Das zwölfte Coronojournal. Am Donnerstag, den 2. April 2020. Darinnen ein paar Worte zur Geschichte der Dschungelblätter und ihrem Editorial.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]
Zu Aprilscherzen gab es in diesem Jahr offenbar wenig Anlaß, auch wenn ich hätte, daß tatsächlich, vor allem so schnell, die 5000 Euro Soforthilfe II auf meinem Konto waren, für so etwas halten können. — War’s nicht, das Geld ist konkret.
Zugleich wieder meine, so muß ich es nennen, Gewissensbisse. Denn auch das Geld vom Jobcenter war gekommen, daß ich da dann sogleich, wie → dort angekündigt, zurücküberwies, auch wenn mir einige Freunde –und → auch Leserinnen – rieten, es nicht zu tun, weil doch völlig Verschiedenes abgedeckt würde. Es so lässig zu halten, hätte mir aber der Gefühl gegeben, ein sozusagen Coronagewinnler zu sein. Ein widerlicher Gedanke. Entsprechend verfaßte ich dann auch eine Mail, in der ich dem Jobcenter die Rücküberweisung mitteilte, die Bankbestätigung als PDF mit angelegt, sowie, weiterer Hilfe einstweilen nicht zu bedürfen. Wie wir nun weiter verfahren würden? Es muß ja über die Hilfezeit nun abgerechnet werden.
Mit einer baldigen Antwort rechne ich nicht; die Reaktionen auf meine verschiedenen Schreiben haben eh meistens lange gebraucht, bis sie kamen, im Schnitt an die jeweils drei Wochen, und jetzt wird die Situation für Behörden noch sehr viel schwieriger sein. Die geradezu unmittelbare Überweisung der Soforthilfe II kommt mir eh wie ein Wunder vor, das ich nach wie vor fast nicht glauben kann, nur glauben halt auch nicht muß, sondern nur hinschauen und sehen.

Weiterhin nutze ich diese Tage, nun sind es schon zwei Wochen, denen, wovon ich überzeugt bin, noch viele weitere folgen werden, mit Nachdruck für DIE DSCHUNGEL. Den Béarts fehlt weiterhin mein hymnischer Atem. Ich muß ihren  Ton gegen die Realität quasi durchsetzen. Dabei kam gestern eine nicht nur beruhigende, sondern den Gedichtzyklus auch ehrende Nachricht des Verlags:

(…) diese Krise wird vorbeigehen, sodass ich selbstverständlich grundsätzlich an unserer Publikation festhalte. Es ist aber wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Du hast also noch etwas Zeit. Wie wäre es mit Abgabe Ende Mai? Das Wichtigste ist doch, dass die Textsammlung bestmöglich gerät und zuallererst Du damit durch bist. Alles weitere werden wir dann in Angriff nehmen. (Sobald ich einen Moment habe, schreibe ich auch Deiner Lektorin etc.) Also alles aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn das Konvolut ist großartig!

Ende Mai läßt mir in der Tat Luft.

_________________________________________________________
[… abgebrochen wegen Ärztinbesuchs und weiterer u. a. Wartetermine
sowie besorgungenhalber … Alles weitere deshalb morgen …]

Aber dieses doch noch:

