Freitag, den 13. November 2020: Narbenbruch-OP. Im (Nach)Krebstagebuch.

Aufbruch 6.20 Uhr, SANA Lichtenberg auf der Station um 7. Dort kennt frau mich ja schon, und man.
Kurz die Formalitäten und aufs Zimmer gleich, entkleiden, das bizarre Nachthemd an, ins Bett, ein bißchen spieln noch die Zehen… doch schon geht’s rollend ab ins futuristische Cockpit des OP-Saals. Das ich noch mitbekommen werde, fein. Und da soll ich halt zählen. (Nicht ohne Witz: auszählen, sich selbst auszählen. Anästhesisten-Kalau.)

Das Messer setzt um 8 an.

Habe ich Ihnen, Freundin, schon erzählt, daß ich die 13 liebe? In der Tat, als die matriarchale Zahl ist sie voll der circeschen Lockung und birgt jede Höhlung des Venusbergs, in der wir uns erfüllen. Weswegen sollte ich also nervös sein? Und doch, und doch, ich bin’s. Ans Schlafen war heut kaum zu denken bislang. Also konnte ich auch aufstehn so nachts, mir einen Tee aus Salbeiblättern bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Um dieses hier zu schreiben.

ANH, 3.32 Uhr

(Erscheinen soll’s aber erst zum Skalpell).

 

 

 

 

Sana Ankunft,
6.45 Uhr

 

 

***

[16.52 Uhr]
Alles gut gelaufen, aber doch … ja, heftiger als nach der Magenresektion, “einfach” deshalb, weil ich zu der OP eine PDK gesetzt bekommen hatte, hierfür aber nicht. Und also bekomme ich so ziemlich alles mit — zu dem für mich wirklich schwierigen Umstand hinzu, daß mir nun doch noch mal ein Blasenkatheder gelegt wurde. So gräßlich, daß ich das Ding echt widerlich nennen muß. Es verursacht dauernden Harndrang – psychisch, denke ich mir, einfach “nur” psychisch –, ohne daß ich pinkeln aber kann. Woraus wiederum mein Gefühl folgt, daß, wenn ich auch nur noch ein bißchen trinke, mir die Blase platzen wird. Eventuell wird das Ding aber nachher noch, spätestens morgen gezogen.

 

Immerhin, den Arbeitsplatz habe ich mir nun schon eingerichtet

und bin auch die ersten Schritte, nach der OP, wieder ohne Hilfe gegangen, kann auf jeden Fall, was mir wichtig , auf die Toilette, und zwar allein. Indes — worauf ich mich nun wirklich freue … in nicht mehr ganz zwei Stunden … darauf, voilà!:

 

 

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

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