Dietmar Hillebrandt und die Sainte Chapelle. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. Februar 2022. Sowie mein falsches Vêpres-Datum à la sicilienne. Am frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnjung, 18.33 Uhr
Philippe Hersant, In Nomine pour violoncelle principal et six violoncelles
Eiweiß-Bananen-Kiwi-Shake (täglich, um das Gewicht zu halten]

Mit → dem Tagwerk fast durch. Eigentlich säße ich jetzt in der Oper, wäre mir nicht eine irritierende, vielleicht auch ein bißchen, wenn ich ängstlich denn wäre,  beängstigende Fehlleistung unterlaufen. Nämlich sah ich vor vier Tagen, daß die Deutsche Oper → Verdis Vêpre sicilienne, ja, die französischsprachige Urfassung, herausbringt, und zwar, wie ich fehllas, bereits heute. Da ich mit seinem Don Carlos die Erfahrung gemacht habe, daß die auch da französische Erstfassung mich enorm fesselte, indes die italienische indes kaltläßt, wollte ich sofort hinein und fragte, unter Entschuldigung wegen der Kurzfristigkeit, um eine Presse- und, wenn möglich, auch Begleitkarte an. Beides bekam ich kommentarlos quasi sofort, ich wies die 15 Euro für die Begleitkarte an, und schon konnte ich meine Ticketts herunterladen. Das ist bei der Deutschen Oper praktisch.
Alles also prima.  Jetzt nur noch लक्ष्मी, von der ich wußte, sie habe Lust auf Oper, Bescheid gegeben, aber sie sei, schrieb sie, an dem Tag nicht in Berlin; daraufhin meinen Sohn gefragt, der ebenfalls mal wieder in die Oper wollte. Er nun mußte jobben. Nächster Anrufe: → Ricarda Junge, die solche Abende liebt. Sie war schon verabredet. Und so weiter. Gestern abend dann sagte → Gaga Nielsen zu. Was mich besonders freute. Wir sprechen zwar im Netz, haben uns aber zwischen drei und fünf Jahre nicht mehr physisch gesehen.
Dann lag ich im Bett. Und finde heute morgen eine SMS Freund → Broßmanns, den ich ebenfalls gefragt hatte, ohne daß er zusagen konnte:

Die Oper ist doch erst im März!

Da war ich baff. – Wirklich wahr? Nach dem Duschen auf den Karten nachgesehen. Tatsächlich, 20. März. Da stand es deutlich, und ich hatt’ nichts gemerkt. Beginnender Alzheimer? Zuviel Wein? Ein bißchen beunruhigen tut es mich nun s c h o n. Es sind ja einige, wenn auch stets nur kleine, Ausfälle, die → Liligeia als Souvenir mir hiergelassen hat. Und was für einen Aufwand, wegen der Begleitkarte, habe ich getrieben! Meine Güte, dachte ich, da denkst du so an andere, gibst auch noch Geld dafür aus, und dann bleibst du auf der Karte sitzen, die, was nur noch blöde ist, verfallen wird. Aber vielleicht steht jemand traurig vor der Oper …

Ich finde, sowas erzählen zu müssen. Ein kleines Journal ist es wohl wert. Doch gibt es nun noch einen zweiten Anlaß.
Bisweilen schaue ich bei amazon nach, ob sich etwas, und was, getan hat. Rezensionen zu meinen Arbeiten sind dort leider eher selten, und um, wie → Else Buschheuer gern tat, und andre halten’s sicher ähnlich, die Leserinnen und Leser meines Weblogs darum zu bitten, bzw., Buschheuer, aufzufordern, oder gar bei Facebook – dafür, Freundin, verzeihn Sie, bin ich zu stolz. Zudem hätt es einen Beigeschmack von Selbstbetrug. Nein, wer schreiben will, muß wollen, von sich aus überzeugt sein. Nur dann auch werden sie oder er überzeugen. Außerdem sind die wenigen Leserinnen- und Leserrezensionen ein Gradmesser, den ich nicht verunschärfen will. Ich mag nicht so tun und auch nicht so empfinden, als wäre, was nicht ist.
Und da nun stieß ich – aus Zufall, weil meine Zeit bei den Kulturmaschinen längst recht bös geendet und die einst dort verlegten Bücher allenfalls noch im Modernen Antiquariat erhältlich … — stieß ich auf eine Rezension, die mir wirklich den Atem nahm. Da sie aber eben nicht unter einem Buch steht, das derzeit lieferbar ist, hatte ich das unbedingte Verlangen, sie auch in Die Dschungel einzustellen. Denn die Novelle, um die es geht, ist ja dennoch erhältlich, nur unterdessen in von → Elvira M. Gross und mir revidierter Form in die → Septime-Ausgabe meiner gesammelten Erzählungen aufgenommen; sie findet sich gegen Ende des zweiten Bandes, “Wölfinnen” Für den, → bei amazon, gibt es nicht eine Rezension. Doch da, zum Beispiel, gehörte sie hin, egal, ob fast zehn Jahre alt.
Nur, wie jetzt vorgehen? – — Erstmal versuchen, ihren Autor, Dietmar Hillebrand, zu kontaktieren. Was ich versuchte, doch gibt es ihrer viele, und keiner lebte in seinem → bei amazon angegebenen Wohnort Hemmingen. Na klar, er kann er in dem Jahrzehnt längst umgezogen sein; nicht jeder hat ein Wunderkammerzentrum wie die Arbeitswohnung ich.

Gut, ich entschloß mich, das kleine Urheberrechtsvergehen zu wagen. Vielleicht wird er ja aufmerksam und meldet sich. Es würde mich freuen, selbst wenn er der Veröffentlichung hier widerspricht. Dann nähme ich sie selbstverständlich aus Der Dschungel wieder raus. Doch, Freundin, lesen Sie den Text! Nicht oft ist jemand, der dann publizierte, so sehr in das, worum ich mich bemühe, eingedrungen. Ich kann nur danke sagen.

D o r t finden Sie den Text und selbstverständlich weiterhin → bei amazon direkt. Eigenständig, hier, würden Sie kaum auf ihn stoßen, weil ich ihn, ich mag auch da genau sein, unter seinem originalen Datum eingestellt habe, dem 2. April 2012. Allerdings habe ich ihn im Kritikenkommentar unter die → Erscheinungsannonce des Septimebandes verlinkt.

https://dschungel-anderswelt.de/20180402/ein-silberturm-ist-die-welt-die-novelle-als-phantasmagorie-von-dietmar-hillebrandt/

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[19.32 Uhr
Philippe Hernant, Aus tiefer Not für gemischten Chor, Viola da Gamba und Orgelpositiv]

Mit der Verwirrung gut vorangekommen, bin ich nun auf Buchseite 218 von 342. Seit einigen Seiten “läuft” der Roman sehr viel besser als zu Anfang, signifikant besser sogar; all die schrecklichen Substantivierungen sind vermieden, sogar der Rhythmus stimmt über weite Strecken – was bedeutet, daß die Überarbeitung nun schneller gehen wird. Ist auch nötig, ich bin jetzt schon terminlich in Druck. Insofern bin ich über die imgrunde ja nicht verpaßte Oper jetzt ganz froh. Ich seh sie als Signal, vor dem 20. März fertigzusein – auf daß endlich das Lektorat losgehen könne.

In den Abend:

Ihr ANH

Zu online-Lehre, Zoom et aliiaea. Das Arbeits- und Sohnesgeburtstagsjournal des Sonntags, den 30. Januar 2022.

[Arbeitswohnung, 6.54 Uhr
Sofia Gubaidulina, Erstes Streichquartett]

Gestern wieder von morgens um zehn bis spätnachmittags kurz nach fünf mit eigentlich nur einer, nämlich mittags, Pause abermals online den Lehrauftrag der Bamberger Universität gelebt, ja, gelebt, und zwar alle insgesamt achtzehn Studentinnen und Studenten, denn eine, die krankheitshalber bei den ersten Malen nicht dabeisein konnte, stieß hinzu und zeigte sich als ausgesprochen nicht nur hochkundig Feinsinnige, sondern sie war als Schreiberin ebenso talentiert; möglicherweise ist sie mehr als “nur” das. Darüber am Abend mit meinem Arco-Verleger, der mir auch enger Freund ist, bildgewhatsappt, und der im Anschluß an meine Erzählung darum bat, solche Autorinnen und Autoren doch bitte zu vermitteln.
Dazu dürfte es noch ein wenig zu früh sein. Doch auffällig ist, wie keine und keiner in der Konzentration nachläßt; erst nach vier Stunden meldete sich eine Studentin mit der Bitte zu Wort, ob wir nicht eine halbe Stunde Pause machen könnten, sie habe einfach Hunger, und eine zweite mußte unbedingt mit dem Hund hinaus, indes die dritte um eine ganze Stunde bat, da sie, um etwas essen überhaupt zu können, erst etwas zubereiten müsse, sie habe nichts Fertiges zuhaus. Doch pünktlich, fast auf die Minute, fanden sich alle im Zoomraum wieder ein, und dann ging’s in einem Stück die nächsten drei Stunden weiter, so daß ich in der Sitzung Abschlußgespräch gar nicht anders konnte, als den jungen Leuten zu sagen, zwar hörte ich Lehrende, also sozusagen Kolleginnen und Kollegen, klagen noch und noch, wie wenig diese neue Generation mehr belastbar, wie dauernd sie abgelenkt sei und eben allzu sehr, wenn man sich über längere Zeit konzentrieren müsse, und allzu schnell erschöpft, “aber”, sagte ich, “wenn ich mir Sie so anschaue und anhöre, kann ich das nicht bestätigen; im Gegenteil kommen mir diese Klagen nicht nur grundlos vor, nein, sondern die Aussage ist einfach falsch.” Und das meinte und meine ich so. Freilich kann ich mit meiner Gruppe auch einfach nur Glück haben – doch bei achtzehn Leuten allen zugleich? Unwahrscheinlich. (Hinreißend und, ja, fast ehrfurchtgebietend, welche Arbeiten alle je als Hausaugabe vorgelegt haben, für die sie die vergangene Woche Zeit gehabt. Stellen Sie sich, Freundin, vor: nach nur zwei vorhergegangenen Ganztags”sitzungen”!) – Ich vermute bezüglich der geschilderten Klagen, daß, wenn es so ist, wie mir erzählt wird, es weder an einer vermeintlich fehlenden Konzentrationsfähigkeit noch gar dem online-Unterricht liegt, sondern — an den Lehrenden selbst. Sie können in ihrem Fachgebiet noch so gut sein, wenn sie den Stoff nicht auch vermitteln können, sind sie fehlbesetzt. Denn dort wie in der Dichtung gilt: Es darf kompliziert und komplex sein, wie es will, langweilig aber nicht und nie, und unsinnlich schon gar nicht. Besonders in der onlineLehre sind Volten und Ideen erfordert, die das, was die Pandemie uns wegnimmt, nämlich Unmittelkeit, Körpersprache, Gesten, auf der anderen Seite wieder hereinholen. Dazu freilich gehört, daß wir technisch vorbereitet sind und keine Scheu vor den neuen Medien haben, sie schon gar nicht innerlich ablehnen dürfen, nicht einer Generation gegenüber, die wie in warmem Wasser darin schwimmt. Da verliert man schlichtweg an Achtung.
Ich hatte neulich selber eine Art Anschauungsunterricht, wie es eben n i c h t laufen darf. Es war das onlineSeminar eines anderen Dozenten an einer andren Universität. Ich war als Autor hinzugeladen worden. Und dann sah es s o aus: Der Dozent blendet die zu besprechenden Texte ein, die sich die Lernenden sowieso längst hatten aus dem vC (“virtuellem Canpus”) herunterladen und lesen sollen, damit man die Thesen und Analysen in eben dieser Sitzung diskutieren könne. Doch er, der Dozent, las, was er eingeblendet hatte, einfach Satz für Satz noch einmal vor, mit leiser, etwas brüchiger Stimme, machte ein Päuslein, fragte unsicher, ob der Text verstanden wurde, bekam keine Antwort, und las dann einfach weiter vor. Öde Satz für Satz, weiter, lähmend weiter, er sprach ja nicht mal frei, was doch eine Möglichkeit und sogar notwendig gewesen wäre, die Sachverhalte mit anderen Worten umschreiben und ergänzend zu erklären, sie gleichsam atmen zu lassen.
Wohlgemerkt, die Thesen waren und sind sehr gut, auch ausgezeichnet hergeleitet. Nur hilft das nicht gegen Langeweile. Lehre ist auch Show. Und alle heute Lehrenden oder doch die meisten haben schon gechattet, vielleicht sogar sehr oft, so daß sie wissen nicht nur müßten, sondern müssen, welch direkte innere Orte sich da im Kopf entfalten, sogar daß es da wirklich Lieben gibt, bei Leuten, die sich real niemals sahen, schwere Eifersuchten und noch schwereres Sichtrennen, ganz reale Tränen. Es sind genau diese inneren Dynamiken, ist ihre enorme Kraft, die für die onlineLehre fruchtbar gemacht zu werden hat. Aber nein! Statt dessen klagte der Dozent auch noch, daß sein Computersystem zu langsam sei, der Prozessor zu lahm, weil zu alt; man möge das entschuldigen.
Es ist nicht zu entschuldigen. Spätestens nach einem halben Jahr alleiniger Onlinepräsenz und dem Wissen, ja selbst nur der Ahnung, es werde auf unabsehbare Zeit so weitergehen, hat man sich zumindest einen Laptop zu kaufen, der den technischen Erfordernissen genügt, und zwar egal, ob mit eigenem Geld. Denn wer hier selber investiert und die Anschaffung beruflich nutzt, kann sie ganz einfach von der Steuer absetzen, wenn auch möglicherweise als Abschreibung über vier Jahre verteilt. Auf der eigenen technischen Zurückgebliebenheit zu beharren hingegen, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern schädigend, sowohl das Lehramt als damit auch die Lernenden. Daß die dann schlichtweg keine Lust haben, ist so nachvollziehbar wie tragisch.
Und nun stellen Sie sich, Freundin, aber vor, daß von den ungefähr dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmern sich nur zwei zeigten, nämlich eine im Video live, die andere wenigstens vermittels eines Fotos; alle anderen blieben hinter hinter den schwarzen Kacheln komplett anonym, außer daß unter diesen jeweils klein die Namen standen. Ich meinerseits hätte mir das nicht gefallen lassen, nicht als Dozent, nicht als Mensch. Es ist nicht nur unhöflich, sondern als Verhalten beleidigend dreist. Das hätte ich so auch gesagt und würde es sagen; in dem Fall ging es nicht, weil ich dem Mann sein Seminar nicht quasi qua hostile merger wegnehmen wollte. Doch tatsächlich gaben immer nur die beiden, die sich zeigten, Antworten oder wendeten etwas ein. Die schwarzen Kacheln blieben bis fast ganz zum Ende mit zwei Ausnahmen stumm, deren eine das Nervende der online-Lehre zur Sprache brachte und wie sehr ihr die körperliche Präsenz fehle, ohne aber, bezeichnenderweise, zu begreifen, daß sie selbst das in der Tat Problem mit ihrer Schwarzkachelanonymität noch ganz besonders verstärkte.
Auch der Dozent kam nicht darauf, sondern stimmte in die Klage mit ein und, quasi, jammerte. Da war nicht die Spur von Autorität. Ich spreche nicht von Autoritärsein,  sondern einer Aura gelebten Wissens, die als Ausstrahlung, Charisma, körperlich im Raum steht und eben auch in einem virtuellen Raum. Genau das nämlich geht. Wenn man nämlich Autorität hat, eine aus gelebtem Leben, sprich lebendiger Erfahrung. Von der, bei Lehrenden, Bildung ein innerlicher Teil ist. Nicht nur deren Inhalt wird gelehrt, sondern rutscht der rutscht eh allein auf der Aura in die Köpfe und, nicht zu vergessen, Herzen. Wobei sich Autorität letztlich nicht planen läßt, sie ‘stellt sich ein’ oder in vielen Fällen nicht. Erst recht läßt sie sich nicht normieren, denn letztlich ist sie immer einzig. Das macht den Alltagsumgang für Betriebe problematisch, zu denen eben auch die Führung einer Universität gehört. Umso nötiger ist sie.
Entsprechend war ich nach dieser Sitzung geradezu wütend, obwohl ich dem Mann, der sich so sehr und klug mit meiner Arbeit beschäftigt hat und für ihre Wahrnehmung möglicherweise mit bedeutend werden könnte, dankbar sein muß und es auch bin. Aber warum hatte er nicht, wenn er ein Mann denn schon ist, die Eier in der Hose, seinen Studentinnen und Studenten zu sagen, er mache diese schwarzen Kacheln nicht mit?; wer sich nicht zeige, bitte, da die Tür. Wenn dann jemand erklärt, mit Gesicht nicht erscheinen zu können, weil daheim das WLan nur schlecht sei usw., ist das immerhin eine Erklärung, die sich verstehen läßt. Nur wird es der Fall nicht bei allen achtundzwanzig gleichzeitig sein. (Auch in meinem Seminar zeigen sich drei nicht im Video, aber mit eben dieser Erklärung, und haben zumindest Fotos eingestellt, abgesehen davon, daß alle rege mitdiskutieren. Man spürt extrem deutlich, wie alle d a sein und sich eben auch sehen wollen.)
Jedenfalls, wenn auch nur ein Drittel aller onlineSeminare so ist wie das geschilderte des Kollegen, ist es, zumal unter den extrem verschulten Zustände heutiger Unis, ein Elend. Was es eben nicht sein muß, wie meine Seminare und diejenigen zeigen, die, mittlerweile ebenso online, Phyllis Kiehl und andere sowie auch ich für die START-Stiftung abhalten.

[Rued Langgaard, Erste Sinfonie]

Zu dem, was ich lehrende Autorität, die hohe Notwendigkeit guter Autorität eben, nenne, gehört aber noch etwas anderes, nämlich sich selbst verletzbar zu machen. Wenn ich die jungen Leute erfolgreich lehren möchte, in diesem Fall eigenes sogar intimes Erleben als Material literarischer Texte zu verwenden und wie man es tut, bzw. tun kann, sie also formal schule, muß ich zeigen, daß ich selbst die Fomen anwenden kann. Ansonsten wär mein Reden hohl. So daß ich ihnen → die gestern in Die Dschungel eingestellte, nicht unheikle Szene hochgeladen, sie vorgetragen und zur Diskussion gestellt habe, selbstverständlich fragte ich erst, ob ihnen das recht sei, da es doch Zeit von ihren eigenen Arbeiten abziehen werde. — Erst jetzt, mithin, ist meine Position fachlich begründet, und vor allem auch sinnlich.  (Eine der jungen Frauen sagte hinterher sogar, sie habe Laupeyßers Hand wie körperlich an der eigenen Taille gespürt … “- wie machen Sie das?” Eine zweite, was mich ganz besonders freute, war gleichsam benommen davon, unversehens den Blick männlichen Erlebens, gerade bei einem so schieflaufenden körperlichen Geschehen, nicht nur eingenommen, sondern empfunden zu haben. Selbstverständlich gab es auch Einwände, wenngleich keine stilistischen, worum es ja gerade geht. Wir arbeiten an den Formen, nicht an der Angemessenheit oder Unangemessenheit von Inhalten und erst recht nicht an “Moral”. Das sollen Philosophen tun, Theologen und Juristen, aber nicht Dichterinnen und Dichter, und auch Dozenten nicht.)

Soviel dazu. Heute ist ein guter Tag.

[9.12 Uhr
Morgentoilette erledigt, im Anzug endlich jetzt.
Langgaard, Dritte Sinfonie.]
Heute ist ein guter Tag. Denn eben jetzt vor zweiundzwanzig Jahren, zwei Stunden und siebzehn Minuten kam mein Sohn zur Welt, und nachdem er gestern mit Freundinnen und Freunden hineingefeiert hat, möchte er zum Geburtstag den quasi traditionellen Familienbrunch diesmal nicht bei der Mama, sondern ausgestattet hier in der Arbeitswohnung vorfinden. Worüber ich mich enorm gefreut habe und immer noch freue, auch wenn ich mir erst nicht sicher war, wie लक्ष्मी es aufnehmen würde; bisher trafen wir uns dafür immer bei ihr in der sozusagen Zwillingswohnung. Meine Güte, die beiden sind jetzt auch schon fünfzehn … Aber sie schien eher erleichtert zu sein, ist in der Klinik extrem belastet zur Zeit, findet für sich selbst nur wenig freie Ruhe. Da ist es objektiv gut, wenn sie nicht auch noch die Vorbereitungen für unsern kleinen Festakt zu erledigen hat und an der Reihe diesmal ergo ich dran bin.
So bleibt für meine Arbeit nur der Vormittag. Besorgt hab ich schon alles, aber der große vollgestellte Mitteltisch muß abgeräumt und dekoriert, Salate müssen zubereitet (das Zwillingsmädel ißt vegan), Obst muß geschnitten werden sowie sind Caprese und die Aufschnittplatten, Käse  & Salume, anzurichten und alles auf dem mit Tellern und Bestecken gedeckten Tisch zu arrangieren (merken Sie, Freundin? auch dies wird zur Etude literarischen Stils; alles, was ich schreibe, hat mindestens eine Übung der Formulierung zu sein); dazu kommen die Kerzen, kommen geschnittene Avocados, in Öl und Knoblauch gegarte Crevettes, selbst Misosuppen stünden, wenn gewünscht, parat. Dazu Säfte für die Jugendlichen, indessen den Erwachsenen vom Gendarmenmarkt ein Sekt gereicht werden wird (eigentlich hatte ich einen Crémant besorgen wollen, aber dann mich umentschieden, weil Adrian Berlin so liebt), wobei die Zwilinge selbstverständlich, so sie denn mögen, ein wenig kosten davon dürfen, imgrunde sogar sollen, ginge es nach mir.
Ich werde später, wenn er eingedeckt, den Tisch fotografieren und das Bild hier nachträglich hinzumontieren. Das wird kurz vor 15 Uhr geschehen, wenn, dem Wunsch meines Sohnes folgend, der, ich sage mal, Empfang beginnen wird – so spät, weil er kalkulierte, daß seine Hineinfeierparty bis in den frühen Morgen währen werde und er also erstmal ausschlafen müsse, vielleicht sogar auf Μορφεύς seinen Kater übertragen; dann müßt’ den Kopfschmerz der, nicht er, und auch die Übelkeit ertragen. Fürtrefflich und, dachte ich, hinreißend witzig gedacht. Ich fand es ja schon klasse, daß der Freundestrupp beschlossen hatte, sich für die Party, wie meine Großmutter es ausgedrpckt hätte, feinzumachen, also in Anzug und Abendkleid zu feiern; Schritt für Schritt tun die jungen Leute ins Erwachsensein, und ohne es zu wollen. Sie wollen’s sogar gar nicht und tun es eben doch – etwas, das ich mit äußersten Vergnügen verfolge. Er selbst hatte, als er nach meinem Seminar gestern auf seinen Caffè hereinschaute, den grauen Lagerfeld schon an, Lagerfeld nebst Weste, darunter dunkles TShirt, in dunklen Sneakers seine Füße. Nur mochte er sich von mir noch passende Hosenträger leihen, weil er die wie ich gern trägt, nur daß es bei mir, der edle Gürtel liebt, andre Gründe hat, die mit der radikalen Gewichtsabnahme → während der akuten Krebszeit nicht nur zusammenhängen.
Jetzt, denke ich, wird der junge Mann tief schlafen, der junge, eigentlich, schon H e r r, als der er gute Chancen haben wird, mit dem Traumgott erfolgreich zu verhandeln, wie gleichberechtigt Aug in Aug; als Jugendlicher-nur würd ihm das nicht gelingen. Man braucht halt auch Respekt.

Doch jetzt, o Freundin, erst einmal ans Werk zurück. Bis, sagen wir, zwölf Uhr. Zwei knappe Stunden also noch Verwirrung.

***

[15.30 Uhr:](Der Blumenstrauß dem Sohn,
die Rose für die Mama)

[ca. 18.30 Uhr:]

 

[Weitere Impressionen]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ihr, vaterstolz,
ANH

Zwischenspiel. Ein paar Worte zu der Videoserie. Dazu Иностранная литература, No 3.

[Arbeitswohnung, 14.17 Uhr]
Da spätestens mit den → Bamberger Elegien, zu also Anfang Mai, die einzelnen → Videofolgen länger werden, entschieden länger, habe ich mich – auch, um nicht unter noch mehr Zeitdruck zu geraten – entschieden, auch den kürzeren Zyklen, die also aus mehreren Gedichten bestehen, mehr Zeit einzuräumen. Auf eine Variationsserie etwa wie “Soldaten”, die aus acht Teilen besteht, wird dann erst acht Tage später der nächste Clip folgen. Entsprechend wird auf die zwei → “Trennungsgedichtchen” von gestern erst morgen ein neues Video folgen.
Bei den Elegien werde ich die Tagesanzahl jeweils von der Länge abhängig machen; ich möchte sie aber auf keinen Fall tageweise zerstückeln, sondern am Stück vortragen, was am Stück vorzutragen auch ist. – Vor eine besondere Schwierigkeit wird mich etwa ab September die Aeolia stellen, die ja ein einiges, aber buchfüllendes Gedicht ist. Meinem Sohn und mir kam der Einfall, das dazugehörige Video direkt auf Stromboli zu drehen, wo das Gedicht ja spielt. Dabei will er die Bildregie übernehmen, alles übrige soll in meiner Hand liegen. Ob sich die höchst reizvolle Idee realisieren läßt, hängt zum einen von Corona ab, zum anderen ist sie auch nicht ganz billig. Mais on verra.

(Für mich selbst, nebenbei bemerkt, wird Corona die Rolle nicht mehr spielen, weil ich übermorgen meine erste Impfung bekomme; die zweite wird Anfang Juni folgen. Ein ärztliches Attest tat hier, ich kann’s nicht anders sagen, Wunder.)

Dennoch, liebste Freundin, bleibe ich Ihr

U n h o l d

P.S.:
Ah-à-propos Elegien! Ich glaube, Sie wissen es noch gar nicht; das lange zwölfte Stück, die Elegie aufs Grab meines Vaters, ist soeben in dem in Moskau erscheinenden Literaturmagazin Иностранная литература (“Internationale Literatur”) erschienen, zusammen mit dem höchst komplexen Stück “Die Richtigstellung” aus http://inostranka.rumeinem (und → Elvira M. Gross‘ens) →WÖLFINNEN-Band, und die Übersetzerin, was mich sehr, sehr stolz macht, ist die gerühmte → Tatiana Baskakova. Wir haben unterdessen einen wunderbaren Kontakt. Tatsächlich möchte sie es bei den beiden Übertragungen nicht belassen, sondern sitzt in diesem Moment über dem → TRAUMSCHIFF.
Es ist schon seltsam. Ausgerechnet in dieser auch für mich recht schwierigen Zeit (allein schon, nicht reisen zu dürfen!) beginnt sich etwas massiv zu bewegen. Auch wenn ich schriftlich hier momentan schweige. Im Mai noch, jedenfalls, wird die Neufassung des New-York-Romans herauskommen, für einen Monat später sind die → Béartgedichte bei → diaphanes geplant. Und im Herbst wird es zu meinem Werk einen → text+kritik-Band geben. All das auf nahezu einmal … ich kann es fast nicht fassen.

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweiundzwanzigster Tag. Zweite Serie, sechster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Abgeschlagen | Variation auf ein Thema von Sturznest” ||

Realisation: Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

das, tatsächlich das mußte ich, so unangemessen es im Wachen zu sein scheint, denken und – eben! – dachte ich, als ich die Augen aufschlug aus dem Schlaf, der ein vollendeter Musiktraum gewesen sein muß. Nachdem völlig ungeplant mein Sohn und ich einen Konzertabend verbrachten. Nämlich war mir, als ich → diese Battalia (im Link ab 40’40”) endlich hörte und sah, fast der Bissen aus dem Mund gefallen – halb ein Bissen, halb auch Schluck, weil ich nämlich Suppe aß –, und ich hatte Adrian sofort, aber sofort folgende Whatsappnachricht geschickt, der — wegen eines wahrscheinlich nur grippalen Infekts seines Mitbewohners trotz eigentlich anderer Vornahme — nicht mehr hier hineinkommen wollte (Krebs, noch nahe OP, zudem vom wieder aufgenommenen Training vielleicht noch geschwächtes Immunsystem):

Adrian, Du mußt d o c h kurz reinkommen und Dir etwas anhören/ansehen… unbedingt!!! Bin grad völlig von den Socken. Bring einfach Deinen Mundschutz mit.

Und vorher hatte ich meiner Lektorin geschrieben (denn wir hatten für eben diese Einstudierung, dann aufgeführt im Wiener Konzerthaus, Karten gehabt, aber wegen Corona war auch dies wieder abgesagt worden), über SIGNAL:

Und das – ich muß jetzt fast weinen – hätten w i r in Wien gesehen… live … wäre nicht… wäre nicht … — ach. Ach, ach!

Ein zweites Mal, nein zum dritten bereits sah und hörte ich der Aufführung dann zu, als der junge Mann schließlich hier war, der eine Woche vorher der sogenannten klassischen Musik attestiert hatte, sie habe den Anschluß an die Wirklichkeit und eben deshalb Bedeutung verloren. Als er nun sehr genau in sich aufnahm, und erregt, was Currentzis und Kopatschinskaya da taten und wie sie sämtliche Orchestermusiker … ja, aufs Neue, Wiederneue beseelten, bekam er, wie seinerzeit → Parallalie bei → Sellars/Rattles Matthäuspassion den Mund so wenig mehr wie ich zu. Und eben diese (die Münder aber nicht) schlossen wir noch … ecco: an, in nur Auszügen freilich; also ich schaltete auf der Berliner Philharmoniker → Digitale Konzerthalle um. Da sah mein Sohn, dieser ziemlich schöne junge, knapp einundzwanzigjährige Mann, fast wie seinerzeit der Freund stupend aus, der knapp ein Jahr älter ist als ich:Nur, daß er nicht saß, sondern stand. Und fiebernd sich bewegte, wenn der Evangelist sang, sich mitbewegte, wenn die Chöre sich rührten, trauernd über den Bühnenboden schritten. “So viel hat sich, mein Sohn, getan”, sagte ich. “Aber”, erwiderte er, “niemand weiß es in meiner Generation. Wenn ich das vorher gesehen hätte, früher!” “Hast du. Aber dann kam die Pubertät hinzu, die immer alles erst mal umgräbt. Es ist”, ich lachte auf, “ja wirklich nicht zu spät.” “Wenn dieser Mann hier dirigiert, dann will ich unbedingt mit. Und die Kopatschinskaya — was sie für Augen hat. Und wie sie spielt ..!”
Besonders eindrücklich, für ihn wie für mich, ist Currentzis und Kopatschinskayas Aneinanderrücken Alter und Neuer Musik, der Nachweis ihres organischen Zusammengehörens, das nun, da es sinnlich ward, keines Beweises mehr bedarf. Daß zwischen Dowlands Lied und Kourlianskis Possible Places keine Pause mehr gemacht wird, so wenig wie nach der Battalia zu Scelsis phänomenaler Anahit (dem ich für DER ENGEL ORDNUNGEN einen Gedichtzyklus geschrieben habe). – Liebe Freundin, wirklich, folgen Sie dem Link und hören Sie sich’s an. Wer dann nicht auch so dasitzt (wenn er sitzt, oder sie) — der ist für alle Zeit verloren den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen (von → da) !

 

Weshalb indes hat mich der nächtliche Nachtraum dieses Abends ausgerechnet Adorno, bis sogar offenbar in den Morgen, denken lassen ( – oder eher: fühlen?) Nein, Schönste, nicht “an Adorno”, sondern Adorno-selbst wie ein Geschöpf außer aller und über der Zeit! Sicherlich Currentzis’ Leidenschaft wegen. Weil in jedem seiner Finger nur Musik, Musik, Musik ist. Weil er ist, was er tut. Weil es keine Differenz zwischen Beruf, Berufung und Person gibt. Weil das Wort Freizeit in solch einem Leben nicht mehr vorkommt, was aus einem erlösenden Grund so ist: Currentzis wie Kopatschinskaya haben die Entfremdung aufgehoben. So etwas wie Freizeit muß nicht mehr vorkommen, was wir tun und sind, ist ganz eines. Diese beiden Menschen sind – mehr noch, viel mehr noch als ich’s bin – ganz ihre Kunst. Hören und schaun wir ihnen zu, werden wir Zeugen eines Wunders:

im Arbeits- und Musikjournal
des Donnerstags, den 22. Oktober 2020:

[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia (1673), → Currentzis/Kopatschinskaya
Zweiter Latte macchiato]

Ein Wunder freilich ebenso – wenn nun auch, weil’s sein muß, ironisch – ist, daß ich nach der gestrigen Wiederaufnahme des Lauftrainings null Muskelkater habe; also hab ich’s doch nicht “übertrieben”, wie ich spätnachmittags befürchtete, als ich mich keislaufshalber wider Willen für eine halbe Stunde hinlegen mußte, aus der aber nur fünfzehn Minuten wurden, weil dauernd jemand anrief. Na klar, wer hält auch schon Siesta nach 16 Uhr? Da sagen Italiener längst Buonasera. – Ich war aber schlichtweg erst recht spät in den Park gekommen, weil meine erste Zoomkonferenz mit der Uni Bamberg auf die Mittagszeit gelegt worden war; ein für mich erwartungsgemäß informatives Gespräch, doch vor allem ein Anlaß, mir für den Lehrauftrag über die Einsatzmodi meines Computerbildschirm-,nun jà,”cockpits” Gedanken zu machen. Und außerdem muß ich heute einen virtuellen Raum für meine beiden START-Seminare buchen und sie danach eben auch mir einrichten. Ende dieses Monats findet bereits das erste statt. Da will ich dann auch → die Béarts endlich abgegeben haben.
Wie auch immer, heute wird um 12 gelaufen. Die Wiederaufnahme des Trainings hat eben auch Alltagsfolgen: Geduscht wird dann immer erst nachher, woraufhin die Siesta, so daß es schon von daher mehr als nur sinnvoll ist, meine Arbeitszeiten wieder sehr früh beginnen zu lassen. Bereits gestern, wie heute eben auch, bin ich um Viertel vor sechs hoch; besser wäre, zum Aufstehen fünf Uhr anzusetzen. Dann läßt sich bis Mittags gut was schaffen. Denn zu tun … mein Güte, schönste Frau … zu tun, zu tun gibt es genug. (Mal abgesehen davon, daß ich leider auch noch die Steuererklärung für 2019 dazwischenschieben muß, deren Fristablauf der Krebsbehandlung halber auf den 1. Dezember verschoben wurde, dankenswerterweise).

So, die Geistesärmel hoch!

ANH
[Mahler, Erste, Currentzis]

[12.18 – 13.40 Uhr
Volkspark Friedrichhain]

 

 

 

 

Siehe → dort.

 

 

Und dann stand vor dem Park aber noch mein absoluter Lieblingswagen, den ich zwar niemals haben werde, erstens weil mir das Geld fehlt und weil zweitens in Berlin nichts unnötiger ist als ein Auto. Aber leihen, für einen Wochenendausflug, würd ich ihn mir gerne.

 

Sehr sehr, sehr sehr, sehr sehr gerne.

Arbeitsjournal. Sonnabend, der 28. Oktober 2006.

…. nun kann, wie es gestern bei einem gemeinsamen Cortado (hab ich selbst erst gelernt, das Wort und was es bedeutet), der Profi tat, bezüglich >>>> Andreas Rosenfelder und Literaturen sagen, scher dich nicht drum und es hätte auch seine Berechtigung und ließe einen wahrscheinlicher glücklicher sein, hinge nicht professionell so vieles daran und man selbst am Professionellen. Ähnlich >>>> mit jenem, der zur Vergana „Kitsch“ gesagt hat. „Ich kann das verstehen“, sagt der Profi, „und geh bitte nicht gleich an die Decke. Aber so weit ich von Dir erzählen hörte, tat es einer, der mit Gefühlen nicht umgehen will, nicht öffentlich umgehen. Und wenn man dann so intensiv darauf gestoßen wird, dann wehrt man selbstverständlich ab. Das hängt doch davon ab, was einer durchgemacht hat, das hängt davon ab, was man schützen will oder muß. Dann kommst du daher und legst bloß. Damit können viele nicht umgehen, und wer sich darum bemühte, jahrelang vielleicht, seine Gefühle ins Zaumzeug zu kriegen, der muß abwehren, wenn du sie losläßt – zumal in einer solchen Erzählung, die einem, eben wegen ihrer formalen Gestaltung, manieriert vorkommen muß, ästhetizistisch; man kann ja nun nicht einmal mehr ‚gefühlig’ zu ihr sagen. Du verletzt allgemein normierte Tabus. Nein nein, ich weiß genau, was diese Person meint. Und das muß man ihr lassen.“
Tät ich gerne, wäre die Haltung nicht zugleich eine allgemeine und eine, die aus Machtpositionen gerade in dem Bereich wirksam wird, in dem ich schaffe. Mit dem >>>> Rosenfelder-Komplex, wie ich das nunmehr nennen will, ist es ähnlich. Ich entsinne mich der Diskussion mit einem Literaturkritiker über Stimmen. Er lehnte auf das heftigste ausgebildete Stimmen ab, Stimmen also von Konzert- und Opernsängern, und favorisierte den ‚wirklichen’, ‚wahren’, wie er sagte, Klang der menschlichen Stimme. „Die Oper ist entsetzlich künstlich, in Folk und Pop singen die Menschen, wie wir wirklich sind.“ Er hatte eine falsche Meinung von der Unmittelbarkeit, denn übersah ganz, daß dieses wie-es-wirklich-ist-Singen einer hochkomplexen akustischen Technologie bedarf, damit es überhaupt gehört werden kann: sie nämlich steckt hinter dem Mikrophon, ohne das kaum ein Pop- und längst auch kein Folk-Star mehr auskommt. Was wir da zu hören bekommen, ist deshalb der Vorschein einer Natürlichkeit, die ihr Leben hingegen ausschließlich technischen Apparaturen verdankt, die keiner mehr durchschaut. Hiergegen ist die ausgebildete Künstlichkeit des Konzertsängers geradezu ein Garant für Natürlichkeit und seine Ausbildung immer an das natürliche Stimmaterial auf eine Weise zurückgebunden, die es ihm erlaubt, gegen ganze Orchester bestehen zu können. So gut wie jeder Popstar wär da verloren und sänge wie stumm. Anders mancher Jazz, gerade ‚moderner’, anders auch Formen des Rocks, worin die Technologie selbst musikalisch thematisiert, aber eben nicht so mit ihr umgegangen wird, als wäre sie nicht da. (Auch Formen von Techno, House etc. ließen sich hierunter befassen, wäre derenTendenz nicht zugleich, überhaupt von der menschlichen Stimme oder ‚natürlichen’ Instrumenten wegzugehen, sie, kann man sagen, affirmativ abzuschaffen – was übrigens eine mir plausiblere Haltung ist, wirkende Realität in den Klang zu nehmen, als der Pop, der so tut, als wäre Realität anders; nur sind Techno etc. ein wenig primitiv, weil aufs ‚Abtanzen’ angelegt, aufs völlige Vergessen der Subjekte; darin funktionieren sie auch recht gut, wer je diese Bässe durch den Brustkasten und nicht die Ohren gehört hat – die man dabei besser schützt -, weiß das. NUR EBEN: zum Anhören und zum Verfolg des musikalischen Ablaufs, der muskalischen Erzählung, taugt das nicht, sondern wird so schal, wie es außerhalb seines Wollens auch ist.)
Für die Literatur-als-Kunst gilt etwas ganz Ähnliches. Die Favorisierung des Einfachen vergißt auf den Zusammenhang von Markt-Technologie und dem, das gestaltet wurde. Man tut so, als säße vor einem Scheherezade und erzählte. Vor einem steht aber die Industrie, und zwar, sowie ich ein Buch aufschlage. Um das Geschick Scheherezades wiedererstehen zu lassen, braucht es darum andere Mittel, andere Pfiffigkeiten; es ist überdies nicht mehr mutig, ‚einfach’ zu erzählen; vergessen wir nicht: Scheherezade erzählte um ihren Kopf! Auch wir, auf andere Weise, erzählen um ihn, es geht immer, in Kunst, um Existenz, und wenn einer ‚unterhalten’ werden muß, sind nicht wir das, sind nicht wir Leser das. Scheherezade lenkte den Sultan a b, ‚Ablenkung’ in ihrem Sinn ist also eine ganz andere, als Ablenkung im Sinn von Entertainment meint; es ist eine des Kampfes, hochbewußt darüber, wie gefährdet sie war. „Ich muß dem Gemetzel ein Ende bereiten“, sagt sie dem alten Wesir, ihrem Vater, der morgens schon mit dem Totenleinen am Baum steht.
[Poetologie.]

:6.51 Uhr.

Daneben. Es gibt Wunder. Eine Leserin, besorgt wegen der Zustands meines Laptops, bemüht sich darum, daß mir ein neuer gestiftet wird. Ich bin dankbar, aber mehr noch: darauf stolz. Denn abermals, weshalb nicht ein Dichter werden, den seine Leser direkt unterhalten? Führt >>>>> die vom Betrieb abgelehnte Artifizialität so nicht unversehens in eine Direktheit zurück, die sehr viel ‚natürlicher’ ist, als der ganze Markt, von dem Autoren gemeinhin leben? Bin dann also nicht plötzlich ich Scheherezade? Und die Leser sind all jene jungen Frauen, die sich um ihr Leben vor dem Sultan verstecken müssen und mich nun stützen, damit ich ihm weitererzähle? Und ich kremple die Ärmel meiner Dichtungen hoch und nehme es auf? Das ist ja doch meine Aufgabe: zu kämpfen. Anstelle daß mir Betriebsler sagen: so darf man aber nicht schreiben, so wollen wir nicht, daß geschrieben wird? (Allerdings wäre für eine solche Hyperbel zu fragen, wer eigentlich der Sultan ist).
Jedenfalls der Laptop (das „H“ sprang mir nun gestern auch entgegen, ließ sich aber wieder fixieren); es wird nun, Leser, absurd. Ich erzähle dem Profi davon, und er sagt: „Sei vorsichtig damit. Sei dir klar darüber, daß du ein solches Gerät, wird es dir gestiftet, versteuern mußt.“ Nun wär das zwar immer noch bedeutend preiswerter, als liehe ich mir Geld und kaufte den Computer selbst; aber man muß sich das vorstellen: ein, sagen wir, Mäzen, will, daß ein Künstler arbeiten kann, beschafft ihm Farbe, Leinwand, Staffelei – und es kommt der Fiskus daher und sagt nun seinerseits: Wenn du die Geräte bekommst, damit du arbeiten kannst, dann zahl mir etwas dafür; ansonsten laß das mit der Arbeit bleiben. Das sind so die Zusammenhänge, die ich meine: das Komplexe, das Komplizierte hinter dem sogenannten Einfachen, das Literaturkritik und die meisten Lektoren derart verlangen. Ich hingegen sage: diesem Komplizierten muß die Dichtung sich stellen und Formen entwickeln, die ihm entsprechen und die nicht über es hinwegtäuschen. (Die ‚Lösung des Problems’ ist freilich einfach: Der Mäzen kauft den Laptop, ich fahr hin, er gibt ihn mir. Wer will darüber rechten, wer will das kontrollieren? Was einer privat macht, ist sein Ding. Um nun jenen zuvorzukommen, die mich gleich wieder warnen wollen: Was ich hiermit erzähle, ist eine Geschichte, und zwar auch dann noch, wenn sie tatsächlich von meinem Überleben erzählt, meinen Überlebens-, sagen wir, –frechheiten.)

Ich bin mir über eine andere Tabuverletzung selbstverständlich auch im klaren. Es gilt als schlechter Ton und gehört sich nicht, wenn jemand schreibt, er sei stolz auf seine Arbeit oder gar seine Leser, und ihre Reaktion freue ihn, streichle ihn, streichle auch seinen Narzißmus; wenn jemand diesen damit (und mit anderem) zugibt und mit ihm öffentlich umgeht. Es haben ihn alle, aber die meisten stecken ihn vor den andren in die Tasche und, wenn es schlecht lief, auch vor sich selber. Sie wollen täuschen und wollen, daß diese Täuschung von allen mitgemacht wird. Ich schere da aus, passe mich auch dabei nicht an, sondern zeige ihn. Das hat nämlich – für die Arbeit – einen enormen Vorteil: wenn man sich seines Narzissmus’ derart bewußt ist, daß man ihn thematisiert, kann er sich – als Wiederkehr des Verdrängten – nicht mehr heimlich in die Arbeit schleichen und sie heimlich unterwandern. Dasselbe gilt für Verletzungen. Ja, ich gebe zu, daß mich Andreas Rosenfelders Attacke in Literaturen wurmt und daß dieses Gewurmtsein anhält. Ebenso, wie ich die Verletzung zugebe, die mir >>>> die Kritik von Martin Halter beibrachte. Ich will nicht so tun, als scherte mich die Ablehnung durch den Literaturbetrieb nicht und als scherte mich der ökonomische Mißerfolg meiner Dichtungen nicht. Er schert mich, es tut weh, ich bin wütend usw. Die einzige stolze Art aber, damit umzugehen, ist, zurückzuschlagen, jedenfalls dort, wo ich meine, zu Unrecht attackiert worden zu sein. Es gab nämlich auch Kritiken, die ließen mich gegen mich selber knirschen; vor mehr als zwei Jahrzehnten schrieb Armin Ayren so eine; er hatte in einem Punkt recht, bezüglich der Konjunktive. Ich habe darauf mit extremer Selbst-Nachbildung reagiert und diese Kritik – als Selbst-Ermahnung zur Perfektion – nie vergessen. Und wie ich meine Verletztheiten zugeben, wie ich den Kampf führen will, so will ich auch zugeben, was mir Freude bereitet, mir schmeichelt oder mir einfach nur wohltut und mich bestärkt, etwa >>>> das.

Leser, bevor ich weiter an >>>> die neunte Elegie gehe, etwas Persönliches, das Ihnen gar nichts sagen wird: Heute wäre meine Großmutter Else Eggers, 1903 geboren und vor mehr als zehn Jahren gestorben – ich weiß bezeichnenderweise ihr Todesdatum nicht und bin weder zur Beerdigung noch auch jemals an ihr Grab gefahren, von dem ich nicht einmal weiß, noch will ich das wissen, wo es ist -, 103 Jahre alt geworden. Ohne sie, ganz sicher, läge längst auch ich schon in einem. So wie mein – zweieinhalb Jahre jüngerer – >>>> Bruder. Ich möchte, daß ihr Name bleibt. Und vermische also einmal mehr Person und Werk. Ob Ihnen das nun gefällt oder nicht.

18.51 Uhr:
[Berlin, Schönhauser Küchentisch.]
Trotz Kindertags und Tag der Offenen Tür in der Schule ein wenig weitergekommen mit der neunten Elegie, aber ich bastel an einem Anschluß, weil ein Gedanke dazwischenzuschieben war, der wiederum ein Bild braucht; das zerschoß den Hexameter-Fluß. Wie überhaupt. Mir schreibt ein Freund:… wie Du zwischen Lyrik und polemischer Prosa immer so plötzlich umzuschalten verstehst…Dabei ist das nichts als Routine, man denkt ja nicht nur in eine Richtung, sondern in sehr viele Richtungen, manchmal fünf/sechs zugleich… und dann der Stolz des Vaters, daß sein Sechsjähriger bereits eine Freundin hat, verliebt ist in sie und sie in ihn und ist zwei Jahre älter und Mischling selbst mit der entsprechenden Schönheit… es ist mir völlig unvorstellbar geworden, wie jemand ohne Kinder sein kann und wie er zumal ohne Kinder mit Kunst beschäftigt sein kann: es formt diese Kunst, richtet sie aus, läßt sie nach vorne, weit nach vorn in die Zukunft greifen und an sie glauben. Vielleicht ist eigentlich das das Geschenk. „Wir haben ein Geheimnis“, sagt mein Junge mir vorhin, „aber wir dürfen es euch erst sagen, wenn wir erwachsen sind.“ Ganze Geschichten laufen nach diesem Satz in mir ab, Bilderfolgen, ja Filme… und jetzt steht das Essen auf dem Herd, der Bub erledigt Hausaufgaben, der Koriander ist gehackt… und nachdem dann das Kind zu Bett gebracht und bis zum Zufallen seiner Lider aus 1001 Nacht vorgelesen sein wird, geht es noch einmal an die Elegie… gerade, als ich hackte, kam mir der lösende Einfall: es abermals ernst zu nehmen mit der Biologie.

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