Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Nach Wien! Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. Juli 2022. Mit Sommers Hitzewellenchaos bei der DB.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr]
Chaos offenbar bei der Bahn. An sich habe ich einen Supersparpreiszug gebucht, der heute erst um 22.19 Uhr ab Gesundbrunnen geht und aber einige kleine Tortur bedeuten dürfte, da er bis Wien an die dreizehn Stunden braucht; Flüge waren unerschwinglich und sowieso die meisten Züge als hochfrequentiert bezeichnet. Jetzt gab es aber folgende Meldung vorhin:

So daß ich dachte, in Ordnung, dann nehme ich vielleicht doch einen Tageszug, der dann spätabends/frühnachts ankommen werde – praktisch, weil ich die Zeit ohnedies dafür verwenden will, das Triesttyposkript weiter auf Papier durchzusehen (bis S. 100 kam ich gestern; das ist auch schon ausgedruckt). Nur, als ich nach möglichen Zügen schaue, bekomme ich immer nur das:

Nachdem ich’s einige Male erneut versucht hatte, immer mit diesem Ergebnis, schaute ich bei Netzwelt nach. Und voilà:


Diese Störungen betreffen logischerweise auch den DB-Navigator. Wahrscheinlich bricht bei der Bahn gerade alles unter dem Ansturm anderer wie ich zusammen, die alle nach Alternativen zu ihren gebuchgten Zügen suchen, bzw. suchen nur wollen.
Ich werde jetzt einfach früher packen, als ich vorgehabt hatte, und immer mal wieder nachsehen, ob’s wieder funzt, und wenn ja dann spontan das Haus verlassen, um den Wahlzug zu nehmen. Deshalb wird dieser Tag wahrscheinlich etwas konfus geraten, da eine präzise Konzentration nicht so recht möglich sein dürfte. Vor allem muß ich auch an Proviant denken, da es mit meiner Abnehmerei heut leider noch mal weiterging; die Waage heute morgen zeigte nur noch 66 kg, unter will ich nicht. Das wissen, Freundin, Sie ja. Elvira M. Gross wird eh erschrecken, wenn Sie mich in Badehose sehen wird, erstmals seit der OP. Wir werden wieder, wie oft im Sommer, → dort in Bad Fischau lektorieren. Wie schon geschrieben muß das satzfertige Typoskript am Morgen des 27. im Verlag liegen.

Übrigens hat es sich w i e d e r bestätigt: Bei einem Korrekturdurchgang auf Papier finde ich immer andere, und zwar von ihrer Art, Fehler oder sonstige Mängel, als wenn ich am Bildschirm arbeite. Umgekehrt aber auch, so daß, auch wenn’s etwas mühsam ist, beide Korrekturweisen nötig sind.

[9. 32 Uhr]
Grad eben noch mal versucht — und … – na bitte:

Dann heißt es jetzt, mich zu sputen. Einen der Mittagszüge werde ich nehmen.

ANH

[15.37 Uhr
ICE 1711]


Korrigieren des ausgedruckten Typoskripts am Tisch im ICE, hier der Seite 101.

(Hat tatsächlich gut geklappt mit der Hitzeaufhebung der Zugbindung; allerdings wisse er, der Kontrolleur, nicht, ob auch die östereichischen Kollegen es akzeptierten. Nun, ich bin da ganz ruhig; umgekehrt wär ich’s eher nicht.)

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 10. Juli 2022. “Verwirrung des Gemüths”, ein neues Musiktheater vielleicht (Musiktheaterinstallations-Performance), die Triestbriefe, text+kritik sowie АНХс “Корабль-греза”, darinnen die furchtbare Ambivalenz. Sowie ein bißchen Einsamkeit.

 

Heute ab 17.05, swr2 lesenswert:
Carsten Otte über ANH, Die Brüste
der Béart. Dort anhören.

