß ich etwas könne, wird gerade das persönlich gegen mich gewendet.
So zementiert sich das komplette Alleinstehn.

Nein, es gibt keinen Grund, dem kommenden Freitag mit irgendeiner Freude entgegenzusehen, nicht im Ansehen meiner Arbeit, ökonomisch nicht und schon gar nicht persönlich. Daß ich den Tag fliehen wollte, nun aber nicht darf, deutete, Geliebte, ich neulich schon an, und weshalb. Dabei hätte mich ein Freund, der derzeit mit seiner Familie dort weilt, so gern in Neapel getroffen.

Dennoch, es gab ein Funkeln am Himmel, sogar ein Feuern, weil zur Béart eine wunderbare Nachricht kam, umso mehr als sie mich aus dem deutschen innerbetrieblichen Sumpf herauszuziehen verspricht. Ich will Ihnen hier, vor allen Leuten, aber noch nichts Konkretes sagen, sondern erst, wenn der Zyklus auch wirklich abgeschlossen, also lektoratsbereit und abzusehen ist, wann genau er als Buch erscheinen wird. Nein, nicht aus Aberglaube schweige ich (den ich bisweilen habe, geschürt von meinem Instinkt), sondern um zu verhindern, daß hinter den “Kulissen” erfolgreich intrigiert werden kann, das Projekt zu hintertreiben. Denn d a s muß ich eingestehen, daß ich über die vielen Jahre Der Dschungel leider lernen mußte, in einigem weniger offen zu sein, als es meiner Poetik, aber auch meinem Naturell entspricht. (Was nun in eine ohnedies fällige Fortsetzung meiner “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” gehörte.)

 

 

Ihr, Freundin,
ANH

 

Angst ODER Matzneff und die Folgen, die Ursachen wie Zwecke sind. Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 23. Januar 2020.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Tschaikowski, Erstes Streichquartett]

Es ist, derart viel Tschaikowski zu hören (und dabei unerwartete Entdeckungen zu machen, etwa seine wunderschöne Iolanta), wie eine Rückkehr in meine Jugend. Unterdessen habe ich auch seinen Onegin “begriffen”, was einiger Anläufe bedurfte, aber, wie ich Parallalie schrieb, hatte ich das Gefühl, sie → Nabokov schuldig zu sein. (Dazu heute morgen ein → ich-weiß-nicht-ob-Zitat, das mich unmittelbar berührte). Meiner Lektorin wiederum schrieb ich, die gerade hinreißend Woolf/Neuwirths Orlando → rezensiert hat, wie langsam, zähen Vers für Vers, ich mit dem nächsten Béartgedicht vorankomme, kaum also, weil ich versuchte,

über die Marienfiguren, namentlich Michelangelos, die unio mystica gleichsam pantheistisch zurück auf die Erde zu ziehen und d i e s e unio (…) zu besingen. (…) Dazu dann spannenderweise Sure 19: Dort erscheint der verkündende Engel nicht als solcher, sondern als “wohlgestalteter Mann”, mit dem sie sich (tolles Bild) “an einen fernen Ort” zurückzieht”, und beide “erkennen einander”. Im folgenden Vers ist sie bereits schwanger.
Damit dann die sogenannte Tempelprostitution verbinden (…). D a s jetzt alles in ein Gedicht hineinbekommen, aber b i l d h a f t, ohne lehrhaften Exkurs, hat’s in sich.
Und die Nabokovlesen-Reihe tat und tut ein übriges, das Voranschreiten meiner Arbeit zu behindern, allerdings auf hinreißend-mitreißende, zeitweise berauschende Art.

