“Winter”zeit. Die im Arbeitsjournal des 30. Oktobers 2022, nämlich heute, beginnt, in welchem vom Kollwitzmarkt erzählt werden wird, der einen frühen Sommer vortäuscht. Wärn nicht die bunten Blätter gewesen, die trudelnd auf uns niedergingen. Sowie von unsrer nach wie vor luxuriösen Lebensblase. Weniger freundlich schließlich zu Olexij Makajew.

    [Foto Furtwängler/Lindholm ©: NDR / Frizzi Kurkhaus]

[Arbeitwohnung, 7.47 Uhr
Leszek Możdżer, Pasodoble (live, Berliner Philharmonie)]
Gearbeitet gestern quasi null. Vormittags die üblichen Besorgungen, dann schon wieder das melancholische Gefühl, alleine zu sein. Dabei war vortags mein Sohn hiergewesen, wir hatten lange und innig geplaudert. Geht dann die Wohnungstür aber wieder zu und das “Bis bald, Pa!”” ist im Treppenhaus verhallt, kann ich mich eigentlich nur an den Schreibtisch setzen, um mich auf anderes zu konzentrieren, das den leisen Schmerz überwölbt. Es ist dies, was für mich altzuwerden bedeutet, nicht irgendeine Krankheit oder sonstige Gebrechlichkeit, schon gar nicht mehr der Krebs, auch die Polyneuropathie nicht, die ich als normale Abnutzungserscheinung empfinde und mit der ich deshalb, auch wenn sie nervt, eigentlich ganz einverstanden bin. Auch sie ist ja ein Zeichen von Lebendigsein, und ich habe dazu die vielen anderen Menschen meines Umkreises im Kopf, die bereits mit dreißig/vierzig Ausfallerscheinungen hatten, ich hingegen nahezu nie. Da ist, empfinde ich, Gerechtigkeit. Nur aber, ja, dieses Alleinsein, das ich mit meinen Figuren fülle. Weil mir das gelingt, komme ich gar nicht auf die Idee, es zu beklagen; ich leide halt nur – und nur a bisserl – vor mich hin. Doch dann, von लक्ष्मी, über Whatsapp:

Zwanzig Minuten später Treffen Helmi Ecke Duncker/Raumer, लक्ष्मी ihr Fahrrad angeschlossen, zu Fuß weiter die Duncker hinunter, über die Danziger, in die Kollwitz bis zum Markt. An dessen Anfang gleich zwei Austern, für den Wein nachher, am Fischstand reserviert. Und zu den Gösleme weiterflaniert, in die Schlange ge– und einen der hier mit Hefe verkneteten dünnen Fladen bestellt, den unseren mit Hackfleischmischung, dann am Kollwitzdenkmal des kleinen, dem Spielplatz anrainenden Parks gemeinsam verzehrt, diesen beigeklätschelten Sauerrahm vertrage ich sogar — und schließlich weiter zum Weinstand, nachdem wir die Austern abgeholt hatten und eine noch obendrauf, die letzte noch vorrätige, geschenkt bekamen.
O wie die Sonne prallte!
“Ich trinke aber nur einen Wein, sonst ist der Tag dahin”: So nicht etwa ich, sondern sie. Ist fast immer das Zeichen dafür, daß der Tag dahin sein w i r d. Was aber heißt hier “dahin”? Er erfüllt sich. Man kommt auch schnell ins Gespräch mit anderen, die mit am Stehtischchen stehen.
Es gab keine Weingläser mehr. “Wir sind fast ausverkauft, ich fasse es nicht: Die Leute trinken seit elf.” “Ist doch klasse, wenn einem Stand das passiert!” Die Frau hinterm provisorischen Tresen lachte. “Stimmt.” Ich zog zwei Gläser aus den Abstellmulden für benutzte, reichte sie rüber. “Wir haben aber nur Wasser, um sie abzuwaschen.” “Nichts ist, das besser reinigt.” Also hatten wir unsere Gläser.
Auf dem Tischchen hatte लक्ष्मी die drei Austernbootchen zu einem Stern angeordnet. Ein älterer Herr (wozu ich schmunzeln muß; wie sich herausstellte, hatte er auf der Seele drei Jahre weniger als ich) habe, sagte sie mir gleich, Austern noch niemals gegessen. Ich schob ihm eine meiner drei hinüber, लक्ष्मी hatte keine gewollt. Nicht tapfer, sondern vor Neugier funkelnd schlüfte er die Molluske aus der Schale. “Oh”, entfuhr es einer älteren Dame, die mit ihrem Mann ebenfalls mit bei mit uns stand, “sowas bekäme ich niemals runter.” Der Austernneuling leckte sich die Lippen. “Meer”, funkelte er. “Es schmeckt nach Meer.” ‘Nach Frau’, wollte ich entgegnen, schluckte es aber hinunter; sein Funkeln hatte ohnedies gezeigt, daß er’s nun längst wisse. Auch deshalb versagte ich mir die weitere Bemerkung, nämlich für die ältere Dame, daß ihre Scheu mir nachvollziehbar sei, sie sich aber vor Männern hüten müsse, falls sie sie teilten. Statt dessen ihr Mann: “Der Prenzlauer Berg ist nicht mehr, was er war. Man hört fast kein Berlinisch mehr, sogar fast überhaupt kein Deutsch, nur noch andere Sprachen.” In solchen Fällen reagieren लक्ष्मी und ich fast unisono. “Mich beglückt es, wenn hunderte Sprachen durcheinanderwirbeln, das macht Berlin zur kleinen g a n z e n Welt.” “Und es ist eben nicht nur Englisch, bzw. US-Amerikanisch, sondern Französisch genauso, und Spanisch, und Arabisch, und Türkisch.” “Und Ukrainisch jetzt.” “Und auch Russisch, Vietnamesisch, Chinesisch, sogar Japanisch.” लक्ष्मी: “Viel Urdu auch, schaun Sie nur all die Radfahrer für WOLT – und Bengalisch, Gujarat …” “Außerdem immer wieder Farsi.”

Das Großartige an Begeisterungen ist, daß sie sich übertragen. Wenn das geschieht, ist für Ausländer-, sagen wir, -skepsis überhaupt kein Raum mehr, sie welkt quasi ebenso ein, wie die sehr indisch aussehende Mama unseres Sohnes mit ihrer gern getätigten Offenbarung, daß sie ein typisches Hessenkind sei, jeglichen “deutschen” Vorbehalt schlichtweg unterläuft, vor allem dann, wenn sie auch noch “hesselt”. Das bekommt sie aufs charmanteste hin – ja, dann gerät ihr liebevoller Spott so richtig in Fahrt.
Es war nun schon für sie und mich jeweils das dritte Glas, 0,2er wohlgemerkt. Der Austernneuling hatte sieben Becher Federweißen in sich und trollte lächelnd, leicht indessen schwankend, von dannen. Und लक्ष्मी schoß das fast schon rituelle Selfie für die Kinder, das sie auch sofort an die Zwillinge und unsern Sohn hinauswhatsappen ließ:

 

