“Was ist mit Der Dschungel los?” fragt das abendliche Arbeitsjournal des Montags, den 26. September 2022, nicht aber, ohne von einem sehr schönen Abend für Katharina Schultens zu erzählen.

[Arbeitswohnung, 15.57 Uhr
Tschaikowski, Streicherserenade C-Dur op. 48
nach Brittens Simple Symphony, die danach noch
einmal gespielt werden wird (Denon-PCM|Digital-
Vinyl (1983)]
Unversehens kippt nicht nur etwas, sondern gleich ein ganzer Schwall klatscht auf, um weiter und, hoffe ich, immer weiter zu fließen — und das, obwohl text+kritik noch immer nicht erschienen ist, weiterhin nur → vorbestellt werden kann. Aber es i s t ja noch September. Aber daß der Schwall ein Wasserfall ist, ließ mich dennoch erstaunen, zumal, wenn er nach oben stürzt. “Was ist mit Der Dschungel los?” fragt’ es ausrufend in mir. Also daß es in manchen Monaten  einen vereinzelten Tag irrer Explosionen der Zugriffszahlen gibt, kenn ich ja mittlerweile, aber — vier Tage in Folge?

Vor dem und bis zum Donnerstag (22.) dümpelte die Statistik bei täglichen um die 150 Zugriffe mit seltenen Ausschlägen hoch bis 300 vor sch hin, aber dann – Freitag, 23., 12.926 / Sonnabend, 24., 11.737 / Sonntag, 25., 8.965 und heute, Montag, 26., sind wir bereits jetzt, um 16.12 Uhr, bei 9.565. Einen Grund kann ich nicht finden, nicht durch Interpretation der Refferer-usw.-Angaben, nicht im Netz. S e h r seltsam.

Bin noch immer nicht in der Arbeit drin, jedenfalls nicht richtig, und stand pünktlich um zwölf dann auch noch vor der “aus technischen Gründen” geschlossenen Praxis des Ärzteteams meiner Angiologin. Dabei hatte ich einen Termin, hab ihn, historisch gesehen, immer noch. Ich hoffe, daß ich jetzt nicht abermals sechs Wochen warten muß. Auch wenn es eine Kontrolluntersuchung ist, also nichts vorliegt, was gerichtet werden müßte, sondern nur die Halsschlagader untersucht. Na gut, schwang ich mich eben wieder aufs Rad, um von Moabit zurück in die Prenzlauer Berge zu fahren, nicht aber gleich in die Arbeitswohnung, sondern einfach geradeaus bis zur Kulturbrauerei, dort in den großen Hof und zum Haus für Poesie, wo ich gestern die Gedichte Manfred Hausmanns liegen gelassen hatte, von denen ich eines – kombiniert mit Daniela Danz und Ezra Pound – vorgetragen hatte, wie eben alle oder jede und jeder taten, die/der mochte. Einzige “Bedingung” war, daß es keine eigenen Gedichte sein sollten. Was ich sehr nachvollziehbar finde; so bleiben die Eitelkeiten in den Grenzen (auch die meinen, selbstverständlich).


(Auf dem Foto Hendrik Jackson – zu bereits s e h r vorgeschrittener Stunde. Deshalb die leeren Stühle; sie waren zuvor alles besetzt.)

Katharina Schultens, die neue Leiterin der gestern gut gefüllten Hauses, saß die ganze Zeit über gleich mit auf dem gewissermaßen Podium der Vorträge und nahm sie wie tatsächliche Geschenke auch entgegen. Es gab bei niemandem irgendein Konkurrenzgebaren, eher war es tatsächlich das Zusammenkommen einer stattlichen Anzahl Gleichgesinnter, pars inter pares; ihre Vorbehalte hatten sie an der an sich dafür zu kleinen Garderobe abgegeben. Aber gut, die junge, sie versorgende Dame mußte halt stopfen, bis sie selbst fast keinen Platz mehr hinter dem Tresen hatte; als ich sie zuletzt sah, schauten nur ihr Kopf sowie das obere Drittel ihres wunderbar sehnigen Halses aus dem Verstauten heraus. Wenigstens mußte sie, um atmen können, den Hinterkopf nicht in den Nacken legen. — Nicht wenige Handschläge waren im Saal eine komplett neue Erscheinung vielleicht nicht für die Welt, doch in jedem Fall Berlin. Und es fühlte sich auch fast komplett an, als ich die in Haltung und Erscheinung entzückende Ginka Steinwachs wiedersah, mit ihren kurz vor achtzig Jahren unterdessen eine alte Dame, deren Rankheit fast schon an Durchsichtigkeit grenzt. Lange bevor es den Open Mike gab, gehörte sie zu den Aktionskünstlerinnen der literischen Welt – ich könnte auch schreiben, sie sei einmal berühmt gewesen. Paulus Böhmer, sie und ich galten in meiner Frankfurtmainer Zeit als so etwas wie Girods Trio Infernal der Dichterszene. (Die es aber nicht gab, also diese “Szene”, dort; insofern war dies “gelten” ziemlich sinnlos.) – Sie, Steinwachs, habe sich einige Jahre zurückgezogen, erzählte sie mir; nun aber sei sie wieder wütend geworden. – Wie es Paulus Böhmer gehe? Von seinem Tod wußte sie noch nichts, kurz traten ihr die Tränen in die Augen, eine sehr feine, weil sie zugleich so flach war, von Ginka nicht bemerkte schaffte es auf die Haut überm rechten Wangenknochen. Dann hatte Frau Steinwachs sich wieder gefaßt: Sie mochte es nicht, daß einige von ihren Smartphones vortrugen, in denen sie die Gedichte gespeichert hatte. Ich begütigte: “Ja, Ginka, kommt es denn auf das Übertragungsmedium oder auf das an, was wir hören?” In diesem → Essay von 2014 habe ich eigens dazu geschrieben; hier genügte ein warm-ironisches Lächeln, um eines auch in ihr Gesicht zu locken.
Manchmal tatsächlich ergreifend an den vorgetragenen Texten waren oft gar nicht diese selbst, sondern die Verbundheit mit ihnen, die einige Rezendiere hier offenbarten, so daß der kleine Veranstaltungssaal etwas wie ein Frei- und Schutzraum wurde, in dem sich die durchaus spürbare Prima inter pates immer mal wieder mit einem eigenen Beitrag meldete; um die Honneurs zu geben, waren Vertreterinnen des Literaturhauses sowie der Akademie, und zwar ihrerseits mit Beiträgen, gekommen, mehr als eine Geste. Umso schmerzlicher vermißte ich Florian Höllerer vom LCB. Ohnedies waren einige Menschen nicht da, mit denen ich fest gerechnet hätte – hätt’ ich denn gerechnet. Doch Unbehagen hatte ich allein einer spürbaren Dominanz des Englischen wegen, an der ich selbst mit dem im Original vorgetragenen Pound freilich Anteil trug, wenn auch eben nicht an der US-amerikanischen Spielart. (Ich fand aber nicht nur, daß hier der Klang ganz besonders wichtig ist, sondern finde auch die Übersetzung scheiße. Vielleicht, daß ich es selbst zu übertragen versuche?) – Wobei ich mit dem häufigen Englisch in der Lyrik ganz zufrieden wäre, erklänge das Französische, Italienische, Spanische ebenso und/oder Norwegisch, Schwedisch, Polnisch usw. Aber davon wurden die meisten jungen Lyrikerinnen und Lyriker eben nicht geprägt, besonders dann nicht, wenn sie, wie der Mehrzahl (an)getan, durch den Pop geprägt sind. Andererseits erreichen sie so aber eine Flüssigkeit des mündlichen Ausdrucks in dieser anderen Sprache, an den ich selbst mein Leblang nicht heranreichen werde.
Und unversehens hatte ich meinen ersten Auftrag, nämlich in der Reihe → Lieder und Dichter mitzuwirken, wahrscheinlich im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres. Nun freut mich dieser, ich schreibe einmal, “Auftrag” ganz besonders, weil meine geradezu leidenschaftlichen Nähen zur vor allem europäischen Kunstmusik doch eigentlich bekannt sind und sich nun jemand daran erinnert hat. Ich weiß sogar, welchen Liedzyklus ich mir wünsche … – Nein, ich werde zwischen zweien wählen müssen. Darüber schreibe ich aber erst, wenn es soweit ist. Viel bedeutsamer ist etwas anderes. “Eigentlich müßten Sie doch in → Lyrikline aufgenommen werden”, sagte unvermittelt in unserem Gespräch einer der programmgestaltenden Mitarbeiter des Hauses. Es ist etwas, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe, was mich aber bisweilen auch wütend gemacht hat, weil ich mich übergangen fühlte, bewußt übergangen. Und mit einem Mal ist nicht alles, aber doch Entscheidendes anders, Türen tun sich auf. Für mich in diesem Fall sogar noch schöner, weil das Haus für Poesie ja keine zehn Gehminuten von der Arbeitswohnung weg ist. “Ich denke so an”, sagte er weiter, “zehn Gedichte”. Was klasse ist, weil ich nun aus jedem Gedichtband ein Gedicht heraussuchen kann, aus dem Ungeheuer Muse werden es wohl zwei, ebenso aus den Béarts.
Durchaus nicht nur freudetrunken gelangte ich dann irgendwann auch heim und scheine mir dann noch den Tatort reingezogen zu haben, wovon ich aber nichts mehr weiß oder nur eine insofern dumpfe Ahnung habe, weil, als ich erwachte, an meinem Bett Murot stand, bzw. schwebte sein blickverwirrtes Gesicht blickverwirrt noch viel mehr und verpuffte erst, als ich begreifend erschrak, verschlafen zu haben. Meine Güte, acht statt sechs! Für mich bedeutet das ja immer, der ganze Tag fällt hinweg, also für ernsthafte Arbeit. Dazu dieser auch noch geplatzte Ärztintermin. So komme ich immerhin, liebste Freundin, dazu, wieder Arbeitsjournal zu schreiben, worin halt von der eigentlichen Arbeit sich heute nichts berichten läßt. Aber über Freude. Und toll war, übrigens, Sabine Scho wiederzusehen und diesmal auch – zu hören.

