Der zweite Fahnensatz ist da. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 3. Februar 2022. Die Brüste der Béart, 64. Sowie Neues von Traumschiff und – ja! – Арго . Другой мир.

Kam gestern abend an:

Und der Verleger schreibt uns dazu, Elvira M. Gross und mir:

Die wichtigste und gute Nachricht: Die Druckerei im Westen Frankreichs konnte nun tatsächlich noch eine notwendige Tranche des nicht mehr hergestellten Papiers ergattern. Damit ist die Produktion gesichert. Allerdings werden wir, wenn wir die Daten innert der nächsten 10 Tage liefern können, erst gegen Ende März Exemplare in Händen halten können. Die Papierkrise hat in den letzten Wochen und Monaten sehr viel ausgebremst. Wie mir unser Hauptdrucker berichtete, sind diesem Mangel nicht wenige Druckereien komplett zum Opfer gefallen…Eine nicht so gute Nachricht ist, dass wir die Prägung mit diesem Partner leider nicht machen können. Daher müssen wir uns hinsichtlich der fremdsprachigen Ausdrücke etwas einfallen lassen. Eine Möglichkeit haben wir nun ansatzweise durchgeführt: die Ausdrücke in der Originalschreibweise belassen und in einer knappen Anmerkungskommentar zur phonetischen Unterstützung in einer Transliteration mitgeben. Gut wäre vermutlich auch, ebenso knappe deutsche Bedeutungen mitzugeben, allerdings, so wäre unser Wunsch, ohne längeres erklärendes Beiwerk wie in Euren ursprünglichen Anmerkungen, die zu streichen wir ja gemeinsam übereingekommen waren. Falls Ihr diesen Weg auch gut findet, müsstet ihr nur die entsprechenden Stellen noch mal kontrollieren und uns etwaige Korrekturen mitteilen.

Wir hatten Eure Korrekturen, inkl. der gewünschten Zeilenumbrüche, komplett eingearbeitet, mussten aber nach Integration des fehlenden Textes gewärtigen, dass wir den Satzspiegel neu anlegen mussten, weil wir auf das alte Layout absolut nicht mehr die neue Textmenge auf die unbedingt notwendigen 128 Seiten (= 8 Druckbögen) bringen konnten. Der neue Satzspiegel erforderte sodann einen komplett neuen Umbruch. Auch wenn wir uns Bestes gegeben haben, so kann die Teilung von Strophen nicht immer gemäß des gewünschten Umbruchs erfolgen. Zwar können wir in Einzelfällen sicher noch mal sehen, was sich machen lässt, doch müssen einen pragmatischen Weg gehen.

So bleibt für den letzten Korrekturdurchgang etwa eine Woche, damit das Buch ziemlich genau ein Jahr nach dem eigentlich vorgesehen gewesenen Termin (März 2021) endlich wird erscheinen können, coronahalber so verspätet, weil vor allem das Papier, wie in Heitz’ Brief nun auch für Sie zu lesen, nicht zu bekommen war — ein Problem, daß gegenwärtig → fast alle Verlage und sonstigen Druckhäuser haben, auch mit nicht so speziellen Papieren, abgesehen davon, daß es enorme Preissteigerungen gibt, was wiederum damit zusammenhängt, daß der Papierbedarf-allgemein größer geworden ist, nämlich des geboomten Onlinehandels wegen, der die Nachfrage nach Verpackungsmaterialien hat exponentiell hochschießen lassen.

 

Béart 63 ←

Also an die Arbeit. Doch erst ab Sonntag, weil ich zuvor einige Texte aus dem Bamberger Lehrauftrag zu lektorieren habe, was ich auch sehr gern tue. Die jungen Leute sind, → ich schrieb es bereits, zu gut, um nicht intensiv bei ihren Arbeiten zu sein. So oder so muß die Verwirrung also wieder etwas warten. Auch hier also Verzögerung, weitere, coronahalber ebenfalls, ich kann auch “stauhalber” schreiben. Es ist wie bei der Bahn. Bleibt irgendwo ein Intercity hängen, setzt sich die Unterbrechung nach hinten flächendeckend fort, mit allerdings zunehmend – anfangs allerdings kaum spürbar – geringeren Zeitlücken. Immerhin, am Ende kommt man immer an.

