In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweihundertfünfundzwanzigster bis zweihundertfünfunddreißigster bis Tag.
Vierte Serie, zwölfter Tag:
Das bleibende Thier

|| Zwölfte Bamberger Elegie ||

[Meine → Vater-Elegie, deren videografische Interpretation
aus technischen Gründen höchst kompliziert war. In film-
handwerklicher Hinsicht ist auch sie sicherlich noch nicht
perfekt; künstlerisch indes bin ich zufrieden. Nach nahezu
vier Monaten Arbeit wurd es ja wahrlich auch Zeit, sie
endlich online zu stellen.
ANH, 22. November 2021]

 

ACHTUNG! Das Video startet bei Minute 8,02, was ich erfolglos zu ändern versucht habe. Also bitte erst auf 0:00 zurückstellen. ANH, 24.11.21, 20.15 Uhr.

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

Arbeitsjournal, versucht am Morgen des Donnerstags, den 14. November 2019. Lolita 1 darinnen (Nabokov lesen 3).

 

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als Einzige in die andre,
das ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht.”
Elfriede Jelinek (zum Nobelpreis für Peter Handke)

[Arbeitswohnung, 7.50 Uhr
Morgencigarillo bei erstem Latte macchhiato
Luigi Dallapiccola, Ulisse]

Nachdem bereits die FAZ >>>> über Bibliotherapie erzählte, schiebt die NZZ >>>> nun nach. Bei mir jedenfalls, >>>> mit Nabokov, hilft sie; ob es bei düsteren Texten auch so wäre, wie die erste der beiden Zeitungen meint, weiß ich nicht, wohl aber, daß meine Mutter, als ihr zweiter Mann über Wochen, ich muß es so sagen, verreckte, in Stephen King eine Art Erlösung fand. “Es geht n o c h schlechter”, in diesem, nun jà, Sinn. Bei mir ist es nicht die Thematik, wenigstens nicht vorwiegend, sondern die Schönheit mancher Ausdrücke und Satzkonstruktionen und die ausgefeimte, hinreißend virtuose Konstruktion der Romane-selbst. Es sind halt Romane; ich hatte mir schon fast abgewöhnt, an so etwas zu glauben. Wirklich gute Romane zu lesen, beruhigt, ja sediert mich – weit mehr als irgendeines der Medikamente konnte, die ich nun allesamt abgesetzt habe.
Romane zu lesen, aber eben nur, wenn es wirklich gute sind, schafft eine gesunde Distanz, wirft den Schein einer betrachtenden, teils mitfühlenden Objektivierung in die Seele, darin ähnlich guter – das heißt immer: komplexer – Musik. Wie gestern abend Dallapiccola, und heute früh, wie vorher Frank Martins späte Oper nach Shakespeare “Der Sturm”.  In mir zeigt eine ähnliche Wirkung interessanterweise religiöse Musik, und zwar egal, ob Imrat Khans teils meditative, teils expressionistisch ausbrechende Surbahar, ob christlich dramatisch bewegter oder nur der schwebende Choral der Gregorianik. Wobei es hier auf die Wörter nicht ankommt, ebenfalls interessant. Bei Nabokov k o m m t es auf die Wörter an, und die Sätze.
Mein zur Zeit unentwegtes Lesen stellt nicht meine Arbeitsfähigkeit wieder her – oder vielleicht doch? schriebe ich sonst fast unversehens dies “Arbeits”journal? -, aber nimmt mir das Elend, nicht anders als die Ferne tat, eine nahe Ferne freilich, als ich sie in Innsbruck und Bozen durchschritt. Dort kam die Sonne dazu sowie, beim Überfahren des Brenners, ein enormes Schneetreiben, das gegen das Grau des Himmels geradezu strahlte. Und dann, in Bozen, dieser Kakibaum! (Ich pflückte vor der Abfahrt drei der Früchte, die nun auf meinem Mitteltisch in einer flachen Schale reifen). Zehn Schritte von den, sofern kernlos, Sharons weg hingen teils schon aufgeplatzte Granatäpfel an den vielen Armen ihrer Mutter, und all das Idyll eingesenkt zwischen darüber hinleuchtenden Bergen voller Rebentrassen, und ganz darüber schneegleißend Gipfel.
Auch zu reisen erlöst, wenn auch nicht für lang. Zurück in Innsbruck unternahm ich bei ebenfalls leuchtender Sonne einen Gang zur Hungerburg hinauf und ins Abendrot hinunter. Da ist dann alles weit weg, die Herznot, das Vergebliche der Arbeit, Ignoranz, Mobbing (:wie man heute sagt), Erfolgslosigkeit. Da ist nur noch Luft, von der es gut ist, daß sie kühlt; man muß ja nur den Mantel enger um sich schnüren. Daß ich nicht ganz in Topform bin, sei dabei dahingestellt: Ziemlich schnell fing ich während des Aufstiegs unter meinem Hut zu schwitzen an, nahm ihn demzufolge ab und trug ihn bis fast ganz zum Schluß in der Hand. Erst als, in der schnellen Dämmerung, die Kälte schärfer wurde, fand er den Weg zurück auf mein Haupt.

*

Mein unguter Zustand hat für Sorgen gesorgt, auch bei, ich sag mal, nahen Leserinnen,  nicht “nur” den Freundinnen, Freunden. Unbegründet waren diese Sorgen nicht. Allerdings scheint es mit Depressionen – ein für meinen Zustand an sich unangemessener Begriff, weil ich die Gründe meiner tiefen, ja, Schwermut kenne und auch bezeichnen kann -, allerdings also scheint es so zu sein, daß man einfach “durch”muß; es läßt sich quasi nichts tun, außer sie auszuhalten und Zeit darüber vergehen zu lassen. Und zu schauen (zu hören), was einem gut tut. In meinem Fall Musik (was viel ist; ich hatte Zeiten, in denen auch sie mich nicht erreichte) und … nein, nur “Literatur” zu schreiben, wäre falsch, denn es stimmt nicht bei jeder; vielmehr die speziell nabokovsche Romandichtung. Obwohl ich gerade im Spätwerk einiges aushalten mußte, denn Nabokov prahlt gern ein wenig mit seinem pekuniären Vermögen, also dem sich materiell niederschlagenden Welterfolg, der ihn jeglicher existentiellen Nöte enthob. Zudem ist er oft schwer arrogant, stets freilich durch eine “schiefe Spiegelung” seiner selbst nicht ironisiert, nein, sogar selbstgefeiert, doch eben auf Distanz gerückt. Aber auch, wenn ich diese Dynamik durchschaue, nimmt es nichts von seiner hohen, allerhöchsten Kunst. Es mag Autoren, und Autorinnen, von größerer Menschlichkeit geben – bessere indessen n i c h t. So hat es durchaus etwas nicht nur Beruhigendes, sondern mich meiner selbst gewiß Machendes, daß es eben auch so etwas gibt, in jedem Fall gab: jemanden, der zu Recht berühmt und eben auch begütert ist. Ich empfinde das wie einen Ausgleich: als etwas, das meine eigene Not objektiv ausbalanziert. So daß mir sogar Nabokovs wie auch immer verstellte oder maskierte Prahlerei gut tut, einfach aufgrund des so einfachen wie eben evidenten Gedanken, daß er ja – recht hat.
Dazu die Süße des bolzanoschen Kaffees, die kluge Zugewandtheit Markus Klammers, bei dem ich mich sehr bedanken muß (ich habe enorm viel über die Geschichte und Architekturgeschichte Bozens gelernt) sowie die innere Gewißheit beider Giacomuzzis, und ihr Engagement. “Du hast hier immer einen Ort.” Ähnliches sprach auch schon Cristoforo Arco aus, nur daß Wien momentan für mich tabu ist, für einige Zeit wohl auch noch bleiben wird.

Um wieder schreiben, also dichten zu können, muß ich allerdings meine Sinnlichkeit zurückgewinnen, gelebte Sinnlichkeit. Heute morgen zum ersten Mal der Gedanke, mich – im Wortsinn: notfalls – bezahlter Liebesdienste zu bedienen, auch wenn so etwas Kapitulation bedeutet. Vielleicht verliere ich aber nur eine Schlacht damit, nicht den ganzen Krieg. Vielleicht nützen auch Kapitulationen manchmal der Erholung und lassen dann doch noch gesunden. (Deutsches Wirtschaftswunder, keine Ahnung.) Ist auch nur eine Spielerei des Vorstellungsvermögens, zumal ich gar nicht wüßte, woher das Geld nehmen. Aber der Gedanke, mein ferneres Leben lang mich nur noch alleine aufs Lager zu legen, ist schaurig, stets alleine aufzuwachen und keiner andren Hand je mehr auf dem Leib zu spüren, um von Lippen sicherheitshalber gar nicht zu sprechen, und von der Zunge. In Sachen Sublimation war ich von jeher ein Trampel. Aber ich muß zurück in die Anbetung der Haut, weiblicher Haut, wenn ich die Béartgedichte fertig bekommen will, weiblicher Gesten und die Linie der Schultern zum Schlüsselbein hinab, oder schmaler gefährlicher Rücken, das Dreieck der gebliebenen Ansätze von Flügeln zum Punkt, da der Grat in die Gesäßfalte taucht. Oh diese Kette der Wirbel! Ich muß es unter den Fingerspitzen spüren, muß ihr streichend, streichelnd folgen, real,  nicht imaginiert. Nur dann finde ich wieder hinein.


Nun also “Lolita” zu lesen beginnen. Ich tat es vorher tatsächlich nie – wohl aus Abneigung gegen gehypte Bücher. Wenn “alle” sagen, etwas sei gut, steigt mir der Vorbehalt bis zur Hochwasserschwemme, und Deiche schütten sich wie die Nordkette Innsbrucks in mir auf. Da brauche ich dann einen Brenner. Wobei schon John Ray jun.’s solch einer ist, mit dessen Vorwort, das ich schon las, Nabokovs Roman beginnt: “Rein als Roman betrachtet, handelt Lolita von Situationen und Empfindungen, die dem Leser auf ärgerliche Weise unklar bleiben müssen, hätte der Autor ihren Ausdruck in blassen und platten Umschreibungen etiolieren lassen.” – Etiolieren!
Ich habe übers Moderne Antiquariat eine sehr schöne Ausgabe ergattert, in einem genarbtes Leder imitierenden Umschlag mit drinnen aber schönstem Satz auf so feinem Papier, daß sich die Seiten jeweils nur mit einem aufziehenden Rascheln umschlagen lassen, wenn sich ihre Kanten von der der Nachseite lösen – leider aber auch eine Ausgabe mit einem bösen Tattoo. Lesen Sie das, Geliebte, einmal:

“BILD präsentiert”, wirklich nicht zu fassen. – Ich werde es überkleben. Doch trägt das Buch n o c h eine Narbe: Als gäb’s nicht schon Entweihung genug, steht auf seinem Rücken ein Zitat Reich-Ranickis, noch kurz vor der Hölle daraufgespritzt (der Machtmann verstarb 2013, die Ausgabe erschien ein Jahr früher). Auch hier werde ich eingreifen und versuchen, es mit schlackeschwarzem Edding auszulöschen. Möge man Namen und Geifer vergessen.

>>>> Nabokov lesen 3 (Lolita 2)
Nabokov lesen 2 <<<<

Doch anderes ist de facto zu tun, drängt, m u ß erledigt werden, nämlich die Ghostwritingtexte. Hier harren wieder fünf Tonfiles ihrer Verschriftlichung. Das ist Fleißarbeit. Aber selbst sie sperrte sich bislang gegen mich ab. Das Vergeblichkeitsgefühl flutete auf, wenn ich auch nur zu tippen versuchte. Hätte ich nicht zugleich derart viele Ideen, es könnte angenommen werden, daß ich “ausgeschrieben” sei. Bin ich aber nicht. Ich bekomme nur nicht den Steg über den fließenden Lehm, der mich von der Zuversicht trennt, es habe auch Sinn, noch zu schreiben. Dazu die nur noch unter Mühen hinuntergedrückte Angst vor dem Alterselend: ökonomisch in Armut, und das Alleinsein des Körpers. Wobei ich mir dessen sicher bin, daß, gäbe es für meine Bücher die ihnen gebührende Anerkennung – es muß gar kein Ruhm sein, Achtung würde völlig genügen -, das ganze Problemfeld gar nicht existierte, oder nur gelinde und also gut parierbar: sowohl finanziell als auch als Mann. So aber bleibt es, Geliebte, bei Ihnen – als dem vagen Gespinst der dünne gewordenen Einbildungskraft
Ihres

.

[10.54 Uhr
Karl-Heinz Stockhausen, Refrain für drei Spieler]

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