Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

Das Covid19-Jetzthatesendlichauchmichmalerwischt-Journal des Dienstags, den 23. August 2022. Am Schluß noch ein Tattoo.

[Arbeitswohnung, 15.50 Uhr] “Ein  gutes Pferd springt knapp.”

Zumindest der Vormittag verlief geradezu restlos anders geplant. Zwar, liebste Freundin, kam ich schon ein wenig an den siebenunddreißigsten Brief, aber dann war etwas abzuholen, was ich bereits am Freitag hätte tun sollen. Und weil ich seit gestern, schon während der Rückfahrt im Flixtrain, ein mit leichtem Reizhusten verbundenes dauerndes Kribbeln im Hals gespürt hatte, was ich erst einmal auf sehr wahrscheinlich zuviel Raucherei während der Kasseler Gespräche zurückführte, und außerdem meine Nase lief – Wasser bloß, wie pures Wasser –, doch gestern abend bereits mich mein Instinkt, auf den eigentlich immer Verlaß ist, wissen ließ, hier sei vielleicht doch etwas nicht recht in der Ordnung — und nachdem heute morgen dieser Reizhusten fast zwar vorüber, doch mir nach einem, im Schlaf, extrem wüsten Traum seltsam schummerig blieb und ich überdies das Gefühl hatte, mein Atmen sei leicht eingeschränkt — setzte ich mich aufs Rad und fuhr zum Antigen-Test, imgrunde aber unbesorgt. Es war etwas früher als sonst, daß ich fürs Phosüppchen weiterfuhr, eines auch bestellte und, als ich den Inhalt des etwa halben Schälchens verzehrt, das Testergebnis im iPhone erhielt. Voilà:

 

 

 

 

Erstmal zurück in die Wohnung, was ich abholen wollte, jetzt noch abzuholen, hätte die  Verkäuferinnen gefährdet. Hm, hatte ich genügend eingekauft gestern? Zu Penny kann ich erst auch nicht mehr. Überhaupt, wie mich verhalten? Quarantäne ist klar. Aber PCR-Text? — Sofort लक्ष्मी angerufen, die sich auskennt; sie nahm mal wieder nicht ab. Ihr eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Dann meinen Sohn angerufen, der das Procedere schon durchgemacht hat. Nahm ebenfalls nicht ab. Gut, also nochmal Ricarda, die auch genügend Erfahrungen hat. Denn die Praxis meine Hausärztin hatte nur bis 12 Uhr geöffnet und öffnet erst wieder morgen früh um acht. Sie, Ricarda, half auch sofort. Der mir geschickte Link sah eindeutig vor, es habe möglichst unmittelbar ein PCR-Schnelltest zu folgen; es gibt auch eine Liste anerkannter Teststellen. Davon hatten die meisten geschlossen … doch halt, nahbei, gleich bei der Kulturbrauerei, Knaackstraße 86. – Und wieder aufs Rad.
War komplett unkompliziert; wegen meines Attests, zum Vulnerablenkreis zu gehören, kostete es auch nichts. Rachen- und Hinternasenabstrich, der, letztrer, mir eigenartigerweise sehr viel weniger unangenenehm vorkam als die ewige Kitzelei durch die Antigentests und als ich, vor allem, in der Erinnerung hatte. Schon interessant, wie sich die Wahrnehmung verschiebt. Und sowieso, insgesamt bin ich ganz einverstanden. Es wär doch komplett irre, wenn einer wie ich, der alles einmal erlebt haben will, nun ausgerechnet unter Corona unberührt durchgleiten würde. Ich will aus diesem Leben doch nicht “unschuldig” gehen, bin ich denn ein Kind? Und klar, wer derart motzt, der kriegt es halt auch ab. Bezeichnend wiederum, daß es mich dann erwischt, wenn die Inzidenzen schrumpfen, grad mal 173,2 heute früh in Berlin. Ich fahr mal wieder ‘ne Sondernummer; meine Pop- und Mainstreamallergie bestimmt sogar mein Krankheitsleben.
Nein, ich bin nicht mal nervös, hätt nur nicht gerne ‘ne Lungenentzündung. Eine Erfahrung reicht, die muß ich nicht konfirmieren. Das einzige, was mich, aber nicht wirklich sehr, bedenklich stimmt, ist, daß es bis zu meiner Reise nach Triest fast exakt vierzehn Tage hin sind – also eben die Zeitspanne, nach der man erst als genesen gilt. Sofern ich mich kann vorher nicht freitesten lassen. (Exakt sind es bis zur gebuchten Abfahrt nur dreizehneinhalb; aber da würde ich mich ein Auge zudrücken lassen). Und etwas ärgerlich ist, daß ich mir den in Triest reservierten 125er Piaggioroller hier schon mal mieten wollte, um mit dem Geschößlein (95 km/h in der Spitze) vertraut zu sein, wenn es in den Karst geht. Ob das nun noch klappt? Nun jà, meine Freundin, das heutige Motto lasen Sie oben; lesen Sie’s einfach noch einmal. Und dieser Woche, überdies, wollte ich das Tattoo endlich angehn, das meinen Chemo-Bioport[1]Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen … Continue reading , den ich nicht habe wieder rausnehmen lassen, graphisch geradezu – wie ich mir vorstelle – pflanzlich mit meinem Brustkorb verwachsen lassen soll, ganz so, wie sich die Dschungel ein verlassenes Dorf zurückholt. So nun indessen wird es wohl erstmal bei meinem Probeversuch mit diesem Klebetattoo bleiben:

 

 

 

(Ich habe es aus zwei Klebtattoos kombiniert, weil mir nur eines zu symmetrisch gewesen wäre; Grundlage ist eine linksläufige Triskele, die ich allerdings gerne erstens noch sehr viel pflanzlicher hätte und zweitens selbstverständlich in Grün, nicht schwarz. Erstaunlich allerdings, daß die vermittels Wasser applizierte Farbe bereits seit fast fünf Tagen hält, ohne daß auch nur die Spur eines Erblassens zu erkennen wäre.)

