Am, für diesen Jahreswechsel, letzten Tag in Amelia. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Gennaio 2022.

[Casa di Schulze, Lauretania amerina
ore 8.01, Schreibplatz]

Ich hatte mir bei meiner Abreise aus Berlin viel, leider zu viel vorgenommen, um es auch zu schaffen, und habe also nur ein Quäntchen erledigt; dazu später. Denn aber wenigstens ein amerinisches Arbeitsjournal möchte ich schreiben und tu’s nun an meinem hier letzten Tag. Danach muß gepackt werden; mittags gegen halb drei setzt sich der Zug Richtung Fiumicino in Bewegung, die am Flughafen erst kurz vor fünf zum Stillstand wieder kommen wird, vor also 17 Uhr, der Flieger abheben wird zwei Stunden später. Für den gab es vor drei Tagen hier einige Konfusion, weil ich eine Fehlinformation für bare Münze genommen und in Panik geraten war, die sich durch die des Freundes durchaus nicht halbierte. Angeblich sei Italien zum Virusvariantengebiet erklärt, was erstens bedeutet hätte, daß ich nach Ankunft daheim dort hätte vierzehn Tage quarantär verharren, doch zweitens, um überhaupt ausreisen zu können, auch einen negativen PCR-Test vorweisen müssen, der in Umbrien, egal ob nega- oder positiv, nur sauschwer zu bekommen ist, wenn überhaupt. Es gibt quasi nur Antigen-Teststellen, nämlich in Apotheken, vor denen hier die Schlangen stehen.
Daß meine Info Ente war, stellte sich tags drauf erst heraus, nachdem ich bereits sämtliche Websites des Auswärtigen Amtes wie des Gesundheitsministeriums sowie Robert-Koch-Instituts mich hatte inhalieren lassen. Ah! “Nur” Hochrisikogebiet – und also für den Ge”booster”ten nicht mal ein Antigentest nötig, um von der wahrlich lästigen Quarantäne zu schweigen. Zwei ganze Wochen, ja du meine Güte! Darf ich dann nicht mal in den Keller, um je nächste Kohlen hochzuholen, so daß ich dann auch noch bibbern muß? Und verhungern soll ich zudem, weil ich einkaufen hätte schon gar nicht mehr dürfen.
Diese ganze – anscheinende – Misere wurd noch durch meines Sohnes Erzählung gewürzt, daß er sämtliche Symptome einer Coronainfektion habe und soeben auf dem Weg sei, sich testen zu lassen. Im Fall eines Falles hätte auch er dann in Quarantäne gemußt, immerhin, um’s zu süßen, mit der jungen Frau seines Herzens. Für Liebespartner, die aktiv sind, gilt mitgehangen obligatorisch. – Doch der Test fiel negativ aus, und die Symptome waren die eines allerdings heftigen grippalen Infekts, der sich zu einer Mandelentzündung auswuchs und immerhin schon gestern fast ausgestanden war. Ich hatte heißen Whisky mit Honig empfohlen, nicht unbedingt zu stürzen, zu trinken aber doch, wenn man  sicherheitshalber schon im Bett liegt und nichts passieren kann, wenn man umfällt. Des Dichters MediNait von Wick, wahrscheinlich sehr viel weniger gefährlich; man riskiert allein einen deftigen Kater.
Ein wenig in Sorge war ich allerdings schon.

Der Göttinnen Hände scheinen auf uns zu liegen. Den Kater hatte, quasi statt meines Sohnes, nur ich, zweimal sogar, aber aus Gründen zu vielen Weins (weil eingenommen mit Marsala und Grappa zugleich); es ist seit Corona sowieso zuviel Wein, hier ganz besonders, wo er von Mauro und seinem privaten Weinberg stammt, ungeklärt in  der Fünfliter-Damigiana und von süßestem Bitter auf der hinteren Zunge. Anderthalb davon, die ich, die Flasche im Rucksack verstaut, mitnehmen werde, hab ich mir schon abgefüllt. Ein Glas davon wird mir am späten Abend assistieren, meinen heimischen Schreibtisch wiederzugrüßen; da wird es gegen halb elf sein.

Also. Mir vorgenommen zuviel.
Ich wollte in meinen zehn amerinischen Tagen die “Verwirrung des Gemüts”, meinen 1983 ersterschienenen Roman, überarbeiten und bei der Rückkehr fertig sein; die Neuausgabe des Buches soll ja bereits im März erscheinen. Daran nun war und ist nicht zu denken. Zwar gibt an dem Entwurf und seinen Aussagen gar nichts zu rütteln; “rein” der sogenannte Plot ist und bleibt prima, auch schon die Vorgriffe auf die so späteren Andersweltbücher. Aber – es ist als ein ABER zu tippen – die Formulierungen ..! Und was ich nun gar nicht verstehe: Das Buch ist furchtbar verrissen worden, und ich denke heute, zurecht – aber mit welch lächerlichen, mit den ganz falschen Gründen! Sein eigentlicher, rundum gräßlicher Makel wurde gar nicht benannt, wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Nahezu jeden einzelnen Satz muß ich jetzt schmirgeln, wenn nicht gar durch neue Sätze ersetzen. Da sitze ich an einem einzigen Absatz meistens mehrere Stunden. Es plustert sich alles, ja, nahezu alles mit Abstrahierereien auf, ich habe unsäglich nominalisiert, Adorno hätte “verdinglicht” gerügt. Das ist alles flüssig zu machen, jedes “er spürte, wie er” ins Spüren-selbst zu überführen. An die Dinge herangehen, statt sie zu behaupten, in sie hineingehen! Dafür muß ich Lösungen finden, über die ich nicht selten erst nachdenken muß. Dann stehe ich auf und gehe im Raum hin und her, manchmal zehn Minuten. Dazu die nachgestellten Pronomina in Legion, aber auch ganze nachgestellten Satzteile, als hätte man nicht genug Luft, eine ausgefeilte Syntaxe zu bauen, die eben auch elegant ist, statt vor Kurzatmigkeit zu hyperventilieren. Ähnliches gilt für die erzählten Personen meistens ganz genauso. Auch sie, viele von ihnen, sind bislang nur behauptet und nicht, was sie zu sein haben, da. Also schaffte ich von den mir vorgenommenen zweihundertfünfzig Seiten nur insgesamt dreißig (einhundert hatte ich schon in Berlin neuformuliert) und stehe nun vor dem Problem, meinem Verleger, diesmal Ingo Elfenbein, gestehen zu müssen, für den vorgesehenen Zeitpunkt des Erscheinens, nimmer fertigsein zu können, nimmer, nimmer, nimmer. Zumal Elvira M. Gross noch lektorieren muß, wenn meine Neufassung steht. Ihr schon gar nicht darf ich den Text zumuten, wie er jetzt ist. Sie würde jegliche Achtung verlieren. Sondern ich will, daß auch dieser, gerade dieser Roman ein sprachlich zumindest Gesellenstück wird (für den “Meister” haut’ ich mir aufs Maul) und nicht das gebastelte bleibt eines zwar begabten, doch noch tappischen, teils sogar – in seiner formalen Selbstvergötzung und einem ermotzten Narzißmus – närrischen Lehrlings. Weswegen damals die Kritik nicht diese ästhetischen  Mißstände nannte, wird mir nun ewiges Rätsel bleiben.
Kurz, ich bin peinlich von mir selber berührt, diesem hypomanen Selbstüberschätzer, der ich damals gewesen bin. (Daß mir meine einstige, ich sage einmal, ‘Charakterlage’ das, was ich nachher dann wurde und schrieb, wahrscheinlich erst ermöglicht hat, steht auf einer anderen Seite und mildert mein Urteil altersweise, ohne es aber deshalb zu mindern).