                 Ihr

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(Nun, um 20.10 Uhr, hat Die Dschungel bereits 11.146 Zugriffe. Ich fass’ es nicht.)

Das Arbeitsjournal des Freitags, den 21. Januar 2022, darinnen mein alter Führerschein.

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
Erster Latte macchiato[1]Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.]

Seit 5.30 Uhr auf, weil bereits kurz nach halb elf erschöpft ins Bett – eine Folge auch zu vielen Weines, was wiederum, insgesamt, Folge, denk ich, Coronas. Tatsächlich aber bleibt die Überarbeitung der Verwirrung des Gemüths – ja, der eigentlich vorgesehene Titel, “Gemüt” mit “th”, der damals nicht durchzubringen war, findet in der Neuausgabe sein Recht; bei der vorgesehenen Neuausgabe des Dolfinger-Romans wird es hoffentlich genauso sein; der heißt dann endlich, wie ich’s damals (1980) wollte: Die Erschießung des Ministers – … also diese Überarbeitung bleibt mühsam. Zähe verstreichen die Sätze, wie wenn sie stehende Zeit wären, die ich verflüssigen muß. Dann schaffe ich täglich vielleicht, wenn es gutgeht, zehn Seiten. Immerhin die Ergebnisse, am nächsten Morgen überprüft, machen mich teils sogar glücklich. Es lohnt sich also. Wobei meine Arbeit gestern angenehm vom Besuch → Sabine Schos unterbrochen wurde, die mir, nachdem ich am Montag bei ihrem → Abend zu Brahms Magelone dabeigewesen war und mitgeschnitten hatte, als sozusagen Dank → das Boxerbuch vorbeibrachte, das ihre Arbeit in der und für die Villa Massimo war. So plauderten wir und gingen endlich, es schien himmlisch die Sonne, spazieren (heute früh liegt auf den Dächern meines zweiten Hinterhausgebäudekomplexes Schnee). Ich zeigte ihr den von den Anwohnern des Thälmannparks unterhaltenen → Kiezteich, den nicht nur Enten und Fische bevölkern, sondern auch Wasserschildkröten, von denen indes bei der Kälte keine sich sehen ließ.
Ich spaziere gerne hierhin und schaue da erfüllend analog dem Wechsel der Jahreszeiten zu, der sich am Teich berührend noch beobachten läßt. Soweit der Klimawechsel mitspielt.
Danach an die Verwirrung erneut.

An dem Boxerbuch, nicht-nebenbei bemerkt, hat Freund Parallalie mitgearbeitet, Schos Dichtungen nämlich ins Italienische gebracht:

Unter seinem Klarnamen aber, Helmut Schulze, der sich auch so nur → besuchen ließ und läßt.

Gehört und gesehen habe ich freilich auch, dies am Dienstagabend, → Currentzis´ neuen (neues?) → Lab, das das Andante aus Brahms’ Klavierkonzert Nr. 2 in interpretierende Szene gesetzt hat. Über diesen Dirigenten stehe ich seit langem mit einem höchst klugen und kenntnisreichen Mann, fjk, in Korrespondenz, der mich überhaupt erst auf ihn, also jenen, hat aufmerksam gemacht und mich über die Dropbox ständig mit wichtigen, mir noch unbekannten Aufnahmen versorgt. Hier allerdings schrieb ich ihm heute früh:

Guten Morgen, haben Sie Dank.
Allerdings habe ich mir die ganze Probe direkt schon live angeschaut – was ein Erlebnis war, wie zu erwarten, wobei es Momente gab, in denen Currentzis denn doch ein bißchen den Kitsch gestreift hat (“we’ll dream together”), auf dem er auch beharrte – freilich mit berückendem Ergebnis. (Es wäre k e i n Kitsch gewesen, wäre die Probe nicht öffentlich gewesen; so lehre ich’s meine Studentinnen und Studenten, hier scharf unterscheiden zu müssen: Gemeinsam einen Sonnenuntergang zu sehen, einander zu versichern, wie schön er sei und vielleicht dabei noch zu seufzen, ist nicht Kitsch, wohl aber, dies vor Publikum zu tun – “klassisches” Beispiel: im Film.)
Ihr ANH
Für das Arbeitsjournal und also, Freundin, Sie, ist, daß ich die paar Zeilen hier einkopiere, insofern keine Privatübertretung, als es um eine poetologische Einlassung geht, die mir Definition ist. In solchem, poetologischem, Zusammenhang hat es mich denn auch gefreut, → d a r u n t e r heute bei FB den nun dort hinkopierten sehr zustimmenden Kommentar gelesen – jetzt kommt eine irre Formulierung: gedurft zu haben. (Lacht).
Dergleichen tut mir ebenso wohl, wie nach und nach die fast nun schon Flut literarwissenschaftlicher Schriften über meine Arbeit im Netz zu entdecken, siehe meinen kleinen (unbeantworteten) Brief → an Frau Fassio. Geantwortet aber hat André Steiner, den Buenos Aires.Anderswelt sogar zu einer ganzen Literaturtheorie inspiriert hat, die letztes Jahr bei transcript erschien:

Bestellen

Er hat mich eingeladen, am kommenden Dienstag mittags an einer online-Seminarsitzung der Uni Bremen, an der er lehrt, teilzunehmen, weil deren Inhalt Buenos Aires.Anderswelt eben sein wird.

Es entspricht meinen poetischen Anliegen, daß die “alten” Bücher mit den neuen sowie Der Dschungel in einem stehenden Zeitkontinuum leben, und genauso (ich werde danach immer wieder gefragt) meiner Neigung, diese Arbeiten, auch wenn längst veröffentlicht, so lange weiter-, teils auch sie umzuschreiben, zumindest ihre Stilistiken zu korrigieren oder überhaupt einem Text den Stil zu geben, wo zuvor eben “Text” nur war und vielleicht sein nur konnte. Auch deshalb an alles letzte Schliffe legen (denen vielleicht aller- und allerallerletzte folgen, und so fort bis zum Versinken), weil die meisten Bücher zusammenhängen. Meere und Traumschiff sind Ausnahmen, ebenso manche, doch beileibe nicht alle, Erzählungen. Daß meine Arbeiten ein Prosa-Netzwerk sind, ist es wohl auch, was mich mit → Robert HP Platz verbindet, der immer wieder Texte von mir für seine Kompositionen verwendet, die fastquasi ‘ganz’ dasgleiche tun. Dem WDR übrigens war sein siebzigster Geburtstag (du meine Güte, auch für mich sind’s bis dahin nur noch drei Jahre!) ein Anlaß, ihm ein, sagen wir, Ehrenkonzert zu geben. Dort können Sie es noch für etwa drei Wochen hören {das Bild anklicken}:

***
So, ich sitze noch im Morgenmantel, noch liegt der Schnee auf den Dächern; fast wird er jetzt schon von der Sonne beschienen, was mir sehr guttut, dieses Erwachen der Erde in meinem Rücken aus dem Dunklen|beim|Auf-
gestandensein sich erhebend. Es wird Zeit, das Bett zu machen, dessen Decke und Kissen in meinen ersten beiden Tagesstunden bei egal welchen Temperaturen weit geöffnetem Fenster lüften. Ist es gerichtet, wird der Ofen versorgt, dann Toilette gemacht und sich gekleidet. Die Wahl der Krawatte (im Sommer, ob überhaupt eine oder ob TShirt zum, selbstverständlich, Anzug) braucht immer etwas Zeit, dazu noch des Einstecktuches. Sorgfalt ist insgesamt ein ästhetisches Kernwort, und da ich zwischen mir und der Arbeit nicht trenne, noch jemals trennte, ist, wie ich mich kleide, bedeutsam – abgesehen davon, daß “ich”, wie ich’s auf der vergangenen Buchmesse formuliert habe, “meine Eitelkeit in meine Anzüge stecke; dann bleibt sie in denen und stört nicht das Werk”. Aber das, liebe Freundin, habe ich Ihnen bereits, glaube ich, erzählt.

Ihr (darf ich Sie heute Liebste nennen?)
ANH

P.S.: Ach, ich wollte ja was zum Führerschein schreiben, sonst hätt ich ihn nicht in den Titel gesetzt.
Also.
Erst zwischen den Jahren bekam ich überhaupt mit, daß die alten Führerscheins gegen moderne Cards eingetauscht werden müssen. Was ich in Ordnung fände, würde der alte nicht eingezogen und bleibend einbehalten, wahrscheinlich sogar vernichtet werden. Das ärgert mich,weil mein grauer Lappen bezeugt, ich führ seit einundvierzig Jahren ohne Unfall. Das Problem selbst ist nun aber ein anderes, nicht nur, daß ich mir überdies eine Bescheinigung von der Ausgabestelle besorgen muß, in meinem Fall nämlich Bremens, was schriftlichen Aufwand und wasweißichnoch bedeutet, sondern erstens soll für meinen Jahrgang dieser, na gut, “Tausch” bis nicht nur sprichwörtlich vorgestern stattgefunden haben, dem 19.1, sondern ich muß dafür ins Bürgeramt, das aber gar keine Termine frei hat – auf Monate hinaus. So könnt ich mich nur in die Warteschlange des Callcenters drücken – und verlöre abermals Zeit für Verwirrung & Gemüth. Nein, weder Lust noch Nerven dazu. Werd ich mit altem Lappen erwischt, kostet es zehn Euro. Die ist die Verwirrung mir wert.

References

References
1 Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.

Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

 

[صحراء النفود, Morgenlager
7.15 Uhr, 74.5 kg]
[Peter Maxwell Davies,
Symphony III (1984)]

Wir sind etwas spät heute dran, aber was ich sofort bemerkte,, als ich zwischen meinen Teppichen unter dem sandleuchtenden Planenhimmel meines Zeltes erwachte, war eine mir unterdessen ungewohnte Klarheit, die, möchte ich sagen, feste Kontur, die die Gegenstände sogar hier drinnen angenommen hatten. Daß außen in der Wüste nichts wirklich fest ist, wundert uns nicht; auch sie ist ein Meer, das, wie wir spätestens → seit Thomas Pynchon wissen, von Untersandbooten durchpflügt werden, die wir deshalb nie bemerken, weil sie nur selten in Flachsand, statt dessen meist in großer Tiefe tauchen, nicht selten in Höhe der Erdölblasen, wo es allerdings ausgefuchster Lotsen bedarf. Jedenfalls kann ich mir moment  überhaupt nicht mehr vorzustellen, daß sich die drei Sitzpuffs dort nicht verrücken, ja nicht mal anfassen ließen. Ich kann es sehr wohl, sie anfassen, und habe es eben, einfach für meine innere Sicherheit, erfolgreich probiert. Verrücken läßt sich auch der kaum zwanzig Zentimeter hohe, doch bestimme einen halben Meter umfangende Tisch mit den bunten Glasarbeiten in der von silbernen Mäandern aus Kalligraphien eingefaßten Ebenholzplatte; hauchdünn muß sie aber sein, sonst wäre er nicht so leicht. Doch die schmalen, entspiegelten Teegläser in ihren durchbrochenen, rosanen Bechern trägt sie wie das zum Service gehörende Kännchen. Das ibn Gamael oder jemand anderes unserer … ich schreibe so ungern “Diener”, und “Bediensteter” ist häßlichst abstrakt, zumal mit fiesem Doppelsinn in der weiblichen Form, sofern wir nicht das aber dann noch abstraktere “Bedienstetin” verwenden … – oder also jemand anderes hat das Kännchen bereits vorbereitet, während ich noch schlief. Wiederum Faisal kommt, wenn unser Nachtlager so lange steht, stets erst gegen neun zum Gespräch, auch zur Andacht. Mitunter fällt er in Abwesenheit, dann, spüre ich, spricht er mit seinem GOtt, oder dieser hat sich an ihn gewandt. Diese, ich schreibe einmal, Absencen sind ihm nicht unangenehm, auch nicht zu privat. Im Gegenteil scheint meinem Freund gerade der ihnen zugrunde liegende Glaube nicht nur Grund, sondern auch die Notwendigkeit zu sein, sie niemals zu verbergen. Herodes Satz, über Jochanaan, fällt mir da ein, wiewohl Dr. Faisal nun ganz sicher kein Prophet ist, auch wenn er, wie bisweilen gesagt wird, im Nebenberuf politische Ambitionen habe; sie seien seinen an den Einzelpatienten orientierten medizinischen Interventionen, wenn auf die ganze Gesellschaft übertragen, durchaus kongruent. “Der Finger Gottes hat ihn berührt!”

The finger of God has touched him, → Wilde. Und noch eine Li! Ah, verstehen, Freundin, Sie? Das Wadi der Verstrickungen — DIE STÖRUNGEN DER SALOMÉ: LULU sollte ein Performance-Theaterstück heißen, das ich in den frühen Neunzigern vom Verlag der Autoren bereits in Auftrag hatte, doch wegen des damaligen noch Mißerfolgs meiner UNDINE niemals fertig stellte, die ja erst fünfzehn Jahre nach ihrem Erscheinen → uraufgeführt wurde und aber auch da nicht von einem großen Theater, sondern dem allerdings hinreißend engagierten Off-Ensemble der Gütersloher Weberei. Auch sie, wenn auch in sehr viel milderem Sinn, auch Undine also ist eine Li – nur möchte sie nicht töten, sondern raus aus der mythischen Bestimmung. Was ihr wie uns mißlingt —

— und somit  mich aufs Thema der Nebenwirkungen zurückbringt. Nun jà, sie sind nicht schlimm, erzählte ich gestern ich weiß nicht mehr wem, sondern in meinem Fall allenfalls lästig. Genau, das sei das Wort (und ist es), lästig. Etwa die dauernde Nasenbluterei, wenn ich schnaube; nur aber dann, tatsächlich. Schnaube ich nicht, juckt es bloß, doch ebenso dauernd. Nett ist die Parallele am untren Ausgang gegenüber, immerhin dort ohne Blut. Doch die Schleimhäute sind ziemlich angefaßt, schnell wachsendes Gewebe eben, das von der Chemo abgeschossen wird. Gestern abend dachte ich sogar, auwei, jetzt sind die Augenbrauen doch noch dran. Sie wirkten lichter an den Seiten. Ich zog an ihnen, ob sich etwas wegfluffen lasse. Nö, hielt. Auch jetzt sind sie noch da. Aber vielleicht doch etwas lichter. Hm.
Was ich definitiv sagen kann, ist, daß der Bartwuchs deutlich nachläßt; es reicht momentan, mich alle zwei Tage zu rasieren; normalerweise muß ich es, gehe ich abends nich aus, stets ein zweiten Mal tun. Und gestern bei der Fußpflege … — Fußpflege? Wie? In der Nefud? Ich kann mich nicht erinnern, eine … – egal. Faisal fragen. Moment, ich notier mir das eben, vielleicht kommt auch Vergeßlichkeit, ein bißchen aber nur, hinzu. Also meine Fußpflegerin, die da erst von Liligeia erfuhr, bemerkte, es sei auch auffällig wenig Hornhaut diesmal an den Füßen. Wobei ich genau da, als ich bei ihr saß, meiner Krebsin Nachricht mit dieser Frucht bekam. Ja, → Sabine Scho, an eine Papaya hab ich auch zuerst gedacht: Dann aber …. Phyllis Kiehl, abends in Facetime, nannte es ein Drachenei, indessen ich selbst, oh Li, erneut an → SPECIES denken mußte, Sil, und dachte an den Kokon, der das → Wadi der Verstrickungen in einem gewissen, nein, ungewissen Sinn mit Sicherheit gewesen ist. Den ganzen Tag über hing es mir nach, hing er pulsend in mir, und nachdem bei der Fußpflegerin wieder hinaus war und auf Röhrerich stieg, der liegend-sanft gewartet hatte, und als das riesige Tier dann zu schwanken begann, führte sie, die Frucht, zu unentwegten Erscheinungen, wie sie in einer Wüste wahrscheinlich noch niemand so gehabt. In keinem Fall, auch nicht bei Pynchon, habe ich von dergleichen gelesen, auch schon bei Karl May nicht (Durch die Wüste, 1892), weil, wahrscheinlich, in seinen Quellen-Baedeckers von den verwunschenen Pfaden nirgends was zu lesen war, noch vierunddreißig Jahre später in Thomas Edward ben Iinjiltiras → SEVEN PILLARS OF WISDOM, derer nun aber ich auf jeden Tritt Röhrerichs gewärtig wurde. Eben noch stehen mir im Osten an die fünfzig Meter hohe Dünen zur Seite, muß ich nur das Gesicht nach Westen wenden, um einen Vorhang Grüns zu erkennen in den hinein ich Rih denn auch treibe. Schon öffnen sich die verschwiegendsten Wege meditierender Parks.

Nein, es sind dies keine Oasen; zumindest den Beduinen wären sie bekannt. Vor allem sehen aber die Gefährten sie nicht; Faisal läßt sich nur gerne erzählen und notiert dies und das in seinem Merkbuch. “Keine Araber liebt die Wüste”, sagte er, “aber was Sie nun zu sehen bekommen, liegt vielleicht genau daran.” Ich hätte entgegnen können, daß Lawrence, der die Wüste liebte, auch keine Gärten gesehen hatte. Doch schluckte ich die Bemerkung nicht nur deshalb hinunter, weil damals die → FLOT-Prozedur noch nicht bekannt war, von der eine Freundin mit die durchaus arabesklen Zeilen schrieb:

Hinter der Entwicklung des FLOT Schema steht ein ungewöhnlicher 50 jähriger (arabischer/ palästeninscher Herkunft) Professor, der Gedichte schreibt und malt und der ärztl. Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main ist. Auf AEG Tumore spezialisiert, hat er die Kombi ab 2003 entwickelt und betreut mehrere Multi-Center Studien: Prof. Dr. med. Salah-Eddin Al-Batran. Sie tragen alle wundersame Namen: Renaissance (FLOT5), Petrarca (FLOT6), Ramses (FLOT7), Dante (FLOT8).
Vielleicht auch das eine Option, mit den behandelnden Ärzten zu besprechen, ob die Rekrutierung in eine der derzeitigen Studien in Frage käme, sobald die Immunhistochemie bekannt ist, bzw. der Herceptin-Status.

Wie auch immer, statt realistisch zu sein, gab ich die etwas, zugegeben, großspurerische Antwort zum besten, es liebe ja auch niemand seine Krebsin so wie ich und wahrscheinlich seinen Tumor insgesamt keiner, egal ob der ein Mädchen oder Junge. Wobei ich schon einsehe, daß wirklich allein die Idee ein bißchen lebensmüde ist oder doch zu sein scheint. Denn das eben bin ich ja nicht, im Gegenteil. Ich bin quickespritzlebendig. Und tauchen in den nächsten Blätterwald dieser Wüste schon ein, mein Röhrerich und ich:

 

 

Damit ihn die Eindrücke nicht allzu überfordern, wann sieht ein solches Dromedar schon derart solches Grün?, heiß’ sanft ich ihn, sich zu legen und gleite von ihm herab. Unterdessen schon Routine, wobei ich gestern allerdings noch unter THC stand, das, ich hab’s wohl schon erzählt, in diesem zweiten Nefud-Höllenkreis eine engste, nämlich geradezu intime Verbindung mit den Zylostatica eingegangen zu sein scheint und mir vielleicht deshalb erlaubt, die verborgenen Gärten wahrzunehmen. Ich dachte an Semiramis’, nur daß die ihren künstlich angelegt gewesen waren, auf den Terrassen einer unterdessen allerdings mythischen Stadt, und zwar, ja, im Orient, daran gibt es keinen Zweifel, doch eben nicht in der Wüste. Diese Parkwege hingegen, diese Park- und Gartenanlagen durchziehen die Nefud quasi unentwegt, weniger, doch → auch da schon, in ihrem ersten, von uns seit Tagen verlassenen Kreis, mehr nun, entschieden mehr, im zweiten. Es ist ein, kaum laß ich meine Spannung über des Dromedars gestrengelte Lederzügel baumeln, anstell’ die straff zu halten, unentwegter Beschuß aus riesigen Wasserpistolen, ich meine diese gewehrartigen Wasserschußkolben für Kinder, nur daß aus den Mündungen nichts Nasses herauskommt, sondern ein lappiges, wilde wucherndes Grün spritzt. Und sich immer wieder zu verzauberten, in jedem Fall geheimen Wegen zusammenzieht, die sogar den Sand beiseitewischen und gänzlich vergessen lassen, dessen Metamorphose sie aber nur sind. Wer kann da widerstehen? Oder schauen Sie, Geliebte, dort:

Wer nicht stellt’ sich am Ende dieses Pfades solch ein Gelege vor? Bitte, Freundin, spüren Sie nach!

 

 

Und all dies auf dem Rücken meines Rihs, denn selbstverständlich bildete ich mit immer nur ein, daß ich abgestiegen sei, andernfalls meine kleine Karawane ganz sicher hätte nicht gemeinsam das nächste Tagesziel erreichen können; zumindest ich wäre in den ewigen Sanden verloren gegangen.

 

 

 

Heute allerdings sollte ich mich nicht mehr ablenken lassen; insofern kommt mir die jetzige Klarheit sehr zupaß, zu deren weiteren Beförderung ich bis zum späten Abend meine Hände vom THC lassen werde. Denn für morgen steht die Kontrolluntersuchung zu dieser Chemophase an, bevor wir dann doch zusehen müssen, den zweiten Nefudkreis allmählich zu verlassen, um rechtzeitig am kommenden Dienstag die nächste Relaisstation erreichen zu können, die sich neben die dritte Höllenpforte, heißt es, duckt. Wobei ich fürcht’, es gehe mir wie Don Giovanni, der’s in der inferioren Hitze einem Mann wie ihm zumindest →  angemessener fand, als in dem hohen Paradies nicht nur, peinlich genug, mit Flügelchen von Putten schlagen, sondern obendrein – auch noch mit nacktem Arscherl – fades Zeug dazu singen zu müssen. Besser doch, daß

(-) Don Juan, zum Acheron gestiegen,
Charon den Sold gezahlt für Totenschiff,
Ein Bettler stolz, wie die sich selbst besiegen,
Mit rachefestem Arm die Ruder griff.
(..)
Da lachte Sganarell und sprach vom Lohne,
Indes Don Luis auf den Frevler wiese,
Und alle Toten blickten nach dem Sohne,
Der weißem Haupte Schmach gedeihen ließ.
(…)
Ein Mann aus Stein, den strenger Harnisch schützte,
Am Steuer stand und schnitt die schwarze Flut.
Doch still der Held, der auf sein Schwert sich stützte,
Zum Strudel blickt und nichts zu sehn geruht.
Charles Baudelaire, Don Juan in der Hölle
(Dtsch. von Carlo Schmid)

Und aber doch — oh doch, oh doch! Es geht jetzt mit dem Haareausfalln los. Eben sah ich es im Spiegel. Noch, an den Augenbrauen, läßt es sich freilich kaschieren. Noch lohnt sich’s nicht, es Ihnen fotografisch zu dokumentieren. Doch geschehen wird es. Denn was ich spontan eben dachte, ist nicht ganz ohne Nachschrecksstolz: — daß ich erst nun, wenn ich alles Haar verloren, das Gütesiegel meines Krebses trüge: Auch ich war in Arkadien.

Und werde dort noch bleiben.

Ihr und, Lilli, Deiner
ANH

Coronas Alltag II: Im Lichte hängende Schuhe. Das dreiundzwanzigste Coronajournal des Sonntags, den 26. Apil 2020.

 

[Arbeitswohnung, 8.45 Uhr]

Ein bißchen was ist nahzutragen → zu gestern, auch wenn mein Waschtag vorüber. Hinweisen möchte ich zuvor auf → Bruno Lampes neuen Tagebucheintrag, weil er zeigt wie ähnlich wir uns offenbar momentan sind, aber auch auf → Xos längeren Kommentar, den ich soeben – gleich darunter – einigermaßen ausführlich beantwortet habe. Und daß Sie mich jetzt mit Maske sehen, etwas mir bei mir wie fast noch mehr bei anderen, dräuend Unangenehmes, liegt einfach darin, daß mein türkischer Bäcker (!) sie im Angebot hat, weil er einer Freundin helfen will, die diese Dinger in Heimarbeit herstellt. Als ich sie sah, lockte mich bei einer die Schlangenprägung.
Ob solche Masken überhaupt was helfen, steht in den Sternen; die Angaben sind widersprüchlich, ja horoskophaft und haben vor allem etwas, das auffällig auf Beruhigung formuliert wird, zumal tatsächlich schützende Masken dem sich um Kranke kümmernden Personal vorbehalten bleiben sollen, wohl auch müssen — was durchweg einzusehen ist. Wir stochern in Wähnungen, durchschreiten sie wie durch dichten Neben, sind angewiesen darauf zu glauben, was wir hören und lesen; überprüfen, wir selbst, können gar nichts, und sind so an Fäden bewegt; auch politisch wissen wir nicht, was tatsächlich “abläuft”, müssen “Vertrauen” in eine Struktur haben, die ein Vertrauen ständig mißbraucht hat und weiter mißbraucht, wie nicht allein → abgeordnetenwatch.de zeigt. Es zeigt sich real, was ich bereits → vor zwanzig Jahren formulierte, quasi erkenntnispoetisch. Um wieder mal Hubert Winkels zu zitieren: ANHs “utopistisches Tamtam”.
Sei’s drum, es gibt auch beinah Märchenhaftes, zum Beispiel dieses “Corona | doof“, auf eine Blechdose geschrieben, die in der Ahlbecker von einem Balkon im dritten Stock auf Kopfhöhe herabhängt, an einem Band, und im 10 Cents bittet:

Auf den dazugehängten Blättern sind Buntstiftzeichnungen zu sehen, wie Kinder sie malen.
Ich warf 50 ct hinein.
In meiner Gehrichtung (zu PENNY), dreivier Meter weiter vorn, hing etwas anderes herab, ein offenbar Buch, doch insofern geschlossen als so in weißes Papier eingeschlagen und von dem Bändel, das mehrfach verknotet, umwunden, daß es ein Rätsel blieb, da den Umschlag aufzureißen niemand unternehmen mochte — aus Scheu, aus Achtung oder eben, um das Geheimnis nicht zu entweihen.
Ich war nur noch mal losspaziert, um meine Maske auszuprobieren und wie sich’s drunter anfühlt. – Praktisch fühlt sich’s an, weil die Schals, die ich mir beim Einkaufen neuerdings um die untere Gesichtshälfte schlug, worin ich sie einschlug, arg das Sichtfeld behinderten. Nun kann ich immerhin frei gucken. Wobei ich das Zeichen, mehr ist es nicht, dafür, daß ich nicht andere anstecken möchte, an freier Luft nach wie vor nicht vor mir her trage. Es käme mir wie ein Verrat an unseren Körpern vor, grad auch an dem meinen, der sehen und gesehen werden will. Ohne Gesicht aber gibt es die Körper nicht mehr. Die Gesichter, grad in ihrer Offenbarung, tragen unser Geheimnis als Mensch.

Ich bin nicht allein. Die meisten Menschen draußen tragen keine Masken, jedenfalls nicht auf dem Prenzlauer Berg. Komisch, welch eine Wendung das Vermummungsverbot genommen hat und welch eine Kehre die Burka. Verschleierte Frauen? Hoch modern! Entdecken wir nun (und tun es die Modeschöpfer, und -innen, vor uns) die Erotik des Tschadors? Es wäre, scheint’s mir, die Zeit. Oh seltsamer Sieg des Islams! (Wenn auch nur dessen, der fundamentalistisch treu dem Wortlaut des Texts).
Bald laufen lauter Darth Vadors herum, oh dunkele, dunkelste Seite der Macht. Stellen Sie sich, Geliebte, nur vor, wir liefen bald alle so herum, und daß manche es begrüßten … Der Widerstand, der sich grad in Berlin hier und da zeigt, ist nicht nur dumm, ist nicht nur verantwortungslos. Sondern da ist ein Instinkt, der uns warnt.
Also freue ich mich, wenn im Thälmannpark die nicht nur jungen Leute beisammensitzen unter der Sonne (die dem Virus übrigens, so heißt’s jedenfalls, gar nicht guttut), und es fliegen auch tatsächlich Blicke von Weib zu Mann und Mann zu Weib hin und her, die nicht nur fragen, sondern tasten, was wir wohl noch dürfen, um sich und uns zu vergewissern, was wir denn noch sind.
Auf dem Helmi wiederum ballen sich nach wie vor die Obdachlosen, freundlich, wenn auch manchmal grölend, zwischen frisbeewerfenden Vätern und Söhnen, zwischen den auf hartem Granit tischtennisspielenden Anrainern, und gen Osten fahren im abgegrenzten Bereich die kleinen Kinder auf Bobby Cars herum. Und aber die Spatzen! Die Spatzen!
Ich kam vom Waschsalon, mochte aber noch nicht an den Schreibtisch, weil Mme LaPutz noch herumwuselte, möglicherweise war der Boden noch vom Feudeln naß. So blieb mindestens noch eine halbe Stunde Zeit, die ich für ADA nutzen wollte. So daß ich den schweren Rucksack auf eine der Bänke wuchtete, das Buch herausnahm, mich setzte, um zu lesen. Was ich aber dann nicht mehr tun mochte. Die Sonne schien zu warm, und solch lebendiges Leben war um mich herum. Ich war Zuschauer ganz vorne im Parkett. Legte das Buch also neben mich und meinen Kopf gen Wärme in den Nacken, ruhte. Schaute wieder aus mir heraus und sah zu, gleich gegenüber der Drachenbrunnen, Neunzehntes Jahrhundert (allerdings ein Nachbau von 1987), dessen Pumpe nach wie vor funktioniert:

Ein Obdachloser, seltsam verrenkt im Beingang, schlurfte nicht, nein, er ging, aber wie verzerrt … also näherte sich und, bevor er mich passierte, grüßte. Ich tat’s zurück. Wir waren beide völlig einig. Gutes, menschengemäßes Gefühl. – Er nahm auf der Nebenbank Platz und begann ein Selbstgespräch, aber laut — teils sogar, den Anschluß suchend, gerufen. Schließlich stand er wieder auf und stakte, wie in der Körperdiagonale durch ein künstliches Gelenk zusatzbewegt, zum Obdachlosenpulk zur andren Seite des (recht schmalen) Parks hinüber, von wo ihm endlich zurückgerufen worden war.
Da fielen mir erstmals die Schuhe auf (wie oft schon mochte ich drunter merklos durchspaziert sein?), Hunderte, die in der Luft hingen, von einem Gebilde herabhingen, das häßlich genug war — wie quasi alle Kunst am Bau, bzw. im Öffentlichen Raum; meine Güte, solch ein Elend, das auch noch mit Steuergeldern finanziert wird: Man kastriere diese Künstler, sterilisiere die Künstlerinnen, und die Juroren enthaupte man bloß schnell! — … das also häßlich genug war, um von diesen Schuhen, meist Sneakers, tatsächlich verschönt zu werden. Ja, dieses Gebilde kommt nun erst zu sich, weil Menschen mit ihm tun, das sie dem Elend immer antun, wenn sie es ertragen wollen: Sie überhöhen’s künstlerisch.
Ein pures Sinnbild der Hoffnung. Ich habe Ihnen die Installation vergrößert, damit Sie sie besser erkennen können:

Wie es zu den Schuhen kam, (noch) keine Ahnung. Habe bereits im Netz recherchiert; es war nur nichts herauszubekommen, jedenfalls bislang. Am besten, ich frage jemanden direkt.
Kiezgeschichte. Wo leben ich, wie ist es geworden? Auch das, in der Tat, sind Coronageschichten — da wir vielleicht zu verlieren beginnen. Ich begann, mir die Füße vorzustellen, nackt, die einst, meist wohl mit Socken dann, in diese Schuhe schlüpften, von ihnen gehalten waren, geschützt. Die Zehen sah ich mir an, die Fersen, Ballen, die gliederigen Höhlungsgewölbe der Plantaraponeurose – einer erotisch enorm empfänglichen Körperpartie. Das Wort “Gewölbe” selbst stellt schon einen Zusammenhang zwischen sinnlicher Sakralität und Raum her.
All das auf einer Parkbank. Mehrmals flatterten zwei kecke Spatzen vor meine Füße, sahen mit ruckenden Köpfchen hoch. “Na”, fragte ich, “ihr kommt aus Guf?” — Sie hatten nicht vor, ihre Schleier zu heben. Und taten’s also nicht, schon gar nicht so frisch vom Baum der Seelen geflogen. Aber zeigten mir doch, es gebe ihn noch – ja, mehr!: Denn unversehens begriff ich, daß dieses potthäßliche Kunstding, das durch die vielen daranhängenden Schuh, die sich, wenn Wind geht, gleich aber stillen Klangspielen bewegen,  zum Sinnbild des Lebensbaumes (עץ החיים) geworden war, von dem die zwei Spatzen herabgeflattert.
Auf einer Parkbank all das. An eines Samstags — שבתs, ecco! — Mittag.

Da wurde es Zeit, wieder weltlich zu werden, was aber nur pragmatisch heißt. Denn die Zeit war längst da, daß Mme LaPutz ihre Arbeit beendet und Anrecht hätte auf die dreißig Euro, um derentwillen sie ihre Coronaisolation ja durchbrochen und sich meiner seit fast zwei Monaten in hygienischer Hinsicht arg vernachlässigten Arbeitswohnung angenommen hatte. Tatsächlich bekam ich auch einen Rüffel von ihr, den ich gelassen hinnahm (normalerweise braus’ ich bei so etwas auf). Sie hatte ja recht, was sollt’ ich es leugnen? “So viel Staub!” rief sie aus, wahrscheinlich das Schlimmste mir verschweigend, besonders Gekläe (: ein → Wort Else Eggers’) im Küchenbereich.
Aber recht wohlgemut zog sie ab, nicht ohne, coronahalber, noch allerlei “Theorien” zum besten zu geben, etwa die der künstlichen Laborerzeugung (aus vermutet militärischen Zwecken) seitens der a) Chinesen, b) Russen (klar, sie ist Lettin), c) US-Amerikaner, denen auch ich sowas zutrauen würde; dann, daß man nun sämtliche Fledermäuse – ja, auf der Welt – vernichten müsse, worauf ich in noch immer mythischer Sanftheit mit den ökologischen Folgen entgegnete, die so etwas dann erst recht nach sich zöge. Und wie teuer, rief sie, alles hier sei! — “Weshalb arbeiten Sie dann hier?” “Na, weil man hier mehr verdient!” Der aus ihren Aussagen leuchtende Widerspruch war ihr nicht klarzumachen. — Ob sie zwei Rechnungen ausdrucken dürfe, je in drei Exemplaren … Und die Mieten seien in Deutschland mindestens zehnmal so hoch wie daheim … “Aber Sie können sie hier mit Ihrer Arbeit bezahlen.” Ja, aber das Essen sei so teuer. Und vor allem dürfe sie jetzt nicht mehr nachhaus, ja nicht einmal in Lübeck die Freundin besuchen. “Wie lange soll das so weitergehen?!”
Wenn ich schon zweifle, spürte ich, wie schlimm muß es um “einfache” Menschen da stehen, die doch die meisten von uns sind? und möchten nichts, als einfach zu leben: zu essen, zu schlafen, jemanden zu haben, die oder der sie in den Arm nimmt, und abends rosane Shows in den Fernsehgeräten. Die gar keinen Ehrgeiz haben, “etwas zu sein“. Und wählen blind sich die Meinungen aus, getreue dem, was sie prägte, früh schon prägte und bleibend.
Demokratie … (Lesen Sie → dort).
Nein, ich bin nicht arrogant, wenn ich – “Correctness” hin, “Correctness” nun her – die Unterschiede nenne.

Ihr ANH

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

Apfelbäume. Im Coronajournal des Freitags, den 13. März 2020.

[Arbeitswohnung, 11 Uhr]

Jetzt ist mir fast ein bißchen, Geliebte, als müßte ich für meine → Dekadenzpolemik vom 4. März eine Art Abbitte leisten, da nun die Zahlen so über mich und uns alle hinweggehn — Broßmann hatte mit seinem → Einwand völlig recht — und ich zudem Christian Drostens kluge und umso bedenkenswertere → NDR-Poscasts aufmerksam verfolge. Ich möchte jedem gerne raten, es ebenfalls zu tun. Dennoch halte ich an meiner Grundspekulation fest, füge indessen weitere Wägungen hinzu, etwa K. U.’s vielleicht nur auf den ersten Blick zynische Bemerkung, Trump habe ja eigentlich recht: “Die Natur” löse die Probleme schon selbst … Nicht ohne etwas zu schaudern, erinnere ich mich an einen Standardsatz meiner Mutter, demzufolge Naturkatastrophen ganz so wie Kriege “das Gleichgewicht wiederherstellen”; dies bei Corona nun, insofern vor allem alte und gesundheitlich angeschlagene Menschen die Krankheit nicht überleben oder doch geringere Chancen haben, sie schadlos zu bewältigen. Da wäre dann das Überalterungsproblem der westlichen Gesellschaften unversehens vom Tisch. — Ja, ich bin mir bewußt, selbst ein Teil davon zu sein. Und selbstverständlich habe ich gestern abend und heute früh darüber ein bißchen gegrübelt, ob ich nachher wirklich zu einer mir nahen Kollegin und ihren Kindern fahren sollte, für die ich neuerdings einmal wöchentlich koche, was ihnen – in beiderlei Sinn – gefällt, zumal in der Schule eines der beiden ein Coronafall aufgetreten ist, woraufhin sie nun auch geschossen wurde. Ja, ich werde fahren und kochen, hier ist Isolation gegen notwendige Nähe unbedingt aufzuwiegen.
Dennoch, selbst ich, der Risikobecircte, fange nun damit an, mir zu überlegen, ob die Gründe gut genug sind, die Arbeitswohnung zu verlassen, wohl wissend zugleich, welche auch politischen Folgen, um von den sozialen zu schweigen, solche Gedankengänge haben oder haben doch könnten. Ich erwische mich jetzt sogar mit ihnen, wobei es mir gar nicht so sehr um mich selbst geht als mehr darum, nicht meinerseits Gefahrenherd für andere zu werden. Beginnt man damit aber einmal, kann gar nicht mehr ermessen werden, worauf es schließlich hinausläuft. Es widerstrebt mir also zutiefst. Denn ich habe mir einzugestehen, nicht nur wehrlos zu sein, sondern akzeptieren zu müssen, daß Widerstand gegen einen Virus etwas durchweg Abstruses, ja Lächerliches hat. Es wäre so, wie wenn ich einen Tsunami beschimpfte — als hätte der einen Willen und wäre von Absicht geleitet. Tatsächlich hat Sabine Scho mit ihrer Bemerkung recht, wir seien der Natur egal, und zwar schlechterdings deshalb, weil sie kein denkendes, geschweige fühlendes Geschöpf ist, sondern nichts als determinierter Prozeß. Hingegen meinen Gegnern bin ich nicht egal, sie verfolgen ein Ziel, und gegen das kann ich mich stemmen. Der Virus aber “will” nichts anderes, als sich so umfassend wie möglich zu reproduzieren. Survival of the fittest. Und um dies zu tun, steckt er uns an, eine nach dem anderen, exponentiell. Viele, wahrscheinlich die meisten von uns, werden es überleben, viele andre aber nicht. Insofern sind die Isolationsmaßnahmen mehr als nur sinnvoll, ebenso wie es die radikale Einschränkung der sozialen Kontaktmöglichkeiten ist.
Auf der anderen Seite wächst das Rettende auch. Wie furchtbar wäre es, liebste Freundin, hätten wir nun das Internet nicht? Es sind die sozialen Netzwerke, die nun das Soziale wirklich bewahren. Kommunikation wird nicht erliegen — völlig anders, als es noch vor dreißig, ja zwanzig Jahren der Fall gewesen wäre, als auf die neuen Medien wütend eingeschlagen und ihrethalben Belsazars Flammenschrift, des Unterganges unserer Kultur nämlich, allenthalben loderte. Und auch dieses, ein Hinüberschwappen der menscheigenen, unserer also, Bedürfnisse vom “Realen” ins Netz sah bereits THETIS voraus und beschrieb es ebenso wie, daß “Neue Krankheiten entstanden und alte, urvordenkliche, aus dem Vergessen” stiegen (S. 35). Nein, Freundin, ich hätte sehr gerne unrecht gehabt …
Ja, das Rettende wächst mit, wir sind sozial nicht unvorbereitet. Etwa wenn gestern abend Simon Rattle die Berliner Philharmoniker vor leerem Saal dirigierte und dieses Konzert in der → Digitalen Konzerthalle unentgeltlich zu sehen war. Ähnlich hält es die →Lindenoper und halten es andere Häuser anderwärts. (Ich habe das Glück, mit meinem kleinen Tonstudio hier über einen kleinen eigenen imaginären Konzertsaal zu verfügen, der mich fast in originaler Qualität hören läßt.) Oder wenn mir vorhin die Damen des Literaturhauses Fasanenstraße schrieben, die → Hölderlin-Veranstaltung werde stattfinden, allerdings in Form eines wahrscheinlich live-Streams, den wir dort dann aufnehmen würden; jede und jeder, die und der weiterhin mitmachen wollten, würden begrüßt.

Aber es fällt mir derzeit nun noch schwerer, als wegen der “Gender”debatten sowieso schon, in den hymnischen, bewußt verklärenden Ton der → Béartgedichte zurückzufinden, ihn in mir flammen und sei’s nur aufflammen zu lassen; es ist, um es so zu sagen, eine elende Aufgabe, Wort für Wort, und manchmal brauche ich zwei Tage für einen einzigen Vers. Also nehme ich den Ausweg ins “Archiv”, stelle, wie neulich schon erzählt, einen Artikel nach dem anderen aus dem alten Weblogbuch ein, der noch nicht in Der Dschungel erfaßt ist, und manchmal, → wie heute, gehört solch ein Text erstmal wieder ganz nach vorn auf die Hauptseite, weil etwas in ihm gesagt ist, das nach wie vor stimmt, vielleicht sogar jetzt erst vollen Umfangs. Indessen frage ich mich quasi im selben Moment, wen eine zeitgemäße Ästhetik derzeit eigentlich noch interessiert. Ist sie nicht wirklich nur noch L’art pour ‘art? wovon ich seit jeher, grad als Formalist, ein Gegner gewesen? Sind nicht andere “Probleme” ins Auge zu nehmen? Mal abgesehen davon, daß Literatur – als Dichtung – ohnedies kaum mehr von Bedeutung ist.

Und doch. Es ist meine Bedeutung. Sie hat ein ganzes Leben geprägt, also mein bisheriges, das ohne sie kaum denkbar wäre, es jedenfalls jetzt nicht mehr ist. Und wenn ich in Nabokov falle, dann glüht sie. (Wobei dies auch unangenehme Aspekte hat: Wenn ich ihn lese — wie oft habe ich mich da nun schon gefragt, woher ich eigentlich die Chuzpe nehme, auch nur einen einzigen Satz jemals selbst geschrieben zu haben? Welch eine Hybris angesichts → solcher Vollkommenheiten! So ist es mir bislang noch bei keinem anderen Autor, keiner anderen Autorin ergangen, daß ich nicht etwa herausgefordert worden wäre, mit dem Gelesenen zumindest probehalber gleichzuziehen, sei es stilistisch, sei es im Grandiosen eines Entwurfs. Bei Nabokov aber denke ich ständig: Das wirst du niemals schaffen, das ist dir — versagt. | Nun, ich schreibe dennoch, aber halt Silbe nur tastend um Silbe.)
“Schreiben gegen Corona”: Lächerlich, gewiß. Und dennoch gibt’s das Apfelbäumchen, übrigens nicht von Luther. Den hätte Corona gefreut, der Virus wie, na sowieso, das Bier.

Die Nachrichten aus Italien, gerade auch von Freunden, sind beklemmend. Würde es in Berlin ebenso werden, wäre es ein realisierter Albtraum, weil diese Stadt nicht museal ist, imgrunde nicht mal historisch, sondern aus dem Gären des Augenblicks lebt, aus den Szenen, von den Hinzugezogenen, aus dem Gedrängten, auch ihrem Widerständigen, ihrem durchaus amoralischen Elan vital, der zugleich vitalistisch ist und süchtig, diesem Hedonistischen, ob nun Spaß oder gierige Leidenschaft, in jedem Fall Wollen. Berlin hat das Erbe des Paris der Bohème- und Chansonzeit und in der Folge des unterdessen disneyficateten New Yorks der erst 20er, dann 60er Jahre angetreten, nirgendwo sonst treibt der kulturelle Humus solch neue Gewächse wie hier. Das ginge, fürcht’ ich, zugrunde. Daß aus der Dekadenz, ja, die ich weiterhin sehe, sich eine neue Bewegung erhebt wie im Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts — eine Bewegung, die aber nicht “deutsch” ist, sondern aus dem Amalgam von Kulturen und Religionen entsteht, für das wesentlich Migration ist, und Vermischung. Was aber auch, zugleich, Tradition meint, abendländischer wie “fremder”, also Strenge, formal, sowohl wie das Spiel — der einen indes wie aller der andren.

Ihr ANH
13.10 Uhr

P.S.:
Was mich allerdings beruhigt, ist, daß Kinder und jungerwachsene Menschen den neuen Virus fast durchweg gut überstehen. Darin liegt, fühle ich, eine wundervolle Hoffnung.

Das Arbeitsjournal des Freitags, den 3. Januar 2020. Béarmelia 2. Darinnen ein Instinkt: Die Brüste der Béart (40).

[Casa di Schulze, Kaminraum, ore 11.07]
Stahlblauer Himmel über dem kleinen Ort bis zur Kathedrale hinan; scharfe Kälte, in den Kleidern haftet der Geruch verbrannten Holzes, der die Gassen fast insgesamt füllt: auch tags, als stiege er, nach Erlöschen der Feuer zum Schlaf als Sediment auf die Pflastersteine – meist blankgetreten Katzenköpfe – niedergesenkt, von ihnen ins Licht wieder auf.
Ein kleiner Gang den Berg hinab gestern, um fürs Abendmahl einzukaufen zum “Maghrebiner” – einem orientalisch-märchenhaft mit Obst und Gemüse fast überschütteten Laden, der die grobe Form vierer Garagen hat, deren Zwischenwände entfernt worden sind; mehr nicht; die Kasse vorn bei Oliven und etwas Käse, den – jetzt, im Winter – Nüssen gegenüber, auch sie in Schütten. Märchenhaft gleichfalls die Preise bei n o c h märchenhafterer Qualität. – Ich grüß dort mit “Salam”, was stets ein Lächeln zurückschenkt. (Den Gottesnamen laß ich schweigen).
Der Hin- und also Hinabweg führte hinterm Ort entlang und um ihn fünftels herum bei weitem Blick über die bewaldeten östlichen Hügel bis zum ersten, des Apennins, Fels-tatsächlichberg, der erstaunlicherweise auch in der Höhe nicht weiß ist; ich kenn ihn winters schneebedeckt: Es ist der Skikoloß der Römer.

An den Abenden sitzen wir zusammen, bis gestern taten wir’s auch des tags, → Parallalie und ich, er über seine Übersetzungs-, besser Nachdichtungsarbeit des → Re Orso gebeugt (einem Auftrag Cristoforo → Arcos), ich entweder über → Nabokovs “Gabe” oder, zunehmend intensiv, an meinen Béarts, deren N XXVIII ich gestern tatsächlich abschließen konnte; vorher habe ich Ihnen, Geliebte, einen →Auszugsentwurf hier einstellen können. (Ich höre gar nichts von Ihnen? Ist Ihnen dieser Texte wohl entgangen? Und haben Sie → mein Wort zum Neujahr gesehn?)

Wie auch immer, am Schluß wird diese Klage um Kinder, daß sie nämlich fehlen, ein Abschied des Klagenden selbst. Und d a, als ich soweit war, hatte ich eine Idee … – nein, den Instinkt, aus sämtlichen Stücken des Zyklus das Ich hinauswerfen zu müssen, um es durch ein Wir zu ersetzen. Sollte ich ihm folgen, bedeutete es allerdings, nicht wenige Rhythmen und aber auch Reime radikal ändern zu müssen. Dies will ich – auch da aber versuchsweise erst – allerdings nicht angehen, bevor nicht alle dreiunddreißig Gedichte als Entwürfe fertig sind. Also wohl erst, wenn ich zurück in Berlin sein werde. Sowohl Béart als auch Die Gabe halten mich ohnedies schon genug davon ab, → die Serie fortzusetzen, an deren Reihe nun die Besprechung des zweiten Erzählbandes notwendig wäre, dringend. sogar. Schreiben will ich sie auf jeden Fall noch hier.

“Ein Wir ist aber problematisch”, gab nicht zu unrecht der Freund zu bedenken, wobei ich genau das aber will: ein heterosexuell-männliches Wir, das die “private” Perspektive in einen Abgesang allgemeinen Charakters vergehender Natur hebt und gegen das, ich sage mal, “Queer” stellt – nicht zwecks dessen Denunziation, überhaupt nicht, doch um einen ontologisch ebenso gerechtfertigten, einen gleichberechtigten Anspruch zu vertreten, besonders des Begehrens. Wobei hier nicht nur als Fußnote von der Brügger Madonna zu sprechen wäre, von der mir Parallalie erzählt und die er mir→ bei Wikipedia zeigte. Anders als für mich, so erwies sich’s in unserm Gespräch, ist seine Verehrung für diese Arbeit Michelangelos nicht erotisch, sagen wir: nicht sexuell, sondern tatsächlich sozusagen heilig, was “unantastbar” meint, im Wortsinn, derweil ich selbst unmittelbar ein jenem durchaus ähnliches Verlangen empfand, das mich geradezu durchflutete, als ich in den Achtzigern vor Antonellos Anunziata stand, und später immer wieder: Ich möchte die Haut dieser Frau riechen und schmecken, ihre Stimme hören in meinem zumindest inneren, meinem metaphorischen Ohr, am liebsten aber in beiden physischen Ohren konkret. Und mit einer Liebkosung des Flüsterns antworten dürfen.

Woher mein sinnliches Angerührtsein rührt, weiß ich gut: Es ist “heidnischer” … nein, eben nicht Nachklang, sondern ein bestehender, weiter wirkender Klang-v o r a u s — animistische, gleichsam, Zukunft (durch die mir freilich das Alter einen Strich macht, der Realisierung ohnedies ausschließen würde) — aber jetzt, im Moment, da ich dies schreibe, wird mir voll evidenter Kraft bewußt, daß eines der Béartgedichte solchen Madonnen gewidmet sein muß, sich ins “Christliche” subversiv eben nicht nur geretteten, um verborgen am Leben zu bleiben, Demeterfiguren, sondern sie wirken subversiv, unterlaufen die Körper- (und deshalb Natur-) -feindlichkeit des Monotheismus. In ihnen kann das Wort menstruieren. Genau das läßt sie meiner Poetik so nah sein.
Doch ich will “mein Pulver” hier nicht “verschießen”, nur kurz was skizzieren – wem sonst, Ersehnte, als Ihnen, die ohnedies durch alle meine Texte scheint. — Sabine Scho, die derzeit in der → Villa Massimo lebt und die wir nächste Woche treffen werden, hat – explizit für die Béarts – mir überdies den Hinweis auf eine römische Kirche gegeben, → St. Isidoro, die wir zusammen besuchen werden, hoff ich jedenfalls. Danach, spüre ich, wird die Zeit sein, mit diesem Gedicht zu beginnen. Aber vielleicht “werf” ich schon vorher “was hin”.

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***

Selbst der Silvesterabend, die Silvesternacht, war béart- freilich auch boitogefüllt: Der Freund las Szenen vor, und zwar derart plastisch, daß ich versucht war, ein Filmchen für Die Dschungel mitzuschneiden. Weshalb ich es sein ließ, kann ich kaum sagen; deshalb vielleicht, weil Musik dazu lief, die sich auf einer Aufnahme vorgedrängt hätte. Doch reizvoll wäre, besonders reizvoll, nur seine die Rezitation begleitende rechte Hand zu zeigen, zu der die Stimme dann singt. Und anstelle, wie wir uns vorgenommen, zum Jahreswechsel auf zwei oder drei Grappe → zu Valda hinunterzuspazieren, blieben wir der Dichtung halber insgesamt hier und hörten noch → mein Hörstück zu Daniela Danz, deren Sprache ich dem Freund unbedingt nahebringen wollte. Ich hatte es schon mehrfach versucht. Diesmal gelang es: Sie hat nun den ihr gebührenden Rang auf Schulzes Lektüreliste eingenommen.
Da war es schon lange nach eins.
Zu Bett gingen wir gegen halb drei. Vereinzelt waren Böller – kaum – zu hören, doch nebenan, in der Jugendherberge, dröhnte einer Party baumhohlhartes BUMMBUMM | BUMMBUMMBUMM | BUMMBUMMBUMMBUMM bis ungefähr eine halbe Stunde später. Nehme ich an, denn ich schlief drüber ein.
Bedauerlicherweise ist die Damigiana voll Mauros Privatwein bereits ausgetrunken; Nachschub ist nicht vor Montag zu erwarten; so geht’s erst mal mit → Zanchi weiter. Dafür hat der Freund ein wunderbares Öl entdeckt, ebenfalls aus kleiner, für den Export nicht vorgesehner Produktion. Ich habe Phyllis Kiehl, deren herrliches Weblog leider nur noch sporadisch geführt wird (wobei ich besser von “fouwlichem” schriebe), versprochen, ihr zwei Flaschen des Zanchi-Öles mitzubringen, das sie liebt; nun spiele ich mit dem Gedanken, davon nur eine zu besorgen und die zweite eben von Fabiano. Allerdings, ich hatte schon auf dem Herflug a bisserl Übergepäck (was liebevoll übersehen wurde).

 

Rom also erst nächste Woche; ein Béartgedicht würde ich gern unter → Himmel und Kuppel von Pozzo skizzieren.

Schönste, ich denke an Sie:
ANH

(der sich den Anflug einer grippalen Infektion eingefangen hat; im Hals hinten kratzt es, und ich bölke vor mich hin. Interessant indes, wie auch dagegen Nabokov Abhilfe schafft. Und, à propos: – nicht vergessen, über seinen ziemlich deutlichen, bisweilen sogar kruden Konservatismus zu schreiben und daß er keinerlei Scheu kennt, heute verbotene Wörter zu verwenden. Von seinen Nymphetten sprech ich besser gar nicht erst. Die Correctness hätte fürwahr eine g e i l e Freude an ihm. Sie käm aus ihrem Reiben gar nicht mehr raus. — Ah ihr Mindergeister, schaut: Das nächste Genie gibt’s zu zensieren! Bis nichts mehr bleibt, das nicht Mittelmaß ist – wenn es denn “gut”geht.)

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