Das Erledigungs(2)journal sowie (Nach)krebstagebuch des Dienstags, den 10. November 2020. Mit Benny Profane, dem Pluto Symphny Orchestra und am Abend Langes Carmen von Bizet.

[Arbeitswohnung, 14.22 Uhr
Hans Abrahamsen, → Let me tell you (2013)]

November. Irgendwie mag es den ganzen Tag über nicht hell werden. Dennoch schoß ich um sechs aus dem Bett, denn das da war nun → auch noch, und zwar extrem dringend, zu erledigen:

Und je früher ich im Waschsalon wäre, desto höher die Chance freier Maschinen. — Tatsächlich war, als ich zwanzig Minuten später eintraf, niemand da außer mir. So konnte ich auf die Maske noch verzichten, wie ich’s schon in auf den Latte macchiato in der Arbeitswohnung getan hatte. Ich hatte lediglich einen Espresso gestürzt.
Fünf vollste Ladungen wurden es. Als alle sich drehten, zurückgeradelt, dort das Bett neu bezogen, von gestern abend abgewaschen, kurz in die Post geschaut, Nachricht von diaphanes war da, Elvira und ich sollen uns für die letzten Korrekturen der Béarts soviel Zeit  nehmen, wie wir brauchen, aber der Verleger freue sich auf das fertige Typoskript sehr, — da waren die mir verbliebenen fünfzig Minuten bis zur Waschzeit der jedenfalls 30-Grad-Maschine fast schon vorüber, und also ging’s wieder an die → Danziger/Ecke Eberswalder. Mittlerweile drehten sich vier weitere Maschinentrommeln außer den meinen; da war aber immer noch niemand. Die meisten nutzen die direkten Waschzeiten für anderes, nur wenige warten den gesamten Prozeß vor Ort ab.
Doch nun beginnt der eigentliche Arbeitsteil: die fertigen Maschinen leeren, die Wäsche je in die Trockengeräte umfüllen, darin je an die zwanzig Minuten trockenwerfen, also sehr warm durchblasen lassen, dann herausnehmen und sorgsam Stück für Stück zusammenlegen. Bei den für mich üblichen Wäschemengen bin ich damit gut anderthalb Stunden beschäftigt. Dann alles vorsichtig in den großen Rucksack einlegen, teils auch a bisserl stopfen, nicht immer geht alles hinein, dann musses innen Fahrradkorb, gesondert; wie diesmal eben auch. Und erneut zurück. Dort den Rucksack dann leeren und alles einräumen, was in einer so engen Wohnung wie der meinen auch, ebenfalls wie heute, bedeuten kann, die anderen Stöße zur Neuordnung aus den Regalen nehmen usw. Außerdem war noch der Duschvorhang wieder anzubringen, den ich meistens mitwasche, weil sich im Bad so das Schimmeln verhindern läßt und der Vorhang lange, sehr lange hält. Eigentlich ist er so gar nicht kaputtzukriegen.

