Das Covid19-Jetzthatesendlichauchmichmalerwischt-Journal des Dienstags, den 23. August 2022. Am Schluß noch ein Tattoo.

[Arbeitswohnung, 15.50 Uhr] “Ein  gutes Pferd springt knapp.”

Zumindest der Vormittag verlief geradezu restlos anders geplant. Zwar, liebste Freundin, kam ich schon ein wenig an den siebenunddreißigsten Brief, aber dann war etwas abzuholen, was ich bereits am Freitag hätte tun sollen. Und weil ich seit gestern, schon während der Rückfahrt im Flixtrain, ein mit leichtem Reizhusten verbundenes dauerndes Kribbeln im Hals gespürt hatte, was ich erst einmal auf sehr wahrscheinlich zuviel Raucherei während der Kasseler Gespräche zurückführte, und außerdem meine Nase lief – Wasser bloß, wie pures Wasser –, doch gestern abend bereits mich mein Instinkt, auf den eigentlich immer Verlaß ist, wissen ließ, hier sei vielleicht doch etwas nicht recht in der Ordnung — und nachdem heute morgen dieser Reizhusten fast zwar vorüber, doch mir nach einem, im Schlaf, extrem wüsten Traum seltsam schummerig blieb und ich überdies das Gefühl hatte, mein Atmen sei leicht eingeschränkt — setzte ich mich aufs Rad und fuhr zum Antigen-Test, imgrunde aber unbesorgt. Es war etwas früher als sonst, daß ich fürs Phosüppchen weiterfuhr, eines auch bestellte und, als ich den Inhalt des etwa halben Schälchens verzehrt, das Testergebnis im iPhone erhielt. Voilà:

 

 

 

 

Erstmal zurück in die Wohnung, was ich abholen wollte, jetzt noch abzuholen, hätte die  Verkäuferinnen gefährdet. Hm, hatte ich genügend eingekauft gestern? Zu Penny kann ich erst auch nicht mehr. Überhaupt, wie mich verhalten? Quarantäne ist klar. Aber PCR-Text? — Sofort लक्ष्मी angerufen, die sich auskennt; sie nahm mal wieder nicht ab. Ihr eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Dann meinen Sohn angerufen, der das Procedere schon durchgemacht hat. Nahm ebenfalls nicht ab. Gut, also nochmal Ricarda, die auch genügend Erfahrungen hat. Denn die Praxis meine Hausärztin hatte nur bis 12 Uhr geöffnet und öffnet erst wieder morgen früh um acht. Sie, Ricarda, half auch sofort. Der mir geschickte Link sah eindeutig vor, es habe möglichst unmittelbar ein PCR-Schnelltest zu folgen; es gibt auch eine Liste anerkannter Teststellen. Davon hatten die meisten geschlossen … doch halt, nahbei, gleich bei der Kulturbrauerei, Knaackstraße 86. – Und wieder aufs Rad.
War komplett unkompliziert; wegen meines Attests, zum Vulnerablenkreis zu gehören, kostete es auch nichts. Rachen- und Hinternasenabstrich, der, letztrer, mir eigenartigerweise sehr viel weniger unangenenehm vorkam als die ewige Kitzelei durch die Antigentests und als ich, vor allem, in der Erinnerung hatte. Schon interessant, wie sich die Wahrnehmung verschiebt. Und sowieso, insgesamt bin ich ganz einverstanden. Es wär doch komplett irre, wenn einer wie ich, der alles einmal erlebt haben will, nun ausgerechnet unter Corona unberührt durchgleiten würde. Ich will aus diesem Leben doch nicht “unschuldig” gehen, bin ich denn ein Kind? Und klar, wer derart motzt, der kriegt es halt auch ab. Bezeichnend wiederum, daß es mich dann erwischt, wenn die Inzidenzen schrumpfen, grad mal 173,2 heute früh in Berlin. Ich fahr mal wieder ‘ne Sondernummer; meine Pop- und Mainstreamallergie bestimmt sogar mein Krankheitsleben.
Nein, ich bin nicht mal nervös, hätt nur nicht gerne ‘ne Lungenentzündung. Eine Erfahrung reicht, die muß ich nicht konfirmieren. Das einzige, was mich, aber nicht wirklich sehr, bedenklich stimmt, ist, daß es bis zu meiner Reise nach Triest fast exakt vierzehn Tage hin sind – also eben die Zeitspanne, nach der man erst als genesen gilt. Sofern ich mich kann vorher nicht freitesten lassen. (Exakt sind es bis zur gebuchten Abfahrt nur dreizehneinhalb; aber da würde ich mich ein Auge zudrücken lassen). Und etwas ärgerlich ist, daß ich mir den in Triest reservierten 125er Piaggioroller hier schon mal mieten wollte, um mit dem Geschößlein (95 km/h in der Spitze) vertraut zu sein, wenn es in den Karst geht. Ob das nun noch klappt? Nun jà, meine Freundin, das heutige Motto lasen Sie oben; lesen Sie’s einfach noch einmal. Und dieser Woche, überdies, wollte ich das Tattoo endlich angehn, das meinen Chemo-Bioport[1]Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen … Continue reading , den ich nicht habe wieder rausnehmen lassen, graphisch geradezu – wie ich mir vorstelle – pflanzlich mit meinem Brustkorb verwachsen lassen soll, ganz so, wie sich die Dschungel ein verlassenes Dorf zurückholt. So nun indessen wird es wohl erstmal bei meinem Probeversuch mit diesem Klebetattoo bleiben:

 

 

 

(Ich habe es aus zwei Klebtattoos kombiniert, weil mir nur eines zu symmetrisch gewesen wäre; Grundlage ist eine linksläufige Triskele, die ich allerdings gerne erstens noch sehr viel pflanzlicher hätte und zweitens selbstverständlich in Grün, nicht schwarz. Erstaunlich allerdings, daß die vermittels Wasser applizierte Farbe bereits seit fast fünf Tagen hält, ohne daß auch nur die Spur eines Erblassens zu erkennen wäre.)

Ihr ANH

References

References
1 Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen verhärten zu lassen.

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26 Juni 2022. Krawattenknoten & Triest.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr
France Musique, Le Baroque:
Antonio Draghi, El Prometeo, Y a tus plantas]

Für Instagram mal wieder g e s p i e l t . Dieses Mal der Rosenknospen-Krawattenknoten. Meine Beschreibung, liebste Freundin, lesen Sie einfach direkt → dort. Hingegen waren die drei vergangenen Tage einer sommerlichen Anzug-mit-TShirt-Lässigkeit gewidmet, also in Sachen Haute Couture. Das TShirt muß selbstverständlich “uni” sein, also bitte keine Grafiken oder sonstigen Bilder drauf, erst recht kein Markenname, sondern am besten ist es schon knapp vorm Entsorgen. Dafür der Anzug makellos; Armani und Lagerfeld bieten sich an. Die Differenz macht das Bild. Es geht aber auch hier um Formung, also bewußte Entscheidung.
So forme ich derzeit auch →  die Triestbriefe um; sechseinhalb liegen noch vor mir. Danach darf ich neu weiterzuschreiben beginnen; es müssen noch sieben weitere sein. Wobei ich erst das Problem hatte, viereinhalb Arbeitsjahre an diesem Roman ausgesetzt zu haben und nun einen organischen Übergang zu finden. Unterdessen ist er mir klar. Es ist dies poetologisch umso wichtiger, als ich selbstverständlich nicht schreiben kann, ohne den Ukrainekrieg zumindest Spuren in das Buch einprägen zu lassen, wahrscheinlich auch Liligeia. Es gehört bekanntlich zu meinen Grundüberzeugungen, daß jeder Roman auch eine Mitschrift der Zeit sein muß, in der und wie er entsteht. Lenz wird dann also schon nahezu fünf Jahre in seinem Grenzhäuschen leben, oben auf dem Karst, also durch und durch Bauer geworden sein; die Lydierin dürfte er in all der Zeit nicht gesehen, nicht einmal etwas von ihr gehört haben. Schon gar nicht hat er ihr weitere Briefe geschrieben. Umso erstaunlicher, daß er damit jetzt wieder anfängt. Da ist der Krebs übrigens ein schwereres Problem als der Krieg, der ein durchaus angemessener Grund ist, indessen die nach wie vor geliebte Frau auf keinen Fall das Gefühl bekommen darf, Liligeia sei eine Folge ihres, der Lydierin, Rückzugs — mithin eine physische, sagen wir: psychosomatische Trennungsfolge. Also wird Lenz, daß die Tumorin sich in ihm eingenistet hat, anderswie begründen, und meinerseits ich werde achthaben müssen, den Triestroman nicht versehentlich ins → Krebstagebuch übergehen zu lassen oder gar beide Projekte miteinander zu verschmelzen — ganz abgesehen davon, daß mir das Buch sonst zu umfangreich würde. Dreihundert bis vierhundert Seiten genügen eh vollauf; besser wären weniger.
Zudem läuft die Bearbeitung der frühen Gedichte weiter, momentan nicht mehr jeden Tag eines, aber doch alle drei vier Tage, und ich denke immer mal wieder an das neue Gedichtprojekt, Sapho, doch will mich nicht verzetteln, sondern warte vor allem auf die zweite Lektoratstranche der Verwirrung des Gemüths, damit wir, Elvira und ich, bis Mitte Juli rechtzeitig abgeben können, um zur Frankfurtmainer Buchmesse tatsächlich den Roman auch vorliegen zu haben. Wenn die lektorierte Fassung gesetzt sein wird, stehen ja noch die Fahnenkorrekturen an.

Gut war gestern, frühabends bis nachts, auf Uwe Schüttes jährlichem Sommerfest gewesen zu sein, auch wenn ich einmal wieder merkte, wie randständig ich im Betrieb positioniert; mittlerweile macht mir das meistens nichts mehr aus, manchmal sogar im Gegenteil, doch hin und wieder nehme ich es dann doch leicht schmerzhaft wahr. Zumal ich schlichtweg aus Altersgründen nicht mehr annehmen kann, es werde sich daran noch etwas ändern — nicht, weil es de facto noch an mir liegen würde, meiner Erscheinung, meiner Widerständigkeit, meiner, nun jà, Arroganz, sondern einfach, weil neue Generationen nachgewachsen sind, die jetzt zurecht im Mittelpunkt stehen; der Wechsel hat ja nicht nur bei den Autorinnen und Autoren, sondern auch den Vermittlerinnen und Vermittlern stattgefunden, denen ihre Generation nachvollziehbarerweise näher ist. Hier wird erst die Zeit ausgleichen, ich meine historische Zeit, wenn die rückwärtsgewandte Perspektive die Lebenszeitgeschichten engführt. Zu ihrer Zeit lagen zwischen, sagen wir, Beethoven und Mozart W e l t e n, heute fassen wir beide in die gleiche kulturgeschichtliche Ära. Man muß eine Art vorangeschrittener Lebensreife haben, um dies nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen. — Auch dort, übrigens, Gespräche zum Ukrainekrieg, in denen sich die verschiedenen Einschätzungen aneinander rieben. Unterm Strich sind wir, da hatte in der Büchner Buchhandlung vor vier Tagen Stephan Wackwitz — mit dem ich mich bereits auf der Frankfurtmainer PEN-Tagung im Oktober angefreundet habe  — recht, ratlos. Aber jeder spürt, und sagt es, die akute Gefahr. Nur unsere Reaktionen auf sie sind verschieden.
Nach der Veranstaltung lud der Verlag, S. Fischer, zum Essen; die junge Dame, die ihn vertrat, wollte partout nicht warten, bis draußen für uns etwa elfzwölf Leute genügend Tische frei waren, um sie aneinanderzurücken, und hieß also die Gäste, sich drinnen zu setzen. Ich empfand das als eine, der wunderbaren Sommernacht gegenüber, Blasphemie – und vondannte. Wofür ich mit einem herrlichen, von süßem Lindenduft gesalbtem Schlendern belohnt wurde. Selig darob nahm ich daheim noch einen letzten Wein.

Das Arbeitsjournal des herrliche 36-Grad warmen Sonntags, den 19. Juni 2022.

[Arbeitswohnung, 12.05 Uhr
Britten Phantasy op. 2 for oboe and string trio (1932)
Eigentlich ist seit – seit ich herausbekommen habe, daß die Überarbeitung der Triestbriefe, anders als bislang gehalten, weil ich fälschlich dachte, Musik störe meine sprachliche Konzentration – gestern vormittag Streichquartetttag, heute mithin der zweite. Tatsächlich, während ich sie umschreibe, bzw. korrigiere, hilf Musik aber, sogar sehr – ebenso wie beim Schöpfzungsprozeß selbst. Erst danach, wenn ich die korrigierten Seiten kontrolliere, ist Stille angesagt. Dies macht meine Arbeit nun sehr angenehm. Denn gestern kamen von meiner Lektorin die ersten 180 (von 397) Lektoratsseiten der “Verwirrung” an, und für die gilt nun, daß Annahme oder Ablehnen der Lektoratsvorschläge und erst recht, was bislang dreimal nötig war, die komplette Neufassung von Satzsequenzen mir mit Musik besonders gut von der Hand geht. Jedenfalls habe ich mich heute ab sieben Uhr schon drangesetzt und komme prima voran. Ich will jeweils die erste Hälfte eines Arbeitstages darauf verwenden und in der zweiten zu den Triestbriefen zurückkehren. (Das satzfertige Typoskript der “Verwirrung” muß spätestens am 27. Juli bei Elfenbein abgegeben sein, damit das Buch noch rechtzeitig zur Frankfurtmainer Buchmesse dasein kann.)

Also die Streichquartette. Begonnen habe ich mit Mendelssohn opera 13 & 80 und seiner Schwester Fannys in Es-Dur (alle drei, in der Einspielung des Quatuor Ebène, Trouvaillen), gefolgt von Hindemiths Quartetten 1 bis 5 (Sonare), nach denen ich zu allen dreizehn höchst packenden 1 bis 15 überging (der 15 lauschte ich heute früh gleich zweimal nochmal) und schließlich zu Schnittkes vier Quartetten überging (Kronos). Nun ist grad Britten dran, übrigens auf Vinyl (Endellion), dessen besonders drittes Streichquartett wie aus mir selber singt. Was meine Identität mit dem Romantext enorm steigert, so sehr, daß ich nicht selten denke, in seinen Bearbeitungen wahrscheinlich rhythmische Strukturen dessen einfließen zu lassen, was ich gerade höre. (Deshalb muß der Korrekturgang dann unbedingt o h n e Musik sein.)
Danach stehen die Streichquartette der Zweiten Wiener Klassik (Berg, Schönberg, Webern) auf dem Programm (LaSalle, ebenfalls Vinyl) sowie sämtliche bisherigen von Wolfgang Rihm.

Aber ein bißchen Unfug treibe ich dennoch immer mal wieder, etwa bei Instagram:

(Neben dem Foto eine Erklärung, auch für deren Formulierung ich mir Zeit nahm:)

So sieht ein elegant gebundener Merowingerknoten aus. Daß er seinen Namen nach der gleichnamigen Figur aus “The Matrix reloaded” habe, ist eine Legende; er war nur zuvor nicht sehr bekannt – auch weil etwas knifflig zu binden. Tatsächlich wurde er als “Ediety necktie knot” in den Zwanzigern erfunden; der Jugendstileinfluß ist so unverkennbar wie die erotische Organik, auf die dieser edle Knoten anspielt.

Von sich aus erkannte bislang nur die Löwin diese ‘erotische Organik’: “Aber das ist doch..!”, rief sie laut in Whatsapp aus. “Na, das kann ich mir vorstellen, daß du diesen Knoten liebst!” — Sie werden selbst drauf kommen, Freundin, Ihnen muß ich nichts verraten.

*

Dennoch, die massive Arbeitsmenge hin und her, hinausgehen an diesem meine-Temperaturen-Tag will ich heute unbedingt, und sei’s nur für eine Stunde Spaziergang. Ich hoffe nur, die THC-Tropfen schlagen nicht allzu heftig durch; ich habe sie vorhin eingenommen, weil ich mal wieder keinen Appetit hatte und nur wenig runterbekam, was blöd ist, weil das ganze Kilo, daß ich begeisternderweise zugenommen hatte, schon wieder weggeschmolzen ist. Nach wie vor muß mein Gehirn da sehr aufpassen – neben der blöden Neuropathie in den Füßen das einzige, was nach der OP noch nervt.

Ihr ANH

 

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