Das EndlichdasChaosamSchreibtischbeenden!journal vom Dienstag, den 27., bis zum heutigen Donnerstag, den 29. September 2022.


[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
France Musique, La Contemporaine:
Jean Louis Florentz, L’Ange du tamaris op 12 pour Violoncelle]
Da ich weiterhin nicht in den Ton fand, der für die letzten beiden Triestbriefe notwendig ist, platzte mir irgendwann leise der Kragen, weil es auf  meinem Arbeitsplatz und um ihn herum nach purstem Chaos nicht nur aussah und ich ja weiß, daß ich eigentlich, um eine Hürde zu nehmen, Ordnung dort brauche, eine sogar pedantische – etwas, das ich mit Eigner immer gemeinsam hatte. Und hier lagen noch nicht zurückgeordnet, für meinen Lehrauftrag vor zwei Jahren nicht zurückgestellte Bücher, standen massenhaft durcheinander ebenfalls nicht zurückgestellte Schallplatten, lagen Haufen von verschiedenen Korrespondenzen, auch mit Ämtern, dazu der Kindle auf dem Tauchcomputer und das auf dem, weil der Akku nichts mehr hergibt, schon lange nicht mehr genutzte iPad, sowie die verschiedensten Kabel wild ineinanderverknüllt, sonstige Papierfetzen, Zeitungsausschnitte, Manuskriptausschnitt, Postkarten zwischen den Medikamenten und und und. Wenn ich also schon nicht vernünftig zum Schreiben kam, dann doch wenigstens die Voraussetzung herstellen, es wieder zu können — wobei ich nicht bedachte (ich dachte ja gar nichts, sondern folgte dem Impuls), daß, um es hinzubekommen, die große Bücherwand neu geordnet werden mußte, denn auf dem großen Mitteltisch hatten sich auch Bücherstapel aneinandergerückt, die ihn, den Tisch, für etwa gemeinsames Essen zu nutzen (allerdings: mit wem denn, mit wem?), unterdessen schlichtweg unnmöglich machten; dazu die sonstwohin gestopften Bücher … kurz, da ich sie eigentlich nach Namen der Autorinnen und Autoren ordne, es wurde ein riesiger Eingriff, insofern ich die gesamte Bücherwand umgruppieren, ja sogar noch erweitern mußte. Womit ich also anfing. Erst einmal mit den knapp tausend Vinyl-LPs, dann mit den CDs (es waren in diesem Fall nicht viele) sowie mit den Büchern.
Das Grundverfahren war schlicht: Alles Durcheinander vom und um den Schreibtisch herum auf den Mitteltisch häufen und dann Stück für Stück diesen Mitteltisch leerräumen, um danach zu den nächsten chaotischen Zimmerstellen zu wechseln und ebenso vorzugehen. Es funktionierte, aber brauchte Stunden. Parallel schuf ich im neben dem Schreibtisch hochgezogenen Regal Platz und ordnete dort diejenigen Bücher ein, die ich mir in nächster Zeit zu lesen vornahm. Insofern diese danach aber jeweils ebenfalls ins Hauptregal müßten, waren dort die Bücher lockerer einzuordnen, als ich es normalerweise tue; normalerweise stehen sie dort so dicht an dicht, daß man immer gleich drei herauszieht, wenn man nur eines herausziehen will. Da ich mich damit mehrmals verschätzte, waren auch mehrmals die Reihen zu verschieben. Ich denke, Freundin, Sie ahnen, was sowas bedeutet (kennen es vielleicht auch von sich selbst).
Es war aber nicht nur dies. Wenn Sie Bücher verrücken, die seit Jahren so standen, wie sie’s nun grad mal tun, haben Sie allerlei Begegnungen der Dritten Art, die unbeantwortet zu lassen eine hygienische Straftat wäre. Der Staubsauger war allerdings ohnedies zur Hand, denn auf den Büchern lagen Schichten vergangener Kohleheizungs- eben nicht nur Spuren. Es war ein ungeheurer Dreck; an sich hätte ich, bemerkte gestern abend in Whatsapp die Löwin zurecht, mit Staubmaske arbeiten müssen. Arbeiten, ja “arbeiten”, zumal: zwei Tage lang die Leiter bis ganz nach oben rauf, die Leiter bis ganz nach unten runter, die Leiter rauf, die Leiter runter. Heute habe ich Muskelkater in den Oberschenkeln. Doch das Ergebnis, siehe oben, befriedigt mich sehr. Auch, wenn ich noch nicht ganz “durch” bin; der Schreibtisch selbst ist auch noch dran. Und ich bräuchte ein leicht verrückbares Beistelltischchen, damit die Arbeitsfläche sich nicht abermals undurchdringbar füllt und ich auch wieder ohne Komplikationen an die links stehende Handbibliothek (aus vor allem – für andere Berufler ungewöhnliche – Lexika) komme. Nur daß ich heute vormittag nicht weitermachen kann, weil um halb zwölf der am Montag ausgefallene Ultraschalltermin nachgeholt wird, in Moabit, also Aufbruch spätestens um elf. Vor allem muß ich auf jeden Fall vorher duschen und, wenn ich heute abend dann fertig sein sollte, nochmals duschen und das Bettzeug wechseln. Freilich, eigentlich müßte ich – und würd es gern – die Prozedur auch mit dem Musikregal wiederholen, das die Wand genau gegenüber dem Schreibtisch ebenfalls bis unter die Decke ausfüllt und in dem ja nicht “nur” die CDs stehen, sondern sämtliche Bücher zur Musik sowie Noten, außerdem die Programmhefte und -bücher von mir besuchter Aufführungen und darüber noch etwa zweihundert mit Musik bespielte VHS-Videocassetten, auf denen vom Kohleofen der Aschestaub ganz besonders liegt; auch dies alles, wenn die Asche weggesaugt, will namentlich geordnet sein, und es sind an die hundert weitere Programmhefte neu einzuordnen, die noch auf einem anderen Beistelltisch, zwischen Küchen- und Flureingang, neben der Musikcassettenwand, in drei Stapeln aufeinanderliegen. Also quasi noch einmal der ganze Dreck. Aber welch ein Gefühl, wäre auch das erledigt! Vor allem weil ich dann wieder Übersicht hätte. Daß ich es unterdessen aufgegeben habe, alles schriftlich zu archivieren, steht auf einem anderen Blatt; ich hätte sonst keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.

Und ich habe einen Entschluß gefaßt, ihn seit vorgestern auch umgesetzt: Schluß mit dem allabendlichen Serien- und Filmegucken, weil “man zu erschöpft ist”; stattdessen lesen, lesen, lesen. Das hatte meine Räum- und Putzaktion nämlich auch als Folge, daß ich mir selbst vor Augen führte, wie viele zu lesende Bücher sich angesammelt hatten, die tatsächlich zu lesen diese Filmabende rundweg verhinderten. Und es war klasse. Ich fing mit Martin R. Deans neuem Roman an, zwei Abende, und ich war nicht nur durch, sondern hatte noch Zeit genug, gleich den nächsten, längst, längst überfälligen zu beginnen, den mir Christopher Ecker mit einem Hinweis zu Nabokov zugeschickt hatte, als ich noch mitten in der Nabokovserie steckte (die ich nach den Triestbriefen als erstes wieder aufnehmen und beenden werde, damit Arco endlich daraus das Buch machen kann, wozu sämtliche Texte freilich noch bearbeitet werden müssen). Das mir von Ecker geschickte Buch ist Nicolas Borns, wie ich jetzt schon sagen kann, hinreißender Roman Die Fälschung. Welch eine Kraft bei viel, viel Leben und erzählerischer Komplexität! Fantastisch, ich fiebere heute abend entgegen, wenn ich weiterlesen darf. Wirklich ein extremes Versäumnis, dieses Buch bisher nicht gekannt zu haben.

Übrigens, Freundin, der → text+kritik-Band ist nun erschienen (bis vor zwei Tagen war er nur vorbestellbar); ich erhielt gestern einen Anruf Wilhelm Kühlmanns, der sein Belegexemplar bereits hatte, ich meines aber noch nicht. Wahrscheinlich wird es mittags im Briefkasten liegen, hoff ich jedenfalls; die Post ist derzeit nicht so zuverlässig auf dem Prenzlauer Berg. Sowie es mir vorliegt, werde ich es hier in Der Dschungel annoncieren, bin im übrigen selber gespannt, was in den einzelnen Beiträgen steht, von denen ich nur einen schon kenne; alle anderen haben die Autorinnen und Autoren unter quasi Verschluß vor mir gehalten.

So, sitze noch im Morgenmantel und will das ändern.
Ihr ANH
[France Musique, La Contemporaine:
Rautavaara, Vigilia op. 53]

***

[Abends, 18.56
Respighi,. La Fiamma]
Puh:

“Was ist mit Der Dschungel los?” fragt das abendliche Arbeitsjournal des Montags, den 26. September 2022, nicht aber, ohne von einem sehr schönen Abend für Katharina Schultens zu erzählen.

[Arbeitswohnung, 15.57 Uhr
Tschaikowski, Streicherserenade C-Dur op. 48
nach Brittens Simple Symphony, die danach noch
einmal gespielt werden wird (Denon-PCM|Digital-
Vinyl (1983)]
Unversehens kippt nicht nur etwas, sondern gleich ein ganzer Schwall klatscht auf, um weiter und, hoffe ich, immer weiter zu fließen — und das, obwohl text+kritik noch immer nicht erschienen ist, weiterhin nur → vorbestellt werden kann. Aber es i s t ja noch September. Aber daß der Schwall ein Wasserfall ist, ließ mich dennoch erstaunen, zumal, wenn er nach oben stürzt. “Was ist mit Der Dschungel los?” fragt’ es ausrufend in mir. Also daß es in manchen Monaten  einen vereinzelten Tag irrer Explosionen der Zugriffszahlen gibt, kenn ich ja mittlerweile, aber — vier Tage in Folge?