Das gestern eingestellte, 1985 geschriebene und jetzt nachträglich → “Kampfansage” betitelte Editorial ist für meine auch poetische Arbeit von eminenter Bedeutung, sowie um zu erklären, weshalb mein Ruf in der Literaturszene so schlecht ist und blieb. Bezeichnend ist auch, daß die meist hohen Zugriffszahlen DER DSCHUNGEL bei solchen Texten schlagartig und signifikant in den Keller gehen, von gestern  auf heute ein Minus von derzeit (16.16 Uhr) 37 %. Das entspricht zu gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu zweihundert Aufrufen weniger und macht mich durchaus nervös, weil es zu nötigen scheint, meine Themenwahl allgemein, mithin “poppig” zu halten. Es ist tatsächlich nicht leicht, dem zu widerstehen.
Ich schrieb dieses Editorial und gründete somit die DSCHUNGELBLÄTTER, nachdem ich seit Erscheinen meines ersten Romans, 1983, auf das deutlichste mitbekommen hatte, wie “der Betrieb” funktioniert(e),— nämlich von irgendeinem anderen in keiner Weise verschieden. Seine Antriebskräfte waren –und sind’s nach wie vor – Eitelkeit, Pfründe, Corps”geist” und quasiMitgliedschaften in Meinungsmacht- sowie politischen Zirkeln, nicht etwa die tatsächliche, geschweige angestrebte Kunst. So naiv, oder idealistisch, war ich gewesen, mir in der Dichtung etwas zu erhoffen, das ich de facto niemals gehabt: eine Familie Gleichgesonnen- und gesinnter, kurz: Heimat. Ich war seit Kindheit ein Augestoßener gewesen, ein von erst auch Erzieherinnen, dann Lehrern unisono mit den Schul”kameraden” verlachte, und ziemlich verhöhnte Spinner, der im übrigen zu weich war, um sich zu wehren, wenn man ihn verprügelte. Alle zwei Tage bezog ich solche Prügel. Das Schlimmste war der Gruppensport, der gefürchtete und deshalb verhaßte Fußball voran, weil er den Mob aus den Kindern holte und hämischst grölen ließ. Nur in den Büchern, die ich las, aus den Musiken, die ich hörte, versprach sich etwas anderes. Hier waren Außenseiter nicht selten Helden. Dies hat gewiß meine Berufswahl zumindest mitbestimmt. Dann aber kam die Realität. Nur waren die Hörner, die sie mir zeigte, überdies noch banal.
Damals hielt unter den sogenannten Intellektuellen die noch sogenanntere Linke den Daumen auf das, was für gut galt, oder es waren Kulturreaktionäre wie Marcel Reich-Ranicki, dessen Hohelied heute nach gesungen wird, Jahre nach seinem Tod, anstelle zu begreifen, erstens wie widerlich er sein konnte (offenbar aber nicht im Privaten) und zweitens welch unheilvolle Rolle er damit für die moderne Dichtung spielte, unter anderem maßgeblich in der schlimmen Gruppe 47., die für Paul Celan nichts als bestialisches Gelächter übrig hatte. Und ich erinnere an Ingeborg Bachmann, die er schlimmer als nur mies beschied, was ihn aber nicht davon abhielt, sich direkt nach ihrem Tod zum Sprecher der Bachmann-Preis-Jury aufzuschwingen — ein fast beispiellos stilloser Akt, zu dem indessen die Literaturschickeria — meine Wissens komplett — schwieg. Mit solchen, ich sag mal, Infamien war er freilich nicht allein, er fiel nur ganz besonders auf, und so hackte die eine Krähe nicht in der anderen Augen.
Ich selbst allerdings, das wußte ich nach einigen Kritiken schon, wäre nicht einmal entfernt wie Frau Bachmanns immerhin genannt, wäre wie einige dem Betrieb unliebsame Kollegen schlichtweg verschwiegen worden; andere hatten Reich-Ranicki und Konsorten mit Fußtritten aus der Gegenwart getreten. Mich trat man gerade, damalige “Autoritäten” wie Ulrich Greiner, Wolfram Schütte, ein paar Jahre nachher auch Iris Radisch, gefolgt von Thomas Steinfeld. Alle sie halfen nicht der Dichtung, noch helfen sie ihr jetzt. Sondern sie kochen ihre Machtsuppen und füttern sich selber und nur sich damit. Dagegen war ein Pflock einzuschlagen, in einen Boden allerdings, meinte ich, der sechsundachtzig Jahre zuvor, und zwar über mehr als ein Viertelsäkulum, von Karl Kraus vorgepflügt worden war.  Selbstverständlich bezieht sich → darauf, daß ich mich den Herausgeber nenne, also namentlich im Text gar nicht auftrete, den ich deshalb auch nicht mit “ANH” signierte. Und selbstverständlich nahm ich Kraus’sens Stilmittel auf, vermittels deren er Kritiken seinerseits kritisierte. Ich werde hier in der Folge immer mal wieder ein Beispiel aus den DSCHUNGELBLÄTTERN einstellen und habe nun dafür eine eigene Rubrik angelegt.

