Messejournal. Donnerstag, der 18. März bis Sonnabend, der 20. März 2010.

LEIPZIGER BUCHMESSE FRÜHJAHR 2010

Do 18.3.

5.41 Uhr:
[Arbeitswohnung, Berlin.]
Sò. Vier Stunden tiefsten Schlafs, nunmehr der erste Latte macchiato, eine Zigarette, dann unter die Dusche, vorher rasieren, dann zusammenpacken und ab. Um halb sieben ruf ich mal bei Eigner an. Gestern nacht fand ich eine Anfrage im Mobilchen, ob ich am Freitag an einer Diskussion >>>> “zu den Plagiaten” teilnehmen wolle, es gebe 250 Euro Honorar, “bitte rufen Sie zurück, gern auch bis in den Abend”. Da war’s, als ich’s hörte, aber schon ein Uhr nachts; hätt ich unhöflich gefunden, der Aufforderung noch nachzukommen. Ich werd’s vom ICE aus tun. Es fragt sich ja eh, ob diese Veranstaltung in Leipzig stattfindet. Doch stop! ick will mir nich’ verschwätzen.

6.52 Uhr:

Es geht los. >>>> Truffauts Aurore weckte شجرة حبة zuerst, ein wenig später Eigner, der wach indes schon war. Treff auf dem S-Bahnsteig in einer Viertelstunde.

Es ist dann dermaßen viel los, daß ich überhaupt nicht dazu komme, hier etwas zu schreiben. Bereits um zehn Treffen mit Barbara Stang und Egon Ammann am Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage, nicht aller, selbstverständlich, Diogenes hat s c h o n noch einen eigenen, großen. Das erste Fernsehteam rückt an, um halb elf telefoniere ich mit dem Kölner Journalisten wegen >>>> des Forums beim SWF, zu dem nun auch Lothar Müller von der SZ hinzustoßen soll. Nachmittags werden hierfür noch einmal SMS’e und Emails geschickt, die ich allerdings erst nachts in meiner Unterkunft einsehen kann. Und ab geht’s zu den>>>>> horen, wo Eigner bereits Autogramme gibt, während schräg gegenüber Bernd Rauschenberg und sein genialer Buchgestalter >>>> Friedrich Forssmann den sächsischen Rotwein verstecken. Die neue Riesenausgabe von Zettels Traum liegt dort als grünwaldiger Blindband auf dem Tisch, worin eine Titania verborgen. Wir wollen sprechen, die Elfenkönigin und ich, sie vertreten durch ihren Herrn Generalsekretär, aber noch, heute, kommt es vor Termindichte nicht dazu. Los zu den >>>> Kulturmaschinen, mit Barrientos Krauss und Sukov gleich weiter zu meiner Lesung.

LITERATURCAFÉ, Halle 5 A 200
12:30 – 13:00
Alban Nikolai Herbst: Selzers Singen:
Phantastische Geschichten und solche von fremder Moral
Moderation Simone Barrientos Krauss
Kulturmaschinen Verlag

Das Lesecafé ist kaum gefüllt nach der öd-weiblichen, jammerigen Lesung davor, es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als beherzt einen der ganz lockeren Texte vorzutragen, der mehr von seinen Einfällen und einer forschen Dynamik lebt, als daß das wirklich Literatur wäre. Weiß ich auch, war ein Gelegenheitstext, er macht aber Spaß. So füllt sich der Raum denn auch, während aus der Nachbarschaft Musikzeugs herübertrötet, dann wieder Applauswellen zu hören sind, dann tanzt noch mal der deutsche Schlager für Wirsinddasvolk. Aber wie unauffällig steht mit einem Mal شجرة حبة da, setzt sich. Ich kann sie kaum gleich begrüßen, da kommen Leute mit Büchern und möchten Autogramme, ich schrieb schon mal, daß ich mit sowas nicht viel anfangen kann. Doch wenn es die Leute glücklich macht, denk ich mir, dann kritzel ich halt. Wir müssen was essen, zum Rauchen geht’s immer wieder hinaus vor die Hallen, das sind die kommunikativsten Plätze, zumal der Frühling, ich muß das so sagen: ausgebrochen ist. Ganz herrlich. Dann ist schon mein nächster offizieller Programmpunkt erreicht:LITERATURCAFÉ, Halle 5 A 200
14.00 – 14.30 Uhr
DER SPRUNG ÜBER DIE KANTE /
»DAS SCHREIBEN ALS KUNST.«
Alban Nikolai Herbst & Johann P. Tammen
präsentieren den aktuellen Band der
Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik
»die horen«.
Zur Erzählkunst Gerd-Peter Eigners.

Die Lesung, überhaupt die Veranstaltung, wird grandios, der Raum ist diesmal von Anfang an voll, schließlich proppevoll. Eigner liest ein inneres Stück, er läßt sich vom ShowVerlangen absolut nicht beeindrucken, bleibt bei sich, für das Feuer sorgen Tammen und ich: Tammen hochseriös, immer warmherzig, klug argumentierend, aus dem Handgelenkt klopft er Eigners Verlag sozusagen mahnend von hinten an den Hinterkopf; ich selber eher aggressv sowieso in der Grundstimmung, Eigners Unerbittlichkeit spiegelnd, sie dadurch begreiflich machend. Riesenapplaus schließlich, Eigner schwebt zurück zum Stand, ich hab schon den nächsten Termin; >>>> Phyllis Kiehl ist eingetroffen, sie stand plötzlich bei den horen, ich nehm’s in die Hand, sie einigen Verlagen vorzustellen. Erst mal aber der Wiener Residenz Verlag, Αναδυομένη zieht mit uns; ich will meine >>>> Křenek-Idee vorschlagen; wir verhandeln bereits vorsichtig, die Hauptfrage eines solchen, sagen wir, Inszenierungsbuches ist die Finanzierung, die sich eben auf gar keinen Fall über den freien Verkauf tragen wird. Wir sprechen, wir erwägen fast eine Dreiviertelstunde, Verlagsleiter Bitsche läßt mich das Projekt auch seiner Programleiterin vorstellen. Und schon weiter zu Luchterhand, Termin für den nächsten Tag ausmachen, dann beim Kinderbuchverlag erstes Händeschütteln; ich muß erklären, daß ich der Rundfunksendung halber am nächsten Tag eine Viertelstunde zu spät kommen werde. Das Interesse an dem, ich nenne ihn bewußt so: Jungenroman ist ungebrochen, imgrunde wird es hier nur noch um die Vorschußfrage gehen. Weiter an den im Vergleich zur Frankfurter Messe vor einem halben Jahr sehr schönen Stand der Kulturmaschinen; ich bin höchst zufrieden mit meinem einfachen Erzählbändchen: es liegt gut in der Hand, der Satzspiegel ist ausgezeichnet, die Druckqualität kann man hinnehmen, das Buch war ja wie von Hupp auf Schlupp aus dem polnischen Boden gestanzt. Ich hab die Idee, am Sonnabend morgen hier noch einmal eine Lesung zu machen, um Aufmerksamkeit direkt auf den Stand zu lenken. Im übrigen fungiere ich als Drehscheibe für Kontakte; der kleine Verlag braucht sie, Hände werden geschüttelt, bis sie abfallen fast. “Ich bin was fertig!”, sagt Barrientos Krauss, als abends in der “Tenne” ein Glaseimer voll Rotwein gereicht wird. Aber so weit sind wir noch nicht, wir müssen erst noch zu >>>> Mare weiter. Katja Scholz, meine Lektorin dort, und Niko Gelpke, der Verleger, ziehen mit mir ins Café ab; die Zukunft von >>>> MEERE ist zu besprechen, das dauert einige Zeit. Wir haben einen, jungenhaft gesagt, Plan. “Aber hast du nicht auch noch was anderes?” Hätt ich, würd ich auch gern schreiben, gerade für Mare, aber ich kann mich nicht zerreißen zwischen den Projekten. Der nächste Roman, der “ansteht” i s t halt ANDERSWELT III. Wir sprechen nahezu eine Dreiviertelstunde. Danach geht’s wieder zu den horen hinüber, unweit steht >>>> Verbrecher Jörg Sundermeier, dort steht nun auch >>>> Benjamin Stein, mit dem ich ein Treffen für den nächsten Tag direkt bei >>>> Beck ausmache. Der Rotwein wird entploppt, wir fangen an zu rauchen, es gongte ja, der erste Geschäftstag der Messe ist vorüber.Jetzt wird’s mit der Unterkunft kompliziert, Barrientos Krauss und Sukov haben eine kleine Wohnung am Stadtrand, juppwiheidi, gemietet für die Zeit, da hab ich ein Bett mit drei andern in einem Vierbettzimmer. Buchmessen sorgen immer wieder für die komischsten Situationen. Irgendwie wollen wir vor allem zu den horen-Leuten, mit denen wir dann bis spät nachts in der “Tenne” essen und trinken, absolut volksnah, unendlich freundlich, es wird rasend spät. Und jetzt, Leser muß ich bereits wieder los. Es ist morgens, ich will mich auf die Rundfunksendung vorbereiten, zur Messe werd ich erst nach dem Funkhaus kommen, sowas gegen elf/halb zwölf.Fr 20.3.