Vor dem und bis zum Donnerstag (22.) dümpelte die Statistik bei täglichen um die 150 Zugriffe mit seltenen Ausschlägen hoch bis 300 vor sch hin, aber dann – Freitag, 23., 12.926 / Sonnabend, 24., 11.737 / Sonntag, 25., 8.965 und heute, Montag, 26., sind wir bereits jetzt, um 16.12 Uhr, bei 9.565. Einen Grund kann ich nicht finden, nicht durch Interpretation der Refferer-usw.-Angaben, nicht im Netz. S e h r seltsam.

Bin noch immer nicht in der Arbeit drin, jedenfalls nicht richtig, und stand pünktlich um zwölf dann auch noch vor der “aus technischen Gründen” geschlossenen Praxis des Ärzteteams meiner Angiologin. Dabei hatte ich einen Termin, hab ihn, historisch gesehen, immer noch. Ich hoffe, daß ich jetzt nicht abermals sechs Wochen warten muß. Auch wenn es eine Kontrolluntersuchung ist, also nichts vorliegt, was gerichtet werden müßte, sondern nur die Halsschlagader untersucht. Na gut, schwang ich mich eben wieder aufs Rad, um von Moabit zurück in die Prenzlauer Berge zu fahren, nicht aber gleich in die Arbeitswohnung, sondern einfach geradeaus bis zur Kulturbrauerei, dort in den großen Hof und zum Haus für Poesie, wo ich gestern die Gedichte Manfred Hausmanns liegen gelassen hatte, von denen ich eines – kombiniert mit Daniela Danz und Ezra Pound – vorgetragen hatte, wie eben alle oder jede und jeder taten, die/der mochte. Einzige “Bedingung” war, daß es keine eigenen Gedichte sein sollten. Was ich sehr nachvollziehbar finde; so bleiben die Eitelkeiten in den Grenzen (auch die meinen, selbstverständlich).


(Auf dem Foto Hendrik Jackson – zu bereits s e h r vorgeschrittener Stunde. Deshalb die leeren Stühle; sie waren zuvor alles besetzt.)

Katharina Schultens, die neue Leiterin der gestern gut gefüllten Hauses, saß die ganze Zeit über gleich mit auf dem gewissermaßen Podium der Vorträge und nahm sie wie tatsächliche Geschenke auch entgegen. Es gab bei niemandem irgendein Konkurrenzgebaren, eher war es tatsächlich das Zusammenkommen einer stattlichen Anzahl Gleichgesinnter, pars inter pares; ihre Vorbehalte hatten sie an der an sich dafür zu kleinen Garderobe abgegeben. Aber gut, die junge, sie versorgende Dame mußte halt stopfen, bis sie selbst fast keinen Platz mehr hinter dem Tresen hatte; als ich sie zuletzt sah, schauten nur ihr Kopf sowie das obere Drittel ihres wunderbar sehnigen Halses aus dem Verstauten heraus. Wenigstens mußte sie, um atmen können, den Hinterkopf nicht in den Nacken legen. — Nicht wenige Handschläge waren im Saal eine komplett neue Erscheinung vielleicht nicht für die Welt, doch in jedem Fall Berlin. Und es fühlte sich auch fast komplett an, als ich die in Haltung und Erscheinung entzückende Ginka Steinwachs wiedersah, mit ihren kurz vor achtzig Jahren unterdessen eine alte Dame, deren Rankheit fast schon an Durchsichtigkeit grenzt. Lange bevor es den Open Mike gab, gehörte sie zu den Aktionskünstlerinnen der literischen Welt – ich könnte auch schreiben, sie sei einmal berühmt gewesen. Paulus Böhmer, sie und ich galten in meiner Frankfurtmainer Zeit als so etwas wie Girods Trio Infernal der Dichterszene. (Die es aber nicht gab, also diese “Szene”, dort; insofern war dies “gelten” ziemlich sinnlos.) – Sie, Steinwachs, habe sich einige Jahre zurückgezogen, erzählte sie mir; nun aber sei sie wieder wütend geworden. – Wie es Paulus Böhmer gehe? Von seinem Tod wußte sie noch nichts, kurz traten ihr die Tränen in die Augen, eine sehr feine, weil sie zugleich so flach war, von Ginka nicht bemerkte schaffte es auf die Haut überm rechten Wangenknochen. Dann hatte Frau Steinwachs sich wieder gefaßt: Sie mochte es nicht, daß einige von ihren Smartphones vortrugen, in denen sie die Gedichte gespeichert hatte. Ich begütigte: “Ja, Ginka, kommt es denn auf das Übertragungsmedium oder auf das an, was wir hören?” In diesem → Essay von 2014 habe ich eigens dazu geschrieben; hier genügte ein warm-ironisches Lächeln, um eines auch in ihr Gesicht zu locken.
Manchmal tatsächlich ergreifend an den vorgetragenen Texten waren oft gar nicht diese selbst, sondern die Verbundheit mit ihnen, die einige Rezendiere hier offenbarten, so daß der kleine Veranstaltungssaal etwas wie ein Frei- und Schutzraum wurde, in dem sich die durchaus spürbare Prima inter pates immer mal wieder mit einem eigenen Beitrag meldete; um die Honneurs zu geben, waren Vertreterinnen des Literaturhauses sowie der Akademie, und zwar ihrerseits mit Beiträgen, gekommen, mehr als eine Geste. Umso schmerzlicher vermißte ich Florian Höllerer vom LCB. Ohnedies waren einige Menschen nicht da, mit denen ich fest gerechnet hätte – hätt’ ich denn gerechnet. Doch Unbehagen hatte ich allein einer spürbaren Dominanz des Englischen wegen, an der ich selbst mit dem im Original vorgetragenen Pound freilich Anteil trug, wenn auch eben nicht an der US-amerikanischen Spielart. (Ich fand aber nicht nur, daß hier der Klang ganz besonders wichtig ist, sondern finde auch die Übersetzung scheiße. Vielleicht, daß ich es selbst zu übertragen versuche?) – Wobei ich mit dem häufigen Englisch in der Lyrik ganz zufrieden wäre, erklänge das Französische, Italienische, Spanische ebenso und/oder Norwegisch, Schwedisch, Polnisch usw. Aber davon wurden die meisten jungen Lyrikerinnen und Lyriker eben nicht geprägt, besonders dann nicht, wenn sie, wie der Mehrzahl (an)getan, durch den Pop geprägt sind. Andererseits erreichen sie so aber eine Flüssigkeit des mündlichen Ausdrucks in dieser anderen Sprache, an den ich selbst mein Leblang nicht heranreichen werde.
Und unversehens hatte ich meinen ersten Auftrag, nämlich in der Reihe → Lieder und Dichter mitzuwirken, wahrscheinlich im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres. Nun freut mich dieser, ich schreibe einmal, “Auftrag” ganz besonders, weil meine geradezu leidenschaftlichen Nähen zur vor allem europäischen Kunstmusik doch eigentlich bekannt sind und sich nun jemand daran erinnert hat. Ich weiß sogar, welchen Liedzyklus ich mir wünsche … – Nein, ich werde zwischen zweien wählen müssen. Darüber schreibe ich aber erst, wenn es soweit ist. Viel bedeutsamer ist etwas anderes. “Eigentlich müßten Sie doch in → Lyrikline aufgenommen werden”, sagte unvermittelt in unserem Gespräch einer der programmgestaltenden Mitarbeiter des Hauses. Es ist etwas, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe, was mich aber bisweilen auch wütend gemacht hat, weil ich mich übergangen fühlte, bewußt übergangen. Und mit einem Mal ist nicht alles, aber doch Entscheidendes anders, Türen tun sich auf. Für mich in diesem Fall sogar noch schöner, weil das Haus für Poesie ja keine zehn Gehminuten von der Arbeitswohnung weg ist. “Ich denke so an”, sagte er weiter, “zehn Gedichte”. Was klasse ist, weil ich nun aus jedem Gedichtband ein Gedicht heraussuchen kann, aus dem Ungeheuer Muse werden es wohl zwei, ebenso aus den Béarts.
Durchaus nicht nur freudetrunken gelangte ich dann irgendwann auch heim und scheine mir dann noch den Tatort reingezogen zu haben, wovon ich aber nichts mehr weiß oder nur eine insofern dumpfe Ahnung habe, weil, als ich erwachte, an meinem Bett Murot stand, bzw. schwebte sein blickverwirrtes Gesicht blickverwirrt noch viel mehr und verpuffte erst, als ich begreifend erschrak, verschlafen zu haben. Meine Güte, acht statt sechs! Für mich bedeutet das ja immer, der ganze Tag fällt hinweg, also für ernsthafte Arbeit. Dazu dieser auch noch geplatzte Ärztintermin. So komme ich immerhin, liebste Freundin, dazu, wieder Arbeitsjournal zu schreiben, worin halt von der eigentlichen Arbeit sich heute nichts berichten läßt. Aber über Freude. Und toll war, übrigens, Sabine Scho wiederzusehen und diesmal auch – zu hören.

                 Ihr

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(Nun, um 20.10 Uhr, hat Die Dschungel bereits 11.146 Zugriffe. Ich fass’ es nicht.)

Es l e b e n lassen, das Tattoo! Das Zeichnen- und Montierjournal des Sonnabends, den 24. September 2014.

[Arbeitswohnung, 18.08 Uhr
Holmboe, Steichquartett N. 10 op. 102 (1969)]
Da ich mich nun entschlossen habe, die letzten Triestbriefe zu schreiben, bevor ich zur Erstellung der zweiten Romanfassung die Notate der → Recherchereise in sie einpflege, aber in den Text schon gestern nicht richtig hineinfand, habe ich den Tag bisher fast ausschließlich mit dem Entwurf der Weiterentwicklung → meines Bioport-Tattoos verbracht:

Sie wissen ja, Freundin, um meine Idee, es ständig sich verändern, gleichsam wachsen zu lassen; im Frühjahr wahrscheinlich werden erste Blätter an die Ranken kommen, möglicherweise danach auch, aber kleine, Blüten. Es soll nicht kitschig werden. Vor dem wird allerdings noch ein kleiner Zusatzeingriff nötig werden. Nämlich ist mir in der Triskelenmitte das Shakti-, mithin Venusdreieck nicht konturiert genug. Zwar habe ich auch daran heute herumgebastelt, aber alles, was ich zuwegebrachte, war mir zu unorganisch, also aufgesetzt. Hier auf der Abbildung zwar ist es deutlich erkennen, nicht aber in der bisherigen Ausführung, da steht es, weil nicht auf der Spitze, sogar falsch:

Da also muß nachgebessert werden. Doch erst einmal die Ranken.

Bin übrigens wieder auf 67 kg; zweieinhalb der während der Reise verlorenen mithin sind trotz der kurzen Krankheit schon wieder drauf. Was ich beruhigend finde. — Ach so, sicherheitshalber noch einmal, weil es sich offenbar noch nicht herumgesprochen hat: Ich habe → die Hamburger Veranstaltung leider absagen müssen, doch wird sie ebenso nachgeholt werden wie die für den 18. 10. geplante Karlsruher, die gestern wiederum mir abgesagt worden ist, leider; die Hamburger soll nun entweder zu Ende Januar oder Februar stattfinden, die Karlsruher in eben diesem Zeitraum. Bitte schauen Sie in der rechten Spalte unter “Veranstaltungen”; sowie der genaue Termin steht, wird er dort eingefügt werden.

Ihr ANH

P.S.: Gestern abend noch einen sehr schönen Gesprächsabend mit Hendrik Jackson verbracht, viel und lang außer über auch Persönliches über vor allem Lyrik gesprochen. Mit der meinen habe er Probleme – was aber so gut zu erläutern vermochte, daß es nicht die Spur schmerzhaft sondern, glaube ich, der Beginn einer Diskussion war, die in Lyrikerkreisen zu führen ich mir doch immer so gewünscht habe. Ich gab ihm → Das Ungeheuer Muse mit. Und tatsächlich mailte er mir heute schon einen ausführlichen kritischen Brief → zur Entsteigenden, auf den ich aber erst wieder im persönlichen Gespräch reagieren werde; und kurz darauf landete eine zweite, diesmal hellauf begeisterte Mail in meinem Postfach, diesmal zu → Ich habe so geweint im Schlaf.
Dieses 1 : 1 gefällt mir selbstredend sehr.

Krank. Da war denn mit Arbeiten nichts. Als Arbeitsverhinderungsjournal des Mittwochs, den 21., auf Donnerstag, den 22. September 2022.

[Arbeitswohnung am Donnerstag, den 22. September 2022, 7 Uhr
Stille (außer etwas Spatzenstreiterei auf dem zweiten Hinterhof)]
Abends zuvor, also Dienstags, war noch nichts zu spüren; doch gleich gestern morgen Schwindel beim Aufstehen und heftiges Gliederreißen, geradezu Muskelschmerz, in den Beinen, und nach der langen, wirklich langen heißen Dusche — ich heize ja nicht, und mir war kalt — ging es mit einem Schüttelfrost los sondergleichen, so daß ich mich nach dem Latte macchiato und wenigen Blicken ins Netz gleich wieder hinlegte — bekleidet und mit Krawatte klugerweise, um dem Körper zu signalisieren, nein, ich lasse mich nicht wieder ins Bett zwingen, auf dem ich freilich nun dennoch lag —, um anderthalb weitere Stunden erst einmal, vielleicht fünfzehn Minuten lang vor mich hinzuzittern, mich hinwegzuschlafen. – Als ich aufwachte, war die Zitterei vorbei, dafür hatte ich Fieber.
Mein erster Gedanke war, scheiße, jetzt hast du schon w i e d e r Corona, was wegen der überfüllen Zugfahrt von Wien nach Berlin hätte gut möglich sein können, nunmehr wahrscheinlich der Omikron-Virus, der die bisherigen Impfungen bekanntlich unterlaufen kann und also auch den Genesenenstatus. Doch der Schnelltest sprach ihn frei. Das war erstmal erleichternd. Dennoch, Druck auf die Lunge, das Fieber … na gut, 38,2 ergab die Messung, die mittags von einer zweiten bestätigt wurde; also nur der Anfang von Fieber. So daß ich den Tag mit wechselndem Liegen & Schlafen und hin und wieder am-Schreibtisch-sitzen verbrachte, für die Arbeit indes unkonzentriert, und zwar komplett. Ein bißchen Husterei, sonst aber nichts außer diesem Lungendruck und einer teils heftigen … ich möchte es eine “Wirklichkeitsunsicherheit” nennen, die schon eingesetzt hatte, bevor ich — gegen die möglicherweise Entzündung sowie vor allem, um Appetit zu bekommen; auf keinen Fall wollte (und will) ich abermals unter 65 kg rutschen — … bevor ich also zu den THC-Tropfen griff, die dann auch wieder gut funktionierten. Erstens mußte ich dauernd, sowie ich wieder wach wurde, etwas essen, zweitens ist heute morgen die möglicherweise Entzündung schon wieder eingedämmt. Genauso war es in meiner Coronawoche gewesen, bestätigt sich mithin. Ich kann Ihnen, Freundin, also nur nochmals Dronabinol empfehlen, sollte der Virus auch bei Ihnen auf die Lunge schlagen. Wobei selbstverständlich das, was ich eben “Wirklichkeitsunsicherheit” nannte, durch Cannabis weißGöttin nicht behoben wird, sondern eher verstärkt. Aber der Tag war eh für die Arbeit dahin.
Um siebzehn Uhr dann ein feines Whatsapp-Videogespräch mit der ausgesprochen elegant wirkenden Löwin, die in alles einigen Witz brache, auch in das, was das Geschehen des Sonntags anbelangt, das mir immer noch nachging und möglicherweise Anteil daran trägt, daß ich mir diesen offenbar Infekt eingefangen habe. Ich meine, da ich keinen Magen mehr habe, kann mein Körper auf solch schmerzhafte Hilflosig-, ja Geworfenheiten nicht mehr “klassisch” reagieren, nämlich mit meinen Magenkrämpfen, und sucht sich nun wohl andere Wege, die er, da er nach wie vor stark ist, halt auch findet. Und schickt mich auf die Ersatzbank, wo ich ausharren muß, bis der Körper dem Virus genügend in den Arsch getreten hat, physisch, und, psychisch, Geist & Herz die Kränkung überwunden haben. In aller Regel, ich merke es schon jetzt, geht das schnell — relativ schnell, selbstverständlich; einzwei Tage muß ich schon rechnen.
Jedenfalls legte ich mich, komplett ungewöhnlich, bereits um 22 Uhr zur Nacht, scheine auch sofort eingeschlafen zu sein; wie immer, wenn ich krank bin, TShirt an und Socken, etwas, das ich gesund nicht ertrage. Meinen Abendwein hatte ich mir komplett gestrichen und tagsüber auch die Pfeifen extrem reduziert, wobei es ein Vorteil ist, daß ich im Bett noch nie rauchen konnte, ich habe liegend einfach kein Bedürfnis danach, was sich geradezu schlagartig  ändert, sowie ich wieder aufstehe. Der Turnus eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen/eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen usf. war insofern auch Lungenschutz. Und einmal ging ich hinaus, um von Lindner das – im freien Handel –  unübertreffbare italienisches Brot zu besorgen und auch sonst noch einige nötige Einkäufe zu tätigen, dies alles zu Fuß, nicht mit dem Rad, für das ich einerseits zu zittrig gewesen wäre; vor allem aber war es nach einmal fünf und zweimal vier THC-Tropfen aus Gründen der Verkehrssicherheit zu meiden. Ich wollte zudem das Gefühl zu gehen genießen und kam, obwohl ich’s schlendernd tat, ins Schwitzen. Ahà, Bestätigung. Später wieder die drei Stockwerke hochzusteigen, machte mir indes nichts aus, ein angenehmes Indiz dafür, daß die, wenn es denn eine beginnende war, Lungenentzündung bereits gut abgewehrt wurde. Danke, Körper, danke.
Dennoch, obwohl ich heute morgen zwar noch nicht völlig wiederhergestellt bin und besser noch, wie meine geliebte Großmutter zu sagen pflege, “langsam machen” sollte, habe ich → die Hamburger Veranstaltung des kommenden Sonntags abgesagt, schon, weil Lou Probsthayn ja Zeit haben muß, das Hotel zu stornieren; er reagierte traurig:

… das ist wirklich „bitter“, zumal es das 15 jährige des Literatur Quickies ist. Sehr, sehr schade, da einige der Gäste nur deinetwegen usw. Ansonsten Dir gute Besserung. Und sieh in Deinen Kalender, prüfe die ersten 5 Monate 2023 und vielleicht schickst Du mir einen Terminwunsch. Es ist immer der letzte  Sonntag eines jeweiligen Monats.

Ich werde ihm noch heute Vormittag antworten. Es wär jedoch ohnedies ein knapper Ritt gewesen, weil ich am Montagvormittag darauf einen wichtigen Termin bei meiner Angiologin bekommen hatte, der, reiste ich noch so früh von Hamburg zurück, möglicherweise nicht einzuhalten wäre. Nun werde ich den quasi freigewordenen Termin nutzen, um an Katharina Schultens‘ → Einführungsfest als neuer Chefin des Hauses für Poesie teilzunehmen — sofern der Infekt denn auch wirklich aus meinem System gefeuert worden sein wird.

 

Bin weiterhin etwas zittrig momentan, ja, aber arbeiten werde ich heute schon wieder können. Wichtig dabei, immer wieder Form, – noch sitz ich eingemummt in den Winter(!)bademantel hier – daß ich mich wieder kleide, auch Hemd und Krawatte tragen werde, ganz wie ich’s bereits gestern tat, um dem eignen Geist deutlich vorzuführen, man(n) lasse sich auch von Infekten nicht beugen oder schlüpfe gar unter eine der Nacht vorbehaltene leinenbezogene Bettdecke, ziehe sich gleichsam zurück. Oben schrieb ich ähnlich ja schon. “Erlaubt” und wohl auch nötig ist, sich hinzulegen, wenn der Körper neu gesteigerte Schwäche zeigt, aber eben nur bekleidet und unter eine Steppdecke auf das gemachte Bett (bei mir bekanntlich sowieso Couch).

Noch immer bin ich mir uneines, ob erst die letzten beiden → Triestbriefe schreiben und dann erst die Umarbeitung zur Zweiten Fassung oder ob umgekehrt. Ich werde die bislang letzten zwei bereits fertigen Briefe nachher noch einmal lesen und danach entscheiden. Vor allem muß ich auch Einfälle haben. Aber die Löwin hat schon recht, als sie mir gestern sagte: “So durchgetaktet und minutiös, wie du sonst arbeitest, wirst du die erste Fassung erst einmal beenden müssen, bevor du die zweite angehen kannst.”

Ihr ANH
[9.55 Uhr]

 

Immerhin fand ich denn doch – als Arbeitsjournal des Dienstags, den 20. September 2022 – in die Arbeit.

Wenn auch, wie mir vorgenommen, “nur” mit erster Durchsicht sämtlicher Notatate, immerhin fünfzehn zweispaltige Seiten in 10erPunktSchrift, wobei ich allerdings auf Seite 10 einhielt, als es an die Aufzeichnungen zur Triestreise ging. Damit wird es gleich weitergehen, wenn die beiden jungen Handwerkerherren, die meinen Wasserboiler austauschen werden – womit sie soeben beschäftig sind -, ihre Arbeit zuende gebracht haben werden. Ich meinerseits werde diese Zeit nutzen, um mal wieder mein Instagram zu versorgen – dem Anraten meines Sohnes folgend, mit “Stories”. Im übrigen gab es gestern einen mich überraschenden, fast sogar ein bißchen überrumpelnden Anruf, der → das Geschehen des Sonntagmorgens … nein, nicht aus der Welt räumen, da ist es ja nun drin, sondern erklären wollte. Was zwar allenfalls ansatzweise passierte, aber die Tür lehnte immerhin nur noch an und wurde vermittels noch folgender Whatsappbotschaften zentimeterweise weitergeöffnet. Jetzt braucht es, glaube ich, noch etwas Ruhe und Abstand, dann werden auch meine inneren Wogen wieder einen Pazifik glätten, wie er zur Zeit Magellans ihn begrüßte, so daß er ihm diesen Namensgebung gab. (Es hat ihm freilich nicht viel genützt, brach er doch selber, mit Waffen, den Frieden und kam denn durch Waffen auch um.)

Also die Notate. Folgende fügt sich wunderbar in eines der schon niedergeschriebenen Romanmotive ein:

Hexen haben eine besondere Vorliebe für die Tage, die der Aberglaube als schändlich be­zeichnet, näm­lich Dienstag und Frei­tag. Und in ihnen fühlen sie sich in der Stimmung, unter den Männern den Ver­liebten zu suchen. Und sie führen sie in Ver­suchung. Und so wie die Welt der Sterblichen sehr vielfältig ist, so gibt es auch Menschen, die es wagen, mit He­xen Bekanntschaft zu machen. Man nennt sie Cavalcantes, weil sie, nach­dem sie sich mit den Hexen verbündet haben, in ei­nem teuflischen Wirbelwind mit ihnen durch die Luft reiten. Jeder Cavalcante ist mit Feuer mar­kiert. Auf seiner linken Schulter trägt er den Auf­druck eines Hufeisens.
(Übersetzt aus Pinio Gudi,Storie e legende del Carso)

Im Roman gibt es eine Stelle, in der eine der Hauptpersonen eine Karlsruhe Nacht mit einer nicht ganz geheuren Frau verbringt, die ihn morgens heftig in die linke Schulter beißt. Ganz woanders entdeckt eine aber auf dem Triester Karst am Rand des Rosandra-Naturschutzresservats lebende  sozusagen Parallelfigur genau diesen Biß an seiner eigenen linken Schulter. Diese Szene muß ich nun nur noch dahin ändern, daß die Bißwunde die Umrisse eines Hufeisens zeigt, und schon habe ich eine Karstlegende in den Roman eingefügt. Was ich selbstverständlich nur Ihnen, Freundin, und alleine hier erkläre. Im Roman wird es Anspielung bleiben, aber Lenz (diese zweite Figur) fortan immer mal wieder “Cavalcante” genannt werden. Ebenso vortrefflich fügt sich in die Karstszenen ein, daß Scipio Slataper diese Landschaft einen versteinerten Schrei genannt hat und des weiteren davon spricht, sie es gar nicht, Landschaft, sondern ein Zustand. Das geht mit dem sich geradezu eremitär zurückgezogenen Lenz exakt zusammen.
Für Triest wiederum, wohin der Karst hinabfällt, und dieser Stadt Bewohner gibt es ähnliche Nähen, etwa der Sídhe zu – ausgerechnet! – James Joyce, wenn wir nämlich →ihre Moto Guzzi V7 an die Stelle des Pferdes seiner geliebten, so sehr noch jungen Schülerin setzen:

The Lady goes apace, apace, apace … […] Pure air and silence on the upland road: and hoofs. A Girl on horseback. Hedda! Hedda Gabler!
(James Joyce, Giacomo Joyce)

Selbstverständlich, auch wenn kaum jemand es merken wird, werde ich hier Parallelen ziehen. Dazu, abermals Lenz – dem meine, merke ich gerade, Empathie weit mehr gilt als dem “eigentlichen” Protagonisten, Lars -, dennoch durch diesen (in seinem ersten Bratschenkonzert) Anspielung auf Hindemiths → “Schwanendreher“, als solchen er sich selbst sah, nämlich als heimatlosen Spielmann, was aber Lenz sehr viel mehr ist, indem er es lebt – indessen es sich Lars bei aller Liebestrauer doch recht kommod gemacht hat.

Also wenn ich mir dies alles so anschaue, ist eigentlich deutlich, daß sich mein Sonntagmorgensimpuls, die Arbeit an den Triestbriefen einzustellen oder wenigstens erst einmal ruhen zu lassen, längst schon selbst gelöscht hat. Ich bin mir nur noch unsicher, ob ich jetzt erst einmal die beiden noch fehlenden Briefe schreibe oder tatsächlich schon beginne, nämlich ohne sie, die Erste Fassung des Typoskriptes zur Zweiten umzuformen. Es wird sich einiges doch sehr ändern; vielleicht wäre der Text dann eine bessere Vorlage, ihn zuendezuschreiben.

Ihr ANH
[Arbeitswohnung, 12.45 Uhr]

(Die Handwerker sind immer noch da.)

“Nie ein Teil davon zu sein”: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen “Degusteria” km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, “unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!” Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

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Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: “Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.” Habe ich je aus egoistischen “Karriere”gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

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References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Gestern abend vorm Tommaseo. Briefe nach Triest 61.

Das TOMMASEO ist mein, sofern es sich während der → Triestrecherchen einrichten läßt, allabendlicher quasi Meditationsort, an dem alle Personen des Romans verkehren, die hier leben — teils allerdings, ohne sich zu kennen; eine Konstruktion, aus der sich durchaus witzige Situationen ergeben, die ich dort hockend ersinne. Es ist dies nebenbei eine kleine Anspielung sowie Erinnerung an das (leider nicht mehr existente) Berliner SILBERSTEIN der Andersweltromane; allerdings ist das TOMMASEO für die Triestbriefe nicht ganz so zentral, eher ein Nebenschauplatz – was, “Schauplatz”, Sie bitte wörtlich nehmen möchten, liebste Freundin. Denn genau gegenüber, im neben der Molo Audace nordnordöstlichen Hafenbecken, springt nicht nur die Lydierin kopfvoran in das Wasser, sondern genau gegenüber und in diesem grandiosen Licht steigt eine Gesandte der Venere di Carsomare aus der See und schickt sich an, zu der so rätselhaften Statue zu werden, daß sie in die depositi des Museos Revoltella verbracht werden muß, aus denen sie noch später unter noch rätselhafteren Umständen wieder verschwindet.

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Heute beginnt der vierte Recherchetag und damit zweite Abschnitt meiner Reise. Denn um zehn Uhr werde ich, muß vorher allerdings noch tanken, den geliehenen Wagen wieder abgeben und also alles übrige zu Fuß erledigen. (Ich bin tatsächlich derart eng getaktet, daß ich längere Arbeitsjournal oder überhaupt welche kaum schreiben kann. Doch können Sie die Reise über meine “Stories” bei Instagram verfolgen.)

Ihr ANH
Via Tigor 14, 7.11 Uhr

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Briefe nach Triest 62

Briefe nach Triest 60

Figur im Eingang des Hauses meiner Unterkunft.

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