Sechsundzwanzigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 31).


Beziehungen, Liebes,

Arbeitswohnung, den 20. Dezember 2014,
Sonnabendmorgen, 8.30 Uhr,
Puccini, Edgar;


die auf permanenter Verletzung basierten, seien, sagte Amélie vorgestern abend, Beziehungen der Hoffnung: Genau das mache sie derart stabil. Nicht an ihnen selber werde imgrunde festgehalten, sondern eben daran, daß sie ständig dem Hoffen neue Nahrung gäben. So werde dieses schließlich derart mächtig, daß alles andere dagegen kaum zähle, schon gar nicht aber zähle erlebte Erfüllung. Im Gegenteil, die werde sogar besonders gemieden. Denn an ihr gehe die Hoffnung zugrunde – mithin genau das, woran man sich habe all die Jahre aufrechterhalten.
Ich habe darüber nachgedacht, auch gestern noch mit der Löwin gesprochen. Ist, Geliebte, so etwas möglich? Funktioniert nicht, der Katholizismus allem voran, auf diese Weise nahezu jede Religion? Sie verlegt doch Erlösung ins Jenseits; auf der Erde hingegen herrscht Schuld (für die wir mit dem Verletztwerden büßen), ja sie wird zur Schuld selber. Jedes erfüllte Bedürfnis ist Sünde. Und abermals wird man zurecht bestraft.
So begann Gerald sich zu verändern, zum Beispiel. Ich erzählte schon, daß ein Beruf wie der seine das geradezu notwendigerweise mit sich bringt. Die Sensibilitäten schleifen sich aus (Du erinnerst Dich? seine Hand auf Wiebkes flachem Bauch); es geht die meiste Zeit seines Tages um pure Äquivalenzform, production: ein Wort, das nur den Geldverkehr meint, in den als Waren die Dinge eingeschmolzen werden und alles, was sie eigentlich sind. Zum Beispiel sind sie Menschen, aber im Zahlenverkehr eben nur d a s, Zahlen. Es ist ein bißchen wie im Krieg: Sie sind zu verschiebendes Material, schon aufgrund der das Äquivalente beherrschenden Anonymität. Ganze Volkswirtschaften – s e l b s t schon eine abstrakte, „eigentlich“ aber eben existentielle Größe – werden von Schreibtisch und Screen aus dirigiert, Daumen hoch und Daumen runter. Vielleicht sitzt heute der Krawattenknoten etwas eng, und man schwitzt um Verlust auf dem Konto oder für den Gewinn, ist dem Kunden gegenüber verpflichtet, darf ihn nicht verlieren.
Uneigentlichkeit dringt in die Menschen tief ein, so auch in Gerald mit den Jahren. Daß seine unterdessen Frau völlig andere, nämlich wirklich innere Bewegungen vollzieht, mag er zwar merken, aber es stört seinen Ablauf, und zwar de facto: Folgte er ihnen, bliebe er Wiebke also nah, verlöre er im Beruf die Übersicht. Seele und Geldgeschäft sind nicht zu vereinen. Wenn es gut geht, schafft man sich eine Möglichkeit des Ausgleichs, der auch eine Art Buße ist: etwa ein Zehntel seines Einkommens an wohltätige Institutionen weiterzugeben, Patenschaften in der sogenannten Dritten Welt zu übernehmen, für die Krebsforschung zu spenden usw. Das läßt sich alles gut machen: ist ja nur ein Scheck, den man ausfüllt, oder nebenhin erteilter Dauerauftrag, statt der Beichte. Man muß da gar nicht gucken und gilt auch noch als wer. So daß Wiebke diesen verzweifelten Brief an ihre Mutter schreibt, den sie aber, wie ich Dir schon erzählt habe, nicht abschickt, sondern er bleibt mit anderen Briefen seiner Art als Datei weggespeichert. Indem sie ihn nämlich schreibt, ist ihr, als wäre damit alles zumindest ein bißchen gelöst: Sie hat es gesagt, hat geklagt, hat geweint, nun darf sie wieder Hoffnung haben.
So geht es über Jahre. Selbstverständlich ändert sich nichts, gar nichts; es wird im Gegenteil schlimmer, doch um so größer eben die Hoffnung, die auf sein, Geralds, „Eigentliches“ gerichtet ist, einem Etwas h i n t e r der Erscheinung, oder unter ihr, Verborgenes. Das ist es, was sie nach wie vor liebt: Es selbst ist nicht mehr als eine Figuration ihrer Hoffnung. Genau deshalb schreibt sie einmal von Projektionsfläche, durchaus hellsichtig. Auch das legt sie als Datei ab und beiseite. Daß sie später bloß keiner einnert!
Nein, Wiebke ist wirklich nicht dumm, geschweige naiv. Imgrunde weiß sie. Aber sie hat, Göttin!, doch so viel in diese Ehe investiert! Das kann doch nicht alles vergebens gewesen sein..! für „umsonst“, um in dem Finanzbild zu bleiben. Welch eine Niederlage wäre es, welch ein – abermals im Finanzbild – Bankrott ihrer Gefühle! – Was sie tragischerweise übersieht, nicht einmal spürt, ist, wie hierbei die Handlungsmuster der Geschäftswelt ihres Mannes auf sie selbst übergegangen sind. Nämlich ähnelt sie einem Investor, der alles auf eine Karte gesetzt, also seine finanziellen Engagements in keiner Weise diversifiziert hat, vielleicht das auch nicht konnte, weil ihm für so etwas nicht genügend Kapital zur Verfügung stand. Da hängt er jetzt in einer furchtbaren Schieflage und gibt das Letzte, das er noch hat, hinterdrein, um den Kurs irgendwie zu stützen – ein, wenn man keine Bundesbank ist, hoffnungsloses Unterfangen. Vielmehr sollte in solch einer Situation der juristische Rat gelten, dem schlechte Gelde kein gutes nachzuwerfen. – Ach, ich weiß doch, Liebste, wie grausam solch ein Vergleich ist. Dennoch: die Strukturen, die Strukturen…
Es ist nicht falsch, von Tragik zu sprechen.
Dabei hatte Gerald einige Male die Gelegenheit – sie, Wiebke, schenkte sie ihm, aus ihrem ganzen vollen, für ihn blutenden Herzen – , das Ruder herumzureißen.
Ach, Wiebke! Diese zarte blonde Frau!
Sie waren im Literaturhaus essen gewesen. Wiebke ging sehr gerne da hin, weil sie dort das Gefühl haben konnte, unter solchen zu sitzen, die fühlten wie sie. Ich hab Dir schon erzählt, daß die beiden in Berlin leben? Jedenfalls kam und kam die Bedienung nicht. Auch das wirst Du kennen, daß man, wenn sie nicht will, wie ein Glas ist, durch das sie hindurchschaut. Nach einer geschlagenen halben Stunde wurde es Gerald mit Recht zuviel. Also zog er einen 500er aus der Brieftasche, hielt ihn hoch und rief: „Wenn Sie das als Trinkgeld bekommen, geht es vielleicht dann?“ – Vor Scham hätte Wiebke im Borden versinken mögen. Sie starrte ihren Mann nur an. Im nächsten Sekundenbruchteil war ihre Scham vereist. Wirklich, sie fror, fror ein.
„Na ist doch wahr!“ empörte sich Gerald, der nichts merkte, zumal die Bedienung nun tatsächlich, ich kann es anders nicht nennen, sprang.
„Ich will sofort nachhause“, sagte Wiebke und stand auf.
„Ja was ist denn? Funktioniert doch…“
Man muß ihm zugute halten, daß er den Geldschein auf dem Tisch liegen ließ, bevor er hinter Wiebke herlief, die bereits ihren Mantel von der Garderobe nahm.
„Ich verstehe überhaupt nicht“, sagte er hilflos, „was du h a s t…“
Nein, er verstand nicht.
Sie diskutierten daheim bis in die Nacht. Schließlich fing er zu weinen an, brach völlig zusammen, und sie, wieder einmal, tröstete ihn. „Er kann ohne mich nicht leben“, schrieb Wiebke ihrer Mutter und ließ auch das als nie versendete Datei. Gerald schluchzte. Es war dunkel, er lag auf ihrer beider breitem Bett. „Ohne dich kann ich nicht leben.“ Es durchschüttelte ihn vor Verlustangst. „Ich verspreche, verspreche, mich zu ändern, schwör es, schwöre es dir!“ So hatte Wiebke neues Hoffnungsfutter. Indem er, Gerald, aber blieb, was er war, stand schon das nächste im Topf auf dem Feuer. Weiter so und immer noch weiter kochte sie das Essen, bis ihm die Sìdhe erschien – was für ihn nicht minder katastrophal als für seine Frau war. Plötzlich, wie Lenz, brach ihm sein bisheriges Leben entzwei, und wie Lenz zerbrach ihm seine Ehe. Hilflos, völlig hilflos blieb Wiebke zurück. Hatten sie nicht Kinder kriegen wollen? Nun war sie fast schon über die Zeit. Auch das hätte ihr Hoffnung gegeben, ihr unendliches Hoffen genährt.
Sie konnte und konnte nicht verstehen, sah stumm die Trümmer an. Wäre i h r ein Sìdhe begegnet, sie hätte sofort begriffen, welche Gefahr er für ihr Hoffen war, und ihn, nach vielleicht dreivier Wochen der Schwäche, hinweg ins Eis geschickt. Entsinne Dich, Geliebte, des Ausrufs der Lydierin: „Ein solches Arschloch, das seiner Frau nicht wehtun kann!“ Bei Wiebke hat er es doch ständig getan, weshalb nicht auch bei ihr? „Kapierst du denn nicht, wie schwach mich das macht? “ – Übrigens hat auch Geralds Sìdhe von ihm nie die Trennung verlangt. Wie die Geschichten jeweils fortgehn, legt sich hier aufeinander. Er wird zu dem, für was ihn Wiebke immer hielt – „eigentlich“ – , doch eben nicht durch sie. Wenn dann auch ihn die Sìdhe wieder verläßt, ich weiß nicht, Liebste, ob sie, Wiebke, ihn wieder in sich aufnehmen würde, also falls er die Chuzpe hätte, noch einmal bei ihr anzuklopfen. Wenn wirklich nur noch Hoffnung blieb, als eine indes, die man wegtrat. Als was müßte sie sich denn vorkommen? Als sein Passepartout, ihr selbst indes Désirpourtout?
Allerdings haben ihr die ständigen Verletzungen und die, schon ihrer Dauer halber, wahnsinnige Gewalt des dagegen auferrichteten Hoffens eine Durchsichtigkeit der Haut verliehen, die Betrachter restlos benommen macht, zugleich eine Klarheit, ja Edle der Züge, daß man beschämt den Blick senkt oder ihnen ein- für allemal verfällt. Und wenn zwar Geralds Sìdhe der Triester Venus Körper hat, vor dem die Eheleute keine zwei Wochen vorher sprachlos, weil völlig erfaßt, gestanden hatten, so hat Wiebke ihre Augen. Es ist mir unverständlich, wie Gerald das nicht auffallen konnte. Allerspätestens im Museo Ravoltella hätte er es spüren müssen. Statt dessen, 14. April, auf diesem Hamburger Geschäftstermin… sagen wir mal: Sharon Stone – . Noch am selben Abend fliegt auch s e i n Ehering ins Wasser, dem der Außenalster allerdings, Höhe Milchstraße (die Sharon wohnt in Pöseldorf).
Übrigens hat diese Frau dieselbe Kälte wie Lenzens schließlich von ihm geschiedene Gattin. Mag sein, daß jeder von uns eine eigene Sìdhe hat – eine, die zu unserm Wesen paßt. Deshalb überhaupt nennt man sie eine anima. – Kalt läßt diese, also die seine, den Mann schließlich fallen, nachdem sie sich mit hohem Geschick in seine Geschäfte geschlängelt und ihn allmählich aus ihnen verdrängt hat. Auch sie investierte. Nur daß ihr Deal g e l a n g: Schwache Männer lassen ihre Mundwinkel zucken.

(12.15 Uhr.)
Noch einmal, Liebste, Dein Ohr… Es wird Zeit für Dein Parfum. Mehr noch als ich ruft Dein Hemdchen nach ihm. Ich habe im Netz schon geschaut. Mein währender Abschied wird teuer werden. Doch niemand, gegen das Schweigen, kommt an. Es wirft uns in die früheste Kindheit zurück, da wir noch ichlos sprachlos waren und vor Verlassenheit krähten. Wir hatten doch noch gar kein Bewußtsein von Zeit, sondern was ging, ging immer für immer, jedesmal neu.
Wenn aber dann wirklich etwas nicht mehr zurückkehrt? – Sagen wir, ein Autounfall. Es war gar keine Absicht dabei, ist nichts als ein Unglück gewesen, irgend eine Vorfahrt nicht beachtet, oder ein LKW, in strömendem Regen, hat uns abgedrängt, ohne daß er es merkte. Wenn dann der Säugling überlebt. Was kann er später denn tun, um seine Leere zu füllen?
Der Weltenlauf, den schert es nicht. Säuglinge gibt es zuhauf.
Nicht reden können. (Wobei uns schon hinreicht zu sehen. Erinnerst Du Dich? Selbst in Facetime genügte immer ein Blick, sich zu dehnen und immer weiter zu dehnen: als Ruhe sich in unsere Körper zu strömen, langsam und den Seelen einander für ewig gewiß.)

Außerdem kann ich‘s und tue es, reden! Fast täglich, Geliebte, schreibe ich Dir. Wer fände wohl irgend ein Schweigen darin? Denn die Antworten stell ich mir selber und gebe Dir die Fragen. Nur fehlt mir, daß wir uns ansehn.

Alban

*

21. Dezember 2014,
sonntagsfrühe 6. 19 Uhr,
Dieter Ilg, Otello.)


Nur fehlt mir, daß wir uns ansehn:
Säh ich Dich wieder, es würd drum nicht helfen – Dir ebenso wenig: darum vermeidest Du‘s und schreibst nicht zurück, rufst schon gar nicht über Facetime an, hängst mit Fingern und Zehen verkrallt in Dein Hoffen, das ich Dir gefährdet habe, indem ich meine Liebe g a b. Da wär vor lauter Erfülltsein fürs Hoffen keinerlei Raum mehr gewesen und war‘s nicht. Denn anders als ?????, die seinerzeit die, um das von Dir gewählte Wort zu verwenden, „Notbremse“ geradezu sofort zog, h a s t Du es zugelassen, unsere fünf Wochen lang. Ich bin mir sicher, träfen wir erneut aufeinander, alles wäre noch da, ließe sich nicht leugnen, auch nicht vor Dir selbst. „Gut, Dich zu sehen“, würde ich sagen, und Du antwortetest mit Deinem schlichten „Ja“.
Stell Dir vor, das geschähe, und Du aber hättest schon ein Kind… Vielleicht ist es gut so, deshalb, daß Du nicht Mutter wurdest; die Bindung wär viel stärker, die ich gefährde. Andererseits gilt wohl auch hier, daß, noch keines zu haben, ganz ebensolche Nahrung für die Hoffnung ist, um so mehr sogar, als die Wahrscheinlichkeit g e g e n ihre Erfüllung spricht. Was Wiebke und Gerald anbelangt, habe ich wohl deshalb die Möglichkeit gestern verworfen, daß die beiden bereits Eltern s i n d, wenn ihm die Sìdhe begegnet. Kinder nämlich tragen‘s immer am schwersten. Wiebke wohl, nicht aber Gerald würde es hindern, ihn so wenig wie Lenz. Eine dann zurückbleibende Wiebke könnte uns, Geliebte, nur noch dauern. Ich mochte uns einfach nicht auch diesen Schmerz noch antun, zumal ihn „seine“ Sìdhe nun wirklich nicht wert ist, diese eiskalte Sharon. (Charon…).
Wie eine hübsche Erwerbung, so führt sie Gerald in die hanseatische Gesellschaft ein. Man schmeichelt ihm, um ihr, der Sìdhe, zu schmeicheln; vielleicht daß man über ihn einen Zutritt in ihre Geschäfte erlangt, wissend aber, unmittelbar spürend, daß diese Brücke nur auf Zeit gespannt ist. So muß man sich beeilen. Die Sìdhe k e n n t anders als Du keine Bindung; manche Immobilie, so glänzend sie auch dasteht, veräußert sie Minuten, nachdem sie sie erwarb. Wenn sie andre länger hält, wartet das nur auf Gründe, ist lediglich Spekulation.
In meiner Brokerzeit bin ich niemals so harten, zugleich so geschmeidigen, vor allem so unsentimentalen Geschäftsleuten begegnet wie den Frauen unter ihnen; man war gut beraten, den Kopf schon bei der ersten Begegnung mit ihnen einzuziehen. Kein Wunder also, daß ihn auch Gerald einzog: daß er ihr verfiel, wertete sie – aus der Perspektive ihres Business‘ (sie kannte keine andre) – völlig zurecht als Schwäche. Im Gegensatz zu der Lydierin und Lenzens Liebe gab es hier von Anfang an keine Hoffnung, auch und gerade, wenn Hoffnung es ist, was nach der Trennung nun Gerald aufrechthalten wird, einigermaßen, so wie Lenz in seinem Grenzhäuschen. Nein, auch Lenz wird sie nie aufgeben oder erst aufgegeben haben, als er vor der Tür zusammenbricht und stirbt. Ein Herzanfall ist wahrscheinlich, sterben an gebrochenem Herzen. Freilich stellt nachher die Autopsie einen angeborenen Kammerfehler fest, eine vererbte Insuffizienz. Und Gerald schreibt jetzt ebenfalls Briefe, um Verzeihung, an Wiebke.
Sie öffnet nur den ersten. Alle weiteren legt sie verschlossen beiseite. Also, sofern es nicht ein Kind gibt. Gäbe es eines, womöglich lenkte sie um dessentwillen schließlich doch ein. Es wird aber nie mehr das Vertrauen werden, das einst war; auch die Hoffnung, die diese Frau über so viele Jahre trug, läßt sich nicht narbenlos renovieren. Aber im Alter, dreivier Jahrzehnte später, werden auch diese beiden zu alten Leutchen werden, die an der Spree auf einer Bank zusammen Händchen halten und sich dankbar denken: zusammen greis geworden; wie gut, daß wir es schafften. An, sagen wir, der Spree: bei den Räucherfisch-Ständen zwischen Treptower Brücke und der Insel der Jugend. Sie spüren, diese alten Leutchen, eine Art Stolz.
Zusammen alt werden, das hat ja Dir auch vorgeschwebt, schwebt Dir noch immer vor. Eine Liebe, die schon zurückguckt, wenn sie noch fast frisch ist. Das alte Angekommensein: auch dies ein Kinderwunsch nach der verlorenen Einheit. Imgrunde ein Regreß, den wir freilich alle ersehnen. Und abermals kommen wir auf Religion zurück. Wie sich das mit der Hoffnung verschränkt!

Ich habe gestern nicht weiterschreiben können, aber auch sonst nicht gearbeitet. So verloren, abermals, war mir zumute. Einen wirkliche Grund kann ich gar nicht nennen; es hatte sich doch nichts neues begeben seit vorher. Trotzdem war es so, mein Herz. Also surfte ich durch die Pornokanäle, was indessen kaum half, mich nicht einmal erregte, nicht ein Mal. Was ich suchte, war Betäubung: um nicht so arg das Vergebens zu spüren. Immerhin hatte ich den Gedanken, mir trotzdem, trotz Deiner gezogenen Notbremse, eine Bleibe in Triest zu suchen, es Lenz also nachzutun, der ja ebenfalls hinzog, damals, als die Lydierin mit Jessir noch zusammenwar. Ich dachte, wenn es knallt eines Tages, wäre ich doch zumindest in der Nähe, wenn Du zuhause ausziehst, um dann ganz folgerichtig einige Zeit für Dich alleine zu sein, um Dich zu ordnen nach dem Verlust. Unwahrscheinlich nämlich, daß Du dann nach Berlin kämest, unwahrscheinlich also, daß es trotz Deiner Trennung mit uns noch etwas werden würde. Sondern eines Tages begegnetest Du, und hättest ihn so wenig gesucht wie mich, irgend einem Triester Mann, der Dir gefällt, und Du gefällst ihm. Dann näherst Du Dich mit der Vorsicht der Verwundeten, die erst einmal, und wahrscheinlich lange, prüft und sich nur allmählich wieder einläßt, auch nie mehr mit der vorbehaltlosen Entschiedenheit der Jugend. – Wäre ich aber d a, lüde Dich ein von Zeit zu Zeit und backte Dir Brot… Wir müßten uns ja nur, wie ich‘s hierüber schrieb und weiß, ansehn.
Nein, wir wären nicht vereist, auch Du nicht. ??????? hatte recht: ein einziges Lächeln genügte, sogar, würdest Du mich sehr reserviert zu begrüßen versuchen, Küßchen in die Luft links und rechts der nahsten Wange. Minuten später, wir müßten nur allein sein, niemand dürfte stören, lägen wieder Hand in Hand, und auch das Blicken höbe einander uns ineinander zurück. Wir würden spüren, unmittelbar, wie alles andre Lüge wäre.
(Darum, Herz, schweigst Du? um nicht lügen zu müssen? Was man nicht ansieht, sei nicht?)
Weshalb ist ein Freies nicht möglich, das wahr ist? Wozu diese Gewalt, die eines niederschlägt, das ist, und es zertritt, damit ein anderes bleiben kann, das ebenfalls ist? Weshalb nicht beides auf eine Weise vereinen, die uns wahrmacht: wahr erst w e r d e n läßt? Wer hat die Ausschließlichkeit in uns gepflanzt? Als ich vor einer Woche bei der Löwin war, war alle Nähe, obwohl es Dich für mich unfaßbar gibt, völlig unbeschädigt; vielleicht gabst Du unserer Nähe, der Löwin und meiner, sogar noch etwas neues Reifes hinzu. Wie sagte Amélie? „Wahrscheinlich entspricht uns Menschen das Konzept der Monogamie nicht.“ Es entspricht vielmehr einer Ordnung, die Menschen führbar machen will. Darum ist es so rasend schwer, daraus auszubrechen, auch wenn sich beides mit- ja ineinander vereinigen ließe. Doch auch der Liebe, wenn sie mit solcher Macht über uns herein- und aus uns herausbricht, widerspricht das. (Polygame Lebensmodelle sind solche der freien Vernunft und eben deshalb keine Norm.)
Freilich wissen wir, und wollen‘s nur nicht glauben, schon gar nicht, wenn sie lodern, daß sich Leidenschaften mit der Zeit verklären, wärmend später, anstatt weiterzuflammen. Wir spüren dann, wohin wir wirklich gehören, aber das ist nicht nur Eine oder Einer. Dennoch, wir bringen‘s nicht zusammen, hilflos geprägt, wie wir wurden. Doch wenn ich Dich küsse, fehlt dann dem andern ein Stück Lippe? Wenn ich Dich lecke, leck ich dem anderen was weg? wird die Clitoris kleiner, als ob ich sie verzehrte? Versiegelt meine Hand auf Deiner linken Brust dem anderen die Haut? und meine Eichel, wenn Du an ihr saugst, bleibt weitren Frauen daraufhin leer? Ich kann Dir eine Nähe geben, die Deinem Mann verschlossen ist, er aber Dir, woran ich meinerseits nicht lange – sagen wir: ein Dir und Deinem Wünschen nähres Geordnetsein und Sichres für Gesellschaft (vor Gott, wie es heißt, und der Welt). Du brauchst die, denke ich mir, Konvention: Wir passen astrologisch nicht. (Ich habe wirklich nachgesehen, es ist nicht zu fassen. Habe unser Paarhoroskop angeschaut, gestern, im Netz auf mehreren Sites. So hilflos bin ich. Aber auch der Löwin und meines will nicht passen; das widerspricht den Horoskopen.)

(8.03 Uhr,
Dieter Ilg, Mein Beethoven:
„Release“-Datum 31. Januar 2015.)

Meine Lebensbewegungen dehnten sich stets zwischen Einheit und Ausbruch, ein permanentes Schaukeln aus Treue und offener Bereitschaft für das Fremde; Treue läuft aber als basso continuo durch: Das Neue sind Variationen seines immergleichen Themas. Darin, Innnige, unterscheide ich mich sehr wahrscheinlich von anderen nicht, nur daß ich zulasse, immer zugelassen habe und nicht wegdräng. Meine Arbeit oder, sagen wir, mein künstlerisches Selbstbewußtsein braucht das so sehr wie möglicherweise Deines die unerfüllbare Hoffnung.
Auch Künstler, oft, sind von Angst beherrscht, zumindest geleitet. Rilke verweigerte sich der Psychoanalyse, weil er meinte, andernfalls ginge ihm die poetische Kompetenz verloren; er wollte, sozusagen, weiter aus dem Es schreiben können, aus dem die Analyse Ich zu machen unternimmt. Er w o l l t e nicht reif sein. Und Kafka k o n n t e Milena nicht treffen. Auch er fürchtete die Realisierung, zu der es indessen mich immer treibt und trieb, einem in seinem Herzen Bauern, den es höhnisch stimmt, wenn jemand essen will, aber in nassen Lehm zu fassen scheut, weil dann die Fingernägel schmutzig werden. Auch daher mein instinktiver Vorbehalt gegen den Geist; an Schwanz und Möse glaube ich eher als ihm, dem Verdränger.
Ich glaube Deinen Achselkapellen und dem Erzittern Deiner Weichen. Das wirklich Magische unseres Blickens ist sein allein physiologischer Grund. Womit sich der prozeßhafte Kreis – es sind in Wirklichkeit Zyklen – zurück in das Kind dreht, auf das (verzeih mein >>>> Selbstzitat) ein jedes Meer hinauswill. Ich glaube der Dschungel, nähre mich an ihr und an den Städten nur, wenn auch sie zu ihr wurden – Zweite Dschungel wie Zweite Natur: >>>> Le Paysan de Paris (1924): „Braves gens qui m‘écoutez, je tiens mes renseignements du ciel. Les secrets de chacun, comme celui du langage et celui de l‘amour, me sons chaque nuiot révélés, et i y a des nuits en plein jour. (…) Votre cœur comme un papillon-sphinx au soleil, votre cœur comme un navire sur un atoll, votre cœur comme une boussole affolée par un petit morceau de plomb, comme la lessive qui sèche au vent, comme l‘appel des cheveaux, comme le millet jeté aux oiseaux, comme un journal du soir qu‘on a fini de lire!“ (Hierzu Elisabeth Lenk: „Von allen konventionellen Beziehungen befreit, verhält die Inidividualität sich direkt zur absoluten Natur. Sie liebt in ihr die eigene diaphane Körperlichkeit“ – ‚diaphan“ bedeutet ‚durchscheinend‘; einen zumindest ähnlichen Sinn hat wohl auch Benns Wort von der Zusammenhangsdurchstoßung im Blick).

Siehst Du, Geliebte, nun schreibe ich auch von mir selbst, der in mittlerweile vollkommen anderen Welten und Bezügen lebt als Lenz und Gerald zu den Zeiten je i h r e r Sìdhe-Begegnungen, auch aber in einer anderen Welt als Jessir, der auf eine anders-tatsächliche, nicht auf die indexbezogene Realität der Märkte verpflichtete Journalist. Er wie ich schauen auf die nicht-entfremdeten Wirklichkeiten, die von Lenzens und Geralds Geschäften eriedrigt und schließlich mitsamt der Menschen vernichtet werden, bzw. wurden. Bevor sie eben jeder auf seine Sìdhe trafen. Denn immerhin das bewirkt auch Geralds, daß er in seinen vorherigen Berufsalltag nicht mehr zurückkann. Ich erzählte Dir schon, er werde selbst nun zu Lenz, dem der Zeit seines Genzhäuschens. Und also schreibt auch er Briefe –

– in dieselbe Unerreichbarkeit, die nun mich, Ersehnte, in einer Hoffnung festbannt, welche der Deinen so entsetzlich entspricht, als wäre sie nichts als auf sie der Reflex.

A.

*


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2 thoughts on “Sechsundzwanzigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 31).

  1. (Die kleine Aragon-Passage auf Deutsch:)

    Liebe Leute, die ihr mir zuhört, ich habe meine Aukünfte vom Himmel. Die Geheimnisse eines jeden, wie die der Sprache und der Liebe, werden mir jede Nacht offenbart, und es gibt Nächte am hellichten Tag. (…) Euer Herz ist ein Sphinx-Schmetterling in der Sonne, euer Herz als ein Schiff auf einem Korallenriff, euer Herz als eine durch ein Klümpchen Blei verrückt gewordene Kompaßnadel, als Wäsche, die im Wind flattert, als das Wiehern der Pferde, als Vögeln gestreute Hirse, als ein Abendblatt, das man durchgelesen hat!

    Louis Aragon, Pariser Landleben, Rede der Phantasie:
    dtsch. von Rudolf Wittkopf (Rogner & Bernhard 1975)

    [Die oben zitierte Bemerkung Lenks entstammt dem Nachwort der Rogner&Bernhard-Ausgabe.
    Zu dem gesamten Buch siehe >>>> dort.]

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