Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Die Verwirrung des Gemüths, Ausgabe Zweiter Hand, Lektorat Elvira M. Gross, Durchgang 1, Beispiel 1 (Typoskriptseite 151):


Vorher:

Typoskript S.151. Nachher:

***

Das Arbeitsjournal des herrliche 36-Grad warmen Sonntags, den 19. Juni 2022.

[Arbeitswohnung, 12.05 Uhr
Britten Phantasy op. 2 for oboe and string trio (1932)
Eigentlich ist seit – seit ich herausbekommen habe, daß die Überarbeitung der Triestbriefe, anders als bislang gehalten, weil ich fälschlich dachte, Musik störe meine sprachliche Konzentration – gestern vormittag Streichquartetttag, heute mithin der zweite. Tatsächlich, während ich sie umschreibe, bzw. korrigiere, hilf Musik aber, sogar sehr – ebenso wie beim Schöpfzungsprozeß selbst. Erst danach, wenn ich die korrigierten Seiten kontrolliere, ist Stille angesagt. Dies macht meine Arbeit nun sehr angenehm. Denn gestern kamen von meiner Lektorin die ersten 180 (von 397) Lektoratsseiten der “Verwirrung” an, und für die gilt nun, daß Annahme oder Ablehnen der Lektoratsvorschläge und erst recht, was bislang dreimal nötig war, die komplette Neufassung von Satzsequenzen mir mit Musik besonders gut von der Hand geht. Jedenfalls habe ich mich heute ab sieben Uhr schon drangesetzt und komme prima voran. Ich will jeweils die erste Hälfte eines Arbeitstages darauf verwenden und in der zweiten zu den Triestbriefen zurückkehren. (Das satzfertige Typoskript der “Verwirrung” muß spätestens am 27. Juli bei Elfenbein abgegeben sein, damit das Buch noch rechtzeitig zur Frankfurtmainer Buchmesse dasein kann.)

Also die Streichquartette. Begonnen habe ich mit Mendelssohn opera 13 & 80 und seiner Schwester Fannys in Es-Dur (alle drei, in der Einspielung des Quatuor Ebène, Trouvaillen), gefolgt von Hindemiths Quartetten 1 bis 5 (Sonare), nach denen ich zu allen dreizehn höchst packenden 1 bis 15 überging (der 15 lauschte ich heute früh gleich zweimal nochmal) und schließlich zu Schnittkes vier Quartetten überging (Kronos). Nun ist grad Britten dran, übrigens auf Vinyl (Endellion), dessen besonders drittes Streichquartett wie aus mir selber singt. Was meine Identität mit dem Romantext enorm steigert, so sehr, daß ich nicht selten denke, in seinen Bearbeitungen wahrscheinlich rhythmische Strukturen dessen einfließen zu lassen, was ich gerade höre. (Deshalb muß der Korrekturgang dann unbedingt o h n e Musik sein.)
Danach stehen die Streichquartette der Zweiten Wiener Klassik (Berg, Schönberg, Webern) auf dem Programm (LaSalle, ebenfalls Vinyl) sowie sämtliche bisherigen von Wolfgang Rihm.

Aber ein bißchen Unfug treibe ich dennoch immer mal wieder, etwa bei Instagram:

(Neben dem Foto eine Erklärung, auch für deren Formulierung ich mir Zeit nahm:)

So sieht ein elegant gebundener Merowingerknoten aus. Daß er seinen Namen nach der gleichnamigen Figur aus “The Matrix reloaded” habe, ist eine Legende; er war nur zuvor nicht sehr bekannt – auch weil etwas knifflig zu binden. Tatsächlich wurde er als “Ediety necktie knot” in den Zwanzigern erfunden; der Jugendstileinfluß ist so unverkennbar wie die erotische Organik, auf die dieser edle Knoten anspielt.