Ihr ANH

References

References
1 Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen verhärten zu lassen.

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seit einiger Zeit läßt sich Die Dschungel auf Smartphones nicht mehr oder nur kaum noch lesen. Einstweilen nutzen Sie deshalb für Ihre Mobiltelefone bitte den folgenden Link (und bookmarken ihn am besten):

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Von der sich dann öffnenden Dschungelsite läßt es sich auch auf den Smartphones bequem navigieren. (In irgendeinem der nun schon nach mehreren Tausend zählenden Beiträge steckt, wahrscheinlich in der Überschrift, ein Bug, der es für Smartphones nahezu unmöglich macht, die eigentliche Startsite aufzurufen (von Laptop und Standcomputer aus funktioniert es hingegen, braucht aber sehr lange, um zu laden); nur diese Startsite ist auch betroffen. Der Hintergrund ist, daß, wenn Sie die Startsite (dschungel-anderswelt.de) aufrufen, stets s ä m t l i c h e Beiträge, also diese vielen tausend, aufgerufen werden – was den Arbeitsspeicher eines Smartphones schlichtweg überfordert. Soviel wissen die Fiktionäre unterdessen, fanden aber eben den Fehler noch nicht, und ich selbst habe wegen der Triestbrief-Romanarbeit — ich könnte momentan von morgens bis abends einfach nur durchschreiben, so sehr sprießen die Ideen — nicht die Zeit, ihn tage-, möglicherweise wochenlang zu suchen, und schon gar nicht die Lust. Mein Masochismus hat auch ohne dies deutliche Grenzen.)

ANH, Berlin
7.46 Uhr

Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

MISANDRIE. Ein selten gehörtes Wort. Walter Hollstein zu Verlust und Zerstörung der Männlichkeit. Heute in der NZZ.

 

Daß erst ein Krieg kommen mußte, um das Ungeheure zu begreifen, das sich moralisch für gut hält und aber eine von Minderheiten sozial diktierte Zwangsumerziehung ist, die sich auf Ideologien von “Gender” stützt. Wer sagt, er sei “gerne Mann”, wird längst deklassiert und ausgegrenzt, sprich: radikal gemobbt, zumal wenn er (oder sie) auf einem Unterschied der Gechlechter beharrt, der biologisch fundiert sei[1]Es kann einen – in diesem Fall sind es meist Männer – Literaturpreise kosten, ja sogar davon ausschließen, zu mit öffentlichen (!!) Geldern finanzierten Veranstaltungen eingeladen zu … Continue reading. Spricht wer es aus, ist er (oder sie) “Biologist”[2]βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Siehe unten, Postscriptum No 1..

Es gibt eine Männlichkeit jenseits von Putins Peinlichkeiten, und diese gilt es wieder zu anerkennen. Denn Aggressoren kann man nicht mit Friedensliebe bekehren, und für die Freiheit des eigenen Gemeinwesens muss man auch einstehen. Und zwar mit Entschiedenheit – und also auch mit den harten Qualitäten der traditionellen Männlichkeit. Andernfalls werden Männer à la Putin bald überall die Vormacht erringen.
Walter Hollstein

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Dort in der NZZ.[3]Als PDF → d a.

P.S.: βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Vom Leben soll keine Kunde mehr sein. | P.P.S.: Wohlgemerkt, ich halte den Begriff Misandrie für ein Korrektiv, verwende ihn nicht ideologisch, sondern g e g e n Idiologie.
ANH, 8.41 Uhr

References

References
1 Es kann einen – in diesem Fall sind es meist Männer – Literaturpreise kosten, ja sogar davon ausschließen, zu mit öffentlichen (!!) Geldern finanzierten Veranstaltungen eingeladen zu werden.
2 βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Siehe unten, Postscriptum No 1.
3 Als PDF → d a.

Assange nicht ausliefern. Petition unterschreiben! Mit einer Nota zum Exil-PEN sowie zu Maxim Biller.


Zur Petition.

NOTA
Wie zu erfahren war, hat sich, weil US-amerikanisch dominiert,
der Exil-PEN gegen eine Solidaritätsnote und Unterstützung von
Assange ausgesprochen. Allein dies schon, indem es eklatant gegen die Charta des Internationalen PENs verstößt und ganz sicher
nicht dem Geist seiner Gründer entspricht, ist eine Ungeheuerheuerlichkeit und stellt umso klarer, weshalb es – im u.a. Widerspruch zu dem sogar noch in dieser Angelegenheit → peinlich eitlen Schwätzer Maxim Biller[1]Dort → als PDFeinen PEN Berlin geben m u ß (wobei auch das Darmstädter PEN-Zentrum sich selbstverständlich hinter Assange gestellt hat).
ANH, 24.6.22, 9.25 Uhr
Mahler VII, RSO Frankfurtmain, Eliahu Inbal (Denon 1986)

References

References
1 Dort → als PDF
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