 

Jetzt liegen, zur Madonna, wieder die alten mythologischen Bücher auf meinem Schreibtisch. Auch in der Legenda Aurea will ich nachschauen, die seit → Frank Witzels “RAF”-Buch zu meinem Handwerkzeug gehört. Und zwischendurch, um zu Tschaikowski zeitweise Distanz zu gewinnen, mal wieder Richard Wagner vorgeholt, dessen Kompositionen ungleich raffinierter sind, und komplexer sowieso. Begonnen mit dem Tannhäuser, dem ich noch folgte, auch wenn mich die Verneinung des Venusberges, eine Verleugnung, ärgerte, brach ich den Parsifal dann aber ab: Zu verlogen diese “christliche” Absage an den Körper, als daß mich der berauschende Klang hätte noch halten können, dem ich so viele Jahre angehangen habe, nein, von dem ich mich nicht lösen konnte, noch daß ich’s wollte. Der Bruch, bekanntlich, fand → da statt. Ich habe ihn niemals wieder kitten können. Es ist diese grobe, primitive vorgeblich-Männlichkeit, die auf der anderen Seite ihre Misogynie derart weinerlich geriert, daß ich nur kotzen könnte – schon deshalb, weil sie “der” Gender-Bewegung recht zu geben scheint, die ich als bedrohlich erlebe: nicht nur für mich selbst, viel mehr für unser Menschsein an sich … – und für die Freiheit.
Dies beschäftigt mich derzeit am meisten. Neu ist dabei, daß ich A n g s t habe, Angst, gewisse Sachverhalte öffentlich zu nennen, weil, wer es dennoch tut, sofort zum Underdog gemacht oder als solcher bestätigt wird. Die “Diskussion” ist derart ideologisch, zumal als Mainstream. Das macht die behaupteten Sachverhalte objektiv unwidersprechbar. Wir dürfen zwar noch “sagen”, verlieren aber, tun wir’s, jegliche Anerkennung, geraten außerdem in Umfelder, die zu bedienen uns komplett fernliegt, und werden schließlich an der ökonomischen Existenz bedroht — dieser, weil die Hintergründe ökonomisch sind, auch wenn es niemand sieht oder sehen will. Meine gegen den (Mainstram-)Pop, also gegen künstlerische Simplifizierung, gerichtete Haltung bestätigt ihren Grund.
Die Ablehnung einer quasi im Auftrag geschriebenen so scharfen wie aus rhetorischen Gründen zynischen Polemik kam hinzu und traf mich schwer. Über die Begründung dieses “Nein”s darf ich nichts schreiben, weil sie in einem, so sieht es der Verfasser, an mich privat gerichteten Brief steht; sie ist insofern mit einer Maulsperre verbunden worden, die ich zwar ignorieren könnte, aber nicht will. Was eben mir solche Angst macht. Niemals zuvor hatte ich eine Schere im Kopf. Jetzt hin ich soweit, daß ich – sagen wir: heikle – Texte erst an Freundinnen und Freunde schicke, bevor ich sie veröffentliche, auch solche für Die Dschungel. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzusichern: “Darf” man dieses und jenes vielleicht wirklich nicht schreiben?
Mir setzt das ziemlich zu.
Etwa der → “Fall Matzneff”, den ich nicht insofern erschreckend finde, als die von Frau Springora erhobenen Vorwürfe möglicherweise berechtigt sind (auch wenn ich zweifle – und zwar aufgrund ihrer eigenen Aussage, sie habe sich von dem deutlich älteren Mann erst gelöst, als sie gemerkt habe, daß er die Mädchen wie Blumen am Wegesrand pflücke; mithin geht es nicht unbedingt um einen Mißbrauch, sondern um eine erlittene narzisstische Kränkung); nicht also um den eigentlichen Grund ist es mir hier zu tun, sondern darum, mit welcher geradezu masoschistischen Freude (gleichsam einer in triumphierende Affirmation umschlagenden “Hysterie”) die Journaille darüber jubelt, daß endlich mit der intellektuellen französischen “Libertinage” Schluß gemacht werde – anstelle daß begriffen wird, wie gefährlich sich derart selbstfeist in der eigenen moralischen Überhebung suhlende Einlassungen sind. Zumal wir wissen, daß es sich bei Pädophilie um einer Neigung handelt, für die die Betroffenen gar nichts können, der sie auch nicht entgehen können; sie können sich nur bemühen, sie nicht zu realisieren. Plötzlich haben wir wieder geborene Verbrecher. Dazu kommt die Unschärfe des Begriffs: Wer ist denn noch “Kind”, und wer ist es nicht? Doch alleine darüber öffentlich zu diskutieren, macht einen, auch eine Folge von #metoo, schon zum quasi Mitschuldigen. Dieses derzeitige und, fürchte ich, immer totaler werdende Klima ist insgesamt ein Zusammenhang, fast schon Matrix selber. Nicht Anstrengung des Begriffs mehr, sondern Wortverbot. Die Gedanken bleiben frei, klar; nur sagen darf man sie nicht.
Ich, der ich pädophile Neigungen niemals hegte (ich hatte oft sehr viel jüngere Frauen, niemals aber “Kinder”, nicht einmal, um mit Nabokov zu sprechen “Nymphen” – außer, als ich selbst noch Jugendlicher war), – ich also muß genau dies mindestens versichern, bevor ich über die Sachverhalte schreibe. Womit aber durchaus nicht gesagt ist, mir werde auch geglaubt. Darum deutlich: “Meine” Frauen, alle, hatten Mösen, die bei Erregung anschwollen wie überreife Feigen, die schon platzen, und der schwere Saft spritzt heraus. Fordernde, unnachgebig ins Grenzenlose sich verströmende Personen, denen man(n) gewachsen sein muß und ich durchaus nicht immer war. Solche sind nun wirklich nicht “nymphisch”.
Des weiteren ist mir, was ich über Matzneff bislang gelesen habe (ohne freilich auf Anhieb überprüfen zu können, ob es auch stimmt), höchst unangenehm; ich mag den Mann also nicht. Dennoch muß ich über “Pädophilie” öffentlich nachdenken können und zu ihr auch eine Meinung argumentieren dürfen, die nicht der allgemeinen entspricht. Genau das gerät momentan nicht nur in Gefahr, sondern ist es längst. Genauso “Gender” als vermeintliche, ausschließlich, soziale Konstruktion. Jeder einfach nur biologische Einwand wird sofort als “biologistisch” denunziert, als wäre er damit faktisch erledigt. Wie wohltuend deshalb, daß ich gestern das dort fand, von einer Frau, die in vielem vermutlich anderer Meinung ist als ich, aber klar und mit überdies hinreißenden Formulierungen d e n k t. Auf dieser Grundlage läßt es sich sprechen, mit Ideologien aber nicht. Wer von uns “recht hat”, das ist ohnedies in ständigem Fluß. Normative Aussagen, zumal in Gesetze gegossen, lassen sich bleibend nicht treffen oder werden Unrecht.
Meinen kleinen, gestern entstandenen Text zur “Pädophilie” werde ich aber trotz meiner Angst einstellen, heute nachmittag wahrscheinlich, nachdem ich gestern zwiefach über ihn diskutiert habe, sowohl mit meinem Arco-Verleger als auch mit Phyllis Kiehl, auf → deren einst so belebtem Tainted Talents der letzte, ein aber spannender, Eintrag, leider schon vom 7. Dezember stammt, also über anderthalb Monate alt ist.
Ein weiteres, liebste Freundin, noch. Eigentlich sollte ich es als Paralipomenon formulieren und werd es vielleicht auch noch tun:

 

Freiheit bedeutet immer, Risiken inkauf zu nehmen. Je mehr Risiken ich ausschließe, desto geringer wird sie. Ist alles gesetzlich geregelt, gibt es keine mehr, g a r keine.
Wer will so allen Ernstes leben?

 

Andererseits ist, die Verbote zu übertreten, ein b e s o n d e r e r Ausdruck von Freiheit; das damit verbundene Risiko macht sie wieder größer als im Zustand des Anythinggoes.

 

Ihr ANH
Tschaikowski, Drittes Streichquartett
 
Nachtrag, 16.45 Uhr:
Siehe auch → dort. Nicht in allem bin ich mit 
Žižek einig, aber darum geht es eben auch gar nicht, sondern darum, ein begründetes Unbehagen zu formulieren, dem er den Begriff einer gespürten revange, also “Rache”, gibt, die als quasi Kollateralschäden auch diejenigen trifft, die alleine ihres Geschlechtes wegen desavouiert werden und weil sie sich einer verlangten Gesinnung nicht fügen. (Daß der Begriff “Rache” angemessen ist, bezweifle ich allerdings, weil er ein bewußtes Schadenwollen auch Schuldloser voraussetzt, wovon man bein den meisten Frauen nicht ausgehen kann, deren Wehrinstrument #meetoo war und ist.)
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