Reibungslos, sozusagen, geht es hingegen in Moskau, also auch St. Petersburg weiter, und das in der gegenwärtigen Hochkrisensituation, die mich, um es mal so zu sagen, subkutan in eine derart permanente Nervosität versetzt, daß es an Angst schon nur so eben noch nicht rührt. Ich sauge das auf, es wird irgendwann, bin ich sicher, eine Erzählung werden. (Kürzlich schrieb ich einer Freundin, sähe ich mir meinen Sohn so an, leuchtend vor Testosteron, kräftig, gesund, wisse ich, wer im Fall des Falles sofort in die Schlacht geschickt würde, und daß ich dann ebenfalls einrücken würde, freiwillig, weil es nicht angehen kann, daß ein Kind für seine Eltern in einem Kampf den Kopf hinhalten muß, der nicht einmal der seine ist.)

Wie auch immer, → Baskakova also:

(…)
jetzt bin ich mit der Traumschiff-Übersetzung wirklich praktisch fertig. Ich habe noch ein Paar Fragen an Sie, aber die werde ich später in der Nacht oder vielleicht morgen formulieren. Jetzt möchte ich etwas anderes mit Ihnen besprechen.
Ich schrieb naemlich ein Nachwort, ich musste es erst schreiben, wusste ja nicht im voraus, ob alles gelingt, wie ich es mir vorstelle. (…) Das Nachwort schicke ich Ihnen (hier mit). Es heisst

[54°8′ N / 13°37′ O]

und beginnt mit dem Epigraph aus Doeblins “Die drei Spruenge des Wang-lun” mit der allerletzten Phrase des Romans: “Stille sein, nicht widerstreben, kann ich es denn?” (Denn) Ich spreche zuerst über die letzte Seite Ihres Romans (…)

Da sie das komplette Nachwort als Datei mitschickte, aber auf russisch, mußte ich es von Deepl erst einmal, doch je passagenweise, übersetzen lassen, da die freie Programmversion Übertragungen auf 5000 Zeichen limitiert. Man muß also stets neu ansetzen.
Doch irgendwann war es geschafft. Und ich kann nur sagen, sprachlos gewesen zu sein. Mußte ja auch nicht sprechen, nur immer weiterlesen.  Jedenfalls ist dieses Nachwort hinreißend — schon weil Baskakova aus ihren akribischen Recherchen für das Traumschiff literarästhetische wie kreative Zusammenhänge aufzeigt, die selbst mir, dem Autor, nicht rundweg bewußt gewesen sind, schon gar wurden sie hierzulande auch nur irgendwie erwähnt und wahrscheinlich überhaupt noch nie gesehen.
Aber grad mal einen Tag später kam die Sensation; sozusagen fiel ich beinahe vom Stuhl (doch hielten mich die Seitenlehnen):

Gleichzeitig (…) habe ich noch einen (Brief), von meiner Verlegerin, bekommen.
Sie hat endlich die Fragmente von «Argo» gelesen. Sie findet sie sehr interessant und bittet mich, ihr (Näheres zum) Verlag (und) den Umfang des Buches usw. zu schicken. Sie möchte das Buch publizieren! Und fragt in diesem Zusammenhang, wann ich mit dem «Traumschiff» fertig sein werde. Morgen, denke ich, werde ich (meine Übersetzung) abschicken. Lassen Sie uns hoffen, dass alles gut geht. Ueberhaupt, mit der äusseren Situation, und auch mit «Argo», n o c h einem Traumschiff.

 

… und welch ein Glück! (Fünfunddreißigstes Coronajournal)

Keine fünfzehn Kilometer mehr außerhalb der Stadt → sein dürfen. Wie gut es ist, in Berlin zu leben. Stelln Sie sich vor, liebste Freundin, wir wohnten in, sagen wir, Verden. Nicht mal nach Bremen dürften wir mehr. (Zumal, welch ein Schlag für die Stadt!)

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

“Warum schreiben Sie eigentlich nie einen Roman über Ihre Börsenzeit?” | § 1: Optionsdrücker

(Die Leute lesen halt nicht:)

