Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem “rein” digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz “plangemäß” mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich “Frühe Gedichte” nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des “Erfolges” willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser “ehrenvoll” → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit “Alle Menschen werden Brüder” ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus “Das Ungeheuer Muse“.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

Zum Hinknien berauschend. Augustin Hadelichs Sonatas & Partitas von Johann Sebastian Bach.

[Geschrieben für und veröffentlicht
bei → Faustkultur im März 2021]

Wie oft im Leben widerfährt uns dies, gerechnet, sagen wir, auf meine sechsundsechzig Jahre? Als Kinder dauernd, als Jugendliche oft und bisweilen noch als junge Erwachsene. Dann wird es damit selten. Wir kennen schon zu viel, obwohl es das nicht geben können sollte. Doch wenn, wenn es wiederkommt, ergreift es uns total – mir zuletzt geschehen mit Theodor Currentzis. Von seiner und Kopatschinkajas Interpretation des tschaikowskischen Violinkonzertes habe ich mich über Tage hin so wenig erholen können wie zuvor von Ramirers Variation auf Johann Sebastian Bachs Ricercar a 6. Und nun geschieht es in so kurzer Folge bereits das dritte Mal.
Also. Ich bekam von Kathrin Hauser-Schmolck die Mitteilung, es seien Bachs Partiten und Sonaten für Geige solo von einem Augustin Hadelich neu eingespielt worden, dessen Name mir zwar überhaupt nichts sagte, so daß ich ohne die Nachricht ignorant an ihm vorbeigegangen wäre. Doch gab es den verschlüsselten Link auf hochgeladene Tonfiles im Netz, und weil diese Stücke zu meinen allerliebsten Musiken zählen, rief ich die Site auf. Nein, Besond‘res erwartete ich nicht, tat es nämlich mit Vorurteil: Alle mir bis dato zu Ohr gekommenen Interpretationen werden, nein … jetzt: wurden von einer Aufführung weit, weit überragt, in deren Besitz ich alleine wegen einer auf Cassette mitgeschnittenen Radioübertragung gekommen bin. Shlomo Mintz, 1985 in Salzburg. Niemand seither hat, nein … hatte das zentrale Stück, eine Jahrtausendmusik, derart intensiv und auch jugendlich und in keiner Weise so – zugleich präzis wie unakademisch – erfaßt wie er. Ich meine selbstverständlich die Chaconne (bei Bach italienisch Ciaccona), von der ich nun im Booklet, formuliert von diesem Herrn Hadelich, lesen mußte … Entschuldigung, durfte, es sei vielleicht das bedeutendste je für die Geige geschriebene Stück. – Ja, ist es, Herr Hadelich; jedenfalls kenne ich kein andres, das es wäre.
Wie auch immer. Ich lasse also das erste Adagio spielen und werkle derweil an meinen eignen Sachen weiter. Was schon nach zwei Minuten nimmer geht. Es war ein Schauder, was mich überlief. – Aufstehen also, weg vom Schreibtisch und um den Schreibtisch herum in den Musikstuhl (nein, der ist bei mir nicht weich, sondern holzig hart; wir woll‘n doch konzentriert sein). – Schon der nächste Schauder, fast ein Erschrecken. Was macht der Mann da? Wie macht er es? – Eine fast mythisch-unheimliche Kraft pocht aus den ProAcs, aber nicht getragen, sondern drängend, willensvoll, lustvoll. Und nahezu umstürzlerisch, durchaus Currentzis wie Kopatschinskaja verwandt, aber anders als diese, na logisch, ausgesprochen männlich. Vom Zugriff, also seiner Kraft, muß ich an Janos Stalker denken, dessen Interpretation der Cellosuiten Bachs ähnlich auf mich wirkte wie Shlomo Mintz an der Geige. Doch hier klingt noch etwas anderes, und fordert, hindurch. Nicht ohne subversive Süffisanz erzählt Hadelich im Booklet, Bach habe zwanzig Kinder gehabt. Wer denkt da nicht an die vielen, vielen Male, die unbeknospet blieben? Das eben ist Bach auch, wir machen’s uns nur selten klar. Ein Vögler im Wortsinn vor dem Herrn. Genau das holt Hadelich hervor, wischt die hehre Heiligkeit einfach zugunsten der Lebendigkeit beiseite. Es ist dieses Leben, was die Schauer verursacht.