“Teilen wir uns noch einen?” So ich. Sie: “Du, dann laß uns noch einen im Schwarzsauer nehmen.” Halber Strecke zu ihrem Zuhause. Es war unterdessen fast schon Abend.
So saßen wir denn dort noch dreißig Minuten; sie hatte sich aber für einen Pernod entschieden, ich blieb beim Wein. “Magst du kosten?” Erst wollte ich nicht. “Einfach nur die Zunge reinstecken” – eine Formulierung, die es mir komplett unmöglich machte, abermals abzulehnen. Fassungsloserweise paßte der Anisgeschmack auf meinen Riesling gefährlich gut.
Nachdem ich die Frau heimgebracht hatte und über Gneist- wie Raumer-, von dort den Helmi durchflaniert, und Dunckerstraße heimgekehrt war, war ans Arbeiten freilich gar nicht mehr zu denken; auch daran nicht zu lesen. Also in einen Tatort mit meiner ganz sicher aus erotischen Gründen Lieblingskommissarin, Maria Furtwängler-Lindholm, hineingeschaut, doch auch das abgebrochen und sage und schreibe um halb neun ins Bett. – Klar, daß ich nach fünfeinhalb Stunden wieder wach wurde und erstmal nicht mehr einschlafen konnte; ich überlegte sogar, ob jetzt gleich – um 2! – aufstehen, mir einen Latte macchiato bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Entschied mich dagegen, stand nur kurz für ein Glas Wasser auf, nackt, klar, vor allem, weil ich frieren wollte, um einen Grund zu finden, wieder unter die Decke zu schlüpfen; leicht fröstelnd schnell auch noch aufs WC, ausnahmsweise im Sitzen pinkelnd, mit nämlich geschlossenen Augen. Und es klappte auch: Nun war mir kalt genug, um das Bett wieder anziehend zu finden. In dem ich auch ein- und bis sechs Uhr durchschlief, was sich nun als sieben Uhr herausgestellt hat. Ah jà, Winterzeit! Doch Winterzeit in einem Herbst aus Sommer. Über den लक्ष्मी  begeistert war, ebenso wie ich, doch: “Meinetwegen könnten”, sagte ich, “in Berlin Agaven wachsen, und Palmen. Doch etwas unheimlich ist es s c h o n.” Außerdem fehlte natürlich das Meer.

[→ Możdżer, Danielsson, Fresco: Praying]

 

Da heute abend einer wunderbaren Einladung zu folgen ist – ab 19 Uhr werde ich erwartet –, werde ich tagsüber allerdings davon absehen, erneut hinaus in diesen ungewöhnlichen Spätsommer zu schreiten, sondern strikt am Schreibtisch sitzen bleiben; es ist ein Konzept für eine Béart-Veranstaltung zu schreiben, das ich dem LCB vorlegen möchte, wie mit Florian Höllerer, dem Leiter des Hauses, anläßlich des → Marianne-Fritz-Perfomance-Abends abgesprochen. Ich habe die Idee, meinerseits eine Art Performance zu bauen, in der nicht “nur” Rivettes La belle Noiseuse und du Welz’ Vinyan eine Rolle spielen sollen, sondern auch → meine Gedichtvideos; wie, ahne ich bisher nur, habe da ein, verzeihn Sie, Freundin, meine Esoterik … habe da “ein Spüren”. Be”spielt” werden sollte das gesamte Erdgeschoß; ganz sicher machte auch meine Lektorin mit und mit ihrer als Specherin zutiefst magischen Stimme लक्ष्मी  genauso, die auch sehr gerne, wie sie gestern sagte, bei meinem Projekt, → Anderswelt als Hörbuch einzusprechen, mit dabeiwär. Ihr fehlt, “spürte” ich schon zuvor, die poetische Hörstückarbeit fast ebenso wie mir. – Doch damit, die → Andersweltromane w e i t e r einzusprechen, werde ich erst einmal bis zum Dienstag warten müssen, weil ich doch hören möchte, was meine Lektorin zum schon eingesprochenen THETIS-Vorspiel sagt, die momentan noch durch die kretischen Berge reitet – eine in mir so bildhaft bewegte Vorstellung, daß ich ganz unruhig vor Beglückung bin — selbst dann, wenn ich nun erst einmal nachlesen werde, wie es um den entsetzlichen Ukrainekrieg steht, der uns alle nicht nur unter der Haut begleitet. Oder, wie es gestern लक्ष्मी  ausgedrückt hat: “Wie leben hier in einer Blase.”

Ihr, schöne Freundin,
ANH

***

[11.41 Uhr]
Dauernd Jungmädchenanfragen bei Facebook um “Freundschaft”. Manchmal reagiere ich, z.B. wie soeben:

[14.39 Uhr
Johannes X. Schachtner, Symphonischer Essay (2008/2016)]
Olexij Makajews Forderung[1]Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl. ist, so sehr sie sich morallogisch auch nachvollziehen läßt, scharf abzuweisen. Zum einen folgt Moral keinem logischen System, sondern sieht eben auch innere Widersprüche; zum anderen, und das ist entscheidend, müssen wir uns — wenn wir Europäer denn, wie dauernd behauptet, Werte tatsächlich haben, die im Abendländischen wesentlich christlicher Natur sind — fragen, wie hätte an unserer Stelle der Nazarener gehandelt. Hätte er die geflohenen Kriegsdienstverweigerer aufgenommen, auch wenn sie vor der russischen Teilmobilmachung für diesen widerlichen Krieg gewesen sein sollten, oder hätte er sie in den sicheren Tod zurückgeschickt? Die Antwort ist eindeutig. Zumal diese Menschen tatsächlich noch niemanden getötet haben oder Ukrainern mit eigener Hand sonstwie geschadet. Aber selbst, hätten sie es getan, wären sie aufzunehmen, ihnen danach allerdings ein rechtsstaatlicher Strafprozeß zu machen, in dem nach Beweislage vorzugehen und im Falle mangelnder Beweise in dubio pro reo zu entscheiden wäre.

[Johannes X. Schachtner, Quatre tombeaux de vent (2013)]

 

References

References
1 Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl.

Wien 2: “Ein alter Mann geworden zu sein”: ungut ein ‘Encounter’. Im Wiener Arbeitsjournal zum 22. und 23., geschrieben am Sonntag, den 24. Juli 2022. Darinnen zudem der Abschluß des Lektorates der Verwirrung des Gemüths, ein Podcast zu literarischen Helden, hier zu einem dunklen, sowie der Arbeit im Sommer an sich.

[Im Verlag, Gästezimmer
7.12 Uhr]

Pünktlich auf um sechs. Zur ersten Pfeife, wie überhaupt um zu rauchen, immer in den Hausflur, da mein Verleger empfindlich. Also den Kaffee bereitet, eine Pfeife schon mal gestopft und mit ihr sowie Aschenbecher, Feuerzeug, dem Laptop für die morgendliche Presselektüre an eines der hohen Fenster im Gang, es geöffnet, den Tabak entzündet, den Laptop aufgeklappt und so den Tag schon mal fortgesetzt, auch die Arbeit von gestern gesichtet, ich übertrug die (vielen) Korrekturen des vierten Durchgangs, dem auf dem Papier, der Triestbriefe bis nachts um eins. Immer wieder dem Freund auch vorgelesen, dabei ständig neue Ideen und aber auch Lösungen für Probleme gefunden, die dieser Roman für mich noch bereithält. Es wird nun, bevor ich mich werde an die letzten sieben Briefe setzen können, die ihn abschließen werden, noch einen fünften Korrekturgang geben müssen. Aber mir ist sehr klar geworden, wie der Anschluß der neuen Briefe an die “alten” aussehen wird – und fast auch schon das Ende des Romans. — Nachdem die halbe Pfeife geraucht, den Ort gewechselt, nämlich an den kleinen Arbeitsplatz zurück, den ich in meinem Gästezimmer habe, einen sehr angenehmen, an dem halt nur nicht geraucht werden darf.