(…)
Maierhoff schlendert zu den Sushis und bestellt. Setzt sich Balmer gegenüber. Legt das Handgelenkstäschchen auf den Tisch. „’tschul­digung, gibt’s hier ‘n Spielautomaten?“ Die süße Bedienung catwalkte rauf, Backe links hoch, Backe rechts runter. Maierhoff, ohne sie dabei anzusehen, denn er fingerte in seinem prallen Portemonnaie, orderte einen Black Label und Wasser. Alles wie damals. Immer trank er seinen Whisky ver­dünnt, im Büro oft ein Blatt Papier oder einen Prospekt über das Glas gedeckt, damit der Chef nichts roch. Dann telefonierte er oder ließ doch seine Gruppe telefonieren, eine kleine fermündliche Drückerkolonne. „Der Dollar! Ich sag Ihnen: Dollar!“ Das war Techling, am Nebentisch. Ins Telefon, das er so weit von sich streckte, um Grund für sein Brüllen zu haben. „Der steiiigt! Der steiiiiiiiigt!!!“ „Ich würde den Dollar verkaufen“, grummelte Maierhoff über unseren Tisch und hebelte damit die Hausmeinung aus. „Guck dir nur mal, Axel, den Chart an.“ In Wirklichkeit war ihm der Chart ziemlich wurscht, er handelte rein nach Instinkt. Damit spielte er durchaus nicht schlechtere, oft sogar bessere Ergebnisse ein als die meisten Kolle­gen, die den Prognosen unserer Analytiker folgten. Es gab Broker, denen ging es mit Handlesen ähnlich. Mittags waren wir oft zusammen essen, Maierhoff steckte fünf Mark in den erstbesten Spielautomaten, bestellte ein Bier, wir aßen, derweil rödelblinkte das Gerät, tölende blökende Dragons klimpernde Glorias ratternde Time Breakes, und die Skys flöteten pfiffen fanfarten. Kam die Rechnung, klapperten bereits Schwälle aus Münzen in die Leichte Musik der Auffangschale, aus der Maierhoff dann sei­ne Zeche beglich. Ich habe ihn nie verlieren sehen. Nur warf er manch­mal, während des Essens, einen Fünfer nach. – Ein halbes Jahr lang hat er mich ausgebildet, dann ist ihm Da ist eine Handlung er­fordert dazwischengekommen. Und er war mit seinen Millionen verschwunden. War, schon ein nächstes Opfer witternd, nun zurück, das sich, dachte ich, noch lange für seinen Komplizen halten würde. Freundschaft gibt‘s beim Gaunern nicht. Man kauft und verkauft. So einfach ist die Finanzwelt.
Gib rüber das Gelump“, sagte Maierhoff zur Bedienung, als sie ihm die Sushi brachte. Das Porzellantellerchen gewölbtes Japanblau. Zum ersten Mal guckte er hoch: „Da­von soll ich satt werden? Na nun sehn Se sich das doch mal an..! Sie verarschen mich, oder? Ah, ich verstehe!: a möse, göll?“
Maierhoff profanierte Sprache und Kultur. Bisweilen, auf Empfängen, führte er den Suppen­teller zum Mund und schlürfte seinen absichtsvoll schlechten Benimm durch genau den Kakao, den ihm die High Society kochte. „Wer sagt, daß man nen Löffel nehmen muß, wenn’s auch
so geht?“ Er hatte Aura, das muß man sagen, auf Menschen mit Geld wirkte er durchweg hyp­notisch. Er affizierte in den Leuten die Gier und führte sie vor; beide, Leute wie Gier. Sowie er sie an seinem Spielerglück teilhaben und vor allem mit ihm gewinnen ließ, rettungslos verfingen sie sich. Gaben schließlich, da seine Positionen derart gewannen, alle Vorsicht auf. Er hatte Bankers als Kunden, Leiter großer Unternehmen, Pro­fessoren, sogar Künstler. Ohne daß sie es merkten, zerrte sie Maierhoff aufs Niveau seiner eigenen Herkunft herunter. Waren sie da angelangt, kam stets der Moment, an dem es den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit gefiel, ihren alten Rang einzunehmen. Dann verloren die Leute. Verloren weiter. Und abermals. Zentrifugierten sich. Trotz und Not schleuderten sie in einem Strudel Orders herum. Schon konnten sie nicht mehr zurück. Und Maierhoff erhob sich über sie. Wozu sonst war man ein Kleinbürger geblieben?
Ich habe zwei Kunden erlebt, die in den Wohnwagen kamen, weil ihnen alles andere unter den Hammer geriet. Da waren die Ehen zerstört. Die Kinder kamen ans BAFÖG. Zu früheren Zeiten hätten sich solche Väter vor die Spiegel gestellt, einmal ge­nickt und aus der mittleren Schublade die Pistole genommen. Mittlerweile zieht man den Konkursrichter vor. Bevor der aber tätig wurde, gingen noch dreivier Mona­te durchs Land, in denen es Maierhoff noch einmal versuchte. Vielleicht gab‘s Erspartes. Das sollte auch noch weg.
Bisweilen wurde er verklagt. Er zog jedesmal den Kopf aus der Schlinge. Dabei läßt es sich nicht behaupten, er habe einen Kunden jemals getäuscht. Keinen hat er übers Risiko jemals im unklaren gelassen. Es wär ihm viel zu unbequem gewesen, den Opfern etwas vorzumachen. Vielmehr gab ihm gerade seine unverblümte Gnaden­losigkeit den fatalen Charme. Daß der ganz ohne Mitleid war, das eben zog die Leute an. Täglich schrieben sie Schecks aus. Gab es nichts mehr auszuschreiben, ging Maierhoff akquirieren. Telefonierte herum. Meistens überließ er das
Coldcalling
uns.
(…)
ARGO, III,11. S. 120-122