Nun war das Wien des Fin de Siècle und der Secession aber nicht Frankfurt am Main, schon gar nicht der nachherigen Achtzigerjahre, und es wäre illusorische gewesen, meine zehnmal jährlich erscheinenden Heftchen an den Kiosk zu bringen, damit jeder hinrennt, um zu gucken, ob diesmal er genannt ist, oder sie. Außerdem, was in der Wiener Stadt gelang, weil sie eben ein ganz interner Stadtkosmos war, konnte in einem föderalistischen Deutschland kaum reüssieren. Auch das wußte ich. Der einzig gangbare Weg war deshalb das Abonnement. Tatsächlich ließ es die DSCHUNGELBLÄTTER fast fünf ganz Jahrgänge lang gut existieren, Ich gab sie erst auf, als ich in Italien lebte, wo mir die monatliche Schau der deutschen “literarischen” Szene schnell obsolet wurde.
Übrigens stand ich mit meinem Unternehmen durchaus nicht allein. Auch Uwe Nettelbeck gab ein Periodikum heraus, das sich der FACKEL verpflichtet hatte und mindestens so unbequem war wie das meine, allerdings in politischen, nicht ästhetischen Hinsichten. Selbstverständlich hatte ich es selbst abonniert und bewahre die Ausgaben bis heute:

Nun war der fünfzehn Jahre ältere Nettelbeck mit gegenüber deutlich im Vorteil, insofern er kein Noname wie ich war, heißt: Man fühlte sich gedrängt, auf seine höchst bösen Kommentare zumindest zu reagieren, hingegen die DSCHUNGELBLÄTTER genauso wenig in die Feuilletons kamen wie viele meiner Bücher. Was mich nun ganz besonders in Harnisch brachte — so sehr, daß ich, als ich nach MEEREs Erscheinen im Vollzug des Buchprozesses — der mir ein Sprechverbot auferlegen wollte — fast genau wieder dort anknüpfte, wo ich mit ihnen aufgehört hatte. Sie merken es, Freundin, leicht → am Ton, den ich 2003/2004 wieder anschlug, vierzehn Jahre später. Insofern gehören die DSCHUNGELBLÄTTER zu DER DSCHUNGEL.ANDERSWELT direkten Vorgeschichte:

Ihr ANH

 

Was solch ein Prozeß a u c h heißt.

Nun muß der Verlag Tausende Überkleber für Tausende Prospekte drucken, die für die anstehende Buchmesse schon fertig gewesen sind, in Tausende Prospekte müssen diese Überkleber eingeklebt werden, und aus abermals Tausenden Prospekten müssen Seiten herausgenommen und möglicherweise an den shredder verfüttert werden. Da muß Geschichte – wenn auch nur Literargeschichte -umgeschrieben und jeder werbende Hinweise auf ein Buch weggeschnitten werden, das doch längst umläuft. Das Ganze hat etwas Verzweifeltes, Hilfloses, und je hilfloser die Aktionen werden, desto teurer sind sie auch. Mit wird ganz schwindlig davon, wenn ich mir vorstelle, was auf den Gegner dieses Romans zukommt, sollte er den anstehenden Prozeß verlieren. So etwas halten Firmen aus, Privatpersonen sicher nicht. Die zerbrechen möglicherweise, ganze Zukünfte knicken plötzlich zusammen. Allein das Prozeßkostenrisiko bei einem Waffengang über zwei Instanzen liegt hier bei 25000 Euro, von den Schadensersatzforderungen aus den Folgekosten ganz abgesehen. Und MEERE wird all dem zum Trotz wie ein immerpräsentes Vakuum sein, eine ständig leere Stelle, von der alle Welt spricht, und alle Welt zerreißt sich das Maul und spekuliert wild herum. Was hat dieser Gegner meines Buches davon? Und, Leute, laßt diese Fragen, wer denn der Gegner s e i, endlich ruhen! Die Wähnungen sind doch viel schlimmer als alles, was etwaig in dem Buch

Und dann die Nachfragen nach Interviews, Portraits… dieser ganze miese Rummel. Es ist ein Le/e/hstück der public relations: Die furchtbar hohle Schale des Betriebs, zu dem MEERE doch vollständig quersteht – schon ANDERSWELT, schon der WOLPERTINGER – hat quergestanden dazu, wirft sich auf den vermeintlichen Skandal. Als ginge es nicht um den T e x t, um die Dichtung, als ginge es nicht um leitmotivische Verknüpfung in Sprache, um semantische Höfe, Schönheiten eines Satzklangs, Kartharsis, Erkenntnis. All das spielt nun überhaupt keine Rolle, nur hier und da in einem der Zeitungsartikel leuchtet mal etwas in diesem Sinn Hoffnungsvolles auf. Und die Frage von Wahrheit & Dichtung… ja, wenn es denn d arum gehen soll, gerne, bitte, ich streite da mit… aber personalisiert das nicht, behaltet im Auge, daß es immer auch um etwas anderes – Menschliches – geht. Es gibt Reaktionen, die aus dem Affekt geschehen… man darf Affekte nicht prolongieren, sondern sieht mit Stil darüber hinweg, betreibt Schadensbegrenzung und – vergißt sie.