Ich werde Elfenbein also anrufen. Sowas muß man persönlich besprechen, eine Mail zu schreiben, ist kein angemessener Weg. Nur daß ich für ein  Treffen erstmal gar keine Zeit haben werde, ebensowenig dafür, die Überarbeitung morgen gleich fortzusetzen. Denn ich wurde zur Steuererklärung verdonnert, völlig berechtigt, weil der für 2020. Eine kleine Verlängerung der Abgabefrist vom 5. auf den 20. Januar habe ich bewirken können, sonst wäre auch Umbrien nicht mehr möglich gewesen. Doch diesen 20. muß und will ich einhalten

So, dieses war mein Arbeitsjournal. Daß, wenn sein Tagwerk verrichtet, der Freund, dessen erster eigener Lyrikband in diesem Frühjahr erscheinen wird, und ich einander haben viel vorgelesen, versteht sich von selbst, daß wir gut aßen, ebenso, und daß wir besonders gut tranken. Daß wir viel lachten, vertraulich erzählten, Intimes, Ersehntes, Verlornes. Daß uns da manches Mal Traurigkeit faßte. Aber daß draußen, gleich bei meiner Ankunft, der Frühling das Leben als eine enorm gute, widerständige Sonne umwarb sowie in der ausgebreiteten Form eines Himmels, dessen Bläue zu unserer Hineinfahrt verlockte, imaginär Jakobs Leiter hinan, mehr allerdings mich als den Freund, der meine religiösen Als-ob-Flirts nicht teilt. Ich sehe ja überall Satyrn springen, da muß ich den Süden nur riechen: Der nordische Blütenhonig schmeckt einfach nur süß, der hiesige, “Millefiori” genannt, schmeckt nach Thymian, Rosmarin, Fenchel, nach Lorbeer und unbändig drohender Lust.

Ach ja, des Freundes Nachdichtung von Arrigo Boitos Re Orso ist raus:

[Das Bild anklicken und bestellen]

 

ANH,
der sich nun umzieht und packt.

Puschkin im Arbeitsjournal des Sonntags, den 16. Februar 2020. Darinnen Nabokovs Onegin: eine Vor- und Vorwegnahme. Nabokov lesen, 21.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]

Das war nun eine gute Woche. Zum einen Oliver Jungens Rezension → der Erzählbände in der, nach Jahren wieder, FAZ, zum anderen schickte mir, nachträglich zu meinem → Geburtstag, dessen Jubiläumsnummer nun wahrlich kein Anlaß zur Freude, aus Umbrien → Parallalie, bzw. ließ er’s aus Bremen schicken, von → diesem Antiquar eine Sendung, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte, noch daß ich’s habe.
Vorausgegangen war während meines → letzten amerinischen Aufenthaltes, das ohnedies immer wieder, abgesehen vom Re Orso, von Gespräch zu Nabokov und → meiner Serie (an der ich sicherlich noch bis zum Ende dieses Jahres arbeiten werde) mit angefüllt war, der Hinweis auf eine seiner Arbeiten, die er selbst zu seinen wichtigsten zählte und an deren in dieser kleingedruckten eintausenddreihundertseitigen Ausgabe er rund dreißig Jahre lang saß — länger als an irgendeinem seiner Romane.
Ich schaute selbstverständlich gleich, noch in Amelia, im Netz nach, wo ich sie bekommen könne.
Sie war längst vergriffen, aber es gab sie hier und dort im Antiquariat, zu einem Preis indes, den ich zumal jetzt in keiner Weise bezahlen konnte. So mischte sich meiner hohen Neugier denn doch eine wenn auch nur insofern leichte Enttäuschung bei, als ich ja noch einige Romane vor mir hatte und weiterhin habe, die allein, wie soeben geschrieben, dieses Jahr ziemlich füllen werden. Und fast schon vergaß ich darauf.

