Werner Osts gedacht. Am Freitag, den 25. November 2022, statt eines Arbeitsjournales geschrieben.

Werner Ost, verstorben vor zwei Tagen in Frankfurt am Main.


Ich sah ihn zuletzt schwer erkrankt auf der → Buchmessenpräsentation der edition Faust im Papageno, Frankfurt am Main. Einen wirklich persönlichen Kontakt hatten wir nie, sahen uns zwar zuweilen, doch zu einem intensiven Austausch von Ideen, Haltungen, Poetiken kam es nicht. Doch dies beiseite. Denn schon, als er noch die edle Zeitschrift BÜCHNER herausgab, nahm er kleinere Arbeiten von mir darin mit auf.

Meine besondere Hochachtung aber galt ihm als dem, mit seiner Gefährtin Ulla Bayerl, hochklugen Gründer und Herausgeber des – unterdessen wahrscheinlich das bedeutendste des deuschen Sprachraums – enorm qualitativen Online-Kultur&Kunstmagazins Faust Kultur, dessen, um ein Modewort zu verwenden, das seinerzeit noch nicht in dem banalen Schwang war, Diversität alles in den Schatten stellt, was dergleichen sonst im Internet sich finden läßt. Heute kann es aufs leichteste mit den gedruckten Feuilletons von FAZ bis ZEIT nicht nur konkurrieren, sondern überflügelt sie. Was auch damit zusammenhängt, daß Werner Ost offenbar seiner Plattform den Generationenwechsel mindestens insofern zunutze gemacht hat, als er bedeutende Denkerinnen und Denker auch der älteren Generationen um sich versammelt hat und ihnen ein Podium gab, das ihnen die Zeitläuft’ hatten entzogen. So klingen deren Stimmen weiterhin und sorgen auch für eine, im guten Sinn, konservative Kontinuität, anstelle hinter jedem ausgepupsten Hype sofort einherzuhecheln, um ihn dann auch noch einzuatmen.

Auch davor, daß Ost es eben nicht tat — nie mittat —, verbeuge ich mich.

ANH
25. November 2022

Ivan Limbakh, St. Petersburg: So mutig, mein russischer Verlag!

[Aus dem Russischen ins Deutsche per → deepl übersetzt.]

Bei Facebook:

limbakh_publishers
Liebe Freunde, wir haben Felix Svetovs Experience of Biography und Zoya Svetovas Innocent in Druck gegeben.

Felix Swetow (1927-2002), Schriftsteller und Dissident, findet in seinem Roman, der in der Sowjetunion verboten war und erst in Paris veröffentlicht wurde, als sein Autor bereits wegen “antisowjetischer Agitation” im Gefängnis saß, einen neuen Weg, über sein Land, die 1920er und 1970er Jahre zu erzählen. Über die Hinrichtung seines Vaters, über seine Kindheit als Sohn eines “Volksfeindes”, über seine Jugend in der Evakuierung, über seine Jugend im “Tauwetter”, über Gottessuche, Dissidenz und Liebe. Vierzig Jahre später schuf seine Tochter, die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Zoya Svetova, ihren eigenen Dokumentarfilm – die Geschichte von unschuldig verurteilten Menschen und ihren Richtern, eine erschreckend anschauliche Darstellung der Gesellschaft und des Justizsystems in Russland.
Diese Werke sind nicht nur durch den Nachnamen, die Verwandtschaft der Autoren, miteinander verbunden. Durch die Darstellung privater Schicksale vor dem Hintergrund einer größeren Geschichte tragen “Die Erfahrung der Biografie” und “Die Unschuldigen” dazu bei, dass wir besser verstehen, wie das Russland der letzten hundert Jahre organisiert ist. Es ist eine faszinierende Lektüre, die von den Abenteuern freier Menschen in einem unfreien Land berichtet und eine Gelegenheit zum Trost bietet. Es ist, als ob die Autoren, Vater und Tochter, sich gegenseitig widerspiegeln und ergänzen, indem sie eine gemeinsame Geschichte erzählen: von der Fähigkeit, sich unter unmenschlichen Regimen zu bewahren und in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht zu verlieren.

Vorwort von Philip Dziadko. Cover von Daria Yarzambek.

“Die Zeit verändert Bücher. Die Menschen lesen sie aus ihren Erfahrungen heraus neu. Im Schwarzen Jahr 2022 lesen sich beide Bücher wie heute geschrieben. Und als ein gemeinsames Buch.” Philipp Dziadko

Im Bild: Felix Svetov, Zoya Svetova, Philip Dziadko. Das Feriendorf Otdykh, 1983. Foto aus dem Familienarchiv.

Ich bin stolz darauf, daß Baskakovas Übersetzung bei Limbakh erschien,
auch wenn ich das Buch in meinen Händen nicht halten kann:

 

 

 

 

Хербст Альбан Николай
Корабль-греза

Роман
Пер. с нем., коммент., послесловие Т. А. Баскаковой
ISBN 978-5-89059-473-0
Издательство Ивана Лимбаха, 2022

Marianne Fritz am Wannsee, Literarisches Colloquium Berlin, 13. Oktober 2022, 19 Uhr.