[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Wind, Kühle]

Gestern die von meiner Lektorin bearbeitete, mit vielen, bisweilen hinreißenden Anmerkungen und Vorschlägen versehene und hergemailte zweite Tranche der Neuausgabe des in nunmehr erster Fassung 1983 ersterschienenen Romans Die Verwirrung des Gemüths bis in den späten Abend in quasi einem Rutsch durchgesehen und korrigiert, 215 von insgesamt 396 Typoskriptseiten, es war wie eine Art Rausch. Die 181 Seiten davor hatte ich ja bereits vor drei Wochen fertigbekommen. Heute vormittag nun noch einmal ein “Kontroll-Scoll”, um zu sehen, ob ich etwas übersehen habe; danach geht die Datei an Elvira zurück, und am 19. werde ich für fünfsechs Tage nach Wien fahren, um mit ihr das Schlußlektorat persönlich durchzuführen. Am 27. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, um rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse als Buch dazusein.

Verwirrung, Lektoratsbeispiel
Elvira M. Gross

Parallel lief in den vergangenen Tagen ein anderes umfangreiches Projekt an, um dessen Zuschlag sich – es handelt sich um die Ausschreibung dreier deutscher Bühnenhäuser – mein Komponistenfreund Robert HP Platz, die Bildende Künstlerin Sandra Schlipkoeter, der Videokünstler Christoph Brech, der Regisseur Oliver Kloeter und ich unter, grad jetzt in der Antragsphase, als quasi Controllerin enorm stützender Mitwirkung Sabine Krasemanns als Team bewerben. Im weitesten Sinn handelt es sich um Musiktheater, wobei es eine Mischform aus Performance und Installation werden dürfte, die allerdings steng gebaut sind, doch auch weiten Raum für Improvisation bieten. Nachdem sich unsere, vor allem Platz’ und meine, Anfangspläne mit den Konditionen der Ausschreibung nicht  decken ließen, was Krasemann schnell herausfand, mußten wir quasi alles umwerfen, und in einer Spontanaktion schrieb ich ein völlig neues Konzept, war dann nervös, wie es ankäme, aber es lief – für mich eine erstaunliche neue Erfahrung – bestens. Jetzt mußte festgeklopft werden, mußten einzelne Szenenentwürfe her usw. Und gestern abend hat Krasemann das gesamte Ding hinausgeschickt. All das lief über Zoom und eine von ihr eingerichtete Whatsappgruppe, in der wir auch jetzt immer noch mal plaudern. Jedenfalls müssen wir nun warten; im September soll entschieden werden. Bekommen wir den Zuschlag, geht es gleich in die Vollen; ich selbst muß ans Libretto – präzise die Libretti -, Platz quasi parallel komponieren (wir werden für Komposition und Dichtung enger zusammenarbeiten als je); dann werden die Treffen des Teams stattfinden, noch in diesem Jahr, wir müssen vor allem die Häuser sehen, die Bühnen, die sonstigen Räume. Uraufführung haben wir für den Sommerbeginn 2024 avisiert. Insgesamt, wenn es klappt, wird das, schöne Frau, ein “riesen Ding”.
Also jedenfalls das kostete ebenfalls Zeit, einige. Jetzt steht für mich ein kleiner Radiotext an, der nicht nur angegeben, sondern auch eingesprochen sein muß, bevor ich in den Zug nach Wien steige. So richtig einen Einfall habe ich noch nicht, zwar schon anderthalb Seiten halt auch eher hingeworfen als geschrieben, aber sie sind mir zu trocken, zu theoretisch, um Leben im Klang entfalten zu können und dann noch eine “Botschaft” zu enthalten und zu vermitteln, die wiederum selbst mir allerdings klar. Wieder einmal wird es um Ambivalenzen gehen, allerdings diesmal der Verschlingung von Leben und Tod.

Und der Triest-Briefroman ist nun zum zweiten Mal soweit durchgesehen und korrigiert, umgeschrieben, ergänzt, wie er bereits als Text vorliegt; wie ich Ihnen, Freundin, schon erzählte, sind noch sieben Briefe zu schreiben. Wobei ich leider gegen Ende des zweiten Durchgang eine – n i c h t “leider” – ziemlich wichtige Idee hatte, die nun noch einen dritten Durchgang erforderlich macht, um nämlich die “Hauptperson”, von der erzählt wird, noch deutlicher konturiert von dem Ich-Erzähler abzusetzen, der mir mit dem anderen manchmal noch z u sehr verschmilzt. So daß mir klar wurde, beide müßten verschiedene Berufe haben; der des Erzählers ist klar, indes es sich zwar bei der Hauptperson angeboten hätte, auch sie wieder zu einem Bildenden Künstler zu machen, doch in der Tat, das wäre nun entschieden zu nahe an → Meere. Was also nun? Die Lösung war die naheliegendste aller. Aber gerade sie braucht Fleisch und Klang. Das ist ihr im dritten Durchgang zu geben, mit dem ich vielleicht heute schon anfangen kann, wenn die Verwirrungs-Fahnen fertig und hinaussein werden und ich vielleicht auch schon einen annehmbaren Entwurf für den Rundfunkbeitrag habe.

Ach ja, außerdem waren die Fahnen meiner eigenen – allerdings nicht langen – Textbeiträge durchzusehen, für die ich von der Redaktion des im September zu meinem bisherigen Gesamtwerk erscheinenden text+kritik-Bands gebeten worden bin; ist ja schon einiges her, weil Corona das Erscheinen um ein ganzes Jahr verschoben hat.  Nun wird es aber definitiv herauskommen, und zwar bereits im September. Ich mußte und wollte deshalb auch unbedingt noch etwas hinzusetzen, bzw. einmontieren und hoffe nun, daß meine “Lösung” funktioniert. Was es ist, dazu schreib ich hier nicht. — U n d: Es sind böse Zeiten dafür, leider, aber meine großartige russische Übersetzerin, Tatiana Baskakova, hat mir die Umschlagentwürfe der russischen Ausgabe des Traumschiffs geschickt, die noch im August da sein soll, gebundenes Hardcover, sehr schön gesetzt (ich habe eine PDF der Druckfahnen, die ich allerdings nicht lesen kann, klar), mit einem ausgesprochen langen Nachwort Baskakovas, tatsächlich einem Anmerkungsapparat und sogar Auszügen aus den Seereiseberichten Der Dschungel, die teils Grundlage des Romantextes wurden. Von den Umschlagentwürfen gefallen mir zwei, diese:

K e i n schönes Gefühl, sich einerseits rasend darüber zu freuen, und zum anderen, sich freuen gar nicht mehr zu können, weil dieser entsetzliche Krieg währt und, wie es aussieht, in absehbarer Zeit auch nicht zuende sein, sondern sogar zu befürchten ist, daß er sich ausweiten wird, auch zu uns und über ganz Europa. Da erscheint solch Übersetzung als derart marginal – was sie aber bei der Hingabe nicht ist, mit der Baskakova übertragen hat, und ihrer Genauigkeit. Und aber das Thema selbst des Romans bleibt ja, wird Menschheitsthema immer sein, völlig gleichgültig, welcher Nation jemand angehört. Ich hatte Tania auch geschrieben, wie ambivalent dies alles nun für mich sei und daß die Menschen sowohl in der Ukraine als auch in Rußland doch ganz andere Sorgen hätten, und schwere Nöte, um an einem übersetzten deutschen Buch Interesse haben zu können. Sie indes schrieb mir zurück, gerade jetzt, in diesen Zeiten, sei Literatur für manche Menschen wesentlich, sie halte sie am Leben. Es wäre für mich, oder sollte es prinzpiell sein, einfach, diese Sicht zu übernehmen, die ich auch für begründet halte. Nur b i n ich kein einfacher Mensch.

Ihr
ANH

P.S.:
Immer mal wieder leichte Anfälle von, nein, liebste Freundin, nicht Einsamkeit, aber einem Gefühl von Alleinsein, innerer, quasi, Emigration. Ich hab es im Griff, doch ein bißchen tut es schon weh.

***

[20.49 Uhr]
Ich fasse es selbst nicht: den Rundfunktext für Gutenbergs Welt in einem Rutsch geschrieben, dann durchgearbeitet und bereits die Erste Fassung erstellt, die soeben an Manuela Reichart hinaus ist. Morgens hatte ich noch Zweifel, ob mir die zündende Idee käme, die zwar, als Idee, aber nur schmauchend, gestern schon da war, aber halt ohne jeden Zug. Unversehens wurde es anders — was eine über Jahre erlebte Erfahrung bestätigt, die aber nicht mehr in meinem Körpergedächtnis war, — daß nämlich, wenn man einfach stur weiterarbeitet, irgendwann der Punkt kommt, an dem das Gehirn geradezu automatisch loslegt und mir die Finger führt. Dann braucht es später nur noch den dramaturgisch strukturierende Konstruktionsblick, schon ist das Ding fertig, und zwar mit Ideen und Thesen, die s i c h  e r s c h r i e b e n. Das Selbst als autonomes Subjekt ist gar nicht gefragt.
Die sonderbare Ambivalenz heißt nun mein Text, von dem ich selbstverständlich nicht verrate, wer mein literarischer “Held” ist. Das sollten Sie, Freundin, dann hören.

Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 30. Juni 2022. Zu den Triestbriefen, ff.

[Arbeitswohnung, 9.17 Uhr]

In der Dichtung besteht solch eine Gußform aus Lebensmaterial, hier jetzt dem Euren. Allerdings muß, was tatsächlich geschah, den poetischen Notwendigkeiten angepaßt werden. Kein Roman, auch keiner aus Briefen, gibt die Realität eins zu eins wieder. Da kann aus ihr noch so abgeschrieben worden sein: Ceci n‘est pas une pipe. Erzählungen folgen anderen Gesetzen als die konkrete Wirklichkeit; schon die Zeiten differieren. Im Alltag hat außerdem der Satz vom ausgeschlossenen Dritten Geltung; die Dichtung hebt ihn auf.

(Aus dem ersten Brief nach Triest)

Gestern den ersten Korrekturdurchgang der bislang bereits geschriebenen Triestbriefe abgeschlossen; einiges war zu präzisieren, weniges grundlegend neu zu formulieren, ein bißchen auch was zu streichen – wobei ich wahrscheinlich noch weitere Striche anbringen werde, aber wohl erst, wenn die sieben nun noch zu verfassenden Briefe fertig sein werden. Das kann und wird sich wahrscheinlich über den Sommer hinziehen, zumal noch eine Unterbrechung ansteht, wenn nämlich die von Elvira M. Gross lektorierte zweite Tranche hier eintreffen wird, an die ich dann sofort rangehen muß. Dazu sieht meine Planung seit gestern vor, am 13. Juli nach Wien zu reisen, um das Endlektorat – also Zweifelsfälle durchzusprechen und letzte Entscheidungen zu treffen – im persönlichen Bei- und Miteinander abzustimmen. Zum 20. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, damit das Buch zur Frankfurtmainer Buchmesse auch da sein kann. Außerdem habe ich noch einen kleinen Rundfunkbeitrag zu schreiben, der am 18. abgegeben sein und am 19. hier in Berlin eingesprochen werden muß. Wobei ich das möglicherweise auch im Wiener ORF tun könnte.
Doch zu den Triestbriefen noch. Was mir auffiel, ist, daß je weiter die Briefe gediehen, sie sich unvermerkt immer näher an mich selbst heranschrieben, also quasi autobiografisch wurden. Was nicht sein soll. So gibt es also nicht nur die konstruierende Frage, wie ich viereinhalb (!) Jahre später mit neuen Briefen an die alten “poetoorganisch” anschließen kann (hier habe ich bereits den Ansatz; es wäre völlig bizarr, schriebe ich in einer sozusagen Blase weiter, ohne die Geschehnisse der Zwischenzeit sowie der jetzigen Gegenwart mit einfließen zu lassen, also Pandemie, Krebs, Krieg), sondern auch, auf welche Weise ich die nötige Distanz in den Text einziehe. Auch hierfür kam mir gestern die Idee, sie ist, glaube ich, klasse, weil sie dem Text einen höchst reizvollen Dreh gibt, einen poetischen sozusagen Effet; ich habe schon herumprobiert gestern abend und dann sogar schon auf anderthalb Seiten des Anfangs ausgeführt. Dabei wird der eigentliche Erzähler – der, die Briefe schreibt – zur abstraktesten Figur aller (aber nur die sagt “Ich”!), indes die fiktiven Personen zu den konkreten werden. Eine feine Volte, wenn es so klappt, wie ich’s mir vorstelle. Nur ist dazu nun noch einmal ein kompletter Durchgang nötig, bevor ich mit den neuen Briefe beginne – und sogar ein dritter noch, der aber mit mit einem ausgedruckten Typoskript, p h y s i s c h, damit mir sämtliche Motive und Motivarianten so verinnerlicht sind, daß ich beim Weiterschreiben nicht dauernd nachschlagen oder gar -suchen muß. Bei dem heurigen Sommerwetter wird d e r Durchgang genußvoll sein, denn ich werde ihm draußen im herrlichsten Sonnenschein nachgehen können – was mit einem Laptop schwierig ist, von dessen Screen sich in auf ihn fallendem hellen Licht kaum etwas ablesen läßt.

Jedenfalls werde ich nachher gleich mit dem Wiener Verlegerfreund whatsappen, um meinen Aufenthalt abzusprechen und dann auch sofort die Fahrt buchen (mit der Bahn, Flüge sind derzeit extrem teuer). (Italien fällt in diesem Sommer aus; es ließ sich familiär kein funktionables Übereinkommen finden; statt dessen will ich ab November in den Süden, sicherlich nach Sizilien, möglcherweise auf Stromboli, um für die Videoinszenierung der Aeolia zu filmen und auch vor Ort schon Text einzusprechen. Wobei ich allerdings auch nach Triest muß, des Briefromans wegen; wahrscheinlich eine Woche zu E}nde August. Ich muß meine Spielorte stets konkret sehen {hören, riechen, schmecken) – es jedenfalls versuchen.)

So. Rasieren, duschen, kleiden (heute erst seit halb sieben am Schreibtisch). Dann der nächste Durchgang Triest.

ANH

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26 Juni 2022. Krawattenknoten & Triest.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr
France Musique, Le Baroque:
Antonio Draghi, El Prometeo, Y a tus plantas]

Für Instagram mal wieder g e s p i e l t . Dieses Mal der Rosenknospen-Krawattenknoten. Meine Beschreibung, liebste Freundin, lesen Sie einfach direkt → dort. Hingegen waren die drei vergangenen Tage einer sommerlichen Anzug-mit-TShirt-Lässigkeit gewidmet, also in Sachen Haute Couture. Das TShirt muß selbstverständlich “uni” sein, also bitte keine Grafiken oder sonstigen Bilder drauf, erst recht kein Markenname, sondern am besten ist es schon knapp vorm Entsorgen. Dafür der Anzug makellos; Armani und Lagerfeld bieten sich an. Die Differenz macht das Bild. Es geht aber auch hier um Formung, also bewußte Entscheidung.
So forme ich derzeit auch →  die Triestbriefe um; sechseinhalb liegen noch vor mir. Danach darf ich neu weiterzuschreiben beginnen; es müssen noch sieben weitere sein. Wobei ich erst das Problem hatte, viereinhalb Arbeitsjahre an diesem Roman ausgesetzt zu haben und nun einen organischen Übergang zu finden. Unterdessen ist er mir klar. Es ist dies poetologisch umso wichtiger, als ich selbstverständlich nicht schreiben kann, ohne den Ukrainekrieg zumindest Spuren in das Buch einprägen zu lassen, wahrscheinlich auch Liligeia. Es gehört bekanntlich zu meinen Grundüberzeugungen, daß jeder Roman auch eine Mitschrift der Zeit sein muß, in der und wie er entsteht. Lenz wird dann also schon nahezu fünf Jahre in seinem Grenzhäuschen leben, oben auf dem Karst, also durch und durch Bauer geworden sein; die Lydierin dürfte er in all der Zeit nicht gesehen, nicht einmal etwas von ihr gehört haben. Schon gar nicht hat er ihr weitere Briefe geschrieben. Umso erstaunlicher, daß er damit jetzt wieder anfängt. Da ist der Krebs übrigens ein schwereres Problem als der Krieg, der ein durchaus angemessener Grund ist, indessen die nach wie vor geliebte Frau auf keinen Fall das Gefühl bekommen darf, Liligeia sei eine Folge ihres, der Lydierin, Rückzugs — mithin eine physische, sagen wir: psychosomatische Trennungsfolge. Also wird Lenz, daß die Tumorin sich in ihm eingenistet hat, anderswie begründen, und meinerseits ich werde achthaben müssen, den Triestroman nicht versehentlich ins → Krebstagebuch übergehen zu lassen oder gar beide Projekte miteinander zu verschmelzen — ganz abgesehen davon, daß mir das Buch sonst zu umfangreich würde. Dreihundert bis vierhundert Seiten genügen eh vollauf; besser wären weniger.
Zudem läuft die Bearbeitung der frühen Gedichte weiter, momentan nicht mehr jeden Tag eines, aber doch alle drei vier Tage, und ich denke immer mal wieder an das neue Gedichtprojekt, Sapho, doch will mich nicht verzetteln, sondern warte vor allem auf die zweite Lektoratstranche der Verwirrung des Gemüths, damit wir, Elvira und ich, bis Mitte Juli rechtzeitig abgeben können, um zur Frankfurtmainer Buchmesse tatsächlich den Roman auch vorliegen zu haben. Wenn die lektorierte Fassung gesetzt sein wird, stehen ja noch die Fahnenkorrekturen an.

Gut war gestern, frühabends bis nachts, auf Uwe Schüttes jährlichem Sommerfest gewesen zu sein, auch wenn ich einmal wieder merkte, wie randständig ich im Betrieb positioniert; mittlerweile macht mir das meistens nichts mehr aus, manchmal sogar im Gegenteil, doch hin und wieder nehme ich es dann doch leicht schmerzhaft wahr. Zumal ich schlichtweg aus Altersgründen nicht mehr annehmen kann, es werde sich daran noch etwas ändern — nicht, weil es de facto noch an mir liegen würde, meiner Erscheinung, meiner Widerständigkeit, meiner, nun jà, Arroganz, sondern einfach, weil neue Generationen nachgewachsen sind, die jetzt zurecht im Mittelpunkt stehen; der Wechsel hat ja nicht nur bei den Autorinnen und Autoren, sondern auch den Vermittlerinnen und Vermittlern stattgefunden, denen ihre Generation nachvollziehbarerweise näher ist. Hier wird erst die Zeit ausgleichen, ich meine historische Zeit, wenn die rückwärtsgewandte Perspektive die Lebenszeitgeschichten engführt. Zu ihrer Zeit lagen zwischen, sagen wir, Beethoven und Mozart W e l t e n, heute fassen wir beide in die gleiche kulturgeschichtliche Ära. Man muß eine Art vorangeschrittener Lebensreife haben, um dies nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen. — Auch dort, übrigens, Gespräche zum Ukrainekrieg, in denen sich die verschiedenen Einschätzungen aneinander rieben. Unterm Strich sind wir, da hatte in der Büchner Buchhandlung vor vier Tagen Stephan Wackwitz — mit dem ich mich bereits auf der Frankfurtmainer PEN-Tagung im Oktober angefreundet habe  — recht, ratlos. Aber jeder spürt, und sagt es, die akute Gefahr. Nur unsere Reaktionen auf sie sind verschieden.
Nach der Veranstaltung lud der Verlag, S. Fischer, zum Essen; die junge Dame, die ihn vertrat, wollte partout nicht warten, bis draußen für uns etwa elfzwölf Leute genügend Tische frei waren, um sie aneinanderzurücken, und hieß also die Gäste, sich drinnen zu setzen. Ich empfand das als eine, der wunderbaren Sommernacht gegenüber, Blasphemie – und vondannte. Wofür ich mit einem herrlichen, von süßem Lindenduft gesalbtem Schlendern belohnt wurde. Selig darob nahm ich daheim noch einen letzten Wein.

Die Verwirrung des Gemüths, Ausgabe Zweiter Hand, Lektorat Elvira M. Gross, Durchgang 1, Beispiel 1 (Typoskriptseite 151):


Vorher:

Typoskript S.151. Nachher:

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