Nun war es tatsächlich elf Uhr. Um zwölf wollte ich zum Laufen los, auch wenn mir der permanenten Dämmrigkeit wegen durchaus flau war. Daß ich dann tatsächlich nicht lief, lag nicht nur an der Müdigkeit, die mich deshalb überkam, sondern sie wurde noch sehr viel dunkler, nachdem ich mir die Spritze gesetzt hatte. Als Folge der Magenresektion und also des Krebses wird sie von nun an vierteljährlich zu meinem Alltag gehören. Nix Bedeutendes, „nur“ → Vitamin B12 — für dessen körperinterne Aufnahme ein spezielles Eiweiß nötig ist, das beim Menschen  nur in der Magenschleimhaut wirkt. Kein Magen also, ergo kein solches Vitamin, was wiederum die Bildung der roten Blutkörperchen blockiert. Dort → einige der möglichen Folgen.
Mithin muß ich mir dieses Vitamin in regelmäßigen Abständen, laut meinem Onkologen vierteljährlich, künstlich zuführen. Die geradezu leuchtend rote Flüssigkeit wird aus kleinen Glasampullchen je auf eine Spritze gezogen und irgendwo in den Muskel injiziert; ich wähle den Oberschenkel, weil sich da ganz gut eine Delle zusammenpressen läßt, in  die ich die Nadel steche. Was überhaupt kein Problem ist, es tut auch nicht weh. Von dort wird das Vitamin zur Leber transportiert, die es speichert.
So weit, so immer noch sehr gut. Aber dann ging die Müdigkeit erst richtig los, obwohl ich nicht wirklich sagen kann, daß es an der Spritze lag. Es geschah nur so auffallend gleichzeitig. Kurz, ich mußte mich legen. Und schlief ein.
Als ich eine Dreiviertelstunde später aufwachte, wurde mir bewußt, daß ich heute noch überhaupt nichts gegessen hatte. Ich soll aber aufpassen, nicht zu sehr abzunehmen, vor allem jetzt, wo ich solche Kalorienmengen beim Sport verbrenne.
Suppe von gestern abend aufgewärmt, gelöffelt, da ging es mit den Bauchschmerzen los, genau unter dem Bruch wie nun schon die ganze Zeit, seit es zu ihm gekommen ist. Was blieb mir übrig, als mich abermals hinzulegen? Jetzt schlief ich zwar nicht mehr, aber lauschte ruhend dem ziemlich heftigen Gegurgel in meinen Eingeweiden. Irgendwann, wahrscheinlich als es endlich aufgehört hatte, schlief ich doch noch mal ein. Und nun ist es schon nach drei Uhr frühnachmittags, ich spüre bereits den Abend sich senken, mag gar nicht hinausschauen, fröstele auch und lasse das heutige Joggen also bleiben. Es sind auch Briefe zu beantworten, darunter dringende Fragen meines Elfenbeinverlegers zu nötigen Korrekturen im Satz der sehr bald herauskommenden Neuausgabe des WOLPERTINGER-Romans. Und Arco bittet um den Entwurf einer Vorschautextes der Neuausgabe meines New-York-Buchs. Unter anderem möge ich bitte die unterdessen fast historische Lesart herausstellen, da es seinerzeit (1999/2000) noch die Türme des World Trade Centers gegeben habe, auf einem derer eine Szene spielt, aber nicht nur das: Sondern sie geben gleichsam das Maß der Under Manhatten genannten Gegenstadt ab, in der der große utopische Konzert des Pluto Symphony Orchestras stattfindet, eines nur aus Obdachlosen bestehenden Orchesters, die ihre Bleibe in verlassenen Gängen des UBahn-Netzes haben, sehr knapp nur über den → von Krokodilen bewohnten Abwasserkanälen, in denen sie Benny Profane jagt (folgen Sie, Freundin, dem letzten Link, dann können Sie es hören).
Außerdem möchte ich Knelangen antworten, der privat einige Korrekturen zu den Béarts und auch Einwände geschickt hat, die ich aber alle selbstverständlich mit meiner Eckermännin besprechen werde, bevor ich entscheide.

Und aber nun ist es fast schon halb vier. Immerhin habe ich diese Müdigkeit jetzt zumindest im Griff und werde wohl arbeiten tatsächlich etwas können. Im übrigen läse ich gerne in Kjaerstads FEMINA ERECTA weiter.

Ihr ANH

Und ab 19.30 Uhr >>> das:

 

In Marius Felix Langes, coronahalber, Bearbeitung für kleines Ensemble. Insofern eine, nämlich, Uraufführung.
(Ich wäre gern selbst hingefahren, aber mir fehlt derzeit das Geld, in diesem Fall für Bahnfahrt und ggbf. Übenachtung; außerem  sitze ich nicht so gerne zweieinhalb Stunden lang  mit Maske da. Und habe ja morgen vormittag den nächsten Covid19-Test wegen der OP am Freitag, zudem das Gespräch mit dem Anästhesistin.)

Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. „Also hören Sie mal!“
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. „Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.“ Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, „Liegung“ schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; „einfach so“ lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

***

[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

*** 

 

 

 

 

 

 

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[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

Nichts steht geschrieben!“ Lawrence of Arabia (jodiert) im Krebstagebuch des nunmehr dritten Sana- und, weil in der Klinik spürbar akut, auch wieder Coronajournals, nämlich des sechundzwanzigsten. Verfaßt am frühen Morgen des Sonnabends, den 16. Mai 2020, bis spät in den Morgen hinein. (Krebstag 17).

[Sana A4, 2018: 5.25 Uhr
Erster Kaffee (aus Granulat)]

[Reuter, Petite sonate pathétique
Im Wechsel mit Ramirer, ORGANICS]

Freundlich, sehr sehr freundlich wieder ward ich empfangen, der eine Viertelstunde zu früh kam, aber eh erst Formulare neu auszufüllen hatte. Wozu ich in den Aufenthaltsraum gesetzt wurde, den Sie, Freundin, bereits kennen, da ich in ihm die beiden vorigen Sanajournale geschrieben habe, das zweite mein erster Brief an Ligeia – die weiterhin noch schweigt. Doch nach den gestrigen Ereignissen habe ich den deutlichen Instinkt, es werde sich nunmehr, nachdem es so präzis auf die Chemo zugeht, ändern, und so knapp. Der Port ist nämlich gelegt.
Ein Port. Bei Cronenberg, dem von mir so verehrten, hieße er Bioport, ihm, dem großen Regisseur, der Einflößung artifizieller Welten dienend, die damit auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu realen werden, mir, dem Dichter, dem Einfluß der realen in die innere poetische Welt und damit einer, ich schreibe einmal ungeschützt, Harmonisierung der Katastrophe. Weil es dies ist, was wir Menschen wirklich können, was kein, wahrscheinlich, Tier kann, was möglicherweise nicht einmal Göttinnen und Götter könnten, wenn es sie denn gäbe, und erst recht kein GOtt. Schöpfung durch Kunst, Erschaffung durch Kunst – dies ist das Menschliche an sich (und wahrscheinlich eben nicht die Liebe, deren Empfindung wir mit Göttern wie mit Tieren teilen, und mit, wenn’s denn stimmt, dem EInen GOtt auch).
„Die Ärztin wird gleich kommen. Bitte einen Moment Geduld.“
Zu Geduld in Krankenhäusern hab ich schon geschrieben. Nun tauchte ich zum dritten Mal dieses Jahres unter die Membran verhältnisgedehnterer Dilatationen, zu denen, wie ich bereits wußte und vornachts → im Traum verarbeitet hatte, abermals gehören würde, daß mir aus meinem Leben nicht wenige Minuten komplett herausgeschnitten werden würden, die daraufhin in nur wenigen Leuten zugänglichen Räumen sich verschlossen archivierten – möglicherweise archivierten; so sicher → wie Frau von Steglitz (der ich auch direkt noch antworten möchte) bin ich mir da nicht.
‚Mein‘ Dr. Herr Chirurg wehte ins Zimmer, ein nicht sehr großer, doch kräftiger, ja kraftvoll-trainiert wirkender jüngerer Mann als ich mit aber immerhin selber Frisur und ebenso gut gelaunt; man gäbe sich gerne die Hand, doch darf es momentan nicht mehr, und es steht durchaus zu befürchten, daß nach noch einiger Coronazeit auch diese Note unserer Kultur aus dem Bewußtsein gelöscht sein wird – worüber die Generationen nach uns, in jedem Fall die nach denen unserer Kinder nicht einmal mehr Bitterkeit empfinden werden, schon gar nicht die Süße, die mit ihr erinn’rungsvoll verbunden.
„Guten Morgen!“, lachend. „Eine Änderung!“ So nahm er Platz. Jetzt wehten nur noch die bedruckten Seiten in seiner Hand. „Alles gut?“
„Bestens.“
„Na fein. Ich hatte eh keine Zweifel, aber habe mir etwas überlegt, das wir gleich mittun könnten. – Am Montag geht doch gleich die Chemo los?“
Was ebenfalls für ihn sprach; er hatte sich gemerkt, was ich gestern erzählt hatte.
„Und … Sehen Sie, Ihre Venen sind ja ziemlich prima, aber die ständigen Infusionen mit dem sowieso schon höchst aggressiven Zeug nehmen sie einem auf Dauer doch ziemlich übel. Da würde ich Ihnen besser einen Port legen.“
Bioport ..?“
Bio?“
„Cronenberg, eXistenZ.“ (Ich habe drauf schon oben verlinkt, im Gespräch geht es eh nicht – auch wenn ich mir nicht sicher war, daß der Arzt den erkenntnistheoretisch enorm bedeutsamen Spielfilm schon kennt. Obwohl er nickte.)
„Jedenfalls, schauen Sie … Wir implantieren den Port unter die Haut, hier: Aber wir nehmen die rechte Brustseite, da müssen wir nicht übers Herz. Sehen Sie?“ Er zeichnete die Stelle mit dem Kuli ein, umkringelte sie, ich verstärke es mal mit meinem eigenen Kringel, der nun in Gelb: „Da muß der Onkologe nur noch unter die Haut in den Katheter einstechen, ohne daß wochenlang die Venen bis zum Gehtnichtmehr genervt werden. – Einverstanden?“
„Was gibt’s da zu überlegen? Nichts. Ist sinnvoll, ja. Außerdem find‘ ich’s extrem spannend.“ Ich war echt voller, nur sozusagen freilich, Tatendrang. Denn „tun“, ich selber, tät ja nix. Ich läge nur herum.
„Wir machen es aber auch nur, wenn wir bei der Laparoskopie nichts Verdächtiges finden. – Dann muß ich Sie jetzt nur noch über die Risiken aufklären.“
‚Nur‘ fand ich hübsch. – „Wie gestern?“
„Wie gestern, ja.“
„Na dann.“
Er tat’s und wehte schon wieder hinfort, flatternd seitlich die Weißkittelflügel. Auch war mein Zimmer bereit. Das Possessivpronomen stimmt. Nicht nur erneut ein Zweibettzimmer, sondern eines für mich alleine, komplett. Noch jetzt bin ich allein, tagsdrauf, da ich mich darauf vorbereite, nachher schon wieder entlassen zu werden.

