Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Frieden, n i c h t “Ruhm”! Das Ukraine- und heute Bebelplatz benannte Arbeitsjournal des Montags, den 7. März 2022. Darinnen Marieluise Beck großartig spricht und furchtbar dumm Wolf Biermann, in jedem Fall verantwortungslos.

[Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Video,
das den Mitschnitt der gesamten hier dargestellten
Veranstaltung zeigt.
Dank an Gaga Nielsen für den Hinweis.]]

[Foto: ANH | Alle übrigen Bilder (©: → Gaga Nielsen]

[Arbeitswohnung, 8.48 Uhr
Herrlich strahlende Sonne und klare schneidende Kälte
Der Kohleofen kämpft, doch gehn die Bruchbriketts mir langsam aus]

Erstens: muß ich zu begreifen lernen, daß auch diese Journale Arbeit sind, vielleicht keine poetische, doch Grundlage, mag sein, eines, eines Tages, neuen Gedichts, einer Erzählung womöglich, eines Romans – oder Material dann doch für “Friedrich.Anderswelt”. Es ist die Zeit noch nicht, mir dessen auch nur annähernd sicher zu sein; kann auch sein, daß solch eine Zeit niemals wieder kommen wird.
Zweitens: steht bei Arno Schmidt, es gebe keine Altersweisheit, nur den Altersstarrsinn. Den Wolf Biermann des gestrigen nachmittags vor Augen und in den Ohren, was er sagte, scheint dies zumindest in einer Variation wahr zu sein, die aus “Starrsinn” Dummheit macht. Er war immer einer der mutigsten Menschen, der hellsten allerdings auch früher schon nicht.
Drittens: ist der Ruf nach Ruhm entsetzlich auch in der neuesten Prägung, die von so vielen jetzt mitgeschrien wird: “Слава Україні!”. “Миру Україні!” – “Frieden der Ukraine!” – müßte er heißen. Dann, und nur dann, riefe ich mit.
Viertens: stand abseits, jedenfalls am Rand der Menschenmenge, eine junge Russin und hielt vor ihre Brust ein Schild, auf dem in Englisch stand:

I am Russian
I am against the war

Ihre Verlorenheit ist der beste, ja ein herzschnürender Anlaß, von Anfang an zu erzählen. Nun jà, “von Anfang an” … – Jedenfalls, nachdem der deutsche PEN seine → Presseerklärung hinausgeschickt und wiederum ich nach Kenntnisnahme sofort eine Mail an sämtliche Beteiligten versendet hatte, in der ich mich bedankte, kam, ich stand schon im Mantel, ein Anruf → Deniz Yücels, in dem er unter anderem, und mit Recht, zur Sprache brachte, ich hätte ihn in unserem in der Vorbereitungszeit der Presseerklärung von mir mitunter sehr scharf geführten Briefwechsel ausgesprochen verletzt, persönlich. Ich fragte, womit. Und habe mich entschuldigt. Das Temperament eines Südländers, der ich doch gar nicht bin, halt aber doch bin, irgendwie. Und so weiter. Nun war die Angelegenheit fast vom Tisch. Zumal wollte auch er auf → die Kundgebung gehen. “Dann laß uns uns dort treffen.”
Ich radelte bewußt früh los, nicht mehr ganz so früh, wie ich vorgehabt, doch als ich den Bebelplatz betrat, wuselte noch nur eine kleine, letzte Vorbereitungen treffende Schar um den Tribünenaufbau herum. Und gleich vorne rechts stand auch schon Yücel. Ich zu ihm hin, ihn gegrüßt, und wir sprachen. Nun war wirklich alles geklärt.

Wie fast immer hatte → Ulrich Schreiber den Ort sehr klug gewählt, zumal eben hier, dem Zentrum der Bücherverbrennung des Jahres 1933, drei Stunden zuvor Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle das → Benefiz-Konzert für Frieden in der an den Bebelplatz rainenden Lindenoper gegeben hatte. Nun begrüßte er, Schreiber, das bereits eingetroffene, noch nicht sehr zahlreiche, doch mit ukrainischen Fahnen wedelnde sowie Spruchkartons haltende Publikum.
Es war kalt, sehr kalt.
Wir ließen’s uns nicht verdrießen. Die Rednerinnen- und Rednerliste war ausgesucht, teils wurde online auf den großen Screen zugeschaltet. Mehrere Male kam das komische Wort Schalte vor, das irgendwie immer nach “Schelte” klingt und nun wirklich mal dringend zu gendern ist. Aber wie? Ein “Schalter” is’ nu’ mal was anderes.
Egal.
Unruhe kam auf, Durchsage des Moderators, gleich nebenan, vor der russischen Botschaft, finde eine parallele Ukraine-Demonstration statt; man habe beschlossen, beide Kundgebungen zusammenzulegen – was es nötig machen werde, die Reihenfolge der durchgetakteten Programmpunkte nunmehr zu improvisieren. So bekamen wir denn die eine und andre Folklore zu hören, schon die die Boxen überforderte, besonders Chöre stellten sie vor ungeahnte Probleme. Daß sie, die Chöre, rot maskiert warn teils, spielte keine Rolle. Aber darum ging es ja nicht, das hält man schon aus. Sogar ich, an den Ohren empfindlich,  kriege es hin. Schwierig wurde es erst später, Freundin, warten Sie ab. Und daß ich hier bisweilen scherze, ist zynisch nicht gemeint, sondern dient der Überspielung meiner Angst, ja sogar meiner – aber warten Sie, warten Sie ab! – P a n i k.

Großartig sprach → Marieluise Beck[1]Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt., sprach wie Danton, als er sich gegen die Terrorherrschaft wandte, aber weiblich, eine glühende Frouwe, die anklagt, u n s anklagt, den Westen anklagt, dem nach wie vor mehr um die eigene Wohlfahrt getan ist, als daß er die Sanktionen nun wirklich komplettieren würde. Und sie nannte die Belege. Ihre eigentliche Klugheit bestand aber darin, daß sie zur Forderung nach einem Überflugverbot n i c h t s sagte. Sie weiß sehr genau, was es bedeuten würde. Ist allerdings nicht schwierig, selbst die Baerbock weiß es jetzt, und sie → sagt es.
Dieses Überflugverbot war indessen der Tenor aller, ja aller Beiträge aus der Ukraine. Das ist verständlich. Putins Bomber- und Marschflugkörperterror muß aufhören; jeder von uns will das. Es ließe sich aber nur erreichen, wenn keine russischen Flugkörper mehr in den ukrainischen Luftraum eindringen. Doch was bedeutete ein Überflugverbot? — nicht nur, wer spricht es aus, sondern vor allem, wer kontrolliert und, bei Übertretung, ahndet es dann, wenn nicht die NATO? Womit wir dann, ganz Europa und der gesamte Westen, in den Krieg eingetreten wären, und zwar in einen, weil Putin einen konventionellen gewinnen nicht k a n n, dazu ist die westliche Übermacht zu groß, atomaren. Regierungen haben ihre Bevölkerung zu schützen, in allererster Linie, ihre eigene, der sie als gewählte zuerst verpflichtet sind.
Ich gehe darauf weiter unten noch ein.

Die übrigen Reden waren teils anrührend, teils glichen sie Franziski, der den Fischen predigt. Teils waren es vorhersehbare Statements, auch von, leider, Vargas Llosa, der zudem, ein zweites “leider”, nicht auf Spanisch sprach, sondern englisch. So elegant er war, wirkte er nur hilflos. So, wie wir alle sind.
Zwischendurch klampfte, zu Instrumentalem aus der Dose, immer mal wieder Yuriy Gurzhy. Was ich anfangs eher lästig, dann aber schlimm, überaus schlimm fand. Es sind die Phasen einer Demonstration, vor denen mir graut. Auch in “normalen” Konzerten ertrage ich es nicht, wenn von vorne gebrüllt wird: “Jetzt ihr alle!” Ich wäre beinah gegangen. Es war aber gut, daß ich blieb.
Die Demonstanten sollten den Refrain singen, bzw. skandieren. Es waren zwei Refrains, zum einen die Worte der tapfren Ukrainer, die von der Schlangeninsel — Lévkas in → Anderswelt! — dem russischen Kriegsschiff “Idi nachuj!” zuriefen, Fickt euch!, anstelle sich zu ergeben – und die Folgen trugen. Der zweite “Refrain” bestand ganz ebenso aus nur zwei Wörtern:

“Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen!”

Ich habe dies nachts, in einem Brief an → Baskakova, noch immer voller Entsetzen, so kommentiert:

Da dachte niemand mehr nach, und es geschah das, was ich bei Demonstrationen stets befürchte: eine Eigendynamik des schunkelnden Mitmachens.

Dann l e g t e sich die unheilsbereite Begeisterung; so ganz funktionierte es auch nicht, wie sich’s Gurzhy gedacht, nicht alle, immerhin, hatten mitgemacht, das Skandieren versank zwischendurch immer mal wieder, versickerte im Boden. Vielleicht auch, weil von da die Kälte so in die Fußsohlen kroch und weiter wadenaufwärts. Woraufhin die Musik, ein bißchen fast aufgebend, vorbei war. Und → Jurko Prochasko sprach.
Seine Rede war stilistisch vollkommen und wäre für mich sogar ein Genuß gewesen, wenn nicht … ja wenn nicht bei all der klaren Sicht und auch Herleitung des von ihm, in Anlehnung an “Stalinismus”, so benannten Putinismus deutlich nationalistische Töne mitgeschwungen – nein, nicht “geschwungen”, sondern sich unter diesen ausgefeilten, dabei frei vorgetragenen Formulierungen gleichsam unterirdisch wie feine Wurzelranken ausgenestelt hätten. Was darin gipfelte, dem gesamten russischen Volk die Schuld an diesem Krieg zu geben, das, so Prochasko, Putins revisionistisch-mythische Geschichtsklitterung begeistert mitgetragen habe, jede und jeder einzelne ein Held der, ja was nun?, nicht mehr Sowjetunion gewiß, doch des welterlösenden russischen Reiches.
Es war, was und wie er es sagte, saugefährlich. Aber dies ist ein Gegner, den man anders als Putin ernstnehmen muß, ein intellektueller Feldherr, vor dem sich der ebenso gebildete verfeindete Feldherr verbeugt und den er, wenn Glück und Geschick es so wollen, zwar schlägt, aber voller Achtung. – Ich zitterte vor Ambivalenz, ein seltsames, meinen ganzen Körper überkribbelndes Amalgam aus unmittelbarer Sympathie und rigoroser Ablehnung. Der Mann hatte mich ästhetisch gefaßt und politisch entsetzt. Die Wirkung hält nach wie vor an, noch jetzt, da ich dieses schreibe.

Kam jetzt noch einmal Musik? Ja, “wir brauchen wieder Musik” sagte der Moderator oder die Moderatorin. Ich, ausgerechnet ich, habe seit dem Kriegsbeginn keine Musik mehr gehört, es geht einfach nicht. Nun mußte ich abermals redundante Klänge ertragen. Aber gut, daß ich’s tat. Was jetzt nämlich folgte, wer folgte, war nur noch das Grauen. Um mich nicht neuerlich zu erregen, zitiere ich nun länger aus meinem nächtlichen Baskakovabrief:

Denn Wolf Biermann sprach, und das war dann das r e i n e Grauen. Er wollte, daß wir sofort in den Krieg eingreifen, und zwar, “weil er sowieso kommt”. Und ließ keinen Zweifel daran, daß solch ein Krieg ein atomarer würde, der möglicherweise – wörtlich – “Milliarden Menschenleben kostet”. Aber, unterm Strich und etwas verkürzt, diesen Preis hätten wir zu zahlen, wenn es uns ernst mit unseren Werten sei.
Er bekam Applaus, viel, ich hätte fast gekotzt. Der Mann ist deutlich ein Greis, sein Lebenshorizont ist nur noch sehr schmal, da hat man gut schlecht reden. Aber meine fünfzehnjährigen Zwillinge, mein zweiundzwanzigjähriger Sohn? Und andere Eltern sollen sehenden Auges ihre Kinder opfern?
Ganz nebenbei, es gäbe in Deutschland auch ganz sicher nicht, selbst jetzt nicht, eine Mehrheit für einen Krieg. Wer also soll gegen die entscheiden, sie zu Opfern machen dürfen? Man muß ihnen wenigstens Zeit lassen zu emigrieren[2]und ihnen finanzieren..
Es war einfach nur unverantwortlich. Es nützt dem Sterben, Siechen, Ausgebombtwerden (ja, Putin setzt massiv Raketen gegen zivile Gebäude ein, gegen ganze Stadtteile) … also es nützt diesem Elend doch nichts, wenn nichts als weiteres Elend noch hinzukommt, weltweit womöglich, vielleicht mit dem Untergang der halben oder gar dreiviertel Welt. Denn ein Atomkrieg macht erst halt, wenn eine der beiden Seiten nichts mehr abfeuern kann. Da ist dann alles andere aber schon hin. Und an den Strahlenfolgen werden Generationen über Generationen tragen.
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Dem ist nur wenig, vielleicht auch gar nichts hinzuzufügen. Auch weil ich dann ging. Die Polyneuropathie in den Füßen, eine nicht umkehrbare → Chemofolge, wurde bei dieser Kälte so stark, daß ich nicht mehr ganz sicher war, weiterhin stehen zu können; möglicherweise knickte ich gleich ein. Ändern konnte ich ohnedies nichts, schritt, vorsichtig mit den Schuhsohlen tastend, im beklemmenden Bewußtsein davon, daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vernichtung der gesamten Ukraine und einem nächsten Völkermord werden zusehen müssen, zwar tatenlos nicht ganz, letztlich aber hilflos. → “Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus.” – Haben Sie sich, Feundin, Habecks Gesicht mal angesehen, das neue? So schauen Sie nur (ich begehe eine Urheberrechtsverletzung, der Urheber seh’ es mir nach, oder die Urheberin):

Quelle (©): → dpa
 

Welch Menschenleid in dem Gesicht.

 

 

 

Миру Україні:
Ihr ANH

 

 

 

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[Hier die gesamte Veranstaltung; Wolf Biermanns Beitrag
findet sich bei 2h12’56”, der Beitrag Prochaskos ab 34’46”:]

References

References
1 Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt.
2 und ihnen finanzieren.

Fast mehr schon als Skandal: Denn jetzt geschieht eben d o ch, was Baskakova gestern befürchtete

und mir → d o r t geschrieben hat. Die Privatpersonen, in diesem Fall russische Künstlerinnen und Künstler, sollen in Schuld- und Sippenhaft genommen werden, obwohl sie sich gegen diesen Krieg unter Inkaufnehmen eigner Gefährdung teils sogar öffentlich wehren.

Ukraine-Dialoge IV: Email Tatjana Baskakova/ANH (Übersetzerin und Autor 2)

Татьяна Баскакова, 1 марта 2022, 12.15 вечера

Ja, Albano, auch die russische Uebersetzung ist → schon da. Meine letzte Publikation aber ist eine

Aufforderung der Zeitschrift Vsesvit[1]“Die ganze Welt”,
Kiew,
28. 2. 2022
an Kulturinstitutionen und Übersetzer der Welt, internationale
literarische Agenturen, Residenzen, Abteilungen von Übersetzungen

die bereits von einer Reihe anderer ukrainischer Institutionen unterschrieben wurde und worin gefordert wird:

– Schluß zu machen mit allen Formen der Übersetzungen russischer Literatur und alle sonstigen Übersetzungprojekte mit Rußland abzubrechen;

– Schluß zu machen mit allen Residenzen [für russische Künstler], auch mit Einladungen von russischen Schriftstellern und Übersetzern zur Mitarbeit mit Welt-Autoren, [jetzt und] in Zukunft;

– Schluß zu machen mit allen Formen der Unterstützung russischer Übersetzer, [und zwar] in der ganzen Welt;

– Schluß zu machen mit allen Seminaren, Konferenzen, Gesprächsrunden und Diskussionen, die der Übersetzung von russischer Fiktion, Non-Fiktion [sowie von] Poesie  und Dramen usw. gewidmet sind.

Dazu habe ich erklärt, daß dies ein großer Fehler[2]Baskakova übersetzte mit “Irrtum”; das aber ist es ja nicht, sondern bewußt so gemeint; deswegen von mir durch “Fehler” ersetzt. ANH ist.

***

ANH an Tatjana Baskakova, 18.47 Uhr

Das halte auch ich für einen riesigen, zumal unmenschlichen Fehler. Wenn Sie zustimmen, stelle ich auch das, mitsamt meiner Email hier, morgen in Die Dschungel und verteile es auch online an die deutschen Literaturhäuser usw. Denn sonst wird ja d o c h die Bevölkerung abgestraft. Das darf nicht sein.
(Bin grad, nach dem ersten Schock, wirklich wütend. Es muß unbedingt verhindert werden, daß jetzt – als erst einmal psychologisch nachvollziehbare, aber eben gänzlich bodenlose Dynamik – eine Art “Gegen’rassismus'” seitens der Ukraine gegen Rußland entsteht.)
A.
P.S.: Schicken Sie mir zu Vsesvit bitte noch ein paar Daten, inkl. Adresse der Website?
Татьяна Баскакова, 1 марта 2022, 19.16 вечера
Lieber Albano,
ich weiss nicht, wie genau man das macht. Vsesvit ist eine ukrainische Zeitschrift
fuer auslaendische Literatur.

Die Webseite:  Журнал Всесвіт – Home | Facebook

Und hier ist die englische Version:
Журнал Всесвіт Вчера в 17:51 · Звернення журналу “Всесвіт” до культурних інституцій і перекладачів світу
To the World Literary Agencies, Residences,
Cultural Institutions, Departments of translation
February 28th, 2022, Kyiv
Dear colleagues!
Anyone with an ounce of understanding knows that Ukraine is fighting for the entire world from Kyiv to London, from Odesa to New York, from Kharkiv to Oslo, from Sumy to Tokyo…
It is also clear that the Russian people mostly do not support Putin’s insane war on their brothers and sisters (we still want to believe in this), and Kyiv. He is trying to drag Europe back to its bloodstained past, but the world has changed – most people know now we are one family, living on one planet we must unite to protect. We honestly do not believe he can win. Humanity will prevail.
Taking into account the war that initiated Russia destroying Ukrainian territories and killing our civil people, Vsesvit magazine editorial addresses the world cultural community to
– stop any form of translation of Russian literature and break all the translation projects with Russia;
– stop all residence projects including inviting Russian writers and translations for cooperation with world authors in the future;
– stop all forms of translator’s grants for Russia all over the world;
– stop all seminars, conferences, round tables and panel discussions regarding the translation of Russian fiction, poetry, drama, non-fiction, etc.;
These steps will help to stop the war and explain the world that each trace of the Russian culture can be converted into the war reality in the future in the most unpredictable way. We have each day of fighting, more senseless bloodshed, an insane provocation from Putin with his nuclear rhetoric, but also more victories for the incredible Ukrainian army, forcing Russia to talk. Each day we have new deaths including children. The Russian “peace policy” brought death and destruction to our families, homes, cities, and the entire country.
Editor-in-Chief, PhD Yurii Mykytenko
Managing Editor-in-Chief, PhD Dmytro Drozdovskyi
Український інститут книги
Український інформаційний простір
Українська правда
Міністерство закордонних справ України / MFA of Ukraine
Міністерство культури та інформаційної політики України
Буквоїд
Biblioteca Ukraina Più – Milano
Читомо
Unterschrieben haben:
Das Ukrainische Institut des Buches, Der Ukrainische Informationsraum, Die Ukrainische Wahrheit, Ministerium fuer Auswaertige Angelegenheiten, Ukraine, Ministerium fuer Kultur und Informationspolitik, Ukraine, Bukvoid (Buchhandlungnetz?), Biblioteca Ukraina Più – Milano
Es waere gut, wenn Sie etwas zu machen versuchen. Und, natuerlich, duerfen Sie den Text publizieren.

ANH an Tatjana Baskakova, 19.27 Uhr

Das reicht mir schon mal, danke.
Und gucken Sie sich bitte → d a s[3]Bezieht sich auf das hier verlinkte Video der gewaltlosen russischen Soldaten mal eben an. Können Sie verstehen, was die Frau wörtlich sagt, und es mir übersetzen? Dann stell ich es mit der Übersetzung auf die Hauptsite; noch ist der Beitrag verborgen.
*******
 
Der Aufruf dieser Zeitschrift ist ziemlich ungeheuerlich. Es sind, abgesehen wahrscheinlich von ein paar (etwa → an Gergiev und die seit je sowieso überschätzte Netrebko zu denken) nun wirklich nicht die russischen Künstler, die diesen verbrecherischen und sich möglicherweise in ein Völkerabschlachten entwickelnden Krieg unterstützen (um vor der Atomdrohung Putins → entsetzt zu schweigen), geschweige ihn vom Zaum gebrochen haben, sondern ganz im Gegenteil haben sich etliche russische Künstlerinnen und Künstler in hohe Gefahr begeben, ihn, diesen Krieg, anzuprangern. Und dafür will sie die Redaktion dieser Zeitschrift bestrafen, und die Mitunterzeichner wollen das auch? Hier muß europäischerseits entschieden gegengesteuert werden, damit die perverse Dynamik nicht durchschlägt, aus zwei eigentlich Schwester- und Bruderländern einen Geschwisterhaß entstehen zu lassen, der ganze Generationen prägen würde.
Ich bitte meine Leserinnen und Leser, dieses Geschehen weiterzuerzählen und, so Sie ihn haben, bei den deutschen Kulturinstituten jeglicher Couleur darauf einzuwirken, daß solche Proklamationen abzulehnen sind.
ANH, Berlin
2. März 2022

References

References
1 “Die ganze Welt”
2 Baskakova übersetzte mit “Irrtum”; das aber ist es ja nicht, sondern bewußt so gemeint; deswegen von mir durch “Fehler” ersetzt. ANH
3 Bezieht sich auf das hier verlinkte Video der gewaltlosen russischen Soldaten

Ukraine-Dialoge III: Email Tatjana Baskakova/ANH (Übersetzerin und Autor 1)

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

[Zu Tatiana Baskakova:
Татьяна Баскакова
Facebook]

 

 

An Tatjana Baskakova, 1. März 2022, 11.32 Uhr

Liebe Tania,
eben habe ich für Sie ein Bücherpaket zusammengestellt, da erfahre ich, daß zu den Sanktionen wegen der Ukraine-Invasion seit heute auch gehört, daß die Post >>>> keine Sendungen mehr nach Rußland annimmt, bzw. überhaupt verschickt. Nun trifft es auch die Zivilen. Ich habe solch eine Angst, wie muß es da erst Ihnen ergehen? Quasi Tag und Nacht denke und denke ich und schreibe über gar nichts anderes mehr.
Ich denke an Sie und die Ihren.
A.

Татьяна Баскакова, 12.15 вечера

Lieber Albano,
danke! Wir mussen warten, es bleibt nichts anderes.
Es ist sehr schlimm, dass jetzt alle Verbindungen zwischen den Menschen kaputt gemacht werden. Was wir machen koennen — diese private Beziehungen trotz allem zu behalten. Jetzt sind alle Russen in der Situation, die Sie so gut aus eigener Erfahrung kennen: alle sind – vermeintlich – a priori schuldig. Ich bin nicht bereit das zu akzeptieren.
Aber: Ihre Briefe, Ihr Buechergeschenk, sogar das nicht abgeschickte, Ihre Werke ueberhaupt sind eine Unterstuetzung fuer mich.
Sehr herzlich, Ihre Tania

An Tatjana Baskakova, 12.24 Uhr

Es ist doch auch in gar keiner Weise wahr. Die Russinnen und Russen sind zu großem Teil absolut unschuldig, und viele wehren sich sogar – und heftig – gegen diesen Krieg, und zwar unter Inkaufnahme großer Risiken, möglicherweise auch in Lebensgefahr. Das sehe ich hier genau und sehen auch die meisten Menschen und Regierungen Europas so. W a s mich aufregt, ist hier die Begeisterung, auch und gerade in den Zeitungen, über die neue Aufrüstung der deutschen Bundeswehr, und wie plötzlich fast gejubelt wird, weil die, die den Frieden wollten, “gescheitert” seien. Daß wir gegen Regierungen wie Putins wehrhaft sein und unbedingt der Ukraine, ja, auch Waffenhilfe leisten müssen, steht auf einem anderen Blatt, ist aber eher ein Grund zu riesiger Trauer als zu Jubel.
Und wir werden uns nicht trennen lassen, das kann ich mit Gewißheit sagen; wir werden unsere Kontakte halten und pflegen und sie wahrscheinlich für noch wertvoller erachten als ohnedies schon. Zudem ist, liebe Tania, Rußland zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch Europa und Europa ohne Rußland kulturell gar nicht zu denken, von Tschaikowski bis Schnittke und Gubaidulina, Tolstoj, Dostojewski über Nabokov bis Sorokin, Malewitsch bis … – Hunderte Namen und Menschen. Kulturell sind wir alle, alle verwoben.
Ich denke, ich darf das im Namen der europäischen Intellektuellen sagen, daß wir genau wissen, die Machtclique um Putin will zwar auch die ukrainischen Menschen unterdrücken, nämlich jetzt durch diesen widerlichen Krieg, aber er unterdrückt auch das russische Volk, und zwar schon lange, lange, lange. Daß er ein Menschenschlächter größten Stils ist, wissen wir spätestens seit Tschetschenien. Und so stehe ich selbstverständlich an Ihrer und der Ihren Seite. Bitte grüßen Sie, wo Sie können, von mir.
A.

P.S.:
Ich würde – wie ich es grad laufend mit den >>>> “Ukraine-Dialogen” mache – gern diesen Briefwechsel in Die Dschungel stellen. Wäre Ihnen das recht? Oder gerieten Sie dadurch in Gefahr? (Ich könnte es auch anonymisiert tun). Geben Sie bitte kurz Bescheid.

Татьяна Баскакова, 12.54 вечера

ja, publizieren Sie das, und wenn schon, dann, bitte, mit meinem Vor- und Nachnamen. Ich sehe jetzt in Facebook, diese «Schuld»-Frage ist sehr schwierig fuer viele Russen.
Vielleicht dann (falls Sie nichts dagegen haben) publiziere auch ich diesen Text, auf Russisch.

An Tatjana Baskakova, 13.41 Uhr

Das merke ich gerade, wie wichtig es für die Ihren ist. Bitte machen Sie sich alle klar, daß Sie n i c h t von  dem Balkon eines Nobelhotels herab auf einem großen Platz gefragt worden sind: “Wollt ihr den totalen Krieg?” und nicht einmal untotal “Wollt ihr den Krieg?” – und daß da schon gar niemand die Hand ausgestreckt und irre vor Machtrausch gebrüllt hat, nämlich unisono alle: “Jaaaaaaa!”

Das ist der Unterschied.

Es ist ein dimensionaler, existentieller, ja ontologischer. Die Deutschen, während des Krieges und danach, hatten allen Grund, sich schuldig zu fühlen. Sie waren es durchweg, außer denen, die Widerstand leisteten und in der Regel ins Lager kamen, um meistens darin umzukommen. Die Russinnen und Russin jetzt sind es nicht – außer den wenigen, die das Morden mitbetreiben. Nicht einmal die einberufenen Soldaten sind es – wobei ich meinerseits mich nicht einsetzen l i e ß e, sondern verweigerte oder desertierte. Aber das ist wohlfeil gesagt, ich fühle nur so, aber weiß es nicht, weiß lediglich, daß ich Befehle fast prinzipiell nicht befolge. (Übrigens war das der tatsächliche Grund, weshalb ich den Wehrdienst – damals gab es ihn noch als Pflicht und wird es wahrscheinlich nun bald wieder geben) – verweigert habe, und nicht, weil ich Pazifist war oder bin. Für einen wirklichen Pazifisten bin ich nicht naiv genug.)

Und deutlich noch einmal: Die russische Bevölkerung hat keine Schuld an dem Krieg – bis auf ganz wenige, die an ihm verdienen; aber die andern alle müssen ihn auch noch bezahlen, teils sogar mit dem Leben, einige mit Haft, vielleicht Verschleppung, alle aber bitter mit Not. Schuld tragen, und zwar genauso wie Putin, – neben einer durchaus auch Mitschuld des Westens – allein noch Oligarchen – und die, wegen der sie schmerzenden Sanktionen, fangen grade an, sich zu drehen, langsam aber und einer nach dem andren. Wenn Putin da nicht aufpaßt, erwischt es ihn von – ich meine das im Wortsinn – hinten. Denn diese Leute haben Macht.

Ihr Albano

***

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

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