|CREDO|
Niemandes Herr sein

(außer im Spiel) und niemandes Diener
(auch nicht des “Volks” als Souverän).

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Wie fühlt sich jemand, der ein Verbrechen beging?

 


Wenn er es nicht aus Not tat (und nicht befürchtet, gestellt zu werden):

—   f  r  e  i  .

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(Aus dem schwarzen Notizbücherl)

 

DLXX

Angst ODER Matzneff und die Folgen, die Ursachen wie Zwecke sind. Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 23. Januar 2020.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Tschaikowski, Erstes Streichquartett]

Es ist, derart viel Tschaikowski zu hören (und dabei unerwartete Entdeckungen zu machen, etwa seine wunderschöne Iolanta), wie eine Rückkehr in meine Jugend. Unterdessen habe ich auch seinen Onegin “begriffen”, was einiger Anläufe bedurfte, aber, wie ich Parallalie schrieb, hatte ich das Gefühl, sie → Nabokov schuldig zu sein. (Dazu heute morgen ein → ich-weiß-nicht-ob-Zitat, das mich unmittelbar berührte). Meiner Lektorin wiederum schrieb ich, die gerade hinreißend Woolf/Neuwirths Orlando → rezensiert hat, wie langsam, zähen Vers für Vers, ich mit dem nächsten Béartgedicht vorankomme, kaum also, weil ich versuchte,

über die Marienfiguren, namentlich Michelangelos, die unio mystica gleichsam pantheistisch zurück auf die Erde zu ziehen und d i e s e unio (…) zu besingen. (…) Dazu dann spannenderweise Sure 19: Dort erscheint der verkündende Engel nicht als solcher, sondern als “wohlgestalteter Mann”, mit dem sie sich (tolles Bild) “an einen fernen Ort” zurückzieht”, und beide “erkennen einander”. Im folgenden Vers ist sie bereits schwanger.
Damit dann die sogenannte Tempelprostitution verbinden (…). D a s jetzt alles in ein Gedicht hineinbekommen, aber b i l d h a f t, ohne lehrhaften Exkurs, hat’s in sich.
Und die Nabokovlesen-Reihe tat und tut ein übriges, das Voranschreiten meiner Arbeit zu behindern, allerdings auf hinreißend-mitreißende, zeitweise berauschende Art.

 

Jetzt liegen, zur Madonna, wieder die alten mythologischen Bücher auf meinem Schreibtisch. Auch in der Legenda Aurea will ich nachschauen, die seit → Frank Witzels “RAF”-Buch zu meinem Handwerkzeug gehört. Und zwischendurch, um zu Tschaikowski zeitweise Distanz zu gewinnen, mal wieder Richard Wagner vorgeholt, dessen Kompositionen ungleich raffinierter sind, und komplexer sowieso. Begonnen mit dem Tannhäuser, dem ich noch folgte, auch wenn mich die Verneinung des Venusberges, eine Verleugnung, ärgerte, brach ich den Parsifal dann aber ab: Zu verlogen diese “christliche” Absage an den Körper, als daß mich der berauschende Klang hätte noch halten können, dem ich so viele Jahre angehangen habe, nein, von dem ich mich nicht lösen konnte, noch daß ich’s wollte. Der Bruch, bekanntlich, fand → da statt. Ich habe ihn niemals wieder kitten können. Es ist diese grobe, primitive vorgeblich-Männlichkeit, die auf der anderen Seite ihre Misogynie derart weinerlich geriert, daß ich nur kotzen könnte – schon deshalb, weil sie “der” Gender-Bewegung recht zu geben scheint, die ich als bedrohlich erlebe: nicht nur für mich selbst, viel mehr für unser Menschsein an sich … – und für die Freiheit.
Dies beschäftigt mich derzeit am meisten. Neu ist dabei, daß ich A n g s t habe, Angst, gewisse Sachverhalte öffentlich zu nennen, weil, wer es dennoch tut, sofort zum Underdog gemacht oder als solcher bestätigt wird. Die “Diskussion” ist derart ideologisch, zumal als Mainstream. Das macht die behaupteten Sachverhalte objektiv unwidersprechbar. Wir dürfen zwar noch “sagen”, verlieren aber, tun wir’s, jegliche Anerkennung, geraten außerdem in Umfelder, die zu bedienen uns komplett fernliegt, und werden schließlich an der ökonomischen Existenz bedroht — dieser, weil die Hintergründe ökonomisch sind, auch wenn es niemand sieht oder sehen will. Meine gegen den (Mainstram-)Pop, also gegen künstlerische Simplifizierung, gerichtete Haltung bestätigt ihren Grund.
Die Ablehnung einer quasi im Auftrag geschriebenen so scharfen wie aus rhetorischen Gründen zynischen Polemik kam hinzu und traf mich schwer. Über die Begründung dieses “Nein”s darf ich nichts schreiben, weil sie in einem, so sieht es der Verfasser, an mich privat gerichteten Brief steht; sie ist insofern mit einer Maulsperre verbunden worden, die ich zwar ignorieren könnte, aber nicht will. Was eben mir solche Angst macht. Niemals zuvor hatte ich eine Schere im Kopf. Jetzt hin ich soweit, daß ich – sagen wir: heikle – Texte erst an Freundinnen und Freunde schicke, bevor ich sie veröffentliche, auch solche für Die Dschungel. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzusichern: “Darf” man dieses und jenes vielleicht wirklich nicht schreiben?
Mir setzt das ziemlich zu.
Etwa der → “Fall Matzneff”, den ich nicht insofern erschreckend finde, als die von Frau Springora erhobenen Vorwürfe möglicherweise berechtigt sind (auch wenn ich zweifle – und zwar aufgrund ihrer eigenen Aussage, sie habe sich von dem deutlich älteren Mann erst gelöst, als sie gemerkt habe, daß er die Mädchen wie Blumen am Wegesrand pflücke; mithin geht es nicht unbedingt um einen Mißbrauch, sondern um eine erlittene narzisstische Kränkung); nicht also um den eigentlichen Grund ist es mir hier zu tun, sondern darum, mit welcher geradezu masoschistischen Freude (gleichsam einer in triumphierende Affirmation umschlagenden “Hysterie”) die Journaille darüber jubelt, daß endlich mit der intellektuellen französischen “Libertinage” Schluß gemacht werde – anstelle daß begriffen wird, wie gefährlich sich derart selbstfeist in der eigenen moralischen Überhebung suhlende Einlassungen sind. Zumal wir wissen, daß es sich bei Pädophilie um einer Neigung handelt, für die die Betroffenen gar nichts können, der sie auch nicht entgehen können; sie können sich nur bemühen, sie nicht zu realisieren. Plötzlich haben wir wieder geborene Verbrecher. Dazu kommt die Unschärfe des Begriffs: Wer ist denn noch “Kind”, und wer ist es nicht? Doch alleine darüber öffentlich zu diskutieren, macht einen, auch eine Folge von #metoo, schon zum quasi Mitschuldigen. Dieses derzeitige und, fürchte ich, immer totaler werdende Klima ist insgesamt ein Zusammenhang, fast schon Matrix selber. Nicht Anstrengung des Begriffs mehr, sondern Wortverbot. Die Gedanken bleiben frei, klar; nur sagen darf man sie nicht.
Ich, der ich pädophile Neigungen niemals hegte (ich hatte oft sehr viel jüngere Frauen, niemals aber “Kinder”, nicht einmal, um mit Nabokov zu sprechen “Nymphen” – außer, als ich selbst noch Jugendlicher war), – ich also muß genau dies mindestens versichern, bevor ich über die Sachverhalte schreibe. Womit aber durchaus nicht gesagt ist, mir werde auch geglaubt. Darum deutlich: “Meine” Frauen, alle, hatten Mösen, die bei Erregung anschwollen wie überreife Feigen, die schon platzen, und der schwere Saft spritzt heraus. Fordernde, unnachgebig ins Grenzenlose sich verströmende Personen, denen man(n) gewachsen sein muß und ich durchaus nicht immer war. Solche sind nun wirklich nicht “nymphisch”.
Des weiteren ist mir, was ich über Matzneff bislang gelesen habe (ohne freilich auf Anhieb überprüfen zu können, ob es auch stimmt), höchst unangenehm; ich mag den Mann also nicht. Dennoch muß ich über “Pädophilie” öffentlich nachdenken können und zu ihr auch eine Meinung argumentieren dürfen, die nicht der allgemeinen entspricht. Genau das gerät momentan nicht nur in Gefahr, sondern ist es längst. Genauso “Gender” als vermeintliche, ausschließlich, soziale Konstruktion. Jeder einfach nur biologische Einwand wird sofort als “biologistisch” denunziert, als wäre er damit faktisch erledigt. Wie wohltuend deshalb, daß ich gestern das dort fand, von einer Frau, die in vielem vermutlich anderer Meinung ist als ich, aber klar und mit überdies hinreißenden Formulierungen d e n k t. Auf dieser Grundlage läßt es sich sprechen, mit Ideologien aber nicht. Wer von uns “recht hat”, das ist ohnedies in ständigem Fluß. Normative Aussagen, zumal in Gesetze gegossen, lassen sich bleibend nicht treffen oder werden Unrecht.
Meinen kleinen, gestern entstandenen Text zur “Pädophilie” werde ich aber trotz meiner Angst einstellen, heute nachmittag wahrscheinlich, nachdem ich gestern zwiefach über ihn diskutiert habe, sowohl mit meinem Arco-Verleger als auch mit Phyllis Kiehl, auf → deren einst so belebtem Tainted Talents der letzte, ein aber spannender, Eintrag, leider schon vom 7. Dezember stammt, also über anderthalb Monate alt ist.
Ein weiteres, liebste Freundin, noch. Eigentlich sollte ich es als Paralipomenon formulieren und werd es vielleicht auch noch tun:

 

Freiheit bedeutet immer, Risiken inkauf zu nehmen. Je mehr Risiken ich ausschließe, desto geringer wird sie. Ist alles gesetzlich geregelt, gibt es keine mehr, g a r keine.
Wer will so allen Ernstes leben?

 

Andererseits ist, die Verbote zu übertreten, ein b e s o n d e r e r Ausdruck von Freiheit; das damit verbundene Risiko macht sie wieder größer als im Zustand des Anythinggoes.

 

Ihr ANH
Tschaikowski, Drittes Streichquartett
 
Nachtrag, 16.45 Uhr:
Siehe auch → dort. Nicht in allem bin ich mit 
Žižek einig, aber darum geht es eben auch gar nicht, sondern darum, ein begründetes Unbehagen zu formulieren, dem er den Begriff einer gespürten revange, also “Rache”, gibt, die als quasi Kollateralschäden auch diejenigen trifft, die alleine ihres Geschlechtes wegen desavouiert werden und weil sie sich einer verlangten Gesinnung nicht fügen. (Daß der Begriff “Rache” angemessen ist, bezweifle ich allerdings, weil er ein bewußtes Schadenwollen auch Schuldloser voraussetzt, wovon man bein den meisten Frauen nicht ausgehen kann, deren Wehrinstrument #meetoo war und ist.)

Selbstverständnis: nicht Credo, doch Wille.

 

Es war und ist ein Ziel meines Lebens, ein freier Mann zu sein – selbst, sollte dies Unglück bedeuten.

(Daß Freiheit glücklich mache, ist ein Irrtum der Ideologie und des Kitschs.)

>>>> Credo & Wille

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