Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

 

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
France musique contemporaine:
Anthony Payne, The Stones and Lonely PLaces sing]

Noch nie so viele Corona-Tote in Berlin
an nur einem Tag

titelt der heutige Morgenbrief der Berliner Morgenpost. Insofern wundert

es mich kaum, wenn die Zugriffszahlen → dafür mit in zwei Tagen nahezu 1500 geradezu durch die Decke gingen. Derweil ich weiter mit meiner Steuer, aber auch mit einem Covid19-Abstrich → im Sana beschäftigt war, der rein unnötigerweise vorgenommen wurde, weil nicht dran gedacht worden war, daß er vor der stationären Aufnahme nicht älter als achtundvierzig Stunden sein darf. Hätt ich auch selbst drauf kommen können, so einsehbar ist es. Immerhin kam ich drauf, daß vor der OP noch ein Arztgespräch wegen der Anästhesie geführt werden muß, aus juristischen Gründen; worum es geht und welche Risiken es gibt, weiß ich doch gut.
Also nach dem CT nochmal zurück zum Aufnahme-Empfang, nachgefragt und — Ecco! Nun am kommenden Montag die Coronastäbchen erneut in den hinteren Rachen und in die Nase knapp unterm Gehirn sowie die Aufklärung durch den oder die Anästhesistin. Hübsch, wenn man genau sein möchte, aber auch flüssig, so daß der Anästhesistin dabei herauskommt. Das gefiel mir so gut, daß ich nicht nur sofort nach der Rückkehr den seit vorgestern abend in langer kühler Führung fermentierenden Teigling in den Backofen schob, aus dem er dann so herauskam:

 

Sondern auch sofort mit dem Krafttraining an dem fest in der Decke installierten → Slingtrainer anfing, da ich vom Radfahren eh noch warm war und es draußen, um mit dem TRX-Band in den Thälmannpark zu gehen, schon zu weit hinab mit der Sonne ging; bereits früh berührt sie jetzt die Riste der Dächer, hinter denen Wärme und Licht dann verschwinden. Im Dämmern bereitet es vor allem dann keinen wirklichen Spaß, an frischer Luft zu trainieren, wenn diese Frische bereits etwas scharf ist — so geradezu schlagartig kühl geworden, daß sie beim Einatmen sogar schon etwas beißt. Außerdem war danach, und nach der Dusche, gleich wieder am Schreibtisch, um mit der Steuer weiterzumachen. Unterdessen bin ich – für 2019, wohlgemerkt – bei den Reisen. Es ist wie aus einer anderen Zeit. Reisen, Freundin, reisen zu können! Es war doch stets eine Grundlage meiner poetischen Arbeit und somit auch meines Lebensunterhaltes. Vorbei. So wird die Erstellung dieser Steuererklärung zu einem auch melancholischen Akt, einem leiser Trauer. Daß er überdies mit meinem Eintritt ins Rentenalter zusammenkommt und unten drunter → Liligeia stets mitläuft, auch wenn sie verging, macht es nicht besser; wobei es mit ihrem Vergangensein, siehe nächste Woche Mittwoch, ganz auch nicht stimmt.
Was stimmt denn schon noch?
Die Entkörperlichung von Welt wälzt sich voran. Ich kann im tiefsten an ein Ende dieser Coronakatastrophe nicht glauben, jedenfalls nicht in – nach Jahren gerechnet! – absehbarer Zeit.  Corona, das war einmal ein Wort für Heiligenscheine: Nun sehen wir ja, wohin uns der Monotheismus gebracht hat. Was wir hätten sein können, durchgestrichen. “In einer entkörperten Welt”, sagte ich gestern einer nahen Freundin in Facetime, “möchte ich nicht mehr leben. Es ist kein Platz darin für einen wie mich.” Wenn Gaga Nielsen → dort auch Vorteile im Tragen dieser Masken sieht, so finde ich das gutgesprochen. Zum Menschen gehören auch üble Gerüche, das ist gut und sehr richtig so und nirgends deutlicher wahrzunehmen als in Mumbai, einer Stadt, die eine Orgie aus Geruch ist —

… toll, übrigens, grad: György Ligetis Hungarian Rock für Cembalo von
1978, kannt’ ich noch gar nicht, läuft soeben bei, Link siehe oben,
France musique …

 

 

 

—, von den allerschlimmsten zu den herrlichsten, von Scheiße über moderndes Laub bis in die Höhen der Heiligen Rauche und die Geheimnisse magischer Parfumeur(e)s – manch eine Circe fürwahr. Aber eben auch nur denkbar, weil es Scheiße gibt, die auch so riecht, und Ausdünstungen der Körper, die uns in feinster, nämlich bewußt nicht wahrgenommener Dosierung um den Verstand bringen können und liebesrasend machen. Genau diese Dynamik, dieser Zusammenhang wird von der entkörperten, entkörpernden Moral zerstört. Und daran arbeitet Corona nun mit — man könnte in der Tat den Virus für einen bewußt erzeugten halten. Nein, ich tue es nicht, aber denke nach wie vor und verstärkt, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, der auswaschen soll und es wird und schon tut. Es ist in nicht-monotheistischem, sondern pantheistischem Sinn eine Sintflut, für die wir die Archen, die auf ihr schwimmen hätten können, und ganz wunderbar, mit eigenen Händen zerschlagen haben und weiter, immer noch weiter zerschlagen, indem wir lästern, → was wir sind:

Niemand war bei mir, nur der Vögel gezwitscherter Jubel
Sie trist aber drinnen, wie wenn sie weiter unentwegt fragte:
Würde nicht einmal noch ich | mir, an die Schönheit zu glauben,
erlauben, die wir Künstler stets gesucht:
                                                             – was werde dann aus ihr?

Und leiser, fast nicht hörbar: „… mir?“
„Nichts als Funktion, um die sich keiner plagte,
noch daß sich einer noch | nach seiner Muse sehnte,
weil die Verehrung Fraun, so heißt’s, entwürdigt.”

Grob war ihr Lachen, und verletzt, als sie da aufstand,
Jacke und Schal nahm und ging, während ich draußen
die beiden Kekse – mit mir allein und dem tschilpenden Spatzen –
jeden für sich von den Tellerchen nahm und zu Bröseln

rieb und die Krümel achtsam streute, woraufhin sich das Kerlchen
derart freute, daß es sich gleichsam, und enorm, vermehrte,
bis ich meinte, die ganze geflügelte Spatzkolonie

habe sich bei mir zusammengefunden: Sie saß
zwitschernd auf Stuhllehnen, Tischchen, ja selbst meinen Füßen
und hüpfte, des flatternden Lebens Gloriole, am Boden

***

So, zurück, meine Freundin, an die Steuererklärung, und auch die Musik werde ich wechseln: Verdi, Macbeth wahrscheinlich. Oder wieder Puccini. Ich will beim Rechnen mitsingen können.

ANH

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Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen “Chemo”s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für “mißlungene Musik” ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von “Stars” ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein “innen” noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die “äh”s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen “Neben”wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften “Erfolg”, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht “Sportlich, sportlich!” von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese “Kuratoren” Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich “schlimm” war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren “Neben”wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal “Gedanke” nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, “Griff”: “Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.”
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: “السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!” (“Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen”). “Ihnen”, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, “der Göttinnen Allerreichstes auch.” – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich’ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas “von drüben her” (sofern ich sein “من وراء” richtig verstand, “from over there” fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten (“like another ذَان from other minarets”). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart “allgemein” klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. “Sie meinen ‘göttlich'”, sagte er. “Ich meine: ewig”, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht “nur” ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise “böse”, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin (“Fleisch von deinem Fleisch”). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – “zum Mitnehmen” – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, “aß” nicht, sondern “futterte” es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum “Arbeitsversuchsjournal” noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, “Wahnsinns fette Beute”, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

Die krönende Phase des Anthropozäns
Ein Beitrag zur Erlösung vom Geschlecht

„Ein Nein ist ein Nein“, das ist wohl wahr.
Nur ein „Nein“ — ja wozu?
Das ist alles viel, viel, viel zu schwammig. Wir brauchen im Gegenteil „Ja“s, und zwar dezidiert, um handlungsfähig zubleiben. „Du darfst mit mir schlafen“ reicht da nicht, auch nicht mit Unterschrift, weil erstens zu „schlafen“ gar nicht gemeint ist und zweitens selbst das Gemeinte viel zu vielgestaltig, als daß es nicht einer Vertragsform bedürfte, die noch die abgelegenste Neigung präzise bestimmt oder ausschließt. Haben wir also auch hier vorm Kleingedruckten acht! Vor solcherart Täuschung sei darum sofort der Riegel geschoben:

 

[→ Quelle:auf Abbildung klicken]

 