Großartiges Zimmer, Sommerblick:

Mich zügig eingerichtet, Fünfersteckerdose, Ladegeräte, Zenbook auf den Tisch, Lektüren bereitgelegt, aus dem Anzug ins Kindernachthemd, hinten „frei“, gut, den Cardin-Morgenmantel drüber; für den ebenso türkisfarbenen Schal war’s zu warm. Und grad will ich mich legen, kommt die Schwester schon: „Es wird etwas früher. Sind Sie bereit?“ – „Habe ich noch fünf Minuten?“ „Ja. Aber die Ringe ab, bitte, die Uhr ab, bitte … und auch die Piercings, falls Sie welche haben.“
Also schnell jetzt. Schon lieg ich auf dem Rollbett, will aber auf keinen Fall zur Decke starren, statt dessen mitbekommen, was nur geht. Die Gänge schmale sumpfige Läufe afrikanischer Flüsse. „Bitte die Hände nicht hinausstrecken.“ Klar, sonst kommt ein Krokodil und macht SCHNAPP! Man sieht sie nicht, aber bestimmt sind viele Krokos hier. Ich liebe Krokodile, Kaimane aber auch, nur daß die mir zu klein sind. Und Alligatoren haben zu gedrungene Köpfe. Was entschieden für Afrika und gegen Südamerika spricht. Dafür gibt es dort Anakondas, die ich ebenfalls liebe. Die schönsten Schlangen in Afrika sind die schwarzen Mambas. Aufpassen, der Fahrstuhl. Sollte ich verloren gehen, wird irgendwann jemand aufbrechen, um mich zu suchen. „Mr Herbst, I presume?“ „Angenehm. Tja, wer hätte gedacht, die Quellen des Niles in ausgerechnet Lichtenberg zu finden … – Leider kann ich Ihnen keinen Talisker anbieten. Des Krebses halber, wissen Sie?“ Tat er, hatte DIE DSCHUNGEL gelesen. „Und hier also lebt Ihre Krebssirene …“ „Li?“ „Ja, Ihre Li … im Gewässer?“ „Mal hier, mal dort. Sie durchzieht die Wasseradern auf der ganzen Welt, wie eine schmale, schlanke Walin die Meere.“ „Poetisch.“ „Das ist sie, in der Tat.“ (Wobei ich letzteres nur sagte, weil ich den Eindruck habe, sie hört mit, und ihr also schmeicheln wollte. Vielleicht, daß sie dann schneller wieder reagiert.)
Doch warn wir bereits am OP. Seitennische, die Anästhesieärztin (An-Ästhetikerin??? – über den Krebs zu schreiben, macht zunehmend Wortspaß), übliche Fragen, Aufklärung, zwei Schwestern fummeln an mir rum, legen weitere Ports. „Was haben Sie um fünf getrunken?“ „Einen Latte macchiato.“ „Falsche Antwort.“ „Wieso? Habe extra den Wecker gestellt. Bis sechs Stunden vor der OP darf ich noch was trinken.“ „Ist aber Milch drin in so’nem Latte macchiato.“ „Wohl wahr, doch sechs Stunden vor …“ „Es ist aber noch nicht elf, ist erst halb elf.“ „Mag sein, doch wurde mir elf Uhr gesagt. Hab gestern abend extra noch mal angerufen.“ War ja klar, daß ich mit der anderen Zeit der Krankenhäuser noch in Konflikt geraten würde … unsere Zeiten und die hiesigen decken einander einfach nicht. Streng, oh streng! sah die ältere Schwester, ich möchte sie fast eine „Großtante“ nennen, mich über ihre Coronaburka an. Nur daß mir Zurechtgewiesenwerden nicht so liegt, ich werde dann störrisch oder spotte grob – ob vorm OP: egal.
Die jüngere Schwester ahnte es, und bevor die Angelegenheit eskalieren konnte, rief sie meinen Chirurgen an. Der sofort abzuwinken schien, verbal. „Überhaupt kein Problem, sagt er“, sagte sie zur Tante. Die dampfte zwar noch weiter, aber schwieg. Mich wärmte das burka-, genauer: niqabverdeckte Lächeln der Jüngeren, dann ward ich bereits in den Saal gerollt.
Mal wieder die komplette Faszination, außerdem Genrewechsel: Afrika zieht sich zur → OPS der Enterprise zusammen, doch außen wird sie die schlanke Disk meines geliebten Raumschiffs Orion – des uneingeholt schönsten aller Zeiten (oh Du Cliff Allister McLane meiner Jugend! — und entsinnen Sie sich, Freundin: der Raumhafen lag unter dem Meer, die Orion tauchte, bevor sie hoch ins All stieg, jedesmal aus dem Malstrudel auf!):

