Das zweite, nun bereits nicht mehr covidpositive Arbeitsjournal, nämlich des Montags, den 29. August 2022. Quarantänetage 5 auf 6. Mit einer offenen Frage zur Genesung SOWIE zu Disziplin, “Inspiration” und künstlerischer Traumarbeit.

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr]

gestern
“Gefühlt” ging es schnell; daß der Test gestern noch nicht negativ wäre, hatte ich vorausgefühlt, war also nicht überrascht –

heute

durchaus aber ein wenig vorhin, als der Test, den ich gleich nach dem Aufstehen, noch vor dem Latte macchiato und irgendetwas, das ich sonst zu mir nahm, durchführte, bereits dieses Ergebnis hatte. Doch ich bleibe mißtrauisch, werde ihn, den Test, mittags wiederholen und dann noch einmal morgen gleich früh. Bestätigt sich das negative Ergebnis, radle ich zum Freitesten los. Wobei ich nicht sicher weiß, was es überhaupt bedeutet, nach deiner durchgestandenen Infektion “genesen” zu sein. Bleiben die Viren, aber entwaffnet, im Körper, oder sind sie “einfach” rausgeworfen worden? Werde ich fragen. Jedenfall erst einmal Entwarnung, vor allem wegen der Triestreise. Nicht nur werde ich mir – sofern es morgen mit der Freitestung klappt – jetzt schon in Berlin den 125er Liberty mieten können, um mich mit dem Maschinerl vertraut zu machen für den Karst, sondern sogar das Bioport-Tattoo könnte ich vor Triest noch stechen lassen – wozu ich eine Riesenlust habe.
Insgesamt betrachtet, bin ich nach wie vor über diese Covid-Erfahrung nicht unglücklich, im Gegenteil sehr zufrieden, es miterlebt zu haben; so gehöre ich weiterhin in diese Zeit. Doch darüber hinaus, daß ich, der nicht nur aus Alters-, sondern schweren Vorerkrankungsgründen (wobei ich für den Krebs “Erkrankung” nach wie vor einen nicht nur unangemessenen, sondern grob falschen Begriff finde) zum “vulnerablen” Personenkreis zählt, den Virus ohne Medikamente einfach so in den Griff bekam, hat etwas wenn auch leise Triumphierendes. Denn nach wie vor nicht nur meinem Instinkt, sondern meinem Körper vertrauen zu können, für den ich zutiefst dankbar sein muß und bin, ist ein feines Privileg und eine seelisch höchst sichere Basis, weiterhin so zu leben, wie ich es möchte und will: angemessen riskant und mit eben nicht unangemessener Leidenschaft. Jetzt für Triest gilt das besonders, aber wahrscheinlich auch für den Friedrichroman, den d o c h anzugehen ich nun einen bislang unerwarteten Grund habe.
Wobei ich zugeben muß, daß sich durch die, worauf mich → bei FB ein Leser hingewiesen hat, nicht “Quarantäne”, sondern Isolation für mich gar nicht so viel verändert hat; imgrunde lebe ich doch schon jahrelang so, nur daß ich zwischendurch einkaufen und spazieren gehen kann (die Fremdeinkauferei ist lästig und vor allem durchaus teuer, wenn ich Dienstleister nutze). Meine sozialen Kontakte hingegen, also ständig gelebte, sind eh reduziert und erfolgen meistens online (Skype, WhatsApp, Signal); ohne dieses wäre es ein andres. — Spannend allerdings zu beobachten, wie sich SARS-CoV-2 von allem Anfang an – bei einem Raucher eigentlich logisch – in der Lunge bemerkbar machte (und mit leicht verstärktem Atemwiderstand), was gegen Omikron und für Delta spricht, und wie, mich darauf zu konzentrieren, die Symptome spürbar zurückgehen ließ, bereits über die erste Nacht. Und wie wenig Sorge ich tatsächlich trug, sondern nervös alleine war, weil ich um die Triestreise bangte. Es war außerdem eine, denke ich, gute Idee, einer klinischen US-amerikanischen Studie zu folgen, die gerade bei Covid eine signifkant entzündungshemmende Wirkung für THC diagnostizierte hat, und etwas mehr als sonst mein Donabinol einzusetzen. Aus meiner Sicht möchte ich jeder und jedem Coronainfizierten diese Tropfen nicht dringend, aber begleitend empfehlen. Sie müssen sich, liebe Freundin, nur darauf einstellen, daß nach etwa dreivier Stunden Ihr Wahrnehmungsapparat ein bißchen, sagen wir, umgekitzelt wird. (Ganz anders, wenn ich kiffe; dann setzt schon nach dem ersten Zug eine komplette Wirklichkeitsverschiebung bei mir ein, die so umfassend werden kann, daß ich deutlich halluziere). — Bewährt hat sich des weiteren mein “Morgenmantel”-Ritual, nämlich mich, solange ich positiv bin, nicht wie sonst zu kleiden, vielmehr mir – d.i. meinem Geist – dauerhaft zu signalisieren, mich jederzeit hinlegen und schlafen zu können. Was ich ja häufig tat, anderthalb Stunden arbeiten, eine Stunde schlafen, eine Stunde arbeiten, anderthalb Stunden schlafen usw. Wobei ich zudem den sich einschleichenden Herbst zu spüren bekam; der sehr leichte Cardin war gegen den etwas wärmeren türkischen Hausmantel auszutauschen, doch auch dieser bereits gegen den klassischen englischen — vor allem am Morgen. Da war es schon deutlich frisch. (Übrigens hatte die Infektion den weiteren Begleiteffekt, daß ich, weil ich – mühsam – mein Rauchen unterband, die mir fehlenden Kilos wieder draufgefuttert habe; trotz einer durchgehenden Appetitlosigkeit war ich dauernd am nikotinsurrogierenden Kauen von irgendwas, viel Obst, Joghurts, Chips, Nüsse, Pistanzien, Crackers usw. Ich kam sogar bei über 68 an; 67 ist Muß; heute früh waren’s, Freundin, genau 68.) — Doch ist die Hausmantelzeit damit vorbei, wird es jedenfalls sein, wenn heute mittag der Zweittest das Ergebnis von vorhin bestätigen sollte. Dann wird es unmittelbar ins Bad an die Rasur usw. gehen, und ich werde den Lagerfeld, der bereits heraussen hängt, anziehn, darunter Hemd und Krawatte. Es ist eine meiner mit meinem unbedingten Willen zu formen verschmolzenen Eigentümlichkeiten, meine Haltungen zu ritualisieren, was bedeutet, möglichst jede Handlung sinnhaft zu überhöhen; eine jede ist dann eingebunden in ein organisch schwingendes Feld, das gar nicht “real” sein muß, dies aber wird, indem ich es setze. Wobei ich den moralischen Wert als einen ästhetischen empfinde; soweit irgend möglich, geht es um Schönheit, hier nicht der Prosa und/oder Verse, sondern der täglichen, auch und gerade im Alltag, Haltung.

Doch auch “arbeitstechnisch” bin ich zufrieden; zwar habe ich nicht so viel geschafft, wie ich für diese Woche eigentlich vorgehabt hatte — daran, den achtunddreißigsten, also vorletzten Triestbrief noch vor meiner Recherchereise “im Kasten” zu haben, ist nicht entfernt mehr zu denken —, aber dennoch ist mir im siebenunddreißigsten sowohl eine erneute Erzählwende als auch eine enorme Szene gelungen, die den Roman jetzt nicht nur formal, sondern auch motivisch erstens mit der unmittelbaren Realität und zweitens mit meinen anderen Romanen verbindet, namentlich dem Wolpertinger, und abermals das Netzwerk akzentuiert, in dem all meine Bücher ineindergefügt — -gefugt — sind, es jedenfalls sein sollen. Das ist mehr, als hätte ich “nur” den, nà meinetwegen, Plot voran- und bis fast ans Ende herangetrieben. Dieses wird ganz von alleine geschehen, bedarf keiner sonderlichen Inspiration mehr, nur noch der Schreibdisziplin. Wegen der vielen Tagesschlafphasen war’s mit der halt nicht weit. Oder vielleicht doch. Vielleicht zeigte sich ihre Verläßlichkeit gerade darin, daß ich nach jedem Tagesschlaf sofort wieder an den Schreibtisch ging und bis zur nächsten Müdigkeitsphase tatsächlich schrieb oder doch recherchierte und die Notate voranbrachte, sowie insgesamt mit dem Triestroman bis in die Träume hinein beschäftigt blieb. Witzig war einer, bei dem ich in die Notatdatei tippte, jedenfalls annahm, dies zu tun. Nach dem Erwachen stand selbstverständlich das scheinbar Neue gar nicht drin und ich hatte auch keine Erinnerung mehr an das, was es gewesen sei. Allerdings bedeutet dies nicht, der Trauminhalt sei verloren, sondern “nur”, daß mein Gehirn offenbar körperautomatisch weiterdenkt, weitermeditiert, weiterplant — und das kann sich – und ohne, daß ich selbst es begreife – plötzlich in einem Einfall manifestieren, den ich jetzt bewußt habe, doch für neu nur halte. So daß wir von “Inspiration” sprechen, obwohl deutliche Arbeitsprozesse zugrunde liegen, unbewußte eben, die sich neben unserer Tagesklarheit in unsren Hirnen begeben. “Inspiriert sein” könnte also bedeuten (und bedeutet’s, glaube ich, tatsächlich), sich auf diese und ähnliche Prozesse zu verlassen.

Gestern in einer langen Netzrecherche eine für meine Zwecke → hinreißende PDF gefunden, die sich mit Mythen des Triester Karstes beschäftigt, etwas, das ich für die Zweite Fassung nun dringend brauche. Auf Italienisch allerdings, so daß ich viel Übersetzungsarbeit hatte; manche Zitate zudem in Friual, weshalb ich einige Male auch einfach nur raten mußte. Doch unterm Strich genau das, was ich brauchte. Ich habe den ganzen Tag damit verbracht und bin noch immer nicht fertig. Sowie dieses Arbeitsjournal eingestellt sein wird, werde ich damit weitermachen. Dank an Pino Gudi,

Ihr ANH

***

[14.45 Uhr]

Erste Bestätigung:

Und also:

Das (Nach)Krebs- & Arbeitsjournal des Dienstags, den 15. September 2020. Mit den zwei viszeralen Sonden sowie Phryne und Béart (59).

[Arbeitswohnung, 7.30 Uhr
Korngold, Sinfonietta op. 5]
Ein Stück, das besonders Do immer sehr geliebt hat und das ich einige Zeit lang ganz wie Elgars Caractacus gern als Morgen-, nämlich Aufwachmusik hab erklingen lassen. Frankfurtmainer Zeit. Wolpertinger und noch an Dielmann geglaubt. Dafür voll im Herbstsaft stehend, ein untreuer Treuer wie sein Körper ihm, auf den er sich verlassen konnte. Solch Fremder irgendwie. Und hat nun keinen Magen mehr. Er soll mehr auf sich hören. So gestern abend im PratergartenRalf Schnell. “Schmal bist du geworden.” Was aber nur zwei Kilos meint. Mehr hat er seit der großen OP nicht abgenommen, hält bei 70 das Gewicht, trotz der schlechten Fettverdauung. Würd nur gerne Sport wieder … sagt man wirklich “treiben”? Was er nun wieder treibt! Nur wüßt ich nicht, so sagte ich’s Ralf Schnell, wie auch noch diese Kalorien in mich dann hineinzufuttern. Die acht täglichen Mahlzeiten schon sind eine echte Aufgabe, nämlich rein logistisch, wenn zwischendurch – doch nicht dazu – auch noch getrunken werden soll. Doch was mir mehr Sorgen, offenbar, bereitet, ist, wovon ich → da schon schrieb. Und heute nacht hab ich’s verträumt, —

daß nämlich diese beiden sich derart nach Fremdkörpern anfühlenden Stränge solche Körper auch seien, nämlich implantierte Sonden, die sämtliche Nahrung protokollierten, sowie sie sie durchliefen; mir zur Kontrolle meiner Heilung eingepflanzt von jüdisch-israelischen Ärzten, die es mir aber verschwiegen, damit die Implantationen nicht überhaupt bekannt würden, denn die Eingriffe in den menschlichen Körper seien verboten von GOtt und also blasphemischer Vorgang. Was mein Unbewußtes aber verwechselte, denn dieses Verbot existierte zwar, im Mittelalter bis in die Renaissance, war aber christlich und nicht jüdisch (→ de sepulturis, 1299). Dieses Verbotes wegen durften z.B. keine Kaiserschnitte vorgenommen werden, auch wenn sie Kind und Mutter die Chance zu überleben gegeben hätten.
Wie auch immer, meine Ärzten setzten sich über das Verbot hinweg. Nur daß ich eben davon nichts erfuhr, auch wenn alle Empfehlungen, die nunmehr zur Verdauungsumstellung bekam, imgrunde unnötig waren: z.B.: Protokolle über jede Nahrungsaufnahme und ihre körperliche  Folgen zu führen — was zu tun ich mich allerdings sowieso weigere. Im Traum aber stellte sich heraus, daß die beiden mir implantierten Sonden solche Protokolle ganz von, sozusagen, selbst erstellten und an die entsprechenden Labore sandten, wo sie ausgewertet wurden. Wovon aber ich erneut nichts erfuhr.
Jetzt, da es herausgekommen, schlug ich tüchtig Krach

— wovon ich denn erwachte.

So sehr also beschäftigt es mich, der ich eigentlich nichts davon mehr wissen will. Wi(e)derkehr des Verdrängten, noch bevor ich’s verdränge.
Was eh nicht ganz geht. Denn ich mußte ein Angebot Frau v. Mecks ablehnen, gleich nach Wien für einzwei Wochen nach Apulien zu reisen, um mich auf Friedrichs Spuren zu begeben; hätt ich gern getan, aber meine physische Verfaßtheit ist mir noch zu unsicher, und nach Wien steht eine medizinische Untersuchung an, die ich nicht verschieben will und auch nicht sollte. Ebenso könnte ich meinen Arco-Verleger nach Piemont begleiten, wohin er während meiner Wiener Zeit einzweimal fahren muß; es würde mich reizen. Aber achtzehnstündige Autofahrten sind wegen meiner Nahrungsumstellung erst recht problematisch, um von plötzlichen Toiletten., sagen wir, –zwängen ganz zu schweigen. Also schwierigere Reisen insgesamt aufs nächste Jahr verschieben, je weiter nach hinten, desto, wahrscheinlich, besser.
Gedanken, die ich mir nie zuvor in meinem Leben gemacht habe. Sie finde es problematisch, sprach mahnend meine Fußpflegerin gestern zu mir, daß sich in meinem Leben offensichtlich nichts verändert habe, “doch der Krebs … er kam aus dir!” Ich solle endlich auf meinen Körper hören, legte auch Ralf Schnell mir nahe. Als hätt ich das nicht mein Lebtag und viel mehr als andere getan. Den Menschen ist nicht klarzumachen, daß die heftige Beanspruchung des Körpers ganz wie des Geistes genau das eben ist: auf den Körper zu hören. Es kommt nun viel mehr darauf an, auf den Geist zu hören und mein Werk fortzusetzen: daran wird der Körper gesunden. Hingegen wird eine sich durchhängen lassende Psyche, eine, die der Ermüdung nachgibt, ihm schaden über allen jetzigen Schaden weit noch hinaus. Allerdings beginn erstmals in meinem Leben, Meditation mich zu interessieren, nämlich als Frage, ob ich vermittels meines Willens nicht direkt auf die Bauchspeicheldrüse einwirken kann, um sie zur Ausschüttung der für die Fettverdauung nötigen Enzyme zu bewegen. Man müßt dazu allerdings genau die Gehirnwellen treffen, aufgrund derer Signale diese Drüse reagiert. (Tatsächlich kommt das Signal vom Magenpförtner, den ich ohne Magen aber nicht mehr habe; doch gesteuert wird auch dies vom Gehirn; also müßte sich da – völlig unesoterisch – eingreifen lassen. Es ist keine Frage der Religion, sondern alleine einer der Physik, bzw. Hirnchemie.)

Bin wieder – endlich! – in den Béarts und habe die mir wichtigen Zeilen Lukrez’ bereits markiert, um sie den Hymnen einzuflechten. Allerdings bin ich mit Hermann Diels’ Übersetzungen des lateinischen Textes nicht sonderlich glücklich; will statt dessen versuchen, eigene Nachdichtungen zu formen. Etwa:

Aeneadum genetrix, hominum divomque voluptas
`Mutter der `Äne`aden, du `Wonne der `Menschen und `Götter (Diels)

Hier hakt’s bereits im zweiten Versfuß. Besser deshalb (auch das altertümelnde Wonne besser ersetzen):

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Menschen und ‘Götter (ANH)

wobei sogar zu überlegen ist, ob in diesem Fall, also der Liebesgöttin wegen, “hominum” nicht sogar als “Männer” interpretiert werden sollte:

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Männer und `Götter.

Und auch

Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte (Diels)

wartet schon gleich zu Anfang statt mit einem Daktylus fehlerhaft mit einem Trochäus auf.

Außerdem muß ich in den Gedichten sämtliche italienische Stellen markieren, um sie den amerinischen Freund, Parallalie, kontrollieren zu lassen. Zurecht hat er in den vorhergegangenen Gedichtbänden hier und da italienische Fehler moniert; dem möchte ich nunmehr unbedingt einen Riegel vorschieben.

Den Friedrich schiebe ich jetzt erst mal, bis nach Wien, wieder beiseite, bzw. bis das satzfertige Béart-Typoskript an diaphanes hinaus ist (das überdies noch einen Anmerkungsteil braucht, damit in den Gedichten selbst nicht mit Fußnoten herumgebastelt werden muß). Übrigens bin ich mir wegen des Umschlagentwurfs wieder unsicher. Vielleicht doch eine “reine” Schriftlösung? Oder die Abbildung einer tatsächlichen Venus wie dieser römischen aus dem 1. bis 2. Jahrhundert n.C.:

 

 

 

 

Vielleicht aber auch ein Rückgriff auf Klinger oder die Präraffaeliten? Oder Ferdinand Lepckes wunderschöne Phrynefigur von 1907/08 in Coburgs Hofgarten:

 

 

Oder nur ein Ausschnitt daraus, der allerdings das grandiose, zutiefst berührende Profil dieser Frau bewahren muß:

 

 

 

 

 

 

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>>>> Béart 60
Béart 58 <<<<

Ich bin mir wirklich unsicher. Aber werde auch das mit → meiner Lektorin besprechen, die vor dem Aeropag ganz ebenso bestünde.

Ihr ANH
[Korngold, Klaviertrio op. 1 (1910)]

Das Arbeits- (eher Lese-)journal, zugleich (Nach)Krebstagebuch des Sonntags, den 13. September 2020. Darin zu Federico von Lewin Erich Wolfgang Korngold sowie ein wiederholter böser Traum. Außerdem Lukrez, nämlich: Die Brüste der Béart, 53.

 

 

(Schmutztitelnotate in
Lewin, Federico)

 

[Arbeitswohnung, 7.79 Uhr.
70,1 kg.
Korngold, Klavierkonzert für die linke Hand, op. 17]

Wie ich’s gestern einer entfernten Freundin schrieb (ohnedies verlege ich die persönlichen Belange meine Arbeitsjournale seit → dem dort in Briefe, fühle mich damit weniger unwohl):

Bin grad voller Staunen, was bereits der siebzehn(!)jährige Erich Wolfgang Korngold zu komponieren verstand, und von Trauer, was uns an großer Kunst womöglich vorenthalten wurde, weil ihn das Naziwidertum in die Emigration und in den USA zur Lohnarbeit für Hollywood, nämlich in den Kitsch zwang. Dabei war er erst dreiundzwanzig, als er 1927 sein Meisterwerk vorlegte, Die tote Stadt, und vierunddreißig, noch vor der Flucht, daß seine letzte große Oper in die Welt kam. Dann vergaß man dieses Menschenjunggenie noch lange über das Ende des Unheils hinaus – dem schon die neuen Unheile folgten, quasi ein weltliches Armageddon nach dem anderen, gegen alledie wir nichts als eben solche Korngolds zu stellen haben – dieses aber mit ganzem, wunderbar prometheischem Recht.

Nach Jahren wieder los ging’s nun auf einer “falschen” Fährte, von Friedrichs II und Bianca Lancias Liebestochter Violante nämlich, der letzten quasi Vergilin, mit der → bei Lewin Truda vom Unruhvollen Stamm in der Unterwelt spricht, zur gleichnamigen Oper, die aber eben gar nichts mit ihrer historischen Namensbase zu tun hat. Da indes hatte mich der Melos bereits. Es ging gar nicht anders als nach meiner Vinylaufnahme des Stücks zu den anderen Bühnenwerken überzugehen, Die Kathrin, Die tote Stadt, Das Wunder der Heliane — alles noch vor des Komponisten Emigration entstanden, danach dergleichen niemals wieder. Dabei haben mich zwischenzeitlich → eines Lesers und Gesprächspartners Michael Gielens Aufnahmen sämtlicher Mahlersinfonien erreicht, und ausgesprochen schreckhaft fasziniert fielen mir im vierten Satz der Neunten stürzende Glissandi auf: Sie stürzen geradezu ab. Da hätte ich dranbleiben können, vielleicht sogar sollen, zumal mir K. zu meiner, sagen wir, “Entdeckung” konkrete Partiturhinweise gab, zu denen er auch Fragen stellte.
Aber derzeit schweife ich, nehme auch Einladungen nicht unbedingt wahr, selbst wenn ich gerne hinginge. Immer die Unruhe, es werde zu spät, ich würde zu müd, um gut das Fahrrad heim zu nehmen:

Normalerweise habe ich sowas immer gern getan (…); 20 km hin und 20 zurück waren nie ein Problem. Seit meiner OP hat es sich geändert und war schon während der Chemo immer leicht mühsam. Was ich aber ignorieren konnte. Jetzt, noch immer in der Wundheilungsphase, die mir ziemlich auf den Geist geht, ist, es zu ignorieren, schwerer möglich. Also müßte ich – oder sollte es sogar – die BVG nehmen — etwas indes, das mein Stolz als schwere Kapitulation erlebt und damit mein Selbstgefühl attackiert und was dann wieder zu Depressionen führt. Also bleibe ich lieber gleich daheim am Schreibtisch (…).

Ungut, mithin, unguter noch, was mir nun schon zum zweiten Mal träumte (denn ich spüre unterhalb der sichtbaren, an der Oberfläche bereits fast verheilten Operationsnarbe, gewissermaßen parallel zu ihr, mich irritierende längliche Verdickungen, in denen es, wenn ich etwas gegessen habe, jedesmal erst schmerzt, und fünfzehn bis zwanzig Minuten später geht von ihnen solch ein Mir-Übelwerden aus, daß ich mich langlegen muß): Man habe — so dieser Traum — in meinen Dünndarm zwei Sonden implantiert, eine kleinere runde links, auf der Herzseite also, sowie eine längere, langgestreckte rechts. Was sie aufnehmen sollen, weiß ich nie, auch nicht im Traum, aber daß es Spione sind, deretwegen ich dringend zum Arzt gehen sollte, um sie mir schnell herausschneiden zu lassen. Doch dann ginge alles wieder mit dem chirurgischen Schnitt von vorne los, auch mit dem furchtbaren Blasenkatheter, mit der Allergie gegen die Opiate, und der “alten” Wunde tät’ ein neuer Eingriff auch nicht grade gut. Also scheue ich den Gang: Wir sind immer noch in meinem Traum, dem ersten wie dem neuen heute nacht. Da war ich allerdings am Meer und schwamm hinaus. Ich konnte kaum die Küste mehr sehen, da gingen die Sonden in mir ab, vollbrachten es auf eine irreale Weise, meinen Bauch zu durchdringen. Und sie sanken in die Tiefe. Wovon ich erwachte. — Vielleicht, so dachte ich, “befürchteten” sie (oder der Geheimdienst, der sie mir hatte einsetzen lassen, befürchtete es), daß ich mich zum erneuten Gang auf einen OP-Tisch doch noch durchringen würde, und sie … sie würden erkannt. Das mußten sie, die beiden UBoote in mir, verhindern.
“Natürlich” waren sie nur im Traum abgegangen, jetzt, im und nach dem Erwachen, wieder deutlich spürbar. Ich kann sie mit den Fingern gut ertasten. Sie fühlen sich wirklich wie Fremdkörper an oder wie innere Vernarbungen; letztres dem tatsächlichen Sacherhalt nahe kommen dürfte. Wie ich gestern bei unserm schönen Gang über den Kollwitzmarkt zu लक्ष्मी sagte, bin ich mir momentan über den anatomischen Lageplan meiner Bauchorgane ziemlich unsicher. Nach dem, was der Chirurg aus mir herausgeholt hat, muß drinnen doch ein ziemlicher Leerraum entstanden sein, den die verbliebenen Organe nun mitnutzen, in den sie sich zumindest teilverschieben können: und ich, der stets ein geradezu exaktes Körpergefühl hatte, kann nun gar nicht mehr sagen, was es ist, das wo weh- oder sich sonstwie spürbar hervortut. Also fühle ich mich meinem Körper entfremdet.
Dazu nach wie vor die Verdauungsprobleme, besonders von Fett, und vor drei Tagen die Eröffnung meiner netten Ernährungsberaterin, daß ich die Pankreasenzyme nunmehr lebenslang würde nehmen müssen, werde, heißt das, was ich widerlich finde, ich, der ich es schon ablehne, Brillen zu tragen, weil sie zuviel Krücke mir und meinem Stolz sind. Und überhaupt habe ich die Neigung, diese Ernährungsberatung wieder abzubrechen, weil mir nichts gesagt wird, daß ich nicht schon von alleine wüßte und deshalb nicht beachte, weil ich es beachten eben nicht will: etwa, zu jeder Mahlzeit Buch zu führen, also sechs- bis achtmal mindestens pro Tag. Ich käm ja zu nichts andrem mehr! Meine Arbeit bleibt eh schon schandbar liegen. Immer noch habe ich die Béartgedichte nicht neu durchgesehen, obwohl es morgen in einer Woche bereits mit dem Lektorat losgeht.
Immerhin habe ich → die Lewin nun “aus”gelesen, was ein riesiger Gewinn war und nicht selten ein Genuß, auch wenn ich in einigem von mir selber Abstand nehmen mußte, von also, wie schon bei Kantorovicz, meinen → nietzscheschen Idealisierungen. Umso größer wird nun meine poetische Aufgabe sein: die Ambivalenzen werden zum Zentrum des Werkes, zum movens der Ästhetik. Was heilsam wider die Zeit geht, die einen Geist bekanntlich nicht mehr kennt. Denn der floh in die ANDERSWELT.
Zum Unruhvollen Stamm gehör ich nämlich selbst, jenseits, selbstverständlich, der Stämme Israels, die für Waltraut Lewin – als Jüdin – noch eine Rolle gespielt haben dürften. Da liegt die Ursache meines Identifizierens: im unruhvollen Lichtgeflacker seiner Stirn vom Stamme Luzifers zu sein und aus dem Schoße Aphrodites:

Alma Venus, o Du, die unter des Himmels gleitenden Lichtern
auf das besegelte Meer und die Früchte gebärende Erde
freundlichen Glanz ausstrahlt, denn alle lebendigen Wesen
werden gezeugt durch dich und schauen die Strahlen der Sonne

(alma Venus, caeli subter labentia signa
quae mare navigerum, quae terras frugiferentis
concelebras, per te quoniam genus omne animantum
concipitur visitque exortum lumina solis)

Lukrez, de rerum natura→ I, 2-5

Ein Fingerzeig übrigens, den mir Lewin – fast am Ende ihres großen Buches – zu den Béarts gegeben hat, so daß ich Lukrezens Anrufung der GÖttin in die → XXXIII unbedingt noch einbauen muß.

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>>>> Béart 54 (folgt)
Béart 52 <<<<<

Eine Woche knapp hab ich dafür Zeit.

 

Ihr ANH
[Korngold, Sinfonische Serenade op. 39]

P.S.: Ein wunderschönes Foto möchte ich Ihnen, Freundin, hier noch nachreichen. लक्ष्मी hat es von uns, ihr und mir, gestern aufgenommen, und da sie’s → bei Facebook eingestellt hat, werde auch ich es, nunmehr hier, tun dürfen. Es schenkte mir, nachdem sie es mir zugesandt, eine große Zuversicht:

Die verschwundene Musik SOWIE Fürs Messerle: am Krebstagerl 16.

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 5.16 Uhr
Händel, Semele (ive-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

Hinterhof im Mai:

Dunckerflieder.Anderswelt

Hübsche Komplexion, daß diese Zeilen, wiewohl nun früher “terminiert”, später geschrieben werden, als die hierunter wurden. Tatsächlich habe ich den im hierunteren Notat sozusagen als Vorrat niedergeschriebenen Gedanken heute nacht intensiv verträumt: daß doch von den in Betäubung geschehenden Erlebnissen irgendetwas zurückgeblieben sein müsse — in irgendeinem geheimen Archiv unseres Gehirns, zu dem wir die Türen nur nicht kennten und nicht sähen. Davon, dort hinzugelangen, träumte mir nun, doch übertrug mein Traumbewußtsein dies von der medizinischen Anästhesie in die Poetik einer großen (mir vorgeblich schon seit langem bekannten, d. h. mir selbstverständlichen) — Musik.
Also. Da bereits vorgestern das Novaminsulfon nur noch bedingt etwas gebracht hatte, reduzierte ich zu gestern nacht die Tropfen von dreißig auf zwanzig und rang mich gegensteuernd durch, eine halbe Zolpidem zu schlucken – das allererste Schlafmittel meines Lebens. Mit 65 eigentlich prima. Ich wollte schlichtweg um fünf hoch (was nun gelungen ist), um vor der wegen der kleinen OP obligatorischen Nüchternheitsphase noch einen Latte macchiato genießen zu dürfen.
Um kurz vor elf ins Bett, um kurz vor fünf hoch; der Plan ging auf. Nur daß ich dennoch um zwei einmal wach wurde, es jedenfalls glaubte. Der Schmerz vom Karzinom war da, das wußte ich, doch war er nicht zu spüren. Ich lauschte, hierhin, lauschte dorthin, ich konnte welche Organfalte auch immer anheben, um drunter nachzuschauen, der Schmerz hielt sich verborgen. Trotzdem, er hockte irgendwo und kicherte sich eins, weil ich ihn nicht fand.
Gut, dachte ich, dann nicht. Umso besser. Denn ich hatte mit dieser Musik zu tun.
Im Traum dachte ich: Mahler oder Pettersson. (Händel auf keinen Fall; ich denke oft versetzt). Jetzt aber, am Schreibtisch mit dem Kaffee (kurz schoß Verlangen auf zu rauchen, doch schon verpuffte es; zwölfter Entzugstag) …  jetzt aber bin ich mir nicht mehr sicher. Dabei sehe ich die Partiturseite vor mir, auf der die Stelle zu finden, nämlich nicht zu finden ist: Eine Musik, die der Komponist schrieb, ohne sie in Noten zu fassen, so daß in der Partitur ein Riß entstand, insofern die Musik nach, sagen wir, Takt 321 anders weitergeht, als es kompositionslogisch sein dürfte. Sie tut’s aber, als wäre es das Klarste von der Welt: als wäre das Verborgene nämlich da, läge in aller Welt Ohren. Nur daß wir es nicht hören können, nicht mehr, vielleicht. Sie geschah, und die Melodik (mithin Tragik) setzt sich logisch einfach fort; indessen uns | fehlen die Über- und also die Zusammenhänge.
In meinem Traum wußte ich – wie eben erzählt – genau, um welche Musik es sich handelte. Ich war mir auch sicher, die entsprechende Stelle in der Partitur längst angestrichen zu haben, und wollte sie gleich nach dem Aufstehen aus dem Regel ziehen, um Ihnen, Freundin, die richtige Seite abzufotografieren und das mit einer hinweisenden Markierung versehene Bild hier einzustellen. Die “Wahrheit”, daß diese Musik eine Erfindung meines Unbewußteins und letztlich eine und zwar so gute GESCHICHTE sei, daß ich sie noch erzählen müsse, stieg erst allmählich aus mir auf: da stand ich bereits an der Pavoni und füllte das frisch gemahlene Espressomehl in den Siebträger. Noch war ich in Gedanken meine Musikregale abgeschritten, hatte hier eine Partitur herausgezogen, dann dort — oder hatte ich das Stück gar nicht material, sondern “lediglich” digital archiviert? — Oh achduje, es gibt es gar nicht! Und schlagartig, mit dieser wirklich jähen Erkenntnis, mußte ich ans Ende des Dritten Blumenstückes aus dem Wolpertingerroman denken:

 

 

 

 

 

 

[Händel, Semele (live-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

***

[Das nun aber folgende sollten Sie, liebste Freundin, erst um elf Uhr lesen, Punkt 11 am besten]:

 

[Sana Klinikum, 11 Uhr]

 

 

Diagnostische
→ Laparoskopie
.

 

 

Schwierig dabei wird es für mich sein, nicht mit auf diese phantastische Reise gehen zu dürfen, die doch in mich selbst hineinführt. Andererseits gebe ich zu, daß auch diese gelebten, zugleich eben nichtgelebten Zeiten des kompletten Betäubtseins ein Rätsel haben, das erfahren werden will. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es im Gehirn nicht doch Speicherräume gibt, die das Nichtwahrgenommene bewahren — und welche Überflutung dann, würden wir durch Zufall, jedenfalls unversehens, die Türen dahin öffnen!
In jedem Fall gewöhne ich mir an, meine Krankheit als eine Expedition zu verstehen, in die Ligeias Gesang mich gelockt hat – ein fremdes, mag sein auch tödliches Meer, über dem ein indes derart blendendes Licht schwelt, daß wir noch keine Verse dafür haben.

***

(Und jetzt lesen Sie noch einmal den ersten, um 5.16 Uhr begonnenen Teil dieser Erzählung. Wenn Sie damit fertig sind, wird auch meine kleine OP beendet und mit und unter mir mein Bett in den Aufwachraum geschoben worden sein. Sowie danach auf der → 4A* zurück, wird es mich, abgesehen von enormem Nahrungsappetit, noch enormer nachzuschauen treiben, was Sie, Geliebte, zu dem allem denken.)

ANH

*) Heitererweise sind sowohl im Berliner SANA als auch der hannöverschen MH
Gynäkologie und Endoskopie/Viszeralchirurgie nicht nur ins selbe Haus, nein auf ein-
und dieselbe Station
zusammengelegt.

Dehad, Ktomsg. Traumjournal.

Es verflochten sich Serie und Lektüre. Ich sah den Film erneut, im Traum, doch war es nicht Sarah, die herumlief, sondern eine andere Nymphe, auch wenn Madelyn Cline – zumindest in meiner Erinnerung – der Erscheinung „Sue“ Lyons ziemlich glich:

Ein schwerer Sturm ging über das Anwesen, ein Tropentornado. Die Familie eilt zu richten, was sich richten überhaupt wieder läßt. Doch man ist mit blauen Trümmern davongekommen. Selbst das große Boot am Steg ist noch vertäut, der Schaden zu beheben. Dehad (das zweite “d” gewiß aspiriert) allerdings, anstelle mitzuhelfen, läuft gehetzt durch den Garten und schwingt einen Federballschläger gegen Krähen und Möven, die krächzend und kreischend immer wieder auf das aufgewühlte und von abgerissenen Zweigen und Ästen, ja selbst einem umgeworfenen Baum überworfene Erdreich niederstoßen.
“Was tust du, was tust du?” ruft der Vater.
“Ich rette die Rfjotzj, verhindre einen Rfjotzjgenozid!”
Dehad oder Outer Banks, Kapitel 26 (synchonisierte Fassung)

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SCHLÜSSEL

I
Um den Code zu dechiffrieren, braucht es zwei zusätzliche Bestimmungen: 1. Deutsche Umlaute müssen aufgelöst werden (ä=ae, ö=oe, ü=ue), wobei dennoch nur die Buchstabenanzahl des tatsächlichen Wortes gezählt wird. 2. Wird das schließliche Wort gesprochen, muß in aufeinanderfolgenden Konsonanten, so sie nicht artikulierbar sind, der Klang des vorhergehenden oder des folgenden Buchstabens mitgesprochen werden (d=de, j=jot usw).
(Daß das abschließende “d” in Dehads Namen aspiriert werden müsse, ist allerdings eine Wähnung.)

II
In diesem Beitrag ist nicht nur der Code enigmatisch, sondern erst recht, wohin diese Szene gehört. (Nein, verehrte Freundin, ich lege keinen Link!)

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

Soeben einem Freund geschrieben.

Mir träumte heute nacht ein, ich weiß nicht, ob guter, ob schlimmer Traum:
Von meiner ökonomischen Enge aufgescheuchte Kenner und Freunde bekamen es hin, daß mir der Gerrit-Engelke-Preis der Stadt Hannover verliehen werden sollte. Und also wurde ich gefragt, ob ich ihn annehmen würde. 30ooo Euro (im Traum)*. Und ich, ich sagte – obwohl’s mir alles drinnen zusammenzog – nein. Denn Engelke sei ein Arbeiterdichter, mit weder solchem noch der auslobenden Stadt mein Werk und ich sonderlich zu tun gehabt, vielmehr sogar gar nichts. Wie könne man meine Arbeit unter “Arbeiterdichtung” subsumieren? Das sei beiden Seiten unangemessen.
Bei dieser Absage ging es mir gegebenermaßen sehr schlecht, ich hätte das Geld dringend gebraucht. Aber Würde und Wahrheit verboten ein Ja.
Der Traum ging sich verschachtelnd ewig noch weiter, und mit Kopfschmerzen wachte ich auf.

*) Tatsächlich sind, bzw. waren es 15.000

 

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