Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einundfünzigster Tag.
Zweite Serie, fünfunddreißigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Wien im Herbst” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Wechsel der Ausdruckswelt
Als neunundzwanzigstes Coronajournal geschrieben am Mittwoch, den 7. Oktober 2020

[Arbeitswohnung, 7.31 Uhr
Penderecki, Largo für Violoncello und Orchester (2003)]
Nun träumte mir schon die zweite Nacht in Folge von einem Objekt, das ich solle, wie jemand mir aufgab, zur → Erinnerung an den 5. Oktober 1938 anfertigen lassen und nun aber selber baute … bastelte ist vielleicht eher angemessen als Begriff: einen kleinen, so geschachtelten Kasten, wie ich ihn zur Aufbewahrung meiner Musikcassetten nutze, nur halt bloß etwa zwanzig auf dreißig Zentimeter, und die offenschmalen Schachte oder Schächte (das Wort läßt mich „leise“ schaudern) wurden mit Erde gefüllt, in einige indes auch zurechtgeschnittene Pappestücke gesteckt, Pappestreifen, dünn genug, der Erde noch den Raum zu lassen, doch stark genug, daß wir sie sehen; nicht in jeder Schächtung befindet sich eines, es gibt auch keine Verteilung nach Regel.
Fertiggestellt wird das Objekt an die Wand gehängt und der Verrottung überlassen, die sich vor unseren Augen abspielt, nun in meinem Kopf.
Vielleicht werde ich es tatsächlich bauen.

Daß ich’s ein zweites Mal träumte, hängt vermutlich mit dem Tatort von Sonntag zusammen, den ich gestern → in der Mediathek sah und über den ich nicht nur sofort Cristoforo → Arco informierte (gerade er, als Verleger eines speziell solchen Programms, müsse ihn sehen), sondern der mir eben auch in die Nacht noch nachlief, mir nachzog vielleicht, vielleicht aber auch „nur“ meiner speziellen Situation halber derart nachwirkte.

Ich bin jetzt, nach meiner Rückkehr aus Wien, in Quarantäne – etwas, das mir mehr zusetzt, als ich geglaubt hätte. Möglicherweise wirken immer noch oder jetzt verstärkt die drei Tage Einzelhaft nach, die ich als Fünfzehnjähriger im Gefängnis in Königslutter, bei Braunschweig, wegen des gestohlenen halben Brathähnchens verbringen mußte und derenthalben ich bis heute nicht bei geschlossenem Fenster schlafen kann, auch dann nicht, wenn es draußen minus zwanzig Grad hat. Jedenfalls, als der Flieger in Tegel angekommen war – für mich, mag sein, das letzte Mal dort; mein nächster Flug wird wohl schon über → BER abgewickelt werden –, hatte die Covid-Teststation bereits geschlossen, zu der sich Reisende aus Risikogebieten begeben sollen, um sich checken zu lassen; ein Blödsinn freilich, die Öffnungszeiten nach zivilem, quasi gewerkschaftlichem Muster zu gestalten, anstelle nach Notwendigkeit je nah den Ankunftszeiten – zumal Soldaten da im Einsatz sind, die hier mal etwas Vernünftiges tun, anstelle die Ermordung vorgeblicher Feinde zu üben, die genauso schuldlos sind wie sie, das heißt: ganz ebenso, im Kriegsfall, genötigt. – Wie auch immer, ich fragte nach, was tun, wenn ich nicht die kompletten vierzehn Tage mich einsperren wolle.
„Sie können sich zum Hauptbahnhof begeben, dort finden die Testungen für andere Risikoreisende als die grad angekommenen statt.“
„Gut, da radle ich morgen früh sofort hin.“
Was ich tat. Wozu ich die Quarantäne natürlich unterbrechen mußte. Was aber sowieso geschehen wäre, hätte ich einen Termin vom Gesundheitsamt bekommen und wäre ihm gefolgt. Ich fuhr auch direkt, stoppte nirgends außer dort: Abgang zur künftigen, also der neuen Station der U5 gegenüber dem Hauptbahnhof. Oben an den Rolltreppen standen zwei rauchende Soldaten im Tarndress, die sich mit einer Sanitäterin und einem Ordner unterhielten, der Zivil trug.
Ich frug nach dem Weg.
„Nur die Treppen runter, dann gleich links.“
Es sah aus wie eine Szene in Endzeit-Sciencefictions: Neben der Rolltreppe ein Areal vermittels eines breitmaschigen, die „Maschen“ rechtwinklig aufrecht, Blech- oder Aluminiumzaunes abgetrennt, innerhalb dessen, wie später behauptet wurde, das Grundgesetz nicht mehr gelte, sondern offenbar das Kriegsrecht; im hinteren Bereich ein geräumiges Bundeswehrzelt mit dem roten Kreuz drauf, davor drei lange Bierbänke, hinter denen, ebenfalls in Tarnkleidung, Gefreitenuniformen also, vier junge Soldaten vor Computerbildschirmen und je den Tastaturen saßen, meine Erinnerung sieht sogar fünf Mann, um in sie aus den Formularen zu übertragen, die die Probanden anfangs auszufüllen haben. Noch „anfangser“, bevor man den Bereich betreten darf, wird kontrolliert, ob man auch zu den Berechtigten gehört – es werden hier ja eben nur Ankömmlinge aus Risikoländern getestet. Freilich ist’s auch eine Frage der Kosten, nur für solche Reisenden sind die Tests ja umsonst. Hätte ich den Test bereits in Österreich, am Flughafen einen Tag vor Abflug, machen lassen (was möglich gewesen wäre und mir das spätere Procedere erspart hätte), hätte es mich 120 Euro gekostet, etwas, das sich nur leisten kann, wer genug Geld hat. Der wird es sich auch leisten, klar, ich täte es genauso. Egal.
Also noch einmal ein gleiches Formular ausgefüllt wie schon im Flieger. Nun hat es das Gesundheitsamt doppelt. Hier war allerdings, neben meiner Bordkarte, noch meine Krankenkassencard vorzuzeigen, interessanterweise aber kein Ausweis. Fand ich seltsam beruhigend. Und durfte mich auch schon setzen, das heißt, in den von gleichfalls einem Zaun abgetrennten hinteren Bereich, dem deutlich größeren, Platz nehmen: „Bank 4, bitte“.
Ein bißchen sah ich den tippenden Soldaten zu, wie sie, selbstverständlich gleichfalls mund- und nasenmaskiert, von Zeit zu Zeit die Teströhrchen aus den Ständerchen nahmen und sie zu der einzigen Krankenschwester hinüberreichten, die momentan im Einsatz war. Es war auch wirklich wenig los, mit mir nur noch zwei weitere sozusagen-Patienten, die deutsche Truppe war deutlich in der Überzahl. Dennoch: Wie sinnvoll eingesetzt! Das sagte ich auch.
„Prima, daß Sie das hier machen. Danke.“
Da war ich aber schon dran. Die Schwester hinter transparentem ovalen Gesichtsschild. „Abstrich nur im Rachen. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“
Auf mein Formular wurde das Gegenetikett zu dem auf dem Röhrchen geklebt. Ob ich die → Corona-App benutzte? Dann könne ich den QR-Code einscannen und würde direkt übers Ifönchen informiert. Was ich selbstverständlich nicht tun werde: Ich will mich nicht “tracken” lassen. Oder ich tu’s, aber schalte die App sofort wieder aus, schau halt nur alle zehn Stunden nach, ungefähr.
„Etwa zweiundsiebzig Stunden braucht es zum Ergebnis. Bis dahin dürfen Sie nicht …“ „Ich weiß, ich weiß, die Quarantäne.“
Entlassen.

An der Rolltreppe dreh ich mich noch einmal um. Ich will in Der Dschungel drüber schreiben, möchte ein Foto dafür haben. Nehme es auf. Sofort ruft mir einer der Ordner zu, zu fotografieren sei hier nicht erlaubt. Als ich nicht reagiere, rennt er mir hinterher, hält mich fest. „Sie haben das Bild zu löschen!“ „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage?“ frage ich. Er weist auf die am Zaun angebrachten Strichzeichnungen, auf denen durchkreuzte Kameras zu sehen sind. „Ja, schon, habe ich gesehen, aber das sagt nichts über die Rechtsgrundlage. Hier ist öffentlicher Raum, und wenn ich die abgebildeten Personen unkenntlich mache, kann ich die Bilder nutzen.“ „Nein“ entgegnet er. „Das ist Militärgebiet.“ „Militärgebiet? Moment mal, es ist öffentlicher Raum! Ich will die Rechtsgrundlage dieser Vorschrift wissen.“ Die er nicht weiß, es fehlt ihm an Bildung. Wahrscheinlich gibt es auch keine. Um so ärgerlicher wird er, beinah drohend. Zum ersten Mal bekomme ich gewaltige Zweifel an den Covidmaßnahmen, doch im gleichen Maß auch Angst. Ich hatte in den vergangenen Wochen genug auszuhalten, jetzt verhaftet zu werden, hätte die Quarantäne durchaus noch getoppt.
Also gebe ich nach und lösche das Bild, habe aber schon oben, wieder im im Wortsinn Freien, den Gedanken, mir ein Programm zu besorgen, mit dem sich gelöschte Bilder wiederherstellen lassen. Daß es so etwas geben muß, ist gar keine Frage, sonst wären polizeiliche Beschlagnahmen von Computers nahezu sinnlos. Doch ergibt sich’s, daß ich solch ein Programm gar nicht brauche. Was wiederum einen Einblick in die Kompetenz des Ordners gewährt, der mich das Foto löschen ließ. Und mir auch noch sagte: “Sie haben mir zu gehorchen.” – Habe ich nicht. Niemandem, je.

 

 

 

 

 

Schon das, auch im Nachhinein, begründet einige Unruhe – zumal zwar die Infektionszahlen in die Höhe schnellen (oder zu schnellen scheinen; unser Problem ist auch hierbei, daß wir glauben müssen), durchaus aber nicht die Sterblichkeitsraten. Die bleiben eher stabil oder sinken sogar, so daß man – wenn es doch um Herstellung der, furchtbares Wort, „Herdenimmunität“ gehe – durchaus bezweifeln kann, daß die Härte der neu deklarierten Eindämmungsmaßnahmen tatsächlich angemessen ist. Oder ob nicht mittlerweile doch eine Tendenz zum politischen Mißbrauch besteht, die Hand in Hand mit dem geht, was ich schon seit langem, spätestens mit →  THETIS, als Entkörperung der Welt vielleicht nicht diagnostiziert habe, aber voraussehe und zunehmend deutlich erkenne. Dazu gehört auch die Gender-„Diskussion“.

 

 

ANH
[Penderecki, Klavierkonzert „Auferstehung“ (2002/2007)]

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Coronajournal 28 <<<<

“Weep you no more, sad fountains” /John Dowland. Patricia Kopatschinskaya und Teo Currentzis. Dank an den SWR.

 

© → SWR via Facebook

Dazu die hierzu ausgerechnet mich ehrenden, mich gerade hierzu beglückenden Zeilen Franz-Josef Knelangens, beim Anhören dieses spezielles Duos komme

einem (…) nicht nur → das hier in den Sinn:


And the night shall be filled with music,
      And the cares, that infest the day,
Shall fold their tents, like the Arabs,
      And as silently steal away.

Sondern man erwartet jeden Moment, TC den Mundschutz etwas höher zu ziehen und Ihnen mit einem Ha-hat-hat→ in die Nefud voran/nachzureiten.

 

Aus derzeit Wien Dank für diese Worte:
ANH

Das (Nach)Krebs- & Arbeitsjournal des Dienstags, den 15. September 2020. Mit den zwei viszeralen Sonden sowie Phryne und Béart (59).

[Arbeitswohnung, 7.30 Uhr
Korngold, Sinfonietta op. 5]
Ein Stück, das besonders Do immer sehr geliebt hat und das ich einige Zeit lang ganz wie Elgars Caractacus gern als Morgen-, nämlich Aufwachmusik hab erklingen lassen. Frankfurtmainer Zeit. Wolpertinger und noch an Dielmann geglaubt. Dafür voll im Herbstsaft stehend, ein untreuer Treuer wie sein Körper ihm, auf den er sich verlassen konnte. Solch Fremder irgendwie. Und hat nun keinen Magen mehr. Er soll mehr auf sich hören. So gestern abend im PratergartenRalf Schnell. “Schmal bist du geworden.” Was aber nur zwei Kilos meint. Mehr hat er seit der großen OP nicht abgenommen, hält bei 70 das Gewicht, trotz der schlechten Fettverdauung. Würd nur gerne Sport wieder … sagt man wirklich “treiben”? Was er nun wieder treibt! Nur wüßt ich nicht, so sagte ich’s Ralf Schnell, wie auch noch diese Kalorien in mich dann hineinzufuttern. Die acht täglichen Mahlzeiten schon sind eine echte Aufgabe, nämlich rein logistisch, wenn zwischendurch – doch nicht dazu – auch noch getrunken werden soll. Doch was mir mehr Sorgen, offenbar, bereitet, ist, wovon ich → da schon schrieb. Und heute nacht hab ich’s verträumt, —

daß nämlich diese beiden sich derart nach Fremdkörpern anfühlenden Stränge solche Körper auch seien, nämlich implantierte Sonden, die sämtliche Nahrung protokollierten, sowie sie sie durchliefen; mir zur Kontrolle meiner Heilung eingepflanzt von jüdisch-israelischen Ärzten, die es mir aber verschwiegen, damit die Implantationen nicht überhaupt bekannt würden, denn die Eingriffe in den menschlichen Körper seien verboten von GOtt und also blasphemischer Vorgang. Was mein Unbewußtes aber verwechselte, denn dieses Verbot existierte zwar, im Mittelalter bis in die Renaissance, war aber christlich und nicht jüdisch (→ de sepulturis, 1299). Dieses Verbotes wegen durften z.B. keine Kaiserschnitte vorgenommen werden, auch wenn sie Kind und Mutter die Chance zu überleben gegeben hätten.
Wie auch immer, meine Ärzten setzten sich über das Verbot hinweg. Nur daß ich eben davon nichts erfuhr, auch wenn alle Empfehlungen, die nunmehr zur Verdauungsumstellung bekam, imgrunde unnötig waren: z.B.: Protokolle über jede Nahrungsaufnahme und ihre körperliche  Folgen zu führen — was zu tun ich mich allerdings sowieso weigere. Im Traum aber stellte sich heraus, daß die beiden mir implantierten Sonden solche Protokolle ganz von, sozusagen, selbst erstellten und an die entsprechenden Labore sandten, wo sie ausgewertet wurden. Wovon aber ich erneut nichts erfuhr.
Jetzt, da es herausgekommen, schlug ich tüchtig Krach

— wovon ich denn erwachte.

So sehr also beschäftigt es mich, der ich eigentlich nichts davon mehr wissen will. Wi(e)derkehr des Verdrängten, noch bevor ich’s verdränge.
Was eh nicht ganz geht. Denn ich mußte ein Angebot Frau v. Mecks ablehnen, gleich nach Wien für einzwei Wochen nach Apulien zu reisen, um mich auf Friedrichs Spuren zu begeben; hätt ich gern getan, aber meine physische Verfaßtheit ist mir noch zu unsicher, und nach Wien steht eine medizinische Untersuchung an, die ich nicht verschieben will und auch nicht sollte. Ebenso könnte ich meinen Arco-Verleger nach Piemont begleiten, wohin er während meiner Wiener Zeit einzweimal fahren muß; es würde mich reizen. Aber achtzehnstündige Autofahrten sind wegen meiner Nahrungsumstellung erst recht problematisch, um von plötzlichen Toiletten., sagen wir, –zwängen ganz zu schweigen. Also schwierigere Reisen insgesamt aufs nächste Jahr verschieben, je weiter nach hinten, desto, wahrscheinlich, besser.
Gedanken, die ich mir nie zuvor in meinem Leben gemacht habe. Sie finde es problematisch, sprach mahnend meine Fußpflegerin gestern zu mir, daß sich in meinem Leben offensichtlich nichts verändert habe, “doch der Krebs … er kam aus dir!” Ich solle endlich auf meinen Körper hören, legte auch Ralf Schnell mir nahe. Als hätt ich das nicht mein Lebtag und viel mehr als andere getan. Den Menschen ist nicht klarzumachen, daß die heftige Beanspruchung des Körpers ganz wie des Geistes genau das eben ist: auf den Körper zu hören. Es kommt nun viel mehr darauf an, auf den Geist zu hören und mein Werk fortzusetzen: daran wird der Körper gesunden. Hingegen wird eine sich durchhängen lassende Psyche, eine, die der Ermüdung nachgibt, ihm schaden über allen jetzigen Schaden weit noch hinaus. Allerdings beginn erstmals in meinem Leben, Meditation mich zu interessieren, nämlich als Frage, ob ich vermittels meines Willens nicht direkt auf die Bauchspeicheldrüse einwirken kann, um sie zur Ausschüttung der für die Fettverdauung nötigen Enzyme zu bewegen. Man müßt dazu allerdings genau die Gehirnwellen treffen, aufgrund derer Signale diese Drüse reagiert. (Tatsächlich kommt das Signal vom Magenpförtner, den ich ohne Magen aber nicht mehr habe; doch gesteuert wird auch dies vom Gehirn; also müßte sich da – völlig unesoterisch – eingreifen lassen. Es ist keine Frage der Religion, sondern alleine einer der Physik, bzw. Hirnchemie.)

Bin wieder – endlich! – in den Béarts und habe die mir wichtigen Zeilen Lukrez’ bereits markiert, um sie den Hymnen einzuflechten. Allerdings bin ich mit Hermann Diels’ Übersetzungen des lateinischen Textes nicht sonderlich glücklich; will statt dessen versuchen, eigene Nachdichtungen zu formen. Etwa:

Aeneadum genetrix, hominum divomque voluptas
`Mutter der `Äne`aden, du `Wonne der `Menschen und `Götter (Diels)

Hier hakt’s bereits im zweiten Versfuß. Besser deshalb (auch das altertümelnde Wonne besser ersetzen):

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Menschen und ‘Götter (ANH)

wobei sogar zu überlegen ist, ob in diesem Fall, also der Liebesgöttin wegen, “hominum” nicht sogar als “Männer” interpretiert werden sollte:

`Mutter der `Aëne`aden, du `Freude der `Männer und `Götter.

Und auch

Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte (Diels)

wartet schon gleich zu Anfang statt mit einem Daktylus fehlerhaft mit einem Trochäus auf.

Außerdem muß ich in den Gedichten sämtliche italienische Stellen markieren, um sie den amerinischen Freund, Parallalie, kontrollieren zu lassen. Zurecht hat er in den vorhergegangenen Gedichtbänden hier und da italienische Fehler moniert; dem möchte ich nunmehr unbedingt einen Riegel vorschieben.

Den Friedrich schiebe ich jetzt erst mal, bis nach Wien, wieder beiseite, bzw. bis das satzfertige Béart-Typoskript an diaphanes hinaus ist (das überdies noch einen Anmerkungsteil braucht, damit in den Gedichten selbst nicht mit Fußnoten herumgebastelt werden muß). Übrigens bin ich mir wegen des Umschlagentwurfs wieder unsicher. Vielleicht doch eine “reine” Schriftlösung? Oder die Abbildung einer tatsächlichen Venus wie dieser römischen aus dem 1. bis 2. Jahrhundert n.C.:

 

 

 

 

Vielleicht aber auch ein Rückgriff auf Klinger oder die Präraffaeliten? Oder Ferdinand Lepckes wunderschöne Phrynefigur von 1907/08 in Coburgs Hofgarten:

 

 

Oder nur ein Ausschnitt daraus, der allerdings das grandiose, zutiefst berührende Profil dieser Frau bewahren muß:

 

 

 

 

 

 

___________
>>>> Béart 60
Béart 58 <<<<

Ich bin mir wirklich unsicher. Aber werde auch das mit → meiner Lektorin besprechen, die vor dem Aeropag ganz ebenso bestünde.

Ihr ANH
[Korngold, Klaviertrio op. 1 (1910)]

“… in einer Klasse mit …” . WIENER ZEITUNG, 9. & 10. Mai 2020: Eine Seite ANH.

 

” (…) Dennoch fällt sein Name im Literaturbetrieb auffällig selten – vielleicht, weil er für Leserinnen und Leser schreibt, die sich der gefälligen Empfindungsprosa verweigern, die heutzutage den Mainstream der Gegenwartsliteratur ausmacht.
Der Preis dafür ist hoch: Er wird weitenteils ignoriert. Doch fast umso trotziger widmet sich Herbst einer emphatisch verstandenen Kunst, die sich nicht auf Anbiederung einläßt. (…) kein zweiter Schriftsteller hat das digitale Medium so versatil verwendet und zugleich in das Gesamtprojekt einer Literaturproduktion integriert (…) – so subtil wie mit sämtlichen Wassern der modernen Romanästhetik gewaschen, gelangen hier digitales und analoges Schreiben zu einer transmedialen Einheit, die bis dato ihresgleichen sonst kaum wo hat. (…) “

Die gesamte Rezension >>>> online.

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