“Was ist mit Der Dschungel los?” fragt das abendliche Arbeitsjournal des Montags, den 26. September 2022, nicht aber, ohne von einem sehr schönen Abend für Katharina Schultens zu erzählen.

[Arbeitswohnung, 15.57 Uhr
Tschaikowski, Streicherserenade C-Dur op. 48
nach Brittens Simple Symphony, die danach noch
einmal gespielt werden wird (Denon-PCM|Digital-
Vinyl (1983)]
Unversehens kippt nicht nur etwas, sondern gleich ein ganzer Schwall klatscht auf, um weiter und, hoffe ich, immer weiter zu fließen — und das, obwohl text+kritik noch immer nicht erschienen ist, weiterhin nur → vorbestellt werden kann. Aber es i s t ja noch September. Aber daß der Schwall ein Wasserfall ist, ließ mich dennoch erstaunen, zumal, wenn er nach oben stürzt. “Was ist mit Der Dschungel los?” fragt’ es ausrufend in mir. Also daß es in manchen Monaten  einen vereinzelten Tag irrer Explosionen der Zugriffszahlen gibt, kenn ich ja mittlerweile, aber — vier Tage in Folge?

Vor dem und bis zum Donnerstag (22.) dümpelte die Statistik bei täglichen um die 150 Zugriffe mit seltenen Ausschlägen hoch bis 300 vor sch hin, aber dann – Freitag, 23., 12.926 / Sonnabend, 24., 11.737 / Sonntag, 25., 8.965 und heute, Montag, 26., sind wir bereits jetzt, um 16.12 Uhr, bei 9.565. Einen Grund kann ich nicht finden, nicht durch Interpretation der Refferer-usw.-Angaben, nicht im Netz. S e h r seltsam.

Bin noch immer nicht in der Arbeit drin, jedenfalls nicht richtig, und stand pünktlich um zwölf dann auch noch vor der “aus technischen Gründen” geschlossenen Praxis des Ärzteteams meiner Angiologin. Dabei hatte ich einen Termin, hab ihn, historisch gesehen, immer noch. Ich hoffe, daß ich jetzt nicht abermals sechs Wochen warten muß. Auch wenn es eine Kontrolluntersuchung ist, also nichts vorliegt, was gerichtet werden müßte, sondern nur die Halsschlagader untersucht. Na gut, schwang ich mich eben wieder aufs Rad, um von Moabit zurück in die Prenzlauer Berge zu fahren, nicht aber gleich in die Arbeitswohnung, sondern einfach geradeaus bis zur Kulturbrauerei, dort in den großen Hof und zum Haus für Poesie, wo ich gestern die Gedichte Manfred Hausmanns liegen gelassen hatte, von denen ich eines – kombiniert mit Daniela Danz und Ezra Pound – vorgetragen hatte, wie eben alle oder jede und jeder taten, die/der mochte. Einzige “Bedingung” war, daß es keine eigenen Gedichte sein sollten. Was ich sehr nachvollziehbar finde; so bleiben die Eitelkeiten in den Grenzen (auch die meinen, selbstverständlich).


(Auf dem Foto Hendrik Jackson – zu bereits s e h r vorgeschrittener Stunde. Deshalb die leeren Stühle; sie waren zuvor alles besetzt.)

Katharina Schultens, die neue Leiterin der gestern gut gefüllten Hauses, saß die ganze Zeit über gleich mit auf dem gewissermaßen Podium der Vorträge und nahm sie wie tatsächliche Geschenke auch entgegen. Es gab bei niemandem irgendein Konkurrenzgebaren, eher war es tatsächlich das Zusammenkommen einer stattlichen Anzahl Gleichgesinnter, pars inter pares; ihre Vorbehalte hatten sie an der an sich dafür zu kleinen Garderobe abgegeben. Aber gut, die junge, sie versorgende Dame mußte halt stopfen, bis sie selbst fast keinen Platz mehr hinter dem Tresen hatte; als ich sie zuletzt sah, schauten nur ihr Kopf sowie das obere Drittel ihres wunderbar sehnigen Halses aus dem Verstauten heraus. Wenigstens mußte sie, um atmen können, den Hinterkopf nicht in den Nacken legen. — Nicht wenige Handschläge waren im Saal eine komplett neue Erscheinung vielleicht nicht für die Welt, doch in jedem Fall Berlin. Und es fühlte sich auch fast komplett an, als ich die in Haltung und Erscheinung entzückende Ginka Steinwachs wiedersah, mit ihren kurz vor achtzig Jahren unterdessen eine alte Dame, deren Rankheit fast schon an Durchsichtigkeit grenzt. Lange bevor es den Open Mike gab, gehörte sie zu den Aktionskünstlerinnen der literischen Welt – ich könnte auch schreiben, sie sei einmal berühmt gewesen. Paulus Böhmer, sie und ich galten in meiner Frankfurtmainer Zeit als so etwas wie Girods Trio Infernal der Dichterszene. (Die es aber nicht gab, also diese “Szene”, dort; insofern war dies “gelten” ziemlich sinnlos.) – Sie, Steinwachs, habe sich einige Jahre zurückgezogen, erzählte sie mir; nun aber sei sie wieder wütend geworden. – Wie es Paulus Böhmer gehe? Von seinem Tod wußte sie noch nichts, kurz traten ihr die Tränen in die Augen, eine sehr feine, weil sie zugleich so flach war, von Ginka nicht bemerkte schaffte es auf die Haut überm rechten Wangenknochen. Dann hatte Frau Steinwachs sich wieder gefaßt: Sie mochte es nicht, daß einige von ihren Smartphones vortrugen, in denen sie die Gedichte gespeichert hatte. Ich begütigte: “Ja, Ginka, kommt es denn auf das Übertragungsmedium oder auf das an, was wir hören?” In diesem → Essay von 2014 habe ich eigens dazu geschrieben; hier genügte ein warm-ironisches Lächeln, um eines auch in ihr Gesicht zu locken.
Manchmal tatsächlich ergreifend an den vorgetragenen Texten waren oft gar nicht diese selbst, sondern die Verbundheit mit ihnen, die einige Rezendiere hier offenbarten, so daß der kleine Veranstaltungssaal etwas wie ein Frei- und Schutzraum wurde, in dem sich die durchaus spürbare Prima inter pates immer mal wieder mit einem eigenen Beitrag meldete; um die Honneurs zu geben, waren Vertreterinnen des Literaturhauses sowie der Akademie, und zwar ihrerseits mit Beiträgen, gekommen, mehr als eine Geste. Umso schmerzlicher vermißte ich Florian Höllerer vom LCB. Ohnedies waren einige Menschen nicht da, mit denen ich fest gerechnet hätte – hätt’ ich denn gerechnet. Doch Unbehagen hatte ich allein einer spürbaren Dominanz des Englischen wegen, an der ich selbst mit dem im Original vorgetragenen Pound freilich Anteil trug, wenn auch eben nicht an der US-amerikanischen Spielart. (Ich fand aber nicht nur, daß hier der Klang ganz besonders wichtig ist, sondern finde auch die Übersetzung scheiße. Vielleicht, daß ich es selbst zu übertragen versuche?) – Wobei ich mit dem häufigen Englisch in der Lyrik ganz zufrieden wäre, erklänge das Französische, Italienische, Spanische ebenso und/oder Norwegisch, Schwedisch, Polnisch usw. Aber davon wurden die meisten jungen Lyrikerinnen und Lyriker eben nicht geprägt, besonders dann nicht, wenn sie, wie der Mehrzahl (an)getan, durch den Pop geprägt sind. Andererseits erreichen sie so aber eine Flüssigkeit des mündlichen Ausdrucks in dieser anderen Sprache, an den ich selbst mein Leblang nicht heranreichen werde.
Und unversehens hatte ich meinen ersten Auftrag, nämlich in der Reihe → Lieder und Dichter mitzuwirken, wahrscheinlich im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres. Nun freut mich dieser, ich schreibe einmal, “Auftrag” ganz besonders, weil meine geradezu leidenschaftlichen Nähen zur vor allem europäischen Kunstmusik doch eigentlich bekannt sind und sich nun jemand daran erinnert hat. Ich weiß sogar, welchen Liedzyklus ich mir wünsche … – Nein, ich werde zwischen zweien wählen müssen. Darüber schreibe ich aber erst, wenn es soweit ist. Viel bedeutsamer ist etwas anderes. “Eigentlich müßten Sie doch in → Lyrikline aufgenommen werden”, sagte unvermittelt in unserem Gespräch einer der programmgestaltenden Mitarbeiter des Hauses. Es ist etwas, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe, was mich aber bisweilen auch wütend gemacht hat, weil ich mich übergangen fühlte, bewußt übergangen. Und mit einem Mal ist nicht alles, aber doch Entscheidendes anders, Türen tun sich auf. Für mich in diesem Fall sogar noch schöner, weil das Haus für Poesie ja keine zehn Gehminuten von der Arbeitswohnung weg ist. “Ich denke so an”, sagte er weiter, “zehn Gedichte”. Was klasse ist, weil ich nun aus jedem Gedichtband ein Gedicht heraussuchen kann, aus dem Ungeheuer Muse werden es wohl zwei, ebenso aus den Béarts.
Durchaus nicht nur freudetrunken gelangte ich dann irgendwann auch heim und scheine mir dann noch den Tatort reingezogen zu haben, wovon ich aber nichts mehr weiß oder nur eine insofern dumpfe Ahnung habe, weil, als ich erwachte, an meinem Bett Murot stand, bzw. schwebte sein blickverwirrtes Gesicht blickverwirrt noch viel mehr und verpuffte erst, als ich begreifend erschrak, verschlafen zu haben. Meine Güte, acht statt sechs! Für mich bedeutet das ja immer, der ganze Tag fällt hinweg, also für ernsthafte Arbeit. Dazu dieser auch noch geplatzte Ärztintermin. So komme ich immerhin, liebste Freundin, dazu, wieder Arbeitsjournal zu schreiben, worin halt von der eigentlichen Arbeit sich heute nichts berichten läßt. Aber über Freude. Und toll war, übrigens, Sabine Scho wiederzusehen und diesmal auch – zu hören.

                 Ihr

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(Nun, um 20.10 Uhr, hat Die Dschungel bereits 11.146 Zugriffe. Ich fass’ es nicht.)

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