Ja, und dann kommt dieses Päckchen, ein ziemlich großes Päckchen, das mir Wein zu enthalten schien; auch das Gewicht kam hin. Nur aber — Bremen und Wein? Vielleicht doch eher Kaffee oder gar, in einer womöglich schweren Blechdose, Tee aus dem bekannten Kontor? — Gut, es brachte nichts, weiter zu raten.

Schnippschnipp, abzieh — … meine Güte, ist das verpackt! Und ward auch ziemlich kleiner, nachdem erstmal die pappnen Halteseiten umgelegt waren.

Jetzt ein Quader, backsteingroß und backsteinschwer. Und wie etwas mit Tesa verklebt, das geöffnet werden nicht will. Doch kann ich ziemlich zäh sein … und … Voilà:

 

 

Welch einen Jubel, ja, mit Stimme! ich da ausstieß, als der Schuber sichtbar ward! Es war einfach nicht zu fassen. Wie hatte sich der Freund in solche Unkosten gestürzt? (Nun jà, er hatt’ es angekündigt, eine Woche zuvor, es sei etwas auf den Weg gebracht: “Ich fand es einfach nötig.”) Ich tanzte erst noch ein bißchen herum, gluckste pumpender Lunge dabei, und ließ sie endlich, beide Bücher, das zarte schmale und das gewichtige große, herausgleiten. Da guckt’ ich natürlich sofort hinein, indessen mir weiterhin bewußt, daß ich mich noch lange nicht “wirklich” daransetzen könne.
Tat es zwischendurch freilich trotzdem, zumindest was die Übertragung von Puschkins Versroman angeht, einer doppelten, fast dreifachen Übertragung freilich: aus dem Russischen von Nabokov ins Englische und (Nachtrag, 13.36 Uhr: siehe hierunter → dort) aus dem Russischen von Sabine Baumann ins Deutsche, mitsamt wiederum der Kommentare Dieter E. Zimmers. Zumindest die Grundlage selbst dieser Arbeit, den Puschkin also, wollte und will ich schon einmal lesen. Und habe damit angefangen.

Es störte mich zugleich ein Unbehagen, das ich aber immer habe, wenn gereimte Verse ungereimt wiedergegeben werden. Mir fehlt dann schmerzhaft was, wobei ich erstmal nur ahnte, daß Puschkin mit Reimen geschrieben habe. Er wäre zu seltsam, wenn nicht. So begann ich, ein Fehlen, daß ich nie zuvor als quälend empfunden … gut, “quälend” ist auch etwas zu dicke gesagt – … begann indes erneut zu bedauern, kein Russisch zu können. Wiewohl → dort Andreas Platthaus Nabokovs und seiner Folgerinnen und Folger Entscheidung rundum nachvollziehbar erklärt. Nur hatte ich mir ein paar Tage vorher sogar gesagt, ich sei es Nabokov schuldig, es zu können. Indes, daß ich solch eine Sprache noch packe, ist ziemlich illusorisch (zumal mir Farsi und Arabisch vorgehen werden sowie, meine Französisch neu zu “rebuilden”; und auch das Italienische darbt, und Spanisch würd mich reizen — nur, woher die Zeit?)
Was ich dennoch schon sagen kann, ist, daß nach wenigen Versen die Strophen eine ungemeine Einbildungskraft erwecken. So werde ich Nabokovs Onegin nun in der Überübersetzung tatsächlich neben der übrigen Arbeit lesen; sie gab mir sogar schon zwei Motti für den → Béartzyklus.

Mit dem ich gleichfalls gut weiterkam; fast zwei Dritten des Entwurfs der Nummer XXX stehn jetzt. Ganz ungewöhnlich, was mir plötzlich dafür einfiel … eine Erinnerung, die über dreißig Jahre zurückliegt und sich in mein Ganglion in → Tsavo-Ost getanzt hat; selbst ein Alzheimer käme gegen deren Macht nicht an, so glühend bleibt sie von der afrikanischen Savannenmagie: einmal eine Sonne sehen, die in der Größe eines bemannten, rot entblühenden Fesselballons in den Horizont sinkt! Niemand, der Herz hat, wird das wieder los. Und jetzt sank sie mir in die Béart.

Und dann erschien gestern nun wirklich, bei Faustkultur, meine Erzählung → zu André Hellers Rosenkavalier-Inszenierung unter Zubin Mehta. Ich hätte den Text gerne etwas früher im Netz stehen haben. Aber es sei drum, er wird ja nicht alt.

Gut, ich kehrte mit den mir dargebrachten beiden Büchern an meinen Schreibtisch zurück und — da aber der Freund natürlich hatte seiner Sendung keine Grußkarte oder dergleichen beilegen können — öffnete das mächtigere der beiden, den Kommentar, um nunmehr selbst zu … kann ich signieren schreiben? Wohl eher nicht. Doch der Vermerk mußte hinein:

Ihr, Geliebte,
ANH

 

P.S.:
Allerdings glaube ich nicht, daß Nabokov recht mit dem hat, was draußen auf den Schuber gedruckt ist, er werde als Verfasser von Lolita und mit seiner Arbeit über Eugen Onegin in Erinnerung bleiben — und bin ja dabei, nach und nach den Beweis anzutreten. Man darf auch Göttern widersprechen und sollte es, wenn nötig, tun. (Soviel zu einem Gespräch, das ich gestern nacht führte.)


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III, 454 – Nemontemi et al.

Drei Wochen sind eine gefühlte lange Zeit, und ich müßte tatsächlich nachschauen, ob es zahlenmäßig und meßtechnisch gesehen tatsächlich eine mit “drei Wochen” zu umschreibende Zeit war. Also eine Anachronie in Wirklichkeit. Die im letzten Beitrag angedeutete Chronik einer Jugoslawienreise blieb links liegen. Zu arbeiten war eher am “König Bär”, auch einer Anachronie, zumal wenn im Jahr Tausend ein Troubadour auftaucht. Es ging darum, den ersten Entwurf der Übersetzung mit Reimen auszustatten, d.h. den Rohbau mit Möbeln zu versehen. Und so beantwortete ich auf stets auf die Frage nach meinem Tun an Weihnachten und in den Nemontemi-Tagen (“The five days at the end of the Aztec calendar year were called the Nemontemi, or the five unlucky or useless days. It was considered a dangerous time, when people kept to their houses and did not even cook to avoid attracting the attention of unfavorable spirits”) mit “Lesen und Reimen”.
Nicht ohne eine gewisse Koketterie. Es entbehrte jedoch nicht einer gewissen Wahrheit, wobei merkwürdigerweise das Adjektiv “gewiß” keiner Gewißheit entspringt, in einem gewissen Sinne.
Einmal traute ich mich, in die Provinzhauptstadt zu fahren bzw. deren Peripherie aufzusuchen und noch genauer einen Elektronik-Supermarkt. Die Druckerfarben gingen entschieden dem Ende entgegen, ein USB-Stick war zu besorgen. Erwägungen über Erweiterungen des Wifi-Netzes oder wie das heißt. Es gab viele niedliche Dingerchen dafür, aber entscheiden konnte ich mich nicht. Ein bißchen herumgestaunt. Unübersichtliche Vielfalt.
Im Schuppen gegenüber gab es alles Mögliche für die Einrichtung einer Wohnung. Ich neugierte wegen eines Regals, denn eine Erweiterung ist nötig, weil in die vorhandenen sonst nichts mehr hineinpaßt. Fand indes nichts. Ging zwischen den Regalen herum. Wunderte mich auch hier über die Vielfalt der Dinge, die in einer Wohnung eingebaut werden können. Beim Verlassen piepte ein Alarm. Wohl, weil ich das im Elektronik-Supermarkt Gekaufte bei mir trug. Ich machte mir nichts draus, wurde dann aber doch von einem der Wachleute im Laufschritt eingeholt. Meine Erklärung erfolgte wortlos. Ich hielt ihm unter die Nase, was ich in Händen hielt. So bannte ich den Geist.
Hinzu kamen Vorbereitungen für den Besuch, der sich für den 30. angekündigt hatte. Froh über letzteren, aber Unlust, was erstere betraf. But I did it. More or less. And so we spent our time: reeling and speeching and writhing. Und humstibumsti die fernen Gesichter wieder im Spieglein Spieglein in der Hand (“an der Wand” ist mittlerweile eine höchst selbstreferentielle Angelegenheit, die mittlerweile den ganzen Mann (aber auch nur, weil ich ganz ungendermäßig und unverqueer ein Männ(e)l-Ich bin (merkwürdiger Präsens Indikativ)) fordert, um sich überhaupt davorzustellen (um bewußt übertrieben zu formulieren (aber gelegentlich stimmt’s))).
Nach den Nemontemi und den Feiertagen kam auch wieder Brotarbeit, derer ich davor dankenderweise ledig gewesen. Aber es ließ sich dennoch alles gut einteilen: Brotarbeit, Besuch und König Bär. Three Bees und “Honig für die Bären”, und morgens sowieso für den Joghurt.
Gestern bin ich fertig geworden mit der gereimten König-Bär-Version. Heut’ Abend dann schick’ ich’s raus.

Moral von der Geschicht’

Nicht weisen Spruch, nicht – schwerer Sentenzen Gewicht,
nicht Predigt, nicht mal – die Spur von steifer Moral,
Wer das sucht, folgt falscher Bahn.

Nur ’ne Quaterne – ’ne Ambe – und ’ne Terne
Beschert Lottoglück – wenn es denn will, das Geschick.

Hör drum gut zu, Mensch: – Ambe gibt’s und Terne dann:
Scharfrichter und Mönch – Wurm und König, Buckelmann.

III, 453 – Xmas

Das Arbeitsjournal des Freitags, den 3. Januar 2020. Béarmelia 2. Darinnen ein Instinkt: Die Brüste der Béart (40).

[Casa di Schulze, Kaminraum, ore 11.07]
Stahlblauer Himmel über dem kleinen Ort bis zur Kathedrale hinan; scharfe Kälte, in den Kleidern haftet der Geruch verbrannten Holzes, der die Gassen fast insgesamt füllt: auch tags, als stiege er, nach Erlöschen der Feuer zum Schlaf als Sediment auf die Pflastersteine – meist blankgetreten Katzenköpfe – niedergesenkt, von ihnen ins Licht wieder auf.
Ein kleiner Gang den Berg hinab gestern, um fürs Abendmahl einzukaufen zum “Maghrebiner” – einem orientalisch-märchenhaft mit Obst und Gemüse fast überschütteten Laden, der die grobe Form vierer Garagen hat, deren Zwischenwände entfernt worden sind; mehr nicht; die Kasse vorn bei Oliven und etwas Käse, den – jetzt, im Winter – Nüssen gegenüber, auch sie in Schütten. Märchenhaft gleichfalls die Preise bei n o c h märchenhafterer Qualität. – Ich grüß dort mit “Salam”, was stets ein Lächeln zurückschenkt. (Den Gottesnamen laß ich schweigen).
Der Hin- und also Hinabweg führte hinterm Ort entlang und um ihn fünftels herum bei weitem Blick über die bewaldeten östlichen Hügel bis zum ersten, des Apennins, Fels-tatsächlichberg, der erstaunlicherweise auch in der Höhe nicht weiß ist; ich kenn ihn winters schneebedeckt: Es ist der Skikoloß der Römer.