Nur darf dies — schon in öffentlichem Interesse, vom Sozialen ganz zu schweigen — auf keinen Fall in privatunternehmerischen Händen liegen. Benötigt wird vielmehr eine ein für alle Mal gültige bürgerlich-rechtliche Form, einen Norm-, mithin möglichst europäischen Sexualvertrag, der sich aus deutlich benannten Inhalten aufbaut – am besten nach multiple-choice-Manier, sinnvollerweise in den Smartphones gespeichert. Dann wischen wir vor dem Verkehr nur noch durch die Sites, bestätigen hier, oder verneinen, und schließen den Vorgang mit einem Fingerprint ab. Es wäre dies – sagen wir’s vereinigungstechnisch angemessen: –  flüssiger als vierundzwanzigseitige Kontraktformulare, die man wie frau ja irgendwie mit sich herumtragen muß – je nach erotischem Temperament zuweilen oder dauernd. Denn kommt uns die Lust und Aussicht auf Erfüllung, muß die eineindeutige Bestätigung des Wunschpartners folgen, damit wir uns nicht strafbar machen. Für spontane Vereinigungen gilt das verschärft, etwa unter freiem Himmel. Gute Hotels allerdings, so ab der Klasse von vier Sternen, werden sich der Sachlage flugs einzufinden wissen und für ihre Klientel – von „Stammgästen“ möchte ich aus gendercorrecten Gründen nicht sprechen – die Ausdrucke immer bereitliegen haben. Praktischer- wie eleganterweise ist dennoch (→ Legalfling) das Smartphone vorzuziehen, und sowieso aus Gründen des Mainstreams. (Ich erinnere mich sehr gut an Zeiten, da, meinem Opa vom Büdchen Bier zu holen, noch nicht den eigenen Alkoholismus nach sich zog, wie es heutzutage klarerweise der Fall ist.)
Tatsächlich dürfen wir den Umfang der koitalen Verträge nicht unterschätzen. Nicht nur die direkte Penetration steht doch zur Rede, bzw. in der vertraglichen Pflicht. Da Menschen auf verschiedene Praktiken verschieden gestimmt, gar einigen bitter vergegnert sind (bisweilen bereitet bereits Orales Probleme, die durchaus faktisch – etwa mit dem Würgereiz – begründet werden können, um von analen Vereinigungsformen schon aus Vorsicht zu schweigen … ich deute hier nur Faserrisse an), unterliegen sie erst recht einer Zustimmungspflicht. Dabei zeigen uns schon die klassischen Lehrtexte zum erotischen Umgang, wie komplex die Möglichkeiten sind – alleine sieben Bücher Kamasutra (Das sind die heißesten Stellungen, brigitte.de), dazu der wahrlich Blühende Garten des Scheiches Nefzaui. Von härteren „Spiel“formen spreche ich besser erst gar nicht, erfaßt aber müssen sie unbedingt werden.
Was also ist erlaubt? Allein dessen Ausarbeitung hat einigen – auch volkswirtschaftlichen – Nutzen. Denn es geht ja auch darum, so zu formulieren, daß nicht schon da, nämlich unbedachter Wortwahl halber, traumatisierende Verletzung erfolgt, und zwar lange bevor sie praktisch an die Tür pochen kann, an die entsprechende Öffnung mithin, ob Ohr nun oder da unten. Hier müssen Spezialagenturen her, PR in allgemeinverständlicher Sprache, dabei geschlechtsausgewogen und selbstverständlich psychologisch beraten. Für, grob skizziert, zum Beispiel folgende Fragen, respektive Genehmigungen:

[Nichtzutreffendes bitte streichen]
* Sie dürfen mich in das Ohr | den Schenkel | usw. beißen
* Sie dürfen meinen Arm | Kopf | Po | … | anfassen / küssen / *** [jugendschutzhalber zensiert]
* Sie dürfen mir Ihr *** in den/die/das ***
* Sie dürfen / dürfen nicht unflätige Sätze zu mir sagen („Mach mir den Gibbon/Glühwurm/Esel“ / („Laß mich dein Badewasser schlürfen“ usw.)

[Nichtzutreffendes bitte streichen]

Ja überhaupt muß schon die spezielle Terminologie festgelegt werden, die während des Aktes Anwendung findet, wenn denn gesprochen werden soll/darf/wird. Nämlich auch hier lauern schlimmste, seelische in diesem Fall, Verletzungsgefahren, zumal wir bestimmte Körperteile nicht mehr mythisch erhöhen dürfen, erst recht nicht sentimental – stellt doch die erotische Projektion schon selbst Mißachtung der Partnerphysis dar, ja begründet ihren Mißbrauch. Es gibt für zum Beispiel den organischen Apparat der Milchdrüsen oder gar den Empfängnisvorbereich schlimme Bezeichnungen, die zu mehr als nur Verstörung führen können, andererseits deren Fehlen in gewissen Phasen der Erregung eventuell vermißt werden würde (dirty talking). Die Frage ist tatsächlich brennend: Soll auch ein Fehlen strafbar sein?
All das durchzugehen, braucht für die Partner deren Zeit, sagen wir zwei Stunden. Die allerdings das Vorspiel, dessen Mißachtung grad oft die Weiblichkeit beklagt hat, zu ungeahnter Geltung kommen läßt. Nun – weil besonders junge Leute gern vermittels ihrer Handys flirten, einander gegenübersitzend im Café – vollzieht es sich ganz auf der Höhe des Mainstreams. Überdies liegt der Vorteil in einer gewissen Pragmatik. Wie ökonomisch wird mit einem Mal alles! Geradezu von konzentriert läßt sich’s sprechen. Niemand muß mehr täppisch erkunden, ob mit den Fingern, ob mit dem Mund, was die und der Begehrte mag; man hat’s gleich schwarz auf weiß. So ist der Irrweg ausgeschlossen – der eben auch vermieden werden muß, weil sonst die Strafanzeige folgt – und à propos (gegebenenfalls ist diese sowieso klar): Verträge fallen unters Zivilrecht. So daß jenem auch ein Prozeß wegen Vertragsbruchs folgte, notwendigerweise, verbunden mit Klage auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Rechtsanwaltskanzleien erschließt dies Einnahmequellen, die abermals das Bruttosozialprodukt unserer Volkswirtschaft steigern. Fürwahr, die Gendercorrectness ist ein signifikanter Posten des Markts.
Bislang wurde gerade dieser Aspekt nicht gebührend ins Auge genommen – daß wir uns nämlich in einer tatsächlich so fortschreitenden Emanzipation befinden, um Hand in Hand mit der Marktwirtschaft endlich Genesis 1,28 erfüllen zu können. Damit ist die Gendercorrectness eine Befreiung beider Geschlechter und nicht „nur“, wie reaktionärer Machismo gehässig es sieht, eine Feministinnenstrategie zwecks asymmetrischen Machtgewinns, sondern er trägt auch zur allgemeinen Wohlfahrt bei – zur Bildung ganz besonders. Denn wir lernen zu sehen, was ist: die Geschlechtsapparate als eben nur einen Teil – zumal, in solcher Nähe zum Anus, den unhygienischsten – unseres biologischen Körpers, der schließlich gerechterweise verwest (und dann ganz besonders zu stinken beginnt, anders als der Geist, den es rein als Seele zum Schöpfer hoch hinaufweht). Wir brauchen das erbärmliche Chassis unseres Leibes fast nicht mehr und müssen deshalb nicht länger einen Duft projezieren, wo in Wahrheit nichts als krude Miasmen (Abfallprodukte des Stoffwechsels mit allerlei, wie Schmieröl das Scharnier, entstumpfenden Sekreten), zudem durchweg infektiös und sowieso, bakteriell wie virös, äußerster Gefahrenherd.
Der Monotheismus sah es schon richtig: Solange besonders wir Männer solch ein Verklärungswerk taten, also das allem Geschlecht Unreine ikonografisch verstellten, blieben wir Tiere – als ob wir, wenn’s uns überkommt, an einer jeden Zaunecke schnüffeln. Erhöhung ist Instinktersatz. Jetzt aber, mit Queer „und alledem“ (→ Freiligrath/Biermann 1978) können wir uns darüber erheben mit dem Geschlecht als pur sozialer Konstruktion – als endlich freier nur noch Geist: trieberlöst in die Indifferenz.
Verträge wie die oben genannten helfen uns dabei. Wir werden wirklich autonom – und vielleicht vom Schlimmsten noch erlöst: daß Frauen unter Schmerzen gebären. Allein das viele Blut und auch hier die Sekrete, sogar Exkremente – widerlich! Da gegen steht die Correctness Hand in Hand mit der Gentechnologie – nicht um die Männer gleichfalls gebären zu lassen (was theoretisch denkbar wäre, wenn auch nur mittels Kaiserschnitt). Vielmehr müssen es die Frauen bald wirklich nicht mehr tun. So läutet das Ende der definierten Geschlechter als einer Tyrannei des Instinkts das uns erlösende Zeitalter ein. Wir wollen es das replikante nennen – und sehen’s als krönende Phase des Anthropozäns, die keiner Kultur der Sublimation mehr bedarf, noch der übel (→ „un admirador“) verklärenden Künste.

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ANH

Jan./Feb. 2020

 

 

Gender und Gentechnologie. Neue fröhliche Wissenschaft.

 

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Die genderpolitische Idealisierung eines hybriden Geschlechtes, also der moderne Hermaphroditismus, der die Geschlechterdifferenzen aufheben will oder zumindest sie verschmalt, marschiert im Schulterschluß mit der Gentechnologie. Beiden sind die organische Zeugung und Empfängnis nicht minder verdächtig als dem Monotheismus, der sie mit Schmerzen bestraft, die ‘unreine’ Geburt durch die Frau.
Frauen und Männer gehen zuende, und ein ins Korrekte korrigierter, neutraler Mensch erstehe, der g e i s t i g e Mensch: so lautete schon immer das eschatologische Credo, dessen Hebamm schon immer – – – ein Patriarch war.

[Aus der Überarbeitung der >>>> Paralipomena.]