Wahrheit & Dichtung indes? Ja. Das ja. Die juristische und die poetische Sprache verstehen sich nicht, sie brauchen Übersetzer. D e shalb ja. Ansonsten wäre das ganze Problem eines des 19. Jahrhunderts, ästhetisch gesehen. In Auseinandersetzungen wie diesen stellt sich die Illusion des autonomen, privaten Ichs gegen die Realität der kybernetischen, in seine funktionalen Einzelteile immer weiter zerlegten Subjekts. Ich meine, die Leute pinkeln doch längst öffentlich bei Big Brother… Privatheit muß gänzlich anders definiert werden, als es die normative, dem 19. Jahrhundert verpflichtete Vorstellung des gegenwärtigen Rechtsdenkens bislang tut. D arüber wäre zu diskutieren, ein Blick in die (privaten) Videosysteme des Internets zeigt sofort, wie brennend gefordert Klarheit darüber ist. Literatur hat hieran spätestens seit der Moderne laboriert. Jetzt kommt sie zu sich und zur Welt; sie wird – mit ein paar anderen Künsten – virulent.

ANDERSWELT. Ein poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

 

[Arbeitswohnung, 13.10 Uhr]

Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst → meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.
Ich rede mir seit Jahren den Mund deshalb fusslig, der Literarbetriebler hört kaum zu und erwartet – vorgeblichen, logisch, aber er hält ihn für das – „Realismus“. Da holt sich – wenn Ralf Berhorst in der Süddeutschen schreibt, die einstweilige Verfügung kassiere die Grenze zwischen Literatur und Leben – mit einem Mal „Leben“ einen Anteil „Literatur“, den es ja sowieso schon hat, und zwar auch und gerade im Fantastischen. D a s ist das bedenkenswert Bedenkliche. Im Grunde muß es jetzt auch darum gehen, → dieses Verfahren mitzuschreiben und zu poetisieren. Kühlen Herzens sein, wo es doch jagt.

Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, hier kommen Einfälle um Einfälle, und ich muß sehr genau gucken, da man doch einen Strick schon dreht, den man mir um den Hals legen will. Bei aller Provokation, so kannte ich das bisher noch nicht.
Einwand des Freundes vorhin: Ich hätte das mit Rauschenbach nicht schreiben sollen, das sei doch Selbstbespiegelung. Nun ja. Aber weshalb soll ich einen Impuls von Stolz unterdrücken, wenn ich ihn habe? Weil es sich gehört, bescheiden zu sein? Wer hat das den Leuten eingehämmert und warum? Nervig wird solche Freude doch nur, wenn einer sie dauernd erzählt. Mal abgesehen davon, daß im Moment von „Freude“ eh keine Rede sein kann; ich hätte wirklich alles andere lieber als diese Schlammschlachten, die sich etwa da bereits andeuten, wo von den „pornographischen Stellen“ in → MEERE die Rede ist. Ihre literarische Funktion ist doch klar, die → SM-Fantasien werden von mir erzählt, weil ich sie und ihre Realisierungen, die ja tägliche Mode geworden sind, in den Zusammenhang mit der kybernetischen Entkörperung von Welt stelle: „Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was dem Subjekt widerfuhr: Tattoo, Branding, Piercing, Body Art und der Einzug des Sadomasochismus in den Chic sind letzte aufbegehrende, perverse Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.“ Das formulierte ich bereits in meinem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“ (Schreibheft 56). In einem Roman, der die Geschichte einer zugleich tiefen Liebe wie exponentiell verlaufenden Obsession und ihrer Explosion erzählt, kann ich das gar nicht ausklammern, sofern ich nicht völlig neben der Zeit schreiben will, in der ich lebe. Es gab ja schon ganz die gleiche Dynamik in → THETIS: Dieses Buch mußte den Völkermord auf dem Balkan mitprotokollieren und poetisch in Bewegung setzen. Es wäre sonst ein rein-distanziertes, ja: germanistisches, akademistisches Buch – also Gelaber – geworden. Daß man mir hinterher die vielen geschilderten Grausamkeiten vorwarf, wunderte mich zwar nicht, machte die Notwendigkeit aber sogar noch im Nachhinein zwingend.

So, jetzt muß ich mir Ekelhaftes tun, wegen dieser MEERE-Sache. Was ich hier notiere, kann vielleicht wirklich einmal → eine Poetik werden. Ich schreibe (fabulierte) jetzt lieber weiter.

[Poetologie]

 

Beobachtung, Wähnung.

 

Meine Bücher wurden bislang eher von Männern als von Frauen gelesen, was u. a. mit meiner Themen-, bzw. Ideenwelt zusammenhing und -hängt, die mich beschäftigen: Kybernetische Modell, die Auswirkungen technischer Innovationen auf die (auch poetische) Anthropologie; inwieweit und wohin verändern sich Geist und Empfindungsvermögen. Zugleich wandte ich mich nach den mythologischen Studien zum WOLPERTINGER, der ja auch bereits den kybernetischen Boden sondierte, entschieden der Fantastischen Literatur zu. Die bisherigen beiden ANDERSWELT-Bücher flirten mit der Science Fiction, auch wenn sie in der Grunderzählung im gegenwärtigen Berlin geerdet sind. Doch da der signifikante Teil der Belletristik-Leser aus Frauen besteht, kostet so etwas Umsatz. Offenbar gibt es sehr viel mehr Frauen als Männer, die sich an der sogenannt normalen Realität orientieren und diese Orientierung in ihrer Lektüre bestätigt wissen möchten. Mit „Realität“ ist die alltägliche Umwelt gemeint, insoweit man sie sieht und versteht. Überlegungen, welche Implikationen die Funktionsweise eines Mobiltelefons außer in seiner direkten praktischen Bedeutung für Gesellschaften, ja Menschenbilder hat, reißen aus diesem Realitätsbild schon aus. Und die von mir immer wieder geschilderte Frage, was mit den Körpern geschehe, wenn sich die Welt in unter den glatten Oberflächen unsichtbar wirkende Prozesse auflöse, sozusagen pointilliere, scheint insbesondere Frauen nicht angenehm zu sein; vielleicht deshalb, weil ihr Körper allein durch die Menses mit „ursprünglichen“ Naturzusammenhängen enger verbunden ist als der männliche. Da muß es logischerweise schmerzen, wenn jemand ein Ende der Körper – so wie wir sie kennen – zu sehen meint und das künstlerisch darstellt, und zwar auch dann, wenn er es nicht etwa will (anders als seit spätestens Aristoteles das ganze Patriarchat), sondern Körperlichkeit radikal dagegenhält:

Interessant ist deshalb die Reaktion auf die sogenannten pornografischen Stellen, die ja das Paradigma von Körperlichkeit sind. Und zwar ist weniger interessant, daß man sie abwehrt, sondern daß sie von Frauen nicht empfunden werden, ja sie sogar – wie Julia Encke schrieb – kaltlassen. Auffällig, wie oft ich das jetzt gehört habe, und zwar eben nicht von Männern, die ganz anders, die eher hingerissen reagieren (es sei denn, sie schreiben in den Feuilletons darüber). Das erste Mal hörte ich es von einer Regisseurin, die einen kleinen Fernsehbeitrag mit mir drehte: „Ich war erschrocken, fast abgestoßen, weil Sie so genau hingeschaut haben. Ja, so sieht man dann aus. Aber wer möchte das wissen?“ Und gestern die kluge Su, der ich von Enckes Artikel erzählte und daß sie über den ersten etwas deftigeren Satz geradezu hinweggelesen habe; dermaßen wenig habe er sie berührt. Su sofort: „Ja, das ging mir auch so.“ Ich war durchaus ein wenig konsterniert, wir diskutierten.

Kann es sein, daß es tatsächlich so etwas wie ein männliches Schreiben gibt? Seit diesem Prozeß denke ich unablässig unter anderem darüber nach. Zu erklären wäre es vielleicht nach wie vor durch die Sozialisation, aber auch durch die von Paglia attestierte „letzte Verborgenheit“, die ich schon in einem früheren Weblogbuch-Eintrag zitierte. Dann handelte es sich nicht um eine Charaktereigenschaft, die anerzogen wurde, sondern um etwas zumindest mitwirken Genetisches. Gegen diesen Gedanken stehen sicher Frauen wie Anaïs Nin oder Catherine Millet. Aber stimmt das denn, dieses „sicher“? Sind vielleicht auch deren Texte freilich hochsublimierte Akte der Verstellung?

Jedenfalls wirft diese Überlegung auf zumindest eines der Motive, die hinter diesem Prozeß wirken, ein völlig anderes Licht; man könnte dann fast sagen, er werde – unter anderem – aufgrund einer paradigmatischen Geschlechterdifferenz geführt und diese selber werde verhandelt. Da spielt vorgebliche Wiedererkennbarkeit – also Fabel und Charaktere des Romans – gar keine Rolle, jedenfalls nicht anders, als wiederum die Pornografie-Debatten berührt ist. Freilich: anders berührt, gleichsam seelisch und eben nicht normativ. Der juristische Weg wird, wie immer der endliche Entscheid ausfallen mag, nichts zur Lösung beitragen können, sondern sie eher als genau dadurch scharfbleibendes, anthropologisches Nitroglycerin im Tabu festzementieren.

Erste Instanz

In der ersten Instanz des → einstweiligen Verfügungs-Verfahren wurde gestern die einstweilige Verfügung von der Kammer (derselben, die die e. V. erließ) bestätigt. Das ist insofern schade, als der Gegner auch keinen Vergleich, der unterbreitet wurde, annahm.

Ich bin noch den gestern angekündigten Text schuldig. Sorry, aber ich arbeite dran. Er wird gegen Nachmittag, vielleicht auch schon früher, im Netz stehen.

Es sind dieselben Leute! (Aus dem freecity-Alblog, 2003).

Ich äußere mich zu Wolfram Schütte und Ulrich Greiner im Lauf dieses Tages, der eine erste Entscheidung bringen wird. Momentan ist keine Zeit, einen Eintrag stilvoll und mit dem nötigen Witz zu Diskette zu bringen. Aber ich hole das später nach, denn einiges fällt mir sogar schon spontan ein. Nur dies vorab: Es ist ausgesprochen bezeichnend, daß sich die Genannten auf die vorgebliche Intimitätsverletzung stürzen, als wüßten ausgerechnet sie, was das sei: „Intimität“, und zwar schon gar literarisch; und daß es ihnen dabei zu gelingen scheint, die politische Atmosphäre, die Deutschland in den Siebzigern prägte und die ich beschreibe, in den Medien und den Köpfen gänzlich vergessen zu machen. Sie haben allen Grund dazu. Denn sie haben das Milieu maßgeblich mitbestimmt. – Nein, genug für jetzt. Heute nachmittag oder heute abend mehr.

Heller Muth, ein Kinderbuch.

Nun also auch er. Man konnte ja sowieso damit rechnen, daß er als selbsternannter Oblong Fitz Oblong, sich zum Schutz der Frauen erigierend – also stauchend -, in die Arena der Feuilletons einreiten würde, um, wie eben ein Freund am Telefon formulierte, „seine kleine Lanze anzulegen“. Und zum Schutze einer Person, die ihre intime Persönlichkeit angeblich vor dem Öffentlichen bewahrt wissen möchte, gibt er sie, jedenfalls indirekt, eben dieser Öffentlichkeit preis. So handeln Kavaliere, deren Stoffwechselapparat zu sehr viel schwitzt.

Interessant indes, wie dieser Kavalier unbewußt seine Sexualangst gestaltet. Aus der durchglühten Beschreibung von Lust eine „Fremdverletzung“ herauszuinterpretieren, kann nur einem gelingen wollen, der mit der Lust Probleme hat und immer noch meint, es hänge am organisch-Anatomischen in irgend einer Weise Schmutz. Was Oblong in seinem Artikel offenbart, ist die kleinbürgerliche Angst vor der obsessiven Erotik, die immer auch eine Angst vor Vergleichen ist. Nein, der kleine dicke Ritter Robert Bolts reicht an die Frauen, die er verteidigt, nicht heran. Körperlich nicht. Von seinem Intellekt zu handeln, widerstrebt mir, weil ich kein Erbsenzähler bin.

Schlimm ist nur, daß er nicht lesen, also auch nicht fühlen kann.

%d Bloggern gefällt das: