In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweihundertfünfundzwanzigster bis zweihundertfünfunddreißigster bis Tag.
Vierte Serie, zwölfter Tag:
Das bleibende Thier

|| Zwölfte Bamberger Elegie ||

[Meine → Vater-Elegie, deren videografische Interpretation
aus technischen Gründen höchst kompliziert war. In film-
handwerklicher Hinsicht ist auch sie sicherlich noch nicht
perfekt; künstlerisch indes bin ich zufrieden. Nach nahezu
vier Monaten Arbeit wurd es ja wahrlich auch Zeit, sie
endlich online zu stellen.
ANH, 22. November 2021]

 

ACHTUNG! Das Video startet bei Minute 8,02, was ich erfolglos zu ändern versucht habe. Also bitte erst auf 0:00 zurückstellen. ANH, 24.11.21, 20.15 Uhr.

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Sechsundfünzigster Tag.
Zweite Serie, vierzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Kokelndes Kind
auf der Kiesterrasse” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Dem Sohn. (Entwurf).

 

Es stürmt dieselbe Energie durch Dich,
nicht ich, doch wie durch mich,

seh ich den jungen Mannesleib
als alter Vater an,
dem die, gleich Eisenguß, Guirlanden

um jeden Knochen schwanden
und, mit einsachtzig, hatte dann
an Kilogramm Verbleib

siebenundsechzig grade noch
– was nicht sein Aussehn schert
noch schert es seinen Geist,

doch schon das Ende ahnen heißt,
als Mann zumal nun unbegehrt
zu bleiben, der das Altern doch

wie jeglich Kranksein oft verlacht
und nimmt es nach wie vor nicht ernst
wenn er Dich sieht, o Sohn,

in dem dasselbe Feuer schon
und eigne Leidenschaft, modernst
in elegante Jungmannstracht

gewandet – Pluderhose, Sneakers und
das Understatement-Mantelblau
von wadenlang geschnittnem Loden –

unterm Wildhaar und den dunklen Oden
des hellen Blicks zum dichten Bau
der Brauen, dem feinen maskulinen Mund –

aus, kurz, dem ganzen Ausdruck leuchten
des stolz bebärteten Gesichts –
Wenn dies den Vater vor ins Ende beugte,

und bezeugte früher als gedacht
das Nähern seines letzten Nichts,
er gäbe gern, und heiter, des noch feuchten

Lebensstabes Seinsgeflecht
an Deine, Sohn – und fände es gerecht –
erreichte Lebensstaffel weiter

Es stürmt dieselbe Energie durch Dich,
nicht ich, doch wie durch mich

_____________
ANH, Januar 2021
Berlin

der heutige eintrag…

…. von ANH >>>> in seinem arbeitsjournal berührt sehr… mich. ich weiß, wie schwierig eine solche situation für alle beteiligten ist, wünsche allen sehr, daß das verhalten eines 15jährigen, der es nicht besser weiß, es nicht schafft freundschaften zerbrechen zu lassen. man muß die kinder auf ihren weg bringen, kommt als eltern nicht gut damit zurecht, wenn diese ihren eigenen, der ja immer noch kein eigener ist, wählen. ich muß das einfach jetzt mal so kundtun, die jahre mit meinem kind waren schwierig genug, bisweilen für mich als mutter die hölle. und warum?… weil sie meine gesteckten grenzen überschritt. als mein freund mir damals sagte, daß ich in bezug auf mein kind ein einzig wandelnder vorwurf wäre, schaltete ich alles ab, den subjektiven mutterfrust, dieses grübeln, und sorgen machen, tat nur noch eines: handeln. ich handelte so objektiv, wie wenn ich einem kind aus der nachbarschaft helfen wollte, welches eben auch in einer solchen situation wäre. ich mußte innerlich abstand nehmen, nicht von der liebe zu meinem kind, sondern von meinem subjektiven mutterfrust, der es fast schaffte, wenn ich nicht darauf geachtet hätte, mir die objektivität meiner mutterliebe zu nehmen. in einer wirklich, auch gesellschaftlichen, grenzsituation sagte ich mir: „ok… das ist jetzt die letzte, wirklich sorge tragende chance die sie von mir bekommt, wenn das jetzt nichts bringt, muß sie durch ihre künftige scheiße selbst waten.“ ich war fertig damals, einfach nur fertig, wog gerade mal 48 kg bei einer größe von 172 cm, hatte ein magengeschwür nach dem anderen, und kaum noch kraft für mein eigenes leben, aber ich ging mit ihr, mit hilfe anderer institutionen diesen weg, danach bekam sie die kurve, stand einigermaßen, zwar noch auf wackeligen beinen, im eigenen leben. aber auch letzte woche baute sie wieder richtigen mist, verlor ihren job, denkt garnicht darüber nach, daß sie es selbst verursachte, findet ständig gründe dafür, ihr verhalten zu entschuldigen. ich sage nichts mehr dazu, mein kind ist allerdings schon 27, keine 15 jahre alt.
was das vaterverhalten von vätern nach einer trennung und scheidung betrifft, stimme ich >>> den gedanken von ANH zu. der vater der kinder meiner schwester leistete sich vor kurzem ein glanzstück seiner vaterliebe. er wagte es, seine tochter anzurufen, schwärmte ihr von seiner neuen liebe, von seinem neuen leben etwas vor, sagte ihr, wie glücklich er doch jetzt wäre: „ich habe jetzt eine neue liebe, eine neue frau, ein neues leben, und da sind sogar zwei kinder, weißt du, wie schön es ist, sich morgens an einen gedeckten frühstückstisch zu setzen, und mit der familie zu frühstücken?” meine nichte ist völlig ausgerastet, schrie ihn am telefon in grund und boden: “was bist du doch für ein scheiß vater, du hattest eine familie, du hattest auch kinder… (…)”, danach fuhr sie zu meiner schwester, ihrer mutter, weinte bitterlich, schlief an diesem abend mit ihrer mutter in einem bett, wollte nicht allein sein, war hinterher völlig apathisch. meine schwester kann bis heute nicht begreifen, daß der vater seine tochter so verletzte, dieses aber noch nicht mal registrierte, nicht wahrnahm, sich gar keine gedanken über das, was er seiner tochter sagte, machte.

Heimwärts. Was für ein Wort. Gerd-Peter Eigners „Die italienische Begeisterung“, zwei Rezensionen (1).

 

[Geschrieben für den WDR;
ausgestrahlt von WDR 3, „Gutenbergs Welt“ am 31. August 2008.]

Letztendlich ist man nirgendwo bei sich“, sagt er. „Man ist auf der Flucht. Zeitlebens. Sogar, wenn man in alles hineinflüchtet und vor nichts und niemandem wegläuft.So steht das in Gerd-Peter Eigners neuem Roman „Die italienische Begeisterung“. So beginnt Theo Bronken die Erzählung einer Lebensgeschichte, einer seiner Lebensgeschichten, nachdem ihn sein alter Freund Rolf Boddensiek in dem mittelitalienischen Bergflecken, auf den er sich zurückgezogen hat, aufgespürt hat, um ihm von seiner Lebensgeschichte, die nur eine ist, zu erzählen; über sie sind die beiden Männer verbunden. Beide haben sie Kinder von Frauen, die ihre Männer nicht liebten. Damit ist die Tragik, um die Eigners Buch a u c h geht, eingefaßt. Denn ihre Kinder lieben die Männer wie Frauen. Bronken liebt seines nahezu abgöttisch. Weshalb dieses Buch, neben einer grandiosen Obsessionsgeschichte, in seinem Herzen auch eines über Väter und Töchter ist. Ich sehe das Kind im Gras, es krabbelt. Ich sehe, wie ich mit eigener Hand eine um ein Vielfaches größere Nische in den Hang treibe, ich sehe mich bereits Kreuzhacke, Brecheisen und Schaufel schwingen. Den Aushub, den ich oben gewinne, schütte ich unten auf. Ich schaffe einen Auslauf fürs Kind. Ich bin der tiefen Überzeugung, daß das Kind recht daran getan hat, gegen alle prognostische Unfehlbarkeit der Medizin und meiner klugen Kollegen sein eigenes Erscheinen anzustreben. Ich schließe hinter mir ab und folge der Drenger nach Zürich.Daß daran ein Unheil hängt, das sich bloß versteckt, ist Bronken, diesem tragödischen Wilden, nie ganz unbewußt, der Roman läßt keinen Zweifel; Bronken flüchtet tatsächlich hinein, er sucht die Tragodien an ihren Ursprüngen auf..Sie blickt durch mich hindurch. Und legt nun ihre ermüdeten schlanken Hände schwer an meinen Hals, während ich meine auf ihre Hüften lege und die mir binnen weniger Minuten wieder einmal zur Fremden und Unerreichbar Gewordene halte wie eine, die aus einer mir nicht zugänglichen Dimension, einer Dunkelheit, zu der ich keinen Zutritt habe, hervorgebrochen ist, um sich wer weiß wovor, vielleicht dem Unsäglichen, ihrem Unsäglichen, in meine Arme zu flüchten und in Sicherheit zu bringen. – und es ist, wie wenn sich Derartiges vererbte, Familienstrukturen, Familiendynamiken gleich, und immer wieder etwas, das später auch Tochter und Vater einander auf diese schweigend verzweifelte Weise suchen lassen wird. Auch das streift Obsessives.Was habe ich gesagt?“ sagt Bronken, der sich nun seine erdschweren Mokassins von den nackten Füßen streift und, den Rücken talwärts kehrend, die Füße ins eiskalte Quellwasser streckt. „Habe ich gesagt, ich wolle meine Feindschaftsgeschichte dazwischenschalten? Oder habe ich gesagt, daß ich sie vorschalte? Letztlich läuft es auf dasselbe hinaus.Das Baby, Valentina genannt, trinkt nicht, die Säuglingsschwester sagt zu Drenger, der Mutter, der Mund sei zum Saugen zu klein. Der Nabel will nicht verheilen, die Wunde wird schwarz, man fährt ins Spital. Es ist beeindruckend zu lesen, wie Eigner die Hilflosigkeit der Eltern, die zunehmend zu Planlosigkeit und Panik wird, in den Staccato seiner realistischen Erzählform hineintreibt und zugleich darin eine andere, eine ursächliche Hilflosigkeit spiegelt und sich austragen läßt: nämlich diejenige der Partner gegenüber einander. Und d avor steht eine ganz andere Hilflosigkeit, eine, auf die eine Drenger nur hilflos reagieren k a n n: die Obsession für eine Frau, die gar nicht ist, die längst verschwand, die kaum noch im Bewußtsein ist, die dennoch weiter wirkt und deren Stelle schon gar eine Tochter nicht einnehmen kann. Das scheint Valentina zu ahnen, früh schon zu ahnen. Oder ist es nur ein Instinkt, der die andere Frau aus dem Vater vertreiben will?:Schon seit dem Augenblick, da sie beim gemeinsamen Plantschen in der Badewanne Interesse an dem Unterschied gefunden hat, den ich zur Mutter aufweise (…), ist sie mit um so entschiedenerem Interesse hinter dem sich ihr nun Verbergenden her. Sie will mir den Gürtel öffnen. Ich schiebe ihre Hand beiseite. Sie zieht den Reißverschluß auf. Ich schlage ihr sanft, aber entschieden auf die kleinen Finger, die bald fast so lang und schlank sind wie die der Mutter.Daß Eigners Roman solche Analogien… nein, nicht aufzeigt, aber nahelegt und wirken läßt, und daß er das in aller Schönheit schildert, die eben ein wirklich Entsetzliches h a t, macht ihn groß. Denn selbstverständlich sind solche Vergleiche konstruiert: so unauffällig, ja, kann man sagen, „normal“ sie daherzukommen scheinen. Sie legen Identität nahe und weisen damit auf eine Dynamik hin, die jenseits des Willens der Beteiligten wirkt:aber ich wollte ja,“ sagt dieser Vater, „eigentlich auf die Mutter zu sprechen kommen – Eben. Und kommt auf eine Geschichte der Kleinlichkeiten, Streitigkeiten, Mißverständnisse, eines erst verdeckten, dann bis zur Brutalität offenen Kampfes zu sprechen, diesen furchtbar banalen Niedergang einer Ehe, die noch lange von der rasenden Vaterliebe zu dem Kind zusammengehalten wird, bis dann doch alles zusammen- und mit dem Erscheinen des Freundes jene Frau wieder in das Leben Bronkens durchbricht, die es, so abwesend sie auch war, letztlich bestimmt hat. Die er nun endgültig verloren hat, denn sie ist ja gestorben. Sie habe, erzählt der Freund, ihm, ihrem Ehemann, auf dem Totenbett gestanden, daß sie nur immer ihn, den Freund dieses Ehemannes, daß sie immer nur Bronken geliebt habe. Das möchte er, ihr Ehemann, dem sagen. So daß Brinken vor dem doppelten Verlust steht: Den schweren der Tochter, die ihm nach der Trennung von der Mutter entzogen wird, macht den der einst obsessiv geliebten Frau fast ein wenig leichter, weil er ihn mit-entrückt.Nur in der Nacht dann, oben auf meinem Dach über der Cantina, die ich einmal zu ihrem persönlichen Refugium habe ausbauen und von dem ich ja dank des Geländers, das ich später für die Valentina habe anbringen lassen, nicht herunterkippen konnte, habe ich geheult, ich sage dir, über das Geländer hinweg zu Tal geheult wie keine ostfriesische Marschkuh pißt, nur damit du es weißt. Es glaubt mir ja sonst sowieso niemand.So wird dieses Buch, das als die Erzählung einer großen Jugendlichen-Liebe beginnt, die der reifende Mann allmählich vergißt, zu der Erzählung über eine zunehmend verzweifelnde Liebe des Vaters zur Tochter, die er schließlich verliert, um sich dann noch erinnern zu müssen, wen er davor schon verlor. Daß diese beiden Verluste zueinandergehören, man aber gar nicht sagen kann, wie, diese Ahnung leuchtet wie die Hintergrundstrahlung eines Erzählkosmos, der es von Anfang an auf Begeisterung angelegt hat und deshalb wissend auf Verhängnis. Denn jede Sucht will ihre Katastrophe.

>>>> Gerd-Peter Eigner, Die italienische Begeisterung, Roman, geb., 412 Seiten, 19,95 EUR, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.

Arbeitsjournal. Sonntag, der 17. Dezember 2006.

6.39 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Folgender Gedankengang dreht sich heut früh durch mich hindurch; meine mehr als marode Finanzsituation läßt ihn mich denken. „Seinem Kind aus ökonomischen Gründen nicht bieten zu können, was dieses Kind brauchte und sich wünscht, ist inakzeptabel. Da es andere Familien gibt, d i e es können, und zwar ohne aus eigener Kraft und Leistung dazu befähigt worden zu sein, sondern etwa durch Erbschaft usw.“ Ich werde, sozusagen aus Vaterliebe, marxistisch auf meine älteren Tage. Hierbei geht es vor allem um Materielles, nicht etwa um Zuneigung oder Vermittlung von Kultur, aber in der materialistischen Welt und gerade in ihrer perfektionierten Form der demokratischen kapitalistischen Gesellschaft wird Materielles zunehmend zu einer Form von Bildungs-Voraussetzung und bestimmt in jedem Fall den Status innerhalb der Sozialität. Sollte in meinem eigenen Fall die Differenz zu anderen Familien zu scharf werden, würde ich mich deshalb nicht scheuen, kriminell zu werden. Das bedarf selbstverständlich der Raffinesse, denn man mag ja nicht erwischt werden. N i c h t akzeptabel ist aber, das eigene Kind darben zu lassen. Nicht akzeptabel ist jedoch ebenso, sich deshalb dem allgemeinen Vollzug anzupassen und nun etwa Bücher zu schreiben, die sich dem Primat der Unterhaltung, des Entertainments, beugen oder überhaupt von der Kunst-Schöpfung abzusehen, um zur Sicherung der Familie einem ‚normalen’ Beruf nachzugehen, der der Familie die existentiellen Grundlagen herbeischafft. Es wäre wiederum Verrat und zudem, politisch betrachtet, eine Art Anschluß. Abgesehen davon, daß ich das gar nicht könnte und sowieso nicht die Zeit für so etwas hätte: zu vieles liegt noch unausgeführt auf meinen Schreibtischen (weniges), in meinen Laptop-Dateien (viel) und in meinem Kopf (sehr viel) herum. Allein die Lebenszeit, die einer hat, ist zu knapp bemessen, um selbst ohne solch einen die Existenz sichernden Beruf allesdas auch nur einigermaßen ‚fertig’zubekommen. Bedeutet, ein guter Vater zu sein, möglicherweise a u c h: es aufzugeben?
Aber vielleicht – dieser Gedanke beschäftigt mich schon seit Wochen – bedeutet zu leben gerade a u c h: sich mit prinzipieller Unabschließbarkeit abzufinden; die Kunst-Idee einer formenden, es geformt habenden Klammer, i s t eben Kunst-Idee und als solche prometheisch: ein Aufstand gegens Naturgesetz; Natur erfüllt sich aber nicht, Teleologisches ist ihr wahrscheinlich ganz fremd, sondern sie läuft einfach immer weiter. Am nächsten kommt dieser ins Gesellschaftliche projezierten Auffassung der Hinduismus, am nächsten auch und gerade in der Ergebung darunter.
Andererseits, „es aufzugeben“: Ich habe vor etwa fünfundzwanzig Jahren Freunden gegenüber gesagt, ich würde mich durch meine kommende Lebenshaltung in eine Situation zu bringen wissen, die es mir eines Tages – wenn die Kräfte nachließen und die Hemmungen größer würden – nicht mehr möglich machten umzukehren. Das war erklärte Absicht und ist heute erreicht. „Ich werde eine lebensgeschichtliche Situation herstellen, die es mir gar nicht mehr möglich macht, korrupt zu werden – selbst dann nicht, wenn ich es wollte.“ Als ich das aussprach, war ich 25 oder 26 Jahre alt und wußte bereits sehr genau um den Widerstand, den man mir und meinen späteren Büchern entgegensetzen w ü r d e. Meine Haltung war – aufgrund der sehr bewußt gemachten Erfahrungen von Kindheit, Jugend, Schule und Elternhaus – bereits mit den ersten Publikationen als eine einzelkämpferische definiert und damit als eine des Widerspruchs von stark prinzipieller Prägung (daher meine ‚Querköpfigkeit’). Bis heute ist mir ein kontemplatives Verständnis von Welt sehr femd, auch wenn ich unterdessen – aus Alters- und Erschöpfungsgründen wahrscheinlich – bisweilen harmonisierende Anfälle habe. Ich würde diesen Kampf sogar einen Krieg nennen wollen, wäre nicht ‚Krieg’ insofern falsch, als er voraussetzt, daß sich die Kämpfer ihrer Eigenentscheidung begeben und Fremdentscheidungen einspruchslos akzeptieren. ‚Krieg’ ist insofern ein sozialdynamisches Geschehen und von streng hierarchisiertem Character, der auch akzeptiert – also gewollt – wird; es kommt auf eigenen Willen nach der ersten Entscheidung in ihm nicht mehr an. Man gibt den den eigenen Willen an den Willen anderer – Vorgesetzter – bedingungslos ab. Deshalb kennt der Krieg keine Verantwortlichkeit des Einzelnen, bzw. nur eine der jeweiligen Befehlshaber. In meinem – nahezu instinktiven – Kampfverständnis ist es grad umgekehrt: es kommt auf den Willen der Sozialität nicht an; Befehlshaber über sich ist alleine man selber; schon über andre befehlen zu sollen, ist eine Zumutung. In vielen Gesprächen mit Freunden wurde allerdings d a s deutlich: Die meisten Menschen w o l l e n nicht kämpfen; ich meinerseits wüßte gar nicht, was tun, gäbe es den Kampf nicht. In diesem Sinn auch der Profi: „Du definierst dich immer über deine Feinde, nie über deine Freunde.“ Insofern waren und sind schlechte Kritiken für mich stets wichtiger als gute, die mich immer etwas hilflos machen; jene hingegen lassen mich denken: Was ist nun strategisch der nächste richtige Schritt?

[Krieg.]

Ein hübscher Adventseintrag, fürwahr!

Sonntag, der 2. Juli 2006. Bamberg – Berlin.

5.15 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]

Bamberger Morgenglühen, zum Bett herübersehnend, als ich erwache.
Seit einer halben Stunde auf, kaum vier Stunden geschlafen und quietschewach. Arbeitslustig. Bis auch der Junge erwacht sein wird, werd ich an ARGO korrigieren. Dann sind in der Küche hinter der Sala des Schlößchens die Grillspuren zu beseitigen, dann ist auch hier im Studio Ordnung zu schaffen. V o r dem Frühstück, damit wir dann Ruhe haben. Vielleicht schaffen wir’s noch ins Hainbad hinüber, ich will endlich diesen blöden Ellis fertiglesen; lockend liegt der neue Krausser da. Und um 16 Uhr geht’s schon wieder nach Berlin. Ich werd diesmal etwas länger bleiben, da mein Sohn am Dienstag sein erstes Zeugnis bekommt. Da geh ich mit seiner Mama gemeinsam hin; als ich ihm das erzähle, hüpft er fast vor Freude und Stolz. Er hat auch wirklich was geleistet in diesem ersten Schuljahr, hat sich dem völlig gewachsen gezeigt, – ganz anders als ich selbst früher, der ich wegen ‚Unreife’ erst mit sieben eingeschult worden bin und mit sechs in einen sogenannten Schulkindergarten kam, der für mich die Vorhölle war zur Hölle der Schule darauf. Alles, was ich an früher Bildung meinem Jungen vermittle, an Bildungslust, Leistungsfreude und Begeisterung, wird neben der Liebe, die b e i d e Eltern für ihn haben, von meinem Willen geleitet, ihm solche Traumatisierung zu ersparen, ja ihr nicht ein Fitzelchen von Chance zu lassen. Er ist ein Draufgänger geworden, der zugleich für sein Alter enorme Eloquenz und enormes Wissen hat; ich selbst war ein zwar vitalistisches, aber völlig angstbesetztes Kind, da war niemals innere Sicherheit. Das ist bei ihm komplett anders, nicht nur, weil ich heute ein „Brecher“ bin und einer, der ihm, wenn’s sein muß, Schwierigkeiten immer sofort aus dem Weg kämpft – Schwierigkeiten, die er de facto nicht selbst packen kann -, sondern auch und gerade wegen seiner Mama, die ihn birgt und hält. So hat er trotz der verfahrenen Lebenssituation eine Grundsicherheit, die ihn wagemutig, intelligent-schnell und charmant macht. Außerdem flirtet er, was das Zeug hält. Manchmal hab ich den Eindruck, er wisse bereits, was eine Frau ist, was ein Mann. Ich selbst habe dazu fast drei Jahrzehnte gebraucht. Das Glück, das mir dieses Kind schenkt, kann ich Ihnen kaum schildern; er tut es noch mit Dingen, die mir gar nicht gefallen, etwa mit Fußball. Er bringt das Kunststück hin, mich mit Fußball auszusöhnen, ich seh ihm wahnsinnig gerne zu. (Auch Fußball ist für mich immer traumatisch besetzt geblieben: der Hohn der anderen über mein kindliches, schüchternes Ich, das immer Angst hatte, wenn der Ball kam; der nicht selten offene Spott auch der Lehrer, die Überhebung all der autoritäts- und regelgeleiteten Gruppentypen über den in seine innere Fantastik versponnnenen Außenseiter. Die Erinnerung daran und die Abwehr solcher Dynamiken wird von meinem Jungen langsam verflüssigt, wird normalisiert. Ein Satz wie „gegen das Spiel an sich hab ich ja nichts, das kann ich sogar spannend finden, nur die Gröhlerei find ich widerlich“ wäre mir früher nicht über die Lippen gekommen, sondern ich hätte eines fürs andre genommen. Jetzt lehrt das sechsjährige Kind den einundfünfzigjährigen Vater. Und auch hier wieder: im Handteller einer wechselseitigen Liebe. Sohnesliebe. Vaterliebe.)
ARGO.

Noch eines. Wie man Probleme löst, Ungerechtigkeiten.
Als ich meinen Jungen am Freitag von der Schule abhole, kommt er mir weinend entgegen. „Ein Junge hat meine neuen Pokemon-Bälle weggenommen, hat sie aufgemacht und die Figuren darin ins Klo geworfen und weggespült.“ „Wer?“ „Ich weiß nicht. Aber Vincent weiß.“ Wir zu Vincent hin, der mich, weil mir wohl die Wut auf der Nase steht, ängstlich ansieht; er ist selbst ein Lausbub: „Ich war’s nicht, ich war’s nicht.“ „Klar“, sag ich, „hab ich auch nicht gedacht. Aber w e r war’s?“ Er nennt mir einen Namen: J. „Komm mit, zeig mir den Burschen.“ Der hat sich aber verkrümelt, ich spreche eine Lehrerin an, die beiden Jungs um mich rum. „Da müssen wir den Eltern mal was sagen, sowas hat J. öfter gemacht in letzter Zeit.“ „Das lassen Sie bleiben“, sag ich, „das regeln wir unter uns. Aber wo ist er?“ Ich finde ihn, ich sprech ihn an. Er ist zwei Köpfe größer als Adrian, gewiß zwei Jahre älter. Schon das bringt mich in Harnisch. Man läßt seinen Machtwillen nicht an Schwächeren aus. „Lüge erst gar nicht“, sag ich zu ihm, „du bist gesehen worden. Also: Hast du das getan?“ Er nickt. „Warum?“ Nun eine Ausrede: „Ich hab die Bälle von jemandem getauscht, hab gedacht, das seien dessen.“ Er bekommt dabei ein Gesichtchen, dieser mir eigentlich sympathische Strolcher, daß ich ihm am liebsten, um ihm Mut zu machen, freundschaftlich auf die Schulter schlagen würde. Aber hier muß er allein durch. „Ah ja? Und warum hast du die Figuren dann weggespült?“ Darauf weiß er keine Antwort. Er druckst. Neben ihm hockt ein anderer Vater mit seinem Sohn, beide gucken mich ganz erschreckt an, soviel energischen Ärger scheine ich auszustrahlen. „Also paß auf“, sag ich. „Am Montag früh hast du die gleichen Pokemon-Bälle wieder besorgt. Dafür garantiere ich dir, es wird keinen Ärger mit den Lehrern geben, keine Strafe von denen, nichts. Du bringst die Sache einfach wieder in Ordnung.“ „Wie soll ich das denn tun?“ fragt er und weint fast. „Kann ich Adrian nicht was anderes geben?“ „Nein“, sag ich, „sondern das gleiche. Es müssen genau die gleichen Figuren sein.“ „Aber das geht nicht, das kann ich nicht!“ „Du wirst es hinkriegen. Du hast zweieinhalb Tage Zeit. W i e du es machst, ist d e i n Ding. Es war a u c h deines, die Dinger wegzuspülen. Also ich verlaß mich drauf, dann wird alles vergessen sein, von mir aus, von Adrian aus, und wenn die Lehrer noch mit etwas kommen sollten, dann sag es mir, dann schütz ich dich.“ Damit dreh ich mich um, mein Junge sieht mich an, lächelt. „Weißt du“, sag ich, „man regelt solche Dinge unter sich. Man rennt n i e zu fremden Autoritäten.“

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