In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsiebenundneunzigster bis zweihundertzweiter Tag.
Vierte Serie, achter Tag:
Das bleibende Thier

|| Achte Bamberger Elegie ||

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

“Ich löse mich in tönen · kreisend · webend”: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht “auf der richtigen Seite steht”, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen “erzogen” werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen “Moral” während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem “weißen”, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als “eitel”); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, “Krankheit” als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. “Aqaba!” ruft er, “!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit “Hindernis” übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

Béarmelia, 6: Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 11. Januar 2019.

[Casa di Schulze, Kaminraum, ore 9.47]
An sich hätte ich mit einem ziemlich guten Grundgefühl morgen zurückreisen können. Doch ist es jetzt, ich sag mal, beschlagen. Zum einen schweigt die → “neue Madonna” nun; rückschauend wäre von einem emotionalen Feuer im Wasserglas zu sprechen, hätte mich nicht dieses Aufwallen einer einzigen Nacht wirklich in Béart XXIX hineinkatapultiert, nur daß die Strahlkraft nicht anhielt, sondern dieser Stern – in der Sprache des von mir heute früh entdeckten → Physikblogs gesprochen, auf den mich → dort der archäologische führte – kollabierte allzu schnell (wiewohl ich vorsichtig noch zweimal, und aus anderer Perspektive, zu schüren versuchte), was wiederum dazu führte, daß ich nun “rational” wurde und meine Zeit, jedenfalls zum Teil, damit füllte, mich auf kunsthistorische Fährten der “erotischen Madonna” zu begeben: Vergleiche der Pietà mit ihren möglichen Herkünften aus Aphrodite/Adonis und Demeter/Kore etwa, ihren Verwandtschaften in der Abfolge des Jahreslaufes usw., aber auch mit Spekulationen zur “Braut Christi” — Dante: “Vergine Madre, figlia del tuo figlio” (!) —, die eben nicht nur künftige Gattin, sondern zugleich Mutter des Bräutigams ist. (Ich fände gern einen religiösen, doch deutlich fleischlichen Kopulationsakt, der derart explosiv ist, daß die transzendente Strahlung – unsere Ekstase also – ein für allemal den skandalösen Begriff der Erbschuld mitsamt ihren vermeintlichen Gründen komplett in die Luft jagt und als Energie verschießt, die zwar, physikalischerseits, nicht “verloren gehen”, aber doch in anderer, uns geneigterer, sich eben nicht als uns niederdrückende Macht verdinglichter Weise zurück-, bzw. voranwirkt. Eine solche Darstellung müßte uns blenden, nicht nur erotisch anziehen. Wir würden uns darin quasi auflösen, so, wie die sexuelle Ekstase uns begeisternd enticht. Sämtliche Kategorien stürzten zusammen. Doch wurde ich bislang nicht fündig.)
So bin ich mit dem nächsten Béartgedicht grad mal eben eine Seite weitergekommen; davon, daß ich hier in Umbrien den gesamten Zyklus “zuende” bringe – der Vorsatz, für den ich aufgebrochen war –, kann nicht entfernt mehr die Rede sein.
Zum zweiten bin ich aber auch mit der → Nabokovserie nicht wirklich weitergekommen; jetzt sogar schon, gelesen, zwei Bücher voraus: Der zweite Band der Erzählungen muß noch besprochen werden und “Die Gabe”, von der ich zwar schon erzählt, insgesamt, als Roman eben, auch. Doch spätestens morgen werde ich bereits Nabokovs nächsten Roman, seinen ersten, zu lesen beginnen. Damit ist absehbar, daß meine Texte in noch weiterem Abstand hinter der Vorgabe einherhinken werden.
Zum dritten aber, und das brachte mich nun endgültig aus meinen Konzepten, hat die NZZ meinen für sie geschriebenen Artikel gestern abgelehnt. Erst nahm ich es gelassen, dann wurde mir die Tragweite der Ablehnung bewußter und leider n o c h bewußter, und und mehr, schließlich ward’s ein Studel, bis ich schließlich vor einer Mauer der Vergeblichkeit stand, die, also jene, abzustützen (damit sie nicht ein-  und auf mich draufstürzte) mich doch ziemlich viel Kraft der Selbstbeherrschung gekostet hat. Ich komme mir grad vor, als hätte ich stundenlang, und zwar nach langer Pause, trainiert.
Selbstverständlich reagierte ich und schrieb zurück – der Redakteur hat seine Entscheidung durchaus begründet, mir weiterhin gewogen und auch so, daß ich sie nachvollziehen konnte und kann, ohne allerdings den Argumenten recht zu geben; ich halte sie im Gegenteil für politisch genauso heikel, wie aus seiner, bzw. der Zeitung Sicht mein Text heikel ist, nur halt in anderer Richtung. Es geht eben darum, das Heikle zu benennen und also heikel auch zu sein. Nur dann, allenfalls, ließe sich noch etwas drehen. Du hast keine Chance, aber nutze sie läßt sich in diesem Fall nicht im Alleingang unternehmen, schon gar nicht, insofern meine poetische Innenlogik ein “also” aus dem “aber” macht.
Spontan wollte ich den Artikel nun in Die Dschungel nehmen, der anderswo fast nicht mehr denkbar ist. Dann fiel mir erstens doch noch eine zweite Adresse ein, und ich schickte ihn hin; zweitens hätte ich aber gerne, wenn er in Die Dschungel kommt, auch das Ablehnungsschreiben darunter mit drin, und da ich meinerseits dem Redakteur gewogen, fragte ich ihn, ob er’s erlaubt. Noch hab ich keine Antwort. — Wie auch immer, die Veröffentlichung in der NZZ wäre eine (Sie können, Freundin sagen:) i r r e Chance gewesen, sowohl für mich selbst — (dem weitere Mitarbeit dort von nun an verschlossen bleiben wird, höchstwahrscheinlicherweise; ich selbst, von mir aus, werde schon aus Stolz nichts mehr anbieten können – denn es ist ja das zweite “Nein”, das ich einfuhr; jeder dritte Versuch wirkte wie eine Bettelei) — als auch, was wichtiger, v i e l wichtiger ist, für die “Sache” selbst.

So werde ich also morgen wieder ziemlich gerupft nach Berlin zurückfliegen, gegen frühen Nachmittag in der Arbeitswohnung eintrudeln und ziemlich sicher einen noch ziemlicheren Postberg dort finden, der dringend “abgearbeitet” werden muß, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. Mir hätte, liebste Freundin, die Erhitzung ziemlich gut getan, mich glühend, wie gesagt wird, beseelt, die in dieser Mittwochnacht vierfünf Stunden lang von mir solch rauschhaften Besitz nahm; ich war durchaus bereit, mich verbrennen zu lassen — ardet et floret! —, und bin es n o c h. Nun aber glost dieser Stern nicht einmal mehr; die Blicke zum Himmel verliern sich im Nichts.

ANH

Immerhin eine weitere Fundstelle für die Béarts, im Koran. Auf sie will ich aber gesondert eingehen, vielleicht auch einzwei Verse übernehmen, nur daß ich mit dem Gedanken spiele, die deutsche Übersetzung in eigene Worte, eigenen Rhythmus zu fassen. Deshalb, noch, hier etwas Vorsicht. (Am besten läse sie mir jemand vor, auf Farsi oder Arabisch, damit ich den Klang des Originals verspüre.)

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