An den Abenden sitzen wir zusammen, bis gestern taten wir’s auch des tags, → Parallalie und ich, er über seine Übersetzungs-, besser Nachdichtungsarbeit des → Re Orso gebeugt (einem Auftrag Cristoforo → Arcos), ich entweder über → Nabokovs “Gabe” oder, zunehmend intensiv, an meinen Béarts, deren N XXVIII ich gestern tatsächlich abschließen konnte; vorher habe ich Ihnen, Geliebte, einen →Auszugsentwurf hier einstellen können. (Ich höre gar nichts von Ihnen? Ist Ihnen dieser Texte wohl entgangen? Und haben Sie → mein Wort zum Neujahr gesehn?)

Wie auch immer, am Schluß wird diese Klage um Kinder, daß sie nämlich fehlen, ein Abschied des Klagenden selbst. Und d a, als ich soweit war, hatte ich eine Idee … – nein, den Instinkt, aus sämtlichen Stücken des Zyklus das Ich hinauswerfen zu müssen, um es durch ein Wir zu ersetzen. Sollte ich ihm folgen, bedeutete es allerdings, nicht wenige Rhythmen und aber auch Reime radikal ändern zu müssen. Dies will ich – auch da aber versuchsweise erst – allerdings nicht angehen, bevor nicht alle dreiunddreißig Gedichte als Entwürfe fertig sind. Also wohl erst, wenn ich zurück in Berlin sein werde. Sowohl Béart als auch Die Gabe halten mich ohnedies schon genug davon ab, → die Serie fortzusetzen, an deren Reihe nun die Besprechung des zweiten Erzählbandes notwendig wäre, dringend. sogar. Schreiben will ich sie auf jeden Fall noch hier.

“Ein Wir ist aber problematisch”, gab nicht zu unrecht der Freund zu bedenken, wobei ich genau das aber will: ein heterosexuell-männliches Wir, das die “private” Perspektive in einen Abgesang allgemeinen Charakters vergehender Natur hebt und gegen das, ich sage mal, “Queer” stellt – nicht zwecks dessen Denunziation, überhaupt nicht, doch um einen ontologisch ebenso gerechtfertigten, einen gleichberechtigten Anspruch zu vertreten, besonders des Begehrens. Wobei hier nicht nur als Fußnote von der Brügger Madonna zu sprechen wäre, von der mir Parallalie erzählt und die er mir→ bei Wikipedia zeigte. Anders als für mich, so erwies sich’s in unserm Gespräch, ist seine Verehrung für diese Arbeit Michelangelos nicht erotisch, sagen wir: nicht sexuell, sondern tatsächlich sozusagen heilig, was “unantastbar” meint, im Wortsinn, derweil ich selbst unmittelbar ein jenem durchaus ähnliches Verlangen empfand, das mich geradezu durchflutete, als ich in den Achtzigern vor Antonellos Anunziata stand, und später immer wieder: Ich möchte die Haut dieser Frau riechen und schmecken, ihre Stimme hören in meinem zumindest inneren, meinem metaphorischen Ohr, am liebsten aber in beiden physischen Ohren konkret. Und mit einer Liebkosung des Flüsterns antworten dürfen.

Woher mein sinnliches Angerührtsein rührt, weiß ich gut: Es ist “heidnischer” … nein, eben nicht Nachklang, sondern ein bestehender, weiter wirkender Klang-v o r a u s — animistische, gleichsam, Zukunft (durch die mir freilich das Alter einen Strich macht, der Realisierung ohnedies ausschließen würde) — aber jetzt, im Moment, da ich dies schreibe, wird mir voll evidenter Kraft bewußt, daß eines der Béartgedichte solchen Madonnen gewidmet sein muß, sich ins “Christliche” subversiv eben nicht nur geretteten, um verborgen am Leben zu bleiben, Demeterfiguren, sondern sie wirken subversiv, unterlaufen die Körper- (und deshalb Natur-) -feindlichkeit des Monotheismus. In ihnen kann das Wort menstruieren. Genau das läßt sie meiner Poetik so nah sein.
Doch ich will “mein Pulver” hier nicht “verschießen”, nur kurz was skizzieren – wem sonst, Ersehnte, als Ihnen, die ohnedies durch alle meine Texte scheint. — Sabine Scho, die derzeit in der → Villa Massimo lebt und die wir nächste Woche treffen werden, hat – explizit für die Béarts – mir überdies den Hinweis auf eine römische Kirche gegeben, → St. Isidoro, die wir zusammen besuchen werden, hoff ich jedenfalls. Danach, spüre ich, wird die Zeit sein, mit diesem Gedicht zu beginnen. Aber vielleicht “werf” ich schon vorher “was hin”.

>>>> Béart 41
Béart 39 <<<<

***

Selbst der Silvesterabend, die Silvesternacht, war béart- freilich auch boitogefüllt: Der Freund las Szenen vor, und zwar derart plastisch, daß ich versucht war, ein Filmchen für Die Dschungel mitzuschneiden. Weshalb ich es sein ließ, kann ich kaum sagen; deshalb vielleicht, weil Musik dazu lief, die sich auf einer Aufnahme vorgedrängt hätte. Doch reizvoll wäre, besonders reizvoll, nur seine die Rezitation begleitende rechte Hand zu zeigen, zu der die Stimme dann singt. Und anstelle, wie wir uns vorgenommen, zum Jahreswechsel auf zwei oder drei Grappe → zu Valda hinunterzuspazieren, blieben wir der Dichtung halber insgesamt hier und hörten noch → mein Hörstück zu Daniela Danz, deren Sprache ich dem Freund unbedingt nahebringen wollte. Ich hatte es schon mehrfach versucht. Diesmal gelang es: Sie hat nun den ihr gebührenden Rang auf Schulzes Lektüreliste eingenommen.
Da war es schon lange nach eins.
Zu Bett gingen wir gegen halb drei. Vereinzelt waren Böller – kaum – zu hören, doch nebenan, in der Jugendherberge, dröhnte einer Party baumhohlhartes BUMMBUMM | BUMMBUMMBUMM | BUMMBUMMBUMMBUMM bis ungefähr eine halbe Stunde später. Nehme ich an, denn ich schlief drüber ein.
Bedauerlicherweise ist die Damigiana voll Mauros Privatwein bereits ausgetrunken; Nachschub ist nicht vor Montag zu erwarten; so geht’s erst mal mit → Zanchi weiter. Dafür hat der Freund ein wunderbares Öl entdeckt, ebenfalls aus kleiner, für den Export nicht vorgesehner Produktion. Ich habe Phyllis Kiehl, deren herrliches Weblog leider nur noch sporadisch geführt wird (wobei ich besser von “fouwlichem” schriebe), versprochen, ihr zwei Flaschen des Zanchi-Öles mitzubringen, das sie liebt; nun spiele ich mit dem Gedanken, davon nur eine zu besorgen und die zweite eben von Fabiano. Allerdings, ich hatte schon auf dem Herflug a bisserl Übergepäck (was liebevoll übersehen wurde).

 

Rom also erst nächste Woche; ein Béartgedicht würde ich gern unter → Himmel und Kuppel von Pozzo skizzieren.

Schönste, ich denke an Sie:
ANH

(der sich den Anflug einer grippalen Infektion eingefangen hat; im Hals hinten kratzt es, und ich bölke vor mich hin. Interessant indes, wie auch dagegen Nabokov Abhilfe schafft. Und, à propos: – nicht vergessen, über seinen ziemlich deutlichen, bisweilen sogar kruden Konservatismus zu schreiben und daß er keinerlei Scheu kennt, heute verbotene Wörter zu verwenden. Von seinen Nymphetten sprech ich besser gar nicht erst. Die Correctness hätte fürwahr eine g e i l e Freude an ihm. Sie käm aus ihrem Reiben gar nicht mehr raus. — Ah ihr Mindergeister, schaut: Das nächste Genie gibt’s zu zensieren! Bis nichts mehr bleibt, das nicht Mittelmaß ist – wenn es denn “gut”geht.)

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