Klasse Hektik am Morgen. Aufgrund eines sächsischen Verhörers (ich: “Gleisstraße”, er: “Gleiststraße” – Kleiststraße -) lande ich im völlig falschen Stadtteil, beide lachen wir heftig, der Taxifahrer und ich – und mit Tatütata, sozusagen, geht es durch die halbe Stadt zurück, quietschende Reifen sodann, der Staub Arizonas wirbelt zu Leipziger Dachpfannen rauf, im Studio wartet Lothar Müller. – Moment, Barabara Stang kommt gerade.
Also. Quietschende Reifen, der Arizonastaub, Lothar Müller undsoweiter; wie alle, aber ohne die Reifen, werden in das kleine Studio gequetscht, sowas um einen Quadratmeter Grundfläche, die zu einer Art kleinem Deutschland wird, als sich Köln und Baden Baden dazuschalten. Übers Gespräch sag ich hier nichts, das können Sie sich ja am Spätnachmittag anhören. Ab ins neue Taxi, Reifenquietsch pp, weil Lothar Müller um elf einen Termin auf der Messe hat, und es ist jetzt zehn vor elf. Mittendrin ruft das Studio, also der Studi-ist, bei uns an: ich habe mein Mobilchen im Studio vergessen. Müller muß aber weiter. “Rufen Sie mir ein anderes Taxi, bitte.” Dann steht ich wartend am Fahrbahnrand gegenüber und rauche, weil das Taxi braucht. Gegen zwanzig nach elf, wir überfahren zwei rote Ampeln mit Bravour, klasse, wundervoll, schwärmen vom Frühling, also gegen zwanzig nach elf bin ich bei dem Verlag. Ich muß nachher noch mal hin, ich will für die Fertigstellung des Buches einen Vorschuß, damit ich das leidige Geldzeugs losbin für die Zeit; anders schreibe ich nicht weiter, Punkt. Wenn man das Ding dann will, übergebe ich die geschäftlichen Dinge Barbara Stang. Hin und her, dann kommt der Verleger selbst, “kommst du bitte nachher noch mal her?” Mach ich, muß aber jetzt zu Luchterhand, wo mich Siblewski versetzt. Das ist kein böser Wille, sowas kommt auf der Messe halt vor. Statt dessen kommt meine Präraffaelitin Stang, wir planen weiter, ich muß noch zu Klett Cotta, sitze aber jetzt für den ersten Grappa des Tages bei den horen, dann geh ich schräg nach gegenüber für den ersten Rotwein zu Bernd Rauschenbach/Arno-Schmidt-Stiftng, und um 15 Uhr treffe ich Benjamin Stein bei Beck. Eigner hat Schokolade für mich.Später, geschrieben bereits am 20.3.:
Erneut zum Jugendbuchverlag, parallel führt Stang ein Gespräch mit einem großen Traditionsverlagshaus, das wie das Hornberger Schießen ausgeht, jaja, k e i n Bezugsfehler. Jugendbuchverlag und ich, Cheflektor, Verleger und ich, heißt das, finden einen riesigen schweren samtenen Vorhang in einer der Hallen, hinter dem alles leergähnt. “Hier haben wir schon gestern, mit Russell Crowe, geraucht und den Vertrag besiegelt”, sagt der Verleger, was ich symbolisch begreife und mich ihm eine meiner (genießen Sie das Wort:) Vietnamesenschmugglerzigaretten anbieten läßt, die er aber ablehnt, war von mir ein Fehler also. Denn er mißtraut den Vietnamesen. Um so handelseiniger werden wir, morgen geht’s ab nach Bologna auf die Internationale Jugendbuchmesse; wenn alle zurücksind in anderhalt Wochen, wird der Vertrag mit Stang gemacht. Dann habe ich zwei Monate lang Geld und Ruhe und werde das Buch weiter- und zuendeschreiben. Wir finden sogar das Format, ich auch hier: “Ich will von der Hardcover-Scheiße weg”. Später UF: “Du hast ‘n Knall, der Satz hat Dich 2000 Euro gekostet.” “Washalb’n das?” “Weil man von einem Taschenbuch keine Taschenbuchrechte mehr verkaufen kann.” Is mir wurscht, mir geht diese Zwei- und Mehrfachbenutzung überhaupt auf den Keks, ich schreibe dazu auch zu viel, um mir über sowas Gedanken zu machen. Weiter zu Klett Cotta. “Du antwortest auf k e i n e Email mehr, oder?” Der Verleger, einer der beiden Tropen-Leute, nimmt mich beiseite. “Wollte sowieso eine rauchen. Laß uns vor die Tür gehen.” Ich denke, gut, krempeln wir die Ärmel hoch. Aber er ist viel zu lieb, um sich zu prügeln. Mir ist klar, daß das jetzt eine Absage geben wird. “An sich gehörst du zu d e n Autoren, die zu uns müßten, ja, wir sind der Verlag der Solitäre. Aber das geht zur Zeit nicht. Wir müssen den Verlag neu aufstellen im Markt, gegenüber dem Buchhandel” usw. Hinzukommt, daß einer der wichtigsten internationalen Gegenwartsautoren, den der Verlag vertritt, auch schon nichts mehr, oder kaum mehr was, verkauft. “Wir k ö n n e n einfach nicht noch so eine Trilogie herausbringen.” Dann kommt nahezu der gleiche Satz, den mare vortags zu mir gesagt hatte: “Kannst du nicht einen neuen, einen kürzeren Roman für uns schreiben? Den würden wir machen.” Ich: “Nee, wirklich! Ich lege jetzt nicht ANDERSWELT III abermals für anderthalb Jahre beiseite, das ist nach WOLPERTINGER das zweite Lebensprojekt, ein drittes hab ich im Kopf, das schreib ich im Alter. Jetzt will ich erst einmal ARGO veröffentlicht sehen.” Jedenfalls ist die Klett-Cotta-Hoffnung gestorben; da sich auch kein weiterer Verlag an den 1500seiter traut, geh ich davon aus, es wird k e i n e n deutschen Verlag mehr für meine großen Arbeiten geben. Da ich umgekehrt immer wieder Anfragen nach dem Buch bekomme, da außerdem gerade ANDERSWELT längst literarwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand ist, m u ß das Ding greifbar sein. Wütend, gegenüber UF, sag ich: “So, jetzt mache ich den Text lektoratsfähig, dazu brauch ich ein Jahr, dann stelle ich ihn komplett als pdf ins Netz.” “Das läßt du bleiben!” Ich hab aber keine Lust mehr, ich habe vor allem keine Lust mehr, noch Klinken zu putzen. Sag ich Stang auch so, nachts im Messeclub, der einmal Presseclub gewesen. Wo ich nach abermaligem Essen mit den horen als Herr Musel erscheine, weil man eine Einladung braucht, um hineinzukommen; Musel mir die seine mitgegeben hat. “Guten Abend, Herr Musel, schön, daß Sie da sind.” Von hinten haut mir jemand leicht übern Kopf: Eisenhauer. Der sitzt da und wartet, und wir reden. Ich sag ihm, was ich nachmittags schon Klett Cotta gesagt hatte: “Dann muß ich jetzt von den Büchern insgesamt weg, von der Romanidee als Buch, und muß Wege gehen, die das Sterben des traditionellen Buchmarktes noch beschleunigen werden. Und muß das aggressiv tun: Bisher habe ich versucht, mich zu arrangieren, von nun an muß ich bekämpfen.” Er nickt, ist letztlich viel radikaler, als ich selbst es bin, wir kungeln Google-Kontakte aus. Man schenkt Google die Buchrechte, erscheint von allem Anfang an als Online-Publikation, vielleicht, für die Buchfetischisten und damit die Bücher zitierfähig und vor allem als solche auch erfaßt sind, macht man mit einem kleinen Verlag eine sehr kleine Buch-Edition d a z u , dies aber nicht mehr als Haupt-Publikationsmedium gedacht. Usw.
Rüber zu Bernd Rauschenbach und Friedrich Forssmann, vorher, nachmittags noch, jetzt aber d o c h schon etwas frustriert. Arno Schmidt Stiftung, auf dem Tisch der Riesenblindband der neuen dann gesetzten Ausgabe von Zettel’s Traum; mir kommt das wie ein Abschiedsgeschenk an den Buchmarkt vor.“Kann doch nicht sein”, sagt Rauschenbach, “du gehörst mit zu den bekannten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur und hast keinen angemessenen Verlag. Das kann doch nicht sein.” “War das bei Arno Schmidt anders?” frage ich. Er kennt die Geschichte ja gut, überaus gut, ich kann mich nur wiederholen: Ohne Reemtsma gehörte Schmidt heute zu den vergessenen Autoren. Und ohne Alfred Andersch, der ihm die Rundfunkaufträge gab und sich ach sonst immer wieder, als nahezu einziger, für ihn verwendete, hätte er kaum überleben können. Mir geht es unterm Strich ja besser als Schmidt: ich habe das Netz und lebe, wiederum anders als er, in einer text-technologischen Umbruchzeit. “Du hast noch zehn Jahre, die genutzt werden können”, sagt Eisenhauer, “danach werden sämtliche Kanäle zu sein, aber bis dahin kannst du selber prägen. Tu das.” Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, aber die Konsequenz, ich gebe es zu, tut weh. Ich hänge ja auch am Buch, bin da durchweg sentimental. Aber geht es um mich? Nein. Es geht um eine Idee von Literatur. “Ich bin wie Deters in THETIS: Erfinde eine Welt, öffne eine Tür, die, als ich hindurchtrete, hinter mir zuschlägt und sich auch nicht mehr öffnen läßt, und stehe mitten in der Welt, die ich erfand. Das Problem ist, daß ich mich darin gar nicht richtig auskenne.” Forssmann öffnet den Rotwein von Schulpforta. Er mag die neuen Medien als “Ersatz” für das Buch g a r nicht. “Vielleicht haben wir morgen mal Zeit, wirklich ein paar Sätze zu reden sagt er; immer wieder fällt mir auf, welch eine kultivierte Sprache er spricht, selbst wenn er plaudert. Immer wieder, wenn er spricht, steigt in mir Hochachtung auf, füllt mich aus, ich habe einfach Begeisterung für Kompetenz, auch dort, wo sie mir widerspricht; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Jaja, wir sind wieder im Nachmittag zurück, die Buchmessen sind in einer Hinsicht wie Sizilien: die Zeiten verschwimmen. “Außerdem”, sag ich zu Eisenhauer, “kann es mir, wenn ich jetzt mit Jugendbüchern mein Geld verdiene, doch völlig egal sein, was das E-Segment der deutschen Verlage sagt. Die Jugendbücher werden meine gynäkologische Praxis, dann kann ich Gedichte schreiben, wie ich will, und veröffentliche sie meinethaben als Privatdrucke:” s o weit ist das von Netzpublikationen ja nicht entfernt.

Sa 20.3.

[Leipziger Küche.]
Im Vierbettzimmer geschlafen, ein Taxi brachte mich nachts hin, oben saßen noch Barrientos und ein Kollege beim Wein. Wir sprachen, gegen Viertel vor zwei ging ich schlafen, um sechs stand ich aus, zwischendurch sägte einer von uns einen halben Regenwald nieder. Ich dachte immer: gleich sind die Bettbeine durch, dann gibt’s einen Knall, und das ganze Gestell kracht am Boden auf. Der Gedanke war so hübsch, daß ich sofort wieder einschlief.
Mittags ist noch ein Termin zusammen mit den Kulturmaschinen, ich will aber unbedingt noch zu textunes; weshalb soll ich meine Bücher, deren Rechte ich alle bereits wiederhabe, nicht von mir aus fürs IPhone zugänglich machen? Dann zu Forssmann, denk ich mal, und nachmittags geht es zurück nach Berlin, abends dann >>>> Sciarrinos Oper in der Regie Rebecca Horns. Es soll, las ich eben, noch Restkarten geben, also nutzen Sie das!

Ach so, ja (Barrientos ist soeben aufgestanden und schaut ganz traurig vor Müdigkeit in die Runde), nachmittag traf ich dann bei Beck >>>> Benjamin Stein, >>>> Umblätterers Paco kam dazu, plötzlich wurde das ein Treffen von Netzbürgern, in die die schöne Ophelia Abeler ihre neue >>>> Traffic hineinreichte; dann kam sogar der BILD-Blog hinzu, wir alle sahen uns zum ersten Mal in all den rund sieben Jahren, in denen wir immer nur kommunizierten, ohne uns persönlich zu sehen. Jemand drückt mir ein Buch, das “Schweinekerle” heißt, in die Hand, er wird wissen, warum, und auch, weshalb er mir, als ich mich damit fotografieren lassen will, eine Tasse Kaffee drüberkippt. “Wir haben uns schon mal gesehen”, sagt eine andere Schönheit, wir sind schon wieder im Messeclub nachts, “du warst mir von Anfang an unsympathisch.” “Prima”, sag ich, “das sind die besten Voraussetzungen.” Sie will aber nicht wissen: Voraussetzungen wofür. Rechtzeitig wiederum dafür genug, daß sich die Voraussetzungen nicht erklären, ruft die Löwin an. Ich denk unterdessen, Mensch, ich hab jetzt wieder so viele Aufträge nebenbei eingehamstert, daß ich weißGöttin nicht klagen darf. Es stimmt mich diese Abwehr des dritten ANDERSWELT-Buches dennoch finster… ah… ich vergaß… wir hatten dann n o c h eine Idee, ein Verleger und ich, “schicke uns THETIS! Das sehen wir uns an. Unbedingt.” Wenn d a s etwas würde, wäre es ein absoluter Faustschlag ins Gesicht des Betriebs… d a würden meine Gegner was aufschrein!

15.12 Uhr:
[ICE Leipzig-Berlin.]

Dies w a r also die Messe Leipzig für dieses Jahr, jedenfalls für mich. Die üblichen Treffen morgens, horen, Arno-Schmidt-Stiftung, Kulturmaschinen; ein Rundgang noch einmal mit Barbara Stang, auf der Leseinsel las Eisenhauer; er hatte die Zuhörer deutlich im Griff.Noch einal hinüber zu den Kinderbüchern, bei den Schweizern traf ich unversehends AnneR F., das wurde ein durch und durch schöner Vormittag dann, Arm in Arm zogen wir zu den Kulturmaschinen; imgrunde ist die Haupt”arbeit” hier: Kontakte zu geben. Morgens hatte Sukov, als ich von den Schwierigkeiten wegen ANDERSWELT erzählte und daß mich das allmählich wütend mache, knapp gesagt: Gib es uns, wir verlegen das. Moment, das seien 2500 Seiten! Insgesamt, alle drei Bände. “Interessiert mich nicht, wie viele Seiten das sind. Wir verlegen das.” Da saß ich dann da bei dem Morgenkaffee. Aber ich muß halt auch von was leben. “Wenn einer der Großen das Buch haben will und dir entsprechend einen Vorschuß gibt, bin ich nicht böse. Kein Kleinverlag, der realistisch ist und eben weiß, daß Autoren auch von was leben müssen, kann da böse sein. Wenn’s aber niemand macht, wir verlegen das Buch.” Reizt mich. Es wäre dann in jedem Fall da, zumal die Kulturmaschinen nichts dagegen hätten, wenn es auch im Netz stünde, zugleich, und vor allem smartphone-fähig verfügbar wäre. Das hat insgesamt Form. AnneR sah es ähnlich. “Das glaubt auch kein Buchhändler, kein Verleger mehr, daß das belletristische Buch noch eine Zukunft hat, die marktrelevant wäre. Es glaubt keiner, glaub mir, aber sie beschwören alle, und sie stecken alle den Kopf in den Sand.” Kleine Auflagen, die ja, das werde bleiben, Liebhabereien, nicht mehr aber das Buch das hauptsächlicher Träger von Kultur. – Ich sagte es schon vor fünfzehn Jahren, damals nannte man mich dafür einen Spinner. Übrigens ist meine Ansicht nicht defätistisch, und sie hat auch nichts mit einem prognostizierten “Ende des Romans” zu tun; eher im Gegenteil. Aber die ästhetische Idee “Roman” sucht sich neue Wege der Realisierung.
Abschlußgetränk bei den horen, Händeschläge bei Arno Schmidt, geworfene Wink-Hände: und ab. Am Bahnhof hat der ICE fünf Minuten Verspätung. Ich bin wieder zurück. Im Mantel fuhr ich hin, der ist bereits in den Rucksack gerollt. Man kann im Jackett draußen gehen. Frühling, ihr Leser.

50 thoughts on “Messejournal. Donnerstag, der 18. März bis Sonnabend, der 20. März 2010.

  1. Schreiben Sie Tagebuch? Das Literaturmagazin der ZEIT zur Leipziger Buchmesse: Autoren und ihr Tagebuch. Auf der Titelseite der Tagebucheintrag von Rainald Goetz, auf der Rückseite der Schreibtisch, an dem dieser Tagebucheintrag entstand. Und Iris Radisch entdeckt das Lebensmotto des Künstlers: Don’t cry – work. Auch eine Anregung für Sie?

    1. @BettyB. Für mich? Nö. Stellen Sie sich mal vor, welch ein Monstrum ich wäre, schaffte ich n o c h mehr. Außerdem sind mehr als drei Bücher pro Jahr nicht so w a h n s i n n i g klug. So. Rauschenbach will was von mir, ich hab keine Zeit, mich jetzt zu streiten. Ein andermal wieder, Betty. (War übrigens eine gute Nacht.)

  2. SWR2 Forum – HEUTE Ich freu mich auf die HF-Sendung und die Diskussion zur “Wiedergeburt von Literatur durch Plagiat” – quasi zum Fünfuhr-Tee!
    DANKE, dass Sie es hier gepostet haben, es wäre sonst an mir vorbei gerauscht.
    Es grüßt Teresa aus der Ferne (dank Webstream um 17h dabei).

  3. Fazit zum SWR2 Forum Es war – für mich – eine recht informative Runde, in die Herr Herbst die Würze rein brachte, sonst wäre es ein recht fades Dahingeplaudere zwischen Moderator und den anderen beiden Teilnehmern geworden.
    Allerdings gebe ich Betty B. Recht: Warum hatte der SWR nicht ZUSÄTZLICH noch eine Autorin oder z.B. eine Verlegerin zum Diskurs hinzu gebeten? Bei der Leipziger Messe sind derzeit gewiss genug kompetente Verlagsfrauen präsent, die die Runde zusätzlich(!) auch aus Verlegerinnen-Sicht hätten bereichern können.
    Teresa

    1. Verlegerinnen-Sicht Liebe Teresa, wenn selbst schon die Deutsche Telekom AG die Selbstverpflichtung betont, kann frau sich nur über die kulturelle Borniertheit des SWR wundern. Wie selbstverständlich dampfplaudern die Herren (natürlich am Beispiel einer jungen Frau (Hegemann)) über Literatur und Urheberschaft, wie selbstverständlich sitzen wir (Frauen) vor den Lautsprechern und suchen nach Spuren argumentativer Würze. Selbst Herr Herbst – und da darf und muß ich Ihnen widersprechen – wirkte wie weichgespült und angepaßt. Ihrem “Bereicherungsargument”, liebe Teresa, will ich aber gern folgen, allein sprach Bett B. von Goetz und Radisch, vom Tagebuch und Lebensmotto, so fehlt mir der Zusammenhang. Gleichwohl noch einmal vielen Dank für Ihren Link. Herzlichst Ihre Maria

  4. Einspruch, meine Damen. Die Materie ist einfach zu komplex. Historisch, ökonomisch, juristisch und auch soziologisch. Zu komplex für Frauen. Herbst sprach in seinem Statement richtigerweise von Prägung. Was er damit sagen wollte, ist eine empirisch abgesicherte Grunderkenntnis in der Differenz zwischen Mann und Frau. Männer werden komplex sozialisiert, Frauen emotional, was keine Wertung darstellt. Beides steht gleichberechtigt nebeneinander, insofern kann man hier von wirklicher Gleichberechtigung sprechen, während das Telekom-Beispiel eher Ausdruck gekünstelter Gleichberechtigung ist. Herbst beweist hier schon strategische Kompetenz. In seinem Blog ist er Meinungsführer, unumstritten, das schließt nicht aus, daß Frauen hier mitwirken, mitstricken, sozusagen, was einschließt, daß sie dann und wann auch einmal Maschen fallenlassen, Beiträge löschen, wenn es denn im Interesse der Bündelung eines poetischen Konzeptes notwendig wird. In der Hoffnung zur Klärung einer Streitfrage beigetragen zu haben, verbleibe ich als der Ihre. Rich

    1. meinungsführer. soso. in der bierdeckelherstellung ganz weit vorn, der xx-mann, die xy-frau, möglicherweise gibt es sehr viel mehr geschlechter, als es einige glauben wollen. möglicherweise können viele einfach nicht ohne diese krücken. gibt ja auch leute, die masturbieren nicht, aus prinzip. aktenzeichen xy ungelöst, eduard zimmermann (ernst): noch weiß er nicht, dass er an seines lebens abend einem fürchterlichen irrtum aufgesessen sein wird. guten abend.

    2. Kommt mein Mann nach Haus, sagt er immer, so Lisbeth, jetzt bist Du gleich berechtigt, mir die Schuhe auszuziehen. Dann muss ich ihm die Krawatte lockern und schließlich das andere. Er benutzt übrigens auch immer so viele Wörter mit sch wie Sie Herr Senftmann.
      Oh, eben hör’ ich seine Schritte, ich muss Schluss machen!
      Bleiben Sie gesund. Und bleiben Sie auf unserer Seite. Das tut einfach gut, wissen Sie.

      Herzlich, Ihre Lisbeth

      Aber das mit den fallen gelassenen Maschen müssen Sie zurück nehmen. Seit ich ein kleines Mädchen war, ist mir das nicht mehr passiert.

    3. äh, möment, gibt ja auch leute, die trinken keinen apero, weil sie lieber vom echten alkohol besoffen werden. ist natürlich quatsch, wie würde tocotronic singen: bitte masturbieren sie. genau. also. menschen, die nicht masturbieren, halte ich für so wahrscheinlich wie e.t. und vor der libido kapitulieren einschließlich der katholischen kirche alle. masturbation wäre für letztere immerhin ein ganz legaler weg gewesen und trainiert die beckenbodenmuskulatur. schreckliche vorstellung mit menschen im bett zu liegen, die nicht masturbieren, kriegte ich panik, echt jetzt.

    4. Einverständnis Mit meinem können Sie unbedingt rechnen, erweitern Sie doch mit Ihrem Rückgriff auf D’Annunzio den Horizont, bringen ein wenig Italien nach Sachsen, ein wenig glühende Vergangenheit in eine grau-trostlose Gegenwart und aristokratische Führerschaft ins volksnahe Gemurmel. Und schließlich, werte diadorim, ist Masturbation und Onanie auch immer eine Frage der Hygiene, jedenfalls für uns Männer. Wohin mit dem Zeug? Und, liebe Lisbeth, Schuhe ausziehen und Krawatte lockern allein, zeugen noch nicht von devoter Haltung. Lassen Sie sich prägen, seien Sie mit ganzem Herzen bereit dazu. Richtig geprägt, ließen Sie dann so manche Maschen fallen. Herzlichst Rich

    5. Gibt es eine richtige Prägung in der falschen, Herr Senftmann? Ich würd das mit dem devot sein ja gern üben wenns hilft. Aber seid der Emanzipazion muss man als Frau aufpassen, dass man nichts verkehrtes macht. Und ich hab auch so wenig Zeit, weil, das mit dem Samenstau, das ist meine Sache, sagt mein Mann. Ist sowas von ungesund, sagt er.

      Ich muss los.
      Aber schöne Grüße!
      Ihre Lisbeth

    6. ich war auch auf der Messe ubedingt schöntraurige an der Leipziger Buch-Messe ist ja die massenhafte Ansammlung von “literarischen Solitären”. Ich war gestern auch da, und man erkennt innerhalb der Hallen eine Hierarchie. Die Atmosphäre ist wie in einer großen Geflügelfarm. Da sind die Macher, die Shaker und Moover, die Züchter und Aussortierer, und dann so eine andere Spezies, wo man jetzt sagen würde, sozusagen die Eigners und ANH’s der Branche, immer so ein bisschen grauer und gebückter – “solitärer” – aber durch ihr massenhaftes Auftreten hat das was Komisches, weil hier unbedingte Tüchtigkeit und Tauglichkeit, also rosige Geschäftsratio so umittelbar dicht neben dem Erbarmungswürdigen einhergeht, seltsame Atmosphäre

    7. Wir, weder D’Annuzio, Herbst noch … … ich, leiden unter Samenstau, wie Sie kalauernd daherschreiben. Wir onanieren nur sehr ungern. Selbst ein Seidentaschentuch kultiviert nur unzureichend die damit einhergehende Kapitulation. Was wir brauchen sind “Gefäße”, die, wie William Shakespeare schrieb, “allzeit bereit sind”, mit anderen Worten: wir brauchen Sie, meine Dame, die nicht nur gefühlt, sondern “gefüllt” werden will. Dafür sind wir dann auch bereit, unsere Seidentücher zu verschenken.

    8. Nachtrag Was lese ich da? Auch “cellini” läßt heute an der Ostseeküste ihre Maschen fallen. Glückwunsch. Zum Geburtstag. Herzlichst Rich

    9. @Herrn Senfleben Wer wirklich lesen kann ist klar im Vorteil… dann klappt’s auch mit der Nachbarin… äh… mit dem Seidentuch.

    10. da ich nicht die meiste zeit auf händen laufe, sondern lieber, wenn schon, auf solchen getragen werde, hat sich das mit der befüllung nach der aufrechtstellung ziemlich schnell wieder erledigt. die ungern masturbierenden klingt ein wenig nach geheimbund. aber jedem teetisch seinen fetisch. interessant daran, dass es ein fetisch der absenz ist, der für mich ein wenig wie autofahren ohne lenkrad berühren klingt, aber einige lassen sich halt lieber fahren, das kann ich schon verstehen. andererseits, nun ja, andere sender, andere lippen. und ich find meine liebesgedichte viel schöner als die vom michael, hab ich gerade noch so gedacht, ist aber vermutlich gar keinem aufgefallen, was ich schon für schöne liebesgedichte hab schreiben müssen, nur dem raimund vielleicht und meinem therapeuten. schöneberg ist ganz schön schön, warum wohnen die kreuzer nicht schöner, dann wäre ich öfter in schöneberg. dolle antiquariate. ich habe ein vorveräffentlichungsexemplar von fichtes hubert gekauft bei ihrig. das war eine gute idee vom x, uns heute nach schöneberg zu fahren. danke. und sowieso, nicht bös sein, wenn ich doch mal mailen muss, bitte.

    11. … verbiesterte alte frauen lassen n i e m a l s die maschen fallen; nicht einmal am os t s e e s t r a n d – TATSACHE  denn wer will sie dort schon sehen … ausser ein paar moeven!? [Gelaechter im Hintergrung!] das tagebuchgeleier oedet mich echt an, fernab jeder literatur – alles nur geplapper. GUTE NACHT. ziehe mich jetzt zurueck. [Dort warten gleich 3 Frauen auf mich!]

    12. aber schön, dass sie uns an ihrer ödnis über unsere ödnis teilhaben lassen. da schließt sich dann der kreis. internet ist was zum weglesen, wussten sie noch nicht, oder. fernab jeder literatur. wem darf man nur dafür danken, juchhei, der autor soll gefälligst autor sein, mir echt sowas von, geh doch die ostsee austrinken.

    13. “auch eine dame mit augenglas erhebt anspruch auf ihr glück” bennte es mal ganz fern von literatur. es kann hier jeder einfach alles schreiben, wenn sie ein problem damit haben, weil sie zeitungen immer von vorne bis hinten ganz lesen müssen etwa, dann rate ich, einfach abbestellen. oder vielleicht einmal die woche die zeit oder so. das stresst dann nicht so sehr. ich verstehe echt nicht, dass man weiter liest, wenn man sich zu langweilen beginnt. keine not.

    14. ich ahnte weder, dass sie offenbar ein “augenglas-beduerfnis” haben, noch, das sie glueck beanspruchen, indem sie MICH schlicht madig zu machen versuchen … Fakt ist, sie wollen mich einfach nicht inspirieren, gelle! – friedensangebot: leg`einfach den Hörer auf, falsche Knistertulpe!

    15. @heraklit (gast) die “oris” spreche ich ihnen jetzt mal ab, weil sie keine haben. wer die ganze nacht in gebeugter haltung bei funzelbeleuchtung an einem netbook sitzend die stunden damit verbringt, andere menschen kränken zu wollen, anstatt drei frauen zu vögeln, kriegt entweder keinen hoch, ist nicht bei verstand, oder die drei frauen gab es garnicht, oder er ist im grunde seines eigenen herzens ganz ganz einsam, weil er noch nicht einmal mit liebe für sich selbst empfinden kann. ich sag ihnen gern, warum sie mein ganzes mitgefühl haben, ich aber trotzdem hier sitze und lächele. der mann, der gestern abend vor meiner tür stand, wollte nicht warten……

    16. die knistertulpe buddel ich mit zwiebel aus, die blüht an ostern noch, danke!
      der einfallsreiche beleidiger wird sonst noch mehr gemocht, als ihm lieb sein kann. misanthropie mal nicht zu sehr uffhübschen, sonst macht man ihnen irgendwann trotzdem noch nen heiratsantrag, und das wohlmöglich in einem ausverkauften stadion, vor laufender kamera. das würden sie nicht verkraften.

    1. @charlotte. Das wurde so direkt in den Laptop getippt und von mir selbst, aus Zeitgründen, nicht korrekturgelesen. Danke für die Hinweise.

      (Korrekturen erledigt; sollten Sie weitere Tippfehler finden, nur her damit. 1,01 Uhr.)

  5. Liebe Charlotte, als Kind, mit sieben oder acht Jahren, hatte ich Schwierigkeiten in der Schule. Ich hatte schlechte Noten. Ein Arzt – bei uns war ein Arzt dafür zuständig – hat bei mir mangelndes Konzentrationsvermögen und Legasthenie festgestellt. Dann musste ich noch zu einem zweiten Arzt und der hat eine Hochbegabung festgestellt. Diese Begabung, vorausgesetzt sie ist noch da, spüre ich allerdings nie. Fast nie. Ich spüre sie nur dann, wenn ich vor mich hin legasthenisiere.

    Im vorletzten Winter, auf dem Höhepunkt des Schreibens an einem Roman, wo ich fünfzehn Stunden am Tag aufs Äußerste konzentriert gewesen bin, drei Monate hintereinander, da habe ich an vier oder fünf Sätzen geschrieben, ein kleiner Absatz nur. Das habe ich stundenlang verbessert, hin und hergeschoben, ich bin zu anderen Orten und Kapiteln gesprungen und wieder zurück. Ich war bestimmt drei oder vier Stunden völlig weg. Im Text abgetaucht. Irgendwann war alles so wie ich das wollte. Es war perfekt. Ich habe es sicher zehn Mal gelesen und ich fand es einwandfrei. Ich war glücklich, so dass ich den ganzen Tag noch davon profitieren konnte und alles, was ich noch geschrieben habe, war von diesem Gefühl beeinflusst. Als ich diese Stelle am nächsten Morgen Korrektur gelesen habe, musste ich feststellen, dass nichts davon richtig war. Es war kaum ein Wort richtig geschrieben, und schlimmer noch, niemand außer mir konnte verstehen was da stand. Das war zusammenhangloser Unsinn. Dabei hatte ich das mindestens zehn Mal gelesen.

    Es war unlesbar, formal und inhaltlich, aber es war das Beste, was ich je geschrieben habe. Ich weiß, dass Geschriebenes lesbar sein sollte, aber Lesbarkeit ist nicht die einzige Forderung, die man an einen Text stellen sollte. Ich weiß auch, dass Texte eine deutliche Tendenz zur Fehlerfreiheit mitbringen sollten. Aber ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es eine Ebene zwischen Schreiber und Geschriebenem gibt, die für einen vollkommen unzugänglich ist: den Leser.

    Und darüber hinaus: manche Sachen können wahnsinnig dringend sein. Und dann muss man einfach. Schreiben oder Pinkeln. Dann ist es ganz egal, ob da Porzellan drunter ist oder Waldboden, man muss einfach nur. Im Wald pinkeln, das sollten Sie mal ausprobieren, fühlt sich super an.

    Aléa Torik

    1. liebe aléa, sie sind schon eine niedliche person. aber ich weiß nicht, ob es ihn tröstet. denkt er doch weiniger übers waldbodenpinkeln nach als über hakende tastaturen. und ich weiß nicht, ob es ihnen, liebe alèa und wallaceanbeterin, noch gar nicht aufgefallen ist: er hat seinen wallace-link enthakt bz. -fernt. ob aus aufrichtiger selbstkritik (kurz nachgelesen wird er mit seinen lässigst dahin geworfenen beiträgen weder sich noch wallace gerecht), ob aus ehrlicher selbstbeschämung (angesichts der leipziger preisverleihung an blumenbach), wir wissen es nicht und, befürchte ich, er wird eher einen xten brief an melusine verfassen als uns diesen umstand/abstand/wegstand zu erläutern. wußten sie übrigens, daß ich hochbegabte heldinnen (und natürlich auch helden) verehre? ich freue mich schon auf ihre wallace-analyse. ihre charlotte

    2. @charlotte. Ich hab den Link “enthakt”, weil sich die Angelegenheit erledigt hat und ich ungern weiterhin bei der Kiepenheuer&Witsch-PR für ein Buch mitmachen will, das ich für haarsträubend überschätzt halte. Meine Einschätzung wird von anderen nicht geteilt, deshalb gibt es ja Fans, zu deren groupiger Gemütsverfassung ich auch die Ihre rechne; Aléa Toriks Gemüt hingegen nicht: wenn mir Toriks Analyse interessant erscheinen sollte, werde ich darauf dann wieder verlinken. Zudem steht ihr Die Dschungel für ihre Wallace-Ansicht weiterhin offen. Reinen Behauptungen hingegen, wie zumal Sie sie gerne mit despektierlichen Äußerungen anreichern, stehe ich kühl gegenüber und denk mir: ach, was ein armes Weibchen (bei Männchen denk ich den Diminutiv ganz genauso). Vor allem, weil es Sie ja immer wieder hierherzieht, das muß ganz furchtbar für Sie sein, die Sie obendrein noch in der Anonymität ihres Nicks verklemmt bleiben müssen oder zu müssen jedenfalls scheinen. Sie sind doch, liebe Charlotte, nicht ohne Bildung und Intelligenz, da ist das doch besonders schmerzhaft. Denke ich mir. Andererseits find ich das süß, wie Sie sich an mir abarbeiten.

    3. und nur die die wissen was Legasthenie heißt, am eingenen Leib erfahren, wissen was Sie da sagen. Ich liebe Sie für diese Sätze, die ganz genau beschreiben, wie es ist damit zu leben und zu müssen….

      Ich glaube nur der, der hier meine Texte mit Engelsgeduld Korrektur list, mir eine Eselsbrücke nach der anderen Baut, hat den leisen Schimmer einer Ahnung was ich durchmache, drücke ich mich im geschriebenen Wort aus…. obwohl, ich glaube er weiß es nicht.

      Meine ganze Hochachtung vor dem was Sie tun und einen sonnigen Tag!

      A.H.

  6. Liebe Charlotte, ich hoffe das Adjektiv niedlich hat noch eine andere Bedeutung als die, die sich mir gerade erschließt. Es ist jedenfalls nicht die Charakterisierung, die ich mir wünsche.

    Ich hoffe, Sie haben das nicht falsch verstanden. Ich wollte mich nicht als hochbegabt darstellen. Ich wollte sagen, dass, was dem einen wie eine besondere Behinderung, einem anderen wie eine besondere Befähigung erscheint. Und, wie gesagt, ich spüre keinerlei Begabung, ich spüre immer nur meine Grenzen. Vielleicht ist das die Begabung, von der der eine Arzt gesprochen hat. Von der beide Ärzte gesprochen haben.

    Was das Setzen und Herausnehmen von Links angeht: das mache ich auch, das machen alle Bloggerinnen. Blogs sind sogenannte Content Management Systeme, die erlauben das nicht nur, die schreien geradezu danach: nach Veränderung und Anpassung und Kontaktaufnahme mit Leserinnen und Beantworten von Kommentaren.

    Was die Texte und die Briefe von Herrn Herbst angeht, da bin ich eine große Anhängerin des besitzanzeigenden Fürworts: es ist ja auch sein Blog. Dass er anderen, Ihnen und mir, offensteht, ändert nichts an dieser Tatsache.

    Wenn Sie das mit Ihrer Neugier ernst meinen, kann ich Ihnen nach der Veröffentlichung meinen Aufsatz als pdf schicken; ich muss das allerdings zuvor mit dem Herausgeber der Zeitschrift abstimmen, ich weiß nicht wie das in Deutschland gehandhabt wird. Ich habe mich zu folgendem Titel entschlossen, ein Zitat von Wallace übrigens: „Wer seine Grenzen kennt, hat keine“. Ich hoffe, Sie empfinden das nicht als vermessen! Und bitte keine Verehrung. Damit kann ich nicht umgehen.

    Verehrung und Verachtung, http://www.aleatorik.eu/2010/02/25/verehrung-und-verachtung/ . Es gibt diese Verehrung, die sich nicht ans Licht traut und die meint, sie werde nicht erkannt, wenn sie sich das Kostüm der Verachtung überstreift. Die Eifersucht auf Melusine, das müssen Sie mit Herrn Herbst ausmachen. Oder mit sich selbst. Das ist ja in der Regel der schwierigste Gegner. Und der größte Anhänger zugleich. Das kenne ich von mir, das kennt jeder. Glaube ich. Das ist auch so eine Grenzerfahrung.

    Herzlich
    Aléa

    1. Wundertoll Liebe Alea,

      Sie sind nicht niedlich. Aber entzückend. Ich lese Ihren Blog so gerne. Und alle Ihre Beiträge hier.

      Und ein wenig eifersüchtig bin ich auch. Nicht wegen Herrn Herbst (der sei jeder gegönnt, die ihn will und auf die er sich versteht), aber auf Ihre Weisheit.

      Ich freue mich auf alles, was Sie über Wallace schreiben. Ich selbst tu mich noch schwer mit der Lektüre, suche noch den “Einstieg”.

      Liebe Grüße
      Melusine

    2. Ja vor allem der Bericht über Borges ist der Renner, meine Highlights sind,

      da war er wohl schon blind

      oder

      da war er schon betagt.

      (oder so etwas in der Art, ich habe keine Lust nachzusehen)

      Unglaublich gut herausgearbeitet, muss ich schon sagen…

  7. Liebe Melusine, ich erröte über die Komplimente. Aber ich bin nicht so klug, das muss etwas anderes sein, was Sie da sehen. Und die Weisheit ist keine Weisheit, das ist die Blässe in meinem Gesicht. Das wird im Sommer anders.

    Was Wallace betrifft, da schreibe ich lediglich diesen einen Artikel. In meinem Blog finden sich fast nur noch Zitate. Aber ich freue mich, dass dieses Blog gelesen wird. Natürlich, sonst würde ich es ja nicht machen.

    Was den Roman angeht, da ist das Hineinkommen auch nicht ganz leicht. Er beginnt mit der, chronologisch betrachtet, letzten Szene: die Ereignisse, die dieses Buch beschreibt, liegen allesamt hinter Hal. Vieles, worauf hier angespielt wird, kann man tatsächlich erst verstehen, wenn man den ganzen Text gelesen hat. Vielleicht fangen Sie anders an, wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Beginnen Sie auf Seite 89 unten und lesen bis Seite 91. Da ist Hal 11 Jahre alt und davon überzeugt, dass sich in seinem Zimmer etwas befindet, was nur er bemerkt: das Böse! Dann lesen Sie Seite 55 bis Seite 57. Da spricht Wardine, die Tochter von Roy Tony. Roy Tony ist ein sehr seltener Gast in diesem Buch, Wardine wird nie wieder erwähnt: das dient einzig der Darstellung eines Idioms: der Wegfall der indirekten Rede. Danach schauen Sie sich ein anderes Idiom an: der erste Junkie in diesem Buch, Erdedy, Seite 28 bis Seite 41. An solchen Stellen kann man erkennen, dass Wallace zumindest schreiben kann. Ob er das durchhält und ob dieses schreiben-können ausreicht, um aus 1500 Seiten einen konsistenten Text zu machen, da kann man durchaus anderer Meinung sein.

    Ich verspürte manchmal die Neigung (wie vermutlich auch Charlotte), mich in den Briefwechsel zwischen Ihnen und Herrn Herbst einzumischen. Aber ich hatte nichts hinzuzusetzen. Nichts, was das Gespräch zwischen Ihnen verschönert oder bereichert hätte. Dieses Gespräch ist ein Zeichen, dass man auch in Zeiten des Internets noch flüssige und tiefsinnige Gespräche führen kann.

    Herzlich
    Aléa

    1. @Aléa Torik zu Foster Wallace (ff). Ich schiebe mich mal eben dazwischen, ohne daß ich Melusines und Ihre Korrespondenz stören möchte: aber ich würde n i e behaupten, Foster Wallace habe nicht schreiben können. Daß er das konnte, steht für mich außer Frage. Womit ich nicht klarkam und -komme, war sein Romankonstrukt. Ich bin dagegen absolut der Meinung, daß es allein in den von mir gelesenen 250 – 300 Seiten (ich weiß das gar nicht mehr genau, und das Buch habe ich fortgegeben) zig Formulierungen und auch Szenen gibt, die für kleinere Prosastücke hervorragend geeignet wären. Das sagt nichts über Kompetenz an sich, lediglich etwas über Kompetenz in Hinsicht auf etwas Bestimmtes, hier: den Roman.

    2. Danke Liebe Alea!

      Vielen Dank für die Hinweise. Ich werde versuchen auf “Ihrem” Weg hineinzufinden in den Wallace. Allerdings habe ich die amerikanische Ausgabe, da muss ich die Seitenzahlen abpassen. Aber Sie geben ja genügend Hinweise, so dass ich die Stellen finden kann.

      Erröten Sie ruhig. Sie sehen bestimmt bezaubernd aus dabei!

      Liebe Grüße
      Melusine

  8. Lieber Herr Herbst, Sie stören in keinster Weise. Ich wollte mit meinen Bemerkungen Melusine lediglich den Einstieg in den Text erleichtern. Um ein bisschen Lust zu machen auf das Ganze. Die ersten zwanzig Seiten haben mich auch nicht begeistert. Ich erinnere mich an einen Beitrag in dem Blog, ich weiß nicht mehr, wer das war, der hatte den Titel: „Ich bin jetzt fertig mit der ersten Seite“. Der Betreffende hat keinen zweiten Beitrag mehr geschrieben.

    Ich muss wohl doch noch einmal etwas Zusammenhängendes zu dem Roman sagen. Vielleicht mache ich das, wenn ich mit den Wallace-Zitaten fertig bin, als eine Art Abschluss. Es ist immer eine wichtige Frage, ob aus einem Roman, aus einzelnen Teilen, Perspektiven, Figuren, Erzählgeschwindigkeiten, etc. ein konsistentes Ganzes geworden ist. Oder ob das, was kein Ganzes wurde, es aus bestimmten Gründen nicht geworden ist. Und ob dies nicht vielleicht sogar für den Roman weit besser ist, als wenn es ein zusammenhängendes Ganzes geworden wäre. Sie sehen, ich bin ein streitbarer Geist.

    Es ist erst halb elf und ich kann noch drei Stunden lesen. Ich freue mich!

    1. @Aléa Torik. Zusammenhängende Ganze. ob dies nicht vielleicht sogar für den Roman weit besser ist, als wenn es ein zusammenhängendes Ganzes geworden wäreMich interessieren einfach Romane-als-Fragmente nicht mehr; ich kenne die Hochzeit der Fragment-Verehrung noch gut, bin von ihren Philosophen maßgeblich geprägt worden und finde sie heute zu einfach. Aber das ist ganz sicher auch eine Geschmacksfrage. Vergessen Sie nicht, daß ich selbst Romancier b i n, und zwar einer, der seine Traditionslinie entschieden gefunden hat. Ich bin – als Künstler – selbstverständlich parteiisch.

      („Ich bin jetzt fertig mit der ersten Seite“: Das war >>>> Thomas Meinecke, wenn ich mich recht entsinne.)

    2. Liebe Frau Torik, da wir nun alle schon bekennen, wie gern wir Sie haben, enthalte ich mich für den Moment aller Sympathiebekundungen und tue etwas, das ganz und gar nicht typisch für mich ist – ich korrigiere Sie. Es ist einfach ein sprachlicher Schnitzer, der mich sehr nervt (und aus Ihrem eloquenten Munde besonders unschön klingt): es heißt „in keiner Weise“. Steigern läßt sich das nie und nimmer, keiner als kein ist schlicht unmöglich. Und bitte, nehmen Sie mir diese Besserwisserei nicht übel (Besserwisserei ist eine der Eigenschaften der Deutschen, die mich aus dem Land vertrieben haben). In Zukunft melde ich mich dann nur noch für relevante Kommentare. Versprochen.

      Lesen Sie wohl!

  9. Liebe Anna, schreiben Sie einfach. Es gibt eine Grenze, irgendwann wird das Leiden weniger. Das bemerken Sie vielleicht zuerst gar nicht. Ich bin heute seltsamerweise gerade mit dem vollkommen glücklich, was ich nach Aussage dieses Mannes eigentlich nicht kann oder damals nicht konnte.

  10. Lieber Morelli,
    Sie haben recht, das war ein Schnitzer. Ich fühle mich da aber nicht angegriffen, gar nicht. Das einzige (ungesteigert) was mir nicht gefällt, ist etwas, das mit Ihnen gar nichts zu tun hat, sondern nur mit mir und meiner Lebensauffassung oder –erwartung, dass sich nämlich alles im Leben noch steigern lassen müsste. Und das, obwohl ich gar nicht dazu tendiere, immer nur die gesteigerten Spitzen des Leben erreichen zu wollen. Genießen kann ich durchaus auch das Mittelmaß.
    ————————
    Lieber Herr Herbst,
    ich schätze Ihre Entgegnungen, weil ich es schätze, wenn man um seine Position ringt. Das tue ich ja auch. Dieses Ringen ist mein Lieblingssport. Und Rudern mag ich auch. Zurückrudern nämlich. Aber das ist hier gerade noch nicht in Sicht! Wir sind noch beim Ringen.

    Ich kenne die Deutsche Romantik, weiß aber nicht, ob Sie auf ihre Vertreter anspielen. Ich halte einstweilen aber noch ein bisschen dagegen: ich glaube nicht, dass US ein Fragment geblieben ist, obwohl das Romancorpus aus Fragmenten gebaut ist. Weil Wallace These das erfordert und diese These lautet (ich konstruiere, ich verkürze, in Wahrheit müsste das natürlich heißen: meine These über Wallace lautet): die zukünftige Welt (auch wenn wir diese Zukunft, die dort beschrieben ist, bereits erreicht haben) ist eine Welt, die vorzüglich am Spaß orientiert ist. Das führt dazu, dass wir keine zusammenhängende Weltsicht mehr habe. Wallace berichtet aus dieser Welt, nicht über sie. Also kann er nicht zusammenhängend berichten. Die Zusammenhänge herzustellen, ist die Aufgabe des Lesers.

    Fragmentarisch ist nicht identisch mit misslungen und ganzheitlich nicht mit gelungen. Ich kenne sowohl Vertreter der einen als auch der anderen Art, die mir gefallen. Wir unterscheiden uns vielleicht in einem Punkt, dem nämlich, dass ich auch anspruchsvolles Scheitern mag. Aber allzu einfach gelungene Bücher sind auch nicht mein Geschmack. (Ich halte mein eigenes Romanprojekt übrigens nicht für gescheitert, falls Sie glauben sollten, dass der Wind aus dieser Richtung weht.)

    Ich bin auch kein Fan (kein Fanatiker und keine Fanatikerin) von Wallace. Ich bin von nichts Fan. Doch ich bin wohl ein Fan. Ich bin Fan von der holländischen Fußballnationalmannschaft, weil ich im Sommer 2006 in Berlin angekommen bin und da habe ich das erste Fußballspiel meines Lebens angeschaut. Das war Holland. Ich glaube, die haben gegen eine andere Mannschaft gespielt, ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich nur an die Holländer erinnern, vor allem an die Fans und die fand ich sehr lustig. Seitdem bin ich Fan von Holland! Jetzt kennen Sie auch die Abgründe meiner Seele.
    —————————————————-
    Liebe Melusine,
    ich hoffe, Sie kommen da hinein. Und ich hoffe, Sie finden die Diskussion zwischen mir und Herrn Herbst nicht abschreckend.

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