“Alles ist Ereignis und Paranoia, Schwelle, Schachzug und Symbol.” Samuel Hamen über ANHs “In New York | Manhattan Roman”. PODCAST.

“Daß im Oevre von Herbst, der bereits in seiner Anderswelt-Tri-
logie eine phantastische, hypertrophe Megacity heraufbeschwor,
ein New-York-Roman nicht fehlen darf, versteht sich von selbst.”
Jan Drees, Anmoderation

 

 

 

 

→  D o r t .

 

 


“Wenn dann auch noch Alban Nikolai Herbst, dessen Texte die li-

terarische Postmoderne im deutschsprachigen Raum wie wenige an-
dere inkorporieren, über New York schreibt, ja, dann muß sich
nicht nur die Figur verlaufen, sondern sich gleich die gesamte
Clique, Figur, Erzähler und Autor in den urbanen Palimpsesten
verirren. (…) Dementsprechend kunstvoll gleitet, schrammt und
keilt sich der Roman durch einen, Zitat, ‘Schauplatz phantasti-
scher Intrigen’ durch die Räume dieser Stadt, ihre Sprachen, Ty-
pen und Atmosphären. (…) Alles ist Ereignis und Paranoia,
Schwelle, Schachzug und Symbol.”
Samuel Hamen


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Alban Nikolai Herbst
In New York Manhattan Roman
Neuausgabe nach der Urfassung
Lektorat von Elvira M. Gross | Arco Verlag, Wien & Wuppertal 2021
25 Euro | ISBN ISBN 978-3-96587-010-9 | → Bestellungen

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob “rein” praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff “Tjost”. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, “studieren”, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — “Schriftsatz” in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur “sympathisierte”. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers “Zum Weinen schön, zum Lachen bitter”, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers “Der Falke und Die Nachtigall”, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem “Ohnsgrond”, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische “Fall” wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben “Gelächter im Dunkel” begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die “Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte” (Hervorhebung von mir) oder die “Mischung aus Mißtrauen und Frechheit” sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

“Ich kenne Euch von überall her”, sagte er, “bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, “wart”.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.”
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, “letzten irren Gentlemen”. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie “funktionierten”, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf “tanzte”.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

” … das Versprechen, verloren geglaubte Intensitäten in sich zu bergen.” (Samuel Hamen) | Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 8. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 12.18 Uhr
Mozart, Mithridates]

So sehr ich diesen Tag auch vorausgefürchtet hatte, dieses “Gestern” also, so teils beseelend wurde er dann doch. Zwar haute die (vorhersehbare – es ist überhaupt nicht schön, immer recht zu haben) Absage Rainer Moritzens mir erstmal einen vor den Latz, daß er im Literaturhaus Hamburg für eine Vorstellung meiner Erzählbände keinen zeitlichen, sozusagen, Raum habe (meine Freundin Nora Gomringer lädt er hingegen bis zu dreimal im Jahr ein, was ich ihr von Herzen gönne, aber einiges über, sagen wir, Vorlieben sagt). Doch da ich auf sein Nein ja gefaßt war, blieb der Schlag vom zähen Leder meines Latzes recht gut abgefangen. Zumal fast noch in derselben Minute die Nachricht von der Lindenoper kam, es liege nun tatsächlich eine Pressekarte zur Premiere → des neuen, von André Heller inszenierten Rosenkavaliers für mich bereit, so daß mir das Haus, ohne es zu wissen, das wohl beseelendste Geburtstagsgeschenk des Tages gab – neben einem Geschenk लक्ष्मीs, über das ich Ihnen, Freundin, öffentlich aber nichts schreiben möchte. (Gewiß indes werd ich es Ihnen entre nous erzählen).
Ja und d a n n! nachmittags: Samuel Hamens Rezension (der entgegen ich ebenfalls bangte) meiner beiden → Septime-Erzählbände. Doch → hören Sie (Podcast) selbst. (Als Text ist die Kritik → dort zu lesen). Besser (und gerechter) konnte es eigentlich nicht laufen. Und daß ich für meine “Gender”-Position ein paar Klöpferchen auf den Hinterkopf abbekommen würde, damit war nun eh zu rechnen. Wobei mich diesbezüglich eigentlich nur Hamens Wort “schwerfällig” etwas nervt:

Es verhindert aber nicht, dass diese Weise des Schauens, Genießens und Schreibens mehr und mehr aus der Zeit fällt. Sie wirkt schwerfällig, verteidigt zugleich voller Stolz eben diese Schwerfälligkeit als exquisiten Zugang zum Sinnlichen. Aber im Diskurs rund um sexuelle Repräsentation und die Symbolisierung von Geschlechterverhältnissen hat sich nun einmal ein Atmosphärenwechsel ereignet.

Ich hätte statt dessen “kompromißlos”, sogar “halsstarrig” vorgezogen, meinethalben auch “uneinsichtig”. Aber daß sich ein “Atmosphärenwechsel” vollzogen habe, ist zwar auch meinerseits unstrittig, sagt aber noch nicht, daß man sich ihm unterordnen müsse oder gar mitzulaufen habe. Bekanntlich halte ich an ihm vieles für grundsätzlich falsch und auch politisch gefährlich. Weshalb, habe ich in meinem Aufsatz zur “anthrologischen Kehre” schon vor Jahren ausgeführt. Und daß ich in meinen Erzählungen Frauengestalten sexualisiere — ja, tu ich —, liegt schlichtweg daran, daß sie als Frauen sexuelle Geschöpf sind — wie, ob es uns gefällt oder nicht, wir alle. Daß nicht jede Person auf jede andere eine erotische Ausstrahlung hat, mag allenfalls, nun jà, zu bedauern sein oder auch ein Glück; aber diese → “Ungerechtigkeit” gehört zu den pheromonal gesteuerten Phänomenen unserer Existenz. Darüber zu schweigen oder es gar zu verleugnen (beziehungsweise nicht mehr drüber sprechen, geschweige denn zeigen und also eingestehen zu dürfen), führt in jedem Fall nicht nur zu doppelter, nämlich in sich selbst widersprüchlicher “Moral”, sondern ins Unglück.
Doch sei es drum, Hamens literarische Kritik konnte für die beiden Bücher besser nicht aussehn, und ich bin froh, daß er so genau gelesen und eben auch formuliert hat, wie intensiv und, formal, auf welche Weise die Umwälzungen in meine Arbeiten eingegangen sind, die die technische Revolution seit über dreißig Jahren für unsere Anthropologie bedeutet — und daß ich im deutschen Sprachraum eben, Stichwort “Pionier”, zu den allerersten Romanciers gehör(t)e, die dies begriffen und künstlerisch gestaltet haben. Ebenso freue ich mich darüber, wie genau er meine Angriffe auf Uneigentlichkeit nachvollzogen hat und darstellt.
Kritiken wie diese sind de facto selten. Deshalb wirklich großen Dank, lieber Samuel Hamen.

So war ich dann doch, wo ein nächster grauer Schub hätte vorausbefürchtet werden müssen, plötzlich in lebhaftem Schwung. Dazu kam ein herrlicher Strauß aus Rosen, Mohn und Strilitzien meiner Contessa,

den ein Bote schon frühnachmittags brachte. Und wiewohl ich ja eigentlich abhauen wollte, nach Neapel – wo mich ein Freund erwartet hätte – oder Sizilien, was ich indes dann nicht, ja, durfte (aber momentan auch finanziell nicht gekonnt hätte), und mir nach allem anderen denn nach Feiern war, rollte abends die Familie ein. Was seit dem Vortag klar war. Nur hatte लक्ष्मी ohne mein Wissen herumtelefoniert und neben ihrer besten Freundin und einem Freund auch → Schlinkert “überredet”, abends bei mir einzulaufen. Ich war komplett überrascht, aber, da der Tag so nett zu mir gewesen, auf eine beglückte Weise, den ich im übrigen fast vollständig mit einer Musik verbracht hatte, die schon mein → neunzehntes Nabokovlesen abschloß: ausgerechnet ich mit Mozart, mit seiner, ich muß sagen, einfach hinreißenden Così fan tutte, die jetzt abermals in der atemberaubend remasterten Karajan-Aufnahme von 1954 läuft und deren nicht nur Mastering überwältigend ist.
James Levines von mir “zwischendurch” angehörte, technisch perfekte Stereo,na sowieso,-Studioeinspielung mit der mich eigentlich alle Distanz verlieren lassenden Kiri te Kanawa sowie mit auch noch Thomas Hampson fällt gegen die nicht nur klangliche, sondern auch interpretierende Energie Karajans und seiner Sängerinnen (Elisabeth Schwarzkopf!) und Sänger schmerzhaft spürbar ab, und auch meine anderen Aufnahmen halten in keiner Weise  mit. Dabei kann ich Karajan eigentlich gar nicht leiden, er ist mir überdies politisch suspekt. Dennoch, immer wieder, obwohl ich sein Vorgehen (etwa im Falle der blutjungen Hildegard Behrens — bezeichnend, daß mir → ihr Tod entging —, die er kalt sich da ihre Stimme für eine allerdings nie wieder, meiner Kenntnis nach, eingeholte Salome ruinieren ließ) oft nicht gutheiße, gibt es immer und immer wieder Einspielungen von ihm, die mich komplett umwerfen, auch wenn jemand wie er und ich einander im Leben höchstwahrscheinlich spinnefeind gewesen wären.

Wie auch immer, die Familie war hier und wir aßen, plauderten und tranken vom herrlichen, mir von → Le Vi Arte hergesandten 2012-er Nobile de Montepulciano, in Flaschen in der dortigen Fattoria Talosa gefüllt, den, wie mir Simone Langer schrieb, ich erzählte es schon, “die Menschen so wenig verstehen wie Deine Bücher”; dazu liefen erst → Ramirers Ricercar-a-tre-Variationen, dann die vorher zusammengestellte Playlist aus Jarretts der letzten dreißig Jahre, was wiederum, als sein Concerto a Napoli von 1996 erklang, mich dazu brachte, das zu diesem und für meinen Vater entstandene Gedicht vorzulesen. लक्ष्मीs Freundin Sarah hat es aufgenommen; ich werde den kleinen Clip in den nächsten Tagen gesondert einstellen. Als alle dann kurz vor Mitternacht aufgebrochen waren, saßen mein Sohn und ich – er einen Joint, ich meine Cigarillos rauchend – noch anderthalb Stunden hier und sprachen. Als auch er ging, um sich seinen nachtschwärmenden Freunden zu treffen, warf ich mich, ohne für irgendeine Ordnung zu sorgen, geschweige denn den Abwasch zu erledigen, auf mein Lager und wachte heute früh erst um halb neun auf. Da war vor dem ersten Latte macchiato dann doch erst mal tüchtig was zu wirbeln. Und so “richtig” zu arbeiten, dazu kam ich auch bislang noch nicht. In jedem Fall sollte ich mich mal, das ist noch immer nicht geschehen, aus den Morgenarbeitsklamotten schälen und angemessen — kleiden.

Ihr, Ersehnte,
ANH

 

Dietrich Mau, ZEITonlines Traumschiffkommentare, der Magen und ich. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 5. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr]
Mozart, Klavierkonzert d-moll, KV466
Richter, Warschauer NSO, Wislocki (mono, 50er)

Ich sitze an der zwanzigsten Erzählung meines Nabkovlesens, nämlich zu Rowohlts zweitem Band seiner Erzählungen. Nur brauche ich diesmal etwas länger, nicht nur weil ich nach diesem bereits zwei weitere Bücher des Autors gelesen habe, sondern vor allem, weil seit meiner Lektüre der Erzählungen über anderthalb Monate vergangen sind, so daß ich sie mir erstmal wieder vor Augen führen, also in meinen Geist zurückholen muß. Begonnen habe ich gestern und auch schon schätzungsweise ein Drittel geschafft. Ich denke mal, daß Sie den Artikel am Freitag, spätestens Sonnabend werden lesen können.
Parallel entwerfe ich die → Béart-Nr. XXX, hatte auch einen Ansatz, aber verwarf ihn gestern als Quatsch, bzw. uninspiriert oder allzu verknorkelt.

Denn einiges andere macht mir zu schaffen. Nicht so sehr der juristische Widerspruch, den ich in einer mich ziemlich behindernden und deshalb arg nervenden Angelegenheit formulieren und daß ich so lange auf Anlagen warten mußte, die beizufügen waren, oder gar daß die, vor der mir durchaus bangt, → Radiokritik Samuel Hamens zu meinen eigenen beiden Erzählbänden von gestern auf den kommenden Freitag verschoben wurde, der ein für mich schwieriger Tag ist. Aber vielleicht werde ich die mich derzeit besonders abends nach dem Essen und dann durch die Nächte zermürbenden Magenschmerzen los, oder kann sie doch wenigstens lindern, wenn ich, was mich beschäftigt, niederschreibe — also Ihnen, meiner Freundin, erzähle, die über die Jahre – Jahrzehnte – gleich der Béart meines Gedichtzyklus immer wieder ein anderes Gesicht angenommen hat und wohl weiterhin annehmen wird, in je anderen Körpern, die ineinander alle sanft vergehen, manchmal auch abrupt, aber doch Sie-selbst bleiben als die meine unanrührbar die gleiche. Was, viertletztes Wort, kein Possessivpronomen ist, sondern Zugehörigkeit zeigt. — Nein, ich bin nicht eifersüchtig, Freundin, wenn Sie auch andern Dichtern so wie mir geneigt sind. Es liegt in Ihrer idealen Natur, so zu sein: wehend, schweifend, bisweilen verschattend, dann schon wieder hell vor Gewißheit als immer erste Leserin für jeden (der dichtend nicht nur Selbstgespräche hält. Auch solche Autoren gibt es, wie ich weiß).
Jedenfalls hätte ich in meinem Leben manches Mal nicht mehr gewußt, was tun, würd es Sie nicht für mich geben. (Und spürn Sie’s? Selbst bei diesem kleinen Satz bin ich mit seiner Rhythmisierung beschäftigt und werde unglücklich, wenn irgendwo was hemmt.)

Meine Situation setzt mir zu und besonders auch ihretwegen der kommende Freitag, den ich ja gern geflohen wäre. Nun jà, geht nicht. Doch dazu noch die nicht endenden Versuche, mich oder meine Arbeit zu diffamieren. Etwa der da, Dietrich Mau, von dem ich nicht einmal weiß, ob dieser Name Pseudonym ist, und der bei Twitter dauernd so etwas postet:

Das zu → dort. Und zum, was besonders heimtückisch ist, → letzteingestellten Béartentwurf:

Heimtückisch ist dies deshalb, weil im Gedicht die vorgeblich “liebste Zeile” gerade a b g e w i e s e n wird; das kürzt der Herr Mau seinen Lesern und sich im Wissen absichtsvoll heraus, daß irgendetwas seiner ständigen Diffamierungen ja doch schon hängenbleiben werde. Wirklich überprüft wird und wurde ja selten.
Dann wieder, wenn ich einen → Aphorismus einstelle, mir als Gedanke durch den Kopf gegangen, der offenbar den neuen (und manchen alten) Denktabus nicht und nicht mehr genehm ist:

Die suggestive Zielrichtung ist deutlich und vollzieht sich quasi unter der Hand: Mich, bzw. meine Arbeit der Rechten zuzuschieben. Schon mit meinem Namen die AfD affirmativ zu verbinden, zielt genau darauf ab; wer so etwas vermeiden will, darf nach den Motiven ihrer Mitglieder nicht einmal mehr öffentlich fragen, also ob da nicht vielleicht auch Gründe sind, an denen etwas ist und die das Fehllaufen in solche rechten Parteien erklärt und dann vielleicht, weil wir wissen und verstehen, verhindern kann. Nein, es werden Lager zementiert. Und es war schon immer eine Neigung der Linken, wie ganz der Rechten auch, Gegenargumente aus dem Weg zu räumen, indem man die Argumentierer diskreditiert. Müssen sie als Personen nicht ernst genommen werden, sind sie mithin “sowieso unglaubwürdig” oder gar → “ein Narzisst”, braucht auf die Einlassung-selbst niemand mehr einzugehen. Womit das unliebsame Argument einfach erledigt wäre, ohne daß sich noch mit ihm faktisch auseinandergesetzt werden müßte.
Nun ist es sicher richtig, daß ich kein “Linker” bin und auch niemals einer war, insofern ich den autoritäten Kommunismus, Sozialismus usw. stets abgelehnt habe und statt dessen einer Vorstellung von Selbstbestimmung anhänge, die Hierarchien fast prinzipiell den Mittelfinger zeigt – es sei denn in Arbeitszusammenhängen, die nötige Kompetenzen erfordern. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wann ich bei einer Ampel stehenzubleiben und ob ich einen Helm zu tragen habe, sondern dies aus eigenem Nachdenken entscheiden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist mir widerlich.
Insofern mag ich in einigen Belangen konservativ sein, reaktionär aber in keinerlei Weise, schon gar nicht rassistisch und dergleichen. Auch halte ich es, nur soviel hier zu “Gender, in libidinösen Belangen strikt mit Hellers → “Denn ich will”.

Und dann haben mich zwei Kommentare sehr verletzt, die ich wegen einer Linksetzung zufällig entdeckte, obwohl sie ihrerseits seit über vier Jahren völlig unwidersprochen unter Winkels seinerzeitiger, eigentlich sehr schöner ZEIT-Kritik zum Traumschiff stehen. Ich selbst kann es nicht tun, es würde sofort als pro domo oder gar eitel ausgelegt. Aber irgendwie klingen auch sie nach Herrn Mau.
Es hat mir einen Schlag in den Bauch gegeben, daß auf die mit auch sachlich wie lebensgeschichtlich falschen Behauptungen dahinterstehende persönliche Diffamierung besonders im ersten Text niemand, überhaupt niemand reagiert hat. Und wieso ließ die Redaktion so etwas stehen? Zum einen wertet es auch die Urteilskompetenz des eigenen Mitarbeiters, Hubert Winkels, ab, zum anderen ist doch deutlich zu erkennen, welch eine nahezu private Rancune hier hämegeladene Freudentänze aufführt. Allein die Formulierung Das Video und das Buch tue ich mir nicht an – eines Menschen, der seit 1981 bekennenderweise nichts mehr von mir gelesen hat – hat es an Ignoranz wahrlich in sich. Woher will der Autor dann wissen, ob seine Meinung nicht falsch ist? Und Frau “von Gandersheim”, die von pauschalen Mentalreisen spricht? Als hätte ich selbst nicht → nachweisbar eine solche tatsächliche – und sehr lange – Reise zur Recherche unternommen! Ob das Ergebnis, mein Buch, dann gelungen sei, ist eine ganz andere Frage, hat aber wirklich nichts mit bestens ausgeleuchteten Trockengebieten lediger alter Männer zu tun, die sich von staatlichen Subventionen ernähren. Woher hat diese, wenn es eine ist, “Frau” ihre Gewißheit?
Aber nein, kein Widerspruch, nicht einmal ein vorsichtiger Einwand wird laut.
So erlebt man Einsamkeit.
Als ich deshalb einer Kollegin davon erzählte, schrieb immerhin sie eine offenbar entsetzte, möglicherweise auch wütende Entgegnung – ich kenne den Text nicht; sie schrieb mir, sie habe ihn direkt in die Kommentarmaske getippt und anderweitig nicht gesichert – und stellte ihn als nun ihren Kommentar unter dem Artikel ein, mußte allerdings auf Freischaltung warten, die, wie ich sogleich argwöhnte, niemals erfolgte. Ganz offenbar kommen die beiden diffamierenden Äußerungen dem Kalkül der Redaktion überaus entgegen.
Freilich wird nun insgesamt gemeint, man müsse mit Diffamierungen halt als Autor leben, am besten, man äußre sich gar nicht dazu. Bekommt man sie aber sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren, und zwar an öffentlich herausgehobener Stelle, und so gut wie niemand springt einem bei, läßt das schon verzweifeln. Verächtlichmachung hat, seit ich zum ersten Mal publizierte, mein gesamtes Leben scharf begleitet; unter Anspielung auf einen Hildesheimertext formulierte Armin Ayren 1983 in der FAZ – meine erste überregionale “Kritik” –, man solle mir Geld dafür geben, daß ich aufhörte zu schreiben. (Aber ich verdanke dieser Kritik auch was: Sie ließ mich tief ins Wesen der deutschen Konjunktive graben. — Und sogleich wird der Herr Mau “Wesen” mit “deutsch” zusammenlesen und für ANH daraus ein → “genesen” erschließen, das mich sogar zum Vornazi macht.)
Ebenfalls in der FAZ, dreiundzwanzig Jahre später, nannte Martin Halter die mir zugestandene souveräne Beherrschung der Form nur um so unappetitlicher. Auch darauf habe alleine ich selbst reagiert. Selbst wenn also attestiert wird, daß ich etwas könne, wird gerade das persönlich gegen mich gewendet.
So zementiert sich das komplette Alleinstehn.

Nein, es gibt keinen Grund, dem kommenden Freitag mit irgendeiner Freude entgegenzusehen, nicht im Ansehen meiner Arbeit, ökonomisch nicht und schon gar nicht persönlich. Daß ich den Tag fliehen wollte, nun aber nicht darf, deutete, Geliebte, ich neulich schon an, und weshalb. Dabei hätte mich ein Freund, der derzeit mit seiner Familie dort weilt, so gern in Neapel getroffen.

Dennoch, es gab ein Funkeln am Himmel, sogar ein Feuern, weil zur Béart eine wunderbare Nachricht kam, umso mehr als sie mich aus dem deutschen innerbetrieblichen Sumpf herauszuziehen verspricht. Ich will Ihnen hier, vor allen Leuten, aber noch nichts Konkretes sagen, sondern erst, wenn der Zyklus auch wirklich abgeschlossen, also lektoratsbereit und abzusehen ist, wann genau er als Buch erscheinen wird. Nein, nicht aus Aberglaube schweige ich (den ich bisweilen habe, geschürt von meinem Instinkt), sondern um zu verhindern, daß hinter den “Kulissen” erfolgreich intrigiert werden kann, das Projekt zu hintertreiben. Denn d a s muß ich eingestehen, daß ich über die vielen Jahre Der Dschungel leider lernen mußte, in einigem weniger offen zu sein, als es meiner Poetik, aber auch meinem Naturell entspricht. (Was nun in eine ohnedies fällige Fortsetzung meiner “Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens” gehörte.)

 

 

Ihr, Freundin,
ANH

 

Heute Am Freitag, den 7.2., um 16.10 Uhr im Deutschlandfunk: Samuel Hamen zu ANHs “Wanderer” & “Wölfinnen”, Erzählungen 1 & 2.

Livestream >>>> dort.

 

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