 

Ich werde selbstverständlich da sein. Marianne Fritz war eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur, Die Sterne der Romani und Dessen Sprache du nicht verstehst sind Zwillingsgipfel der deutschsprachigen Romandichtung. Und die Performer des heutigen Abends pflegen seit Jahren ihr Erbe — eingedenk nämlich Homers, es brauche jeder Held seinen Sänger;und Heldinnen, so kläre ich ihn auf, nicht minder. (Wenn ich denn  ‘überhaupt von “Helden” schreibe, dann allein von solchen.]

ANH


 

 

 

 

 

 

 

 

[Höre auch → ANH, Und also es geschah. (flac)]

 

 

Anmeldungüber Facebook.

“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Zur Zahl 13: Briefe nach Triest, 47. Wiederaufnahme, Überarbeitung 7 (dritter Durchgang).

[Aus dem dreizehnten Brief]

(…)

Die Zahl, Geliebte, dreizehn,

Dienstag, 8.25 Uhr
Stan Getz at Montmartre, live 1977

die geliebte 13, Herz, spielt in meinem Denken und darum auch Empfinden eine große Rolle; ich sollte sie ihr auch hier zukommen lassen in immerhin einem Elben­roman, meinem außerdem zweiten. 13 x 28 (ich schrieb Dir schon davon: vom matriarchalen Jahr, das nach Eu­ren Monatszyklen gezählt war). Jedenfalls soll nun wenigstens die Quersumme der Zahl seiner Briefe an Dich ein Vielfaches von drei­zehn ergeben, das Dreifache viel­leicht, um gleichzeitig die andere, nunmehr für L a r s bedeutsame Zahl, die 3, aufzu­nehmen. Schmölzen wir, er und ich, strukturell so in­einander, kämen wir auf neununddreißig Kapitel, was schon vom reinen Ansehn Evidenz hat und deshalb unser Blicken gleichsam zahlenmystisch spiegelt (ich for­muliere dies bewußt nicht | in dem „an sich“ hier zu verwendenden Konjunktiv). Wäre dem so, würde ich mit dem Rohling des Buchs spätestens im kommenden Januar fertig sein, was in seiner Logik bedeutet: mit dem Verarbeitungsprozeß. Ach, lach nur auf, ich weiß ja selbst: Welch ein bizarres Gerüst seiner Trauer! Als ließen sich Verluste be­stimmen … Übrigens spricht die Lydierin schon gleich bei beider erstem Wiedersehen in Triest, und zwar noch vor dem Grottenbegebnis, von den dreizehn Dimensionen, in denen wir lebten; bis dahin hätte Lenz nie gedacht, daß diese Frau phantastische Neigungen hat, wenngleich, wer mit einer Sídhe umgeht, darauf von Anfang an gefaßt sein muß, sozusagen natürlicherweise. Für das Vielfache von Drei­zehn spricht außerdem, daß es in diesem Roman immer auch um ein Kind geht, das sich – außer Jessir (oder hatte ich mich für „Volker“ entschieden, den Namen des exekutierten Freunds meiner Freun­din?) alle Beteiligten wünschen und zu dem es aber nie kommen wird, jedenfalls nicht in diesem Roman. Was nach ihm geschieht, steht in den Sternen.
Freilich, eine Sídhe … Im Gegensatz zur menschlichen Frau hat sie fast jede Zeit der Welt. So kannst Du ruhig bleiben. Alleine Lars, der Vater so gerne eines zweiten Kin­des würde, gerät in die Not seines Endspurts. Wäret Ihr möglich geblieben, hättet Ihr schnell eins gehabt. Du hast ihm sogar den Tochternamen genannt, ich schreib ihn, Lars’ Bitte folgend, nicht hin nein, Liebste, habe deshalb keine Sorge. Aber er hat, dieser Name, Lars momentlang stummwerden lassen. Solch ein Wagnis! Aber daß Du es eingehen wolltest, wirklich eingehen wolltest, schloß Euch fast ebenso eng zusammen wie Eure pheromonale Melange. Du weißt, er hätte sich drauf eingelas­sen, wiewohl gerade er niemand ist, der die mythischen Hintergründe nicht sehr ge­nau, nämlich aus unsern Gesprächen, kennt und also weiß, was da heraufbeschworen worden wäre – zumal ohne, daß er auch nur ahnte, was die Motive, Deine, hinter die­sem Namen sind. Ihr hättet aber sicherlich immer wieder darüber gesprochen und wäret ihnen schließlich, vermute ich jedenfalls, nahegekommen. Bei der Lydierin hingegen sind sie klar. Anders als Du bist, ist sie nicht scheu, sondern emphatisch matriarchal; des­halb ist sie sich auch so sicher, daß das Kind, das Lenz ihr dann – ihrem Empfinden zufolge – verweigert, eine Tochter werden wird. Nicht eine Se­kunde lang, tatsäch­lich, glaubte sie an ein männliches Baby. Während Lenz das Ge­schlecht seines zwei­ten Kindes völlig egal gewesen wäre.

(…)

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