[Bilder ©: → Christoph Roos]

Indessen hatte da die Narkose längst gewirkt. Als ich wieder zu mir kam, sah mein Bauch so aus:

Und dazu der neu Port.
(Freilich ermahnte mich später am Telefon die sehr nahe Freundin, demnächst, wenn ich mal wieder meinte, direkt nach einer Narkose ein Selfie machen zu müssen, doch bitte dran zu denken, daß ich dann auch – lächele. Sonst bekämen alle einen Schrecken, und ich verlöre komplett alle meine Leserinnen, außer nur noch Li. (Letztres gab mir sehr zu denken.) )

 

Wie auch immer, einige Zeit stand ich noch im Aufwachraum, also ich lag, das Bett … hm, kann man auch da „stand“ sagen, na gut, stand da genauso putzmunter auf den Rollen, wie’s schon wieder ich selbst war. „Oh, wieso sind Sie schon wach?“ Ein Pfleger. Diesmal sparte ich mir mein „Bin ich doch immer“; er konnt‘ es ja nicht wissen. Wobei ich, als ich schließlich in meinem Zimmer zurück war, dann doch noch etwas schlummerte – schon weil es eine nette und bequeme Weise war, dem allmählich einsetzenden, bzw. bemerkbar werdenden Schmerz zu entkommen, der schlichtweg von den genähten Schnitten rührte und es nach wie vor tut. Medikamente wollte ich nicht nehmen, kam aber abends dann nicht mehr drum rum; sie standen bereit, ich schluckte sie zögernd, aber schließlich alle nach und nach.

Mein Chirurg wehte ins Zimmer. Wehen tut er immer, diese klasse Mann. Herr Dr. Alexander Dizer. Wenn jemand so tief in meinem Inneren war, hat er ein Recht, genannt zu werden, und eigentlich noch mehr als das. Ich würde ihn nun auch die andere, die große OP durchführen lassen, wahrscheinlich im August, „doch das“, sagte er mit einem so leisen Bedauern, daß es direkt lächelte, „behalten sich meistens die Chefärzte vor.“ Jetzt wollte er erstmal die Wunden sehen. „Leider hat man vergessen, Ihnen Duschpflaster draufzutun. Sie bekommen sie morgen, okay?“ Und entwehte bis zum Abend, indessen ich selbst nun viel zu hibblig war, um noch im Bett zu bleiben. Also ans Tischchen mit dem Zenbook und erstmal Briefe geschrieben, besonders an Wilhelm Kühlmann, der zur Zeit über meinen Gedichten sitzt und irgendeinen Text über sie zu schreiben nicht nur noch „vorhat“. Danach ein schöner SMS-Wechsel mit meiner Lektorin:

ANH
Wie ich heute im Journal schrieb: Ich bin nicht krank, sondern in schwierigem Gelände auf der Suche nach den Quellen eines inneren Nils. (Auf der Suche nach denen des realen gab es halt auch Todesfälle, wie bei Krebs. Eigentlich für Conquistadoren kein Unterschied.)
EMG
leuchtet mir ein. solche bilder machen viel aus, denke ich, wie man im kopf damit umgeht
ANH
Ich sehe den ganzen Krebs fast schon nur noch als poetisches Schwerstabenteuer.

Was mir, ich gebe es zu, ab dem späten Abend und auch durch die Nacht durchzuhalten aber schwerfiel. Dieses Nichtschlafenkönnen ist wirklich zermürbend; die Tabletten, die ich bekam, wirkten nicht oder kaum; ich hatte den Eindruck, man habe mir zum Schlafen Placebos gegeben. Dann aber mußte ich an El’Aurences Marsch auf Aqaba denken

und war mit meinem, nun jà, Schicksal versöhnt. Schlimmer als in der Nefud der Durst kann meine Schlaflosigkeit, trotz der Schmerzes, kaum gewesen sein. Und Lawrence of Arabia ist nach wie vor einer der mir nahsten Helden meines Lebens – nicht zuletzt auch deshalb, weil er und die gesamte arabische Welt wie ihrer beider Streben nach Freiheit derart verraten worden sind. Einem wie mir taugt das ganz gut zur Identifikation. Außerdem rasiert sich Lawrence in der Wüste – mit Wasser, für den Schaum. Wie rar es immer auch sein mag, und kostbar. Ein absolutes Sinnbild europäischer Hochkultur.

Von halb vier bis fünf Uhr schlief ich danach so tief und gut in der Wüste, daß ich kaum später komplett erfrischt aufstand, mir das antierotische Nachthemd wieder überzog (da ich bekleidet noch niemals schlafen mochte) sowie in den Cardinmantel schlüpfte und in die indischen Sandalen. Derart angetan schritt ich hinaus und langsam zum Empfang, um mich am Rolltisch des Pulverkaffees zu bedienen. Die Tasse in der ruhigen Hand begab ich mich in mein Zimmer zurück und begann am Zenbook die Erzählung, diese hier, die Sie nun gelesen haben.

Ihr, in Erwartung seiner Entlassung,
ANH
Um 9.27 Uhr

 

Heute eher Arbeitsjournal denn Tagebuch. Am vierzehnten Krebstag: Mittwoch, den 13. Mai 2020. Mit einem, völlig unversehens, Manifest und halluzinogenen Vorlebensendeplänen.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Respighi, Semirama (ff)]

Ärztingespräch gestern, in लक्ष्मीs Beisein: Da die OP-Ansätze des SANAs und der Hannöverschen so heftig divergieren, noch die Drittmeinung der Charité einholen, die von diesen als „unnötig“ abgetane („Wir holen später sowieso alles raus“) diagnostische Laparoskopie im SANA aber durchführen lassen, sie bringe eine zusätzliche Gewißheit, und so schnell wie möglich die Chemo beginnen. लक्ष्मीs Ernährungsvorstellungen stimmte die Ärztin nahezu rundum zu und verschrieb mir gegen die Schlafstörungen als Antischmerzmittel, hierin dem SANA folgend, Novaminsulfon – das heute nacht perfekt funktioniert hat – sowie, falls es nicht anschlagen würde oder irgendwann nicht mehr sollte, Zolpidem … „da aber Vorsicht! Es macht, anders als Novaminsulfon, abhängig.“ Wobei diese Gefahr bei mir nicht besteht, der ich entschieden dazu neige, gar keine oder doch zu wenig Tabletten zu nehmen, selbst wenn es nötig wäre. – Als Alternative verschrieb sie noch Melatonin, von dem mir vormittags schon meine Lektorin erzählt hatte und das auch लक्ष्मीs volle Zustimmung fand — nur durfte es, wie sich wenig nachher herausstellte, die Apotheke es jedenfalls in dieser Dosierung (5mg) nicht herausgeben, da derzeit um das Medikament ein Rechtsstreit geführt wird. Ich habe im Netz geschaut, über Prozeß und Hintergründe aber nichts gefunden; und Online-Händler teilen, etwa → dort, lediglich mit, daß das Produkt für Deutschland nicht erhältlich sei. Nun muß mich das nicht stören; ich habe Freunde in Frankreich, wo das Hormon frei verkäuflich ist, so daß sie es mir besorgen und schicken können. Doch was für ein Aufstand – und: Neuerlich kann von einem vereinten Europa die Rede leider nicht sein. Na gut, in diesem Fall gibt uns der Umstand die Freiheit, nationalrechtliche Regelungen zu unterlaufen: sozusagen gibt es einen Sherwood Forest, in dem wir untertauchen können.
Ein guter Artikel, übrigens, findet sich zu Melatonin → bei Primal State.

Wieder in der Arbeitswohnung, sofort erst beim Onkologen angerufen. Besetzt. Email geschrieben, fast unmittelbar darauf Rückruf aus der Praxis und sofort den Termin bekommen. Man möchte aber die Laparoskopie und ihren Befund abwarten, deshalb nicht schon, wie eigentlich im Kopf gehabt, heute, sondern erst am Montag. Der somit den Beginn meiner ersten Chemo markieren wird.
Dann in der CCCC-Stelle der Charité angerufen, doch zu spät, da sie nur bis 15 Uhr besetzt ist. Werd ich in zwei Stunden, pünktlich auf neun Uhr, erneut tun. (Die ganze Zeit geht mir durch den Kopf, ich könne in Hannover aus der ja tatsächlich schweren OP nicht bei vollem Bewußtsein erwachen, dort dann im Koma liegen und fern von allen, die ich liebe, vor mich hinzusterben – was so ziemlich das Gegenteil meiner Vorstellung eines ehrenvollen, stolzen WohinüberauchimmerGehens ist. Geradezu, für mich, ein Horror, schlimmer als der Krebs selbst.) Wobei meine Tiefstimmung, die den Montag so bestimmt hat, komplett vorüber ist, ich die vorherige Ruhe und Gefaßtheit wieder habe, auch die Zuversicht – darum aber auch genau sagen kann, was ich auf keinen Fall will. — Und aber dennoch, es folgt ein weitres Andrerseits: Ich sollte Hannover gegenüber vielleicht fair sein und einfach bei strahlend-schönem Wetter noch mal hinfahren und mir die Klinik dann anschauen. Vergessen Sie, Freundin, meine enorme Abhängigkeit vom Licht nicht. Wir es draußen grau, so auch mein Geist; je älter ich wurde, desto stärker zeigte es sich und hat unterdessen einen fast schon pathologischen Charakter. Jedenfalls dürfte das verregnete, zudem so klammkühle Grau des Montags auf meine Wahrnehmung der hannöverschen Klinik zumindest mitgewirkt und mein mehr depressives denn harsches, nun jà, „Urteil“ ziemlich geleitet haben. Und da bis zur OP – für die Chemo werden zwei bis drei Monate angesetzt – noch einige Zeit vergehen wird, wird Hannover ganz sicher die Gelegenheit bekommen, sich mir noch einmal unter leuchtendster Sonne zu präsentieren.

Nochmal zu den für mich ungewöhnlichen Durchschlafstörungen. Zwar, ja, das Novaminsulfon hat geholfen, ja, dennoch könnte Bruno Lampe → recht damit haben, sie mehr mit dem Nikotinentzug (den ich sonst aber kaum mehr spüre, vielleicht noch zweidreimal am Tag, als kurze und schnelle Begier) als mit dem Karzinom und den (bislang noch bestens aushaltbaren) Schmerzen in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich erwachte ich auch heute nacht wieder gegen halb drei, huschte dann aber nur auf Toilette und unter die Decke wieder zurück, wo ich, Menschen können ziemlich irre sein, irgendeine Spur des Schmerzes aufzuspüren versuchte, denkend aufzuspüren … „richtiggehend“ konzentriert. Nein, da war keiner. Konnte das sein? Also noch mal hinfühlen. Was dann offenbar derart anstrengend war, daß ich erst Schlag sechs wieder, und zwar putzmunter ausgeschlafen, erwachte, sofort quasi auf- und in die Arbeitsklamotten hineinsprang. Schon stand ich in der Küche, um den Espresso zu mahlen. Und derweil sich die Pavoni erhitzte, fuhr ich meine Computer hoch und entschloß mich, Respighis Semirama zuende zu hören, in die mich einzufinden mir gestern nicht wirklich gelungen war, so wenig wie bei seiner Lukrezia, derweil mich La Fiamma, die ich als grandiose Vinylpressung habe, seit meiner allerersten Begegnung mit dieser Musik immer wieder hingerissen hat. Weshalb die beiden andern Opern nicht auch … ich habe keine Ahnung. Oder doch, Ahnung schon. Und das da, freilich, ist toll:

Ich bin nur ein Komponist, immer ein Komponist. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der italienischen Musiktradition und den unsterblichen Geist des italienischen Liedes. Aber ich glaube, dass die europäische Musik als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Musik, und ich glaube, dass Italien bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann, so wie es vor vierhundert Jahren der Fall war.
Ottorino Respighi, → 1925

Genauso könnte – und will – ich es für die Dichtung heute sagen:

Ich bin nur ein Dichter, immer ein Dichter. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der deutschsprachigen Literaturtradition und den unsterblichen Geist der deutschen Poesie. Aber ich glaube, dass die europäische Literatur als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Literatur, und ich glaube aber nicht, dass Deutschland bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann (noch es sollte), wohl aber unser Verhältnis zum Internet und insgesamt zu den sogenannten Neuen Medien, in die die poetischen Traditionen von Goethe über Hölderlin und Jean Paul, Musil und Broch, Döblin über Ingeborg Bachmann bis Marianne Fritz als Traditionen eingebettet werden und erkennbar sein müssen. Erst daraus wird Avantgarde, eine wahre und lebensfähige, sei’s in der Lyrik, sei’s der Prosa sichtbar werden und überhaupt entstehen können. Und die Dichtung bleiben.

Puh. Ja, ich gebe zu: Puh.
Decke drüber
—————- und schnell noch was zum Krebs:

Es war die Rede davon gewesen, mir ein THC-Präparat zu verschreiben, was meine Ärztin auch tun will und darf. Doch sind die Krankenkassenregelungen hier ziemlich interessant. Obwohl längst fundiert ist, wie gut Medikamente auf dieser Basis anschlagen, dürfen sie dennoch erst verschrieben werden, wenn alle anderen schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwas, das sich durchaus als Protektionismus der pharmazeutischen Industrien ansehen läßt. Wir dürfen nie vergessen, welche Milliardengeschäfte hinter unserem Gesundheitssystem stecken, wessen Mit-Interessen und also auch → Lobbies. Und gerade an den während der letzten Jahre → im Preis exorbitant gestiegenen Chemotherapien wird sich dumm und dämlich verdient, wobei dumm und dämlich nicht die sind, die verdienen. (Ja, geliebte Freundin, ich sehe meine Krankheit nicht „nur“ poetisch, damit nämlich → mythisch, sondern auch politisch).
In meinem „Fall“ allerdings wird es mit dem THC unproblematisch werden; es muß nur die Chemo begonnen worden sein und meine Ärztin der Behandlungsplan vorliegen. Dann sei es nur noch eine Formsache, die Akzeptanz der Rezeptur bei der Kasse zu beantragen und mir das Medikament zu verschreiben.

À propos. Während meines Abendspaziergangs traf ich meinen Elfenbeinverleger Držečnik, der sich mit seiner Gattin ebenfalls die Beine vertrat. – Ich sehe im Augenblick davon ab, das Lauftraining wieder aufzunehmen, nachdem es mir die letzten beiden Versuchsmale nicht so sehr gut danach ging, weil ich meinem Körper offenbar eine Kraft nahm, die er gegen → Liligeia anstemmt; das mag ich nicht wiederholen, jedenfalls nicht, bis die Chemo läuft und wenn sie gut oder einigermaßen vertragen werden von mir sollte. Aber jeden Abend eine Stunde durch die Straßen und Parks zu flanieren, ist eine feine Vorstellung – zumal ich dazu einen einer Gehstöcke nutzen, sie sozusagen ausführen kann, was dem in mir nach wie vor dann nicht mehr nur noch schlummernden Dandy Spaß macht und gestern tatsächlich zweimal zu Komplimenten führte, die mich passierende Damen mir machten, ein quasi machismo/inverser Piropo, den ich ausgesprochen genoß.
Jedenfalls da kam mir das Verlegerehepaar entgegen, und wir plauderten. Umarmen darf an sich ja derzeit nicht. Doch Ingo Elfenbein war ausgesprochen erleichtert, mich in solch gehobener Stimmung zu sehen. „Und gut, geradezu gesundheitsstrotzend siehst du aus!“ rief er leise zu Anfang. Daß ich mich, sagte ich, so auch beinah fühlte. Erzählte aber vom vortagigen Tief, dann meinen Überlegungen zum Freitod … nicht, daß ich nicht gerne weiterlebte, im Gegenteil! Doch angesichts dieser Krankheit sei es sinnvoll, sich zu wappnen und gegebenenfalls vorzubereiten. Etwa. Wie wir bei geliebten Haustieren davon spräche, sie sanft einschlafen zu lassen, und es auch so praktizierten. „Schaut mal“, sagte ich, „was wiegt so eine deutsche Dogge? Sechzig, siebzig Kilogramm? Siebzig bringe momentan auch ich auf die Waage. Da wäre die Dosis doch die gleiche …“ Aber dieses einmal ganz beiseite, ich hätte ja noch so viele Projekte vor mir, und er, Držečnik, habe zusammen mit Christoforo Arco ja nun alles getan, mir das Sterben schwerzumachen: „Ich habe dafür jetzt einfach gar keine Zeit. — Aber“, ergänzte ich, „bevor ich ich gehe, will ich auf jeden Fall noch erlebt haben, was ich in meinem Leben bisher, und sehr bewußt, gemieden: Ich möchte erleben, wie es ist, auf einem Trip zu sein. Pilze will ich ausprobieren, LSD will ich ausprobieren, Mescalin, Kokain sowieso und, ja, auch Heroin. Vielleicht auch mal chemische Drogen. Freilich werde ich mich um alles dieses erst nach der Operation kümmern.“ Doch Ihnen, Freundin, und meinen Leserinnen sei es hier bereits erzählt; vielleicht, daß jemand mir dann helfen kann, mir solche Erfahrungen auch heimholen zu können, für deren Realisierung ich derzeit noch viel, viel zu naiv, viel, viel, viel zu naiv bin. Und was die deutsche Dogge anbelangt, so müßte ich nur im letzten Fall eine charmante, gebildete und so kluge Tierärztin kennen lernen, daß sie auch meinen Stolz so liebt wie meine Lebensliebe.

Ihr ANH
[Respighi, Maria Egiziaca]

9.38 Uhr
Grad mit der Charité telefoniert. Es gibt eine sofortigen Termine, sondern erst möchten bitte die Befunde mitsamt den Bilder-CDs hingeschickt werden. Danach werde es etwa zwei, vielleicht auch drei Wochen dauern, bis mir ein Terminvorschlag unterbreitet werde.

Bene. Dann geh ich’s mal gleich an; was ich wissen und beachten muß, fänd‘ ich, hieß es, → dort.

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