Von sich aus erkannte bislang nur die Löwin diese ‘erotische Organik’: “Aber das ist doch..!”, rief sie laut in Whatsapp aus. “Na, das kann ich mir vorstellen, daß du diesen Knoten liebst!” — Sie werden selbst drauf kommen, Freundin, Ihnen muß ich nichts verraten.

*

Dennoch, die massive Arbeitsmenge hin und her, hinausgehen an diesem meine-Temperaturen-Tag will ich heute unbedingt, und sei’s nur für eine Stunde Spaziergang. Ich hoffe nur, die THC-Tropfen schlagen nicht allzu heftig durch; ich habe sie vorhin eingenommen, weil ich mal wieder keinen Appetit hatte und nur wenig runterbekam, was blöd ist, weil das ganze Kilo, daß ich begeisternderweise zugenommen hatte, schon wieder weggeschmolzen ist. Nach wie vor muß mein Gehirn da sehr aufpassen – neben der blöden Neuropathie in den Füßen das einzige, was nach der OP noch nervt.

Ihr ANH

 

Das Arbeitsjournal des Pfingstsonntags, den 5. Juni 2022. “Briefe nach Triest” wieder aufgenommen. Sowie eine Sonderedition ODER Wie sich der Heilige Geist auch anders ausgießen läßt.

Heiliger nirgends
als in der Blüte.
Chérone, Prédictions (1591)
[Arbeitswohnung, 7.29 Uhr
Erster Latte macchiato]

Bin ein wenig spät dran heute, erst um Viertel vor sieben aufgestanden, was mit einer nun gewissen Ruhe zusammenhängen mag, die nach den echt aufregenden vergangenen Tagen ab gestern nachmittag eintrat, eigentlich ab mittags bereits, als ich mich mit meiner Frankfurtmainer ehemaligen Lebensgefährtin traf, die mit ihrem Mann über Pfingsten in Berlin weilt. Wir sind nach wie vor befreundet, was ich mit eigentlich allen meinen “Ehemaligen” bin, aber dies ist ein ganz besonderes Verhältnis, ist es geblieben. Ihr war, als “Die Verwirrung des Gemüts” als mein erster Roman, der er es schreibchronologisch aber nicht war, 1983 erschien, das Buch gewidmet, was nun, in der für den Herbst annoncierten Ausgabe Zweiter Hand, selbstverständlich so bleiben wird.

Wir trafen uns auf der Oranienburger, ich hätte mit ihr eigentlich im Strandbad Mitte sitzen und plaudern mögen; allein, es sieht so aus, als hätte er in diesem Juni überhaupt noch nicht auf — sogar das angeschlossene Freilufttheater steht nicht mehr da.


So mochte ich einmal wieder vom Silberstein sitzen. Und das aber gibt es g a r nicht mehr – womit der zentrale Spielort des Thetis-Romans, Anderswelt 1, historisch geworden ist. Seltsames, auf der Kippe zwischen sentimentalem Traurigsein und pragmatisch-faktischem Konstatieren oszillierendes Gefühl, als wäre die mit dem Ukrainekrieg markierte Zeitenwende bereits, leise, zuvor angeschlichen, ohne daß wir es merkten. Es zeigt aufgrund des Umstands aber auch persönlich, wie entfernt ich mich habe, so lange nicht mehr in der Oranienburger gewesen zu sein, daß ich nicht einmal weiß, wie lange, und also, daß sich meine … Mist, Wortfindungsstörung, nicht “Kriterien”, sondern die Reihenfolge der Interessen, Überbegriff “Kategorie”, im passiven Wirtschatz ist das Wort, spür ich, noch da, drückt sogar ganz vorn gegen die Verschlußmembran … egal … verschoben haben. Denn Ende der Neunziger bis weit in die ersten Zehnerjahre hinein habe ich mich auf der Oranienburger oft herumgetrieben, teils dort auch ganze Szenen geschrieben. Bemerkenswert, bemerkenswert, und zwar umso mehr, als diese Gegend – namentlich der Monbijoupark – unterdessen zum Lieblingsaufenthaltsareal meines Sohnes gehört.
Wie auch immer, wir fanden Oranienburger/Ecke Tucholski einen feinen Marokkaner. — Nachdem sie dann wieder zurück ins Hotel, spazierte ich, eben wie früher sehr oft, den Weg bis zur Arbeitswohnung heim, wo mich, aufregungshalber der vergangenen Tage, genauer: der drei Wochen, bereits die nächsten Emails erwarteten. Worum es geht, liebste Freundin, werden sie spätestens am Mittwoch in der Presse lesen; noch bin ich angehalten, darüber öffentlich stille zu sein.

Daß ich dabei bin, frühe Texte auf Vorderfrau wie -mann zu bringen, werden Sie mitbekommen haben, etwa die frühen Gedichte und die Verwirrung sowieso, die nun bei meiner Lektorin liegt. Aber nicht alleine dies. Vielmehr habe ich seit vier Tagen die Briefe nach Triest” wieder vorgenommen, um sie endlich zuendezuschreiben. Dafür muß ich freilich erst einmal alles wiederlesen; was bisher entstanden ist und vor vierfünf Jahren dann liegen gelassen wurde, ist ja längst in eine Typoskriptdatei kopiert und dient jetzt nicht der Wiedervergegenwärtigung, sondern muß auch durchkorrigiert werden. Allerdings bin ich erstaunt, wie vieles jetzt schon hält. Einiges aber sollte auch weg oder gänzlich anders gefaßt werden, nämlich das, was nur als Weblog, nicht hingehend in einem gedruckten Roman funktioniert. Deshalb werde ich, wenn soweit vorgedrungen, das Buch auch nicht mehr als Blogerzählung fortsetzen, also 1:1 in Der Dschungel, sondern im Typoskript weiterschreiben und dann immer mal wieder Auszüge des grad Entstandenen einstellen, wie Sie es ja von vielen meiner Arbeiten gewöhnt sind, bevor sie dann als Buch erscheinen.
Plan jedenfalls jetzt: Jeden Tag vierfünf Stunden für die Triestbriefe, die übrige Tageszeit für alles andere verwenden, besonders auch für die Fortsetzung der → Video-Gedichtreihe. Ende des Jahres soll der neue Roman dann fertig sein, vor Lektorat selbstverständlich. Als Erscheinungsdatum sehe ich den Herbst 23; in welchem Haus, sollen meine Verlage unter sich ausmachen. – Wegen der Geschehen der letzten drei Wochen und dem Ereignis, das in diesen Tagen jetzt ansteht, wie geschrieben: Mittwoch und “eigentlich” aber am kommenden Freitag, wird sich mein Arbeitsvorhaben, noch, nicht ganz umsetzen lassen, aber doch teilweise und danach dann ganz.  Insofern ist, daß ich eine angestrebte Funktion nicht erreicht habe – s’ist ohnehin ein “win/win“-Unternehmen gewesen -, poetisch von Vorteil. Wobei ich auf dieses schon hinweisen möchte, es wird Sie, Freundin, freuen:


Soll im September da sein, ich mach es schon mal bekannt. Wobei ich ihn, den September, keineswegs herbeisehne. Erst einmal soll Sommer sein, er wird uns noch früh genug vergehn. → Vorbestellen aber dürfen Sie schon … — À propos! Von der neuen Béart-Edition wird es eine auf dreiunddreißig Explare limitierte handnumerierte und selbstverständlich signierte Sonderausgabe geben, die mit einem vornehmen französischen Klappmesser geliefert werden wird, das der diaphanes-Verleger just dieser Tage in Paris zu erwerben dabei ist. Sie wird 150 Euro kosten, die ersten Nummern sind bereits weg. Insofern bin ich zwar dagegen, jetzt schon an den September zu denken, der Dezember mit seinem Weihnachtsfest ist indessen so weit noch weg, um an ihn zu denken durchaus schon akzeptabel zu machen. (Die Idee zu dieser Sonderausgabe kam → bei der Béartpremiere einer Hörerin, weil der Verlag ein Exemplar ausgelegt hatte, auf dem solch ein edles Messerchen lag. So daß die No 1 da schon war vergeben.)

Mit einem Lächeln,
Ihr ANH

Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

“Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus”: Deutschlands zweite – der Bundesrepublik – quasi Wiederbewaffnung, nun atomar? Im Nichtarbeitenkönnenjournal des Sonntags, den 27. Februar 2022.

[Arbeitswohnung, 15.40 Uhr]

Ans Arbeiten ist nicht zu denken; statt dessen von → Scholzens Regierungserklärung an die Parlamentsdebatte verfolgt – wobei es schon  erbärmlich ist, daß die technische Ausstattung des Reichstagsgebäudes nicht nur keine störungsfreie live-Übertragung zuläßt, sondern die Störungen sich in permanenten Wiederholungen des bereits Gesagten und Gezeigten manifestieren, manchmal so, daß jemand denken könnte, hier werde mit Absicht geschnitten, und zwar durchaus nach rhetorischen Maximen. Außerdem erschrak ich, weil ich ausgerechnet Alice Weigel, einer, wenn nicht der AfD-Frau, in einem Punkt zustimmen mußte, was nämlich die Mitschuld des Westens, namentlich der NATO, an der Ukraine-Katastrophe anbelangt, ein Thema, um das sonst fast alle einen Riesenbogen des Nichthinsehens schlugen. Wobei die Frage nach eigener Schuld im Augenblick ziemlich unwichtig ist. Es mag Mitschuld sein, aber nicht ein Verbrechen, wie es diese russische Invasion ist. Putin hat sogar die Atomstreitkäfte in Bereitschaft versetzt – las ich im → Newsblog der ZEIT, der in meinem Arbeitscockpit dauerhaft auf dem linken großen Screen mitläuft. — Nein, an meine Arbeit ist nicht zu denken. Oder zu denken s c h o n, aber sie kommt mir müßig, ja objektiv ohne jedes Interesse vor, das jemand noch, selbst ich, an Laupeyßers Schicksal haben könnte. Es ist wohlfeil. Mein Roman ist zur Zeit komplett überflüssig, ein lächerlicher Luxus sichselbstfindender Sentimentalität.
Kurz auch überlegt, an der großen → Demonstration teilzunehmen, es aber schnell wieder verworfen und die Parlamentsdebatte gewählt. Ich brauche meine eigenen Gedanken, die ich nicht in skandierten, gar mitskandierten Massenchören untergehen lassen will, zumal mit ihnen, anders als in Rußland, für die Teilnehmer nicht der Pups einer Gefahr verbunden ist. Gut, es mag ein Zeichen der Solidarität für die Ukraine sein, aber mich wohlfühlen, weil ich mit so vielen “auf der richtigen Seite” stehe, ist etwas, das ich ablehne. Für mich, bitte nicht mißverstehen; anderen Menschen ist, zu einer Gruppe zu gehören, die auch das Überich beruhigt, ganz sicher wesentlich. Für mich war es das nie und wird es auch nicht werden. Wär es indessen gefährlich, grad für jede und jeden persönlich, hätte ich mich anders entschieden und wäre gegangen. Vermute ich, weiß es aber nicht. Doch war, mich meiner Angst zu beugen, noch niemals meine Stärke. Egal.
Also Weidel. Furchtbares Erlebnis für mich. Die anderen Beiträger der AfD waren voraussagbar entsetzlich, da war ich wieder (etwas) beruhigt. Imponiert allerdings hat mir, als einzige Rede, Robert Habecks Ansprache (anklicken, dann können Sie sie hier anschauen):

S e h r imponiert, nicht nur, weil ich ihm so zustimme, sondern weil das Video zeigt, wie jemand gegen seine tiefste Überzeugung sie relativieren und ideologisch sogar umschwenken muß. Ich habe vor so etwas höchste Achtung. Sein Satz “Wir kommen aus dieser Sache mit sauberen Händen nicht mehr heraus” wird Geschichte werden, ist es schon. W i e schmutzig sie werden könnten, zeigten einige Beiträge zur, inklusive wahrscheinlicher  Wiedereinführung der Wehrpflicht, beschlossenen Aufrüstung der Bundeswehr (mit einem Fonds von 100 Mrd. €) … zeigten einige Beiträge, die mehr oder minder verdeckt auch mit atomarer Bewaffnung flirteten. Ich weiß, das Wort, “flirten”, ist unangemessen, sogar stillos, aber ich kann mein Erschrecken nur euphemistisch ertragen. Schlimm indessen war auch → Merz, um von Dobrindt, den ich deshalb nicht verlinke, am besten zu schweigen (Weidel verlinke ich trotz meiner teilweisen Zustimmung erst recht nicht. Der heutige Kotau der AfD vor einem Massen- und Völkermörder ist schlichtweg widerlich. Bei Markus Söder, den ich genauso wenig mag, wär Weidel besser aufgehoben und diente ihrer Wählerschaft mehr, als daß sie sie Observationsobjekte des Bundesverfassungsschutzes werden läßt.)

Wozu also momentan Dichtung? Meine Zweifel, Freundin, sind riesig. Die russische Armee kommt nur schleppend voran, die Ukrainer schlagen sie immer wieder, einstweilen, zurück. Aber eben “noch”. Deutschland unternimmt eine historische Kehre und liefert dem bedrohten Volk nun doch deutsche Waffen.
Ein Dammbruch nach dem anderen. Lindner, dessen Rede mäßig war, eher noch bürokratisch, bricht mit seinem versprochenen Sparkurs – eben für die Aufrüstung. Er kriegte den Stock nicht aus dem Arsch, der, jener, bis in den Hals hinaufstak. Und den hab ich gewählt! – Dagegen, in ihrer Leidenschaft sowohl an- wie berührend und beklemmend, Britta Haßelmann:

“Kiew ist von Berlin so weit entfernt wie Rom.” Dringlicher läßt es sich nicht sagen. → Parallalie lebt in Amelia knapp neunzig Kilometer nördlich. Ich spüre zunehmend deutlich den Abgesang, der → die Béartgedichte sind, am Ende einer Ära. Doch das, was melancholisch war, ist nun angstbesetzt, und voll wutpraller  Trauer. Es will sich die Utopie nicht erheben, die russischen Soldaten desertierten (eine Idee, auf die mein Arco-Verleger kam), alle, gemeinsam; sie bleibt am Boden, diese Utopie, und zittert da vor Lebensnot. So verschaffen sich die Körper doch wenigstens Wärme. Ihre russischen Mütter, die Väter daheim haben dieselbe Angst wie die ukrainischen. Und je deren Brüder, Schwestern, Freundinnen und Freunde. (Indem ich hier tippe, verlier ich ein bißchen meine Unruhe, die auch daher rührt, daß ich so vieles, in → Anderswelt, vor allem in Thetis, vorhersah. Unter anderen Vorzeichen freilich.)

 

[Unterbrechung: Videotelefonat mit der Löwin]

 

Alles in mir dreht sich um die Ukraine und letztlich um Europa, das ich derart liebe, und nun den grundsätzlichen Paradigmenwechsel nicht nur der deutschen Politik, sondern auch unseres deutschpolitischen Selbstverständnisses nach dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Verantwortung: was sie bedeute. “Nie wieder Krieg!” – dieses auch für mich unbedingte Manifest, das lebenslanges Bekenntnis war, wurde auch in der heutigen Parlamentsdebatte zu einer lächerlichen Maxime, die zu verhöhnen direkt zu spüren war, wie manche Redner es genossen. Fast spür ich sie, nur entsetzt, ganz genauso. Nicht die Spur billig Selbstbestätigtseins in mir – anders als in einigen Reden namentlich aus den Reihen der “christlichen” Parteien. Sondern ich empfinde, was soeben geschieht, als einschneidender, ja gar nicht damit auch nur vergleichbar,  als damals den → Nachrüstungsbeschluß, der Anlaß eines der wenigen Male war, daß ich an Demonstrationen teilnahm (und prompt verhaftet wurde). Damals habe ich noch gedacht, unsere Proteste würden etwas bewirken. Unterm Strich habe ich gelernt, daß gewaltfreie Demonstrationen zu gar nichts führen und solche mit Gewalt oft das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen wollen. Die meisten Demonstrationen waren, nach meinem Erleben, Selbstfindungs und -bestätigungsakte. Auch deshalb ging ich heute nicht hin. In Rußland ist das anders; dort wird eigenes plötzlich-Verschwinden riskiert. Es ist das Gegenteil jeglichen Wohlfeilseins. Wobei wir, in einem noch derart gläubigen Land, die russisch-orthodoxe Kirche hinzudenken müssen, der, wer an der Macht ist, für von Gott dort hingesetzt gilt. (Deswegen das ukrainische → Schisma). In Rußland ist ziviler Ungehorsam auch innerhalb der eigenen Familien- und anderen Sozialgebilde stets  blasphemisch Tabubruch. Hier hat man Joints danach geraucht, tut es vielleicht jetzt noch.

  • Nichts, übrigens, gegen Joints. → Liligeia hat mich gelehrt, für THC recht dankbar zu sein, zumal es jetzt bei mir auch wirkt. Was jahrzehntelang nicht so war. Weshalb die Veränderung, darüber hat klug mein Sohn mich in Kenntnis gesetzt.

(Eigentlich eine Idee grad, im Döschen ist noch a bisserl. Doch nein, ich schieße mich jetzt nicht weg. Zumal ich grad gerne in der letzten Vorstellung von → Janáčeks Makropulos säße; da es mein drittes Mal wäre, hab ich nicht gefragt.

Musik ist Erlösung auf Zeit.)

Die Putin-Riege droht mit Atomwaffen, Jen Psaki kontert, dreiundzwanzig Minuten ist’s her: “Wir haben die Fähigkeit, uns zu verteidigen.” Laut dem Bericht der ZEIT (in deren Übersetzung).
Der Schrecken wird Kalkül. In Deutschland ebenso – nicht dem vor ’45.

 

Letzte Nachricht, bevor ich dies hier erstmal beschließe: Auch Schweden liefert nun Waffen. Auch dort ist es ein Dammbruch. (Ein Problem dabei, wenn geschieht, was ich befürchtend → schon formulierte: Unterliegt die Ukraine dem Völkerrechtsverstoß, wie ich’s für wahrscheinlich halte (und wäre dankbar, sehr, würd ich eines dann wirklich Besseren belehrt), geht alles Material ins Eigentum des putinrussischen Großmachtstrebens über – daß dann ein “Streben” nicht mehr ist.)

ANH

[19.06 Uhr]

Ein Hodengnom, leider nicht von ANH, im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. Januar 2022. Denn über das glückhafte Lehren.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
РазумóвскийIII C-Dur mit dem hinreißend fugierten Prestofinale]
Um zehn nach sechs hoch, nachdem ich gestern im Anschluß an das online-Ganztagsseminar lange noch, doch nicht vom Schreibtisch aus, Musik gehört habe, sondern konzentriert im breiten Musiksessel, der mit den Boxen jeweils die Spitze eines beinahe gleichseitigen Dreiecks bildet, bilden auch muß, damit sich Stereophonie perfekt entfalten kann – nur “nahezu” perfekt, weil die Klangwege der von den Boxen ausgesandten Tonwellen
nicht unabgelenkt sind:

Bei der linken steht der große Mitteltisch im Weg, bei der rechten ein vollgetürmtes Ablagetischchen; außerdem befindet sich nach links Richtung Ofen einigermaßen freier Raum, nach rechts hingegen gleich die Flurtür, die für zwar nicht wirklich starke Klangreflektionen sorgt, aber sie sind zweifellos da. Es ist halt, akustisch, kein trockener, sondern ein Lebens- und Arbeitsraum; klug hat auf diese Art Umstand BOSE seine Technologie gegründet und ausgerichtet; für unterwegs sind diese Lautsprecher deshalb meine Wahl. Hier freilich bleiben ihnen, und andren Marken sowieso, meine ProAcs gebirgshoch überlegen. Will ich indes den “reinen” Klang, nehme ich die STAXes, was ich, aus Rücksichtnahme auf meine Nachbarn, nach 20 Uhr meist ohnedies tue. Gestern allerdings nicht; da hörte ich laut bis zehn – und setze heute morgen fort, wo ich nachts aufgehört habe. Denn eigentlich geht es um op. 132 und speziell, darin, den “Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit”, dessen lydische Tonart, wie Sie, Freundin, wissen, eine ganz besondere Rolle auch in den leider weiterhin unabgeschlossenen Triestbriefen spielt. Jedenfalls höre ich mich von Beethovens Rasumowski I ff über op. 132 nach 135 nun durch; es wird mich diesen ganzen Sonntag  weiterbegleiten.
Doch seinetwegen, des Briefromanes halber, n i c h t kam ich auf ihn, den Dankgesang. Sondern als ich gestern einer “meiner” Studentinnen zuhörte, die ihren Text von schwerer Genesung und dem schließlichen Glück erzählen ließ, endlich, endlich wieder gehen zu können, fiel mir sofort Beethovens Quartettsatz ein, und ich sagte es auch, ja lud das Stück für alle herunterladbar ins Padlet hoch, in das für alle lesbar die Aufgaben und Übungsarbeiten eingestellt werden – übrigens eine von mir blöderweise nur zögerlich angenommene Empfehlung Phyllis Kiehls; hätte ich auf die kluge Frau vorher gehört, wäre einige Arbeit leichter gewesen. Wie nun auch immer. Bin halt ein Sturkopf. Aber die Erzählung dieser Studentin verströmte geradezu dieselbe Aura wie Beethovens ergeifender Tritus authenticus. Es war frappierend, gleichermaßen beklemmend wie erlösend. Ob nun diese jungen Menschen a u c h mit der Musik nun werden etwas anfangen können, weiß ich freilich nicht. Doch wenn ich lehre, tu ich es immer synkretistisch, beziehe also soviel wie möglich andere “Disziplinen” mit ein und verstreue – was, wenn wir alle Glück haben, ein Säen ist – dauernd Leuchtkapseln innerster Bildungsbeglückung.
Allerdings habe ich bei diesem → Bamberger Lehrauftrag das Privileg nicht nur hinreißend leidenschaftlich engagierter, sondern ebenso talentierter Zuhörerinnen und Zuhörer … – nein, Seminarmitgestalterinnen und -gestalter. Imgrunde muß ich kaum etwas anderes tun, als ihnen Augaben zu stellen, deren einige übrigens nicht unfies sind, aber tatsächlich extrem trainieren. Über die Lösungen, auf die die jungen Leute kommen, kann ich bislang nur staunen. Ich meine, ich lasse sie ihre je schönste Lebenserinnerung auf sozusagen Papier (“in Datei”) bringen, also etwas ihnen wirklich Nahes – das Seminar beschäftigt sich mit autobiografischem Schreiben -, und dann besitze ich die Unverfrorenheit, sie genau dieses Nahe extrem von sich fernzurücken, indem sie es noch einmal erzählen sollen, nun aber als Krimi, als Märchen, dialogisch oder gar im Dialekt sowie mit entweder vulgärem oder sentimentalem Vokabular. Für den poetischen Prozeß ist dergleichen selbstverständlich wichtig, ja unumgehbar, um zu kapieren, daß auch unser Nahstes, wenn wir schreiben und eben auch veröffentlichen wollen, ein pures Material ist, das wir zu behauen, zu feilen, zu schmieden und zu schmirgeln, zu formen also, haben. Was wir hinausgeben, ist nicht mehr unsres, löst sich von uns ab, bis es fremdkristallen dasteht. Sie wissen, Freundin, ich nenne dies den perversen Prozeß, weil in der Kunst eben auch unser Schmerz, selbst der tiefste, nichts als ein Material ist, das, gelingt die Formung, unversehens s c h ö n wird. Und, als aber eben Fremdes, b l e i b t.
Man kann dies lehren, ja. Aber worauf es ankommt, ist, es erleben zu lassen und dies als “Lehrer” schützend zu begleiten, und auch, die Studentinnen und Studenten, wo es Not tut, aufzufangen. Was Paglia über Sexualität schrieb, sie sei kein Spaziergang im Grünen (Wehe, wehe, “Wokeness[1]Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.“!), gilt eben auch für die Kunst. Für sie sogar besonders. Nicht nur deshalb hängt beides derart eng aneinander wie, um mit Adorno zu sprechen, Eros und Erkenntnis. Es sind Paare.
(Zur Wokeness noch: Ein Student, der die “vulgäre” Variation sich ausgesucht und hinreißend uncorrect hat Erzählung werden lassen – es war, was wir alle fanden, wie eine Befreiung für ihn, einen Modus zu durchschwimmen, der heutzutage weniger erlaubt ist als er’s jemals gewesen, und insofern jetzt schon Lebenserfahrung; entsprechend lebendig geriet der Text … – also dieser Student brachte unfaßbare Schimpfwörter in die Welt, rundweg Neologismen, allerdings solche, die “schon bei ihrer Erfindung Zitat[2](Günter Steffens)” sind, darunter den, siehe meinen heutigen Titel, Hodengnom. Sowie “Arschkrampen”, “Rollbrettuntermenschen” (für Skateboarder), “Flachpfeifen” sowie “unterentwickelte Lärmdämonen”. Uns liefen die Tränen vor Lachen. Nicht zu fassen, wie sprühend lebendig online-Unterricht sein kann. Ich schrieb es Ihnen → dort schon und werde nun laufend bestätigt.)

[Von Rasumowski III zu op. 74 gewechselt.]

Jedenfalls. Es ist glückhaft, dieses Seminar zu geben. Daß es das ist, habe ich den Studentinnen und Studenten zu danken, denen es nicht einmal etwas ausmacht, wenn wir über eine Stunde überziehen. Was sich in den beiden bisherigen Ganztags-“Sitzungen” geradezu organisch ergab, wollten wir allen entstandenen Texten die Gerechtigkeit und vor allem Sorgfalt widerfahren lassen, die ihnen gebühren. Doch selbstverständlich wären nach den vier Sitzungen Vertiefungen nötig, besonders in Hinsicht auf Stilistik und, folgend, Konstruktion. Mehr als nur ein, und zwar g a n z e s Semester ließe sich damit füllen. — Und ich, ich selber lerne auch. Dafür das beste Indiz, zumal nicht ohne Witz, ist, daß mich der eine Texte dieser Studentin nun auf den Beethovenstreichquartett-Trip gesetzt hat, den ich mir, damit ich bei der weiteren Überarbeitung der Verwirrung nicht zu essen vergesse, soeben mit sechs Dronabinoltropfen angewürzt habe. Deshalb wird irgendwann, erfahrungsgemäß in etwa zwei drei Stunden, meine Zeit ihre abgegrenzten Konturen verlieren und zu einem musikpulsierenden Kontinuum werden, das meine Sätze als Karawanen durchziehen:

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin[3]Gottfried Keller.
Die Zeit geht nicht

Ihr
ANH

References

References
1 Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.
2 (Günter Steffens
3 Gottfried Keller
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