Momentan bin ich schon in der zweiten Sonate, der Höhepunkt, sechs Sätze weiter, steht erst noch bevor. Und trotzdem: Schweißausbrüche. Wann noch schafft das eine Musik bei mir, jedenfalls eine mir so sehr bekannte und – Todesstoß jeder überwältigenden erotischen Erregung – vertraute? Sexualität sei kein Spaziergang im Grünen, schrieb die große Camille Paglia. Bach indessen, bei Hadelich, tanzt, nein, ravt! Von dessen Virtuosität, die ich voraussetze bei Instrumentalisten solchen Rangs, will ich erst gar nicht sprechen. Oder doch, also darüber, daß jede Themenlinie selbst in den heikelsten Dreiergriffen trotz des oft enormen Tempos so kenntlich bleibt, als würde man parallel die Partitur mitlesen. Nur daß einer wie ich, der nie ein guter Sprinter war, restlos außer Atem kommt, um damit Schritt zu halten, Hörschritt, Gefühls- und Sinnesschritt. Meine Güte, wie beschreib ich das?
Da steht mein Sohn in der Tür, einundzwanzig Jahre alt und Hiphop-geprägt. „Hey, Pa, ich …” verstummt, hat mich auf dem Musikstuhl sitzend erblickt, genau zwischen den Boxen mittig des hintren Schenkels des gedachten gleichseitigen Dreiecks. Wie es bei Hörpuristen sein muß. Und gewissermaßen hebt er das Ohr. Lauscht. Dann, leise: „Pa, was ist das? ‒ Eigentlich wollte er vom Vater nur seinen Espresso bekommen. Der auch schon aufsteht. – „Nein, bleib sitzen.” Und setzt sich selbst, auf die Couch.
Er kam just, als die Ciaconna begann.
Jetzt höre ich von der Couch immer wieder mal ein Aufseufzen, sehe hin, er sitzt vorgebeugt da, lauscht, schüttelt von Zeit zu Zeit den Kopf, als könnte er’s nicht glauben. Hadelich hat ihn erwischt wie mich. Nicht seine Musik, nein, gar nicht. Also Adrians. (So heißt er). Oder nur wenig. Jetzt völlig.
Wir hören die Ciaconna zuende. Dann dimme ich die Lautsprecher weg. „Nun aber deinen Espresso.”
Zwei Stunden lang sprechen wir dann über nichts als über die Musik.
Als er gegangen ist, setze ich mich hin und schreibe Frau Hauser-Schmolck, sie möge mir bitte die CD zukommen lassen. Ich wolle diese Einspielung rezensieren, sie aber unbedingt in voller Dynamik hören können. – Drei Tage später ist sie hier. Seither höre ich nichts andres mehr. Ich bin mir sicher, daß mich meine Nachbarn mitsingen hören, der ich singen gar nicht kann. Na, besser, als daß ich mit, wie sonst oft, -pfeifen würde.
Auf eines der Geheimnisse dieser Aufnahme, die auch, wie Hadelich andeutet, als Erwiderung auf die Zumutungen durch Corona entstanden ist, komme ich recht schnell; ist auch nicht schwierig, denn er erzählt davon. Er spielt mit einem Barockbogen, mit dem sich, ich zitiere, „eine leichte, federnde Artikulation (…) leichter erzeugen läßt. (…) Die Seiten lassen sich mit viel mehr Energie anpacken, ohne daß ich mich sorgen müßte, daß der Klang zu rau(h) oder zu expressionistisch wird. Passagen mit Dreier- oder Viererakkorden klingen flüssiger, tänzerische Sätze tanzen mehr, langsame Sätze singen mehr.” Genau das ist es: Dieser Einspielung ist ein durch alle Höhen und Tiefen, vor allem die Höhen klingender Gesang. Doch das eigentliche Geheimnis hadelicher Bachkunst muß durch die Adern dieses Mannes fließen, materiell: ein Klangblut, das nicht nur das Gehirn durchzieht, sondern ein jedes, jedes Körperteil berührt. Und es mit einem Glück versorgt, an das wir schon fast nicht mehr glaubten.

Nix mp3, noch sonstig Reduktion: Jarrett, Köln Concert 1975. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 1. Februar 2022. Darinnen das ES.

[Arbeitswohnung, 6.44 Uhr
Keith Jarrett, The Köln Concert (1975)
Als ich einundzwanzig war, ein Jahr jünger
als heut → mein Sohn)]

Ich hab sie noch, die erste, selbstverständlich auf Vinyl, Pressung des Konzertes, dieses wie auch die-Platte-dann längst eine Legende:

Tatsächlich siebenundvierzig Jahre ist sie jetzt alt. Siebenundvierzig Jahre lang Teil meiner Sammlung. Und hören Sie sich, Freundin, einmal an, was sie durch meine ProAcs k a n n | und durch den Linn. Daß sie paar Kratzer hat, spielt da keine Rolle. Es ist, als säßen Sie in dem Flügel mitten drin – einem, → erzählt Wikipedia, “mäßigen Bösendorfer-Stutzflügel (…), der eigentlich nur für die Probenarbeit verwendet wurde und verstimmt war; zudem hakten die Pedale und einige Tasten klemmten.” Was deren improvisierender Gott kompositorische Kraft werden ließ. jede Wendung Schöpfung. Dem entsprechen die Kratzer auf meiner Platte ja grade, so daß sich Technik und Jarretts selbst den, wenn’s ihn denn gäb, Himmel beglückende Fähigkeiten, die gleichermaßen der Zärtlichkeit wie gewaltigen Leidenschaft sind,  für die deshalb meistverkaufte Jazzplatte aller Zeiten gleichsam  noch einmal die Hand geben, weil hier ein Musiker, zum wahrscheinlich ersten Musikgeschichtemal, Orgasmen beim Spielen bekam (wenn, ward er mit ihnen gesegnet), Multiple Orgasmen, einen nach dem anderen, und sie sofort zum Leitmotiv machte, sie klangumfassend werden ließ – in “Echtzeit”, um’s profanierend auszudrücken, wir wollen ja nicht kitschig werden; denn das, es wäre ein Verrat. (Kitsch ist Verrat an den Markt, unsres innersten Intimen; deshalb hat das Wort im Privaten nichts zu suchen). — Nur ein Jahr vorher, in Terni, ist etwas Ähnliches zu hören, doch mit dieser sich auf jede und jeden, die und der zu hören versteht, vulkanisch übertragenden, weil fruchtbaren Gewalt noch nicht – die selbst auf die gewirkt hat, die es nicht verstanden und nur, sagen wir, ‘zufällig’ dabeiwarn. Aber zu verstehen ist nicht schwer, die Melodik simpel; es sind Jarretts improvisierte Variationen, Legierungen und Modulationen, die selbst das gebildetste Ohr beglücken, wenn’s nicht sogar staunen muß. Was es quasi dauernd tut. Nur ein einziges Mal, glaube ich nach mehrfachem Neuhörn, patscht er in die Phrase eines ‘Standards’, der die naiven Ohren beseelt, — und fängt sie für die feinen auf.
In derselben Zeit, übrigens, gab mir ein Freund Chopin zu hören, die Etüden, und zwar von Pollini gespielt. Er, der Freund, hörte sonst nur Beat. Und eben Jarrett. Rauf und runter dieses eine Konzert. Ich selber hörte, außer Mahler, fast nur Neue Musik, Arnold Schönberg, Alban Berg noch mehr und über Anton Webern Hans Otte, Karlheinz Stockhausen, Nono. Das war noch in Bremen – eine Stadt, die mich bis heute quasi verschweigt. So wichtig sie für mich gewesen. Selbst was ich, mit beinah siebenundsechzig und also zweiundvierzig Jahre später, → literarisch heute tue, wäre ohne sie nicht möglich. Ich muß Namen nennen, meiner Förderer damals, Herrn Schmidtkes vom Kultursenat (ich weiß seinen Vornamen nicht mehr, glaube “Thomas”, und nicht einmal, ob er noch lebt; Heddy Pross von Radio Bremen, der ich enorm zu danken habe; mit Ulla Hahn war’s dort für mich aus, die ich in den DSCHUNGELBLÄTTERn das schnellste Literaturhuhn des Literaturbetriebes nannte, was sie geliebt haben wird, diese, als DKP-Renegatin, Lieblingin Reich-Ranickis, des fürwahr entsetzlichen. Wie nun auch immer, daß ich Bremens – ich nannt’ es: – Studienrätigkeit bis in ein Buch verachtet habe, nimmt die Stadt mir übel bis heute (wie über lange Zeit Lübeck Thomas Mann die Buddenbrooks). Das ändert sich vor meinem Tod wohl nicht. (Musikalisch lernte ich in Bremen auch Joni Mitchell lieben, was bis heute anhält, Andreas Werda sei Dank, doch nicht die fruchtbare, ich wiederhole es, Gewalt Keith Jarretts hat und nicht die gestoßne Zärtlichkeit des Mannes mit der kleinen Hand (→ Benn). Auch Wolfgang Gruber, den Jesuiten, der damals meinen Geist wie kaum ein zweiter forderte, und Martin Korol muß ich nennen, der seit einiger Zeit eine so ungute politische Kehre genommen, daß es mir bitter den Atem verschlägt, indessen er mich seinerzeit zu Arno Münster führte, dem ich meinen, als Autor, Nachnamen danke, nachdem er mich realisieren ließ, daß “du in Deutschland unter diesem furchtbaren Geburtsnamen niemals einen Roman wirst veröffentlichen können”. Das war 1980, etwa ein halbes Jahr, bevor ich nach Frankfurt am Main zog, die zweite Station meiner inneren Befreiung. Die letzte Phase hat möglicherweise jetzt erst, durch → Liligeia, begonnen. Ich mag, während als Lebensphasen selbst, die großen Lieben nicht vergessen, ihrer nicht eine einzige, die mich bis hier getragen haben. Es waren nicht wenige – fünf waren, und sie sind’s teils n o c h, gewaltig – , ich bin privilegiert — was mich heute befähigt zu fühlen, wie ich’s gestern Do schrieb:

Für mich am tollsten aber Adrian. (…) Es ist, als hätte ich den Stab im Staffellaufen weitergegeben. So daß gar nichts, gar nichts stirbt. Meine nun schon knapp zwei Jahre währende sexuelle Abstinenz ist wie von einer Gnade überleuchtet. Wirklich habe ich das Gefühl, gar nichts mehr selbst tun, geschweige beweisen zu müssen, sondern es wird getan, als ob ich’s selber täte.

Jarrett biegt mich in der Zeit zurück, ohne daß ich jünger würde. Ich regrediere nicht, im Gegenteil, sondern steh nun mitten im Gewesnen drin als aber reifer, fast schon alter Mann; sie legen sich aufeinander, ineinander, die Zeiten, und verschmelzen: mein Vorgestern und Gestern und das Heute und alles, was dazwischen; es ist dies, was es für die Überarbeitung der Verwirrung brauchte, und also Gnade a u c h.

Zumal. Wenn alles geht. Bleibt die Musik. — Dennoch, es wartet die poetische Arbeit.

Ihr ANH

P.S.: E s bleibt Musik.
(Es begibt sich. Es geschieht. Und es schreibt sich. Wir selber sind es n i e.)

ANH an Liligeia, neunter Brief. Aus der Nefud, Phase III (Tag 12): Sonnabend, den neunundfünfzigsten Krebstag 2020.

[صحراء النفود.عالم آخر
15.15 Uhr, 71,7 kg
Peter Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 6]

Ach Krebsin,

nun meldetest Du Dich gestern doch wieder — erwartungsgemäß, ich weiß. Es war ja immer bisher so, daß Du wieder spürbar wurdest, sowie sich die Zytostatica verliefen und meinem Leib Erholung vom chemischen Beschuß zuteil werden sollte, damit Erholung aber eben auch Dir.  Und da nun habe ich, ausgehend von Deinem (ich muß ihn nach wie vor so nennen) → “Haßbrief” des 22. Mais, vielleicht etwas fehlinterpretiert. Nahm ich nach der zweiten Chemo noch an, Du wollest Dich jetzt für die vorausgegangene Unterdrückung an mir rächen, kam mir vorgestern bei meinem Abendgang, als Du Dich unversehens mit einem heftigen Schmerzschwall meldetest, der mir sogar ein bißchen die Luft nahm (ich blieb aber nicht stehen, setzte mich nicht, lasse mich nicht nötigen, spazierte möglichst lässig weiter) … also da kam mir ein ganz anderer Gedanke. Was offenbar bedeutet, daß ich mich in Dich einzufühlen beginne. — Meine Güte, mußte ich unerwarteterweise denken, da hast Du Dich unterm nefudschen Dauerbeschuß neun oder zehn Tage lang ducken müssen, tief ducken, und Dich vielleicht auch schrumpfen lassen, einfach, um weniger Fläche zu zeigen, die sich weiter derart quälten läßt, hast Dich also mindestens ebenso zusammengenommen wie ich es nun auf diesem Spaziergang tat, beide sind wir enorm stolz und zeigen keinen Schmerz, wenn’s nichts als Mitleid brächte … — und da läßt der Beschuß langsam nach, Du bekommst wieder Luft, darfst sogar die Lungen so sehr füllen, daß Du Dich ausdehnst, aber dabei merkst, daß Du den fast schon ein bißchen den Halt verloren hast. Weshalb Du Deine Beine neu in mein Organfleisch gräbst, nicht um mir wehzutun, bewahre, einfach, um nicht wegzurutschen. Jeder Bergsteiger schlägt so im Hang die Haken ein. Und wenn wir uns Deine Beine anschauen, ja, dann ist, daß es wehtut, einfach eine unumgängliche Folge, die mit Absicht überhaupt nichts, doch mit den Spitzen Deiner Spaltbeine alles zu tun hat. Du brauchst einfach festen Halt: meine Schmerzen sind da nichts anderes als die sozusagen Schläge ins Kissen, das Du nach einem ziemlichen Albtraum erst einmal wendest, um Kühle zu bekommen und endlich auch erholsam Ruhe zu finden.
Gut, Lilly, ich meine, wissen können hättest Du’s natürlich schon und mir vielleicht eine kleine, Dich ein bißchen entschuldigende Nachricht schicken können. Andererseits gehe ich davon aus, daß Du nach wie vor, besonders wegen der bereits am Dienstag anstehenden nun schon vierten (und präoperativ letzten) Chemo, sauer auf mich bist. Du meldest Dich ja auch gar nicht mehr. Dabei kommen wir Aqaba näher und näher. Vergiß bitte nicht, daß diesmal auch ich unter den Zytostatica ein bißchen was zu leiden hatte; als wir die ersten zwei Höllenkreise durchquerten, war das noch nicht so gewesen; ach, hatte ich nach der ersten gedacht, das sitzt du doch locker auf einer Arschbacke ab. Auf einen über Jahrzehnte trainierten Körper lasse sich’s schon verlassen – was eben übersieht, daß auch Sportler sich vergiften lassen. Nun jà, und schon diese dauernde Kraftlosigkeit in den vergangenen Tagen, dieses ständige michhinlegenMüssen — bizarr für einen ADHSler wie mich! Und dennoch aber, ich gebe es zu, ausgesprochen wohl sedierend, wenn ich mich mit den Kopfhörern legte und nur noch auf die Musiken weniger am Unwohlsein vorbeikonzentrierte, als es vielmehr transzendierend, weil sich die in Schmerz- und ähnlichen Zuständen spürbar insgesamt gesteigerte Empfindsamkeit tatsächlich ausrichten und fokussieren läßt, so daß, was uns eigentlich quält, in die Lust an neuen Wahrnehmungen umschlagen kann und es auch tun wird, wenn wir uns genügend konzentrieren, d.h.: im Willen diszipliniert sind. Da es nicht um Aktivität, sondern um kontemplative Wahrnehmung geht, die keiner zusätzlichen Energien bedarf, ist das sehr gut möglich.

Und heute, Du Liebe, hast Du ohnedies mehr als ein Einsehen. Da ist unversehens gar kein Schmerz momentan, und meines lieberen-als-Du-bist-Röhrerichs stoisches gleichsam Rollen in den Dünenwellen erlebe ich völlig ohne Übelkeit. Außer dem Dronabinol nahm ich seit Aufstehen gar kein anderes Medikament, radelte zum Markt für Käse und Obst, zum Fischhändler für Sashimi (teils schon mittags verfuttert), mein Appetit ist ja zurückgekommen, ich will wieder auf die 74 und möglichst noch zwei Kilo drüber hinaus, damit ich, wenn wir uns in Aqaba umklammern werden, genügend eingelagerte Energie freisetzen und Dir dann auch geben zu können. Nein, ich werde Dich nicht allein lassen, auch nicht in solch einer Situation … — Hà!

Hà! —

Was paßte jetzt besser als, da das Streichquartett verklungen, das da (mir von einem Leser zugesandt):

Mozart, Don Giovanni, → MUSICAETERNA, Currentzis (Nov.-Dez.2015)

“Là ci darem la mano” … und auch, meine Erde, will mir dieser berühmten Oper komplette Titel auf witzigste Weise passend erscheinen: IL DISSOLUTO PUNITO, also “Der bestrafte Wüstling” – was dann mich meint, den Du, bevor ich noch “Perdono” sagen konnte, bestraft  mit Dir hast. Doch ist es ein Irrtum anzunehmen, es stünden Wüstlinge (schau an, schau an, صحراء النفود) auf sanfte Geliebte … nein, mein Mäuschen, sie lieben es heftig und wild. Da wollen Deine, wie hieß es oben nochmal? …. Spaltbeine, ja, sogar besonders gut mit ihren Krallenspitzen passen, ganz wie die Schmerzen, die sie erzeugen. Und meine Güte, gleich dieser Einsatz .. und mit welcher Dynamik! Da fliegen fast die ProAcs weg oder flögen auseinander, explodierten quasi, wäre nicht die → “build quality alone (…) unsurpassed”; tatsächlich haben die Brackleyer Klangtüftler “each cabinet (…) meticulously constructed, damped and finished in real wood veneer”. Davon habe nicht nur ich etwas, auch Dir, meiner Lilly, kommt es zugute. Und wirst Du mir also wie → in Mozarts noch größerer Oper, wenn ich ums “Perdono” gebeten haben werde, mit der Almaviva wundervollem “Più docile sono, e dico di sì” antworten? Anche Lei è docile, Contessa Cancromio? Ah, sein Sie’s mir … nein: Sein Sie’s bitte – uns.

Aber selbstverständlich, Lady, ist jeder meiner Spaziergänge eine Vergewisserung und empfunden fast mein letzter. “Werde ich auch die nächste Spargelsaison noch erleben?” frug mich gleich am Abgang zur S Schönhauser der kleine Gemüsestand, ohne daß der dahinter stehende orientalische Verkäufer etwas davon ahnte. Und unbedingt werde ich noch in den seit gestern öffentlich → erweiterten Mauerpark flanieren, morgen vielleicht, vielleicht schon nachher; wann, hängt davon ab, wie schnell wir weiter durch die Wüste kommen: die nächste Pforte, in den vierten, ich möchte gar nicht mehr schreiben: Höllenkreis der Nefud; der dritte war auch ohne infernalen Namen anstrengend genug … — diese nächste Pforte zu erreichen also, sei besonders kompliziert. Sie offenbare sich nämlich nicht gleich, erklärte erklärungslos Faisal und beließ es dabei. Wir müßten allerdings noch einen Umweg nehmen.
Nachfragen wollte ich nicht. Einem Araber lästig zu fallen, geht, wie Du wahrscheinlich weißt, mit bleibendem Ehrverlust einher. Immerhin hat mir Faisal den Umweg erklärt: Er habe einen chinesischen Kollegen um Consilio und Mittherapie gebeten, nämlich wegen meiner strahlungshalber anhebenden Neuropathie; tatsächlich sei es aber eine Kollegin, die sich, wie eine Heilerin der Vorzeit, als sozusagen Anachoretin tief in die Wüste zurückgezogen habe. Es ließe sich auch von einer Zauberin sprechen, die auf ihm, Faisal, nicht recht nachvollziehbare Weise Nadeln zu setzen verstehe, was der Erkrankung aber nachweisbar Einhalt zu gebieten verstehe, sie zumindest mildere. – Weshalb mußte ich da sofort an → Marah Durimeh zurückdenken? Ja, es schien mir völlig auf der Hand zu liegen, daß es sie, niemand anderes, sein würde. Aber das sagte ich nicht, sondern ließ mir weiterklären, daß – denn in der vierten Phase setze die Nefud dem weil chemisch sowieso schon geschwächten Körper noch einmal ganz besonders zu – er, Faisal, es für nachdrücklich geraten halte, die Hilfe dieser Durimeh in Anspruch zu nehmen, und zwar bevor wir den Vierten Höllenkreis erreichten. Sie erwarte uns übrmorgen zu … hat er wirklich “High Noon” gesagt? Nein, das wäre → ein anderer Film – mit allerdings einer anderen Anima als, Li, Dir, deutlich einer meiner nämlich Kindheit. Dieser Frau (dieser Imago – wie die Béart ist auch sie alleine innenmedial) habe ich im ersten → der beiden Septimebände mit der Sabinenliebe ein zartes, ich hoffe: voll Achtung, Denkmal gesetzt.

Das – die ich sage einmal Akupunktur – haben wir beide jetzt also auch noch vor uns. Deshalb laß uns diesen schönen Sommertag genießen, 32 Grad hat es draußen, ebennun am Sonnabend um fünf. Für zweidrei Stunden heißt ohnedies beinah jeder Abend in der Nefud — Berlin.

Deiner, Ihrer:
ANH

 

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Achter Brief an Liligeia<<<<

Krebstag 15: Wammerlwetter.

[Arbeitswohnung, 6.42 Uhr
Händel: Tamerlano (Gardiner mit Chance)]

Erster Latte macchiato, elfter Tag rauchfrei und kaum noch Entzug, wenn Sie vielleicht von den Schlafstörungen absehen (sollte Bruno Lampe → also recht haben). Von 2.30 bis etwa anderthalb Stunden später wieder wachgeworden und nicht -gelegen, sondern ziemlich gleich aufgestanden, mir etwas übergezogen (nach wie vor schlafe ich unbekleidet) und mich an den Schreibtisch gesetzt, um zu beginnen, worüber ich, während ich noch lag, insistent nachgrübeln mußte: Sämtliche Paßwörter zusammenstellen, die meine Bevollmächtigten im Fall des Falles brauchen, um auf meine Arbeiten, meine Mail. und anderen Internetkonten, vor allem auch DIE DSCHUNGEL zugreifen zu können.
Jedenfalls hat das Novaminsulfon zwar nicht versagt, denn Schmerzen hatte ich nicht mal ahnbar, doch weiterzuschlafen gelang mir nach dem Erwachen nicht, u8nd genau dagegen, nicht gegen den Scherz, wollte ich es einsetzen. Werd jetzt also doch versuchen, das Melatonin zu besorgen – aber vielleicht bekomme ich es nachher in der Klinik (ans Zolpidem mag ich noch nicht rühren; zuviel davor “Respekt”): Um zehn Uhr Vorgespräch zur morgen stattfindenden “diagnostischen Laparoskopie”, die die Hannöverschen erst gar nicht mehr durchführen wollten; dennoch, meine Hausärztin rief zu (ich muß unbedingt auch ihr einen poetischen Namen finden). — Aufbruch von hier, mit dem Rad, um 9.15 Uhr. Wetter durch-, wieso eigentlich –wachsen? … (“ein recht gut mit Fett durchwachsenes und von Rippen durchzogenes”, → auch “Wammerl” genanntes, Teilstückwetter). Wammerlwetter also.
Wie lange die Vorbesprechung dauern wird, weiß ich nicht. Doch werd’ ich herauszufragen versuchen, wie sich die Ärztinnen und Ärzte hier die spätere OP vorstellen.

Jedenfalls bis etwa vier Uhr an der Paßwortsammlung ge,nun jà,”arbeitet”, dann wieder ins Bett und tatsächlich zwei Stunden weitergeschlafen. Insofern bin ich nicht zermürbt. Es nervt dennoch.

Die Chemo wird am Montag beginnen, nehme ich jedenfalls an. Erster Termin beim Onkologen, auch dort, um das Vorgehen erst einmal zu besprechen und wohl auch schon den Plan aufzustellen, den wiederum meine Hausärztin für das THC-Präparat braucht. Eigentlich hat er mich schon gestern sehen, dann aber doch noch das Ergebnis der Laparoskopie abwarten  wollen. Eigens noch einmal anrufen ließ er mich deshalb.

Li, derzeit, schweigt, keine Reaktion auf → meine Replik. Benjamin Stein gestern per SIGNAL: “Das sind ja harte Aussagen vom Chirurgen. Wahrscheinlich musst du die Dame doch siezen, damit sie sich kooperativ verhält.” Welch eine feine Schärfe in der adjektiven Verbindung mit den Chirurgen liegt! Zumal er mit der Frage nachzieht, wann ich “mit den giftigen Cocktails” begänne. Dazu noch, als SMS, die aus eigener Erfahrung rührende Warnung einer sehr, sehr guten Freundin:

(…) hatte Novaminsulfon als tropfen. du schläfst immer. das zeug macht dich so matschig im kopf, dass du schläfst. ich konnte teilweise (…) nur noch soaps folgen – das wollte ich nur sagen – vorsicht mit dem zeug. du willst doch weiter denken können.

Doch wie gesagt, noch macht es mich nicht matschig, und schlafen läßt es mich auch schon nicht mehr, bereits in der zweiten, ich sage mal, Versuchsnacht.

Kraftvoll Sonne durch schweres Gewölk: ein magisches, fast turnersches Wechsellicht. Wieso ich gestern wieder auf Händel kam, weiß ich nicht zu sagen. Doch saß mehrmals komplett fasziniert in meinem vorm Schreibtisch präzis auf die Proacs ausgerichteten Musikstuhl — bewußt ohne jeden Blick auf etwas anderes:

und lauschte mit meist geschlossenen Augen der geradezu fiebrig-naturalistischen Stimmen- und Instrumententrennung → dieser Aufnahme, deren klangliche Grandiosität wie innige Berührungskraft auch daher rührt, daß, anders als in den späteren Epochen, kein Mischklang entstehen soll, sondern jede Stimme definiert ist und sich mit den anderen Körpern stets individuell vereint. Der darin liegende Widerspruch erzeugt den ungemeinen Hörrausch dieses für Tontechniker wie Klangconaisseurs akustischen Hochfests. So ziehe ich derzeit – seit der Krebsdiagnose ausgesprochen nachdrücklich – aus der komplexen Kunstmusik eine wieder ganz enorme Kraft.

Ihr, meine Freundin,
ANH

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