Es ist ein bittres Flanat der Erotik

Was waren das noch für Zeiten! Du schlendertest über die Jungfernstiege, Ku’dämme, Kös, bummeltest an Straßencafés vorbei, deine Augenlider, an denen Sonnenschleier hingen, halb gesenkt, und überall saßen sie und träumten und wippten mit dem einen schlanken Bein. Dann eine junge Dame, leicht vorgebeugt, schimmernden Modetand im Roßkastanienhaar, den linken Rand eines aufgeschlagenen Taschenbuches streifen mehr, als daß sie es halten, matt lackierte Fingernägel. Und manchmal huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Sie schlägt eine Seite um. Du bleibst stehen. Ein neuerliches Lächeln. Da kannst du und willst auch nicht anders, als über deine Scheu ironisch zu steigen und näherzutreten. Schon schaust die junge Dame direkt an. Erstaunt sieht ihrerseits sie hoch. Und bevor sie sich belästigt fühlt – immer sollst du dezent sein, sei aber dennoch direkt! –, eh sie auch nur eine Frage im Blick hat, gestehst du ihr, sie sehe wunderbar aus, wenn sie lese. Und setzt dich. Und sagst: „Ich möchte gern mit Ihnen schlafen.”
Ach, wie sich das geändert hat! Einmal abgesehen davon, daß selten noch auf schöne Bücher schöne Blicke fallen – eher wirken die einstmals eleganten, lässigen Gesten, von denen Seiten umgeblättert wurden, nun hektisch, da die zuckendem Daumen an supergrauen Nintendos, nämlich Game Boys fummeln –, abgesehen hiervon geht die poetische Szene heut so:

Da sitzt solch Ersehnte, und du strengst dich an, den alten Reiz zu halluzinieren, was an sich schon, aber keine scheue Kraft mehr kostet, – trittst also heran – dezent darfst du auch nicht mehr sein, man vernimmt dich sonst nicht –, trittst heran und fragst: „Entschuldigen Sie, haben Sie heute schon Ihren AIDS-Test gemacht?“ Und wenn du es nicht fragst, so denkst du’s und hoffst es bei dir, was allen erotischen Reiz vollkommen desinfizieren muß. Du bist ja nicht naiv und weißt, die Alternative sei mitnichten, wie PIRELLI uns glauben machen wollte, Gummi oder Leben, sondern, denn so will es die Kirche, Erotik oder Rentenalter.
Oder stellen Sie sich folgendes vor: Du sagst: „ Ich möchte gern mit Ihnen schlafen“, sie indessen erwidert, wobei sie noch immer auf ihrem Nintendo herumdrückt: „Okay, haben Sie Gummis dabei?“ Da kommt man sich gleich als Professioneller vor, ja als … ich will es einmal „Kunde“ nennen. Und läßt die Sache lieber schon im Vorhinein fahren, nicht weil einem die Lust fehlte, nein, aus Gründen des Stils. Der Zauber, der seit je darin gelegen hat, Fremdheit, ja Distanz in einer plötzlichen, glühenden Nähe aufzuschmelzen, ist durch Aseptik gebrochen und also durch das, was vor vierzig Jahren „Ehehygiene“ hieß. Die hat sich nunmehr in Beischlafshygiene erfüllt, ist gänzlich zu sich gekommen, nämlich gesellschaftlicher Tatbestand, geradezu Tatsache geworden. Das ist für die Liebe im Wortsinn frustrierend. Frustra heißt vergeblich und frustra esse: „Man hat sich getäuscht“. Seit AIDS uns bedroht, täuscht man sich nur noch.

Kondome waren in den 50er Jahren eine Art schlechter Altmännergeruch (Arno Schmidt etwa schrieb, er benutze selbst beim Onanieren ein Präservativ), als zöge man dem Tier in sich, das es durch Liebeskunst zu schulen gilt, aus Angst vor schlechten Noten eine Plastiktüte über den Kopf. Nur keine Berührung, war die Devise. Unter deren Kuratel bracht’ man es halt hinter sich, und immer mit schlechtem Gewissen. „Ehehygiene“ war der Begriff, der Beschmutzung blocken sollte. In den 70ern vergaß man die Dinger allmählich; zwar wurde Eros nun von der Freikörperkultur attackiert, aber immerhin, mit ihr konnte einer spielen, – und bisweilen wurde ja gespielt. Schließlich „entdeckten“ Frauen ihre Sexualität. Nun warn sie nicht länger nichts als Objekte, sondern zunehmend wurde der Männerkörper interessant, das Maskuline (nicht das Väterliche!) erotisiert. Wenige Jahre zuvor hieß es noch, es komme nicht so sehr darauf an, wie ein Mann aussehe. Diese pfiffigste These des Patriarchats – eine perfide Karrieristenstrategie, sich vor Vergleichen zu schützen – war von den Frauen selbst, von vielen, und mit Nachdruck vertreten. Nun schlug das um, erst spürbar kaum, dann nahezu gewittrig, und plötzlich gab es wieder femmes fatales, „fatale“, das sind „verhängnisvolle“ Frauen, Frauen wie Schicksal. Fatal kommt von Fatum. Doch Schicksal aber für wen?
Diese Frauen – welch Lust, daß es sie gab! – machten den Männern nicht nur die Berufe streitig, nein plötzlich auch den Sex. Wen wundert es da noch, daß es zum AIDS kam? Zurück zum Kondom!, das heißt: Zurück in die Fünfzigerjahre!, ja: Zurück in den Biedermeier!, und also: Zurück in den Kolonialismus! Zurück in die Industrialisierung! Und: Zurück zur Macht! – Was konnte Machtmännern praktischer sein als der Virus? 
Ach, der Wähnungen sind viele!
Eines aber ist sicher, ist Wähnung nicht, sondern ganz offenbar: In Wirklichkeit schützen Kondome nicht oder wenig. Denn der  Virus lebt auch im Blut. Jeder Kuß, bei dem man sich nicht einen Gummi über die Zunge stülpt, bedroht uns am Leben. Die leichteste Wunde im Mund ist schon genug. Und nicht nur im Mund. Was denn hält die Biester davon ab, auch Lymphe und Schweiß zu besiedeln? Ist es eine Frage der Gewürze vielleicht? Des Buketts?
Plötzlich muß einer für die Liebe in Schutzanzüge für Allergiker steigen. Ein sinnlicher Weltkontakt soll nicht mehr sein, seit ihn auch die Frauen wollen. Wen kann noch irritieren, wenn der Statthalter des Patriarchats zu Rom, schon von Berufung kontaktlos und also kriegt er kein AIDS, seine Neue Zeit im Cyberspace gekommen sieht und sich die Männer, wieder ungefährdet im Selbstbild, neuganz dem Business widmen können, von dem das dauernde und lästige Vergleichen der Frauen sie abhielt und was sie sich mit Managermystik à la Gerd Gerken verbrämten. Ja welch ein Geheuchel!

Aber vielleicht ist alles ganz banal, vielleicht war AIDS von LONDON GEFÜHLSECHT in Auftrag gegeben, das Produkt an Äffchen getestet, die man danach, zur Feldforschung und um Spuren zu verwischen, nach Afrika reexportierte. Von wo der Virus aber nun den Großen Teich zurückübersprang, um sich, ganz im Geist des Monotheismus, über arme Schwule herzumachen. Es durchstrich ja einige Zeit lang als Fama die Länder, AIDS sei ein pikantes Problem, sozusagen eine Geißel der Widernatur. Glückwunschtelegramme gingen ein in Rom, das steh’nden Fußes reagierte. Um ein paar Silberlinge wurden Priester ausgeschickt, die, um ihre Schäfchen in die Enthaltsamkeit zu missionieren, märtyrerartig sich jeder Enthaltung enthielten. Man wird sie seligsprechen müssen: Wie dem Barock das Wasser sehr verdächtig wurde, weil in den freien Badehäusern der Renaissance nicht nur recht frei gebadet wurde – gastlichste Häuser der Syphilis –, so heute und endlich erneut das nutzlos vergeudete Sperma. Der Beischlaf habe die Zeugung zu meinen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, seines Partners AIDS-Abtestat.
W
as einen an all dem so weltschmerzig macht, ist ja weniger das Häutchen zwischen Dir und mir, das ließe sich liebeskünstlerisch schon sublimieren, – sondern es sind die Konsequenzen eines kategorischen Erotativs: Daß das Mißtrauen und die Distanz auf keinen Fall und nicht einmal für die Sekunde ihres höchsten Zusammenbruchs noch zusammenbrechen dürfen, was aber wesentliche Vorgaben jeder Verschmelzung ist und zur Gänze Aphrodites conditio sine qua non – und eben der Moment, da der Liebesakt eine religiöse Dimension annimmt und also die innigste Illusion, die wir kennen, sich grundsätzlich nicht mehr einstellen kann. Denn die Funktionalisierung hat nun – HIV HIV HURRA! – auch ihn ergriffen und säkularisiert. Der Beischlaf, dem es eben nicht auf den physiologischen Höhepunkt ankommt – sondern der wird zur gelebten Metapher – hat nunmehr den Charakter eines durchgehenden Selbstbewußtseins, das selbst nicht mehr durchgehen darf. Statt dessen ist Amor, der sich den ethischen Forderungen frech stets entzog, moralisch geworden, und Lust wird zu dem, was ihr widerstrebt: ein gesellschaftlicher Akt, an den sich Verantwortung bindet. Was Jurisprudenz, Religion und Schulausbildung seit Jahrhunderten vergeblich erstrebten, scheint nun AIDS zu gelingen. Auf Übertretung steht nicht Ordnungsstrafe, sondern das Grab. Das Kalkül der militärischen Abschreckung ist in den Kalten Krieg der Geschlechter mutiert.
Die Neue Krankheit, eine eigenwillig libidinäre Form postmoderner Prüderie, ergreift die Gemüter im selben Maß, da sich die Lust der Menschen an ihrer Physiologie, die feucht ist, auf eine Lust an der Elektronik überträgt, die nicht feucht sein darf. Die mechanischen Keuschheitsgürtel des Mittelalters vollenden sich durch Internalisierung. Der auch kirchlichen Hochzeiten wird es mehr und mehr, und schon haben unverheiratete Paare wieder Schwierigkeiten, eine gemeinsame Wohnung zu finden. „Sex ist nicht so wichtig“ wird zum Slogan, und anstelle sich hinanziehen zu lassen, arbeiten sich Zwanzigjährige hoch zu bruttosozialen Trägern von Millionen und Magengeschwüren. Der gefährlichste Begriff der Menschheitsgeschichte – „Reinheit“ –wird neuerlich zur Daseinsmaxime. Schon soll auch die Nation wieder sauber werden. Dieselben Interessen, die die Welt verschmutzen, verklappen und kontaminieren, wollen im gleichen Atemzug die Menschenseele reinigen von jeder Materialität. Das geht präzise zusammen. Das Spielrecht am fremden und am eigenen Körper, das die Pille etablierte – und die Pille für den Mann vielleicht bald gleichberechtigt hätte –, war endlich und total zu bändigen. Erotik ist Anti-Technik, Mißtrauen gegen Technologie so nötig wie gegen das Militär, das sie vorantreibt. AIDS indes kommandiert das Geschlecht in den Stechschritt. Nur ist dagegen so wenig Revolte möglich wie gegen eine Naturgewalt. Der Virus macht die Verhängung einer sexuellen Notstandsgesetzgebung ganz ohne öffentliche Empörung möglich. Mitläufer, wohin man blickt. 

Ach es gibt nichts mehr zu verlieren: Packen wir’s drum an! Noch hört man ja die Klage, es kümmerten die jungen Leute sich nicht genug um die Gefahr. Ist das nicht, als entwickelte die Welt eine Resistenz, die die verantwortungsbewußten und ethischen Würdenträger, die seit je die Welt so schaudern machten, schaudern macht? Wer sich gegen gegen Diktatoren erhebt, riskiert den Tod. Und wer immer meinte, er wäre, im Fall politischer Unterdrückung, mit ziviler Courage gesegnet, sollte nun venerische zeigen.
Ich jedenfalls will weiter über Jungfernstiege steigen und mag es mir nicht nehmen lassen, daß an irgend einer hübschen Treppe eine Schöne, die mich noch nicht kennt, schon ungeduldig meiner harrt – und wenn sie mich ansieht und verdammt noch mal nicht nach diesem Gummiding fragt, dann will ich’s, sofern ich eines bei mir habe, auch benutzen. Fragt sie aber, will ich mich lächelnd ihr verweigern und traurig meines Weges gehn.

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ANH, Mai 1995
Berlin

Aus dem Geiste der Musik: Der Film als Reduktion des Gemüths. Dschungelblätter Jg 1 Nr. 2, Germinal 1985: Nach Toscas Stich nämlich noch das!

[Erschienen in: DSCHUNGELBLÄTTER, Jahrgang 1 Nr. 2
Germinal
(21. März bis 29. April) 1985]

 

Der technologische Rausch wird bereitet aus Furcht vor der allzu nahen Nüchternheit. So verschränkt der Übergang der Oper an die autonome Souveränität des Artisten sich mit dem Ursprung der Kulturindustrie. Die Begeisterung des jungen Nietzsche hat das Kunstwerk der Zukunft verkannt: in ihm ereignet sich die Geburt des Films aus dem Geiste der Musik.
Adorno, Versuch über Wagner

 

Das dem journalistischen Schmock vermutlich idiotisch vorkommende Zitat ist bereits 1939 entstanden, – im amerikanischen Exil nämlich und mit Blick wohl auf Hollywood. Gleichwohl bezeichnet es trefflich, was sich nun in Europa vollendet: Nirgends schlägt sich Entfremdung so maskiert und also bedenkenlos durch wie in den Cineastenmoden, sei’s Muttermythos (Paris, Texas), sei es die möglichst ‘makellos’ verfilmte Oper. Noch die letzten Risse zwischen Publikum und Werk sollen verkittet werden, — die Zwischenräume nämlich, die einzig dem Denken noch Raum garantieren. Stattdessen möge EINhelligkeit sich herstellen und eben das zusammenbrechen, was übrigens schon Brecht nur scheinbar leisten konnte: die jeder Wertung nötige Distanz.
Kein Wunder also, daß in der zweimonatigen Filmreihe, die das Frankfurter Programmkino HARMONIE zusammen mit der OPER FRANKFURT im Niv
ȏse und Pluviȏse verunstaltet hat, eben jene Filme fehlten, die sich gegen den sich EINem »Publikum« andienernden Vorgang sperren: Godards Prénom Carmen etwa sowie des verhöhnten Syberbergs
Parsifal.
Gegen Godard, der ja nun seine sehr eigene Meinung übers Publikum hat, mag sich im Moment noch niemand wenden, um so befeuerter stattdessen gegen den geschmacklosen Deutschen, der eben, weil er des Landes heimliche Lieben so innig studiert, diese auch un-heimlich denunziert: Kitsch, Esoterik und Mystik – Paraphernalien des Neuen Deutschen Wirtschaftswunders – werden dermaßen offensichtlich ausgestaltet, daß davon angeblich freie Filme der Heuchelei geziehen sind. Um so heftiger also die Ablehnung: Kritik und Publikum – ohnehin nur scheinbar verschieden, nur daß jene zynischer ist – wenden sich belangloseren Streifchen zu: Sauras Carmen etwa oder auch Herzogs zwar tatsächlich schönem, aber deshalb dem industriellen Kulturwerk auch ungefährlichen Fitzcarraldo, und die besagte Schleimspur« zieht nicht jener, der die deutsche Mythologie konstelliert, sondern es sondern gerade sie sie ab, die sie qua Technik löschen lassen wollen. Im Nachhinein, als Fälschung.

