In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertachter Tag.
Zweite Serie, Zweiundneunzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Zitronenbaum auf Stromboli” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertvierter Tag.
Zweite Serie, Achtundachtzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Milazzo, Pronto Soccorso” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Vierunddreißigster Tag. Zweite Serie, achtzehnter Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Siracusa” ||

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

Vor Aqaba, 4: Abendessen im Zeitlabyrinth ff. Das Krebstagebuch des 25. Julis 2020 (Catania.Zwischenwelt, ff | Die Brüste der Béart, 57).

 

 

Schein her-, Schöpfrin, -nieder …

 

 

 

 

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>>>> Béart 58
Béart 56 <<<<

Vor Aqaba, 3: Catania.Zwischenwelt. Das Krebstagebuch des 24. Julis 2020, nämlich sechsundachtzigsten Krebstages. Darinnen Die Brüste der Béart, 56.

[صحراء النفود, Anderswelt.
Via vittorio emanuele, 460. 6.40 Uhr]

Es ist doch mehr Nefud unter dem Vulkan, als der erste, ja noch zweite Tag ahnen ließen, die beide, wie ich spürte, auch für Lilly glückselig waren. Sie ließ mich da völlig in Ruhe, und wie flanierten, genossen, atmeten die Luft des Meeres, die süß war und voll eines Salzes, das sich beim Zubettgehen von der eigenen Haut lecken ließ. Es war auch nicht sie, Liligeia, die nächstmorgens protestierte, sondern eine Folge der Chemos, Strahlenfolge der Nefud, was nicht einiges, aber doch manches kippen ließ. Denn nach der ziemlich anstrengenden Tour die Hänge La Timpas hinauf und hinab und abermals hinauf, als ich da am Mittwoch erwachte (war es der Mittwoch?), konnte ich kaum auftreten, schon gar nicht zügig gehen. Beide Füße voller Blasen, deren eine so aussah:

Von der deutlichen Schwellung will ich gar nicht erst schreiben, die bis jetzt nicht zurückgegangen ist, Also setzte die Neuropathie meinen gerade hier enormen Bewegungsdrang radikal auf Null. Ich geb ihm dennoch nach, aber es geht nur in gepolsterten Flipflops. Die ich mir erst besorgen mußte. Mein seit Jahren, Unfug: Jahrzehnten bewährtes Schuhwerk nützt mir nichts mehr. Und nun, meiner Lust zu flanieren derart beraubt, sie jedenfalls deutlich, ich schreibe einmal, unter Beschuß genommen, fing auch Liligeia wieder an, sich deutlich, sehr deutlich zu melden. Zudem verging mir komplett die Lust zu schreiben, weil in meiner ansonsten nahezu idealen Unterkunft (nur daß man von hier aus das Meer nicht sieht) auch der Internetzugang schwierig wurde, teils gar nicht ging, so daß ich schon gar nicht Fotos hätte hochladen können, bzw. das alleine schon, mit einiger Geduld, aber nicht sie im Netz collagieren, was eh immer viel Zeit braucht.
Gegen Unlust und Schmerz anzugehen, ist mir selbst auf Sizilien nicht leicht, das mir ansonsten aber sehr, sehr gut tut, jedenfalls tat, die Hitze, das Zerlaufen im Schweiß, die Düfte, der Fischmarkt. Nein, ich bin froh, hier zu sein, teils durchaus glücklich, dann aber schlägt die genervte Krebsin wieder zu, die doch eigentlich auch nur genießen, sich entspannen, Kräfte sammeln für Aqaba wollte.
Wenn es anstrengend ist, Schritt vor Schritt zu setzen, wird plötzlich auch Luft zu holen schwer, einfach weil … nun jà, “einfach” … weil der Tumorschmerz aufs Atemzentrum drückt. Als ich noch gehen, ja ausschreiten konnte, war davon nichts zu merken. Da war die Zwischenwelt das pure, pure Glück:

Ich wollte nächsten Tages wieder hin, allein, wie erzählt, es ging nicht mehr, ich wäre wie auf Messern gelaufen (laufe wie auf Messern). Doch Lilly eben nicht selbst trägt die Schuld, sondern die Neuropathie, die mich nicht hat merken lassen, daß ich die Füße überanstrengte; tatsächlich, bis zum späten Abend, spürte ich keinerlei Beeinträchtigung, war nach der Tour lediglich auf, ich schreib mal, “rechtschaffne” Weise erledigt, lag dann auch schon um halb zehn Uhr abends im Bett – und erwachte nächstmorgens mit diesen Läsionen. Was bedeutet, daß ich wohl auch heute wieder vorwiegend sitzen, mir einen Ort am Wasser suchen und zu schreiben versuchen werde … allerdings am letzten der → Béartgedichtes, da wirklich fertig werden muß, bevor ich am 3. ins Krankenhaus wechsle.
Doch seit der Beeinträchtigung ist nicht nur die Lust dahin, Catania in die Nefud zu betten, um beide miteinander so zu verwirken wie Lilly und mich, ja überhaupt zu erzählen, sondern auch die Leidenschaft, die die Béarts trägt. Ich finde nicht den Ton, bin zu dunkel, möchte sagen: zu grämlich, die Klage hat die Überhand (Gendercorrectness, neue, konsense “Moral” usw.), wo gejubelt werden, begeistert angerufen werden müßte. Das klingt dann so, womit ich gar nicht zufrieden bin:

(…)
fließt Du mir mit dem Leben aus,

das ich am Meer noch habe und unter dem Vulkan,
wohin, zum Feuerend’, ich kam, vielleicht,
dem Wellengang zu lauschen und Blicke auszutauschen,
die nicht mehr ganz erlaubt sind – nichts,
was sich noch niederreißen ließe, außer, Béart, mit selbst
und meiner unpompejisch, allein pragmatisch
ohne der Sturm, ohn’ Erregungslust verschütteten Welt,
die ohne Schutt doch sei, ohn’ Frage und Zweifel,
ein Nein ist ein Nein, unverbindlich das fiat der Ih-aas:
ein jeder Mensch Esel, der zustimmt und faßt
nichts mehr an, das zurückschlagen könnte und wartet –
voraussetzt, daß wir es nehmen, und höhnt uns im stillen,
wenn wir’s nicht wagen,
da es auf Kraft nimmer ankommt,
seit wir die Gene auf Nachfrage mischen.

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>>>> Béart 57
Béart 55 <<<<

Gut (das heißt nicht gut): Ausflüge entfallen. Ich werde mir einen Ort zu suchen, nur zu sitzen, zu denken und, wenn es geht, zu schreiben — was aber, Freundin, nicht bedeutet, daß ich nicht doch noch eine feine Erzählung aus dem Zeitlabyrinth hinbekommen werde; wahrscheinlich nur nicht mehr hier in Catania direkt. Es würde auch zuviel Zeitaufwand kosten, denn übermorgen bereits flieg ich schon wieder zurück. Da mag ich meine letzten zwei hiesigen Tage nicht im Zimmer verbringen unter Ausschluß sozusagen der Welt. Ich bin ja doch, trotz allem, sehr sehr gerne hier, gehöre hier, spüre ich wieder, quasi hin — und die Tumorschmerzen – abgesehen von den komplett zerblasten Fußsohlen, die wohl eher nicht –hätte ich in Berlin genauso.

Ihr ANH,
der jetzt die Tage bis zur OP zu zählen anfangen kann: Tag 12 vor der Enteinigung.

P.S.:
Sehr froh aber, selbstverständlich, bin ich darüber.

“Mir steht ein Meer vor Augen”: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich “Vor Aqaba”, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur”bereinigung” als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. “In aller Regel”, hat mir die Durimeh gesagt, “gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.” “Wahlheimaten auch.”
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein “Sozialkonstrukt“. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: “Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.”
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: “Leg dich, mein Rih.”
Nochmaliges Schnalzen, “‘k-‘k-‘k”, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

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