Der nicht nur angenehme, sondern himmlische – und nicht nur, weil ich unter dem weiten Himmel dort rauchen konnte – breitete sich in Bad Fischau aus. Und tatsächlich, Elvira M. Gross und ich haben das Lektorat zuende bekommen, also der “Verwirrung des Gemüths”, deren satzfertiges Typoskript nunmehr pünktlich im Verlag liegen wird. Die Abgabe des lektorierten Textes nimmt stets meine Lektorin vor, damit es mit den vielen Fassungen nicht zu unnötigen Verwechslungen kommt. In dieser Hinsicht, wurde es anders gehalten, sind schon mehrmals unnötige Irrnisse entstanden; seit wir es so tun, nicht mehr.
Die Arbeit selbst war sehr gelöst, wir haben zudem viel gelacht. Elvira versteht oft den Witz, der weniger Schnellen erklärt werden muß. Ihrerseits sie kommt immer wieder auf hinreißende Ideen, wenn mal was stockt, und manches, das ich noch vorsichtig formuliert habe, spitzt sie gewaltig zu; dann kann eine ironische Abfälligkeit plötzlich schon ziemlich scharf sein und aus “Blödmänner, blöde Frauen” wird “Blödfrauen, blöde Männer”. Oder es wurde bei mir viel gestarrt, angestarrt usw., was sich oft auch mit “erstarren” mischte, was ihr nach einiger Zeit ziemlich auf den Keks ging – also gegangen war, als sie es las. Nun waren dauernd Alternativen zu finden, oder es hieß einfach streichen, streichen, streichen. Manchmal müssen dann, aus rhythmischen Gründen, die Satzteilstellungen geändert werden, oder es ist insgesamt umzuformulieren.
Und so lief es denn, anderthalb Stunden Arbeit, eine Stunde schwimmen (bei ihr ein zügiges, nicht unterbrochenes Durchkraulen; ihre Eleganz dabei ist berauschend), die nächsten anderthalb Stunden arbeiten, dann abermals schwimmen – und so bis kurz vor sechs Uhr abends, weil der 18.18er Zug genommen werden will, der uns bis kurz vor halb acht zurück nach Wien bringt.

Gestern sah ich sie nicht, mal sehen, ob sie sich heute meldet. Allerdings liegt hier Arbeit genug an – allein, meine Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen usf. in die Triestbriefdatei zu übertragen, dürfte nicht unter acht Stunden zu schaffen sein. Bevor ich mit dem dann halt fünften Durchgang beginne. Wichtig ist nämlich, ein ganz bestimmtes Übergangsmotiv, das mir seit vorgestern klar ist, für dessen Einbau ich aber gestern erst die zündende Idee fand, schon ganz an den Anfang zu stellen, etwa auf S. 2 — und erst auf Seite 302 wieder aufzunehmen – eine, also, s e h r weite Klammer. (Die hier abgebildete Seite enthält das Motiv also “wieder noch nicht” .)

***

Bevor ich aber nun zur Erzählung dieses in der Überschrift angekündigten  “Encounter”s komme, etwas noch Erfreuliches, nämlich → Gutenbergs Welt von gestern, in Manuela Reicharts Redaktion und Moderation. Mit meinem kleinen Text zum vampirischen Helden:

Schön dabei auch, daß, und vor allem “wie”, Manuela im Nachsatz über die → Béarts spricht, für die so etwas wie der folgende “Encounter” ebenfalls zu befürchten wäre gewesen, hätte nicht Carsten Otte dem → den Riegel vorgeschoben, und nunmehr Reichart auch: “… und diese Anrufung von Lust und Liebe ist eigentlich immer eine Heldentat.”

***

Doch nun zum alten Mann:

Wie immer mittwochs gab es im → 777 ein Essen – einen ganz wunderbaren Sugo aus frischen, nicht verkochten Paradeisern zu, tatsächlich (bei Dieter Würch selbstverständlich) al dente, Spaghetti als Vorgang, danach beinah noch transparent gebackene Forellenfilets auf Mischgemüse. Danach saßen wir Wein trinkend auf der Domgasse, die ich immer “mein Wiener Neapel” nenne und so auch empfinde. Das kleine, höchst lebhafte Hündchen einer Hausbewohnerin, nennen wir sie Lady Amanda, tollte mit einem Quietscheball herum und wollte ihn ständig apportieren müssen, so daß er ums Werfen bettelte (“klein” und “chen” ist hier völlig korrekt, sprachlich muß man das Tierle zwiefach diminuieren, damit Sie die korrekte Vorstellung haben) … — wie auch immer, die anderen waren irgendwie kurz drinnen, und ich saß allein — als sich die Haustür öffnete und eine sportliche junge Dame heraustrat, was das von mir danach “Bluthund” benannte Tierlein mit einer kläffenden Attacke auf sie quittierte. Die junge Dame schrie auf, ich sprang herbei, aber ungeschickt, weil ich so lachen mußte, was ich mir indes schnell verkniff, um diese aus dem quasi Nichts aufgetauchte tatsächliche Schönheit wieder zu beruhigen. Jedenfalls: “Setzen Sie sich zu uns, ich bring Ihnen schnell einen Wein.” Und bald war sie von uns Männern eher gerahmt als umgeben; mein Verleger, in flirtenden Belangen stets auf dem Quivive, hatte sofort einen Stuhl gebracht, damit diese Fee auch sitzen bliebe. Was sie tat, bis spät in der Nacht. Wir trennten uns mit einer losen Verabredung für den Freitag eben hier — was, wie ich erst tagsdrauf kapierte, ein reichlicher Unfug war; denn Freitag abends hat die Buchhandlung, na logo, geschlossen.
Auch hier war mein Verleger pfiffig. Es traf sich, daß Paul-Henri Campbell seit neuestem in Wien lebt; wir hatten uns verabredet, er und ich, ohne schon etwas fest auszumachen. So daß Haacker, dem ich — weil ich doch in Bad Fischau fest im Lektorat mich sonnte und Elviras sprachelegantes Beimirsein genoß — die Angelegenheit sozusagen übertrug; und da er von der Verabredung mit der, denn das ist sie, Jordanerin wußte, verstand es nun so einzurichten, daß das Treffen mit Campbell und seiner Gefährtin eben im 777 stattfinden würde, also die meiste Zeit draußen auf der Gasse; er selbst wollte – und tat es auch – eine Suppe zubereiten, die wir, er und ich nach meiner Rückkehr aus Bad Fischau hinübertragen würden. Es ist vom Verlag zum Dom nicht sehr weit (und auch das schon eine Übertreibung). — Ja, da waren wir aber gespannt, ob die Jordanerin käme. Und da wippte sie schon herbei, sah mich, gab ihren Schritten Tempo, fiel mir quasi um den Hals, rief “bis nachher” und verschwand für ihr Training im Haus (sie hängt dazu in Seilen). Campbell, aufs erfreuteste irritiert, zu mir: “Was war denn das?” Ich, leise: “Herbst und die Frauen”. Da wurde aber schon zum Essen gerufen. Alle also hinein an den Tisch.
Mit dabei die schon genannte Amandamadame, die seit runden zehn Jahren in Wien lebt, aber kaum ein Wort Deutsch spricht. Dabei ist sie sonst ausgesprochen polyglott, Italienisch, Spanisch, Englisch, Hebräisch sogar; durchaus nicht dumm, im Gegenteil, nur etwas laut. Jedenfalls gab es nun ein Vorspiel zu dem, was dann peinlicherweise kommen sollte – ich trage nach wie vor eine Art Schock davon. “Das Deutsche”, fing sie tumb zu dozieren an, “eignet sich als Sprache nur für sehr junge Wissenschaftler und ein bißchen für Philosophie, in keinem Fall aber für die Dichtung.” Dieses alles auf stark akzentetem Englisch. – Mir blieb ein Stücken der spannenderweise nach weißem Spargel schmeckenden Zucchini unterm Gaumen kleben, somit das Erlebnis vorbei. Das sei doch kompletter Unfug, erwiderte ich, worauf sie einen, nur einen Vers eines, nun jà, ganz netten Keithgedichtes vortrug, der als Beweis dienen solle. Ich konterte mit Duino, einem Orpheussonett und Goethes Harzreise im Winter. Da diese Gedichte auf Deutsch sind, das diese Frau, wie gesagt, nicht versteht, konnte sie meine Rezitation nicht einmal als einen Gegenbeleg akzeptieren, sondern versteifte sich nur noch mehr in ihrer Bizarrerie, wurde noch lauter, vor allem sehr aggressiv, so daß ich einfach gar nichts mehr sagte, sondern aufstand, um draußen eine Pfeife zu rauchen.
Nach und nach kamen die andern hinzu, wieder wurde der Wein gereicht, die Madamanda nahm quasi zu Füßen des Buchhändlers Platz, das Bluthundchen ließ sich den Quietscheball werfen, die Haustür ging auf. Und die Jordanierin re-erschien. umarmte mich kurz, nahm neben mir Platz mit Blicken der lustvollsten Willkür. Es war ein herrlicher Mutwill. Wir begannen zu plaudern; sie sei in der und der Tanzgruppe gewesen, professionell, großes Theater dort und dort, leider dann ein Knöchelbruch, ich stellte Fragen um Fragen, weil ich ja auch nie weiß, was ich irgendwann einmal für eine Erzählung brauchen werde. Kurz ging ich hinein, um neuen Wein zu besorgen. Zurückkehrend gewahrte ich, wie Ladamanda der Jordanierin zuraunte, sie solle sich doch besser um Männer ihrer, der Jordanierin, Generation bemühen, nicht um einen so alten Mann wie mich. Woraufhin die junge Dame ausgesprochen  elegant parierte, die Amandanerin sozusagen abgleiten ließ, die nun aber immer wütender wurde. Was in mehrmaligem Ausrufen, wirklich lautem, mündete, sie müsse in einem fort kotzen, wenn sie uns sehe. “Seeing you, I only can vomit!” Da wurde dann auch ich sauer. Ein Wort gab das andere, es peitschte sich auf – vielleicht war die üble Dynamik davon in Gang gebracht, daß diese Frau für mich von nicht dem mindesten Interesse war. Übrigens hatte ich sie auf um die fünfzig geschätzt, was mein Verleger auf um die vierzig herunterkorrigierte. Die Jordanerin ist etwas über dreißig Jahre alt. – Solch ein Altersunterschied sei ekelhaft, einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! schimpfte die Keife erneut. Und wieder das Wort, she could only vomit, vomit, vomit. Und obwohl ich nun wirklich nichts anderes vorhatte, das aber sehr genoß, als mit dieser jordanischen Schönheit einfach nur zu plaudern und Blicke zu tauschen, die imaginieren, was doch niemals mehr sein wird — ich weiß doch sehr wohl, was eine durchgestandene Chemo bedeutet, welche irreversibelen Folgen sie hinterläßt, mit denen wir uns dann irgendwie arrangieren müssen, ohne den Stolz zu verlieren —, also obwohl ich nur das Spiel spielen, es wiederspielen wollte, Frau Amanda hatte es restlos zerstört.
Gewiß, all dies wäre aufzufangen gewesen, lebte ich in Wien, doch reise ja übermorgen abend bereits wieder ab. So nützt es denn auch nichts, daß diese Frau sich bei dem Buchhändler und, über den an dessen Mobilnummer gelangt, bei meinem Verleger und über ihn indirekt auch bei mir, per Whatsapp entschuldigt hat. Denn was mir bleibt, ist ein schwerer Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung. Im Spiel glaubte ich mich weiterhin; es vergeht selbst in Berlin kein Tag, an dem ich nicht angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war, also ab etwa meinem dreißigsten Lebensjahr; davor war es anders. Jetzt aber habe ich das Gefühl, den “alten Mann” schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und unbegabt im Verdrängen, diesem zumal abgeneigt.
Geatmet hatte ich Frühlingsluft, die in meiner Lunge aber als scharfe Frostklümpchen ankam. Und in ihr immer noch nachklirrt. Es ist ja auch nicht ungefährlich in solchem durch mein Rauchen sowieso schon beanspruchtem Gewebe.

Ihr ANH

Der genaue Blick ist grausam.

 

Er schönt nicht sondern s i e h t.

 

Am Beispiel ANHs:

 [Von John  Macdouell (©) anläßlich eines Beitrages für afp, Dezember 2021 (Auschnitt)]

[Von Susanne Schleyer (©) für Meere, Frühsommer 2003 (Auschnitt)]

 

 

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