An eine Gönnerin: Die Entwerdung der Welt.

Verehrte, liebe Frau v. Meck*),
von Herzen allen Dank für die Nachfrage. Ach, meine Ungeduld! Mir geht die, sagen wir’s euphemistisch, “Umstellung” meiner Verdauungsorganik nach wie vor schwer auf den Senkel, weshalb ich mich, weil ich spüre, wie unwirsch und grantig ich manchmal darob bin, auch in den Korrespondenzen besser zurückhalte. Allzu vieles geht gegen mein Temperament, meine Mentalität, auch meinen, sagen wir, vitalistischen Glauben – und da ich aber keinen wirklichen Gegner, nicht mal mehr → meine Krebsin habe, gegen was ich mich auflehnen könnte, sondern einfach nur aushalten muß und als Adressaten meines Protestes immer nur mich selbst ansprechen kann, mache ich besser alles alleine mit mir aus. Wie schon mehrfach geschrieben: Ich muß mir immer wieder verdeutlichen, wie kurz → die OP erst zurückliegt und daß mein Körper selbstverständlich Zeit zu Heilung und Umstellung braucht – ein Umstand, der aber die normale Schnelligkeit meines Geistes schwer, schwer lähmt. Und also schreibe ich kaum mehr was. Immerhin, statt dessen, ich lese. Und dabei entdecke ich manches, das mir sonst möglicherweise verborgen geblieben wäre, etwa → Waltraut Lewin. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, auch nur entfernt noch ein Mitspieler zu sein, nicht mal wartend auf der Ersatzbank, sondern dem ganzen Betrieb den Rücken gekehrt. – Vielleicht aber wird sich das in Wien wieder ändern, keine zwei Wochen mehr, bis ich dortsein werde fürs Lektorat der → Béarts. Doch alles andere, was mich wieder hineinbringen hätte können, ist nun abermals coronahalber abgesagt, wie jetzt zum Beispiel sogar die Frankfurter Buchmesse, und meinen Lehrauftrag in Bamberg werde ich nun digital von hier aus wahrnehmen müssen, ohne daß ich eine Ahnung hätte, wie das funktionieren soll, ja ohne den Glauben daran, daß es funktioniert. Aber wir werden sehen. Daß “Dinge” wie die für die Vermittlung von Bildung so notwendige Persönlichkeit, persönliche Ausstrahlung usw. komplett an Wert verloren haben, geht mit der von mir ja schon lange gesehenen Entkörperlichung von Welt ebenso einher wie die Nivellierung des Geschlechts bis hin zu seiner Diffamierung. Es entsteht eine andere Welt als die, die ich liebte und an die ich glaubte. Vielleicht ist es auch nur ein Indiz meines nun, seit dem Krebs, galoppierenden Alterns, aber vielleicht eben nicht, sondern die klare Sicht auf ein im Schulterschluß mit der entstehenden Konsensgesellschaft und einem zurückgehenden Intellekt, um von aufgefächerter Bildung zu schweigen, um sich greifendes, totales Replikantentum. Zu dem ich weder gehören will noch werde.
Ihr ANH
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*) Eine nächste Nadeschda, nicht → jene von vor vierzehn Jahren,
die sich schließlich, ich weiß nicht mehr warum, von meinem
Werk
zurückzog.

arbeiten wollen: Genervte Bemerkung im Krebstagebuch. Sonntag, den 16. August 2020.

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

[Arbeitswohnung, 14.09 Uhr
france musique contemporaine:
Steven Stucky, Concerto for Orchestra No 2 (2003)]
(Wieder ein mir neuer Name, den ich über das
ausgezeichnete Netzprogramm france musique kennenlerne.)

 

Es ist schon etwas nervig. Seit drei Tagen sitze ich an der → Sanaqaba-Erzählung, möchte also Die Große Enteinigung schildern, habe auch alles, was nötig, beisammen, sogar eine treffliche Bildauswahl — und eigens sogar wurde meiner Bitte nachgegangen, die Krebsin und das gesamte herausoperierte Gewebe zu fotografieren … danke, danke, dafür, daß man’s tat; für meine Erzählung habe ich bereits Liligeias Augen und Spaltbeine mit einkonstruiert, die hier, auf dem Originalbild, noch fehlen:

 

 

 

 

 

Aber ich versage ständig, bekomme meinen Text nicht fertig … was heißt “fertig”??, komme nicht weiter … Immer wieder geht mir unversehens die poetische Gestaltungslust verloren, es bleibt ein tückisches “Wozu?” Dann kommt schon der Impuls erneut, der gute, aber weiß sich nicht umzusetzen, weil ich plötzlich erschöpft bin, mich hinlegen muß, dann meist auch eine bis zwei Stunden schlafe: tags, nicht etwa nachts. Da liege ich gefühlte Ewigkeiten lang wach, schon weil ich wegen des Bauchschnitts meine normale Seitenlage nicht einnehmen, aber auch nicht ganz flach auf dem Rücken liegen kann. Denn dann wird die sich bildende Narbe überstreckt, und ich fürchte, daß sie aufreißt. Mit einiger Kunstfertigkeit mußte ich mir ein schräges Rückenpolster bauen, so daß ich, was mein geliebtes Lager sonst nicht zuläßt, im quasi Sitzen schlafen oder doch zumindest zu dösen versuchen kann. Wenn aber dann noch der Darm rumort, weil ihm (noch) nicht gelingt, alles schnell gut zu verdauen, ist’s um die Nacht geschehen. Um die letzten drei Nächte nun schon — was meine Konzentrationsfähigkeit nicht steigert. Wobei ich selbst schuld, weil durchaus nicht ohne Dummheit bin. Vorgestern sah ich Federweißen im Regal und konnt’ nicht wiederstehen. Abends, gleich nachdem ich mir ein Glaserl, keine 0,1, eingeschenkt hatte und die Flüssigkeit so schäumte, wurde mir das Risiko klar, ohne aber doch wenigstens jetzt widerstehen zu können. Stattdessen das Innengejammer: “wenigstens zu kosten, ach!” Ich habe die Zeit dieses trüben Halbweinsmostes immer geliebt.
Und beließ es bei dem halben Glaserl. Doch es genügte schon. Nicht nur, daß ich einfach nicht einschlafen konnte, sondern der Gärprozeß setzte sich heftig im Dünndarm fort, so daß er sich blähte und blähte.
Gegen fünf Uhr morgens wurde es etwas besser, um halb sechs konnte ich auf Toilette und ward für irgendwas belohnt; um sechs schlief ich endlich ein und erwachte um halb acht.

Auf und an den Schreibtisch. Die Wunde motzte. Doch ist das ihr Recht, weshalb ich auch kaum Schmerzmittel nehmen muß; da sie zu jucken begonnen hat, weiß ich, der Heilprozeß ist in Gang. Unruhig machte mich nur, daß ich von gestern 71,9 zu den heutigen 70,8 fast ein ganzes Kilo verloren habe. Auf keinen Fall will ich wieder unter 70 kommen, weiß aber gerade nicht, wie ich es verhindern soll: Ich esse, wie’s nur geht, muß aber immer auf besonders kleine Portionen achten. Und was ich esse und vertrage, ist nach und nach einfach auszuprobieren. Geht’s schief, kostet’s erneut eine Nacht. Das zehrt ebenfalls am Arbeitswillen und seiner Konzentration. Da ich arbeiten aber eben will und vor allem genau weiß, was und wie es zu tun ist, setze ich stets erneut an und lasse deshalb dann auch anderes liegen, das fortgesetzt werden sollte, etwa → die Kantorowicz-Lektüre. Was wiederum meine Nervosität vergrößert, abermals etwas fragmentarisch zu lassen. Es sind mir zu viele Fragmente in den letzten Jahren; selbst mein mir wichtiges → NABOKOVLESEN ist sozusagen auf den letzten kaum noch einhundert Metern liegen geblieben, als wär dem Ferrari der Sprit ausgegangen. Nicht Unähnliches gilt ja leider nach wie vor für das letzte → Béartgedicht. Und schon muß ich an → die Triestbriefe denken, an → DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DES INTERNETS und → MELUSINE WALSER und so weiter und so fort. Gelingt mir denn gar nichts mehr – vollendet? Nun gut, wär ich nicht im Herzen Klassizist, ich könnt’ es unter “Moderne” verbuchen. Doch bin ich halt einer und war es wahrscheinlich schon seit Beginn — was ich bloß nicht wußte, zumal es noch dem dreißigjährigen Herbstspund nicht lieb gewesen wär. (Nebenbei, zu einem der Probleme meiner Literatur: Es kann durchaus geschehen, daß ich in einer Geschichte statt “Jungspund” vom Stichloch und/oder einem verschließenden Zapfen spreche, was wiederum  niemand verstünde, oder nur sehr wenige Menschen könnten es. Ein großer Bereich meiner Arbeiten lebt aus und von Anspielungen, die ich nicht eigens mehr ausführe, sondern unklugerweise als bekannt voraussetze. Selbst Zitate sind ja nur dann als solche erkennbar. Und in meinem Beispiel hier wäre sich einfach auf die Etymologie des Jungspunds bezogen, nach der indes, sofern das Wort überhaupt noch verwendet wird, niemand mehr fragt.)

ANH
[Simon Parkin, Le chant des oiseaux]

Vor Aqaba, 4: Abendessen im Zeitlabyrinth ff. Das Krebstagebuch des 25. Julis 2020 (Catania.Zwischenwelt, ff | Die Brüste der Béart, 57).

 

 

Schein her-, Schöpfrin, -nieder …

 

 

 

 

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Béart 56 <<<<

Vor Aqaba, 3: Catania.Zwischenwelt. Das Krebstagebuch des 24. Julis 2020, nämlich sechsundachtzigsten Krebstages. Darinnen Die Brüste der Béart, 56.

[صحراء النفود, Anderswelt.
Via vittorio emanuele, 460. 6.40 Uhr]

Es ist doch mehr Nefud unter dem Vulkan, als der erste, ja noch zweite Tag ahnen ließen, die beide, wie ich spürte, auch für Lilly glückselig waren. Sie ließ mich da völlig in Ruhe, und wie flanierten, genossen, atmeten die Luft des Meeres, die süß war und voll eines Salzes, das sich beim Zubettgehen von der eigenen Haut lecken ließ. Es war auch nicht sie, Liligeia, die nächstmorgens protestierte, sondern eine Folge der Chemos, Strahlenfolge der Nefud, was nicht einiges, aber doch manches kippen ließ. Denn nach der ziemlich anstrengenden Tour die Hänge La Timpas hinauf und hinab und abermals hinauf, als ich da am Mittwoch erwachte (war es der Mittwoch?), konnte ich kaum auftreten, schon gar nicht zügig gehen. Beide Füße voller Blasen, deren eine so aussah:

Von der deutlichen Schwellung will ich gar nicht erst schreiben, die bis jetzt nicht zurückgegangen ist, Also setzte die Neuropathie meinen gerade hier enormen Bewegungsdrang radikal auf Null. Ich geb ihm dennoch nach, aber es geht nur in gepolsterten Flipflops. Die ich mir erst besorgen mußte. Mein seit Jahren, Unfug: Jahrzehnten bewährtes Schuhwerk nützt mir nichts mehr. Und nun, meiner Lust zu flanieren derart beraubt, sie jedenfalls deutlich, ich schreibe einmal, unter Beschuß genommen, fing auch Liligeia wieder an, sich deutlich, sehr deutlich zu melden. Zudem verging mir komplett die Lust zu schreiben, weil in meiner ansonsten nahezu idealen Unterkunft (nur daß man von hier aus das Meer nicht sieht) auch der Internetzugang schwierig wurde, teils gar nicht ging, so daß ich schon gar nicht Fotos hätte hochladen können, bzw. das alleine schon, mit einiger Geduld, aber nicht sie im Netz collagieren, was eh immer viel Zeit braucht.
Gegen Unlust und Schmerz anzugehen, ist mir selbst auf Sizilien nicht leicht, das mir ansonsten aber sehr, sehr gut tut, jedenfalls tat, die Hitze, das Zerlaufen im Schweiß, die Düfte, der Fischmarkt. Nein, ich bin froh, hier zu sein, teils durchaus glücklich, dann aber schlägt die genervte Krebsin wieder zu, die doch eigentlich auch nur genießen, sich entspannen, Kräfte sammeln für Aqaba wollte.
Wenn es anstrengend ist, Schritt vor Schritt zu setzen, wird plötzlich auch Luft zu holen schwer, einfach weil … nun jà, “einfach” … weil der Tumorschmerz aufs Atemzentrum drückt. Als ich noch gehen, ja ausschreiten konnte, war davon nichts zu merken. Da war die Zwischenwelt das pure, pure Glück:

Ich wollte nächsten Tages wieder hin, allein, wie erzählt, es ging nicht mehr, ich wäre wie auf Messern gelaufen (laufe wie auf Messern). Doch Lilly eben nicht selbst trägt die Schuld, sondern die Neuropathie, die mich nicht hat merken lassen, daß ich die Füße überanstrengte; tatsächlich, bis zum späten Abend, spürte ich keinerlei Beeinträchtigung, war nach der Tour lediglich auf, ich schreib mal, “rechtschaffne” Weise erledigt, lag dann auch schon um halb zehn Uhr abends im Bett – und erwachte nächstmorgens mit diesen Läsionen. Was bedeutet, daß ich wohl auch heute wieder vorwiegend sitzen, mir einen Ort am Wasser suchen und zu schreiben versuchen werde … allerdings am letzten der → Béartgedichtes, da wirklich fertig werden muß, bevor ich am 3. ins Krankenhaus wechsle.
Doch seit der Beeinträchtigung ist nicht nur die Lust dahin, Catania in die Nefud zu betten, um beide miteinander so zu verwirken wie Lilly und mich, ja überhaupt zu erzählen, sondern auch die Leidenschaft, die die Béarts trägt. Ich finde nicht den Ton, bin zu dunkel, möchte sagen: zu grämlich, die Klage hat die Überhand (Gendercorrectness, neue, konsense “Moral” usw.), wo gejubelt werden, begeistert angerufen werden müßte. Das klingt dann so, womit ich gar nicht zufrieden bin:

(…)
fließt Du mir mit dem Leben aus,

das ich am Meer noch habe und unter dem Vulkan,
wohin, zum Feuerend’, ich kam, vielleicht,
dem Wellengang zu lauschen und Blicke auszutauschen,
die nicht mehr ganz erlaubt sind – nichts,
was sich noch niederreißen ließe, außer, Béart, mit selbst
und meiner unpompejisch, allein pragmatisch
ohne der Sturm, ohn’ Erregungslust verschütteten Welt,
die ohne Schutt doch sei, ohn’ Frage und Zweifel,
ein Nein ist ein Nein, unverbindlich das fiat der Ih-aas:
ein jeder Mensch Esel, der zustimmt und faßt
nichts mehr an, das zurückschlagen könnte und wartet –
voraussetzt, daß wir es nehmen, und höhnt uns im stillen,
wenn wir’s nicht wagen,
da es auf Kraft nimmer ankommt,
seit wir die Gene auf Nachfrage mischen.

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>>>> Béart 57
Béart 55 <<<<

Gut (das heißt nicht gut): Ausflüge entfallen. Ich werde mir einen Ort zu suchen, nur zu sitzen, zu denken und, wenn es geht, zu schreiben — was aber, Freundin, nicht bedeutet, daß ich nicht doch noch eine feine Erzählung aus dem Zeitlabyrinth hinbekommen werde; wahrscheinlich nur nicht mehr hier in Catania direkt. Es würde auch zuviel Zeitaufwand kosten, denn übermorgen bereits flieg ich schon wieder zurück. Da mag ich meine letzten zwei hiesigen Tage nicht im Zimmer verbringen unter Ausschluß sozusagen der Welt. Ich bin ja doch, trotz allem, sehr sehr gerne hier, gehöre hier, spüre ich wieder, quasi hin — und die Tumorschmerzen – abgesehen von den komplett zerblasten Fußsohlen, die wohl eher nicht –hätte ich in Berlin genauso.

Ihr ANH,
der jetzt die Tage bis zur OP zu zählen anfangen kann: Tag 12 vor der Enteinigung.

P.S.:
Sehr froh aber, selbstverständlich, bin ich darüber.

Vor Aqaba 2: Im Labyrinth der Zeit (ff). Der Morgen des dreiundachtzigsten Krebstags.

[صحراء النفود.Catania.Anderswelt, 7.10 Uhr
Zeitlabyrinth 21. Juli]

(Erzählung folgt)

“Mir steht ein Meer vor Augen”: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich “Vor Aqaba”, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur”bereinigung” als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. “In aller Regel”, hat mir die Durimeh gesagt, “gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.” “Wahlheimaten auch.”
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein “Sozialkonstrukt“. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: “Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.”
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: “Leg dich, mein Rih.”
Nochmaliges Schnalzen, “‘k-‘k-‘k”, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

Kreise der Chemie ODER Die verschlungenen Grenzen der Zeit: Aus der Nefud, Phase 4 (Tag 13).

 

 

 

[Arbeitswohnung/صحراء النفود
14.30 Uhr. 73,8 kg
Malipiero, Sinfonia No 4]

 

Da hat sie jetzt →  gut höhnen … Ich will das aber gar nicht kommentieren, sondern “einfach”, Freundin, erzählen, wie eindringlich die Durimeh uns warnte: – daß wir auf keinen Fall durchreiten dürften. – Noch gestern abend war sie auf einer blitzschwarzen, hochnervösen Araberstute in unser Lager geprescht, um mit Faisal eine ziemlich heftige Auseinandersetzung zu führen, von der ich aber nicht nur des arabischen Dialektes wegen wenig mitbekam, sondern weil ich diese klanglich schöne Sprache doch insgesamt nicht mal stümperhaft, also schon gar nicht be”herrsche” (“befrouwe”); und die beiden sprachen zu schnell, um den akustischen Übersetzer meines Ifönchens mitlaufen zu lassen. Worum es ging, erfuhr ich deshalb erst später, da hatte sich die Durimeh bereits zur Nacht zurückgezogen.
Vorausgegangen war der leider fälschlicherweise erleichternde Befund, es sei von Liligeia gar nichts mehr zu sehen; ich →schrieb es Ihnen vorgestern. “Sie können doch diesen Unfug nicht geglaubt haben!” so nehme ich an, daß es die Durimeh meinem Arztfreund vorgehalten hat. Ja, sie verstehe schon, daß man sich in unserer Situation auch an Strohhalme klammert, die verstopft sind – also daß womöglich ich es tue, so wie Patienten in innerer Not sogar zu Heilerinnen und andren Scharlatanen, die freilich ihre -Innen wie alle andren Sparten hätten, pilgerten, um sich Hoffnung zu holen und dann nach Strich und Faden ausgenommen zu werden; Todesgewinnlerinnen seien das, mit ihren Bachblüten und handauflegendem den-Krebs-aus-dem-Leib-ziehen. Nur daß ich mich in Not gar nicht fühle, schon gar nicht einer inneren, sondern nach wie vor zuversichtlich bin. Doch gebe ich zu, der irrende Befund der Radiologin hat mir ein Gefühl des Triumphes verschafft, das fast alle meine Freundinnen und Freunde teilten, die davon erfuhren. Nur लक्ष्मी ist von Anfang an skeptisch gewesen. Und wie sich gestern nacht herausstellte, war es eben sie, die Marah Durimeh informierte. Keine Ahnung, woher sie ihre Adresse hat. Als ich sie anrief und fragte, gab sie fast achselzuckend zur Antwort, ‘man kenne sich halt’. Und die Durimeh reagierte quasi sofort, warf der Stute nur eine Decke über, schwang sich selbst darauf und galoppierte also los.
Wir konnten Li dann alle gut erkennen. “Hier”, so Matthias Biebl, “diese dreieckige Fläche, das ist sie.” In ihrem Billet hat sie, Li also selbst, genau dorthin dieses fiese Emoji geklebt:

Wir saßen, लक्ष्मी und ich, im Besprechungszimmer des Virchowklinikums der Charité.
Ja, der Tumor sei kleiner geworden. Jetzt aber müßten wir eine dreiwöchige Pause einlegen, um die Zytostatica sich abbauen zu lassen, also, ganz wie es mir auch von anderen Seiten schon gesagt worden war, den Körper wieder zu entgiften. Was ich nicht verstanden hatte: “Dann kann sich die Krebsin doch wieder erholen und doch noch zu streuen anfangen …” — “Nein, eher nicht. Sehen Sie, die Chemo bleibt ungefähr vier/fünf Wochen lang im Körper, verliert sich dann erst. Operieren wir früher, gefährden wir den Heilungsprozeß, weil er genau das braucht, was die Zytostatica attackieren: schnell wachsende Zellen.”
Das nun war einsehbar. Wäre es nach Marah Durimeh gegangen, hätten wir die Nefud jetzt sogar ganz zu verlassen. Doch wie dann wieder nach Aqaba kommen? Zumal bei der jetzigen Grenzsituation, in der es zwar theoretisch möglich wäre, nach Ägypten hinüberzugelangen, um dort nach eine Tauchzentrum zu suchen und vor der OP ein paar unterseeische Exkursionen zu unternehmen. Mir ist doch das Rote Meer ein noch gänzlich neuer Tauchgrund. Aber wir müßten ein Boot nehmen, da der Weg über Eilat aus nahostpolitischen Gründen völlig unpassierbar ist. Zum anderen, ich erzähle es, glaube ich, schon, kann ich mir nicht vorstellen, daß mir Faisal die wieder nötige medizinische Tauchbefähigungsbescheinigung ausstellen würde, selbst wenn ich ihn anbettelte – was sich aus Gründen des Stolzes ohnedies verbietet. Also was tun? Drei Wochen Wüste ohne Wüste … oder Durch die abnehmende Wüste reiten …  (wie der Mond abnimmt) … — “Die Zeitgrenzen nutzen”, sagte Marah Durimeh. – “Zeitgrenze?” – “Es gibt nicht nur Mauern des Raums. Es gibt auch Labyrinthe aus Zeit. Ich kann Euch eines weisen. Haltet Euch darin auf, bis es soweit ist, daß Ihr weiterziehen könnt. Aber Ihr müßt genau achtgeben, wo Ihr dann jeweils seid. Verirrt Ihr Euch, gibt’s niemals wieder ein Hinaus. Aber Ihr könnt an ein Meer Eurer Wahl, Ihr könnt ins Gebirge, könnt sogar, wenn Euch danach ist, auf den Mond, auf den Jupiter. Selbst andere Planetensysteme stünden Euch offen. Entfernungen spielen in Zeitlabyrinthen keine Rolle, weil sie ja selbst aus nichts denn Zeit erschaffen sind. Genau darin verbirgt sich aber eben auch Gefahr: Bleibt Ihr zu lange drin, sind draußen tausend Jahre vergangen, doch für Euch selbst warn es vielleicht paar Wochen.”
Sie habe ihm, also die Durimeh, eine Karte aufgezeichnet, der wir morgen folgen sollten. Sie selbst, meine Akupunkturen wegen, werde einmal wöchentlich vorbeischauen; sie habe eine — ja, genauso drückte sie sich aus — “Dauerkarte” für das Labyrinth. Bei Zauberinnen ihrer Gilde sei das normal, ungefähr vergleichbar unseren Saisonkarten fürs Freibad. Sie seien, ihre Profession, auch nicht ungefähr so gefährdet wie wir. — Ein weiterer Vorteil seien die Zeitlabyrinthen eigenen Bioports zur jeweils (sie benutze das folgende Wort aber nur unter Vorbehalt) Realität; wenn wir uns heute beeilten, bestünde nahezu Gewißheit, daß ich morgen meinen Termin im Sana-Klinikum wahrnehmen könne, um mit Michael Heise, gegebenenfalls meinem dortigen Chirurgen, das Zweitgespräch wegen der Operation zu führen – noch ist ja nicht heraus, wo in Aqaba ich mich operieren lassen werde. Zwar, ich hab bei Googlemaps schon ein wenig geguckt, aber schwanke doch noch sehr. Wobei ich für Lis und meine Vereinigung eine Moschee höchst angebracht fände. Sexualität ist Religion, lebendig; ein Beischlaf Gottes-, präziser: Göttinnendienst, die Körper selbst sind Tempel:

Alleine so nun magst Du Göttin
von einem Gott den Sohn empfangen –
im Tempel, der, gebenedeit, Béart,
Dein Leib seit je uns – Amen – war.
Die Brüste der Béart, → XXVIII (Entwurf)

Vielleicht nicht Faisal, der zu patriarchal geprägt ist, aber Marah Durimeh versteht das; immerhin habe ich den Instinkt, daß Faisal es ahnt. Deshalb widersprach er nicht und akzeptiert, wie es aussieht, sogar das Zeitlabyrinth, das allerdings schon seinem Wüstenwesen nicht unvertraut sein dürfte:

Von glaubwürdigen Menschen wird erzählt (doch Allah weiß mehr), daß es in den frühesten Tagen einen König der Inseln von Babylon gab, der seine Baumeister und Magier um sich versammelte und ihnen auftrug, ein so verzwicktes und ausgetüfteltes Labyrinth zu bauen, daß die klügsten Menschen nicht wagen sollten hineinzugehen und die hineingehen würden, sich verirren sollten. Dieses Werk war ein Ärgernis, denn die Verwirrung und das Wunder sind GOtt vorbehaltene Handlungen, nicht aber den Menschen.
Als die Zeit verging, kam an seinem Hof ein König der Araber, und der König von Babylon (um der Einfalt des Gastes zu spotten) ließ ihn in das Labyrinth hineingehen, wo er erschreckt und verwirrt bis zum sinkenden Abend umherschweifte. Da erflehte er GOttes Beistand und fand die Türe. Von seinen Lippen fiel keine Klage, doch sagte er zu dem König von Babylon, in Arabien habe er ein anderes Labyrinth, und wenn GOttes Wille geschehe, wolle er ihn eines Tages damit bekannt machen. Dann kehrte er nach Arabien zurück, sammelte seine Hauptleute und Gemeindeobersten und verwüstete die Ländereien Babylons unter einem derart günstigen Stern, daß er ihre Festungen schleifte, ihre Leute aufrieb und selbigen König gefangennahm. Er schnallte ihn auf ein schnelles Kamel und brachte ihn in die Wüste. Sie ritten drei Tage, da sprach er zu ihm: “O König der Zeit und der Beständigkeit, du Inbegriff des Jahrhunderts! In Babylon wolltest du mich in einem Labyrinth aus Bronze verderben, mit vielen Treppen, Türen und Mauern; jetzt hat es dem Allmächtigen gefallen, daß ich dir meines zeige, wo keine Treppen zu ersteigen, keine Türen aufzustoßen, auch keine ermüdenden Gänge zu durchwandern sind und wo keine Mauern dir den Weg verlegen.”
Jorge Luis Borges, Die zwei Könige und die zwei Labyrinthe
(Dtsch. v. Karl August Horst)

So rasten wir denn heute, bevor wir in das andere, das Labyrinth der Zeit aufbrechen werden, das uns die verbleibenden drei Wochen aus- und bitte erfüllen möge, ohne daß ich etwa auf meine Abendspaziergänge und anderes mir Wichtiges verzichten muß, das mir guttut und Liligeia vielleicht ein wenig mildert. Der ich im übrigen → ihre Schadenfreude von ganzem Herzen gönne. Soll sie sie genießen. Sie täuscht nämlich ganz genau so, wie meine Lilly meinte, daß ich getäuscht worden sei. Tatsächlich haben die Zytostatica aber bewirkt, was sie bewirken sollten. Da kann mich ein ohnedies Wunder, weil es halt ausblieb, wirklich nicht enttäuschen.

Ihr ANH
[Malipiero, Drittes Klavierkonzert]

P.S.:
Höchst unklar allerdings wird der mir soeben vergegenwärtigte Umstand bleiben, daß sehr betonten Katholiken mein Ribbentrop höchst wichtig ist, und wie. So jedenfalls in José Garcías Artikel zu Yul Brunner → in der katholischen DIE TAGESPOST. Das versteigt sich bis in die Formulierung, das “postmoderne Pasticcio sei laut Herbst/von Ribbentrop nicht nur ein locker eingestreuter Scherz für Cineasten”.

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