Das Arbeitsjournal des herrliche 36-Grad warmen Sonntags, den 19. Juni 2022.

[Arbeitswohnung, 12.05 Uhr
Britten Phantasy op. 2 for oboe and string trio (1932)
Eigentlich ist seit – seit ich herausbekommen habe, daß die Überarbeitung der Triestbriefe, anders als bislang gehalten, weil ich fälschlich dachte, Musik störe meine sprachliche Konzentration – gestern vormittag Streichquartetttag, heute mithin der zweite. Tatsächlich, während ich sie umschreibe, bzw. korrigiere, hilf Musik aber, sogar sehr – ebenso wie beim Schöpfzungsprozeß selbst. Erst danach, wenn ich die korrigierten Seiten kontrolliere, ist Stille angesagt. Dies macht meine Arbeit nun sehr angenehm. Denn gestern kamen von meiner Lektorin die ersten 180 (von 397) Lektoratsseiten der “Verwirrung” an, und für die gilt nun, daß Annahme oder Ablehnen der Lektoratsvorschläge und erst recht, was bislang dreimal nötig war, die komplette Neufassung von Satzsequenzen mir mit Musik besonders gut von der Hand geht. Jedenfalls habe ich mich heute ab sieben Uhr schon drangesetzt und komme prima voran. Ich will jeweils die erste Hälfte eines Arbeitstages darauf verwenden und in der zweiten zu den Triestbriefen zurückkehren. (Das satzfertige Typoskript der “Verwirrung” muß spätestens am 27. Juli bei Elfenbein abgegeben sein, damit das Buch noch rechtzeitig zur Frankfurtmainer Buchmesse dasein kann.)

Also die Streichquartette. Begonnen habe ich mit Mendelssohn opera 13 & 80 und seiner Schwester Fannys in Es-Dur (alle drei, in der Einspielung des Quatuor Ebène, Trouvaillen), gefolgt von Hindemiths Quartetten 1 bis 5 (Sonare), nach denen ich zu allen dreizehn höchst packenden 1 bis 15 überging (der 15 lauschte ich heute früh gleich zweimal nochmal) und schließlich zu Schnittkes vier Quartetten überging (Kronos). Nun ist grad Britten dran, übrigens auf Vinyl (Endellion), dessen besonders drittes Streichquartett wie aus mir selber singt. Was meine Identität mit dem Romantext enorm steigert, so sehr, daß ich nicht selten denke, in seinen Bearbeitungen wahrscheinlich rhythmische Strukturen dessen einfließen zu lassen, was ich gerade höre. (Deshalb muß der Korrekturgang dann unbedingt o h n e Musik sein.)
Danach stehen die Streichquartette der Zweiten Wiener Klassik (Berg, Schönberg, Webern) auf dem Programm (LaSalle, ebenfalls Vinyl) sowie sämtliche bisherigen von Wolfgang Rihm.

Aber ein bißchen Unfug treibe ich dennoch immer mal wieder, etwa bei Instagram:

(Neben dem Foto eine Erklärung, auch für deren Formulierung ich mir Zeit nahm:)

So sieht ein elegant gebundener Merowingerknoten aus. Daß er seinen Namen nach der gleichnamigen Figur aus “The Matrix reloaded” habe, ist eine Legende; er war nur zuvor nicht sehr bekannt – auch weil etwas knifflig zu binden. Tatsächlich wurde er als “Ediety necktie knot” in den Zwanzigern erfunden; der Jugendstileinfluß ist so unverkennbar wie die erotische Organik, auf die dieser edle Knoten anspielt.

Von sich aus erkannte bislang nur die Löwin diese ‘erotische Organik’: “Aber das ist doch..!”, rief sie laut in Whatsapp aus. “Na, das kann ich mir vorstellen, daß du diesen Knoten liebst!” — Sie werden selbst drauf kommen, Freundin, Ihnen muß ich nichts verraten.

*

Dennoch, die massive Arbeitsmenge hin und her, hinausgehen an diesem meine-Temperaturen-Tag will ich heute unbedingt, und sei’s nur für eine Stunde Spaziergang. Ich hoffe nur, die THC-Tropfen schlagen nicht allzu heftig durch; ich habe sie vorhin eingenommen, weil ich mal wieder keinen Appetit hatte und nur wenig runterbekam, was blöd ist, weil das ganze Kilo, daß ich begeisternderweise zugenommen hatte, schon wieder weggeschmolzen ist. Nach wie vor muß mein Gehirn da sehr aufpassen – neben der blöden Neuropathie in den Füßen das einzige, was nach der OP noch nervt.

Ihr ANH

 

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