In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertachtundvierzigster Tag.
Intermezzo II

|| “John Lennon” (1979/80)

Statt des fünften Coronajournals: aus einem Brief an die Lektorin. Donnerstag, den 19. März 2020.

[Arbeitswohnung, 9.30 Uhr]

” (…)
Für Beruhigung ist’s in der Tat auch nicht die Zeit, wohin es sich bewegen wird, einigermaßen unheimlich klar: Die Ansteckungsraten werden rein mathematiklogisch enorm weitersteigen, kurze Beruhigung im Sommer (der Virus sei, heißt es, wärmeempfindlich), neuer Anstieg im Herbst. Wenn wir es zynisch sehen, weil eben mit Abstand, gibt es ein Auswaschen der Gesellschaft, ihrer ja tatsächlich problematischen Überalterung (Kollabs der Rentensysteme), Belastung der Krankenkassen durch ohnedies dauerhaft Kranke usw. Die anderen Indizien der Dekadenz, die ich immer wieder aufgeführt habe, kommen dazu: panische Überempfindlichkeiten an absurden Stellen (der einem Mädel nachpfeifende Straßenbauarbeiter gilt als Mißbraucher usw.), die insgesamt extreme Empfindlichkeit, bzw. bizarr niedrige Toleranzschwelle bei etwas, das eine und einen einfach nur stört, die Auflösung der biologischen Geschlechtlichkeit, dazu der seit über zwanzig Jahren in den westlichen Zivilgesellschaften eklatante Rückgang der Empfängnis-, vor allem aber Zeugungsunfähigkeit (betrifft bereits über 50 % aller jungen Männer) usw usf. 
Dann werden sich aus der — zeitlich tatsächlich unabsehbaren — “Krise” neue Arbeitsmodelle entwickeln, die bereits um die Jahrtausendwende “an”gedacht und diskutiert wurden; man wird sich darauf vorbereiten müssen, daß es eben nicht mehr zu den morgendlichen und abendlichen Pendlerzügen kommt, die die Umwelt schwer belasten, sondern es wird in eine Richtung gehen, die ebenfalls längst vorgedacht wurde: Arbeit vorwiegend über das Netz, Facetime, Skype usw.; Konferenzen werden generell von Bildschirm zu Bildschirm abgehalten werden; auch die Chipentwicklung wird vorangetrieben werden – ständig weitere Entfernung von dinglicher Materialität. Chip an den Kopf, Gespräche werden direkt empfangen und geführt werden usw.
Dazu die Umweltbelastung insgesamt. → Luisa Neuberger hat ja völlig recht: Wenn den Umweltschützern ständig gesagt wurde, was ihr da verlangt, ist nicht machbar – Corona beweist das Gegenteil. Es ist machbar, wenn ein dringendes Problem als solches auch gesehen wird. Plötzlich geht, was die jungen Protestierenden seit langem forderten. Und auch mein Freund Utecht lag und liegt → mit seiner zynisch wirkenden Bemerkung nicht falsch, Trump habe schon recht: Der Globus regle es selbst.

Bei alledem wissen wir aber nicht — nicht einmal dies — ob nicht jene Virologen und etwa Stephan Thomae richtig liegen, die derzeit sagen, es werde unverhältnismäßig übertrieben; die Krankheit sei eben nur für wenige gefährlich; die einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung gleichkommenden harten Einschränkungen unserer Bürgerrechte seien in keiner Weise gerechtfertigt. Sorgen macht mir auch die Schließung der innereuropäischen Grenzen, was einem neuen Nationalismus entspricht. Etwas anderes wäre gewesen, hätte man wahrhaft-europäisch nach Bundesländern, bzw. Regionen abgeriegelt: Hessen gegen Niedersachsen, dieses gegen Schleswig-Holstein usw., Tirol gegen Niederösterreich, Vorarlberg gegen Deutschschweiz, diese gegen romanische Schweiz usw., Katalonien gegen Kastilien und und und. Hochgefahren werden aber wieder die Nationalgrenzen. Plötzlich stehen da nicht mehr Europäer, sondern Franzosen wieder gegen Belgier, Niederländer gegen Deutsche, Deutsche gegen Österreicher, um vom sowieso schon lange alleingelassenen Griechenland zu schweigen. Das Vereinte Europa nur noch Farce, und mit Defender Europe 20 marschiert die US Army durch – anstelle, daß wir sie schlichtweg ausweisen – “ausschaffen”, wie der Schweizer sagt.

Erst einmal verlieren werden in der Tat wir, die ohnedies knapsen — ökonomisch verlieren, sofern wir keine Rücklagen haben. Was zumindest bei mir der Fall ist. Aber ich denk mir: Nun gut, wenigstens ein lustiges Prekariat, das mir nämlich erlaubt, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, ohne Schuld- und wirtschaftliche Versagensgefühle zu haben. Die kleinen Verlage werden sich andere Vertriebswege suchen müssen; den Buchhandel halte ich ja schon lange für ein künstlich ernährtes Marktsegment, das sich dennoch auf den Mainstream wirft und kleine Verlage meist ignoriert, in grosso modo, nicht bei einzelnen Engagierten. Es könnte aber für Einzelkämpfer eine Chance wieder geben, wenn der allgemeine Popkonsens derart auf die Rübe kriegt.

Schon auffällig, wie ich derzeit komplett voll Optimismus bin, dies vielleicht deshalb, weil ich das Empfinden habe, daß meine Hauptarbeit getan ist, ich nur noch Weniges hinzutun kann, das aber das ästhetisch Erreichte kaum mehr übersteigen wird, allenfalls noch in der Lyrik. Wenn’s mich also erwischen sollte, ich habe keine Furcht, bin geradezu stoisch bereit. Kinder werde ich auch keine mehr bekommen, was mir einzugestehen das für mich Schlimmste in den letzten vierfünf Jahren war, was sich auch nur hätte ändern lassen, wenn ich zu Wohlstand gekommen wäre. Mütter sind pragmatisch, notwendigerweise. So aber fühle ich mich aus dem Fließen herausgenommen. Die Tür ist zugeschlagen und läßt sich kaum mehr öffnen.
In THETIS habe ich von der “Großen ökologischen Revision” geschrieben, bereits 1998. Ich bin fast schockiert, wie sehr es sich nun bestätigt. Dabei hat man nur nachdenken müssen. Nein, mir gefällt mein Rechthaben nicht. Es zeigt aber die Kraft, die in Dichtung nach wie vor liegt, ihre Fähigkeit, seismografisch vorherzuformen, was kommen wird. Das ist etwas, das mich zur Zeit beruhigt, mehr allerdings, daß die Jungen von Covid-19 nicht so betroffen sind, daß sie in aller Regel gut da durchkommen. Denn das bedeutet: Zukunft. Es ist, wie ich in den Bamberger Elegien schrieb:

 

(…) um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.

Die Welt war noch nie für die Sensiblen gebaut, es galt immer the survival of the fittest — doch “fittest” ist eben ein interpretierbarer Begriff; es könnte sich zeigen, daß die Computer-Nerds, die sich nur von Kartoffelchips ernähren, eben diese “fittest” sind, jedenfalls zu ihnen gehören. Ihre Auftragslage wird sich enorm steigern. Zugleich wird die Unterhaltungsindustrie extrem wachsen, sofern sie ihre Strukturen ändert, bzw. radikal in eine Richtung weiter ausbaut, online nämlich, die ohnedies schon eingeschlagen wurde. Im Kulturbereich werden dann auch unsere Disziplinen wieder wachsen – allerdings eher nicht mitbetrieben von uns selbst, die wir nicht mehr zu den Jungen gehören, sondern eben von denen. Was ich allerdings als eine natürliche Entwicklung ansehe, eine der tatsächlich Natur, einig mit der Evolution. Seit langer, lange Zeit habe ich wieder das Gefühl, mit Existenz konfrontiert zu sein und nicht nur elend-permanent mit industriewestlichen Überbauproblemchen.

Und dann schau mal! Welch ein Frühling mit einem Mal ist! Hier bei mir “schlägt” der Amelhahn nicht, nein, er schmettert. Und ab unterdessen schon halb fünf ist ein Tschilpen und Zwitschern im Gang, daß mir das Glück gleich beim Erwachen bis in die Kehle hinaufsteigt und ich eigentlich mitsingen möchte. Sieh es bitte so: Aus Katastrophen haben die Menschen immer gelernt, jedenfalls fast immer. Risiken öffnen Möglichkeiten, im Sicheren gehen wir unter.
(…)

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