Führen Sie diese Symphonie mit versenktem Orchester im nachtdunklen Raume auf – (zum Beispiel aus dem Off) – und lassen Sie im Hintergrund Bilder vorbeiziehen – (zum Beispiel auf der Leinwand) – und Sie werden sehen. alle Levis und alle meine kalten Nachbarn von heute, die das arme Herz durch ihre Nichtempfindung peinigten, sie alle geraten in Ekstase.

Dieser Satz des Arier-Ideologen H.S. Chamberlain ist wie für jene Industrie geschrieben, der es – etwa am Beispiel der ‘vollendet’ verfilmten Oper – auf EINdeutigkeit ankommt, d. h. auf die Identifikation von Publikum und Film oder – politisch betrachtet – von Individuum und Staat. Dahinter steht so deutlich wie kaum irgendwo sonst ein Moment der neueren Kunst, das zumindest gedankenterroristisch ist: ein ästhetischer Faschismus, der mit dem Monotheismus begann.
Es wird Syberberg vermutlich nie mehr verziehen werden, daß er eben dies illustrierte. Aber weil er es tat und obendrein das System denunziert – ein gefährlicher Nestbeschmutzer –, steht er mehr noch als Godard für die Möglichkeit einer emanzipierenden wie emanzipierten Oper, wie jener für die des entsprechenden Films. Nicht länger mehr kaschiert sich Illusion als filmische Realität, wird vielmehr selbst zum Thema der Oper und also — findet sie ‘im Kopf’ statt. Der rückt vom Publikum fort und nimmt es nur deswegen ernst.

Nicht um Gestaltungen von Fiktionen und also Erweiterung der Realität durch Fantasie – Benn nennt es Zusammenhangsdurchstoßung –, sondern um die Reduktion der Gemüter aufs Vorhandene ist es dem Zeitgeist getan. Die erstrebte EINdeutigkeit ist synonym mit der vom Computer ausgedruckten Gehaltsabrechnung. Gefragt ist kurzweilige Illusion — nicht aber, eine solche real werden zu lassen. Vielmehr soll – nicht nur durch den Terror vorgeblich einfacher Bilder und also Zusammenhänge, sondern eben durchs Beglaubigen mittels direkt aufs seelische Zwerchfell sich legender Musik – aus Zuschauern das EINheitspublikum geschmolzen werden, ein widerspruchsloser Ovationsapparat. Die Geschichte – also die Clique derer, die sie machen – hat prächtige Vorarbeit geleistet, die ihr das HARMONIE- und Harmonie-Organ Strandgut zudem formuliert:

Bei der Oper. dem Hort der Gefühle, suchen die von den Fehlleistungen einer rationalistisch verplanten Lebenswelt Gebeutelten Zuflucht.

Daß dies nicht wahr ist, zeigt ein Blick aufs niedergehende Subventionstheater sehr schnell. In Wahrheit soll vorgeschrieben werden, wo die Zuflucht zu suchen sei derer, „die nicht mehr an die Omnipotenz der bürgerlichen Vernunft glauben.“ – Was sich in der Tat wie eine Darstellung des geistigen Lebens zu Beginn des deutschen Faschismus liest. Aber der Zugriff geht unverschämt weiter, – wobei es nicht etwa ‘Reaktionäre’, sondern ‘progressive’ Menschen sind, die solche Äußerungen tun: „diejenigen, (…) für die das Kameraauge die authentischen, unmittelbaren und eindeutigen Gefühle, die in der Oper einzig noch erhalten geblieben scheinen, wie unter einem Vergrößerungsglas auf Zelluloid bannt.“ Da verrät schon die Wortwahl die Absicht: Das ‘eindeutige Gefühl’ ist eindeutig nur, wenn man’s identifizieren und also wie Ware entäußern kann, — ist das gelungen, kann man’s auch »bannen“, nämlich auf Zelluloid, wo es dann bleiben soll.

Nunmehr darf ausgeatmet werden. Unser Gefühl ist konserviert und kompatibel mit den screens. Den Kindern wird es mit Programmspielen besorgt, der heranwachsenden Jugend mit Pop und den ‘im Erwerbsalter Stehenden’, soweit nicht aus beruflichen Gründen bereits regrediert, mit dem vollendeten Opernfilm.

 

 

 

Das magische Kunstwerk träumt sein vollkommenes Ebenbild, das mechanische.
Adorno, ebda.

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