Argo.Anderswelt
Epischer Roman
Elfenbein, Berlin 2013
ISBN 978-3-941184-24-4

→ Bestellen

“Wo sie einander ausschließen müßten.” Heinz-Peter Preußer zu Thetis.Anderswelt.

Eine zu sich selbst gekommene Postmodeme zeigt sich hier, die nicht allein mit ihrem Gegenstand, dem Untergang der Welt, spielt, sondern die denkbare Apokalypse als eine Situation in Permanenz gestaltet, die Raum- wie Zeitebenen virtuos kreuzt, überblendet und beständig zwischen ihnen changiert. Gegenwart verlängert sich so mühelos in Projektionen der Zukunft, Realitätserfahrung und Fiktion gleiten ineinander und spinnen sich aus bis zur Epopöe. Alban Nikolai Herbst bringt in seinem Roman >>>> Thetis. Anderswelt konkrete Bedrohungen, etwa das Sterben der Wälder, zusammen mit einer Kritik menschlicher Prothesen und Synthetisierungen sowie universaler Simulation, die er bei Virilio und Baudrillard, aber auch den avancierten Filmen des Genres selbst entnommen haben könnte. Das Kino erfüllt eine Ersatzfunktion, wird dafür kritisiert, und es eröffnet zugleich, wie die Literatur, die von ihm berichtet, den Raum des Möglichen, sei es auch nur des möglichen Grauens und universaler Bedrohung (…)
Alles drängt sich in die Gleichzeitigkeit: Wahrnehmungsebene und Reflexion, Schreckbild der Zukunft und Gegenwartsbefund. ,,Konnte einer hinüber- und herüberwechseln je nach Ladungszustand der Fantasie?” Das Heutige spielt im Morgen, und das projizierte Neue ist nur eine Ausgeburt der jetzigen Phantasien und Ängste: ,,Die Zeiten schließen aneinander, wo sie einander ausschließen müßten.” Mit dem mythischen Namen Thetis benennt der Roman das Meer, gegen das jener Schutzwall von riesigen Ausmaßen um das verbliebene Resteuropa errichtet wurde. Schon dadurch wendet er sich auch der Vorgeschichte zu; so wie er Homers Helden Achill und Odysseus, die Myrmidonen und die Amazonenheere, selbst Poseidon wiedererstehen läßt teils als Achäer, teils als Figuren der Jetztzeit oder eines Futurs, das alle Zeiten mischt (…).
Herbst zielt mit seinem Roman nicht auf ein elementares Entsetzen seiner Leser, auf die Erfahrung des Tremendum, die zur Umkehr führen würde. Er umgeht den ,,operettenhafte[n] Apokalypsekitsch”, auf den sich der Plot des Romans reduzieren ließe, vor allem durch Ironie und den Gestus des lustvollen Verschwendens. Deshalb kann von solchen negativen Ekstasen, die in ihrem Sog alles mit sich reißen, keine Rede sein. Vielmehr modelliert Herbst die Ambivalenzen von Lust- und Unlust-Empfindungen. Er inszeniert das Spiel der Reaktionen, wie er auch das Vorher und Nachher, das Diesseits und Jenseits des Untergangs als auswegloses Verfangensein gestaltet. (…)

Hans-Peter Preußer, Die Pluralität der Untergänge bei Alban Nikolai Herbst und der Versuch einer Typologie: Enzensberger – Grass – Strauss, in: >>>> Letzte Welten, Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse, Heidelberg 2003.

Nach START. Ein Rückblick im Arbeitsjournal des Montags, den 12. März 2018. Dazu Silke Herrmann und Leonhard Horstkotte zur Anderswelt-Trilogie.

[Arbeitswohnung, 8.04 Uhr
France musique contemporaine: Salvatore Sciarrino, Erste Klaviersonate]

Um fünf hoch, gegen Mitternacht hatte ich im Bett gelegen, war aber schon seit meiner Rückkehr aus Halberstadt einigermaßen erschöpft. Meine Seminaristinnen und ich hatten tatsächlich in Hochdruck gearbeitet, morgens, nachdem vortags klar geworden war, daß unsere Performance diesmal keine Texte zu Bildern, sondern den Fragetext zum Inhalt haben würde, von dem ich mir sicher war, er würde seine Wirkung nicht verfehlen. So war es denn auch.

Jedenfalls habe ich den Text heute früh, nachdem ich mir gestern die Genehmigung der jungen Damen eingeholt hatte, hier in Die Dschungel eingestellt; mein Kommentar darunter beschreibt die Aufgabenstellung. Sie müssen sich, liebste Freundin, aber vorstellen, daß sie, die Seminaristinnen, zur Bearbeitung der Vortragsversion nur knappe anderthalb Stunden zur Verfügung hatten; mit mehr Zeit hätten wir auch noch Rhythmen unterlegt und vor allem Skandierungsmöglichkeiten erprobt: Wo hebe ich Sätze besonders hervor, wie spiele ich mit den Bedeutungsebenen, wo interagiere ich vielleicht sogar mit dem Publikum direkt? – Die Idee, sich um das Publikum herum zu gruppieren, es gewissermaßen zu umzingeln, stammte übrigens von den jungen Damen selbst. Einen noch ungleich stärkeren Effekt hätte sich gewiß ergeben, hätten die Fragen memoriert vorgetragen werden können – also tatsächlich als Art Theaterstück.  Und wir hätten ganz sicher noch hier und da gekürzt. Erfahrungsgemäß ergibt sich vieles aus den Proben. Doch für die zeitliche Gedrängtheit, mit der wir umgehen mußten, war das Ergebnis ganz superb; außer einem Durchlauf gab es Proben gar nicht.

Enorme Erleichterung, nachdem unser Text über die Plenumsbühne des phylliskiehlschen Seminarraums gegangen war; ich glaube, Sie sehen’s uns deutlich an:

(v.l.n.r.:) Angelika, Kalee, Patricia, ANH, Ha Mi, Aylin

Wirklich pünktlich stellte sich da auch der Frühling ein. Tatsächlich waren an einem Randbeet die Schneeglöckchen gesprossen und ließen vereinzelt bereits die weißen Schellen klingeln.

*

Nun also wieder in die “normale” Arbeit zurück. Bei dem Tonbandprotokoll für das Familienbuch der Contessa habe ich das Problem, daß ich die weiblichen Stimmen namentlich nicht zuordnen kann, was ich aber tun muß, wenn ich die erzählten Geschichten verarbeite. Mit der Contessa Vater werde ich das heute – erstmal telefonisch – zu lösen versuchen. Erst danach kann ich weiterschreiben. Und die Gedichte für den im Frühherbst erscheinenden neuen Band müssen an meine Lektorin hinaus; ich denke, daß ich im April nach Wien reisen werde, damit wir Stirn an Stirn und Aug in Auge arbeiten können.

Es war gestern so warm, daß ich bei Rückkehr darauf verzichtete, den Ofen neu anzuheizen. Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, ihn überhaupt auszulassen; allerdings soll es in der Woche wieder kühler werden. Andererseits bin ich ja stur und pflege sowieso zum Frühlingsanfang “abzuheizen” – kalendarisch in diesem Jahr am 20. März. Die acht Tage bis dahin werde ich wohl durchstehen können. Dann kann auch meine Schaufensterpuppe wieder auf den Ofen zurück. Mit anderem Damenbesuch ist momentan ohnedies nicht zu rechnen, jedenfalls keinem, der eine behagliche Klimatisierung sich wünscht.

Ah, stimmt! Uwe Schütte schickte mir gestern einen Auszug aus Silke Horstkottes und  Leonhard Herrmann Einführung in der Gegenwartsliteratur; es gibt in dem Buch eine recht angemessene Darstellung meiner Andersweltromane.  Ich packe Ihnen die zwei Seiten hierunter in den Kommentar.

Sò, und weiter geht’s.

ANH

%d Bloggern gefällt das: