Das erste covidpositive Arbeitsjournal, nämlich des Mittwochs, den 24. August 2022. Quarantänetage 1 auf 2.

[Arbeitswohnung, 7.46 Uhr]
Nicht ganz heraus, ob heute schon der zweite oder bereits sogar dritte Coronatag ist; in  jedem Fall ist es der zweite registrierte. Wobei ich auf das Ergebnis des PCR-Nachtests noch warte. Doch wie es sich gestern gegen Spätabend und dann die Nacht durch entwickelte, läßt eigentlich keinen Zweifel zu. Interessant dazu die Träume, die meine Symptome interpretierten, indem sie sie ganz offenbar mit Tom Cruises “Maverick” kombinierten, einen Film, den ich gestern nacht online zur Ablenkung sah. Und weil ich die leisen Thoraxschmerzen zunehmen fühte, hing ich noch einen weiteren Film dran, den ich aber nicht “schaffte”, sondern zwischendurch sackte mir oft der Kopf auf die Brust; insgesamt vier Flaschen alkoholfreien Bieres, Wein durfte ich nicht mehr, rauchen nun erst recht nicht — obwohl ich erst regelrecht aufbegehrte, als लक्ष्मी es mir dringend anriet. Später sah ich’s ein, aber bin jetzt nicht wegen Covid in Panik, der Virus läßt mich völlig ruhig, sondern weil ich in Sorge gerate, nicht an den Triestbriefen weiterschreiben zu können und ihre Erste Fassung abzuschließen. Daß ich ohne zu rauchen nicht schreiben konnte, war ja der Grund, daß ich vor zwei Jahren, also nach der erfolgreichen Krebs-OP, mit dem Rauchen wieder angefangen hatte. Jedenfalls gerieten wir fast in Streit, weil ich so unwirsch reagierte (was meine leichte Sorge nicht besser machte, daß dieses Virus’ wegen auch meine Triest-Recherchereise gefährdet sein könne; falls sie ausfallen müßte, wäre nicht nur viel Geld, das ich eigentlich gar nicht habe, zum Fenster hinausgeworfen worden, sondern ich könnte den Roman auch nicht mehr abschließen, wie geplant, weil ich für die Briefe den Sommer, meinetwegen Frühherbst oder aber Frühling auf dem Karst sehen muß). “Ich sag dazu nichts mehr”, ließ sie, लक्ष्मी, mich in Whatsapp noch wissen, doch stellte später – und ging wieder, ohne zu klingeln – in einer verstärkten Papiertüte alkoholfreies Bier, Brot, Tomaten, Cracker, eine Zucchini vor meine Tür, sowie eine Blüte darin, die jetzt auf meinem Schreibtisch steht:

 

 

Allerdings werde ich, um die Familie nicht zu belasten – zumal ich bei Reizthemen, siehe “rauchen”, derart irrational-grantig reagieren kann –, die weiteren Besorgungen über → flink erledigen lassen; a u c h ein Tip von लक्ष्मी.

*

Nun  gut, die Nacht. Der Thoraxschmerz nahm leise zu; deutlich die Lunge. Da ich bereits eine ziemlich schwere Lungenentzündung hinter mir habe (Meine Güte, nicht einmal zu duschen, ohne in harte Atemnot zu geraten, gelang mir damals mehr!), kenne ich die Anzeichen gut; sowas vergißt man nicht. Also mich darauf konzentrieren, das Bild ins Auge nehmen, nicht weggucken, sondern den Gegner anvisieren. Anders als der Krebs kommt dies nicht von innen, gehört also nicht zu mir selbst, sondern ist tatsächlich Versuch eines hostile takeovers. Wie es Putin in der Ukraine versucht. Also integriere ich nicht. Schon erneute Husterei, aber spürbar abhustend, also lösend. Vor meine Augen trat ein Bild. Die Lunge, schematisch aufgeteilt in Segmente, die aber pulsten, ganz rechts oben auf dem Blatt (!) (oder Röntgenbild? ja, das wohl eher) eine kleine Zahl, die ich jetzt nicht mehr weiß. Doch nachts hielt ich sie wie mich selbst bereit, hätte mich auch weigern und den Dienst quittieren können, doch wollte den Kameradinnen und Kameraden helfen. Vor mir jemand war für die nicht mehr zu Rettenden da. Würde seine Zahl aufgerufen werden, was einen dieser in den Tod gab, müßt ich sofort die meine rufen – unbedingt sofort! –, denn der minimale zeitliche Zwischenraum erlaubte es, wär ich nur schnell genug, eine andere oder einen andern zu retten. Und durfte dann selbst hinten wieder anstehn. (Bei diesem Spiel ist nie heraus, ob die Retter danach zu den zu Rettenden oder denen gehören werden, deren Schicksal längst besiegelt. Genau das ist das Risiko, das wir, wenn wir uns drauf einlassen, nehmen. Und ich, auf sowas, lasse mich immer ein.
Der surreale Traum währte die gesamte Nacht durch; wenn ich zwischendrin erwachte, was einzweimal vorkam, war ich erleichtert, weil ich für die angegriffene Lunge eine so praktische Erklärung hatte, die zumal meiner ohnedies so lange schon — bis zu Liligeia jedenfalls – auf Kampf ausgerichteten Lebenshaltung entspricht; der Schmerz war recht gut auszuhalten, wenn auch nicht, klar, angenehm. Das eine und andere Husten zwischendurch nahm ihn sogar für Sekunden weg. Außerdem, es kam kein Fieber, nicht die Spur.

Den Wecker hatte ich bewußt nicht gestellt, als ich um eins ins Bett. Um 5.45 wachte ich erstmals auf, wollte aber noch nicht hoch, lauschte auf den Thorax, hm, mein Einsatz ist noch nicht beendet. Also schlafe besser noch etwas. Um 6.20 erneut wachgeworden, na gut, wenn der Körper es will. — Latte macchiato, Orangen auspressen, an den Schreibtisch, Kopf völlig klar, nach wie vor, auch diese Schummerigkeit von gestern ist weg, nicht die Spur Fieber, nur der leichte Thoraxschmerz, immer wieder das Bild meiner Lunge mit rechts oben der kleinen Zahl, die ich rechtzeitig ins Weltall hineinrufen muß … und da erst, hier am Schreibtisch, wurde mir klar, welche eine phantastische Mystifikation dies alles war, nun gewesen war. Seitdem, es ist wirklich spannend, gehen die Thoraxschmerzen zurück und  zurück, sind schon fast nicht mehr zu spüren. Auch Husten muß ich kaum noch. Wobei es ganz sicher noch viel, viel zu früh ist, von einer Heilung zu sprechen. Doch meine Selbstheilungskräfte scheinen enorm zu funktionieren. Außerdem ist das PCR-Ergebnis noch nicht da.

Ich werde auf jeden Fall an Triest weiterzuschreiben versuchen und bin mir mit einem Mal fast sicher, daß es auch klappt, trotz meiner mir fehlenden Tabakspfeifen. Aber gut, heute morgen war meine Klugheit recht gediehen, und je länger der letzte Zug zurückliegt, desto weniger schwer ist es, auch auf einen nächsten zu verzichten. Ich darf mich nur nicht drauf konzentrieren, damit’s mich nicht von der Arbeit abhält. Die jetzt “einfach” fortsetzen, als hätt’s einen Bruch nie gegeben. “In Sachen” Covid19 kann ich grad eh nichts tun, als den Eingang des PCR-Nachtests abzuwarten. Danach dann Kontakt zur Ärztin usw. usf.
Nur werde ich mich, ist dieses Journal denn eingestellt, erst einmal für noch eine Stunde hinlegen und so über den Tag immer mal wieder. Nachschub für die Verteidigungskräfte.

Ihr, Freundin,

ANH

Das Covid19-Jetzthatesendlichauchmichmalerwischt-Journal des Dienstags, den 23. August 2022. Am Schluß noch ein Tattoo.

[Arbeitswohnung, 15.50 Uhr] “Ein  gutes Pferd springt knapp.”

Zumindest der Vormittag verlief geradezu restlos anders geplant. Zwar, liebste Freundin, kam ich schon ein wenig an den siebenunddreißigsten Brief, aber dann war etwas abzuholen, was ich bereits am Freitag hätte tun sollen. Und weil ich seit gestern, schon während der Rückfahrt im Flixtrain, ein mit leichtem Reizhusten verbundenes dauerndes Kribbeln im Hals gespürt hatte, was ich erst einmal auf sehr wahrscheinlich zuviel Raucherei während der Kasseler Gespräche zurückführte, und außerdem meine Nase lief – Wasser bloß, wie pures Wasser –, doch gestern abend bereits mich mein Instinkt, auf den eigentlich immer Verlaß ist, wissen ließ, hier sei vielleicht doch etwas nicht recht in der Ordnung — und nachdem heute morgen dieser Reizhusten fast zwar vorüber, doch mir nach einem, im Schlaf, extrem wüsten Traum seltsam schummerig blieb und ich überdies das Gefühl hatte, mein Atmen sei leicht eingeschränkt — setzte ich mich aufs Rad und fuhr zum Antigen-Test, imgrunde aber unbesorgt. Es war etwas früher als sonst, daß ich fürs Phosüppchen weiterfuhr, eines auch bestellte und, als ich den Inhalt des etwa halben Schälchens verzehrt, das Testergebnis im iPhone erhielt. Voilà:

 

 

 

 

Erstmal zurück in die Wohnung, was ich abholen wollte, jetzt noch abzuholen, hätte die  Verkäuferinnen gefährdet. Hm, hatte ich genügend eingekauft gestern? Zu Penny kann ich erst auch nicht mehr. Überhaupt, wie mich verhalten? Quarantäne ist klar. Aber PCR-Text? — Sofort लक्ष्मी angerufen, die sich auskennt; sie nahm mal wieder nicht ab. Ihr eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Dann meinen Sohn angerufen, der das Procedere schon durchgemacht hat. Nahm ebenfalls nicht ab. Gut, also nochmal Ricarda, die auch genügend Erfahrungen hat. Denn die Praxis meine Hausärztin hatte nur bis 12 Uhr geöffnet und öffnet erst wieder morgen früh um acht. Sie, Ricarda, half auch sofort. Der mir geschickte Link sah eindeutig vor, es habe möglichst unmittelbar ein PCR-Schnelltest zu folgen; es gibt auch eine Liste anerkannter Teststellen. Davon hatten die meisten geschlossen … doch halt, nahbei, gleich bei der Kulturbrauerei, Knaackstraße 86. – Und wieder aufs Rad.
War komplett unkompliziert; wegen meines Attests, zum Vulnerablenkreis zu gehören, kostete es auch nichts. Rachen- und Hinternasenabstrich, der, letztrer, mir eigenartigerweise sehr viel weniger unangenenehm vorkam als die ewige Kitzelei durch die Antigentests und als ich, vor allem, in der Erinnerung hatte. Schon interessant, wie sich die Wahrnehmung verschiebt. Und sowieso, insgesamt bin ich ganz einverstanden. Es wär doch komplett irre, wenn einer wie ich, der alles einmal erlebt haben will, nun ausgerechnet unter Corona unberührt durchgleiten würde. Ich will aus diesem Leben doch nicht “unschuldig” gehen, bin ich denn ein Kind? Und klar, wer derart motzt, der kriegt es halt auch ab. Bezeichnend wiederum, daß es mich dann erwischt, wenn die Inzidenzen schrumpfen, grad mal 173,2 heute früh in Berlin. Ich fahr mal wieder ‘ne Sondernummer; meine Pop- und Mainstreamallergie bestimmt sogar mein Krankheitsleben.
Nein, ich bin nicht mal nervös, hätt nur nicht gerne ‘ne Lungenentzündung. Eine Erfahrung reicht, die muß ich nicht konfirmieren. Das einzige, was mich, aber nicht wirklich sehr, bedenklich stimmt, ist, daß es bis zu meiner Reise nach Triest fast exakt vierzehn Tage hin sind – also eben die Zeitspanne, nach der man erst als genesen gilt. Sofern ich mich kann vorher nicht freitesten lassen. (Exakt sind es bis zur gebuchten Abfahrt nur dreizehneinhalb; aber da würde ich mich ein Auge zudrücken lassen). Und etwas ärgerlich ist, daß ich mir den in Triest reservierten 125er Piaggioroller hier schon mal mieten wollte, um mit dem Geschößlein (95 km/h in der Spitze) vertraut zu sein, wenn es in den Karst geht. Ob das nun noch klappt? Nun jà, meine Freundin, das heutige Motto lasen Sie oben; lesen Sie’s einfach noch einmal. Und dieser Woche, überdies, wollte ich das Tattoo endlich angehn, das meinen Chemo-Bioport[1]Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen … Continue reading , den ich nicht habe wieder rausnehmen lassen, graphisch geradezu – wie ich mir vorstelle – pflanzlich mit meinem Brustkorb verwachsen lassen soll, ganz so, wie sich die Dschungel ein verlassenes Dorf zurückholt. So nun indessen wird es wohl erstmal bei meinem Probeversuch mit diesem Klebetattoo bleiben:

 

 

 

(Ich habe es aus zwei Klebtattoos kombiniert, weil mir nur eines zu symmetrisch gewesen wäre; Grundlage ist eine linksläufige Triskele, die ich allerdings gerne erstens noch sehr viel pflanzlicher hätte und zweitens selbstverständlich in Grün, nicht schwarz. Erstaunlich allerdings, daß die vermittels Wasser applizierte Farbe bereits seit fast fünf Tagen hält, ohne daß auch nur die Spur eines Erblassens zu erkennen wäre.)

Ihr ANH

References

References
1 Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen verhärten zu lassen.
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